Bard, Paul - Du willst nicht vergeben?

Bard, Paul - Du willst nicht vergeben?

Am 22. p. Trin.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesu Christo!

Amen.

Matth. 18, 23-35:

Darum ist das Himmelreich gleich einem Könige, der mit seinen Knechten rechnen wollt. Und als er anfing zu rechnen, kam ihm einer vor, der war ihm zehntausend Pfund schuldig. Da ers nun nicht hatte zu bezahlen, hieß der Herr verkaufen ihn, und sein Weib, und seine Kinder, und alles, was er hatte, und bezahlen. Da fiel der Knecht nieder, und betete ihn an und sprach: Herr, habe Geduld mit mir, ich will dirs alles bezahlen. Da jammerte den Herrn desselbigen Knechts, und ließ ihn los, und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging derselbe Knecht hinaus, und fand einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Groschen schuldig; und er griff ihn an, und würgte ihn, und sprach: Bezahle mir, was du mir schuldig bist. Da fiel sein Mitknecht nieder, und bat ihn, und sprach: Hab Geduld mit mir, ich will dirs alles bezahlen. Er wollte aber nicht; sondern ging hin, und warf ihn ins Gefängnis, bis dass er bezahlte, was er schuldig war. Da aber seine Mitknechte solches sahen, wurden sie sehr betrübt, und kamen, und brachten vor ihren Herrn alles, was sich begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du Schalksknecht, alle diese Schuld habe ich dir erlassen, dieweil du mich batest; solltest du denn dich nicht auch erbarmen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und sein Herr ward zornig, und überantwortete ihn den Peinigern, bis dass er bezahlt alles, was er ihm schuldig war. Also wird euch mein himmlischer Vater auch tun, so ihr nicht vergebt von euren Herzen, ein jeglicher seinem Bruder seine Fehle.

Geliebte in dem Herrn!

Unser Evangelium ist eine Unterweisung in der Kunst, zu vergeben.

Ihr kennt wohl die Veranlassung. Petrus fragt seinen Herrn: „Wie oft muss ich meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist's genug 7 mal?“ Es ist ihm selbstverständlich, fraglos, dass er die Pflicht habe, Beleidigungen und Kränkungen zu vergeben. Er weiß, dass das Gottes Wille ist; sieht auch, dass ohne Übung vergebender Liebe ein Zusammenleben von Menschen unmöglich ist.

Aber gleich fraglos ist ihm, dass die Pflicht zu vergeben, ihre Grenze haben müsse, dass es Kränkungen oder eine Häufung von Beleidigungen gebe, welche uns der Pflicht, zu vergeben, entbinde. Und nach dieser Grenze der Vergebungspflicht fragt er; nach dem Zeitpunkt, wo wir das Recht gewinnen, die Vergebung zu versagen. Und er erbietet sich, die Grenze soweit zu stecken, dass er 7 mal zu vergeben bereit ist, aber will dann das Recht gewinnen, die Vergebung zu versagen.

Nicht willkürlich wird er die 7-Zahl gewählt haben. Da sie seit der Vollendung der Schöpfung am 7. Tage als Zahl der Vollendung eines Werkes Gottes auf Erden galt, schien sie ihm geeignet, das Maß herzugeben für die Dauer der Verpflichtung, zu vergeben. Und wenn die Rabbinen dreimaliges Vergeben forderten, wird ihm sein Erbieten zu siebenmaligem Vergeben als stattliche Leistung erschienen sein. Er mag nicht wenig betroffen, erschrocken sein, als der Herr mit seinem Wort: nicht 7 mal, sondern 70 mal 7 mal sein Erbieten für völlig unausreichend erklärt, jede Grenze der Vergebungswilligkeit leugnet, grenzenloses und ausnahmsloses Vergeben fordert. Keine Kränkung, wie schwer sie sei, keine Häufung der Beleidigungen, wie zahlreich sie sei, darf uns der Pflicht zu vergeben, entbinden. Niemals, unter keinen Umständen gewinnst du das Recht, die Vergebung zu verweigern. So lautet die bestimmte Forderung des Herrn.

Was hältst du von dieser Forderung? - Gestehen wirs nur, Geliebte, wir können uns nicht so ohne Weiteres mit ihr befreunden.

Zwar, dass wir schuldig sind, das eine und das andere Mal zu vergeben, gestehen wir mit Petro willig zu. Wir haben zu lange die Luft des Evangeliums geatmet, um nicht zu wissen, dass eine Seiner Grundforderungen auf Vergeben lautet. Wir erkennen ohne Mühe, dass es unter sündigen Menschen ohne die Übung vergebender Liebe nicht abgeht, dass wenn Jeder auf sein Recht, auf seinen Schein bestehen wollte, ein Krieg Aller gegen Alle die Folge wäre, in welchem die Menschenwelt sich erwürgte. Denn die Sünde ist die fressende Säure, welche die Bande menschlicher und göttlicher Ordnung zerstört, wenn nicht das Heilmittel vergebender Liebe ihre Wirkung aufhebt. Was würde aus dem Zusammenleben von Mann und Weib, von Eltern und Kindern, von Herrschaft und Gesinde, von Freund und Freund, von Mensch und Mensch, wenn nicht die vergebende Liebe die Brücke immer wieder schlüge, welche die Sünde abbrach, die Hände immer wieder zusammenlegte, welche die Sünde auseinanderriss! So ist die vergebende Liebe die erhaltende konservative Macht des Menschenlebens, welche das revolutionäre Element der Sünde stetig bewältigen muss. Ohne Übung vergebender Liebe kein Bestand menschlicher und göttlicher Ordnung, kein Bestand der menschlichen Gesellschaft.

Aber so fraglos uns die Pflicht zu vergeben, so fraglos erscheint uns mit Petro, dass diese Pflicht eine Grenze haben müsse, dass es einen Zeitpunkt geben müsse, wo wir das Recht gewinnen, die Vergebung zu versagen, dass es Kränkungen und eine Häufung von Kränkungen gibt, welche das Recht auf Vergebung verscherzen. Und des Herrn Forderung grenzenloser Vergebungspflicht begegnet bei uns einer Reihe von Bedenken.

Scheint nicht die Forderung des Herrn, dass wir Alles zu vergeben bereit sein sollen, der Unempfindlichkeit, dem Mangel an Wertschätzung eigener Ehre, das Wort zu reden, und den rohen, sittlich heruntergekommenen Naturen vor denen, die sittlich gefördert und darum gegen Kränkungen empfindlicher sind, die Palme zu reichen? Aber du übersiehst, dass des Herrn Forderung nicht dahin lautet, dass du die Kränkung nicht empfinden, vielmehr die empfundene vergeben sollst. Denn das Vergeben setzt die Empfindung der Kränkung voraus. Und dass das Vergeben einer empfundenen Kränkung eine schwerere Leistung ist, als die Versagung der Vergebung, leuchtet wohl ohne Weiteres ein.

Aber liegt nicht in dem grenzenlosen Vergeben eine Gutheißung, eine Rechtfertigung der Sünde, die ich doch verurteilen soll? Aber um das Urteil über die Sünde handelt sich's nicht, vielmehr um Vergebung der Kränkung, die sie dir bereitete. Der Sünde soll und darf deine Verurteilung gelten, aber ihrer kränkenden Wirkung gilt die Vergebung.

Aber entziehe ich nicht mit dem Vergeben die Sünde der Züchtigung, die sie verdient? Das würdest du doch nur, wenn dir die Züchtigung zukäme. Aber die Züchtigung der Sünde liegt Gott ob und es ist Greifen in ein fremdes Amt, wenn du dir beimisst, was Ihm allein zusteht. Du sollst die Sünde, soweit sie dich kränkt, vergeben, aber die Züchtigung Gott überlassen. Genau so fordert es der Apostel, wenn er sagt: richtet euch selbst nicht, sondern gebet Raum dem Zorn; denn mein ist die Rache, spricht Gott, ich will vergelten“. Genau so beschreibt er auch das Verhalten des Herrn, von dem er schreibt: „Er schalt nicht wieder, wenn Er gescholten ward, stellte es aber dem anheim, der da recht richtet.“

Aber verurteile ich nicht mit der Vergebung die Handhabung rechtlicher Ordnung, die Gott der Obrigkeit, den Eltern befahl? und die Anrufung des Rechtsschutzes, den Gott ordnete? Aber du übersiehst, dass die Forderung des Herrn nicht das Verhalten der Obrigkeit und der Eltern regeln will, sondern das persönliche Verhalten der Menschen untereinander, und dass die Anrufung des Rechtsschutzes für dein gefährdetes Leben, Eigentum und Ehre nicht im Widerspruch steht mit der Forderung, dem der dir Leides tat, die versöhnliche Gesinnung zu bewahren.

So wirst du auch nicht zu besorgen brauchen, dass deine Vergebungsbereitschaft die Bosheit und den Mutwillen fördert. Es steht nichts im Wege, dass du wider sie an zuständiger Stelle Schutz suchst, und die Erfahrung bezeugt unausgesetzt, dass die Vergebung der Kränkung die Bosheit so wenig zu fördern pflegt, dass sie sie entwaffnet, weil sie glühende Kohlen auf das Haupt dessen sammelt, der dir Leides tat.

Du siehst, alle Bedenken, die dir vor der Forderung des Herrn erstehen, gründen nur im Missverstand Seiner Forderung, treffen sie selbst nicht. Nicht die Unempfindlichkeit der Kränkung fordert der Herr, vielmehr die Vergebung der empfundenen Kränkung; nicht Gutheißung der Sünde, sondern Vergebung der verurteilten; nicht Leugnung ihrer Straffälligkeit, sondern Vergebung bei Überlassung der Strafe an Gott, dem sie zukommt; nicht Verurteilung der Handhabe rechtlicher Ordnung, sondern bei ihrer Gutheizung und ihrem Gebrauch vergebende Liebe; nicht Förderung der Bosheit, sondern ihre Beschämung und Bewältigung durch die Macht der Vergebung.

Aber so besteht die Forderung des Herrn freilich in ihrem ganzen Umfange, in vollem uneingeschränkten Maße. Es gibt keine Kränkung, keine Häufung von Kränkungen, die du zu vergeben nicht die Pflicht hast, keine, der gegenüber du das Recht gewinnst, sie zu versagen. Keinem Menschen, und wenn er dir bis in den Grund der Seele wehe tat und wenn er Leid über Leid auf dich häufte, hast du das Recht, auch nur eine Stunde gram zu sein.

Auch denen nicht, die dir um deines Christenbekenntnisses willen Leides tun. Auch nicht den Feinden des Kreuzes Christi. Auch denen nicht, die ohne Scheu und Scham in Wort, Bild, Schrift die nackte Gottlosigkeit und Bestialität bekennen und preisen, auch denen nicht, die mit rohem Spott, mit wenig Witz und viel Behagen das Heilige in den Kot treten und mit systematischer Taktik an der Entchristlichung, Entsittlichung unseres Volkes arbeiten; auch denen nicht, die hinter der Maske des Fortschritts, der Freiheit, der Wissenschaft unser Christenvolk mit glatten Lippen um das Kleinod seines Glaubens und seiner Gottesfurcht betrügen - so entschieden, laut, energisch du ihrem Frevel widerstehen, ihre Untat verurteilen sollst, auch ihnen gegenüber darfst du die Liebe, die auch der Sünden Menge deckt, nicht verlöschen lassen. So ausnahmslos, so uneingeschränkt gilt die Forderung des Herrn.

Gewiss, eine Riesenforderung! Vor ihr versagt die Kraft des Menschenwillens. Kein Mensch ist aus sich im Stande, ihr zu entsprechen. Kaum vor einer Forderung des Evangeliums wird so die Ohnmacht des Menschenwillens offenbar, wie vor ihr. Gewiss, es ist menschlich geredet, wenn du schweren Kränkungen gegenüber dich unfähig bekennst, zu vergeben, wenn du durch stete Wiederholung schwerer Beleidigungen deine Geduld erloschen bekennst. Aber es ist die Rede des alten natürlichen Menschen und ist das Bekenntnis der Ohnmacht deines Willens, dieser Riesenforderung gegenüber.

Aber die Forderung besteht.

Und nicht etwa nur für besonders geförderte, vielmehr für alle Christen insgemein. So sehr, dass der Herr ihre Leistung zum Kennzeichen des Christenstandes macht. Immer wieder erklärt der Herr in ganzer Schärfe die Liebe für die Probe des Christenstandes, die ihre Bewährung findet in der Kunst zu vergeben. Die Forderung des Herrn: „liebt eure Feinde“ gilt jedem Christen, und die Kunst zu vergeben ist die Probe des Christenstandes.

Ja, die Versagung der Vergebung gefährdet deine Seligkeit. In unserem Evangelium bringt die Versagung der Vergebung den Knecht in die „äußerste Finsternis“. Und das Wort des Herrn: „sei willfährig deinem Widersacher bald, damit du nicht in den Kerker geworfen werdest“, oder „wo ihr nicht eurem Bruder seine Fehler vergebt, wird Gott euch eure Fehler auch nicht vergeben“, fügt die Zusprechung der Seligkeit an die Leistung dieser Kunst.

Zwar nicht, als wäre sie der Preis, mit dem du sie erkaufst. Aber die Unfähigkeit zu vergeben, ist die Bekundung des Mangels seligmachenden Glaubens.

Gibt es denn eine Stätte, da wir diese Kunst gewinnen können? da das Herz geschickt gemacht wird, sie zu üben? Gott sei gepriesen! es gibt eine. Zu den Füßen Seines Kreuzes wird sie gelernt. Nur dort. Nur in Seiner Schule.

Er ist der Einzige, der sie verstand, die Kunst grenzenlosen Vergebens. Sein Leben war eine stete Übung dieser Kunst. Keinem hat man so viel Leid getan als Ihm; Keinen so gekränkt als Ihn. Aber so unermesslich die Kränkungen waren, so zahllos, Er hat immer die Willigkeit der vergebenden Liebe gewahrt. Bis in jene Stunde hinein, da man Ihm das Vollmaß Seiner Liebe mit dem Verbrechertode am Kreuze lohnte. In jenem Wort des Gekreuzigten: „vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, feierte die vergebende Liebe ihren höchsten Triumph. Er hat sie betätigt.

Und Seine Vergebenswilligkeit gründete nicht etwa in Unempfindlichkeit. Keiner hat das Leid so tief empfunden als Er. Gedenkt Seines Seufzers: wie lange soll ich bei euch sein, wie lange soll ich euch tragen?

Auch nicht in Gutheißung der Sünde oder Leugnung ihrer Straffälligkeit. Neben Seiner Willigkeit zu vergeben, ging des Herrn Zorn her, der ihm die Geißel in die Hand drückte, das entweihte Heiligtum zu säubern, das siebenfache Wehe auf die strafenden Lippen legte und über Jerusalem und seine Töchter das Gericht Gottes verkündigen ließ.

Das, meine ich, ist es zumeist, was dieser heiligen Gestalt ihre Höhe ohne Gleichen gibt, was uns vor ihr in den Staub und auf die Knie zieht, das unermessliche Vollmaß der Liebe, die durch kein Übermaß der Sünde gelöscht werden konnte. Und von Ihm haben's Andere gelernt. Männer wie Stephanus und Paulus, die ganze Reihe der Blutzeugen durch die Jahrhunderte Seiner Kirche, ja alle Seine wirklichen Jünger, Ihm allein danken sie die Kraft vergebender Liebe auch gegenüber dem bittersten Leid. Zwar auf Seine Forderung hin vermochten sie's nicht. Auch Seinem Vorbild danken sie's nicht. Wie töricht tun sie, welche Seine Bedeutung auf Seine Forderung und Sein Vorbild herunterdrücken und nichts weiter als den großen Lehrer und Mann der Tugend in Ihm sehen! Wie wenig wäre uns damit geholfen! Wir würden nur die Größe unserer Ohnmacht erkennen, nur die gähnende Kluft sehen, die uns von Ihm scheidet.

Aber die Kraft Seines Wortes hats getan. In sie hat Er die Frucht Seiner Erlösung gelegt. Nicht das Gesetz hat Er gebracht, sondern erfüllt hat Ers, und durch Sein Wort sprengt Er die Ketten unseres Willens, dass wir tüchtig und willig werden, es zu erfüllen. Willst du sie lernen, diese große Kunst grenzenlosen Vergebens, setze dich zu Seinen Füßen und erschließe dein Herz Seinem Wort. Das hat die Macht, es zu wandeln, die Selbstsucht, die nur das Ihre sucht, umzusehen in die Selbstlosigkeit, die da will, was des Andern ist.

Auch das Wort unseres Evangeliums. Denn ihm wohnt die Kraft inne, die Kunst zu vermitteln, zu vergeben.

Welches ist der bleibende Eindruck, den es hinterlässt? Ich meine, der Unwille über den Knecht, der die Vergebung versagt. Als empörende Untat erscheint sein Verhalten. Was er als Recht geltend macht, erscheint in der Beleuchtung des Evangeliums als himmelschreiendes Unrecht. Selbst tief verschuldet, pocht er auf Erstattung einer verhältnismäßig geringen Schuld. Selbst an die Geduld seines Gläubigers appellierend, weigert er sie dem Schuldner. Selbst von der Gnade seines Herrn lebend, steht er auf seinem Schein gegen seinen Mitknecht. Bei dem Schein des Rechts ist er im Unrecht und verdient die Anklage der Mitknechte und den Zorn seines Herrn.

Aber seine Lage ist genau die deine. Und deine Versagung der Vergebung ist genau dieselbe empörende Untat, wie die des Knechts im Evangelium.

Du bist nicht bloß Gläubiger, auch Schuldner. Du hast nicht bloß zu fordern, auch zu zahlen. Und was für eine Schuld! Wie 200 Groschen zu 1000 Pfund verhält sich deine Forderung zu deiner Schuld. Was du zu fordern hast, ist eine Bagatelle gegen das, was du Gott schuldig bist. Du redest nur von dem, was Andre gegen dich sündigten, und übersiehst und vergisst, dass du Gott unermesslich viel mehr schuldest. Du beklagst dich, dass der oder Jener überaus tief dich kränkte. Aber du übersiehst neben der Kränkung, die du erlittest, die ungeheure Kränkung, die du Gott antatest. Weißt du das nicht? dass deine Schuld bei Gott unermesslich groß ist?

Zwar, wenn dir nichts obläge, als bürgerliche Ehrbarkeit und polizeiliche Unbescholtenheit, da möchtest du dich für einen Ausbund von Güte halten, mit dem Pharisäer bekennen: „ich danke dir Gott, dass ich nicht bin, wie andere Menschen“, und renommieren mit der Gemeinde von Laodicea: „ich bin reich und habe gar satt und bedarf nichts“. Aber in den flammenden Augen Gottes bist du elend und jämmerlich, arm, blind und bloß. Denn nicht in bürgerlicher Ehrbarkeit geht der Gotteswille auf, vielmehr dass dein Herz Ihm gehört mit allen seinen Schlägen, dass du Ihn lieb hast von ganzem Herzen - das ist Seine Forderung. Jeder Schlag deines Herzens, der Ihm nicht gehörte, jeder flüchtige Gedanke, der Ihn nicht meinte, jeder Hauch der Lippen, der Ihn nicht ehrte, jede Tat der Hand, die Ihm nicht diente, war die Kontrahierung einer Schuld bei Ihm. Rechne nur, rechne nur dein Leben durch von Kindesbeinen an, durch alle die Tage, Wochen, Monate und Jahre, da du Ihm nicht gehörtest, in Seiner Furcht und Liebe nicht wandeltest, die Welt lieb hattest und in die Irre gingst, ob nicht nach diesem Maß eine ungeheure Schuld herauskommt, dass du auf tausend nicht eins Ihm antworten kannst.

Und weißt du nicht, dass diese Schuld, dass jede Sünde, die zum Himmel steigt, eine Kränkung Gottes ist? Es ist die neue Erkenntnis, die das Evangelium erst der Welt vermittelt hat, dass die Sünde eine Kränkung Gottes ist, dass Gott leidet unter der Sünde der Menschen. Wie jede Sünde Ihn meint, so trifft sie auch Ihn. Gott leidet unter der Sünde, drum folgt ihr auf dem Fuße der Schlag des Gewissens. Was ist das verklagende Gewissen anders, als eine Klage des unter deiner Sünde leidenden Gottes. An dem menschgewordenen Gott magst du sehen, was Ihm die Sünde bedeutet. Wenn Gott schon im Alten Bunde klagt: „was habe ich dir getan, mein Volk, dass du mich beleidigst“; „mir hast du Mühe gemacht in deinen Sünden“, so sehen wir an dem menschgewordenen Gott, wie ihm das Herz bricht unter den Streichen der Sünde unseres Geschlechts.

Dennoch, dennoch hat Er Geduld mit dir. Nur wenn du würdigst, welch ein Leid die Sünde Gott bereitet, dass sie ein Schlag in sein Angesicht, dass sie ein Stoß nach seinem Herzen ist, dann wirst du die Geduld Gottes zu würdigen wissen. Trotzdem, dass du Ihm stetig Leides tust mit deinen Sünden, lässt Er Seine Sonne dir scheinen, Sein Brot dich nähren, krönt dich täglich mit einer Wolke von Gütern. Wie hässlich erscheint auf diesem Grunde deine Unwilligkeit zur Geduld mit deinem Bruder!

Aber nicht unter der Geduld Gottes nur stehst du. Vielmehr Seine unermessliche Barmherzigkeit hast du erfahren. Wie überwältigend erscheint in dieser Beleuchtung Sein Werk der Erlösung! Für dich und dich, die Ihm lebenslang Leides taten, hat Er Sein Kind gegeben, du weißt wohin, in Leid und Tod, und wirbt wie ein Bettler um dein Herz lebenslang.

So stehst du, unermesslich verschuldet, unter der Geduld Gottes, umfangen von den Armen Seiner Huld ein Werk der Versöhnung und Bekehrung. Hast du angesichts dieses deines Standes den Mut, dem Nächsten gegenüber, der dir Leides tat, auf deinem Schein zu bestehen; selbst von Gnade lebend auf das Recht zu pochen? Wagst du es?

Sieh, so lernt sich die Kunst, Alles und immer zu vergeben. Wenn die Kränkung dir wehtat, wenn sie deinen Zorn und den Durst nach Vergeltung entzünden will, da schlage neben der Forderung deine Schuld auf! Gedenke, dass, was dir Leides geschah, eine Lappalie ist gegen das, was du Gott zu Leide tatest, gedenke, dass, wenn es nach dem Recht ginge, du längst verloren wärest, gedenke, dass du stetig stehst auf dem Boden der Geduld Gottes und umfangen bist von einem Meer der Gottesliebe, die die Schuld bedeckt, da, meine ich, muss dir der Mut entfallen, deinem Bruder gegenüber auf deinem Recht zu stehen, und du musst die Willigkeit gewinnen, Alles, Alles, auch das Schwerste, zu vergeben.

So lernt sich in der Schule Seines Kreuzes die Kunst zu vergeben. Aber wie? Lässt uns hier nicht unser Evangelium im Stich? Der Knecht hat die Erkenntnis seiner Schuld, der Geduld und Huld seines Herrn. Dennoch gewinnt er aus dieser Erkenntnis nicht die Kraft, die Schuld zu erlassen.

Gewiss, die Erkenntnis allein tuts nicht. Es kann geschehen, dass Jemand die volle Erkenntnis seiner Schuld, der Geduld und Huld Gottes hat und doch nicht willig ist, seine Schuld zu erlassen.

Auf die Würdigung deiner Lage kommt's an. Der Knecht hat die Erkenntnis seiner Lage, aber er würdigt sie nicht. Nicht bloß wissen sollst du es, dass du Gott unermesslich verschuldet bist, es soll wie ein Schwert dir durch die Seele gehen. Nicht bloß wissen, dass die Geduld Gottes allein dich trägt, es muss dich auf die Knie werfen zum Bekenntnis: „Herr, ich bin viel zu geringe aller Barmherzigkeit“. Nicht bloß hören die große Botschaft: „also hat Gott die Welt geliebt, auf dass Alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“. Vielmehr ihr glauben mit brennendem Herzen. Solcher Scham der Buße, solcher Freude und Seligkeit des Glaubens entspringt die Flamme der barmherzigen Liebe, welche der Sünden Menge deckt.

Wohl. Die Forderung kennen wir: Alles vergeben, immer aufs Neue vergeben, das ist die Probe des Christenstandes. Geh' daran, sie zu leisten! Gib Acht, dass es keiner Kränkung, auch keiner Häufung von Kränkungen gelinge, die Liebe zu löschen. Die Kunst gewinnst du, wenn du dich stetig erfinden lässt in der Scham um deine Schuld, im Weh um die Kränkung Gottes, in der Würdigung der Geduld, im Glauben an die Huld Gottes in Jesu Christo. Dann wirst du erleben, dass, was Menschen unmöglich ist, in der Kraft Gottes geschehen kann, die Bewährung einer Liebe ohne Maß und Grenze, dann erst wirst du auch den Mut und das Recht haben zum Gebet: „vergib uns unsre Schuld, als wir vergeben unseren Schuldigern“. Amen.

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