Passavant, Theophil - Jakob's Kampf - 17. Ich suchte

Passavant, Theophil - Jakob's Kampf - 17. Ich suchte

V. 22. Und Jakob stand auf in der Nacht, und nahm seine zwei Weiber, und seine zwo Mägde, und seine elf Kinder, und zog an die Fürth des Jabok.
V. 23. Nahm sie, und führete sie über den Vach, und führete hinüber was er hatte.

Es wird dem Knechte Gottes immer noch bange; es gibt überhaupt Unruh auf der Erde; die Welt hat keine Ruh. Und sie ist doch die Welt eines Gottes der Ordnung (1. Cor. 14,33.), der Macht und Allmacht, der überall Ruhe schafft, von außen, von innen, wo Er nur waltet und regieret,- ein Gott des Friedens (Phil. 4,7.). Er regieret allerdings nicht überall mit seinem guten, heiligen Geiste; es haben längst ganz andere Geister das Steuerruder genommen in der Welt, und sitzen oben an; und rütteln, kehren, wälzen Alles um, damit sie im Chaos ungehindert ihren Sitz einnehmen; daher so viel Unordnung und Unruh. Die Kräfte des Himmels, die Kräfte der Erde sind Gott unterthan; die Himmel und ihre Sonnen wandeln auf seinen Bahnen unverrückt; sie sind um Ihn her und zu seinen Füßen fröhlich und treu, seiner Winke gewärtig, und freuen sich zu glänzen und leuchten aus seinem Lichtglanz; aber des Menschen Herz gehet gerne auf selbstgemachter Bahn die eigenen Wege, und begehret Gottes nicht; nun aber gibt es im Himmel und auf der Erde nur Einen geraden Weg, gewiß, sicher und froh: Gottes Weg, denn Er ist doch der Herr; und sobald wir diesen Weg lassen oder verachten, sind wir als Irrsterne oder Irrlichter aus ihrer Bahn gewichen; wir haben unseren Frieden verlassen, und haben keine Ruh.

Ist doch ein ernstes, ein düsteres Wort, das aus Hiob's trauerndem Herzen heraus kam; und sein Hauch athmet mir auf allen Straßen, in allen Gassen, schauerig entgegen: Der Mensch, vom Weibe geboren, lebet kurze Zeit, und ist voller Unruhe; gehet auf wie eine Blume, und wird abgeschnitten; fleucht wie ein Schatten, und bleibet nicht. Hiob 14,1. f.

Ich war unter der wimmelnden Menge der Leute, in der Stadt, auf dem Lande, wie es Friede war; und es wehete kein Friede mich an, jene Himmelsluft, die wir so gerne auf unserer Erde athmen. - Ich war auf dem Markte, da sie bringen Obst, Getreide, Gemüse, Samen und Früchte, die Frucht des Weinstocks und des Oelbaums, die Fülle der Jahreszeiten unter den so mannichfaltigen schönen Gestalten und Farben, aus mildem, treuem Erdreich; und sah und hörete, wie sie fragen und antworten, kaufen und verkaufen: viel Sausen und Brausen, viel hin und her Schauen, Gaffen und Laufen, viel Bewegung und Unruh. - Ich war in den Buden, in den Kaufhäusern, auf den Waarenlagern, den großen, den kleinen; ich stand an den Häfen des Meeres, und sah die Schiffe, die Schichten von Holz, von Erz und Eisen und Marmor; auch Wolle und Baumwolle, und Linnen, und Purpur, und Seide, und Oel, und Mehl, und Waizen, und Zimmet, und Wein, und edle Getränke; - und wie die hohen Maste mit vollen Segeln in den Hafen einlaufen, glückliche Sieger über das große, weite Meer, über die Wasserwogen und Stürme, wie die Helden, die vom Kriege zurück mit Frieden heimkehren; - und war drinnen und draußen kein Friede, viel Unruh.

Ich ging in die Rathssäle, wo auf den weichen und ernsten Stühlen die gewichtigen Männer ihre Sitze einnehmen; wo Weisheit und Verstand ihren Rath geben; wo das Wort der Klugen mit tiefer Einsicht aus ihrem Munde fließt; wo die Macht der Rede, der Reichthum der Gedanken, Glanz auf Glanz und Schlag auf Schlag, wie so viele funkelnde Sterne, aus den sehenden Augen blitzen und glühen, alle Geister vor ihrem Geiste gespannt, alle Lande, alle Reiche dieser Welt ihrer Winke gewärtig, ihren Meinungen und Aussprüchen unterthan, oder unter sie gethan; ich hörete, ich sah Vieles auch, - nirgends Frieden und Stille, sondern viel Unruh.

Ich ging in jene bunten, glänzenden Räume, wo die Großen, die Reichen, und auch die Geringeren, die Armen, die Freude suchen, die das Tägliche nicht weiß, und die Erholung, die das Alltägliche nicht gibt; - und sah die Logenreihen so bunt, die Farben so glänzend, die Kronleuchter so herrlich, den Schmuck so reich, die Gesichter der Menge so voller Erwartung der Dinge, die da kommen sollten; ein dumpfes Murmeln - und sah den Vorhang sich heben, und Alles ward so plötzlich stille; sie schauten die neue Zauberwelt an, die sich ihren Blicken so glänzend aufschloß, und alle jene Gestalten in fremdem Solde geschmückt, wie sie da gerechtes und ungerechtes Wesen, Liebe und Zorn, Glück und Unglück, Frieden und Jammer, und Wahrheit und Lügen, Gutes und Böses, Altes und Neues, mit aller Kunst erheucheln, und lügen an die Herzen, das Leben, Lust und Unlust, sind selber Lust und Beute der Augen, des Fleisches und in den Logen, auf der Bühne, auf dem Parterre, keine Freude, keine Ruhe, sondern überall, vor und nach, vorn und hinten, Unruh, lauter Unruh.

Ich betrat den Tanzboden, und sah die bunten Reigen, die leichten Gewänder, die feine Seide, den schimmernden Flor, durch die blonden Locken, die schwarzen Flechten, die zarten Blumen mit Gold und Silber gewunden, prangend in der Farben Schmelz; - und der Wangen Glut, und der Augen funkelnden Glanz, die Glieder, die Sinnen, die Herzen, von der Wundermacht und Laune der reißenden Töne hin und her bewegt, gewiegt, gerissen, freudetrunken Manche, auch Sorgen und bange Erwartung, verlegene Blicke, Spannung und Hingabe, Wachen und Träumen, viel Bewegung, keine Ruh, viel Unruh.

Ich ging hinaus auf's Land, zum schlichten Landvolks und mischte mich in ihre Freuden, in ihre Arbeiten, auf dem Felde, in ihren Scheunen, ihren Höfen, wo die Alten und wo die Jungen im Dorfe sich sammeln; - langsames und schnelles, starres und reges Wesen; muntere Kräfte, doch auch viel Arbeit und Mühe, müde Glieder, auch müde Gesichter; und galt's Erholung und Freuden nach der Hitze des Tages, es ging schlichter zu, doch auch lauter und bunter, durch Saus und Braus, durch Tanz und Trinkgelag; andere Sitten als jene, andere Seelen, aber auch aller Welt Gepräge, wenig Zufriedenheit, selten die Friedens-Züge, wenig Ruhe, viel Unruh.

War auch dann und wann in jenen schonen Gesellschafts-Sälen, da sich die Augen, die Sinnen, durch Rauch und Dampf-Wolken kümmerlich durchschlagen; alle Weltblätter, alle Tag- und Monat- und Jahresblätter liegen auf den weiten Tischen, und werden von vielen Händen und Geistern hin und her beweget, was Alles schöne Literatur und Kunst, die Wissenschaft und die endlose Geschichte, die heillose Politik, aufbringen und aufschichten können; - dazu Gespräche der Freunde, der Geschäftsvollen, der Geschäftslosen, der Mitbürger, der ernsten Männer, der Staatsmänner; auch stille Gemächer, einsame Winkel, schweigsame Studien; eine Stille, eine Ruhe, - und doch unruhige Gedanken, unruhige Gespräche, unruhige Zuge, viel Unruh.

Ich trat in die Schreibstuben oder Säle der Kaufleute, der Beamten, der Gerichte; - viel Ordnung und viel Fleiß; und fand doch nicht, wonach alles Fleisch sich sehnet. Ich sah auch in manche stille Haushaltung hinein; hier fühlte nie eine Ruh; ich ging in eine andere, und in eine andere wieder, wo es auch stille zuging, und doch auch hier viele Gedanken, viele Sorgen, viel Suchen und Versuchen, viel Arbeit und Mühe; - vom Morgen bis zum Abend rege Hände und rege Gemüther, ein Rad, das dem anderen nachgehet oder nacheilet, und es doch nimmer erreichet, daß man möchte fragen: Für wen das immer neue Arbeiten und Bereiten, das Kaufen, das Sorgen, das Ordnen, und Räumen, und Schmücken, und Füllen mit Ziel und ohne Ziel? für was so viel Unruh?

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autoren/p/passavant/jakobs_kampf/passavant_jakobs_kampf_17.txt · Zuletzt geändert: von aj