Lang, Heinrich - 6. Im Tode das Leben.

Lang, Heinrich - 6. Im Tode das Leben.

Joh. 12, 24:
Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, daß das Waizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte.

Ostern, Ostern Frühlingswehen,
Ostern, Ostern Auferstehen
Aus des dunkeln Grabes Nacht.
Blumen sollen fröhlich blühen,
Herzen sollen himmlisch glühen:
Denn der Heiland ist erwacht!

Wie süß, wie tröstlich tönen diese Osterklänge an unser Ohr, jetzt, da der Odem Gottes wieder belebend durch die Schöpfung weht. Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, das Samenkorn, das in der Erde erstorben war, steht vom Tode auf und saugt gierig die frischen Lüfte ein, der warme Schein der Sonne erquickt tausend kranke Menschenkörper und noch viel mehr kranke Menschenherzen. Warum so bekümmert, warum so niedergebeugt, armes Menschenkind? Hast du liebe Menschen zu beklagen, die im Grabe schlummern? Hebe dein Haupt in die Höhe und lerne im Tode das Leben kennen. Warum so bekümmert und sorgenvoll, Menschenkind? Bist du von Armuth gedrückt und Lebensnoth? Schau empor, das Samenkorn wächst und bald wogt das Saatfeld in vollen Nehren wieder. Warum so finster und wild, armes Menschenkind? Bist von Leidenschaften gejagt und von Sündenpein gequält? O wirf beherzt den Stein vom alten Grabe der Sünden weg, steh' auf deine Füße und wandle im neuen Leben! Es steht ja Alles vom Tode auf zum Leben, warum nicht auch du?

O möchte das Samenkorn des ewigen Lebens in manche Herzen fallen und heilige Blüthen in ihnen erwecken, wenn wir in dieser festlichen Stunde aus dem Bilde des Samenkorns das Leben im Tode erkennen lernen.

1.

„Es sei denn, daß das Waizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte.“ Das Waizenkorn, das ersterben mußte, um viele Früchte zu bringen, ist zuerst Jesus Christus und sein Werk. Als er unter dem Hohngelächter der Hölle, unter dem Spott einer in Todesnacht versunkenen Welt das Haupt am Kreuze neigte und die Freunde trauernd seinen Leib in die Erde legten, da war das Samenkorn erstorben und in die Erde gefallen; jede Spur desselben schien vertilgt; die Jünger flohen betäubt und schlossen sich ein; die Liebe war unterlegen. Haß, Rachsucht, Mord, die alten finstern Mächte der Welt, hatten wieder gesiegt und die Erde schien von Neuem von Finsterniß und Schatten des Todes umfangen. Aber horch, welche liebliche Stimmen in der Stille des frühen Morgens: er ist nicht todt, er lebt, er ist erstanden! Wer sind sie, die einander die frohe Kunde zurufen? wer sind sie, diese Anfangs noch zagenden, aber immer muthigern Gestalten, die aus der Verborgenheit jetzt wieder auftauchen an's Tageslicht? wer sind sie, in denen jetzt alle Lebensworte Jesu wieder aufwachen, daß das Herz in ihnen brennt von heiligem Feuer? Siehe, siehe! schon treten sie wieder auf den Schauplatz, auf dem der Lebensfürst zum Tode geführt worden war, unter die Menge des Volkes, das sein verblendetes „Kreuzige!“ gerufen hatte, unter die erbitterten Obersten und Priester, die von Wuth schnaubten, und verkündigen das Leben in demjenigen, den sie zum Tode geführt hatten. Sehet da, meine christlichen Freunde, das Leben im Tode; erkennet da das Waizenkorn, das vorher ersterben mußte, um viele Früchte zu bringen. Woher nämlich, fragen wir, kam den Aposteln dieses neue, ungeahnte Leben? Aus dem Tode, aus dem Tode Christi, antworten wir. Vorher hatten die Apostel keinen Sinn für die Dinge des Geistes; schülerhaft mißdeuteten sie den Meister, wo er davon sprach, träumten von Stühlen zur Rechten und zur Linken, wenn er redete vom Himmelreich, und hatten nur irdischen Glanz und sinnliches Wohlergehen in Kopf und Herzen. Der Tod Christi ließ nun mit einem Male ihre ganze Welt mit ihren reizenden Ansichten in Finsterniß treten, zerriß den Vorhang des Höchsten und Heiligen, ihre Lust am Niederen und Sinnlichen, plötzlich von oben bis unten und wandte ihre Blicke aus der Nacht, die sie außen umgab, hinein in die Tiefen des eigenen Inneren - jetzt fanden sie das Himmelreich, das sie vorher mit äußerlichen Geberden gesucht, inwendig in ihren Herzen, als ein Reich des Geistes, das so gar glanzlos und geräuschlos auftritt im Herzen mit dem bangen, leidtragenden Gefühl der Armuth und Hilfsbedürftigkeit des Geistes, mit der Anspruchslosigkeit des reinen Kindessinnes und mit der Sanftmuth, das zwar auch eine schöne, reiche Wunderwelt aufschließt, aber nur eine solche, die kein Auge gesehen und kein Ohr gehört und kein irdischer Verstand ergründet, Gott aber Denen bereitet hat, die ihn lieben. Jetzt lernten sie nicht sehen und doch glauben. Die äußere, sichtbare Welt war vor ihren Blicken zertrümmert; aber im Herzen baute sich ihnen die neue Welt voll ewiger, geistiger Schätze auf: Christus war vor ihren Blicken gestorben und eben darum in ihren Herzen auferstanden; aus dem Tod kam ihnen das Leben.

Und als nun die Apostel in Kraft dieses neuen Lebens sich losrissen von allen traulichen Verhältnissen, mit denen sie an Heimath und Heerd geknüpft waren, aller Behaglichkeit des Lebens entsagten, um das Evangelium zu Heiden und Juden zu bringen unter Gefahren zu Wasser und zu Land, durch Noth, Hunger, Blöße, Schwert und Gefängniß, um selbst wieder das ersterbende, Leben bringende Waizenkorn für Andere zu werden: woher kam ihnen diese neue, lebenskräftige und todesstarke Liebe? Aus dem Tode Jesu; die Liebe war in ihr Herz gedrungen aus dem brechenden Auge, das erbarmend auf die verlassene Mutter fiel, um sie dem Jünger an's Herz zu legen, das sich zum Himmel gerichtet hatte für die Mörder, die nicht wußten, was sie thaten; das hatten sie gelernt am Kreuze Desjenigen, der selbst nicht haben wollte, wo er sein Haupt hinlegte und arm und niedrig durch die Welt ging, um Viele reich und hoch zu machen.

Das Leben im Tode! das ist denn auch seitdem das Losungswort der christlichen Kirche geworden; wir dürfen daher unter dem Waizenkorn, das ersterben muß, um viele Früchte zu bringen,

2.

auch die christliche Kirche verstehen. Lasset sie an euerm Blick vorübergehen alle Helden der Religion und alle Kämpfer des Glaubens von Stephanus an bis auf unsere Zeit, die bald von der noch in Nacht und Todesschatten befangenen Welt, bald von der selbst zur Welt gewordenen Kirche als Kämpfer für die unsichtbare Kirche in den Tod geführt worden sind. Ach! auch unsere reformirte Kirche hat den Tod ihres Stifters zu beklagen, der mit vielen Edeln das Schlachtfeld von Kappel mit seinem Blute gefärbt hat. Was sehet ihr? Blut, Todtenhügel, Leichengefilde, Scheiterhaufen! O lernet im Tode das Leben erkennen! Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche. Glanzlos und ernst ist die Wahrheit in ihrer reinen Höhe, wenig ansprechend und zu herb für das Menschenherz, aber gefärbt von dem Blute Derer, deren Herz sie bis zum Tode ergriffen und erweicht hat, tritt sie uns selbst menschlich näher und spricht warm an unser Gefühl und so fließt aus der Todesfreudigkeit und dem Sterbensmuth, aus der Seligkeit dieser Helden unter Noth und Tod ein warmer Strom der Begeisterung auf die Herzen der späteren Geschlechter.

Im Tode das Leben! Das zeigt sich aber auch an den inneren Kämpfen, welche die Kirche in Verfassung und Lehre durchzumachen hat. Einen andern Grund kann zwar Niemand legen außer dem, der gelegt ist, Jesus Christus; aber das Gebäude wird von Menschenhänden und in der Zeit aufgeführt und darum ist es bald Holz, Heu und Stoppeln, bald Edelsteine, Silber und Gold, was auf dem gelegten Grund weiter fortgebaut wird. Ueber den Werth oder Unwerth des Aufgebauten entscheidet die Zeit, die oft mit verheerendem Sturmwind in die schönsten Blüthen der Vergangenheit fährt, und sie zu Boden wirft, aber nur, um aus dem Tode neues Leben zu rufen und einer noch schöneren Blüthenwelt Platz zu machen. So sind denn auch die Worte und Formeln des Glaubens der Veränderung und dem Tode unterworfen; Worte, in welchen eine frühere Zeit ihr tiefstes Bewußtsein niedergelegt, Sätze, in welchen die Vorfahren die Summe ihres Glaubens zusammengefaßt hatten, sie verlieren mit der Zeit ihre frühere Kraft und Bedeutung, sie versteinern zum todten Buchstaben und haben nicht mehr die Kraft in sich, den Geist lebendig aufzuregen und zu erfrischen. Wird nun das, was in sich keine Kraft mehr hat, nicht auch wirklich begraben, so entsteht bei den Einen, die es ernster nehmen, ein unnatürliches, verkünsteltes Wesen, bei den Meisten aber jener todte, unfruchtbare Glaube, den wir leider nur zu sehr aus der Erfahrung kennen. Und wie mit den Worten des Glaubens, so auch mit den Gebräuchen desselben! Entstanden meistentheils aus einem lebenskräftigen Trieb des religiösen Gemüthes vermögen sie eine lange Zeit das religiöse Bedürfniß der Menschheit auszufüllen und veredelnd und versittlichend auf die Herzen einzuwirken; aber es kommt auch für sie immer die Zeit, wo sie ihre versittlichende Kraft und lebendige Bedeutung verloren haben; werden sie dennoch aufrecht erhalten, so, entsteht daraus ein unfruchtbares, todtes Werk- und Ceremonienwesen. Warum haltet ihr so zäh am Alten? warum bemühet ihr euch, einen Leichnam durch künstliche Mittel gegen die Verwesung zu schützen? warum ereiferet ihr euch so? So viel Arbeit um ein Leichentuch? Wohlan! aus dem Tode das Leben, heißt unsere Losung. Wie das Waizenkorn die äußere Hülle wegwirft, wenn der darin enthaltene Lebenskeim stark und kräftig genug geworden ist, so wirft auch der menschliche Geist immer wieder die morschen Stützen weg, an denen er stark gewachsen ist und übergibt die alte Schale der Vergangenheit, um den Kern in neuen, köstlicheren Schalen aufzubewahren. Kennt ihr das Gleichniß vom alten Kleid und dem Lappen darauf aus neuem Tuch, oder vom neuen Most in den alten Schläuchen? Aus dem Tod das Leben! Das sei denn auch unser Glaube in den kirchlichen Wirren und Kämpfen der Gegenwart! Auf der einen Seite sehen wir ein faules, todtes Ausruhen auf überlieferten Glaubenssätzen und Gebräuchen, wobei Herz und Leben nicht geheiligt und vom Geiste durchdrungen werden, daneben, in weiten Kreisen verbreitet, eine fade, weder zum Haß noch zur Liebe starke Toleranz und Gleichgiltigkeit gegen alles Religiöse, eine Eintracht der Leichen auf dem Schlachtfelde, wo auch Freund und Feind friedlich zusammensinken in ein Grab; aber auf der anderen Seite vernehmen wir gewaltige Flügelschläge eines neuen Geistes, sehen wir ein tiefempfundenes Bestreben, die Religion wieder lebendig zu machen, sie eben so sehr in die Tiefen des Gemüths zurückzuführen, wie aus ihr die Welt zu verklären; aber da platzen nun die Geister aufeinander: die Einen wollen den jungen Most in die alten Schläuche fassen und die hergebrachten Glaubensformeln und Gebräuche den menschlichen Herzen wieder näher bringen, die Andern suchen für den neuerwachten Geist auch neue Formen. Aber nur getrost: wenn der rechte Augenblick gekommen ist, wird Christus in verklärter Gestalt wieder auferstehen unter uns, mit dem Odem seines Geistes die Leichengefilde der Christenheit durchwehen, und durch das Feuer seiner Liebe die erstorbenen und erfrorenen Glieder seiner Gemeinde erwärmen und unter die Entzweiten hineintreten mit seinem Osterruf: „Friede sei mit Euch!“ Da wird ihm wieder ein neues Geschlecht wachsen, wie Thau aus der Morgenröthe, das ihm nach seinem Siege willig opfert und dient im heiligen, priesterlichen Schmuck und fleißig ist zu guten Werken.

Doch lasset uns, meine christlichen Freunde, das Waizenkorn, das ersterben muß, um viele Früchte zu bringen, nicht zu ferne oder zu hoch suchen; steigen wir herab in unser eigen Herz und Leben - auch

3.

wir sind das Waizenkorn, von dem es gilt: aus dem Tode das Leben.

a. Ihr kennet das Gleichniß, mit dem der Apostel Paulus die Entstehung unseres neuen, sittlichen Lebens bezeichnet: daß unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt werden müsse, damit der neue Mensch, nach Gottes Bilde geschaffen, in uns auferstehe. Und dies ist denn der Punkt, in welchem das Osterfest erst seine eigentliche Bedeutung für uns gewinnt: „ich sag', es hilft dir nicht, daß Christus auferstanden, so du noch liegst in Sünd' und Todesbanden.“ Mein lieber Mitchrist! du kannst ein recht ordentlicher und gesitteter Mensch und Bürger werden, du kannst ein langes Menschenleben bis in die 90 hinauf in jener ordinären Mittelmäßigkeit des sittlichen Lebens hinbringen, du kannst da und dort von Zeit zu Zeit an deinem inwendigen Menschen wieder Etwas ausbessern und so auf das alte Tuch stets neue Lappen flicken - dazu brauchst du nicht jener schmerzlichen Opferweihe der Buße, das geht ohne viel Kreuzigung und Todesnoth. Aber wenn dir soll das Schöne und Wahre eine innere Freudigkeit und das Gute eine freie Liebesthat werden, wenn der heilige Geist soll reichlich ausgegossen werden über dein Herz als die lebendige Springquelle des ewigen Lebens, daß du ein Gottesmann werdest, geschickt zu allen guten Werken, dann muß es in dir zu einer Entscheidung Für oder Wider kommen - früher oder später, in auffallender oder wenig auffallender Weise, - und diese Entscheidung ist immer eine schmerzhafte Hingabe in den Tod; dem unglückseligen Laviren, dem Hinken auf beiden Seiten, halb Gott im Herzen und halb die Welt, dem Schönthun mit der Tugend und Liebäugeln mit der Sünde muß ein für alle Mal der Tod gesprochen werden, wenn du im Guten, Wahren, Rechten resolut leben willst. „Woher kommt bei so Vielen das halbe, schwindsüchtige Christenthum, jene Windstille, wodurch sie mit ihrem Glaubensschiff Jahr aus Jahr ein auf einem und demselben Flecke, wie angenagelt, festsitzen und keinen Schritt breit weiter kommen weder in der christlichen Erkenntniß, noch im christlichen Leben?“ Das macht: sie scheuen die scharfe Entscheidung Für oder Wider, sie fürchten den schmerzlichen Einschnitt in's Herz, der die alte Rinde löst, sie wollen leben, ohne vorher zu sterben. Aber: nur im Tode und aus dem Tode das Leben!

b. Das zeigt sich aber nicht bloß beim Anfang des neuen Lebens, sondern wiederholt sich durch unser ganzes Leben. Die Wiedergeburt ist ja nur der Anfang, sie muß sich aber bewähren in der Heiligung, in der fortlaufenden sittlichen Arbeit an sich selbst. Und da sehe denn Jeder, der da meint zu stehen, wohl zu, daß er nicht falle; die alten Feinde regen sich wieder, der alte „Leib der Sünde,“ den wir in den Tod gegeben hatten, zeigt wieder Spuren von Leben, wie der Baum, den wir abhauen, wieder neu ausschlägt; da gilt es denn immer von Neuem, nicht zärtlich zu sein gegen sich selbst, sondern den Fuß ohne Zögern wegzuthun und die Hand abzuhauen und das Auge auszureißen, die uns ärgern, damit wir schnell zu friedsamer Entscheidung gelangen. In diesen Todeskämpfen wächst der neue Mensch zu immer kräftigerem Leben; aus den Stunden und Tagen, wo die alte Sünde sich regt, wo wir wieder in Trägheit und Gleichgiltigkeit versinken, wo wir oft lange vergeblich nach Gleichförmigkeit und Stetigkeit des sittlichen Lebens ringen, geht unser innerer Mensch immer wieder gekräftigt und verjüngt hervor. Wie der Regen erquickend auf das dürstende Erdreich fällt, so gießt nach solchen dürren Zeiten wieder die Liebe ihre vollen Lebensströme über uns, und wir erfahren auch in dieser Beziehung das herrliche Wort des Apostels an uns, daß Denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.

c. Aber, meine christlichen Freunde, wenn wir in erschöpfendem Sinne das Waizenkorn werden sollen, das ersterben muß, um nicht allein zu bleiben, so ist es nicht genug, daß wir für uns selbst aus dem Tode des alten Lebens zum neuen hindurchgedrungen sind. Jetzt müssen wir zum zweiten Male ersterben, um viele Früchte für Andere zu bringen; nicht zufrieden, daß nun doch wir selig sind, daß wir unser liebes Selbst gerettet haben, sollen wir uns in liebevoller Aufopferung hingeben zum Wohl unserer Mitbrüder. Schaue hin auf Christus, der, dienend, sich aufopferte für die Menschheit! Oder schaue die Mutter an, wie sie sich, freudig liebend, hingibt in Todesschmerzen, wie sie Leben und Tod nicht achtet, um ihren Säugling am Leben zu erhalten und süße Lust findet an ihrer großen Last. So müssen auch wir gesinnt sein gegen unsere Mitmenschen; ihrem Wohl Müssen wir unser Herzblut weihen, ihrer Erlösung unsere beste Lebenskraft widmen. O elender, ärmlicher Mensch, der du deine Gaben und Güter, die Schätze deines Geistes und die Kraft deines Willens wegwirfst an vergängliche Ziele, um dir einen Titel und einen Platz in der Welt zu erwerben, wo du nun deinen Ehrgeiz und deine Bequemlichkeit befriedigen und dein Leben genießen kannst! Wir sollen unser Leben hingeben für die Brüder, ruft uns der Apostel zu; „in rüstigem Schaffen zum Wohl der Menschheit, in liebevoller Sorge für unsere Pflegbefohlenen, in Berufstreue und unermüdlicher Liebesthat unser Leben für den Sieg des Guten einzusetzen und so, getrost ersterbend, dem Waizenkorne gleich, eine reiche Aussaat des göttlichen Lebens zu erzeugen, - das ist und bleibt des Christusjüngers Aufgabe heut und immerdar.“ Durch solche liebevolle Hingabe Derer, die aus dem Geiste Christi wiedergeboren sind, erbaut sich immer von Neuem der schöne Tempel der Menschheit, an welchem Christus der Eckstein ist und Alle eingefügt werden sollen als lebendige Bausteine.

d. Warum noch so betrübt am Freudentage? warum noch so bekümmert am Lebensfeste? Du sprichst: „Was ich liebte, deckt die Erde; das Grab hat mir die theuersten Güter des Lebens verschlungen; hinfort ist mir alle Heiterkeit des Lebens und jegliche Freudigkeit des Wirkens genommen.“ Aber hebe doch dein Haupt in die Höhe und erkenne das Leben im Tode! Siehe dort Maria am Grabe stehen und trauern, daß man ihren Herrn weggenommen; aber eine Stimme ergeht an sie: „Was suchet ihr den Lebendigen bei den Todten? er ist nicht hier, er ist auferstanden.“ Diesen Ruf müssen auch wir in unserm Innern hören, sobald die erste Betäubung vorüber ist, in welche uns der Verlust edler und geliebter Menschen versetzt hat. „Wende dein Auge ab von dem Bilde des Todes, schau um dich: du hast nicht Alles verloren; ist auch der irdische Bund zu nichte, eine ewige Liebe knüpft dich und die Vollendeten zusammen; was sie dir geistig gewesen sind im Leben, das sind sie dir noch; erfrische alle Erinnerungen in dir, rufe dir das Bild ihres Lebens und ihrer Wirksamkeit zurück; indem du das thust, stehen die Vollendeten in deinem Herzen auf in verklärter Gestalt. Ihr Geist geht dir in dein eigen Leben und Blut über, unvermerkt wirst du durch diesen Wechselverkehr mit den Vollendeten hingezogen zum Ewigen, in dir geht der stillere, höherstrebende Geist auf, der sein Genüge nicht mehr findet am Geräusch des Lebens und an beschränkten Erdenzielen, du wirst durch die geräuschlose Wirksamkeit der Vollendeten auf dein Leben heiliger, reiner, edler, sittlicher. Und wie Maria dort hinging, den Trost, der ihr geworden, nun auch Andern zu bringen, so macht der Schmerz über den Tod lieber Menschen unser Herz sanftmüthiger, weicher und menschenfreundlicher. Der Glückliche verhärtet sich leicht gegen seine Mitmenschen; aber wer selbst an schwerem Erdenschmerz todtkrank gelegen ist, der hat auch ein Herz für Leid und Freud' des Nächsten, und nur dem ist es verliehen, die Brüder zu trösten, den selbst in schwerem Leide Gott getröstet hat.' So geht ja auch für uns aus dem Tode theurer Menschen das Leben hervor und indem so ihr Geist unter uns lebt und eine schöne Wirksamkeit auf uns ausübt, ist ja dies hie sicherste Bürgschaft, daß in ihrem Tode nur die Hülle weggefallen ist, damit der darin beschlossene Lebenskeim sich um so freier entfalte.

Gebe Gott, daß auch wir bei unserem Sterben dem Waizenkorn gleichen, das erstirbt, aber reiche Früchte bringt, das die äußere Hülle abwirft, aber herrliche Lebensblüthen entfaltet!

Amen.

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autoren/l/lang_heinrich/predigten/lang_im_tode_das_leben.txt · Zuletzt geändert: von aj