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Spurgeon, Charles Haddon - Rahab.

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“Durch den Glauben ward die Hure Rahab nicht verloren mit den Ungläubigen, da sie die Kundschafter freundlich aufnahm.“
Hebr. 11. 31.

“Desselben gleichen die Hure Rahab, ist sie nicht durch die Werke gerecht geworden, da sie die Boten aufnahm, und ließ sie einen andren Weg hinaus?“
Jak. 2, 25.

Dies sind zwei neutestamentliche, kurze Zusammenfassungen von dem Leben der Rahab, und beide sind gleich ehrenvoll für sie. Paulus stellt sie unter die großen Helden, die durch den Glauben Wunder wirkten. Das elfte Kapitel der Hebräer ist ein Triumphbogen für die Krieger des Glaubens, und unter den ausgezeichneten Namen, die darauf geschrieben sind, ist der Name dieser Hure von Jericho. Wir sind indes nicht so sehr darüber erstaunt, denn sie war augenscheinlich ein Beispiel von großem Glauben; aber wir sind etwas überrascht, denke ich, ihren Namen von Jakobus verzeichnet zu finden, weil er ein außerordentlich praktischer Mann ist und mehr von guten Werken als vom Glauben schreibt. Sein Zweck ist, zu zeigen, dass der Glaube, der die Seele rechtfertigt, ein Glaube ist, der gute Werke hervorbringt, und deshalb sucht er Beispiele von heiligem Dienste Gottes. Wir würden nicht gedacht haben, dass er Rahab hervorgehoben hätte, aber er hat es getan, und dies ist umso merkwürdiger, weil die einzige andre Persönlichkeit, die er nennt, Abraham ist; Abraham, der Vater der Gläubigen, ein Freund Gottes, ein frommer und ein aufrichtiger Mann. Jakobus führt Abraham an als den Vertreter des einen Geschlechts und Rahab, die Hure, als Vertreterin des andren. Ich habe keinen Zweifel, dass Jakobus wusste, was er tat und dass die Inspiration, die ihn leitete, unfehlbar war. Möglicherweise war Rahab gewählt, um die Heiden zu repräsentieren, in Verbindung mit dem Gründer Israels, der passend für die Juden steht. Abraham besaß einen Glauben, der sich durch Werke zeigte, und Rahab tat dasselbe, die Tochter der Heiden, die von einem Geschlecht abstammte, das zur Vernichtung verurteilt war, eine Heidin der Heiden. Und vielleicht mag ein andrer Grund für ihre Erwähnung darin liegen, dass, wie Abraham seiner Freundschaft auf den Ruf Gottes entsagte, aus Ur in Chaldäa herauszog, dem Höchsten abgesondert, so dieses Weib auch ihre Verbindungen mit Jericho abbrach, tatsächlich ihrer Nationalität entsagte, ihr Vaterland aufgab, es seinem Geschick und seiner Beurteilung überließ, während sie sich auf Israels Seite stellte, um mit dem Volk Gottes an dem verheißenen Erbe teilzunehmen. Es ist also keine geringe Ehre für dieses merkwürdige Weib, dass ihr Name nicht nur mit den Glaubenshelden verzeichnet steht, sondern dass auch der große, praktische Apostel sie als eins der zwei denkwürdigen Beispiele der Werke, die aus dem Glauben entspringen, gewählt hat.

Lasst uns ihren Glauben und ihren Charakter betrachten, umso aufmerksamer wegen der hohen Stellung, die der Heilige Geist ihr angewiesen hat. Mit dem Lobe des Paulus und dem Preise des Jakobus, beides auf dem Zeugnis des Geistes Gottes ruhend, ist der Charakter dieser Frau wohl einer aufmerksamen Erwägung würdig. Möge der Geist Gottes unsre Betrachtung zu unsrem Segen dienen lassen.

I.

Unsre erste Bemerkung über sie soll die sein, dass sie außergewöhnlichen Glauben besaß. Dies wird augenscheinlich, wenn wir erwägen, dass sie keine Unterweisung von ihren Eltern empfing. Mitgliedschaft durch das Recht der Geburt war eine Frage, die bei diesem Falle gar nicht in Betracht kam. Ihre Eltern gehörten zum verurteilten Geschlecht der Kanaaniter. Sie hatten selber keinen Glauben an Gott und konnten diesen Glauben nicht einschärfen. Sie wandte sich nicht zur Verehrung Jehovahs, weil ihre Familie dies nimmer getan hatte. Sie hatte keinen Familienstuhl im Heiligtum, keine Prophetenkammer in ihrem Hause, keinen Namen, der unter dem Volk des Herrn zu bewahren war. Sie war die erste und einzige ihrer Rasse, die durch die Gnade berufen ward. Gott hatte sie als „eine aus einem Hause“ durch seine erwählende Liebe erlesen, und obwohl wir hoffen, dass die Gnade in dem Hause viele Generationen hindurch fortdauerte, so kam sie doch zu allererst durch Rahab hinein. Nun, wir wundern uns nicht so sehr, obgleich ich glaube, dass es in vieler Hinsicht ganz ebensosehr zur Ehre Gottes ist, wenn wir die Kinder gottesfürchtiger Eltern gläubig werden sehen; denn wenn wir an die vielen Gebete denken, die für sie dargebracht sind, an die Lehren, die sie empfangen, die liebevollen Ermahnungen, die sie gehört, und vor allem an die guten Beispiele, die sie gesehen haben, so staunen wir nicht sehr, obwohl es in Wahrheit, wenn die Bekehrung echt ist, in diesem Falle ebensosehr wie in jedem andren ein Werk des Geistes Gottes ist; aber wir staunen und wir können nicht anders, wenn wir einen aus einer Familie sich erheben sehen, in der nie früher wahre Religion wahrgenommen ist. Hier sehen wir eine einsame Palme in der Wüste, ein vereinzeltes Leben unter den Gräbern. Es ist ein Kampf, wie einige von euch das wissen, in der Stellung eines einsamen Zeugen für Gott in einer Familie zu stehen. Wenn ich Leute sehe, die nach dem Heilsweg forschen und mit jungen Personen zu reden haben, welche die einzigen in ihrer Familie sind, die überhaupt das Haus Gottes besuchen und irgend welche Gottesfurcht zeigen, so fühle ich viel Teilnahme für sie, weil ich weiß, sie werden viel zu leiden und ein schweres Kreuz zu tragen haben. Solche Neubekehrte gleichen nicht Pflanzen im Treibhause, sondern Blumen, die der Winterkälte ausgesetzt sind; doch ist es recht, hinzuzufügen, wie ich oft bemerkt, dass diese später zu den kräftigsten und entschiedensten Christen gehören, die ich je gekannt habe. Eben wie Rahab, obgleich ihr Glaube vereinzelt und wie eine Lilie unter den Dornen stand, so war er darum nicht weniger stark, sondern vielleicht umso unerschütterlicher.

Bedenkt ferner, dass ihr Glaube außergewöhnlich war, weil sie nicht in einem gläubigen Lande lebte. Nicht nur innerhalb ihres Hauses hatte sie niemand, der ihr gleichgestimmt war, sondern in der Stadt Jericho war sie, so weit wir wissen, die einzige, die an Jehovah glaubte. Wir können mit Recht schließen, dass, wenn andre Gläubige da gewesen wären, die Stadt entweder um der zehn Gerechten willen verschonet worden wäre oder sonst Mittel zu ihrer Erhaltung sich gefunden hätten; aber sie war die einzige dort. Hätten wir die Stadt Jericho aus der Vogelperspektive sehen können und gewusst, dass nur eine gläubige Seele darin sei, so bürge ich euch dafür, wir hätten nicht auf Rabahs Haus geblickt. Sie wäre ungefähr die letzte gewesen, von der wir vorausgesetzt, dass sie Glauben an den wahren Gott gehabt, Gott hat ein Volk, wo wir wenig davon träumen, und Er hat Erwählte unter einer Art von Leuten, für die wir nicht zu hoffen wagen. Wer würde denken, dass Gnade in dem Herzen von einer wachsen könnte, die eine Hure genannt wurde, als wenn ihre Sünde öffentlich allen bekannt wäre; dennoch wuchs sie da wie eine schöne Blume, die auf einem Dunghaufen blüht, oder wie ein glänzender Stern, der auf dem Antlitz der Nacht schimmert. Dort wuchs ihr Glaube und brachte Gott Ehre. Ich weiß nicht, welchen Gott man zu Jericho anbetete, aber die ganze Stadt war voll Götzendienst, und sie allein blickte zu dem lebendigen Gott auf. Die ganze Stadt war voll Unreinigkeit; und schlecht, wie sie gewesen war, musste ihr Glaube ihr jetzt Abscheu vor der Sünde eingeflößt haben. Jericho war eine Nachbarin Sodoms, nicht nur der Lage, auch der Beschaffenheit nach, und schlecht, wie dieses Weib gewesen, ist es doch wahrscheinlich, dass ihre Sünde zu den geringsten gehörte, die dort verübt worden. Es ist eine Schande, von den ekelhaften Verbrechen, die Jericho verunreinigten, auch nur zu sprechen. Als sie durch Gottes unumschränkte Gnade bekehrt ward, muss Rahab sich ebenso einsam in Jericho gefühlt haben, wie Lot es in Sodom getan. Sie war die einzige Gläubige unter einem götzendienerischen und verderbten Geschlecht. Dürfen wir nicht hoffen, lieben Freunde, dass aus den niedrigsten Winkeln unserer großen Stadt andre Rahabs kommen werden? Dürfen wir nicht darauf vertrauen, dass aus denen, die in unsren Gefängnissen gewesen sind, noch solche aufstehen, die an den Herrn, den Gott Israels, glauben? Dürfen wir nicht sogar hoffen, dass der Ruf des Evangeliums von dem Gerücht in Städte getragen worden ist, die von Missionaren nicht besucht sind, und dass hier und da in unbekannten Städten eine Rahab den Herrn sucht? Man kann nicht sagen, was die Gnade im stillen überall in der Welt tun mag, indem sie die Ein und Zwei herausliest, die Gott erwählt hat. Israel ließ es sich nicht träumen, dass es einen Verbündeten innerhalb der Mauern seiner Feinde finden würde, doch der Herr wollte es so, und es war so.

Denkt auch daran, dass Rahabs Glaube merkwürdig war, weil sie sehr geringe Mittel besaß, sich Kenntnisse zu erwerben. Sie hatte kein von Gott eingegebenes Buch zu lesen; sie war von keinem Propheten unterrichtet; kein Elias hatte im Namen Gottes zu ihr gesprochen; kein Jonas war durch die Straßen ihrer Stadt gegangen und hatte die Menschen zur Buße ermahnt. Die Belehrung, die sie erhalten, hatte sie sich nach und nach gesammelt. Sie hatte das Gerede auf dem Markt, das Geplauder am Brunnen und das Geschwätz außen vor den Stadttoren zusammengefügt und hatte daraus entnommen, dass ein Volk aus Ägypten gezogen und dass um seinetwillen und durch seinen Gott, Jehovah, der ägyptische König im Roten Meere untergegangen sei; dass Sihon, König der Amoriter, und Og, König zu Basan, in der Schlacht von diesem Volk überwunden worden; und dass es gewiss sei, dass es auf dem Wege wäre, das ganze Palästina einzunehmen, weil sein Gott es ihm gegeben. Aus diesen allgemeinen Berichten hatte dieses Weib genug Zeugnis entnommen, um ihren Glauben darauf zu gründen. Das Sprichwort sagt, dass allgemeines Gerücht eine allgemeine Lüge ist, aber in diesem Fall hatte der panische Schrecken, von dem ihre Landleute ergriffen waren, sie überzeugt, dass die Berichte wahr seien. Die Ausdrücke, in denen das Vorrücken Israels überall beschrieben ward, überzeugten sie, dass ein furchtbares Unglück wie eine Wolke über dem Lande hinge und den Hof sowohl wie das Heer und das Volk lähmte; sie sah, der Grund der Furcht war, dass ein lebendiger Gott bei diesem Volk sei, und sie sagte zu sich selbst: „Wahrlich, es ist ein Gott,“ und ihr Gewissen stimmte dieser Erklärung bei. Sie fühlte, es sei so, und Licht strömte in ihre Seele. Sie glaubte an Jehovah, den Gott Israels, und sie begann Ihn zu verehren und erwartete, dass die Sache, die Er verteidigte, erfolgreich sein würde, und dass die, welche seine Feinde waren, dem Verderben entgegengingen. Schwach, sage ich, war die Basis; stark genug an sich, aber viel geringer, als die „Zeile auf Zeile, Vorschrift auf Vorschrift,“ (Jes. 28, 10), die wir so lange Zeit erhalten haben. Viele der hier Anwesenden haben das ganze Buch Gottes vor sich, und glauben doch nicht; sie haben das Zeugnis von Tausenden seiner Heiligen, und glauben doch nicht; sie werden ernstlich ermahnt von lebenden Zeugen, und dennoch glauben sie nicht; aber dieses arme Weib mit ihren wenigen Gelegenheiten, von Gott zu hören, wurde doch gläubig. Hütet euch, dass sie nicht am Tage des Gerichts wider euch aufstehe. Sie glaubte viel geringerem Zeugnis, wie wollt ihr imstande sein, euren eignen hartnäckigen Unglauben zu entschuldigen? Ich bitte euch, lieben Hörer, denkt daran.

Vielleicht war das Wunderbarste an ihrem Glauben, dass sie ein Weib von solcher Art war. Sie war anscheinend eine Person, von der es am wenigsten glaublich war, dass sie zum Glauben an Jehovah gelangen würde. Sie war eine Hure, ein Weib, das eine Sünderin war und allgemein als solche bekannt. Verzweifelte Versuche sind gemacht worden, eine andre Bedeutung für das Wort zu finden, das mit Hure übersetzt ist, aber sie sind gänzlich fruchtlos gewesen. Beide, Paulus und Jakobus, erklärten betreffs ihrer, dass sie das war, was wir sie gewöhnlich nennen. Die Idee, dass sie eine Gastwirtin oder Schenkwirtin gewesen, ist absurd, weil man Gastwirte in jener Zeit nicht kannte, wie jedermann weiß. Eine solche Bedeutung dem hebräischen Original unterzuschieben, heißt nicht übersetzen, sondern missdeuten; und bei dem Griechischen hat niemand das je versucht. Sie war ohne Zweifel eine große Sünderin gewesen; es nützt nichts, die Sache zu beschönigen. Lasst die göttliche Gnade den Ruhm davon haben. Warum sollten wir wünschen, Gott seine Ehre zu rauben, dass Er ein solches Weib von ihrer Sünde befreit hat? Aber nachdem sie zum Glauben an Jehovah gekommen war, da, nehme ich an, gab sie ihre Sünde auf und ward ganz anders, obwohl sie immer noch unter ihrem früheren Titel bekannt war. Wir lesen, dass sie die Kundschafter unter den Flachsstengeln verbarg. Zu welchem Zweck hatte sie Flachsstengel auf dem Dach, wenn sie nicht angefangen, ein fleißiges, arbeitsames Weib zu sein? Eine Kleinigkeit deutet oft den Charakter an; ein Strohhalm zeigt, von welcher Seite der Wind weht, und es ist mir höchst wahrscheinlich, dass sie ihr unheiliges Leben aufgegeben hatte. Und dann, da Gastfreiheit in Jericho und den andren kananitischen Städten vergessen worden war, und sie als eine Nachfolgerin Jehovahs wusste, dass Er Gastfreiheit liebte, ging sie dann und wann zum Tor der Stadt, gerade wie Lot es zu tun gewohnt war, und sah nach Fremden aus, die sie aufnehmen könne. Sie ward nicht verdächtig, wenn sie dies tat, weil ihr alter Name ihr noch anklebte und ihr die Freiheit gab, zu tun, was andre nicht versuchen konnten, ohne des Verrates gegen die Krone verdächtig zu werden, wenn sie Fremde und Gegner aufnahm. So zweifle ich nicht, dass sie sehr redlicherweise Fremde bewirtete, und dass der Grund, weshalb bei dieser Gelegenheit die Kundschafter zu ihr kamen, der war, dass sie gewöhnlich nach Wanderern aussah, die sonst eine schlechte Behandlung von ihren gottlosen Landsleuten erfahren hätten. So brachte der großmütige Sinn, den wahre Religion ihr gab, sie in Berührung mit den Israeliten, die kamen, um das Land auszukundschaften, und diese wurden in Gottes Hand das Mittel zu ihrer Bewahrung, als die Stadt zerstört wurde. Die Gnade Gottes hatte, selbst ehe diese Männer kamen, sie aus ihrem früheren Selbst herausgehoben; und obgleich ihr alter Name ihr noch blieb, so meine ich doch Gründe zu sehen für die Annahme, dass ihr früherer Charakter geändert und sie eine neue Kreatur durch die Macht des Glaubens geworden war. Indessen, sie war einst eine Hure, und es ist ein Wunder, dass sie eine Gläubige ward. Wunder der Gnade sind Gottes Freude, Er liebt um Jesu willen, die Niedrigsten der Niedrigen und die Schlechtesten der Schlechten zu sich zu rufen. Der Herr handelt noch immer in derselben Art. Lasst uns gewiss sein, dass Jesus immer noch Sünder annimmt, und dass Zöllner und Hurer eher in das Himmelreich kommen, denn die Selbstgerechten und Krittler. Es ist sehr merkwürdig, dass in dem Stammbaum Christi so viele Frauen mit beflecktem Charakter sind; dass da eine blutschänderische Thamar, eine Hure Rahab, eine götzendienerische Ruth und eine ehebrecherische Bathseba sind, so dass Jesus Christus, der Heiland der Sünder, seiner irdischen Abkunft nach von Sündern abstammt und ihnen nahe verwandt ist. O, die Tiefen der Gnade Gottes! Wie unvergleichlich ist die Herablassung des Erlösers!

Noch eins, Rahabs Glaube war ungewöhnlich, weil der Gegenstand desselben ein schwieriger war. Was war es, das sie zu glauben hatte? War es nicht dies, dass Israel Jericho zerstören würde? Nun, zwischen Jericho und den zwölf Stämmen floss der Jordan, und die Israeliten hatten keine Mittel zum Übergang über denselben. Nur ein Wunder konnte diesen überfließenden Strom teilen. Erwartete Rahabs Glaube ein Wunder? Wenn das, so war er merkwürdig stark. Um Jericho herum stand eine gigantische Mauer. Es war nicht wahrscheinlich, dass die Belagerer sie erstürmen oder eine Bresche darin machen würden. Dachte Rahab, dass die Mauern platt auf den Boden fallen würden? Oder überließ sie die Art der Einnahme Gott, glaubte aber fest, dass sie erobert werden würde? Wenn das, so war sie ein Weib von nicht geringem Glauben. Ich habe intelligente Christen gekannt, deren Glauben weder eine Flut zerteilen noch über eine Mauer hätte springen können; aber dieses armen Weibes Glaube an Gott tat beides. Sie war gewiss, dass der Gott des Roten Meeres der Gott des Jordans sein würde, und dass der, welcher Og, den König zu Basan, schlug, auch den König zu Jericho schlagen könnte. Ihr Glaube war eigentümlich, weil er stark war und stärker, als der Glaube oft in denen ist, die viel mehr haben, worauf sie ihn gründen können.

Nun, lasst jeden von uns sagen, wenn wir an den eigentümlichen Glauben dieses Weibes denken: „Warum sollte ich nicht denselben Glauben an den lebendigen Gott haben? Gott kann ihn mir geben. Wenn auch mein vergangenes Leben sehr mit Sünden befleckt ist, weshalb sollte ich nicht doch mein Vertrauen auf den Herrn, den Heiland, setzen? Ist nicht der Glaube gerade die Gnade, die einen Sünder am besten geziemt und am meisten für ihn tut? Hat Gott nicht Jesum Christum in die Welt gesandt, um die Menschen von der Sünde zu erlösen? Hat Er nicht schon viele durch die Macht seines Geistes und die Kraft seines kostbaren Blutes erlöst? Ich will an Jesum glauben.“ O, möge der Heilige Geist euch in diesem Augenblick Glauben geben. Möge Gottes erwählende Liebe einige hier erlesen, die, wenn nicht tatsächlich, doch im Herzen ebenso schlecht gewesen sind wie Rahab; und mögen sie durch unendliche Barmherzigkeit dahin gebracht werden, ihr im Glauben nachzuahmen, wie sie ihr in der Sünde gefolgt sind. Kommt, ihr Gefallenen, Jesus kann euch aufrichten. Kommt, ihr Unreinen, Jesus kann euch reinigen. Glaubet, und das ewige Leben ist euer.

II.

Zweitens, Rahabs Glaube war tätig. Es war kein schlummernder oder toter Glaube; es war ein wirksamer. Er war tätig, zuerst geistig. Als sie glaubte, begann sie zu denken. Einige Leute werden bekehrt bei Erweckungen und wilden Aufregungen, und mir scheint es, als wenn sie entweder gar kein Gehirn hätten oder als wenn die Gnade nie in ihren Kopf hineingekommen wäre. Ihr müsst stets eine große Aufregung im Gange halten, sonst werdet ihr sie vermissen. Sie haben keine wohl erwogenen Grundsätze. Wenn ihr sie fragtet, was sie glaubten, so würden sie es nicht wissen und würden auch nicht imstande sein, zu sagen, warum sie glauben. Sie glauben wahrscheinlich, weil andre Menschen glauben; der Prediger ist eifrig, und sie hören ihn gern, daher ihr Glaube; einen vernünftigen Grund haben sie nicht. Die besten Gläubigen im Beharren und Ausdauern sind die Nachdenkenden, Männer von Grundsätzen, Männer, die wägen und urteilen. Natürlich haben sie bei ihrem Nachdenken umso mehr Kämpfe, aber auf der andren Seite sammeln sie Kraft durch die geistige Übung; und dies sind die Männer, die sich nicht wägen und wiegen lassen von allerlei Wind der Lehre, sondern feststehen in der Stunde der Versuchung. Wollte Gott, wir hätten ein großes Heer von nachdenkenden Gläubigen, denn dann würden Ritualismus und Rationalismus weit weniger Schaden tun.

Rahab war ein nachdenkendes Weib und hatte ihr eigenes System der Theologie. Sie kannte die Vergangenheit, sie kannte die Geschichte vom Roten Meer und von Og und Sihon; sie wusste etwas davon, dass Gott in seinem Bunde verheißen, das Land den Israeliten zu geben, und daraus schloss sie auf die Gegenwart. Beachtet ihre Lehre von den gegenwärtigen Dingen: „Der Herr, euer Gott, ist ein Gott, beides, oben im Himmel und unten auf Erden.“ Sie stellte dies als gewisse Tatsache auf, dass der Herr, der so viel getan, der Gott oben im Himmel und unten auf Erden sein müsse; und daraus zog sie ihren Schluss auf die Zukunft. Sie glaubte, dass Gott das Land in Israels Hände geben würde, und sie bat, dass, wenn der Herr dies täte, sie freundlich und treu gegen sie handeln möchten. So hatte sie eine Lehre über die Gegenwart, die Vergangenheit und Zukunft und hatte es alles in ihrem eignen Geiste geordnet. Aber ihr Denken war nicht nur so tätig, dass sie eine Lehrmeinung aufstellte, ein Ausleger nennt sie sogar eine Semiprophetin, sondern sie war auch tätig in ihrer Entscheidung für den Herrn. Sie sagte: „Ich gehöre zu dieser Stadt, ich habe Bürgerrechte in Jericho; ich will sie alle aufgeben. Gott ist gegen diese Stadt, und sie wird zerstört werden, und ich werde umkommen in ihr, wenn ich gegen Gott bin; aber Er ist der wahre Gott; ich will mich deshalb auf seine Seite stellen und die Partei seines Volkes nehmen; wenn Er mich nur haben will, so will ich mich unter den Schatten seiner Flügel begeben und Ihn bitten, den Saum seines Gewandes über mich zu breiten. Fortan bin ich nicht mehr eine Bürgerin Jerichos: ich sage mich von der Treue gegen seinen König los,“ und als die Kundschafter kamen, wusste sie, was sie zu tun hatte; sie sah sich nicht als verpflichtet an, teil an der Verteidigung der Stadt zu nehmen dadurch, dass sie dem König sagen ließ, es seien Kundschafter gekommen. Sie betrachtete sich als Israelitin und handelte als solche. O, ich wünschte, dass einige, die sich Christen nennen, nur halb so entschieden wären. Sie kennen die Wahrheit, aber sie erheben sich nicht für dieselbe; sie können dieselbe bemäkeln und mit schlechten Worten benennen hören, und doch kocht ihr Blut nie vor Unwillen über die Gegner Gottes. Sie halten sich sehr ruhig, und vielleicht ist eine Ursache davon, dass sie nichts zu sagen haben. Sie haben Christum nicht gelernt, sie haben keinen Grund für die Hoffnung, die in ihnen ist, und deshalb können sie denselben nicht geben „mit Sanftmütigkeit und Furcht;“ und ihre Religion scheint ein toter Buchstabe, soweit ihr Verstand in Betracht kommt. Gott befreie uns von einem solchen Glauben. Mögen wir einen Glauben haben, der unsren ganzen Menschen durchdringt, unser Urteil leitet, unseren Verstand erleuchtet und uns entschieden für Wahrheit und Gerechtigkeit macht, in welche Gesellschaft wir auch geraten.

Aber danach kam eine andre Form der Tätigkeit. Ihr Glaube war tätig in ihrem eignen Kreise. Wie ich schon gemutmaßt habe, dass sie willig wurde. Fremde zu beherbergen, so wusste sie sogleich, was zu tun, als sie die Knechte Gottes in der Gestalt von zwei Kundschaftern sah. Sie nahm sie mit nach Hause und tat ihr Bestes, sie zu verbergen. Sie wollte nicht eine Heldin vorstellen und sagte nicht: „Nun ich eine Verehrerin Jehovahs bin, muss ich etwas Außerordentliches tun.“ Sie packte nicht ihre Kleider zusammen, um nach einem fernen Ort zu gehen, wo sie glänzenderen Dienst für Jehovah finden konnte; sondern sie blieb, wo sie war, und diente Gott da. Sie sorgte für ihre Gäste und hielt ihr Haus in Ordnung. Ich bin der Ansicht, dass häusliche Pflichten eine der besten Formen der Glaubenstätigkeit, besonders für christliche Frauen, sind. Unsre Aufgabe ist nicht, zu tun, was uns einfällt, sondern was der Herr uns zuweiset. Von mancher christlichen Frau ist es am besten, wenn es von ihr heißt, wie von Sara, als sie fragten: „Wo ist Sara?“ und die Antwort war: „In ihrem Zelt.“ Es ist eine gute Sache, wenn ein Christ fühlt, dass er sein Werk nicht wählen will, sondern das nehmen, was Gott für ihn wählt; er nimmt sich vor, nicht einen andren nachzuäffen, sondern dem besonderen Pfad zu folgen, den der Herr ihm bezeichnet. Rahab sollte nicht der Jael gleichen und einen Nagel durch die Schläfe des Königs von Jericho schlagen, noch sollte sie eine Debora sein und einen Barak zur Schlacht rufen. Sie hatte zu Hause Werk für ihre Hände, und was ihre Hand zu tun fand, das tat sie mit all ihrer Kraft. Möchten wir in euch allen, die ihr Christen seid, den Glauben sehen, der in seinem eignen Kreise wirkt; möchtet ihr die Religion der alltäglichen Dinge zeigen. Liebt nicht das fahrende Rittertum. Seid nicht geistliche Don Quichote. Gott hat euch zu dem gemacht, was ihr seid, eine Mutter oder eine Tochter, ein Ehemann, ein Diener oder ein Herr; dient Gott als solche. Es ist etwas zu tun für euch in eurer Stellung. Außergewöhnliche Rufe mögen kommen, und ich bitte Gott, sie möchten zu einigen hier Anwesenden kommen, aber es ist nicht wahrscheinlich, dass sie denen gegeben werden, die nicht ihre jetzigen alltäglichen Gelegenheiten benutzen können. Wir mögen zu einem ganz besonderen Dienst berufen werden und ganz besondere Gnade empfangen, aber es ist am besten für uns, bis wir einen solchen Ruf fühlen, unsre Pflicht zu tun in der Lebensstellung, in die uns Gott gebracht hat. Mose hütete Schafe, bis ihm befohlen ward, Israel zu befreien. Gideon drosch, als der Engel ihm erschien; und die Jünger fischten, als Jesus sie rief. Sie waren fleißig in ihrem Beruf und warfen sich dann mit ganzem Herzen in ihren höheren Beruf hinein. So tat Rahab. Die Kundschafter kamen zu ihr, sie empfing sie in Frieden, sie verbarg sie, und nachdem sie das getan, ließ sie sie an einem Seil von ihrem Hause aus der Mauer herab, was sie vielleicht früher bei ganz andren getan. Dann gab sie ihnen den besten Rat, den sie geben konnte, und erhielt ihnen so das Leben. Sie füllte eine sehr notwendige Stelle in der Geschichte Israels aus. Ihr Glaube war wirklich tätig und ist zu loben. — Und lasst mich sagen, sie tat dies alles nach ihrem besten Vermögen und brauchte ihren gesunden Verstand. Sie bedeckte sie mit Flachs; sie brachte sie auf das Dach des Hauses; sie ließ sie herab, als es finster war; sie empfahl ihnen, drei Tage dort zu bleiben, bis die Hitze der Verfolgung vorüber sei; sie handelte klug. Sie tat alles, was sie konnte, und sie tat es mit merkwürdigem Takt und Scharfsinn. Ich konnte nie begreifen, weshalb wahre Religion so oft mit Dummheit verbünden sein müsse; und doch habe ich bemerkt, dass manche fromme Leute entweder eine kindische Einfalt affektieren oder dass sonst der Herr in der Tat das, was töricht ist vor der Welt, erwählt hat. Wenn ihr Glauben habt, so braucht ihr darum sicherlich nicht zu handeln, als wenn ihr den Verstand verloren hättet. Mir scheint, dass der Glaube gesunder Verstand ist, der vergeistlicht und in Religionsangelegenheiten hineingetragen wird, und dass es ganz damit vereinbar ist, nein, dass es von uns gefordert wird, gesunden Verstand in unsren gewöhnlichen Angelegenheiten zu behalten. Wir sollen klug wie Schlangen sein ebensowohl als ohne Falsch wie Tauben. Sagt der Apostel nicht: „am Verständnis seid Männer.“ (1 Kor. 14, 20.) O, wenn die Menschen ihren Verstand ebensosehr brauchten, wenn sie Gott dienen, als wenn sie nach Geld trachten, wieviel mehr würde in der Gemeinde und in der Welt getan werden, aber es werden oft Missgriffe gemacht in der Leitung christlicher Gesellschaften und christlicher Gemeinden, wie sie keinen Augenblick in einem Geschäftshause geduldet werden würden, und man lässt bei christlichen Unternehmungen Männer an der Spitze und vornan stehen, die nicht ihr Salz wert wären, wenn sie Stecknadeln verkauften oder Schweine trieben. Wir sollten ebenso überlegend, ebenso sorgsam, klug, scharfblickend, unternehmend, wie wenn ich sagte, ebenso vorwärtsdringend im Dienste Gottes sein, wie in den Geschäften des Lebens. Ich lobe Rahabs Glauben um deswillen, weil sie sehr tätig war, und tätig in der Weise, in der sie am besten der Gemeinde Gottes dienen konnte und all ihren Verstand und ihre Fähigkeiten anstrengte.

Rahab war auch tätig auf große Gefahr hin. Ihr Glaube ließ sie die Gefahr laufen, ihr Leben zu verlieren, denn wenn die Kundschafter entdeckt worden wären, so hätte man kurzen Prozess mit ihr gemacht. Das Schwert des Königs von Jericho würde bald das Haupt des Weibes abgeschlagen haben, das gewagt, die Feinde des Landes zu verbergen. Sie wagte fröhlich alles auf die Wahrheit Gottes hin und lief jede Gefahr, um die Diener des Herrn zu retten. Hierin steht sie weit über denen, die nicht ihre Beschäftigung, ihre Stelle, ihren guten Namen oder auch die Liebe eines einzigen Verwandten um Christi willen aufs Spiel setzen wollen.

Sie besaß also einen tätigen Glauben, und wir können von ihr sagen, wie Jakobus es tut: „Desselben gleichen die Hure Rahab, ist sie nicht durch die Werke gerecht geworden, da sie die Boten aufnahm und ließ sie einen andren Weg hinaus?“ Waren ihre Werke nicht mit ihrem Glauben verbunden? War nicht der Glaube, der sie rechtfertigte, ein Glaube, der gute Werke hervorbrachte? Wirkte nicht der Heilige Geist in ihr eine sichtbare Tätigkeit, die ihren Glauben rechtfertigte, indem sie ihn als wirklich bewies, und sie selber rechtfertigte, indem sie zeigte, dass sie aufrichtig war?

III.

Rahabs Glaube war durch grobe Schwachheiten entstellt.

Sie log den Männern, die zur Tür kamen, die Kundschafter zu ergreifen. Sie sagte, zwei Fremde wären zu ihr gekommen, aber sie wüsste nicht, woher sie gekommen, was eine Lüge war; und sie wüsste nicht, wohin sie gegangen wären, sie wären vor einer Weile fortgegangen und man täte besser, sie zu verfolgen; dies war eine andre Falschheit und ist ganz und gar unentschuldbar. Aber zugleich bedenkt, bitte, dass sie nicht wusste, es sei unrecht, zu lügen. Es war ohne Zweifel in ihrem Gewissen ein schwacher Schimmer einer Idee davon, dass Lügen etwas Böses sei, aber doch hinderten ihre Umgebungen sie daran, es klar zu wissen, wie wir es wissen. Bis auf diesen Tag ist es unter vielen Orientalen weit gewöhnlicher, zu lügen, als die Wahrheit zu sprechen; in der Tat, ein völlig gut erzogener Urbewohner des Morgenlandes spricht nie die Wahrheit, wenn nicht aus Versehen, und es würde ihm sehr leid tun, wenn er wüsste, dass er es auch nur zufällig getan. Unter den Hindus kann man nicht leicht den Leuten glauben, auch wenn sie einen Eid vor Gericht ablegen. Wir verachten einen großen Lügner, aber die Morgenländer betrachten ihn als ein Genie. Traurig ist es, aber es ist immer so gewesen, und dies erklärt es zum großen Teil, wenn wir solche Männer wie Abraham und Isaak unter gewissen schwierigen Verhältnissen überlegterweise etwas sagen sehen, was nicht ist. Ihr müsst Individuen von ihrem eignen Standpunkt aus beurteilen und ihre Umstände in Erwägung ziehen, sonst mögt ihr ihnen unrecht tun. Ich will nicht Rahabs Lüge entschuldigen. Eine Lüge von Rahab oder von Abraham ist ebenso schlecht als von jedem andren; aber in diesem Falle muss man dies sagen, sie war nicht gelehrt worden, wie die meisten von uns es sind, dass eine Lüge eine herabwürdigende Sünde ist. Niemand hatte je zu ihr gesagt: „Täuschen ist dem Gesetze Gottes zuwider, denn sein Geist lehrt uns, nicht untereinander zu lügen, da wir den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen haben.“ Noch ein andres muss gesagt werden. Ich habe oft versucht, mich in Rahabs Stelle zu versetzen und habe gesagt: „Nun, gesetzt, ich hätte zwei Diener Gottes verborgen während der alten Zeit der Dragoner von Claverhouse; zum Beispiel, wenn ich Alexander Peden und Cameron im Hinterzimmer hätte, und zwei Dragoner vor die Tür ritten und fragten: „Sind die Prediger hier?“ Ich habe versucht, mir vorzustellen, was ich sagen sollte und bin nie imstande gewesen, zu einem Entschluss darüber zu gelangen. Ich nehme an, dass ich mehr Licht besitze als Rahab, und sicherlich habe ich mehr Muße gehabt, den Fall zu erwägen, und dennoch sehe ich nicht, was ich hätte tun sollen. Ich wundere mich deshalb nicht, dass sie stolperte. Und ich staune nicht eben, dass sie das sagte, was sie sagte, denn ihrer unwissenden und angstvollen Seele konnte sich am leichtesten dieser Gedanke aufdrängen. Ich habe sehr viele Pläne gemacht von dem, was ich hätte sagen wollen. Ich sehe nicht ein, wie ich hätte sagen können: „Ja, sie sind im Hause.“ Das hieße Gottes Diener verraten, und das möchte ich nicht tun. Ich habe sehr viele schön aussehende Pläne zusammengebraut, aber ich bekenne, dass sie bei näherer Prüfung alle mehr oder weniger einen Anflug von der List hatten, die versucht, Betrug zu rechtfertigen oder zu verbergen, und deshalb hatte ich sie alle aufzugeben als etwas, das nicht besser als Falschheit sei und vielleicht nicht ganz so gut. Ich bin nicht sicher, ob Rahabs Lüge nicht ehrlicher und gerader war, als manche Ausflucht, die sehr klugen Leuten in den Sinn gekommen ist; in der Regel sind Dinge, die nicht gleich in die Augen springen, zu denen Klugheit nötig ist, um sie einzugeben, ziemlich verdächtig. Zieht einem Russen die Haut ab, und ihr findet einen Tartaren, und wenn man diesen hübschen Plänen die Haut abzieht, so schälen sich doch Falschheiten heraus. Ich will kein Wort zur Verteidigung der Falschheit sagen, das sei ferne. Sie ist unrecht, unrecht, unrecht, ganz und gar unrecht; aber trotz dessen, ehe ihr Rahab verurteilt, seid ganz gewiss, dass ihr euch nicht selbst verurteilt, und fragt euch zuerst, was ihr unter den Umständen gesagt und was ihr getan haben würdet. Die Wahrheit zu sagen, ist immer recht. An die Folgen soll man nicht so sehr denken als an die Forderungen des Gottes der Wahrheit. Zuweilen hat die einfache Wahrheit eine sehr wunderbare Wirkung gehabt, und ohne Zweifel würde sie in jedem Falle die Beste Politik sein. Ich habe von einem Manne gehört, der vor den Richter Jeffreys gebracht wurde und der Empörung gegen König Jakob den Zweiten angeklagt ward, und es war stets wenig Hoffnung auf die Freilassung eines Mannes, der einmal vor dies Ungeheuer geführt war. Dieser Mann aber, Story mit Namen, hatte einen großen Ruf der Ehrlichkeit, und Jeffreys brachte ihn vor den König, damit er für sich selbst spräche. Soweit ich mich der Geschichte entsinne, war sie ungefähr so: Der König sagte: „Nun, Story, Ihr wart in Monmouths Armee, nicht wahr?“ „Ja, zu dienen, Majestät.“ „Und Ihr wart ein Kommissar da, nicht wahr?“ „Ja, zu dienen, Majestät.“ „Predigtet Ihr nicht und hieltet Anreden an das Volk?“ „Ja, Majestät.“ „Bitte,“ sagte der König: „Wenn Ihr nicht vergessen habt, was Ihr sagtet, lasst uns eine Probe von Eurer schönen, blühenden Rede haben, gebt uns einige Blumen Eurer Rhetorik und ein paar der Hauptpunkte, die Ihr hervorhobt.“ „Ich sagte Ihnen, Majestät, dass Sie es wären, der die Stadt London in Brand gesteckt hätte.“ „Ein seltener Spitzbube, auf mein Wort,“ sagte der König, „und was sagtet Ihr ihnen mehr?“ „Ich sagte, Sie hätten Ihren Bruder vergiftet und wären entschlossen, uns alle zu Papisten und Sklaven zu machen.“ Nun hatte der König genug gehört und fragte ihn, was er sagen würde, wenn er ihm nach all diesem das Leben und volle Verzeihung schenken würde. Story erklärte darauf, dass er in diesem unwahrscheinlichen Falle ein ganz loyaler Untertan werden würde, worauf er volle Begnadigung erhielt als ein ehrlicher, obwohl im Irrtum befindlicher Mann.

In seinem Falle tat offene Sprache, was Falschheit nicht getan haben könnte, und wenn es sich nicht in allen Fällen so erwiese, so ist doch unsre Pflicht ganz klar, und wir müssen deshalb bereit sein, sie zu tun und die Folgen auf uns zu nehmen. Ich nehme an, wenn Rahab sehr großen Glauben besessen, würde sie gesagt haben: „Es ist meine Sache, Gott zu dienen, aber nicht Gottes Gesetze zu brechen, und da es ein Brechen der Gesetze Gottes wäre, zu lügen, so will ich es nicht tun. Ich will für seine Knechte sorgen, soweit es möglich ist, aber es ist seine Sache doch zuletzt, für sie zu sorgen, und ich darf nicht Böses tun, auf dass Gutes herauskomme.“ Obwohl dies das Beste gewesen wäre, so war Rahab noch nicht unterrichtet genug, daran zu denken, und ich fürchte, sehr viele hier würden auch nicht daran gedacht haben. Ihr Fehler war keineswegs so, dass wir Steine auf sie werfen können; vermeidet ihn sorgfältig, aber tadelt ihn nicht selbstgefällig.

IV.

Rahabs Glaube war einer, der den Gebrauch äußerer Zeichen und Siegel nicht verschmähte. Bitte, beachtet dies. Es gibt Leute in der Welt, die ganz und gar die äußeren verordneten Mittel verachten; diese Menschen mögen gut sein, aber sie sind nicht weise. Rahab verlangte zuerst von den Kundschaftern einen Eid, dass sie sie am Leben lassen wollten, und dann gaben sie ihr ein Zeichen, ein rotes Seil, das sie in das Fenster knüpfen sollte. Dies war die blutrote Fahne Israels. Ward sie nicht in der Nacht des Passah aufgezogen, damit der Engel vorübergehen und das Volk verschonen möchte? Sie fühlte großen Trost, als sie dies Zeichen in das Fenster geknüpft hatte. Sie war nicht abergläubisch; sie glaubte nicht, dass irgend etwas Mystisches in dem roten Seil sei, sondern sie befestigte es dort, weil es ihr geheißen war, das zu tun. Nun, der höchste Glaube an Christum ist vollkommen verträglich mit dem gehorsamen Gebrauch christlicher Sakramente. Wir vertrauen auf das kostbare Blut Christi, nicht auf Sakramente. Gott verhüte, dass wir je unsre Hoffnung auf Taufe oder Abendmahl gründen sollten. Was sind diese Dinge in sich selber anders als Eitelkeit, wenn wir unsre Zuversicht darauf setzen? Aber doch hat der Herr uns die Taufe als das Sinnbild seines Todes, seines Begräbnisses und seiner Auferstehung gegeben; und wenn wir glauben, dass wir mit Ihm begraben und auferstanden sind, so lasst uns dies rote Seil in unser Fenster hängen. Er hat uns das Abendmahl als das Sinnbild seines Todes gegeben; lasst uns zu seinem Gedächtnis das Brot essen und den Wein trinken. Wir vertrauen nicht im geringsten Grade auf diese Sinnbilder. Wir verabscheuen die Idee. Doch hängen wir das rote Seil in unser Fenster und lassen so alle Menschen wissen, dass wir an Christum glauben. Wir schämen uns nicht, seinen Tod zu verkünden, bis dass er kommt. Ja, und wir treten in das Haus ein, das ist in die Gemeinde, und es ist unsre Freude, dort zu weilen und unter das Volk Gottes gezählt zu werden. Wir schämen uns nicht, als Mitglieder der Brüderschaft des Herrn Jesu Christi bekannt zu sein. Sucht nicht einen Glauben zu erlangen, welcher den Beistand abweist, den Gottes Geist euch bestimmt. Alles, was Erfindung der Menschen ist, legt beiseite, aber das, was Gott verordnet hat, ist für euer Wohl, und ihr seid verbunden, es zu beobachten, wenn es auch so klein wäre wie ein rotes Seil im Fenster.

Ihr Glaube war errettender Glaube. Ich habe gezeigt, dass er an großen Schwächen litt, aber er war desungeachtet wirksam. Sie ward errettet, als die ganze Stadtmauer umfiel. Ihr Haus war auf der Mauer, aber es stand da. Muss es nicht sonderbar erschienen sein? Die Mauern begannen zu wanken und zu schwanken, und dann fielen sie mit donnerndem Krachen um, und dichte Staubwolken stiegen empor; aber über allem stand das Stück der Mauer, auf dem Rahabs Haus war, wie ein Eiland inmitten der stürmischen See. Die Israeliten stürzten über die Trümmer der Mauern, verfolgten die dem Untergang Geweihten mit Wut und erschlugen sie, denn sie waren von Gott verordnet, die Vollstrecker seines Urteils zu sein. Nicht einer entkam, aber kein Schwert nahte Rahabs Hause, kein Tod nahm einen ihrer Verwandten hinweg. Sie war errettet. Sie wurde mit ihren Verwandten aus ihrem Hause geführt und außen vor das Lager der Israeliten gebracht und nachher in dasselbe aufgenommen. Sie ward mit Salma, einem der Fürsten Judas, verheiratet und hatte später die hohe Würde, eine der Ahnmütter unsres Herrn zu sein. So, lieben Brüder, wird wahrer Glaube an Christum, trotz seiner Schwäche, uns erretten, uns von der Welt trennen, uns mit dem Israel Gottes verbinden, mit dem wahren Fürsten Judas vermählen, uns mit dem Herrn Jesu Christo in Verwandtschaft bringen; und welche höhere Würde können wir erlangen?

VI.

Hiermit werde ich schließen, wenn ich den letzten Punkt erwähnt habe, und der ist, ihr Glaube ward von Gott angenommen, so dass sie das Werkzeug zur Errettung andrer wurde. O, ich liebe dies an Rahab, dass sie nicht nur für ihre eigne Sicherheit sorgte. Ihre Sünde hatte nicht ihr Herz verhärtet, wie Sünde es in vielen Fällen tut. Sie dachte an ihren Vater und ihre Mutter und ihre Brüder und Schwestern. Nun, wo immer ein wahres Kind Gottes ist, da wird Sorge um seine Angehörigen sein. Wenn ihr nicht eure Kinder errettet wünscht, so seid ihr selbst nicht errettet. Ich habe Namenchristen gesehen, die es für ganz genügend hielten, allein zum Himmel zu gehen. Ich kannte einen Mann, der am Sonntag zwanzig Meilen ging, um „die Wahrheit“ zu hören — nirgends wurde sie gepredigt, ausgenommen an einem Platze; aber wenn man ihn fragte, wohin seine Familie ginge, so sagte er, das wäre nicht seine Sache — Gott würde seine Auserwählten retten. Solche Leute sind nicht Gottes Kinder, denn Gottes Kinder sind nicht schlechter als Heiden und Zöllner, sie tragen Sorge für ihre eignen Hausgenossen. Rahab war eine gute Tochter; bei all ihrem Unrecht liebte sie doch ihren Vater und ihre Mutter. Sie war eine gute Schwester und wünschte ihre Brüder und Schwestern errettet. O, ihr christlichen Leute, sucht in euren verwandtschaftlichen Verhältnissen gut zu sein. Ich wollte keinen Pfennig um dich geben, wenn du nicht ein guter Ehemann oder eine gute Ehefrau bist. Hinweg mit deinem Christentum, wenn es dich zu einem schlechten Kinde macht. Ein herrischer, verdrießlicher Vater, ein rebellisches Kind, ein klatschendes Weib, eine faule, schlampige Magd, ein tyrannischer Herr, diese mögen Satan angehören, aber Gott will sie nicht anerkennen, Rahab hatte bei allem, was Unrecht an ihr war, doch eine starke Liebe zu ihren Verwandten.

Aber bemerkt, dass sie, so lieb sie dieselben hatte, sie doch nicht retten konnte, wenn sie nicht unter der roten Fahne sich sammelten. Wenn jemand von ihnen in den Straßen blieb, während die Israeliten das Volk erschlugen, so mochten sie sagen: „Wir gehören zu Rahab,“ aber die Antwort wäre gewesen: „Wir können nicht davor; wir schworen den Eid, alle zu schonen in dem Hause, wo das rote Seil ins Fenster geknüpft ist, und wenn ihr da nicht seid, könnt ihr nicht verschont werden.“ Es wird nichts nützen, im Sterben zu sagen: „Verschone mich, o Racheengel, meine Mutter betete für mich, meine Schwester rang heftig um meine Bekehrung.“ Nein, ihr müsst persönlich euch in Christo verbergen und einen wirklichen Glauben an Ihn haben, sonst können keine Gebete andrer euch nützen. Aber es war Gnade, dass Gott der Rahab half, alle ihre Verwandte hereinzubringen. Ihr Vater sagte nicht: „Nein, mein Kind, ich glaube nicht daran.“ Einige von euch haben Väter, die so sprechen. Betet ernstlich für sie. Und die Mutter sagte nicht: „Du bist verrückt, ich habe immer geglaubt, dass es nicht ganz richtig mit dir wäre. Komme nicht und lehre deine Mutter.“ Nein, sondern die Mutter kam auch. Als die Israeliten die sechs Tage um die Stadt zogen und die Leute in Jericho lachten und sagten, was für Narren sie wären, zu glauben, dass die Mauern umfallen würden, weil sie um dieselben herumgingen, da vertraute sie immer noch auf Gott: aber ich möchte wohl behaupten, dass es ihr schwer ward, ihre lebhaften Schwestern und ihre disputierenden Brüder zu überreden, auch zu glauben. Sie sagten vielleicht: „Rahab, bist du ganz klar hierüber? Ist es nicht alles eine bloße Komödie? Indes, Gott gab ihr einen solchen Einfluss, so groß war die Macht ihres Glaubens, dass sie alle in dem Hause blieben und mit ihren Familien errettet wurden. Das Haus, denke ich, war so voll von unten bis oben, wie es nur sein konnte, und Rahab war froh, es so zu sehen. Gott gebe, dass ich meine ganze Familie so bewahrt sehe. Ich bin gewiss, jedes Kind Gottes hier seufzet dasselbe Gebet: „Gott der Rahab, gib mir meinen Vater und meine Mutter und meine Brüder und Schwestern und alle meine Verwandten.“ Der Herr erhöre eure Gebete und segne euch um Jesu Christi willen. Amen.

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autoren/s/spurgeon/r/spurgeon-rahab.txt · Zuletzt geändert: von aj
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