Arndt, Friedrich - Wert der Bibel - Die Tiefe der Bibel.

Arndt, Friedrich - Wert der Bibel - Die Tiefe der Bibel.

Die Natur, Geliebte, ist nicht bloß reich und erhaben, sie hat auch ihre Tiefe. Der Himmel ist tief. Je weiter wir hinausschauen in die unermesslichen Fernen, desto mehr verwirren sich die Gegenstände vor unseren Augen, wir finden kein Ende, keine Grenze; wo wir Grenzen annehmen möchten, da ist immer wieder Anfang für neue Weiten und neue Fernen, und wenn wir erst ein Fernrohr an das Auge setzen, dann sehen wir Millionen und aber Millionen Meilen von der Erde entfernt neue Welten aus der Tiefe des Himmels auftauchen, die wir bis dahin nicht gesehen hatten, und erkennen plötzlich neue Kometen, Planeten, Doppelsterne und Sterngruppen.

Tief ist das Meer. Noch ist es keinem Schiffer gelungen, allerwärts seinen Grund und Boden zu finden. An vielen Orten, wo man ihn hat erreichen können, geht er schon mehrere Meilen hinunter und es bilden sich auf dem Meeresgrund, gleichwie auf der Oberfläche der Erde, Ebenen und Hügel und Berge, deren Spitzen zuletzt in den Inseln auf der Oberfläche der Meere hervorspringen.

Tief ist auch die Erde. Wie weit man sich auch in ihr Inneres versenkt hat, es bleibt das doch immer nur ein unbedeutendes Stück von der Oberfläche derselben selbst.

Nun, wie die Natur tief ist, so redet auch die Bibel von Tiefen im Geisterreich. In der Offenbarung Johannis (2,24) ist die Rede von Satans Tiefen, in denen die List und Macht des Fürsten der Finsternis sich darstellt. An anderen Stellen ist die Rede von Herzens Tiefen. „Das Herz ist ein trotziges und verzagtes Ding; wer kann es ergründen? Ich, ich der Herr, kann es ergründen und die Nieren prüfen,“ ruft der Herr im Propheten Jeremias (17,9.10) aus.

An noch anderen Stellen ist wieder die Rede von Tiefen der Gottheit: „Der Geist kennet alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit“, sagt Paulus (1 Kor. 2,10). Endlich heißt es im Buche Sirach (24, 39) von dem Buch des Bundes, mit dem höchsten Gott gemacht, ausdrücklich: „Sein Sinn ist reicher denn kein Meer, und sein Wort tiefer denn kein Abgrund.“ So haben wir es denn diesmal mit den Bibel-Tiefen zu tun.

Wenn man in der Natur in die Tiefe hineinsteigt, so wird es dunkel. Tiefe und Dunkelheit fällt zusammen. Je tiefer, desto finsterer, schauerlicher und geheimnisvoller. So ist es auch mit der Bibel. Die Bibel hat ihre tiefen Stellen, und wenn wir in diese hineinschauen, so erscheinen sie uns auch beim ersten Anblick dunkel, geheimnisvoll, unergründlich, unerforschlich. Wir stehen da, wie vor einem undurchdringlichen Buch, verschlossen mit sieben Siegeln. Es darf uns das auch nicht befremden, denn es heißt geradezu in der Schrift: „Der Herr hat geredet, Er wolle im Dunkeln wohnen.“ (1 Kön. 8,12) „Wir sehen hier durch einen Spiegel in einem dunklen Worte, dann aber von Angesicht zu Angesicht“ (1 Kor. 13,12). Und Petrus in seinem zweiten Brief spricht von Stellen in den Briefen Pauli, in welchen „seien etliche Dinge schwer zu verstehen, welche verwirren die Ungelehrigen und Leichtfertigen, wie auch die andern Schriften zu ihrer eignen Verdammnis.“ (2 Petri 3, 16) Aber wenn das auch feststeht, ist darum Alles dunkel in der Bibel, und für Jedermann? Und, was in ihr dunkel ist, ist es immer und ewig dunkel? Nun und nimmermehr wollen und werden wir Protestanten, wir Evangelischen, wir Genossen der Kirche, welche mit Recht die „Bibelkirche“ genannt worden ist, einen unserer Hauptlehrsätze aufgeben, den von der Klarheit und Deutlichkeit der heiligen Schrift in allen Dingen, die zur Seligkeit zu wissen nötig und unentbehrlich sind. Die Bibel muss klar sein in der Lehre des Heils, schon um ihres Urhebers willen, von welchem sie herrührt; denn sie ist Gottes Wort, und Gott, wenn Er zum Menschen redet, wird doch in einer Sprache zu ihm reden und zu reden wissen, die der Mensch verstehen kann. Der Bibel eine Dunkelheit zuschreiben vom Anfang bis zu Ende, dass kein Mensch sie fasst und versteht, ohne erst dazu das Licht von einer Kirche zu empfangen, welche sie ihm erklärt, heißt geradezu Gott lästern, der dies Buch gegeben hat, als ob Er nicht verstände, unsere Sprache deutlich und verständlich zu reden, oder als ob Er die Sprache der Menschen nur gebrauchen wollte, um Seine Gedanken zu verhüllen und zu verbergen.

Die Bibel muss aber auch klar und verständlich sein für Jedermann um des Zweckes willen, dem sie dienen soll und um deswillen Gott sie uns gegeben hat. Was ist das für ein Zweck? Paulus sagt: „Die heilige Schrift soll uns unterweisen zur Seligkeit im Glauben an Jesum Christum“ (2 Tim. 3,15). Soll sie das, so müssen wir sie auch verstehen, sonst hilft alles Unterweisen nichts. Paulus sagt ferner: „Die heilige Schrift ist nütze zur Lehre.“ Soll sie das sein, so muss sie eine klare Sprache zu uns reden, dass wir ihre Lehre lernen und uns darin unterrichten lassen können. Petrus sagt: „Die Bibel sei ein Licht, - und wir tun wohl, dass wir darauf achten - das da scheinet an einem dunkeln Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in unserem Herzen“; David sagt im 119. Palm: „Gottes Wort sei eine Leuchte für unsere Füße und ein Licht auf unsern Wegen“, und Jesus spricht: „Suchet in der Schrift, denn ihr meinet, ihr habet das ewige Leben darinnen, und sie ist es, die von mir zeuget“; das Alles wäre gar sinnlos, wenn die Bibel so dunkel wäre, dass die Menschen sie nicht verstehen könnten. Sie hat sich aber auch allezeit als ein klares und verständliches Gotteswort bewährt, wo sie ist gelesen und gebraucht worden, so weit wir zurückschauen in die Geschichte. Die alten Juden haben sie verstanden; die ersten Christen haben sie verstanden; die Waldenser im Mittelalter haben sie verstanden und sofort den Unterschied der Bibel- und der Kirchenlehre herausgefunden; die Reformatoren haben sie verstanden, und bis auf den heutigen Tag, in Spanien, in Italien, in Deutschland, allüberall, wo das Wort Gottes sich Bahn bricht, es währt nicht lange, da verstehen die Menschen Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge, Gottes Wort und Menschenwort bestimmt von einander zu unterscheiden und gelangen zu einer und derselben Erkenntnis der Wahrheit Gottes. Es ist kein Nebelland, in welches sie schauen, sondern die helle Sonne der Gerechtigkeit. Die Bibel sagt uns bestimmt und unmissverstehbar, wer Gott ist, und enthüllt uns sein Wesen, seine Eigenschaften, seine Ratschlüsse, seine Werke; sie sagt uns fasslich und klar, wie der Mensch im Stande seiner Unschuld beschaffen gewesen und was aus ihm geworden ist im Stand des Falles; wie er jetzt geneigt ist zu allem Bösen und untüchtig zu allem Guten; wie er, hilfsbedürftig und unfähig, sich selbst zu helfen, der Gnade Gottes bedarf, um Vergebung der Sünde und Reinigung von der Sünde zu erhalten und ein neues Leben zu führen, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken; sie sagt bestimmt und klar, wer uns erlöst hat von unseren Sünden, wie und wodurch Er uns erlöst hat, wie vollgültig und allgenugsam seine Erlösung ist, wie wir sie uns aneignen durch den Glauben an ihn und sein Verdienst und dadurch gerecht und selig werden vor Gott; sie zeigt uns den ganzen Heilsweg vom Anfang bis zum Ende, die Buße, den Glauben, die Erweckung, Bekehrung, Wiedergeburt und Heiligung so klar und verständlich für Jedermann, dass darüber kein Streit und keine Meinungs-Verschiedenheit obwalten kann.

Und wie sie in dieser Beziehung ganz klar und verständlich ist, so ist auch das, was sie uns mitteilt und - das ist der zweite Grundsatz der evangelischen Kirche - vollkommen hinreichend zur Seligkeit. Wir brauchen dazu weiter kein anderes Buch als dieses. In ihm steht alles geschrieben, was Gott den Menschen hat mitgeteilt und geoffenbart über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Zeit und Ewigkeit, Mensch und Gott, und was wir zu glauben und zu tun haben, um Frieden zu finden für unsere Seele hier und dort.

Nicht, als ob wir leugnen wollen, dass Jesus und seine Apostel auch noch andere Lehren vorgetragen hätten, die nicht in diesem Worte geschrieben sind. Gewiss haben sie das getan, und Niemand kann der Tradition und Überlieferung als solcher entgegentreten. Der Evangelist Johannes sagt ja selbst in seinem Evangelio: „Es sind auch viele andere Dinge, die Jesus getan hat, welche, so sie sollten eins nach dem andern geschrieben werden, achte ich, die Welt wurde die Bücher nicht begreifen, die zu beschreiben wären“ (21,25). Aber wir müssen ihr entgegentreten, sobald sie sich dem geschriebenen Worte gleichstellt in Lehren, die sehr trüben, unsicheren Ursprungs sind, oder die geradezu dem geoffenbarten Wort Jesu und seiner Apostel widersprechen.

Obgleich indes die Bibel hinreichend und klar in Allem ist, was uns zu wissen und zu tun nötig ist, um selig zu werden, so gibt es doch Geheimnisse in der Bibel, dunkle, prophetische Stellen, die oft den Gelehrten wie den Laien Kopfzerbrechen gemacht haben, und bis auf den heutigen Tag Gegenstand der Forschung geblieben sind und es wohl noch lange bleiben werden. Es müssen auch solche dunklen Stellen in Gottes Wort sein; sonst wäre es eben nicht Gottes Wort. Das ist ja der Unterschied zwischen Menschen-Wort und Gottes-Wort, dass jenes nur einen Gedanken enthält, den man leicht fasst und der oft sehr wasserklar ist, dieses aber zugleich mehrere Gedanken umschließt, und wo es gilt, zu graben und zu arbeiten, um sie auszuforschen. Es geht mit den Aussprüchen und Offenbarungen Gottes in der Bibel, wie mit seinen Wegen und Führungen in der Geschichte. Diese sind auch oft dunkel und rätselhaft; und wir stehen manchmal vor den Schicksalen, die uns und Andere getroffen haben und fragen: warum? Warum hat Gott das getan? Warum gerade jetzt? Warum gerade so? Warum so früh? und finden keine Antwort, weder in der Geschichte noch in dem eigenen Bewusstsein, die uns genügte.

Gott will auch, dass wir im Dunkeln wandeln und lernen sollen, dass des Herrn Rat wunderbar ist, aber dass Er zuletzt Alles herrlich hinausführt; dass seine Gedanken nicht unsere Gedanken, und seine Wege nicht unsere Wege sind, aber dass, so viel der Himmel höher ist als die Erde, auch seine Gedanken höher sind als unsere Gedanken, und seine Wege als unsere Wege, und er immer Gedanken der Liebe und des Friedens mit uns hat und nicht des Leides, und nur allmählich schließt sich ein Abgrund nach dem andern auf, und zuletzt ist Alles sonnenhell und anbetungswürdig.

Gerade so geht es mit dem Wort Gottes. Das erscheint im Anfange auch unerforschlich, unergründlich; aber dieser dunklen Stellen sind doch nur wenige und vorübergehende. Sie sind dunkel, damit wir erkennen, dass all unser Wissen Stückwerk und unser Weissagen Stückwerk ist und damit wir desto treuer und gewissenhafter darin forschen, ob nicht endlich in diese Finsternisse und Heimlichkeiten Licht und Klarheit hineindringe. Auch beabsichtigt Gott in seinem Worte wie in seinen Wegen und Führungen niemals bloß eines, sondern immer Vieles, nicht einen, sondern mehrere Zwecke zugleich. Als z. B. Joseph von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft ward, hatte Gott das anscheinend getan, damit sie Speise in der Hungersnot haben sollten, Joseph der Erretter seiner Brüder werden konnte, und sie mit ihren Kindern und ihrem Vieh ihm nach Ägypten folgten, wo Korn und Brots die Fülle war. Aber Gott hatte noch andere Absichten: Er führte die Israeliten nicht nach den sieben unfruchtbaren Jahren zurück nach Kanaan, sondern ließ das Volk 400 Jahre in Ägypten verweilen, während welcher Zeit sie Kanaan nicht betreten durften, damit sie in diesen 400 Jahren aus der Familie von 70 Seelen erstarken sollten zu einem großen Volk von drei und einer halben Million, und dann zurückkehren nach Kanaan, um Besitz von dem Land ihrer Väter zu nehmen und die Verheißung erfüllen zu lassen, die Gott dem Abraham, Isaak und Jakob gegeben, dass durch ihren Samen alle Völker der Erde sollten gesegnet werden. Als Naeman, der Feldhauptmann des Königs zu Syrien, den Aussatz hatte, und auf des Propheten Elisa Rat sich siebenmal hinter einander im Jordan badete und rein ward von seinem Aussatz, erkannte er dadurch die Macht des Gottes Israel und ward gläubig an Ihn. Dahinter hatte Gott aber noch andere Absichten, nicht für ihn allein, sondern auch für sein Weib und seine Kinder und seine Hausgenossen, für den König von Syrien und für den König von Israel, für das ganze syrische und israelitische Volk, damit sie sich alle zu dem Glauben an den lebendigen Gott bekehrten und aufhörten, den toten Götzen zu dienen.

Ähnlich geht es durch die heilige Schrift. In ihr tritt immer ein Gedanke im Vordergrund auf; forschen wir aber tiefer, so treten noch viele andere Gedanken und Wahrheiten zu Tage, und wir finden, dass Gottes Wort viel reicher und tiefer ist, als Menschenwort und dass wir es deshalb nicht mit einem Mal enthüllen können, sondern nach und nach, je mehr wir fähig werden, es zu prüfen und zu erkennen.

Und worin liegt der Grund, dass die Bibel an verschiedenen Stellen dunkel ist? Nicht an der Bibel, sondern an uns. Wenn wir die Sonne nicht sehen, so ist nicht die Sonne daran Schuld, als ob sie Flecken hätte oder finster wäre, sondern entweder die Wolken und der Nebel, die ihren Anblick uns entziehen, oder unser Auge, mit welchem wir in sie hineinschauen. „Wenn dein Auge ein Schalk ist,“ sagt der Herr, „so wird dein ganzer Leib finster sein, wenn dein Auge aber helle ist, dann wird auch dein ganzer Leib Licht sein.“ „Ist unser Evangelium verdeckt, sagt Paulus (2 Kor. 4,3.4), so ist's in denen, die verloren werden, verdeckt, bei welchen der Gott dieser Welt der Ungläubigen Sinne verblendet hat, dass sie nicht sehen das helle Licht des Evangelii von der Klarheit Christi, welcher ist das Ebenbild Gottes. Der natürliche Mensch vernimmt einmal nichts von dem Geiste Gottes, es ist ihm eine Torheit und kann es nicht erkennen, denn es muss geistlich gerichtet sein“ (1 Kor. 2,14). Die Sünde allein trübt unsere Erkenntnis; je mehr wir uns reinigen von der Sünde, desto heller werden unsere Geistesaugen; selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.

Wenn das aber der Fall ist, dass sich geheimnisvolle, tiefe Stellen in der heiligen Schrift vorfinden, so ist es doch möglich, in diese Tiefen hineinzusteigen; wenn auch nicht mit unseren natürlichen Mitteln. Wollen wir den Himmel in seiner Pracht erkennen, so müssen wir das Fernrohr an unser Auge setzen. Wollen wir uns in das Meer versenken, so müssen wir zur Taucherglocke unsere Zuflucht nehmen. Wollen wir in die geheimnisvollen Schachte der Erde eindringen, so müssen wir das Grubenlicht gebrauchen, sonst gelangen wir nicht zum Anschauen und Besitz ihrer verborgenen Schätze. So ist es auch mit der Bibel. Unser natürliches Auge reicht nicht aus, um al die tiefe Herrlichkeit derselben zu erfassen und aufzunehmen, sondern es müssen und andere Augen, erleuchtete Augen des Verständnisses gegeben werden, es muss darum das Gebet unsere ganze Seele erfüllen: „Herr, öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an Deinem Gesetz“ (Ps. 119,18). Ohne den Geist des Gebets tappt auch der gelehrteste Professor in diesem Buch im Finstern umher. Lesen wir sie aber mit solchen Augen, so überzeugen wir uns bald, dass es nur wenige dunkle Stellen in der heiligen Schrift sind, die wir nicht enträtseln können; dass, was uns nicht klar ist, doch Anderen klar ist, denen Gott mehr Licht und Verständnis gegeben hat, und dass, was uns heute noch verschleiert bleibt, sich später bei wachsender Erkenntnis und Erfahrung vollkommen aufschließt, besonders wenn unser Gebetstrieb, unsere Aufrichtigkeit und Herzenseinfalt und Treue im Kleinen wächst und zunimmt. Als der Kämmerer von Mohrenland durch die Wüste fuhr und den Propheten Jesaja las, war dieser ihm ein verschlossenes Buch. Philippus kommt zu ihm, sieht, dass er den Propheten liest und spricht: Verstehst du auch, was du liesest? Er antwortet unbefangen und wahr: Wie kann ich, so mich nicht Jemand anleitet? Nun fängt Philippus an, ihn zu unterrichten in dem Evangelium von Jesu, ihm die Schrift auszulegen und zu zeigen, wie das, was der Prophet Jesaja vorher verkündigt, in Jesu Christo erfüllt worden sei. Da kommen sie an ein Wasser. Der Kämmerer spricht: Was hindert es, dass ich mich taufen lasse? Philippus aber antwortet: Glaubest du von ganzem Herzen, so mag es wohl sein. Er antwortete: Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist. Und Philippus taufte ihn daselbst im Namen Jesu Christi. - Wir besitzen durch Gottes Gnade manche gute Bücher, die uns als Schlüssel zur Erklärung der heiligen Schrift dienen können: mit ihrer Hilfe wird uns das Verständnis immer geöffneter. Und je mehr wir mit dem Gesetze Gottes Tag und Nacht umgehen, desto mehr eignen wir uns einen sicheren, nicht leicht fehlenden Takt an, um herauszufinden, was in den schweren Stellen dem Glauben gemäß ist und was der Sinn der Worte sein kann. Es ist also möglich, auch die tieferen und anfänglich uns verschlossenen Stellen der heiligen Schrift aufzuhellen, zu lösen und zu entziffern.

Die Tiefen in der Natur sind zu ergründen, aber sie haben ihre Gefahren. Das dürfen wir uns nicht verleugnen und nicht in Abrede stellen. Wer einmal in die Grube eines Bergwerks gestiegen ist, weiß, wie leicht es da um das Leben geschehen sein kann, wie sich böse Wetter einstellen, schädliche Dünste aufsteigen, unterirdische Wasser hereinbrechen, ganze Wände einstürzen und Alles verschütten können und dergleichen Verschüttungen alle Jahr stattfinden und Hunderte dabei ihr Leben einbüßen. Wer einen Sturm auf dem Meer erlebt oder von den Klippen und Sandbänken gehört hat, an denen Jahr aus Jahr ein so viele Schiffe untergehen, kennt die Gefahren der Schifffahrt. Solche Gefahr ist auch beim Lesen der heiligen Schrift. Wie wäre es sonst möglich, dass es so viele Sekten und Schwärmereien gäbe, die alle ihre Partei-Meinungen aus der Bibel zu beweisen gesucht haben, und dass der Aberglaube sowohl wie der Unglaube auf Stellen der heiligen Schrift sich berufen? Was haben die Menschen nicht schon aus der Bibel herausgelesen! Haben doch ungläubige Gelehrte von der Bibel behaupten können, und nicht ganz mit Unrecht: dies ist das Buch, in welchem Jeder seine Meinungen sucht und auch findet; und die Jesuiten, um das Bibellesen zu verbieten, sogar die Bibel mit einer wächsernen Nase verglichen, die man drehen könne, wie man wolle, und mit einer Scheide, in welche jedes Schwert hineinpasse. Es gehören einfältige Augen und heilsbegierige Herzen dazu, um daraus zu lernen, wie man mit Furcht und Zittern seine Seligkeit zu schaffen habe. Verwandelt sich das Forschen in Grübeln, das Beten in Rechnen und Berechnen, dann wird aus der Heilsbegierde Neugierde, dann werden Spaltungen aller Art erzeugt, die Streitsucht findet ihre Nahrung, und es entsteht eine Zerrissenheit unter den Gläubigen, die den Feinden des Christentums zum Anstoß und Ärgernis gereicht.

Aber mag es auch sein, dass die Natur ihre Gefahren hat: brauchen und genießen wir sie mit rechter Weisheit und praktischem Sinn, so ist unser Lohn ein herrlicher. Welche Schätze holt der menschliche Fleiß aus der Erde heraus, über's Meer herüber! Immer neue Fortschritte und Bereicherungen auf allen Gebieten! Auf gleiche Weise lohnt das sich Versenken in die geheimnisvollen Tiefen der heiligen Schrift. Zunächst kommt es in den Geschichts- und Lehrbüchern auf den einfachen Wortsinn an, wie sich derselbe nach den einfachen Regeln der Grammatik und Sprachenkunde von selbst ergibt, da zu dessen Erkennung der gesunde Menschenverstand vollkommen genügt. Die Bibel enthält aber nicht bloß Geschichten und Erzählungen, sondern auch Heilslehren. Die versteht der gesunde Menschenverstand allein nicht, sondern es gehört dazu ein verwandter, psychologischer Sinn, der sich in die Gedanken- und Erfahrungskreise der heiligen Schriftsteller hinein zu versetzen vermag, ihre Gründe und Absichten, ihre Anschauungen und Erfahrungen sich aneignet und ähnliche Erfahrungen an sich selbst macht und erlebt. Was will wohl der natürliche Mensch z. B. verstehen von der Notwendigkeit und den Früchten der Buße, von der Sinnesänderung und Bekehrung, von der Wiedergeburt und Rechtfertigung, von Fleisch und Geist, von Gesetz und Evangelium, von Glauben und Gesetzeswerken, von Gerechtigkeit und Gnade, vom Sterben des alten Menschen und Leben Christi in uns; oder was will er verstehen, wenn die Bibel zu ihm spricht von dem Kreuz des Lebens, von der Notwendigkeit der Trübsal, von der Treue im Kleinen im Kreuze, von dem Segen des Kreuzes und dass ohne Kreuz keine Krone ist? oder wenn sie von den Anfechtungen und Versuchungen der Kinder Gottes redet, von den geheimen Schulen, in welche der Herr hineinführt, von den furchtbaren Kämpfen mit Fleisch und Blut und mit dem Fürsten der Finsternis und von den Waffen in diesem Kampfe, und wenn sie andererseits wieder von den Entzückungen bis in den dritten Himmel, von jenen unaussprechlichen Worten, die kein Mensch sagen kann, ihm Mitteilung macht? Es sind ihm das lauter Geheimnisse und werden's ihm bleiben, bis dass er, vom heiligen Geiste erleuchtet, das Geistliche geistlich richten lernt. Dann aber welche Erfahrungen, welche Reichtümer der Erkenntnis, welche Gnadenführungen des Herrn, welche Blicke in die zukünftige Welt hinüber, welche Vorgenüsse der Ewigkeit!

Es gibt ferner in der heiligen Schrift geheimnisvolle Glaubenslehren, z. B. die Lehren von der Dreieinigkeit, von der Vereinigung der göttlichen und menschlichen Natur in Christo, von seinem leidenden und tätigen Gehorsam, von den Gnadenwirkungen des heiligen Geistes und der heiligen Sakramente, welche in einzelnen Stellen der heiligen Schrift zerstreut enthalten, zu einem Lehrgebäude zusammengestellt werden müssen, und zu deren Ordnung und Aufbau ein eben so feiner wie scharfer dogmatischer Sinn gehört. Jesus selbst macht darauf aufmerksam in dem Gespräch mit den Pharisäern. Als Er sie fragte: „Wie dünket euch um Christo? Wes Sohn ist Er?“ und die Schriftgelehrten antworteten: „Davids,“ erwiderte Jesus: „Wie nennt Ihn denn David im Geiste einen Herrn, da er sagt: der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis dass ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße? So nun David Ihn einen Herrn nennt, wie ist Er denn sein Sohn?“ Jesus wollte die Schriftgelehrten und Pharisäer dahin führen, dass sie nicht Eins und das Andere aus der Schrift herausrissen, sondern Alles zusammen erwägten, eine Stelle an der andern, eine Stelle durch die andere beleuchteten und erklärten, das Ganze dann zusammenstellen und so zu der vollen evangelischen Wahrheit gelangen möchten. Je treuer solche Geistesarbeit geschieht, desto sicherer bleibt die Kirche vor Verknöcherung und Verarmung, vor Versumpfung und geistlichem Tode geschützt. Ein Analogon dazu ist schon jedes Spruchbuch und jeder Katechismus.

Die heilige Schrift hat aber auch an einzelnen Stellen einen mystischen, einen allegorischen Sinn, wo noch eine weitere Tragweite der Gedanken und Beziehungen sich öffnet. Sie drückt durch ihre Worte nicht immer bloß einen, sondern oft viele Gedanken und Wahrheiten aus. Da gilt es, sich in diesen Viel- und Tiefsinn der Gedanken hineinzuversenken und zu erforschen, was Gott der Herr uns darin Alles offenbart hat. Wenn z. B. der Apostel Paulus Römer 10,4, spricht: „Christus ist des Gesetzes Ende, wer an den glaubt, der ist gerecht,“ so heißt das allerdings zunächst: mit Ihm hat das Gesetz sein Ende erreicht; es gilt für uns nicht mehr; Er hat uns von dem Fluch, der Herrschaft und der Strafe des Gesetzes befreit; „wir können durch das Gesetz Moses nicht selig werden, sondern allein durch den Glauben an Christum; wer an Ihn glaubt, der ist gerecht.“ -

Dasselbe Wort, welches Luther „Ende“ übersetzt hat, heißt aber auch Ziel: Christus ist des Gesetzes Ziel. Welch ein neuer tiefer Gedanke, welch eine neue wichtige Wahrheit! Das Wort: „Das Gesetz ist unser Zuchtmeister auf Christum,“ ist nun erfüllt; das alte Testament hat nur den einen Zweck gehabt, auf Christum vorzubereiten, und ist eben darum zu Ende gekommen, weil in Christo dies Ziel erreicht ist. -

Das Wort, welches Luther übersetzt hat „Ende“, kann endlich auch heißen: „Vollendung.“ Christus ist die Vollendung des Gesetzes. Wieder eine neue Wahrheit, eben so groß wie tief! Wir halten erst das Gesetz, wenn wir Christum haben; Er erfüllt es in uns und durch uns allein; Er gibt den Geist, durch den wir Alles vermögen, weil er uns mächtig macht, und die Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen; was dem Gesetze nicht möglich war, sintemal es durch das Fleisch geschwächt wird, das ist dem neuen Menschen möglich, der im Geist geschaffen ist nach Christo Jesu und die Gerechtigkeit leistet, die wir nun nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist (Röm. 8,3.4). In diesen wenigen Worten, welche weite Tiefe, welcher unermessliche Reichtum! Fast die ganze Heilsökonomie Gottes hat der Apostel hier zusammengetragen.

Ein anderes Beispiel. Am Osterfeste verlangen die Hohenpriester und Pharisäer ein Zeichen von Jesu, dass Er der Prophet des Herrn sei und ein Recht habe, den Tempel zu reinigen. Jesus spricht zu ihnen: „Brechet diesen Tempel ab und am dritten Tage will ich ihn wieder aufrichten“ (Joh. 2,19). Die Pharisäer verstanden darunter den Tempel zu Jerusalem und fanden es lächerlich, dass Jesus diesen Tempel abbrechen und in dreien Tagen wieder aufbauen wollte. Die Jünger verstanden das Wort des Herrn auch nicht; es war ihnen rätselvoll und geheimnisvoll: aber als Jesus auferstanden war von den Toten, da wussten sie, dass Er zu ihnen von seinem Leibe geredet hatte. Und doch scheint auch damit das tiefe Wort des Herrn noch nicht erschöpft, denn wenn der Herr den Tempel zu Jerusalem von den Käufern und Verkäufern gereinigt hatte, so wollte Er zu gleicher Zeit den tiefen Gedanken den Jüngern an das Herz legen: brechet diesen Tempel ab, mit diesem Abbrechen wird dem Judentum, dem Priestertum und Opferwesen ein Ende gemacht sein; aber in drei Tagen, in kurzer Zeit wird ein neuer Tempel, ein neues Reich Gottes auf Erden entstehen, wo keine Opfer mehr gebracht werden, weil in meinem Opfer in Ewigkeit vollendet werden, die geheiligt werden; wo kein Priesterstand mehr gesondert dastehen wird, weil ich, der ewige Hohepriester, alle Christen zu Priestern Gottes werde gemacht haben; und wo Gott nicht mehr im Schatten des alten Bundes wird angebetet werden, sondern im Geist und in der Wahrheit.

Die heilige Schrift gibt uns selbst Anleitung, tiefer in ihr Verständnis einzudringen; denn im Brief an die Hebräer Kap. 7 redet der Apostel von dem alten Priesterkönig Melchisedek, und indem er von ihm spricht, fährt er fort: „Er war ein König der Gerechtigkeit; danach ist er aber auch ein König zu Salem, das ist, ein König des Friedens, ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlecht, und hat weder Anfang der Tage, noch Ende des Lebens; er ist aber verglichen dem Sohne Gottes, und bleibet Priester in Ewigkeit.“ Damit erschließt Paulus das Geheimnis des alten Testaments und wirft ein Licht auf diese rätselhafte Erscheinung Melchisedeks zu Abrahams Zeit, der aus der Nacht des Heidentums heraustritt, ein Priester des Allerhöchsten, der nicht von dem aaronitischen und levitischen Geschlecht abstammte und dennoch Priester war. Das ist nicht geschehen um Melchisedeks oder Abrahams willen, sondern er ist ein Vorbild des Sohnes Gottes gewesen, der der rechte König der Gerechtigkeit und des Friedens, ohne menschlichen Vater, unmittelbar von Gott gekommen ist, damit Er Hoherpriester würde in Ewigkeit; er ist ein Vorbild des höheren Priestertums aus Gott, das nicht an menschliche Abstammung, ja nicht an das irdische Leben eines Menschen gebunden ist, das auf Gottes ewigem, über die Gesetze der irdischen Welt erhabenen Ratschlusse beruht, und dem das ganze levitische Priestertum zuletzt huldigen und weichen muss.

Wieder eine andere Deutung gibt uns Paulus im Briefe an die Galater (4,21-31), wo er von den zwei Söhnen Abrahams spricht und damit das alte und neue Testament vergleicht. Das Gesetz von dem Berge Sinai gebiert zur Knechtschaft, gleich der Hagar und ihrem Sohne Ismael, und macht nicht dazu fähig, Gottes freier Sohn und Erbe zu werden; aber das Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie, die ist unser aller Mutter, d. h. nur der Bund, welcher die Verheißung der Gnade dem Sünder vorhält, gleich der Sarah und dem Isaak, führt zu dem Kindes- und Erbrechte.

Durch diese Beziehungen, zu denen viele im neuen Testament hinzugefügt werden könnten, hat die Kirche sich berechtigt geglaubt, auf ähnliche Weise die heilige Schrift allegorisch zu deuten und ihre Tiefen an's Tageslicht zu ziehen. Wenn wir daher das Evangelium von dem barmherzigen Samariter lesen oder hören, welcher dem unter die Räuber gefallenen Unglücklichen half, denken wir nicht gleich an Den, der der rechte barmherzige Samariter ist im Himmel und auf Erden, der uns, als wir unter die Räuber gefallen waren, mit seiner Hilfe entgegenkam, in unsere Wunden den Wein des Gesetzes und das Oel des Evangeliums goss und uns dann in die Herberge, seine Kirche führte, da zwei Groschen dargab, die beiden heiligen Sakramente, um uns zu pflegen, zu trösten, zu heiligen und zu erquicken, und immer wiederkommt, sich von neuem nach uns zu erkundigen? Wenn wir das Evangelium des vierten Epiphanias-Sonntages lesen von dem Sturm auf dem See Genezareth, wo der Herr, nachdem Er lange geschlafen, durch den Angstruf der Jünger geweckt, Sturm und Wellen beschwichtigt: Denken wir nicht gleich an das Schifflein der Kirche Christi, das alle Wellen der Trübsal und alle Stürme feindlicher Angriffe durch ihn übersteht und zuletzt landet in dem Hafen des ewigen Friedens? Allerdings gibt es noch oft Augenblicke, wo wir rufen möchten: „Herr, hilf uns, wir verderben!“ 'und keine Hilfe vor Augen sehen, weil Alles in und um uns dunkel ist bei Tag und bei Nacht; aber Jesus, der Herr, ist dennoch im Schiff, Er schläft nur eine Zeitlang, bis der Zweck seiner Prüfungen erreicht ist: dann spricht Er noch immer zu Sturm und Wellen: Verstummet und seid stille! Wenn wir den Zug der Israeliten durch die Wüste lesen, denken wir dabei nicht gleich an unseren Zug durch die Lebenswüste, wo wir nicht eher zum Frieden kommen, bis wir zu dem Glauben an Jesum Christum gelangt sind, und nicht mehr Moses unser Führer ist, sondern der himmlische Josua oder Jesus uns in das Land führt, wo Milch und Honig fließt, wo alle Tränen getrocknet, alle Leiden und Schmerzen gestillt sein werden und wo Keiner Verlangen haben wird, zurückzukehren nach den Fleischtöpfen Ägyptens?

So sollen wir die heilige Schrift lesen, und nicht nur fragen, was des Wortes nächster Sinn ist, was es für die damalige Zeit zu bedeuten gehabt hat; nein, wir sollen auch danach forschen, was der tiefere Sinn des Wortes ist, sollen uns fragen: was hat dasselbe auch für mich heute noch zu bedeuten? wag sagt mir dieses Wort? wie kann ich dasselbe auf mich anwenden, dass es mir eine Lebensfrucht zum ewigen Leben werde? Wenn wir sie so lesen, so können wir nicht sehen, dass Jesus den Tempel reinigt von den Räubern und Verkäufern, ohne an unsere Brust zu schlagen und zu sagen: der Tempel, von dem der Herr spricht, ist mein Herz; in demselben sind die Käufer und Verkäufer, das Geräusch und Geschrei der Welt, der Selbstsucht, der Eigengerechtigkeit, des Leichtsinns usw.; o Herr, reinige doch auch mein Herz und mache es zu einem Tempel Gottes, an dem Er seinen Wohlgefallen hat. Wenn wir lesen: „Gott hat uns angenehm gemacht in dem Geliebten“ (Eph. 1,6), so heißt das allerdings: wir haben durch Christum, den Geliebten Gottes, eine andere Stellung bekommen, dass wir uns nicht mehr zu fürchten brauchen, weil Gott in Ihm unser Vater geworden ist und fortan die Gerechtigkeit Jesu Christi als unsere Gerechtigkeit ansieht; aber daraus ergeben sich dann auch die weiteren Folgerungen: Wenn wir Ihm angenehm geworden sind, so muss auch Alles an uns und in uns Ihm angenehm sein; so müssen unsere Werke, herrührend aus dem Glauben an den Geliebten, unsere Seufzer und unsere Tränen, unsere Gebete, Bitten und Fürbitten, unsere Leiden und Kämpfe, wenn sie im Namen Jesu Christi geschehen, Ihm angenehm sein. Wir werden dann aber auch alles das hassen und verabscheuen, was Ihm nicht angenehm ist; wir werden seine Gnade höher achten, als den Beifall und die Gunst der Menschen, und alles aufbieten, dem Herrn angenehm zu bleiben und in seiner Gnade zu wachsen und zuzunehmen. Tun wir das, so haben wir unsere Luft an dem Herrn, und Er gibt uns, was unser Herz wünscht: wir sind dann reich, froh, frisch und selig.

O welche Tiefe der heiligen Schrift, wenn wir auf diese Weise uns in dieselbe versenken, uns immer vertrauter mit ihr machen, uns in sie hineinleben, hineinglauben, hineinbeten und einst hineinsterben!

Wenn die heilige Schrift so tief ist und geöffnete Augen dazu gehören, um in ihre Geheimnisse einzudringen, dann folgt daraus, dass zum rechten Lesen derselben nur tiefe, geistliche Menschen (1 Kor. 2,14) geeignet sind, keine flache, eitle, weltlichgesinnte, leichtsinnige und zerstreute Naturen, deren Religion in der absoluten Anbetung ihrer selbst, ihrer eignen Vortrefflichkeit besteht, und die keine Ahnung davon haben, wie tiefe Gemüter vor sich und ihrem Gott stehen. Je nachdem der Mensch ist, der die Bibel liest, danach ist auch die Bibel für ihn. Dem Verkehrten ist sie verkehrt, dem Weltlichen langweilig und ermüdend, dem Heilsbegierigen ein Licht und eine Leuchte, köstlicher als Gold und viel feines Gold, süßer als Honig und Honigseim. Darum ist klar, warum die Bibel nicht Jedermanns Buch ist und nicht Allen mundet, Vielen eine dürre Sandwüste ist und bleibt, Anderen eine Aue voll sprudelnder Quellen; Vielen Nichts, Anderen Alles ist; Viele nur Wolken an ihrem Himmel sehen, Andere helle Sterne. Anders lesen in ihr die fleischlichen, anders die geistlichen Menschen, und während jenen die Decke Moses vor den Augen hängt, spiegelt sich in diesen des Herrn Klarheit mit aufgedecktem Angesicht.

Die Rechtsgelehrten sagen: Die Gesetze seien für die Wachsamen geschrieben, und haben in ihrer Art ganz Recht; aber noch weit mehr ist die heilige Schrift für die Wachsamen geschrieben, für die, die sie mit geöffneten Augen lesen, die aufmerksam auf alle ihre Buchstaben und Punkte, auf alle Umstände der Sachen, der Personen, der Zeiten, der Orte, der Ursachen, auf alle kleinen Anmerkungen, die hier und da der Urheber, der heilige Geist, zu seinem Wort gefügt hat, achten und dann erst vom ersten bis letzten Kapitel der Haushaltung Gottes nachzuweisen im Stande sind, wie die ganze heilige Schrift mit dem Blute Christi geschrieben ist.

Es ist kein Wunder, dass lauter tiefe Menschen in allen Jahrhunderten das Lob der Bibel besungen haben.

Chrysostomus sagt: „In der heiligen Schrift ist nichts, was nicht einen großen Schatz in sich hält, wenn nur der rechte Nachgräber kommt.“ Augustinus spricht: „Es sind in der heiligen Schrift tiefe Geheimnisse, die deshalb verborgen sind, damit sie nicht gering geschätzt werden; deshalb gesucht werden, damit es uns übe, deshalb aufgetan werden, damit sie uns erquicken.“ So spricht Luther: „Sobald ich einen Psalmen oder Spruch der Schrift vor mich nehme, so leuchtet und brennt es in's Herz, dass ich andern Mut und Sinn gewinne. Es ist nichts Höheres, weder im Himmel noch auf Erden, als Gottes Wort, welches auch Gott selber ist. Es liegt darinnen verborgen die höchste Weisheit im Himmel und auf Erden. Wer es recht ergreifet und wem es schmecket, Der wird leicht nicht davon abfallen, sondern darauf denken, dass er es je länger je lieber fasse. Gottes Wort ist ein Blümlein, das heißt: „je länger je lieber.“ „Die heilige Schrift ist heller als ihre Ausleger, die Dunkelheit liegt im Menschen, indem nur diejenigen die Schrift verstehen, welche den heiligen Geist haben. Kannst du es nicht verstehen, so zeuch den Hut vor ihm ab. Es leidet keinen Schimpf noch menschliche Deutung, sondern es ist lauter Ernst da und will geehret sein.“

Calvin sagt: „Lies den Demosthenes oder Cicero, Plato oder Aristoteles oder welche du willst aus der großen Menge der Alten: sie werden dich anziehen, ergötzen, bewegen, hinreißen; aber wenn du dich von ihnen weg zur Bibel wendest, so wird sie dich, du magst wollen oder nicht, so lebendig ergreifen, dein Herz so durchdringen, dir so in's innerste Mark einschneiden, dass vor der Wirkung ihres Sinnes die Kraft der Rhetoren und Philosophen fast verschwindet, so dass es bald klar wird, dass die heiligen Schriften etwas Göttliches atmen, das alle Gaben und Talente des menschlichen Geistes weit übertrifft.“

Johann der Beständige sagte dem Kaiser, dass er des reinen Wortes Gottes so wenig als der Speise und des Trankes entbehren könne.

König Eduard der VI. von England nannte die Bibel das Schwert des Geistes, das allen andern Schwertern vorzuziehen sei.

Kurfürst Friedrich der Weise sagte: Mit menschlichem Verstande lässt sich alles beweisen, aber auch Alles widerlegen. Allein Gottes Wort stehet fest wie eine Mauer, die man nicht gewinnen noch umreißen kann.“

König Gustav Wasa von Schweden schrieb an seinen Sohn Johann: „Es ist gut, dass du von der Schrift der Alten liesest und siehst, wie die Welt in jener Zeit ist regiert worden. Aber setze solche Schrift nicht vor Gottes Wort: in diesem befindet sich die rechte Unterweisung, hier lernt man die vernünftigste Sittenlehre und die beste Regierungskunst.“

Der schwedische Reichskanzler Graf Oxentstierna sagt: „Ich habe viel in der Welt erfahren und manche vergnügte Stunde gehabt; aber die Kunst, recht froh und glücklich zu leben, verstehe ich erst jetzt, seit ich dies herrliche Buch, die Bibel studiere und die Bibel Gottes in meinem Herzen erkannt habe.“

Der berühmte Prediger und Dichter Herder sagt: „Kein Buch in der Welt liest sich gut ohne innere Lust und Freude. Wie ein Kind die Stimme seines Vaters, wie der Geliebte die Stimme seiner Braut, so sollen wir Gottes Stimme in der Schrift hören und den Laut der Ewigkeit vernehmen, der in ihr tönt.“

Der berühmte Schriftsteller, Johann Georg Müller, sagt: „Die Summe der ganzen heiligen Schrift, der darin beschriebenen Geschichte und aller poetischen und prophetischen Anwendungen derselben ist die Wahrheit, die in tausend Gestalten auf allen Seiten ausgedrückt ist: „Gott mit uns; siehe da, eine Hütte Gottes bei den Menschen Sie ist eine Geschichte Gottes nach der Ansicht der Menschen, und eine Geschichte der Menschen nach der Ansicht Gottes.“

Der berühmte Dichter Goethe sagt: „Jene große Verehrung, welche der Bibel von vielen Völkern und Geschlechtern der Erde gewidmet worden, verdankt sie ihrem inneren Werte. Sie ist nicht etwa nur ein Volksbuch, sondern das Buch der Völker, weil sie die Geschichte eines Volkes zum Symbol aller übrigen aufstellt, die Geschichte desselben an die Entstehung der Welt anknüpft und durch eine Stufenreihe irdischer und geistiger Entwicklungen, notwendiger und zufälliger Ereignisse bis in die entferntesten Regionen der äußersten Ewigkeiten hinausführt;“ und an einer anderen Stelle: „Je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, desto mehr wird die Bibel zum Teil als Fundament, zum Teil als Werkzeug der Erziehung, freilich nicht von naseweisen, sondern von wahrhaft weisen Menschen genützt werden.“

Endlich ein Wort von Wilhelm von Humboldt: „Wenn die Bibel, wie bei uns, dem Volke gewöhnlich das einzige Buch ist, so hat dieses in ihr ein Ganzes menschlicher Geisteswerke: Geschichte, Dichtung und Philosophie, und alles dies so, dass es schwerlich eine Geistes- und Gefühlsstimmung geben könnte, die nicht darin einen entsprechenden Anklang fände. Auch ist nur weniges so unverständlich, dass es nicht gemeinem, schlichtem Sinn zugänglich wäre. Der Kenntnisreiche dringt nur tiefer ein, aber Keiner geht unbefriedigt hinweg;“ und an einer anderen Stelle: „Das Lesen der Bibel ist eine unendliche und wohl die sicherste Quelle des Trostes. Ich wüsste sonst nichts mit ihr zu vergleichen. Der biblische Trost fließt, wenn auch ganz verschieden, doch gleich stark im alten und neuen Testamente. In beiden ist die Führung Gottes, das Allwalten der Vorsehung die vorherrschende Idee, und daraus entspringt in religiös-gestimmter Gesinnung auch gleich die tiefe, innere, durch nichts auszurottende Überzeugung, dass auch die Schicksale, durch welche man selbst leidet, doch die am weisesten herbeigeführten, die wohltätigsten für das Ganze und den das durch Leibenden selbst sind.“

Wenn also die Bibel, um in ihrer Tiefe verstanden zu werden, tiefe Menschen voraussetzt, so ist es zweitens kein Wunder, wenn sie auch die Leser, die rechten Leser immer tiefer macht, sie immer mehr vertieft in das göttliche Wort, dass sie die Ereignisse der Völker und Nationen und ihre eigenen Herzensführungen ruhiger und richtiger nach dem Worte Gottes beurteilen und in der eignen Vervollkommnung und Heiligung wachsen. Würde unsere Jugend die Sprüche und den Prediger Salomonis fleißiger lesen und beherzigen, sie blieben vor vielen Versuchungen und dem Wege des Verderbens bewahrt. Wenn unsere Staatsmänner, Minister und die Abgeordneten und sogenannten Volksbeglücker mehr das fünfte Buch Moses und die Propheten, mit der zur Seite gehenden Geschichte Israels, fleißiger studierten, es stände besser um die Fürsten und um die Völker. Bemühten wir uns mehr, aus den Psalmen das Beten und Singen, aus dem Buche Hiob die Geduld, aus dem fünften Buch Moses und dem Buche Josua den Gehorsam, aus den Sprüchen die Lebensweisheit, aus dem Prediger die Eitelkeit aller Dinge, aus dem Hohenliede jene heilige Liebe, deren süßester Gegenstand Christus der Herr ist, zu lernen, wir hätten mehr Licht und Leben, Trost und Frieden, Halt und Trost; wir passten tiefer und ernster die Sünde auf, aber auch die Gerechtigkeit und die Gnade; wir lernten unser eignes Herz und die Welt richtiger erkennen und behandeln, wir würden alle viel besser, ruhiger, zufriedener und tatkräftiger sein und mit Luther sprechen: „Hätte ich Abrahams Glauben usw., so wäre ich Abraham.“ Wenn das Lesen der Bibel solche Früchte trägt, so muss sie uns lieber sein als die gepriesensten aller Bücher, das allerliebste, allertiefste Buch der Welt, und unsere süßeste Beschäftigung die, in ihr zu forschen und das ewige Leben zu suchen. Es heißt auch in der Beziehung: Aus der Enge in die Weite, aus der Tiefe in die Höh' führt der Heiland seine Leute, dass man seine Wunder seh' und: „Herr, öffne mir die Tiefe meiner Sünde, lass mich auch seh'n die Tiefe Deiner Gnad', lass keine Ruh' mich suchen oder finden, als nur bei Dir, der solche für mich hat, der Du gerufen: Ich will euch erquicken, wenn euch die Sünd' und ihre Lasten drücken.“ Gebe uns denn der Herr solchen tiefen Sinn, um die Tiefe des göttlichen Wortes zu fassen und durch dasselbe immer tiefer zu werden!

Unergründlich wie der Erde Tiefe,
Unergründlich wie der Himmels-Raum
Ist das heil‘ge Gotteswort, die Bibel,
Und der Mensch ahnt ihre Tiefe kaum.

Gottes Wort, so reich und so erhaben!
Nicht versteht der Mensch es immerdar,
Nur wenn tiefer er hineingedrungen,
Wird es seiner Seele licht und klar.

Wie er nur mit Waffen und Gefahren
Tiefer kann in Gottes Schöpfung seh'n,
Um die Allmacht, Weisheit, Kraft und Größe
Seines Schöpfers besser zu versteh'n:

So bedarf für Gottes Wort er Waffen,
Und das sind Gebete fromm und rein;
Nur wenn er mit ihnen durchgedrungen,
Wird sein Lohn hier überschwänglich sein.

Dann berührt kein Wahn mehr seine Seele,
Denn der heil‘ge Geist ist's, der ihn führt,
Der ihn leitet und beschützt, dass nimmer
Er sich hier vom rechten Weg verliert.

Ja, dann fühlt er seines Jesu Nähe,
Wie sie wunderbar ergreift sein Herz,
Wie sie ihn von Welt und Eitelkeiten
Mächtig ziehet zu sich himmelwärts.

Dann erfüllt ein sel‘ger Himmelsfrieden
Seine Seel mit froher Zuversicht,
Und er freut sich hier schon, Gott zu schauen
Einst von Angesicht zu Angesicht.

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