Heller, Karl - Die Herrlichkeit der evangelisch-lutherischen Kirche.
Predigt am Reformationsfeste 1868, von Heller, Pfarrer in der St. Lorenzkirche in Nürnberg.
Gnade sei mit Euch; Friede von GOtt, dem Vater, und unserem HErrn Jesu Christo! Amen.
Text: Joh. 8, 31-32:
„Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger; Und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“
Wir begehen heute, meine Geliebten, keinen Sonntag gewöhnlicher Art; wir feiern das Reformationsfest, das Geburtsfest unserer teuren evangelisch-lutherischen Kirche. Es dient uns dazu, wie in anderen Jahrgängen, der dem bedeutsamen 31. Oktober zunächst liegende Sonntag; denn der 31. Oktober war der Tag, an welchem Martin Luther einst seine 95 Sätze wider den Ablass an die Schlosskirche zu Wittenberg schlug, welche unscheinbare Tat nach Gottes Willen der Anfang der Reformation geworden ist. Diese Hammerschläge Martin Luthers sollen heute widerhallen in allen evangelischen Kirchen, in unser Aller Herzen und Gewissen. Sie seien uns Hammerschläge der Buße und der ernsten Prüfung vor Gott, dass wir uns fragen: haben wir auch bis auf den heutigen Tag treu bewahrt, was unsere Väter im heißen Kampf durch Gottes Gnade errungen haben: das Lautere Gotteswort, samt dem darauf gegründeten guten Bekenntnis und die wahre evangelische Freiheit, die nicht zum Deckel der Bosheit dient? Stehen wir nicht müßig, zufrieden, dass Andere für uns gekämpft haben, sondern stehen wir, umgürtet unsere Lenden mit Wahrheit und angezogen mit dem Krebs der Gerechtigkeit und an Beinen gestiefelt, als fertig zu treiben das Evangelium des Friedens? Zu solchen Gedanken erwecke uns der heutige Tag und insbesondere diese Stunde der Andacht, wenn wir auf Grund unseres ebengelesenen Textes die Wahrheit betrachten:
Die evangelisch-lutherische Kirche ist:
1) die Kirche der reinen Lehre,
2) die Kirche der wahren Mitte,
3) die Kirche der Zukunft.
HErr, leite du uns in alle Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit! Amen.
I.
„So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger.“ Diese bedeutungsvollen Worte sprach, wie wir in unserem Texte lesen, JEsus Christus zu den Juden, die an ihn glaubten. O, dass dieses Wort des HErrn durch alle Jahrhunderte hindurch von seiner Kirche wäre treu befolget worden! Aber sie blieben nicht bei Christi Worten und bei der heilsamen Lehre, sondern es ist in traurige Erfüllung gegangen, was der Apostel Paulus seinem lieben Timotheus weissagte: „Es wird eine Zeit sein, da sie die heilsame Lehre nicht leiden werden, sondern nach ihren eigenen Lüsten werden sie ihnen selbst Lehrer aufladen, nach dem ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit wenden und sich zu den Fabeln kehren.“ Wer, der die Geschichte der Kirche nur einigermaßen kennt, bedarf erst noch einer näheren Nachweisung, wie buchstäblich diese Worte in traurigste Erfüllung gegangen seien! Wenden wir unsere Blicke vielmehr dem großen Werke zu, durch welches nach Gottes gnädiger Verheißung das Licht evangelischer Wahrheit, welches unter den Scheffel gestellt war, wieder aufgedeckt wurde, dass es hell hinleuchten konnte, durch die Länder der. Christenheit, ja bis hinein in die Finsternis des Heidentums, ich meine das glorreiche Werk der Reformation. Ihm verdankt zunächst unsere evangelisch-lutherische Kirche ihr Dasein, darum nennen wir sie mit Recht die Kirche der reinen Lehre. Man kann, meine Geliebten, an dieser unserer Kirche nach ihrer äußeren Stellung und Verfassung noch gar Manches vermissen und anders wünschen; Eines aber kann man in Wahrheit nicht: ihr eine Untreue und Abweichung in Lehre und Bekenntnis von dem klaren Worte heiliger Schrift nachweisen. Die Mahnung Jesu Christi in unserem Texte: „So ihr bleiben werdet in meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger“ hat sie von Anfang an in Feststellung ihres Bekenntnisses gewissenhaft befolgt, und das ist ihr Zepter und ihre Krone, die sie sich trotz so vieler Anfechtungen von außen und von innen bis auf den heutigen Tag durch Gottes Gnade bewahrt hat. Nehmt es nur zu Händen, das altehrwürdige, gute Bekenntnis, welches unsere Väter, auch die der Stadt Nürnberg, vor drei Jahrhunderten zu Augsburg vor Kaiser und Reich abgelegt haben, prüft dasselbe als echte Protestanten an Gottes Wort, und je unparteiischer und gründlicher ihr dies tut, umso mehr werdet ihr euch überzeugen, dass jene beiden katholischen Männer der damaligen Zeit ganz recht gesprochen haben, von denen der Eine, jener gelehrte Gegner Luthers, erklärte, mit den Kirchenvätern getraue er sich das Glaubensbekenntnis der Evangelischen zu widerlegen, aber nicht mit der Bibel; worauf sodann der ehrliche Herzog Wilhelm von Bayern äußerte: „So sehe ich wohl, dass die Evangelischen in der Bibel sitzen und wir sitzen daneben!“
Aber, höre ich in unseren Tagen nicht selten fragen, soll denn dieses vor mehr als drei Jahrhunderte verfasste Glaubensbekenntnis auch noch bindend für. unsere Zeit sein? Ist man nicht seitdem auf allen Gebieten des menschlichen Wissens unendlich vorwärts geschritten und sollte das nicht auch auf dem Gebiete religiöser Erkenntnis geschehen sein? - Wer kann sie zählen, meine Geliebten, die gelehrten Werke und Bücher theologischer Wissenschaft, die seitdem verfasst wurden, und lautes Zeugnis geben von dem unablässigen, raftlosen Streben, die religiösen Wahrheiten immer neuer Prüfung zu unterwerfen, sie immer tiefer zu erforschen und zu begründen. Aber wenn wir Alles zusammenfassen und gegenseitig abwägen, was menschliches Studium zu Stande brachte, so finden wir am Ende doch nichts Anderes, als ein tausendstimmiges, lautes Zeugnis dafür, dass das Bekenntnis unserer evangelisch - lutherischen Kirche ein völlig schriftgemäßes, dass sie bei den Reden Jesu Christi treu verblieben und darum die Kirche der reinen Lehre sei. Nicht weil es die Väter gedichtet und gemacht, wird solch' Bekenntnis so hoch geachtetes, sondern weil hier die Bibel allein ist dargelegt mit hellem Schein; weil hier das Wort des Heilandes schlicht und mächtig aus allen Blättern spricht. Hier ist Nichts erdichtet und neu erfunden, wie es sonst unter den Menschen geht: dass die Väter allein auf der Bibel stunden, das ist des Bekenntnisses Majestät!“
II.
„So ihr bleiben werdet an meiner Rede, spricht Jesus Christus in unserem Texte, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen.“ Das ist der hohe Trost, der in diesen Worten Jesu Christi liegt, dass die christliche Kirche nicht dazu verurteilt ist, in trostloser Mühe und Anstrengung die Wahrheit zu erfinden, vielmehr bietet sie sich unserem Geiste dar in dem Evangelium JEsu Christi, der aus des Vaters Schoß zu uns gekommen ist. Die Sonne steht am Himmel und strahlet hell und klar, du brauchst nur deine Augen aufzutun und ihrem Scheine Eingang bei dir zu gewähren, so wird dein Auge selbst Licht. So, meine Geliebte, brauchen wir nur das Evangelium JEsu Christi mit gläubigem Gemüte anzunehmen und bei der Rede des HErrn zu bleiben, und wir werden die Wahrheit erkennen. In seinem Lichte sehen wir das Licht. Aber es ist namentlich eine zweifache, entgegengesetzte und doch gleich falsche Richtung des menschlichen Gemütes, welche das reine Licht des göttlichen Wortes trübt und uns seine Wahrheit nicht erkennen lässt. Diese beiden Verirrungen, denen die Menschheit so vielfach sich hingibt, heißen: Aberglaube und Unglaube.
Als Martin Luther heute vor 351 Jahren seine 95 Sätze an die Schlosskirche zu Wittenberg schlug, begann er den heißen, schweren Kampf wider Aberglauben und Menschensatzung. Jene 95 Sätze waren wie Funken, sie flogen über ganz Deutschland, in die Schweiz, hinauf nach Schweden und Norwegen, über den Rhein nach Frankreich, hinüber nach England und zündeten allüberall ein Feuer an, das der Kaiser und das Reich, der Papst und seine ganze Klerisei nicht mehr zu löschen vermochte. Unüberwindlich stand Martin Luther da, die freie Brust mit Nichts geschützt, als mit dem Schild des Glaubens, das kühne Haupt mit Nichts bedeckt, als mit dem Helm des Heils, den starken Arm mit Nichts bewehrt, als mit dem Schwert des Geistes und sprach das männlich schöne Wort: „Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!“ Aber seht, meine Geliebten, gerade darin offenbarte sich nun die wahre Geistesgröße Martin Luthers und sein Beruf als Reformator, dass er sich von den unerwartet großen Erfolgen seines Unternehmens nicht mit fortreißen ließ in die entgegengesetzte Verirrung des Unglaubens, was der menschlichen Natur so nahe liegt, und wozu auch er durch die mächtigsten Versuchungen und Lockungen sich hingedrängt sah. Davor bewahrte ihn seine unbedingte kindliche Unterwerfung unter das Wort heiliger Schrift, seine unverletzbare Treue, mit welcher er bei der Rede seines HErrn und Meisters JEsu Christi unerschütterlich verblieb. Es ist wahrhaft rührend, wenn wir ihn gegenüber den Schweizer Theologen beobachten, mit denen Hand in Hand zu gehen, unter den damaligen schwierigen Zeitverhältnissen so mächtige Aufforderung vorlag. Wie dort auf dem Reichstage zu Worms, so wankte Luther auch hier nicht in seiner Treue gegen GOttes Wort. „Das Wort der Schrift ist zu gewaltig, sprach er; hier steht's geschrieben; ich kann nicht anders!“ Und so ging er lieber allein, seine Sache GOtt befehlend. Dieser Haltung Luthers aber haben wir es nächst GOtt zu verdanken, dass unsere Kirche nicht bloß die Kirche reiner Lehre, sondern eben darum auch die Kirche der wahren Mitte ist.
Das, meine Geliebten, zeigt sich nicht bloß in der Lehre vom heiligen Abendmahl, das geht hindurch durch ihre ganze Anschauung und Glaubenslehre, durch ihren ganzen Kultus- und Gottesdienst, durch ihre äußere Verfassung und Vertretung bis herunter auf die äußere Bauart und Einrichtung ihrer Kirchen. Die lutherische Kirche hat keinen wundertätigen Hochaltar, aber auch nicht einen bloßen Tisch, sondern einen Altar als würdige Stätte der Anbetung und des Segnens und darum auch einen Altargottesdienst. Sie verehrt keine wundertätigen. Reliquien und Bilder, sie sucht nicht das Gefühlsleben durch äußern Pomp und und sinnliche Eindrücke aller Art gleichsam zu überwältigen, aber sie verliert sich auch nicht in bloßer, kalter Verstandestätigkeit, sie treibt keine Bilderstürmerei, sie zieht vielmehr die Kunst in den Dienst des Göttlichen, ohne sie zu überschätzen. Sie kennt keine Unfehlbarkeit irgendeines Menschen, sie hat kein Papsttum, aber sie gibt auch ihre Heiligtümer nicht den schwankenden Meinungen des Tages und der Majoritäten preis, sondern bezieht Alles auf GOttes Wort, auf welchem ihr festes Bekenntnis ruht. So steht sie in kerngesunder Kraft und Einfalt zwischen den beiden äußersten Richtungen, der Alles versinnlichenden und der Alles vergeistigenden und verflüchtigenden, als die Kirche der wahren Mitte da, die der menschlichen Natur vollkommen angemessen ist. Sie will die Einigung des Menschlichen und Göttlichen nicht schauen und mit Händen greifen, sie will sie aber auch nicht mit dem endlichen Verstande begreifen, die evangelisch-lutherische Kirche glaubt weil sie weiß, dass wir noch nicht im Lande des Schauens wohnen.
III.
„So ihr bleiben werdet an meiner Rede“, spricht JEsus Christus in unserem Texte „so seid ihr meine rechten Jünger, und werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen“. Das also stellt JEsus Christus seinen Gläubigen als das Ziel der Vollendung vor Augen, dem wir entgegenstreben sollen: die Wahrheit wird euch frei machen.“
Wer liebte die Freiheit nicht! Wie nehmen wir nicht auf allen Gebieten menschlichen Strebens ein Ringen und Kämpfen um die Freiheit wahr. Fürwahr, sie muss ein herrliches, kostbares Gut für den Menschen sein, dass er sich ihren Besitz so viel kosten lässt. Aber, meine Geliebten, kennen denn auch Alle die wahre Freiheit, und streben sie wirklich nach ihr? Siehe, die Juden, zu denen JEsus jene Worte sprach, rühmen sich ihrer Freiheit und brüsten sich mit den Worten: wir sind nie Jemandes Knechte gewesen!“ - Jesus aber ruft ihnen zu: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht! Das also ist die Knechtschaft, von der er uns befreien will, nicht eine äußerliche Freiheit nur verheißt er uns und stellt sie uns als letztes, höchstes Ziel des Strebens vor Augen, sondern vielmehr eine innere Freiheit des Geistes und Herzens von allen schimpflichen Banden der Sünde und der Selbstsucht, die wahre, echte Freiheit der Kinder Gottes, und in diesem Sinne ruft er weiter aus: So euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei!“ Erst in dem Maße als du diese Freiheit dir errungen hast, mein Christ, vermagst du auch die äußere Freiheit zu gebrauchen, ohne dass du sie missbrauchst. Erst wenn du die Ketten der Sündenknechtschaft durch GOttes Kraft zerbrochen hast, bist du der äußeren Freiheit wert.
So hat Luther getan. Erst errang er im heißen Bußkampf der Seele sich die Freiheit des Geistes, erst schwang er sich im gläubigen Erfassen der Gnade GOttes in Christo Jesu zur Freiheit der Kinder GOttes empor, dann trat er auf als ein gottbegeisterter Held, der die Zwingburg des Aberglaubens zerstörte. Stets aber erachtete er sich gebunden durch GOttes Wort als die Regel und Richtschnur seines Tuns und Lassens, darum war auch sein Werk kein Werk der sündigen Willkür, es war keine Revolution, sondern eine Reformation. Auf diesem Wege, meine Geliebten, müssen wir verharren, wenn wir Alle an das gottverheißene Ziel gelangen wollen, dass die Wahrheit uns frei macht. Wir müssen bleiben bei der Rede JEsu Christi, dann sind wir seine rechten Jünger, die weder von Aberglauben noch Unglauben geknechtet sind, sondern vielmehr die Wahrheit erkennen. So erst gehören wir als würdige Glieder der Kirche der reinen Lehre und der wahren Mitte an, die eben darum auch die Kirche der Zukunft ist. Mag man sie dann noch die evangelisch-lutherische Kirche heißen oder nicht, daran liegt wenig. Auf den Namen hat Niemand geringeren Wert gelegt als Luther selbst, aber ihre Lehre wird bleiben, weil sie Christi Lehre ist, von der er selbst beteuert: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ und in diesem Sinne rufen wir heute am Feste der Reformation nach 350 Jahren noch wie unsere Väter gesprochen haben: GOttes Wort und Luthers Lehr vergehen nun und nimmermehr! Amen.