Quandt, Emil - Der Brief St. Pauli an die Philipper - XVIII. Drei Forderungen für den gesegneten Verkehr der Christen miteinander.

Quandt, Emil - Der Brief St. Pauli an die Philipper - XVIII. Drei Forderungen für den gesegneten Verkehr der Christen miteinander.

Kap. 2, 25-30.

Ich habe es aber für nötig angesehen, den Bruder Epaphroditus zu euch zu senden, der mein Gehilfe und Mitstreiter, und euer Apostel, und meiner Notdurft Diener ist; sintemal er nach euch allen Verlangen hatte, und war hoch bekümmert, darum, dass ihr gehört hattet, dass er krank war gewesen. Und er war zwar todkrank, aber Gott hat sich über ihn erbarmt; nicht allein über ihn, sondern auch über mich, auf dass ich nicht eine Traurigkeit über die andere hätte. Ich habe ihn aber desto eilender gesandt, auf dass ihr ihn seht, und wieder fröhlich werdet, und ich auch der Traurigkeit weniger habe. So nehmt ihn nun auf in dem Herrn, mit allen Freuden, und habt solche in Ehren. Denn um des Werks Christi willen ist er dem Tode so nahe gekommen, da er sein Leben geringe bedachte, auf dass er mir diente an eurer Statt. Amen.

Es gibt Menschen, die klein sind im Kleinen und klein auch im Großen, ihre Zahl ist Legion. Es gibt Menschen, die groß sind im Großen, aber klein im Kleinen; ihre Zahl ist geringer, aber immerhin noch beträchtlich. Und es gibt Menschen, die groß sind im Großen und groß auch im Kleinen; sie bilden den Hochadel der Menschheit, und einer ihrer größten ist der Apostel Paulus.

Wie groß er ist im Großen, das weiß und das bewundert alle Welt, wenigstens alle christliche Welt. Wie ein Stern erster Größe leuchtet er durch die Jahrhunderte und die Jahrtausende der menschheitlichen Geschichte als der Apostel Jesu Christi, der mehr gearbeitet hat als die anderen, als der gewaltigste Prediger des Reiches Gottes, als der erhabene Völkermissionar und Glaubenslehrer der Menschheit, als der geistliche Vater Europas und des evangelischen Christentums. Dass er auch die kleinen Dinge des Lebens groß behandelt, dass er auch groß ist im Kleinen, das zeigen uns so manche Stellen in der Apostelgeschichte und in den Episteln, unter ihnen in besonders lehrreicher Weise die verlesene Stelle.

Sie handelt in allen ihren sechs Versen von Epaphroditus und von dem Verhältnis und dem Verhalten des Apostels zu Epaphroditus. Wer ist Epaphroditus? Er ist für die Welt eine ganz unbekannte oder doch höchst gleichgültige Persönlichkeit, und auch wir Christen würden gar nicht wissen, dass er jemals existiert hat, wenn eben nicht Paulus in diesen sechs Versen und später noch einmal in einem Verse des Philipperbriefes seiner erwähnt; Paulus ist es, der den Epaphroditus für die Christenheit unsterblich gemacht hat, dass die Spur von seinen Erdentagen bis in unsere Zeit hinein reicht. Aber auch für uns kommt Epaphroditus doch nur in Betracht als ein Mann, den Paulus lobt, an dessen Ergehen Paulus Tat erinnert, dem Paulus die Wege ebnet. Aber dieses Verhalten des Apostels gegen Epaphroditus gibt uns drei wichtige Winke für die christliche Weihe unseres eigenen Umgangslebens. Wie der Mensch mit dem Menschen, wie der Christ mit dem Christen umgehen soll im kleinen täglichen Leben, darüber ist manches mehr oder minder wertvolle Buch geschrieben; aber die sechs kleinen Verse unseres Textes, in denen Paulus sein Verhältnis zu Epaphroditus darstellt, wiegen ganze Bücher auf .

Wir entnehmen unseren Textversen drei Forderungen für den gesegneten Verkehr der Christen miteinander:

1. Mehr Anerkennung!
2. Mehr Teilnahme!
3. Mehr Rücksichtnahme!

Herr Jesu Christ, hilf uns durch deinen Heiligen Geist dir also zu dienen, dass wir Gott gefällig seien und den Menschen wert. Amen.

1.

Ich habe es für nötig angesehen, so schreibt Paulus an die Philipper, den Bruder Epaphroditus zu euch zu senden, der mein Gehilfe und Mitstreiter und euer Apostel und meiner Notdurft Diener ist; er war todkrank, schreibt er dann weiter und erläutert das zum Schlusse mit den Worten: Um des Werkes Christi willen ist er dem Tode so nahe gekommen, dass er sein Leben gering bedachte, auf dass er nur diente an eurer Statt. Welch' eine großartige Anerkennung, welch' ein überschwängliches Lob des bescheidenen Mannes, der dem Apostel die Liebesgaben der Philipper nach Rom überbracht und ihm dort bei der Ausbreitung des Evangeliums geholfen hatte, so lange seine Kräfte ausreichten! Paulus, der begeisterte Lobredner des Epaphroditus, wie zerstört er die so fromm klingende und doch so grausame Theorie: „Christen loben sich nicht, aber sie lieben sich;“ wie wirft er die noch grausamere Praxis vieler heutigen Christen über den Haufen, die am lieben Nächsten selten etwas zu loben, aber immer viel zu tadeln finden!

Christen loben sich nicht, aber sie lieben sich - auf diesen Satz und Grundsatz pflegen sich gerade solche Christen etwas zugute zu tun, die ernster denken, als die anderen, und es gewissenhafter nehmen mit sich und anderen, als die anderen. Sie halten es für ihr gutes Recht und für ihre heilige Pflicht, dem Bruder seine Sünde vorzuhalten - und wäre es auch nur eine Wettersünde, da er, wenn es stürmt und regnet, es gewagt hat, von schlechtem Wetter zu reden. Aber auch nur mit einem Worte lobender Liebe das Gute, was der Bruder hat oder tut, anzuerkennen, ist nach ihrer Meinung ganz gegen die Liebe; denn, so sagen sie, das könnte den Bruder eitel machen und ihn so an seiner Seele schädigen. Ach, wenn diese lieben harten Leute, die man sonst in mannigfacher Bezeichnung als ernste Christen hochzuachten hat, bedenken möchten, wie sehr sie gerade denen, die ihnen herzliche Hochachtung zollen, das Herz schwer machen und die Annäherung und die Freundschaft erschweren! Ach, wenn sie bedenken möchten, wie schwach und wie widerspruchsvoll sie selbst erscheinen, wenn sie ihrerseits trotz ihrer strengen Grundsätze in Bezug auf andere die Anerkennung, die ihnen gezollt wird, freundlich-dankbar entgegennehmen! O ihr Freunde, die es trifft, wollt nicht frömmer sein als Paulus; der hat getrost alles Gute anerkannt und gelobt an Epaphroditus. Wollt nicht frömmer sein als der Herr Jesus Christus; der hat das kananäische Weib nicht nur geliebt, sondern auch gelobt: Weib, dein Glaube ist groß; der hat den Natanael nicht nur geliebt, sondern auch gelobt: Siehe da, ein rechter Israeliter, in dem kein Falsch ist, und er hat sich in keiner Weise darüber Gedanken gemacht, ob die Kanaanäerin, ob Natanael dadurch eitel werden könnten. O, meine Freunde, ich will euch einmal etwas fragen und sagen. Ich will euch fragen: Ist nicht etwa eure eiskalte Enthaltung von aller Anerkennung und eure hitzige Betonung der Schwachheiten des Nächsten ein bei eurer Bekehrung nicht überwundener Rest eures alten Menschen? Ich will euch sagen: Ihr verwechselt in verhängnisvoller Weise die Begriffe Loben und Schmeicheln. Christenschmeicheln sich nicht, aber sie lieben sich, der Satz ist richtig, eben so richtig wie der Satz: Weltleute schmeicheln sich, aber sie lieben sich nicht. In der Welt kann man es alle Tage erleben, dass ein kluger Mann durch Schmeichelei, nicht durch die plumpe und grobe, wohl aber durch die verdeckte und feine, den dümmeren Mann mit einem Finger dazu bekommen kann, wozu er ihn haben will man nennt das Weltklugheit, aber es ist perfide Täuschung und hässliche Sünde. Christen im Verkehr miteinander haben die Schmeichelei zu fliehen wie einer giftigen Schlange. Aber das ist keine Sünde, sondern Tugend, das Umgangsleben weihende Tugend, alles Gute am nächsten gern anzuerkennen, für ein gutes Wort, für eine gute Tat ihm herzlich die Hand zu drücken.

In Bezug auf diejenigen Christen aber, die sich weiter keine Theorien machen über das christliche Verkehrsleben, sondern einfach trotz Glaubensbekenntnis, Kirchgang und Bibellesen in ganz naiver Weise als Tadelredner und Tadelrednerinnen des lieben Nächsten dahin leben und dahin sündigen, sei nur gesagt, dass sie unermesslichen Schaden anrichten für die anderen und für sich selbst. O, ihr Männer, meine Brüder, seid ritterlicher gegeneinander und anerkennt freimütig die Vorzüge der anderen. O, ihr Frauen, meine Schwestern, wenn ihr zusammenkommt, sei es zum Vergnügen, sei es zu frommer Vereinigung und wenn ihr da durchaus über Abwesende sprechen müsst, so unterhaltet euch nie über die Fehler eurer Schwestern, sondern immer über ihre Tugenden, wie die eine so lieb ist und die andere so fleißig ist und die dritte ihr Kreuz so geduldig trägt und wie ihr von ihnen lernen wollt. Das wird eurem Verkehrsleben wohl tun, wie der Regen dem Gras und der Sonnenschein der Blume. Mehr Anerkennung, das ist die erste Forderung für den gesegneten Verkehr der Christen untereinander.

2.

Mehr Teilnahme! Das ist die zweite. Es ist geradezu rührend, wie der große Apostel, der, ob frei, ob gefangen, immer mit der Lösung der höchsten Aufgaben des Reiches Gottes beschäftigt war, an dem leidvollen und freudvollen Ergehen eines einzelnen Mannes, wie Epaphroditus teil nimmt. Epaphroditus wird in Rom krank, todkrank, und siehe, Paulus wird in tiefe Traurigkeit versenkt und fleht, wie der ganze Zusammenhang zeigt, inbrünstig zu Gott um die Genesung des Kranken. Epaphroditus übersteht die Krisis und erholt sich bis zur völligen Genesung und Paulus atmet wieder auf und dankt dem Herrn und jubelt: „Gott hat sich über ihn erbarmt, nicht allein aber über ihn, sondern auch über mich, auf dass ich nicht eine Traurigkeit über die andere hätte.“ Man hat wohl gefragt: warum ersparte Paulus bei der Erkrankung des Epaphroditus nicht ihm und sich selber den langen Schmerz des Hangens und Bangens dadurch, dass er einfach ein Wunder tat? Er hatte doch den lahmen Mann in Lystra durch ein Wort gesund gemacht und ebenso die kranke, geplagte Magd in Philippi, und auch sonst hatte Gott nicht geringe Taten durch Pauli Hände gewirkt. Ja, meine Lieben, wir müssen da bei uns eine falsche Vorstellung vom apostolischen Zeitalter berichtigen. Gewiss, Paulus hat Wunder getan, aber doch nur auf besondere göttliche Veranlassung in bestimmten großen Momenten der Entwicklung des Reiches Gottes, über deren Bedeutung uns zum Teil erst droben das Licht aufgehen wird. Aber das gewöhnliche Verkehrsleben St. Pauli mit seinen Umgebungen war wunderlos, wie unser heutiges Umgangsleben. Ach, wäre unser Leben nur auch ebenso wundervoll, wie das paulinische Leben, in betreff der herzlichen Teilnahme, die der Christ dem persönlichen Ergehen seiner Mitchristen schuldig ist. Aber daran fehlt es gerade bei uns zum Schaden der christlichen Gesellschaft. Uns ist die Mahnung nötig: Mehr Teilnahme!

Es fehlt ja in unserer Zeit und bei unseren Christen durchaus nicht an Teilnahme bezüglich des Ergehens des armen Volks; im Gegenteil unser Jahrhundert ist in seiner zweiten Hälfte das Jahrhundert der Inneren Mission, die einen Weg der Barmherzigkeit nach dem anderen zum Heile der Siechen und Kranken und Arbeitslosen und Verwahrlosten und Gefallenen und Gesunkenen sucht und findet; in unzähligen frommen Vereinen betrauert man nicht nur vereinsmäßig, sondern auch menschlich-herzlich das Elend der Elenden und freut sich, wenn eine Magdalene Buße tut und ein armer Schächer durchdringt zu der Bitte: Herr Jesu, gedenke mein! und eine heruntergekommene Arbeiterfamilie nicht aus dem Regen in die Traufe, sondern in den Sonnenschein gelangt. Aber wie ist die Teilnahme derer, die zusammen am Weh und Wohl des armen Volks in den Vereinen teilnehmen, am Weh und Wohl untereinander oft so erschrecklich gering!

Von der Welt rede ich ja gar nicht, sondern nur von denen, die in der Welt lebend, nicht von der Welt sein wollen. Wie viele gibt es doch da heutzutage, die keine Zeit haben, einen kranken Kollegen zu besuchen; die bei großen Trauerfällen nur zu kondolieren wissen, wie die Welt kondoliert, nur dass sie eine fromme Redensart hinzufügen; die an den Freudentagen des Nächsten nur gratulieren, wie die Welt gratuliert, nur mit einem Bibelwort dazu. Ach, das genügt nicht, das hilft nicht, sondern schadet. Herzliche, innerlich wahre, die fürbittende Teilnahme ist unserem gesellschaftlichen Leben, ich meine dem gesellschaftlichen Leben der Christen, die in einer Stadt, in einer Gemeinde zusammen wohnen, so nötig, wie die Luft dem Vogel, wie das Wasser dem Fisch. Damit unser Verkehr miteinander immer christlicher, immer gesegneter werde, wiederhole ich die Mahnung: Mehr Teilnahme!

3.

Wir werfen zum Schluss noch einen Blick auf die zarte Rücksichtnahme, die Paulus gegen Epaphroditus zeigt. Offenbar war Epaphroditus von der philippischen Gemeinde nicht nur beauftragt, dem Apostel Liebesgaben zu überbringen, sondern ihm auch anstatt der Gemeinde in seiner Gefangenschaft zu dienen und ihm bis zur Entscheidung seines Prozesses zur Seite zu stehen. Nachdem nun aber Epaphroditus in Rom krank geworden war, erwachte in ihm ein starkes Heimweh. Paulus, dem der treue Gehilfe nach seiner Genesung noch recht nützlich hätte sein können, ging mit feinem Zartgefühl auf den vielleicht verschwiegenen Wunsch des treuen Genossen ein und verzichtete lieber auf den persönlichen Umgang mit dem ihm lieb gewordenen Manne, als dass er ihn wider seinen Wunsch länger festgehalten hätte. Ja, er ebnete ihm in ebenso zarter Weise die Wege zur Heimkehr. Die Philipper hätten sich doch am Ende wundern können, dass ihr Abgesandter, nachdem er die Krankheit überwunden, nicht länger bei dem Apostel ausharrte. Das bedenkt Paulus und darum schreibt er eben die sechs Verse, die wir hier betrachteten und betrachten, darum lobt er ihn so, darum betont er seine eigene persönliche Teilnahme an ihm, darum schreibt er: „Nehmt ihn auf in dem Herrn mit allen Freuden und habt solche Leute in Ehren.“ So bahnt er dem Epaphroditus mit seinem christlichen Takt die Wege zu freundlicher, ehrenvoller Aufnahme in Philippi. Ach, dass wir von dem rücksichtsvollen Apostel die taktvolle Art des Umgangs miteinander lernten, an der es so vielfach fehlt. Mehr Rücksichtnahme, das ist die dritte Forderung für den gesegneten Verkehr der Christen miteinander.

O, meine Freunde, seid rücksichtsvoll im Verkehr auch mit dem ärmsten Mann und ganz besonders rücksichtsvoll, wenn ihr ihn unterstützt. So ein armes Menschenkind, das Not und Hunger hat, will nicht nur gesättigt, sondern auch in allem seinem Elend noch als Mensch geachtet sein; darauf muss der Christ Rücksicht nehmen, er muss auch den Schein der Herablassung, der Überlegenheit meiden, sonst tut er nur dem Leibe des Nächsten Gutes, aber seiner Seele Böses. Seid rücksichtsvoll gegen eures Gleichen; denn keiner gleicht dem anderen, und jede Menschenseele ist eine Harfe mit besonderen Saiten, die sich leicht verstimmen, wenn sie mit blind dreinfahrender Hand gestrichen werden. Seid rücksichtsvoll, auch wenn ihr anderen die Wege ebnen wollt; macht eure gute Absicht nicht zu bemerkbar, sonst verfehlt sie ihren Zweck. Ihr Eltern, zwingt eure Kinder nicht zu einem Lebensberuf, gegen den sie sich innerlich aufbäumen, nicht zu einer Wahl, bei der euch wohl und ihnen wehe ist; Lehrer und Erzieher, behandelt eure Zöglinge nicht nach einer Schablone, auch nicht nach einer christlichen Schablone, sondern behandelt jeden Knaben, jedes Mädchen, jeden Jüngling individuell, d. h. mit liebevoller Berücksichtigung der Eigenart jedes Einzelnen. Ich breche ab, ich sage nur noch: Wir Christen alle sollen im Erdenleben einander die Wege bereiten zu einer freundlichen gnädigen Aufnahme in der schönen himmlischen Heimat; tun wir das eindringlich, aber nicht aufdringlich, sondern liebevoll, taktvoll, rücksichtsvoll.

Gott weihe unser Umgangsleben und schenke uns aus der Fülle seines Heiligen Geistes Herz und Kraft zur Anerkennung, zur Teilnahme, zur Rücksichtnahme. Amen.

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