Besser, Wilhelm Friedrich - Predigt am zweiten Sonntage nach Trinitatis 1880.

Besser, Wilhelm Friedrich - Predigt am zweiten Sonntage nach Trinitatis 1880.

Hauptlied: Nr. 91. Burgsches Gesangbuch.

Text: 1. Joh. 3,13-18.
Verwundert euch nicht, meine Brüder, ob euch die Welt hasst. Wir wissen, dass wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind, denn wir lieben die Brüder. Wer den Bruder nicht liebt, der bleibt im Tode. Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger; und ihr wisst, dass ein Totschläger nicht hat das ewige Leben bei ihm bleibend. Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat, und sieht seinen Bruder darben, und schließt sein Herz vor ihm zu, wie bleibt die Liebe Gottes bei ihm? Meine Kindlein, lasst uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.

In Christo geliebte Gemeinde! Die Evangelien der beiden ersten Sonntage in der Trinitatiszeit reichen einander die Hände, indem sie zusammenfassen das Ende und den Anfang unseres Christenlaufes und fesseln unser Gemüt zuerst aufs nachdrücklichste durch die Erzählung vom reichen Mann und dem armen Lazarus und heute durch das Gleichnis vom großen Abendmahl und der Berufung dazu.

Und was tun die Episteln? Was sie immer zu tun pflegen, sie sind Handlanger der Evangelien, sie sehen dieselben in desto helleres Licht. Könnten wir noch im Zweifel sein, warum der reiche Mann in der Hölle und in der Qual war, die vorige Sonntags-Epistel löst uns den Zweifel. „Lasst uns Ihn lieben, denn Er hat uns zuerst geliebt“ und „wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“. (1. Joh. 4,19.16.) Lazarus hatte bei all seinem Elend in der Liebe sein Element, in der Liebe Gottes; der reiche Mann aber war von der Liebe zu Gott und göttlichen Dingen leer, von der Liebe hatte er bei all seinem Wohlleben nichts erfahren, darum fuhr er hinab in die Hölle, in die er auch hin gehörte, hin in die äußerste Gottesferne, an den Ort der Qual. Und die heutige Epistel? Ja, die ergänzt erst recht unser Evangelium vom großen Abendmahl. Es ist wohl ein allgemein Erbarmen, ein allgemeiner Ruf an die Armen - aber nicht Alle kommen zum großen Abendmahl; es sind viele berufen, aber wenige sind auserwählt. Es gibt nicht bloß Abendmahlsgenossen, sondern auch Abendmahlsverächter, und bei diesen Abendmahlsverächtern ist das die höchste Unglückseligkeit, dass sie nun dies Abendmahl niemals, niemals schmecken werden. Eine unbesetzte Stelle aber gibt es noch mitten inne zwischen diesen beiden, zwischen dem Anfang und dem Ende, und eine Lücke in jedes einzelnen Menschen Lebensgeschichte und die füllt unsere heutige Epistel aus. Wenn nur wenigstens die viel zu viel zu tun haben, als dass sie sich um himmlische Dinge und um das Reich Gottes kümmern könnten, jene Verächter des Abendmahls, die Abendmahlsgenossen in Ruhe ließen, aber sie sind ihnen aufs äußerste widerwärtig, möchten sie auf alle Weise in ihrer Abendmahlsfreude stören und würfen ihnen womöglich die Fenster im Abendmahlssaal ein. Drinnen aber bei diesen, da geht es gar lieblich zu, die Kinder Gottes lassen sich durch den Hass der Verächter nicht stören, denn sie haben den HErrn Jesum bei sich, der erquickt und nährt sie, und sie haben sich unter einander lieb, sie sind eine Jesusfamilie. Ja, „wir wissen, dass wir aus dem Tode zum Leben gekommen sind, denn wir lieben die Brüder“. Das ists, wovon die heutige Epistel zu uns redet. Lieblosigkeit ist Tod, Hass ist Mord - Liebe ist Leben und lässt das Leben das sind die Grundgedanken, die unsere heutige Epistel beherrschen und die sich am zweiten Trinitatissonntage in unsere Herzen pflanzen sollen.

Von Hass und von Liebe redet unsere Epistel. Nämlich von einem Hass, über welchen wir Christen uns nicht verwundern sollen, und von einem Hass, wovor wir Christen uns zu entsetzen haben, und dann von der Liebe, die Leben ist und die das Leben lässt. „Verwundert euch nicht, meine Brüder, ob euch die Welt hasst.“ Aber ist dies nicht doch verwunderlich? Ist es nicht zu verwundern, ja ist es nicht äußerst befremdlich, dass diejenigen, die der Welt das Evangelium von Christo bringen und damit Vergebung der Sünden und Leben und Seligkeit, dass die von der Welt gehasst werden? Müssten sie denn nicht von der Welt mit Freuden aufgenommen werden? Das dachten die Jünger und Apostel freilich auch, als sie der HErr Jesus aussandte und darum hat der HErr Christus es für hochnötig gehalten, ihnen diese Meinung zu benehmen. Haben sie mich Beelzebub geheißen, sagt Er ihnen, werden sie euch dann liebkosende Namen geben? Der Jünger ist nicht über seinen Meister. Sie haben Mich gehasst und so werden sie auch euch hassen. Denkt an die vielen Stellen in den Evangelien, wo der HErr von diesem Hass der Welt zu Seinen Jüngern redet. „Verwundert euch nicht, lieben Brüder, ob euch die Welt hasst.“ Die erste Christengemeinde in Jerusalem hatte freilich eine kleine Weile Ruhe und stand in großer Gunst bei dem Volke, aber sehr lange dauerte es nicht. Ein Eindruck von der Macht des im Geiste gegenwärtigen Christus war wohl da und hielt die Masse zuerst unter Druck. Als nun aber die Jünger Jesu immer dringender wurden mit Ermahnen und allen so teuer Erlösten zumuteten, dass sie sich bekehren sollten zu dem HErrn Jesu, hinweg von den eitlen Gütern dieses Lebens hin zu den ewigen wahren Gütern, da erwachte der Hass der Welt. Und seht, Geliebte, so ist es damit gegangen durch die ganze Kirchengeschichte. Von den alten Römern weiß man, wie sie erlaubten, dass von allen Götzen der heidnischen Völker, die sie nach und nach unter ihre Botmäßigkeit brachten, einer in ihrem Götzentempel, in dem Pantheon zu Rom aufgestellt werden durfte; nur für das Kreuz, da gaben sie keinen Raum, dieses Kreuz durfte unter keinen Umständen aufgepflanzt werden, nur die Religion der Christen sollte nicht erlaubt werden. Ja, meine Geliebten, sie wussten es: das Christentum ist eine unduldsame Religion. Ist das richtig? Ja wohl! es ist richtig, denn das Christentum ist die Religion der Liebe und darum, weil die Liebe es nicht gleichgültig mit ansehen kann, wenn eine Seele verloren geht und in die Hölle fährt, darum kann sie es nicht lassen, den Menschen zu sich herüber zu ziehen, damit er durch das Evangelium von Christo selig werde. Das aber nennt die Welt Hochmut. Und einer aus ihr hat wohl einen Vers gemacht: „Mit Teufeln lässt sich‘s wohl vergnügen, nur ihr seid niemals zu ertragen, euch muss man fliehen oder jagen, weil euerm Hochmut nichts genügt.“ Geliebte! Hochgemut wollen wir freilich sein in dem, der unser Haupt ist und der Seine Himmelsschätze uns in unsre armen, elenden Hände gegeben hat, hochgemut als die Armen, aber die doch viele reich machen. Diejenigen nun, die das Abendmahl verachten, die irdisch gesinnt sind und die in ihrem geistlichen Tode verharren wollen, die müssen sich dagegen wehren, und darum müssen die Christen denen, die sich von der Welt regieren lassen, verhasst sein und uns ist es recht heilsam, dass unsere heutige Epistel uns einmal recht fasst an dieser Stelle. Wie steht es denn mit uns in diesem Stück? Wie ist denn unser Verhältnis mit den Weltmenschen? Kannst du nicht da sitzen, wo die Spötter sitzen? (Ps. 1,1 ff.) oder kannst du es da aushalten? Ein alter Apologet sagt davon: „Ein Hund bellt, wenn man seinen Herrn antastet, und ich sollte schweigen, wenn mein HErr Christus verunglimpft wird?“ Verstehst du das klägliche Kunststück, zu vermitteln zwischen jenen Weltmenschen und demjenigen, der von sich sagt: „Ich bin nicht gekommen -“, das sagt Er, der Sanftmütige, der von holdseligen Lippen, der Friedefürst „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen,“ nämlich den faulen, den Weltfrieden, „sondern das Schwert und Zwietracht“. Ja, die Abendmahlsgenossen müssen gehasst werden von den Verächtern, und mir soll dabei bange werden, wenn ich mir sagen muss: „Ach, ich komme gut aus mit den Weltmenschen, mich lassen sie zufrieden.“ Ach, wenn es so mit dir steht, da sei bange um dein Christentum, dann machst du noch dieses und jenes mit, dann schweigst du noch zu vielem; aber wenn man in Wahrheit es genau nimmt mit seinem Christentum, wenn man in Wahrheit sich scheidet von allem, was Welt und weltliches Wesen heißt, dann wird unser ganzes Wesen den Weltkindern zuwider und sehr unbequem. Ja, wir müssen ihnen unbequem und lästig werden, und dass ich's kurz sage, wir müssen uns so benehmen, dass wir auf diesen einen Hass ohne Verwundern vorbereitet sind.

Vor einem andern Hass aber sollen wir uns entsetzen, denn er ist nichts anderes, denn der Tod bei lebendigem Leibe. „Wir wissen, dass wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind: denn wir lieben die Brüder. Wer den Bruder nicht liebt, der bleibt im Tode.“ „Der bleibt im Tode“ ja wohl! Denn was die Weltmenschen Leben nennen, das ist ja nur ein verlarvter Tod, es sind nur die Zuckungen eines galvanisierten Leichnams. Wir bleiben hier nur bei dem zunächst stehen, was der Apostel von dem Hasse sagt und werden später noch bei dem ersten Teil unseres Textes zu verweilen haben: „Wir lieben die Brüder.“ Danach fährt St. Johannes fort: „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger und ihr wisst, dass ein Totschläger nicht hat das ewige Leben bei ihm bleibend.“ Hier meint er nun nicht die Weltkinder, sondern die Brüder, die christlichen Kreise redet er so an. „Wer seinen Bruder hasst,“ auch wenn er schon einmal zum neuen Leben erwacht ist, auch wenn er Christ geworden ist, und er hasst seinen Bruder, so hat er nicht das ewige Leben bei ihm bleibend, er erstirbt wieder und bleibt im Tode! O, Geliebte! wie schrecklich! vor diesem Hass, vor dem Hass unter Brüdern, da sollen wir uns entsetzen, denn dieser Hass ist ein Totschläger, ja wahrhaftig, er ist ein Mörder. Es übertreibt St. Johannes wahrlich nicht, wenn er ihm diesen Namen gibt und wir wollen diesen Totschläger einmal ganz genau und ernsthaft betrachten. Seht euch um unter denen, die euch zuwider sind; denket an die, mit denen ihr zusammen zu leben habt, da sehe ein Jeder seinen Stand und Beruf Denket, lieben Brüder, an die, über die ihr euch zu beklagen habt, die euch unleidlich sind. Ja, es ist vielleicht wahr, sie haben euch unrecht getan, sie haben euch beleidigt; aber, was tut ihr nun? Vielleicht betrügt ihr euch nun selbst und redet euch ein: „wir hassen nicht sie, sondern wir hassen nur ihre Sünde.“ Ist das auch wahr? Freilich, die Sünde, die sollen wir hassen, aber ist es wirklich nur sie - ist es nicht doch der Bruder persönlich, den wir hassen? Prüft euch recht, und der heilige Geist wird uns nicht in Selbsttäuschung darüber lassen, warum wir gerade diesen oder jenen Menschen unerträglich finden, wenn wir auch sagen, es sei nur seine Sünde, die wir hassen nein, meine Geliebten, es ist nicht der Heilige Liebeszorn, sondern es ist unsere alte Selbstsucht, unsere alte Selbstgefälligkeit, worin wir uns nicht wollen stören lassen durch den Bruder, neben den uns Gott gestellt hat, dass wir mit ihm leben sollen. Oder auch, es ist unser Stolz - ja dieser Herr von Ich, eine schrecklich ausgebreitete, weit verzweigte Familie schon von Adam her, die uns an der Liebe zu dem Bruder hindert. O, prüfe dich doch recht und lege deinen Finger auf dies Wort: „wer den Bruder nicht liebt, der bleibt im Tode.“ Und die Unliebe, die Lieblosigkeit, die ist schon ein Ei, worin ein Basilisk sitzt und dieser Basilisk ist der Hass, der frisst endlich alle Liebe zu dem Bruder aus unserm Herzen weg, ja, das ganze Christentum frisst er weg. Der Glaube wird zur Täuschung, das Gebet ja, wenn du überhaupt noch betest, um etwa Gott mit deinem Gebet zum Sündendiener zu machen - das Gebet verstummt endlich ganz. Geliebte, es ist unsere erste Pflicht, dass wir Gottes Wort hören und unter unseres Gottes Wort uns beugen und hier steht es klar und deutlich: „wer den Bruder nicht liebt, der bleibt im Tode,“ so deutlich, dass wir wahrlich heute keine Entschuldigung haben, als wäre unser Text schwer verständlich. „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger.“

Das wäre nun das erste Stück: Ein Hass, über den wir uns nicht verwundern sollen, ja, den wir nicht entbehren können, denn er gehört zu unserer Signatur, wenn wir Christen sein wollen; zum andern aber ein Hass, vor dem wir uns entsetzen sollen, denn: „Seht darauf, lieben Brüder, dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch dieselbe verunreinigt werden.“ (Hebr. 12,15.) Davor bewahre uns, lieber himmlischer Vater!

Und nun kommen wir zu dem zweiten Stück, dem Preise der christlichen Bruderliebe, den St. Johannes anstimmt: „Wir wissen, dass wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind, denn wir lieben die Brüder.“ Das war der mächtigste, der herzgewinnendste Eindruck, den die ersten Christengemeinden auf die Heiden machten: „Seht, wie sie sich einander lieben.“ Das war Leben, sie konnten nicht daran zweifeln, dass sie aus dem Tode ins Leben gekommen waren. Sie hatten es wohl gekannt, das Leben, was die Heiden, die sie umgaben, noch führten, denn sie hatten es selber geführt; aber jetzt war alles anders mit ihnen geworden, jetzt war alles neu, denn nun waren sie Christen geworden und da liebten sie die Brüder und das war ihnen das Zeichen ihres schlagenden Lebenspulses. „Wir wissen, dass wir aus dem Tode ins Leben gekommen sind.“ „Weil die Bruderliebe brennet, zeige was der in dir schafft, der als Seine Braut dich kennet. Zion, durch die dir gegebene Tür, brich herfür!“ Nun, Geliebte, es gibt wohl kein Wort, das wir so oft aussprechen wie Liebe, lieben, lieb haben; wir sprechen es so oft mit Worten und mit der Zunge aus, aber lieben wir auch mit der Tat und mit der Wahrheit? Es ist nun unsere Hauptaufgabe, dass wir es damit genau nehmen, und dass wir nicht leichtfertig damit sind, uns ein Selbstattest darüber auszustellen, dass wir die Brüder lieben. Dass wir das nicht so bald können, dafür sorgt schon unser Text auch ganz gehörig. St. Johannes sagt: „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er Sein Leben für uns gelassen hat.“ Er, diese eine Person, die er meint, er braucht Ihn nicht zu nennen, die Brüder wissen, wer Er ist. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er Sein Leben für uns gelassen hat.“ Liebe ist Leben, und Liebe lässt das Leben. Siehe den HErrn Jesum Christum an!

St. Paulus drückt den Liebessinn Christi in jenem Wort aus (Röm. 15,3), dass Er nicht Gefallen an Sich selber hatte. Christus war nicht selbstgefällig. Wäre Er das gewesen, da gäbe es keinen Christus, keinen Menschgewordenen Sohn Gottes. Denn Er hätte wohl mögen Freude haben im Himmel, da Er im Schoße des Vaters saß und der Engel Chöre Ihn umgaben. Er brauchte uns nicht, wenn Er selbstgefällig gewesen wäre, Er hätte nicht notwendiger Weise eine Kirche auf Erden um Sich sammeln müssen, wenn Er Gefallen an Sich selber gehabt hätte. Das hatte Er aber nicht, sondern an uns fluchwürdigen Kindern, die Sein Vater „ausgetan zu Straf- und Zornesruten“, an uns hatte Er Seinen Gefallen, an uns wollte Er im höchsten Grade beweisen, was Liebe sei, indem Er Sich aufopferte für uns. Denn was ist Liebe? Liebe ist Hingabe des Einen an den Andern, Selbsthingabe, Selbstenteignung für den Andern. Es gab eine von Sünde ungestörte Liebe, die Liebe, da der Vater im Sohn war und die beiden Eins im heiligen Geiste - das ist ein Geheimnis, das uns erst offenbar werden wird, wenn wir sein werden, wie Er ist - doch lassen wir das jetzt und bleiben wir dabei, dass diese Liebe sich wollte offenbaren als Gnade und dadurch den Satan besiegen, von dem es heißt, dass der Ihn würde in die Ferse stechen, und der da Gott höhnte, als habe Er in der Schöpfung Sich vergriffen, nachdem die Sünde in die Welt gekommen war. Ja wohl! den Schlangenstich, den hat der HErr Christus wohl empfunden, da Er gemartert und ans Holz gehängt war, da Er rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen,“ da hat Seine Liebe das Leben für uns gelassen. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er das Leben für uns gelassen hat.“ Er hatte nicht Gefallen an Ihm selber, Er ist nicht gekommen, dass Er Sich dienen lasse, was ja viel angenehmer gewesen wäre, „sondern, dass Er diene“. Blick hin, liebe Seele, wie gefällt dir der, der vom Abendmahl aufsteht und legt Seine Kleider ab und umgürtet sich mit einem Schurz und kniet vor Seinen Jüngern nieder und wäscht ihnen die Füße? O, das ist der Jesus, der nicht Gefallen an Sich selber hatte, der nicht auf Erden kam, um ein Paradies zu finden, sondern um eines zu pflanzen, ein Paradies, wo die Pflanzen mit Blut begossen werden müssen, mit dem Blut, welches für unsere Sünden vergossen wurde. Die Alten brauchen gern das Bild vom Pelikan, der seine Jungen mit seinem eigenen Blute nährt, indem er sich die Brust aufriss, um an ihm die Liebe zu zeigen, die Jesus für uns gehabt. Der Pelikan aber ist nur ein dürftiges Bild dafür, wir haben mehr, hier am Altar ist mehr! Zwar der Pelikan speist seine Jungen mit dem eignen Blut, aber er bleibt dabei am Leben Christus aber ist wahrhaftig gestorben für uns, mit einer Liebe ohne Grenzen hat Er uns geliebt bis in den Tod hinein. „Liebe, die für mich gelitten und gestorben in der Zeit, Liebe, die mir hat erstritten ew'ge Lust und Seligkeit, Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.“ Und nun setze dich, o lieber Christ, staunend unter das Kreuz des HErrn und lasse dir die Seele bewegen durch die dir nicht mehr unbekannte Frage: „Das tat Ich für dich, was tust du für Mich?“ Was meint Johannes damit, wenn er fortfährt: „Und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen.“ Nun, meine Lieben, wir wollen uns dessen freuen, dass wir zu der Christengemeinde gehören, wo in den ersten Jahrhunderten Millionen Christen mit der Tat dies wahr gemacht haben, „wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen.“ Schaue zurück in diese erste Zeit und du wirst finden, dass die Mauern der Kirche gekittet sind mit dem Blut so vieler heiligen Märtyrer. Und auch jetzt. haben wir noch etwas davon, etwas Abendschimmer haben wir doch wohl noch, etwas Most aus der Traube, die auf Golgatha gekeltert wurde; sind denn nicht alle die vielen Werke der Barmherzigkeit, von denen die Christenheit voll ist, Ausflüsse der Liebe, die vom Himmel stammt? Aber es drängt mich heute auch dies einmal mit zu erwähnen: „das Leben lassen für die Brüder,“ erfüllen dies nicht mit fröhlichem Herzen unter hellen Musikklängen auch die Söhne des Vaterlandes, die hinausziehen und sich willig zum Opfer geben in das Schlachtengewühl, in den Tod auf dem Felde der Ehren? Sie tun es aus Liebe zu dem irdischen Vaterlande. Doch Geliebte, ist denn unser wahres, rechtes, ewiges Vaterland nicht viel schöner, und ist es nicht noch viel köstlicher, im Dienste des himmlischen Königs zu stehen und über dem Berufe zu sterben, „Ihm, Ihm, dem Lamme, Seelen zu werben?“ Sollte es uns nicht gegönnt werden, dass auch uns dabei, wie den Söhnen des irdischen Vaterlandes, die lieben Engel die Musik dazu aufspielen in nie geahnten Himmelsklängen? O ja, so ein Licht möchte ich sein, das sich selbst verzehrt, indem es andern leuchtet! Aber wie beschämend für uns! Ist es nicht so? Den 17. Vers, ach, nur mit niedergeschlagenen Augen können wir den lesen. „Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben, und schließt sein Herz vor ihm zu, wie bleibt die Liebe Gottes bei ihm?“ nämlich, „wenn jemand dieser Welt Güter hat,“ von denen, die zu den Brüdern gehören, die sich Christen nennen lassen! Von denen sagt St. Johannes dies. Von der ganzen Summe, die wir schuldig sind, wollen wir nicht einmal diesen geringen Abschlag zahlen! Aber der Geiz, unsere alte, böse Selbstsucht hindert uns daran. Wir könnten wohl, aber wir wollen nicht, und da geht das Leben darüber hin und die Liebe Gottes bleibt nicht bei uns, weil wir den Bruder darben lassen und das Herz vor ihm zuschließen. Nun, meine Geliebten, eine Entschuldigung habt ihr heute nicht, als könntet ihr diesen Text nicht verstehen, ich bitte euch bloß, wendet ihn auch auf euch an, und wenn ihr sagen müsst: ja, hier sind wir heut von Gott ertappt, hier hat Er uns ergriffen, wir sind geizig, so prüfet dann auch weiter. Wo es sich um euer Wohlsein handelt, um euer Vergnügen, da reicht es immer, und weil immer erst das bedacht sein muss, darum lasst ihr den Bruder darben und gebt etwa nur dem noch, wo ihr eine Ehre vor den Menschen davon habt, wenn ihr etwa euern Namen dann gedruckt lesen könnt; aber das ist ja keine Liebe mehr, das ist ja nur eine ganz verlarvte, ganz schrecklich karikierte Liebe, die den Namen Liebe gar nicht mehr verdient. Johannes sagt: „Meine Kindlein, lasst uns nicht lieben mit Worten, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“ Da fallen die Augen Gottes in unser Herz hinein und Seine Hand erfasst uns und rüttelt und schüttelt uns, ob wir endlich aufwachen möchten, und es soll in uns allen, meine Herzgeliebten, heute der Seufzer erwachen: „Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahre, wie ich‘s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege.“ O, ich bin noch auf dem bösen Wege der Selbstsucht, der Selbstliebe, Selbstgefälligkeit, ja, lasst es mich heraussagen: eigentlich der Selbstanbetung. Numero Eins will ich überall sein. Aber muss ich denn das sein, muss ich denn immer mir jemand suchen, der eine Stufe unter mir steht, damit ich auf ihn herabsehen kann? O, wie werd ich doch mich selber los? Nun, liebe Seele, nur auf einem Wege! Erkenne den, der aus Liebe Sein Leben für dich gelassen hat und der dich wieder annimmt, da du dich doch wenigstens unglücklich fühlst in deinem lieblosen Zustand. Er wird dich wieder hineinlieben in Seine Liebe, Er wird dich auf Seine Arme nehmen und nicht müde werden, dich zu tragen, muss Er auch darüber klagen: „Ja, du hast mir Mühe gemacht in deinen Sünden und Arbeit gemacht in deiner Missetat.“ Er hört's, wenn wir zu Ihm flehen: „Dass doch nichts mehr von mir bliebe, o du allersüß'ste Lieb!“ Ja, Er wirds tun, Er wird endlich doch stärker in uns werden als wir, Er wird uns überwinden zu Seiner Liebe. „Die treuste Liebe sieget, am Ende fühlt man sie, weint bitterlich und schmieget sich kindlich an ihr Knie.“ Amen. {{tag>1_Joh_3 2_nach_Trinitatis]}

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