Prediger, Kapitel 7
7:1 Ein guter Ruf ist besser denn gute Salbe, und der Tag des Todes denn der Tag der Geburt.
7:2 Es ist besser in das Klagehaus gehen, denn in ein Trinkhaus; in jenem ist das Ende aller Menschen, und der Lebendige nimmt's zu Herzen.
7:3 Es ist Trauern besser als Lachen; denn durch Trauern wird das Herz gebessert.
7:4 Das Herz der Weisen ist im Klagehause, und das Herz der Narren im Hause der Freude.
7:5 Es ist besser hören das Schelten der Weisen, denn hören den Gesang der Narren.
7:6 Denn das Lachen der Narren ist wie das Krachen der Dornen unter den Töpfen; und das ist auch eitel.
7:7 Ein Widerspenstiger macht einen Weisen unwillig und verderbt ein mildtätiges Herz.
7:8 Das Ende eines Dinges ist besser denn sein Anfang. Ein geduldiger Geist ist besser denn ein hoher Geist.
Schaut auf den Herrn und Meister Davids; siehe auf seinen Anfang. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor Ihm verbarg. Und wollt ihr nun sein Ende betrachten? Er sitzet zur Rechten seines Vaters, bis dass seine Feinde zum Schemel seiner Füße gelegt werden. „Gleichwie Er ist, so sind auch wir in dieser Welt.“ Ihr müsst das Kreuz tragen, sonst wird euch nie die Krone schmücken; ihr müsst den Sumpf durchwaten, sonst könnt ihr nie auf den goldenen Gassen wandeln. Darum freue dich und sei fröhlich, armer Christenmensch. „Das Ende eines Dinges ist besser denn sein Anfang.“ Siehe jene kriechende Raupe, wie erbarmungswürdig ist ihr Anblick! Sie ist der Anfang eines Geschöpfes. Siehest du dort einen Schmetterling mit den prachtvollen, breiten, schimmernden Flügeln? Siehe, er wiegt sich in den Sonnenstrahlen und trinkt aus Kelchen blühender Blumen; er ist voller Leben und Glück: das ist jenes Geschöpfes Ende. Du selbst bist jener kriechende Wurm, bis dass du eingehüllt wirst in das Gespinnst des Todes; wenn aber Christus erscheinen wird, dann wirst du Ihm gleich sein, denn du wirst Ihn sehen, wie Er ist. Freue dich, dass du Ihm gleich sein darfst, ein Wurm und kein Mensch, auf dass du wie Er vollen Lohn empfangest, wenn du wieder erwachst nach seinem Bilde. Dieser rohe Diamant wird auf die Polierscheibe des Schleifers gebracht; der beschneidet ihn auf allen Seiten. Es geht manches zu Grunde, gar manches, was dem Diamant selber wertvoll erscheint. Siehe, der König wird gekrönt; das Diadem wird dem Herrscher aufs Haupt gelegt unter dem Freudenschall der Posaunen.
Ein glänzender Strahl bricht aus jener Krone hervor, und er blitzt gerade von demselben Diamant auf, den der Steinschleifer vorher so arg misshandelt hat. Du darfst dich getrost mit solch einem Diamanten vergleichen, denn du bist ein Glied des Volkes Gottes, und dies Leben ist die Zeit des Schleifens und Polierens. Lass Glauben und Geduld ihr Werk an dir vollenden, denn des Tages, da die Krone dem König, dem Ewigen, Unsterblichen, Unsichtbaren, aus Haupt gesetzt wird, wird auch von dir ein Strahl der Herrlichkeit ausgehen. „Sie sollen, spricht der Herr Zebaoth, des Tages, den ich machen will, mein Eigentum sein.“ „Das Ende eines Dinges ist besser denn sein Anfang.“ (Charles Haddon Spurgeon)
7:9 Sei nicht schnellen Gemütes zu zürnen; denn Zorn ruht im Herzen eines Narren.
7:10 Sprich nicht: Was ist's, daß die vorigen Tage besser waren als diese? denn du fragst solches nicht weislich.
7:11 Weisheit ist gut mit einem Erbgut und hilft, daß sich einer der Sonne freuen kann.
7:12 Denn die Weisheit beschirmt, so beschirmt Geld auch; aber die Weisheit gibt das Leben dem, der sie hat.
7:13 Siehe an die Werke Gottes; denn wer kann das schlicht machen, was er krümmt?
7:14 Am guten Tage sei guter Dinge, und den bösen Tag nimm auch für gut; denn diesen schafft Gott neben jenem, daß der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.
7:15 Allerlei habe ich gesehen in den Tagen meiner Eitelkeit. Da ist ein Gerechter, und geht unter mit seiner Gerechtigkeit; und ein Gottloser, der lange lebt in seiner Bosheit.
7:16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, daß du dich nicht verderbest.
7:17 Sei nicht allzu gottlos und narre nicht, daß du nicht sterbest zur Unzeit.
7:18 Es ist gut, daß du dies fassest und jenes auch nicht aus deiner Hand lässest; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allem.
7:19 Die Weisheit stärkt den Weisen mehr denn zehn Gewaltige, die in der Stadt sind.
7:20 Denn es ist kein Mensch so gerecht auf Erden, daß er Gutes tue und nicht sündige.
7:21 Gib auch nicht acht auf alles, was man sagt, daß du nicht hören müssest deinen Knecht dir fluchen.
7:22 Denn dein Herz weiß, daß du andern oftmals geflucht hast.
7:23 Solches alles habe ich versucht mit Weisheit. Ich gedachte, ich will weise sein; sie blieb aber ferne von mir.
7:24 Alles, was da ist, das ist ferne und sehr tief; wer will's finden?
7:25 Ich kehrte mein Herz, zu erfahren und erforschen und zu suchen Weisheit und Kunst, zu erfahren der Gottlosen Torheit und Irrtum der Tollen,
7:26 und fand, daß bitterer sei denn der Tod ein solches Weib, dessen Herz Netz und Strick ist und deren Hände Bande sind. Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder wird durch sie gefangen.
7:27 Schau, das habe ich gefunden, spricht der Prediger, eins nach dem andern, daß ich Erkenntnis fände.
7:28 Und meine Seele sucht noch und hat's nicht gefunden: unter tausend habe ich einen Mann gefunden; aber ein Weib habe ich unter den allen nicht gefunden.
7:29 Allein schaue das: ich habe gefunden, daß Gott den Menschen hat aufrichtig gemacht; aber sie suchen viele Künste.1)
Auch dies Kapitel enthält Aussprüche über die Weisheit des Lebens, oder die Kunst, glücklich zu sein, wobei der Prediger insbesondere V. 1. 2. zur Erstrebung eines guten Rufs ermahnt, dann V. 3-7 vor Umgang mit gottlosen Menschen warnt, V. 8-11 Gelassenheit empfiehlt, V. 15-19 auf die Nachtheile zu großer Strenge aufmerksam macht, und V. 20-30 kluges Nichtachten auf manche Urtheile der Welt fordert. Sehr wahr ist es, daß die Freude und das Glück der Welt einem Flackerfeuer gleicht, das heftig auflodert, aber schnell verlöscht; daß die Heiden und alle Ungläubigen ein thöricht Volk sind, weil sie ihrer eignen Vernunft überlassen und von dem Quell aller Weisheit abgeschnitten sind, unter Israel aber, dem Volke der Offenbarung, und allen Kindern Gottes die Weisheit ihren Sitz aufgeschlagen hat. Der Vorzug der Gläubigen und Frommen ist namentlich, daß ihnen die Zukunft angehört; denn wo die Weisheit ist, da muß auch seiner Zeit sich das Leben einstellen, die Fülle des Heils, der Sieg über die Welt, so gewiß als Gott dem Volke, dem Er die edelste Gabe gegeben, die niederen nicht versagen wird. Ein weiser Mann ist ein starker Mann, sollte er auch noch so schwach von außen anzusehen sein. – Zugleich ist der doppelte Trost wahr, mit welchem Salomo in den Leiden tröstet; einmal der Trost, daß im Leiden die Gerechtigkeit Gottes sich offenbare, welche auch bei den Frommen die Sünde, die noch in ihnen wohnt, nicht ungestraft lassen kann; dann der andere, daß jedes Leiden eine verhüllte Gnade ist, ein unentbehrliches Mittel der Förderung, welches Gott den seinen nicht ohne Härte entziehen kann. Denn des Vaters Liebesruth ist uns allewege gut. Wahre Christen nennen daher das Kreuz das liebe Kreuz; es stimmt zum Ernste, es führt zur lebendigen Erkenntniß der Nichtigkeit alles Irdischen, es drängt an Gott heran und eröffnet in der Gemeinschaft mit Ihm den einen Quell wahrhaftiger Freude. – Heilige denn, o Herr, alle unsere Freude und unsere Traurigkeit; jene, daß wir nicht anders als in Dir uns freuen, diese, daß wir auch rühmen können mitten in der Trübsal und sie uns zum Besten diene. Amen. (Johann Friedrich Wilhelm Arndt)