Passavant, Theophil - Abraham und Abraham's Kinder - 9. Was bist du auf dieser Erde?

Passavant, Theophil - Abraham und Abraham's Kinder - 9. Was bist du auf dieser Erde?

Bist je ein Fremdling gewesen auf Erden? Ist was Eigenes, und das ein fröhliches Gemüth auch leicht zur Wehmuth stimmen könnte, wenn man unter fremden Leuten in der Fremde stehet, ohne Verwandtschaft, ohne Bürgerschaft, ohne Land, Haus und Heerd, von Bekannten und Freunden entfernt, als spräche sie zu dem Fremdling bei jedem Schritte, die fremde Erde: Du bist nicht mein! und jedes Angesicht der Leute unfreundlich oder freundlich, jeder Blick, jeder Ton: Du bist nicht von uns! - Ja, das heißt ein Fremdling sein auf Erden; da sehnet man sich nach dem theuern Heimathslande. Also lebte Abraham in der Canaaniter Lande: er war ein Gast in dem verheißenen Lande, als in einem fremden, und wohnte in Hütten, mit Isaak und Jakob, den Miterben derselbigen Verheißung (Hebr. 11); er schaute dann aber nach einem andern Lande, und zwar nicht nach dem Lande seiner Freundschaft und Verwandtschaft, aus dem er gezogen war; - merkwürdig: er hätte wieder umkehren können, und er begehrte es doch nicht; es war nicht seines Gottes Willen, und war auch nicht sein Sinn noch seiner Seele Ziel. Hier konnte er doch leichter Gott, dem Herrn, dienen mit seines Glaubens Leben, als es ihm in der schönen, weiten Heimath möglich gewesen: und dann: Canaan war ihm einmal zum Lande seines Berufs angewiesen; Canaan war ihm einmal verheißen worden, und ihm beschieden, und zwar mit und unter dieser Verheißung: nicht das schöne Land, der blühende Erdboden allein, sondern ein ewiger Besitz, ein ewiges Gut, und ewiges Land, - Etwas, das würdig war jenes Lebendigen und Ewigen, welcher nicht ist ein Gott der Todten, sondern der Lebendigen (Matth. 22,32.); Etwas, das nicht vergehen sollte, wie die Erde vergehet, und nicht als kalte Scholle nach ihrem Tode die todte Hülle der Gläubigen deckt. Was Gott den Seinigen in Seiner Güte vorhält, ist nicht Irdisches, Erdenbesitz, und nicht das Schönste auf Erden allein; Er weiß und will Besseres für ein Herz, das Ihn erkannt hat und Ihn liebt; Seine Freunde, Seine Kinder, sind auch für Besseres und Größeres neugeboren; sie begehren eines Besseren; sie wollen, sie sollen auch, in's Land der Lebendigen, des ewigen Lebens, versetzt, dort einst ewig sein, wo Er ist. Ps. 116,9. 56,14.

So lesen wir in der Schrift: Denn er wartete auf eine Stadt, die die Gründe hat, welcher Baumeister und Schöpfer Gott ist. Der Mann, dem Gott gesagt hatte: Du sollst ein Segen sein: In dir und in deinem Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. (12, 2…) Abraham, konnte nicht auf Fleisch und Blut, auf Land und Boden, auf den Staub dieser vergänglichen Erde, diesen Segen einschränken, und hätte er auch Caanan schon in seinem Besitze gesehen; der Gläubige begehret der Glaubens-Güter, und diese sind unsichtbar, überschwänglich, ewig(2. Cor. 4,18. 2. Pet. 3,13.); und so hoffte der Freund Gottes ein Besseres, und er lehrte auch die Seinigen also. Diese Alle, heißt es, die Seinigen, welche Erben seines Glaubens waren, sind gestorben im Glauben, und haben die Verheißungen nicht empfangen, sondern sie von ferne gesehen und gegrüßet, und bekannt, daß sie Gäste sind und Fremdlinge auf Erden. Denn die solches sagen, die geben zu verstehen, daß sie ein Vaterland suchen. Und zwar, wo sie das gemeint hätten, von welchem sie ausgezogen waren, hatten sie ja Zeit, wieder umzukehren. Nun aber begehren sie eines besseren, nämlich eines himmlischen. Darum schämet sich Gott ihrer nicht, ihr Gott zu heißen: denn Er hat ihnen eine Stadt zubereitet: Ebr. 11.

Und diese Stadt hatte Gott allen Kindern Abraham bereitet, denen, welche des Glaubens ihres Vaters Abraham sind; die nicht auf das Sichtbare sehen, das zeitlich ist, sondern auf das Unsichtbare, das ewig ist (2 Cor. 4,18.); und Er wollte erwecken und bewahren solchen Sinn in den Herzen Seines Volks; darum sprach Er zu Seinem Israel: So sollt ihr nun das Land nicht verkaufen auf immer, denn das Land ist mein, und ihr seid Fremdlinge und Gäste bei mir: 3 Mos. 25,23. Auch in Canaan, als in dem Lande ihres Besitzes und Erbes, ewiglich eingesetzt, waren sie und blieben immer noch Gäste und Fremdlinge auf Erden; und ihr König David, jener wahre Sohn Abraham, sagte und bekannte an der Spitze seines Volks und in ihrer Aller Namen: Denn wir sind Fremdlinge und Gäste bei Dir, wie unsere Väter Alle; wie ein Schatten sind unsere Tage auf Erden, und ist kein Aufhalten: 1. Chron. 30,15.

Das Land ist Sein; der Boden ist Sein; wir sind nur zur Miethe bei Ihm, so weit und so lang es dem großen Landesherrn beliebt. Er hat aber noch andere Wohnungen und eine andere Erde, und die hat Er aufbewahret denen, welche Ihn lieben. Canaan sollte der ewige Besitz Seines Volkes sein, denn einst sollen sie aus allen Ländern, wohin sie Gott um ihrer Sünden willen zerstreut hat, dorthin zurückkehren, und das Land bis an's Ende der Welt bewohnen; doch dies erst nachdem sie gelernet haben nirgends eine wahre Heimath denn bei Gott wissen, und nicht nach dem irdischen Jerusalem allein, sondern auch wie jene, ihre Väter, nach dem droben, verlangen, nach dem Canaan, das himmlisch ist, und dessen Besitz ungetrübt, unvergänglich, ewig: Ps. 137. Neh. 1. u. f. Jer. 31.33. Zach. 8.10.14 f. Zeph. 3.14. f. Röm. 11. u. s. w. - Dies wäre Sinn und Art Israels, des Volkes nach Gottes Herzen. Wo wir auch unser Leben hienieden haben, im Norden oder im Süden, in Palästen, in Hütten, in Freuden, in Leiden, in vielen Geschäften zu Wasser und zu Land, in viel Arbeit und Mühe, in großen Dingen, im Getümmel der Welt, mitten in Sorgen, in Dornen, oder in aller Ruhe, auf Polstern, auf Rasen, es bleibt: Alles Fleisch ist wie Gras, und alle seine Herrlichkeit ist wie eine Blume des Feldes: das Heu verdorret, die Blume verwelket, denn der Geist des Herrn bläst darein… Jes. 40,6. - Nun aber soll nicht Fleisch unser Leben sein, noch Staub unsere Nahrung; wir lassen das Heu verdorren und die Blume verwelken; wir sind hier nicht zu Hause; sind nicht von unten, sondern von oben; sind Bürger jener Stadt, die die Gründe hat, welcher Baumeister und Schöpfer Gott ist (Hebr. 11,10.); es eilet unser Sinn durch Gutes und Böses, durch Freud und Pein, dorthin, wo unsere Herzen sind. Freund, wo ist dein Herz?

Wahrlich, wenn einst diese Welt mit all ihrer Lust und Schöne vergehet, wenn die Elemente werden vor Hitze zerschmelzen, und die Erde, und die Werke, die drinnen sind, die Häuser, die Dörfer, die Städte, verbrennen, und Paläste und Tempel und ewige Festungen, und alle Waaren des Goldes und Silbers, und Edelsteine und Perlen und Seiden, und alles Gebilde von Erz, und von Eisen, und von Marmor, und aller Stolz, und alle Lust und alle Freude der Menschen, (2 Pet. 3. Offenb. 18.), wo kommen sie dann hin, die Lieb und Lust und Leben, Alles nur auf Erden und für die Erde hatten, überall w dieser weiten, stolzen Welt zu Hanse, nur in Gottes Stadt nicht, und bei Gott nicht: arme Heimathlose, arm, und bald, bald von Allem verlassen und entblößt; - wo wird ihnen im neuen Himmel, auf der neuen Erde, ein Raum erfunden werden?

Ein Blick aber, nur Ein Seufzer, Ein Blick, und wir sind keine Heimathlosen mehr, der Himmel ist unser; - der Glaube, der da siehet auf das Unsichtbare, suchet dort seinen Gott, und findet Ihn, und bringet Ihm das Herz dar, das ganze Leben; das will uns aber schwer sein; warum?

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