Claudius, Matthias - Über die Unsterblichkeit der Seele

Claudius, Matthias - Über die Unsterblichkeit der Seele

Wenn die Seele des Menschen unsterblich ist, Sire; so muss es davon Beweise geben, die keinen Zweifel übriglassen. Ich kann nur vor der Tür der Wahrheit fegen.

I.

Die Natur hier bei uns auf Erden ist in beständiger Bewegung, und ihre Gebärde ist heute nicht wie gestern und ehegestern. Alles wandelt und wogt. Doch die verschiedenen Spezies in allen 3 Reichen bleiben unbeweglich, und stehen wie Fixsterne in diesem wogenden Meer. Ulysses' und Tobias' Hündlein wedelten schon mit dem Schwanze; der Kürbis rankte schon vor Ninive, und das Gold ist und bleibt 19mal schwerer als das Wasser. Weil die Natur, wie man spricht, keinen Sprung tut, so muss sie freilich durch allerhand Verwandlungen zum Ziel gehen, und lässt, auf dem Wege dahin, verschiedene Gestalten sehen; aber wenn die Spezies, die sie im Sinne hat, vollendet ist, so geht sie nicht weiter. Sich selbst gelassen geht sie nicht darüber hinaus, und bleibt, wenn sie nicht gestört wird, nicht diesseits stehen. Ist die Spezies vollendet, so macht sie Feierabend, und sorgt nur für ihre Erhaltung; und wenn sie die Individua derselben nicht erhalten kann, so substituiert sie, auf die wundervolle Art und Weise, immer andre Individua, um so der Spezies eine Art von Ewigkeit zu verschaffen.

Es gibt zwar berühmte Gelehrte, die anders meinen und der Natur einen andern Plan ausgedacht haben. Ihnen sind die Spezies nur Ruhepunkte und Stufen, wo die Natur sich, sozusagen, besinnt und ausruht, um von da weiter, und immer vom Geringern zum Bessern und Vollkommnern vorwärts zu gehen; so dass z.E. aus einer Auster ein Krokodil, aus einer Mücke ein Kolibri etc., und aus den vollkommensten Tieren endlich gar Mensch und Engel werden könnten.

Diese Meinung ist artig genug erfunden; nur das erste und Hauptsächlichste dagegen ist, dass sie nicht wahr ist. Aus den Hühnereiern kommen nimmer Fasanen, sondern immer wieder Hühner hervor. Das ist die Beobachtung neuer und alter Zeiten, und die Chinesen beweisen grade aus dieser Einrichtung das Dasein eines unendlichen Verstandes. Auch Noah muss die alte Meinung gehabt haben; er hätte sonst viel Mühe und Raum sparen können.

Die Natur schreitet so wenig von einer Spezies zu einer andern und vollkommnern fort, dass sie auch, wie gesagt, dieselbe Spezies nicht ändert und vollkommner macht. Die aufeinander folgenden Individua derselben sind und bleiben sich gleich, an Gestalt, Proportion, Talent und allen Eigenschaften und Neigungen, Sitten und Weisen. Die Herbstspinne spann schon bei den Römern ihr Gewebe in der wundersamen mathematischen Form mit Peripherien, Radien und Centro, und Aelianus bemerkt schon, dass sie bei diesem Kunstwerk den Euklides nicht nötig habe; er erzählt weiter von ihr, sie sitze in dem Centro ihres Gewebes und laure dem Raub auf, grade wie wir sie nach tausend und mehr Jahren noch sitzen sehen. Die wunderliche Sitte des Kuckucks ist bekannt, er legt nämlich sein Ei in das Nest eines andern Vogels und fliegt denn davon, und lässt den andern Vogel sein Ei ausbrüten und den jungen Kuckuck großfüttern; dies ist aber nicht etwa eine Erfindung der spätern Jahrhunderte unter den Kuckucks, sondern sie haben es schon immer so gemacht, wie eben der Aelianus erzählt. Die Krähen hassen schon die Eule im Plinius, und kreischen schon das Regenwetter her im Virgil; die Schwalben kommen schon im Homer zu den Menschen ins Haus; die Ameise ist schon fleißig im Sirach, und der Pfau trägt noch die funkelnden Edelgesteine, damit ihn die Juno zu des uralten Inachus Zeiten aufstaffierte. So ist es immer gewesen und so wird es bleiben, und sicherlich war, in der langen Reihe von Elefanten, die von Anfang bis zum Ende durch die Natur hintereinander hergehen, der, der mit dem Rücken am Chaos steht, wie der, der seinen Rüssel in die Trümmer des Jüngsten Tages ausstrecken wird.

Sonach wären die Spezies vielmehr als Modelle anzusehen, die der Natur im Anfang von höherer Hand aufgegeben sind, sie unverändert durchzuführen. Sie lässt es auch an ihr nicht fehlen, und exekutiert diese Modelle immerhin mit dem größten Fleiß und der größten Genauigkeit. Ja, sie ist auf die unverletzte Erhaltung derselben so eifersüchtig, dass sie den Versuchen sie zu ändern und zu wirren ihren Segen versagt; denn es ist bekannt, dass die Maulesel und überhaupt alle Bastarde nicht weiter generieren können.

Wenn die Resultate von den verschiedenen Bewegungen der gebärenden Natur immer einerlei und dieselben sind; so sind es natürlich die Bewegungen selbst auch. Und, mit einem Wort, in der ganzen Natur, so herrlich und so bewundernswürdig ihre Operationen sind, ist alles unbeweglich und niet – und nagelfest. Alles in ihr ist einem Gesetz der Notwendigkeit unterworfen, davon sie nicht abgeht und ohne eine fremde Hand nicht abgehen kann.

Der Mensch allein macht eine Ausnahme. Der ist beweglich! Und das gestehen ihm auch die zu, die eben nicht geneigt sind, ihn unsterblich sein zu lassen. Es fällt niemand ein, von der Aufklärung der Walfische etc. zu sprechen; aber sie sprechen alle von „Erziehung des Menschengeschlechts“ von seiner moralischen Bildung und Veredelung, von finstern und erleuchteten Jahrhunderten usw. Und ob sie wohl, über diese Beweglichkeit und Bewegung, über diese Veredelung und Erleuchtung, nicht alle recht und einerlei berichtet zu sein scheinen; so ist doch über die Sache selbst nur eine Stimme. Nun ein Teil vom Menschen gehört mit zu der Natur, und insoweit folgt er ihren Gesetzen. Es muss denn also in ihm zugleich noch etwas anders sein als in der ganzen Natur.

Schon auswendig übt der Mensch eine Art von Herrschaft über die Natur aus, und er scheint auch vor allen sichtbaren Geschöpfen dazu berufen zu sein. Er lässt nichts unversucht, so klein er ist, und ihm nichts unmöglich. Er umschiffet die ganze Welt, misst Himmel und Erde, bändigt alle Tiere und Pflanzen, Feld und Wald, Berg und Tal, Bach und Strom, und die Wogen des Meeres. Er macht in verschiedenen Operationen, z.E. den Einimpfungen und andern, die Natur mehr tun, als sie allein kann und allein je getan hätte, und disponiert also über ihr Gesetz. Es ist denn nicht allein etwas anders im Menschen als sonst in der ganzen Natur, sondern dies anders ist auch mehr als die Natur, und über dieselbe.

Wenn wir nun sichtbarlich keine Erfahrung von Tod und Sterben haben, als in und an der Natur; so ist wenigstens seine Sterblichkeit durch nichts erwiesen. Und wir, die wir ihn unsterblich glauben, haben den Beweis seiner Unsterblichkeit nicht zu führen, sondern die andre Partei muss beweisen, dass er sterblich sei.

II

Das wäre aber im Grunde wenig, und nur im Zeremoniell gewonnen; und wem daran noch gelegen ist, der hat Zeit bis es ihm näher kommt, und er den Kopf, der Sache wegen, krank und bekümmert stützen lernt.

Indes so ganz allein liegt, was bisher gewonnen ist, nicht im Zeremoniell.

Der Tod wird zwar als ein Knochenmann gemalt, aber er ist eigentlich kein Mann; sondern was wir Tod und Sterben in der Natur nennen, ist ein Effekt, eine Erscheinung, die, an dem Dinge das stirbt, durch andre Naturkräfte hervorgebracht wird. Soweit also der Mensch der Natur angehört, kann er freilich durch die Kräfte der Natur sterben, und sie lässt sich auch ihr Recht nicht nehmen. Aber das etwas anders im Menschen wie sollte das durch die Kräfte der Natur sterben können? Es ist ja über die Natur, und etwas anders.

Wir erfahren auch, auf mancherlei Weise, dass sie darauf keine unmittelbare Wirkung habe. Finsternis und Licht, Kälte und Wärme, Stille und Sturm, Regen und Sonnenschein und andre ihre Kräfte, wirken zwar mächtig auf unsre Sinne und Empfindung, aber auf das andre Etwas nicht unmittelbar. Wir können, ceteris paribus, im Dunkeln so gut denken als bei Licht, und einige Leute machen die Augen zu, wenn sie nachdenken wollen; im Regen so gut als bei Sonnenschein; wir können im Winter so gerecht sein als im Sommer, im Sturm das Gute so liebhaben als bei stillem Wetter. Wenn also die Natur keine Wirkung auf uns hat – denn das andre Etwas sind eigentlich wir, und das übrige von uns ist nur unser Gehäuse – wenn sie also keine unmittelbare Wirkung auf uns hat; so haben wir von ihr nichts zu fürchten.

Doch der Mensch ist noch auf eine andre und nähere Art, in und durch seinen Körper, mit der Natur verbunden, und dadurch ihren übrigen Kräften mittelbar ausgesetzt. Und hier liegt der Sphinx! – und hier ist eigentlich die Arena für die Kämpfer um seine Unsterblichkeit.

III

Wir können zwar mit unsern Gedanken vom Nord – bis an den Südpol und bis an das äußerste Meer fliegen, aber das fühlen wir doch, dass die Quelle unsrer Gedanken in unserm Kopf ist; wir können zwar unsre Liebe bis an der Welt Ende und bis über die Sterne hin ausströmen, aber das fühlen wir doch, dass die Quelle unsrer Liebe in unserm Herzen ist. Also in unserm Körper sind wir mehr und anders, als an irgendeinem andern Ort. Wir müssten denn in uns hineinblicken, um der Heimlichkeiten etwas gewahr zu werden.

Wie es aber überhaupt beim Sehen sonderlich aufs Auge und den Seher ankommt, und ein jedweder nicht nur seinen eignen Regenbogen sondern auch seine eigne Sonne und seinen eignen Mond sieht; so geht es auch hier, und geübte Seher sprechen von ganz andern Dingen, als die wir ungeübte sehen können. Zwar kann auch wohl in einzelnen Fällen ein anders zu sehen sein; das aber sind einzelne Fälle, und ist für sich.

Was gewöhnlich zu sehen ist, und was auch ein jedweder sehen kann, ist: dass wir in unserm Inwendigen aus zwei Kräften bestehen die uneins sind, und sich einander bestreiten – die eine hoher Natur, die von Unsterblichkeit und dem Unendlichen, von einer höchsten Vollkommenheit, Weisheit, Güte, Gerechtigkeit, Ideen und Ahndungen hat, und Lust hat nach dieser Regel einherzugehen, die aufwärts strebt, Wahrheit sucht, und alles ergründen will – aber unter dem Einfluss einer andern die sie überall hindert und ihr überall im Wege ist, die ihr Licht und Luft dunkelt und färbt, die ungestüm und unbändig ist, sich nicht sagen lässt, und auf dem Bauche kriechen und Staub essen will.

Der Funke wird von der Asche gedrückt! Der Mond ist im Schatten der Erde!

Und sie stehen und schreien und klappen in den Kessel ihrer Philosophie und Moral, um ihm aus der Not zu helfen; indes er, nach ganz andern Gesetzen, bleibt oder herausgeht.

IV

Sire, wenn es nie keine tugendhafte Menschen gegeben hätte, ich wäre erlegen und hätte verzweifelt, bei der Übergewalt des Erdschattens in unsern Herzen. – Aber diese große Menschen haben mich gelehrt, dass die menschliche Seele unsterblich sei, und unüberwindlich wenn sie es sein will und nur den Mut hat sich ihrer edlen Haut zu wehren.

Und diese ihre Unsterblichkeit kommt uns nun überall entgegen, und an allen Ecken wo wir nur den Zipfel aufheben und sie berühren.

Sie hat einen innerlichen Trieb, ein angebornes Verlangen unsterblich zu sein. Dies Verlangen äußert sich freilich selten auf eine reine Art, und die Unsterblichkeit, nach der wir Menschen streben, ist die meiste Zeit sehr sterblich. Das aber ist nur ein Irrtum in der Anwendung, und das Verlangen ist nichtsdestoweniger da.

Allemal wo wir einen angebornen Trieb finden der nach einer Sache treibt, finden wir auch eine konveniente Disposition und Übereinstimmung zwischen beiden, so dass der Trieb befriedigt werden, oder eine Vereinigung geschehen kann. Wie könnte die Natur auch so irren, und Triebe zu unmöglichen und wiedersprechenden Dingen geben? Aber die Vereinigung kann nicht allein geschehen, sondern sie soll nach der Natur der Sachen auch geschehen, und würde geschehen, wenn ihr kein Hindernis im Wege wäre; und der Trieb ist im Grunde nichts anders als die Empfindung dieses Verhältnisses bei den Dingen die Empfindung haben, und das Verhältnis selbst bei denen die sie nicht haben.

Im Mittelpunkt der Erde z.E. haben die Körper keine Schwere; wenn ich aber eine Kugel an einem Faden aufhänge, auf die Hand oder auf sonst etwas lege, so drückt sie in grader Linie gegen den Mittelpunkt der Erde, denn sie wird gehindert dahin zu kommen. Ein Gewächs, eine Pflanze, die in freier Luft steht, wächst und steht aufrecht; stelle ich sie aber ins Zimmer, dass also die Einflüsse der Luft und Sonne gehindert werden, sie, wie es sein sollte, von oben frei zu treffen, so beugt sie sich gegen das Fenster. Wenn ein Fisch im Wasser ist, so hat er kein Verlangen nach dem Wasser, sondern lässt sich's wohl darin sein; wirft man ihn aber aufs Land, so fühlt er dass er nicht ist wo er seiner Natur nach sein sollte, und springt und zappelt.

Wenn also wir Menschen ein angebornes Verlangen nach Unsterblichkeit haben; so ist klar, dass wir, in unsrer itzigen Lage, nicht sind wo wir sein sollten. Wir zappeln auf dem Trocknen, und es muss irgendwo ein Ozean für uns sein.

V

Und dies setzt denn die Idee: von Unsterblichkeit und einem unendlichen Wesen etc., die in uns ist, vollends außer Zweifel. Der Mensch hat offenbar diese Idee, denn alle Völker sprechen von einem Gott! Und woher hat er sie? – Die ganze Natur mit allem was in ihr ist kann sie ihm nicht geben.

Man sagt zwar, der Mensch habe sich aus den tausend endlichen Halmen eine unendliche Garbe zusammengebunden, er steige auf den Begriffen endlicher Dinge, wie auf einer Leiter, zu dem Begriff des Unendlichen hinauf etc. Aber erstlich ist das gewiss, dass sich aus endlichen Halmen kein unendliches Ganze machen lässt, und was die Leiter anlangt, die, wie sie hier steht, ziemlich kurz und unsicher ist, so muss einer vorher schon wissen wo er hinsteigen will ehe er die Leiter ansetzt. Man zerstückele einmal den Äquator in 1000000 Teile, und gebe sie jemand hin der nie von einem Zirkel gesehen oder gehört hat, ob er wohl eine Peripherie daraus zusammenbringen sollte. Und das Gleichnis hinkt gewaltig.

Alle Bilder, die in die Sinne fallen und so in den Menschen kommen, können ihm jene Idee nicht geben; denn was einer nicht hat kann er auch nicht geben.

Aber, am Ende finden doch die Menschen Gott aus der Natur; die Philosophen beweisen ihn daraus, und andre Leute sehen die Sonne und Himmel und Erde an, und denken: das muss ein großer Herr sein der sie gemacht hat. Es muss also die Idee des Unendlichen durch das Endliche doch veranlasst werden können.

Allerdings, Sire, allerdings kann der endliche sichtbare Vorhang die Menschen an einen unsichtbaren unendlichen, der hinter ihm steht, erinnern, und gewiss ist er dazu niedergelassen, und gebe Gott, dass er für keinen Menschen umsonst niedergelassen sei. Aber darum bleibt es ewig wahr, dass die endlichen Dinge diese Idee nicht geben können.

Wenn das Bild eines Baums, eines Jägers, und andre Bilder der äußern Natur ins Wasser fallen, so veranlassen sie darin kein Bewusstsein; wenn aber dieselben Bilder in das Auge einer Ente die auf dem Wasser sitzt oder andern Tiers fallen, so veranlassen sie ein Bewusstsein dieser Bilder. Warum? – Das Tier hatte schon die Fähigkeit, und sie wird durch die Bilder nur bewegt und modifiziert. Die äußre Natur veranlasst bei den Tieren die Idee des Unsterblichen des Unendlichen nicht etc. aber beim Menschen tut sie es. Also –

Es hat neulich ein sehr scharfsinniger Philosoph51 gezeigt, wie nur das Bedingte eigentlich demonstriert werden könne, und wie: das Unbedingte demonstrieren wollen, gradesoviel sei, als die Perle erst ins Wasser hineinwerfen, um sie dann wieder herauszufischen; und er sagt sehr recht, „dass das Unbedingte auf keine andre Weise von uns angenommen werden könnte, als es uns gegeben ist, nämlich als Tatsache – es ist.“

Ich frage nun, wie ist es uns als Tatsache gegeben? – Entweder das Unbedingte muss es unsrer Seele selbst geben, oder sie muss die Idee in sich haben. In beiden Fällen steht es um ihre Unsterblichkeit sehr wohl. Ich will aus Bescheidenheit nur den letzten Fall annehmen.

Die Idee von Unsterblichkeit und dem Unendlichen etc. ist also inwendig im Menschen, und die sinnliche Welt, die sie ihm nicht geben konnte, kann sie ihm auch nicht nehmen; und da diese Idee in ihm von den Eindrücken der sinnlichen Welt nicht abhängt, so würde sie in ihm sein, wenn keine sinnliche Welt wäre, so wie sie in ihm sein könnte, ehe eine sinnliche Welt ward, und wenn keine mehr sein wird, usw.

Fangen Ew. Majestät nicht an, Land zu sehen, oder vielmehr das Land aus dem Gesicht zu verlieren und der offenen See gewahr zu werden?

Eine gleiche Bewandtnis hat es mit den andern Ideen: von einer höchsten Vollkommenheit, Weisheit, Gerechtigkeit, Güte. Alle diese Ideen, die im Grunde in eins zusammenfließen, können dem Menschen durch die Eindrücke der sinnlichen Natur nicht gegeben worden sein, und doch sind sie in ihm, und schlummern mehr oder weniger.

Wenn ein Weizenkorn, das zu Wurzel, Fasern, Halm, Blatt, Ähre etc. den Keim in seinem Wesen hat, wenn das Bewusstsein hätte, würde es denn nicht von Wurzel, Fasern, Halm, Blatt, Ähre etc. träumen, und sich aller dieser Dinge bewusst sein, nämlich des das in ihm ist und aus ihm werden kann?

Wenn also der Mensch Ideen und Ahndungen hat von Unsterblichkeit, Unendlichkeit, höchster Weisheit, Gerechtigkeit, Güte; muss denn nicht der Keim zu dem allen in seinem Wesen sein? –

VI

Ein Wesen das den Keim der Unsterblichkeit in sich hat, kann nicht sterben. Ob wir nun gleich diesen Keim nicht sehen, so können wir doch, da wir seine Wahrzeichen so offenbar im Menschen finden, an seinem Dasein nicht zweifeln. Auch er ist nicht unwahrscheinlicher als der im Weizenkorn, und liegt nicht mehr im Dunkeln. Aber bei dem Weizenkorn haben wir die Erfahrung und das Faktum. Wenn damit gebührlich prozediert wird, so wird Wurzel, Halm, Ähre und alles was in ihm ist, wirklich sichtbar und kommt zum Vorschein. Wenn wir auch solche Erfahrungen in ihrer Art hätten!

Ew. Majestät werden einsehen, wovon hier die Rede ist, und dass das nicht mehr vor der Tür sein würde. –

Doch es gibt auch vor der Tür noch Erfahrungen, die, ihres Orts, die Möglichkeit der Sache und ihre ersten Anfänge zeigen, und die drinnen alles vermuten lassen.

Erstlich haben wir die Erfahrung, dass dieser Keim durch die ärgste Misshandlung im Menschen nicht kann vernichtet werden. Es ist freilich wahr, er kann in ihm, durch die entgegengesetzte Kraft, nicht allein geschändet, entstellt und verungestaltet, sondern auch in seiner Tätigkeit so ganz und gar gehemmt und unter die Füße getreten werden, dass auch keine Spur von seiner Herrlichkeit übrigbleibt, und man sagt mit Recht von einem Menschen, der sich seiner Sinnlichkeit und allen ihren Lüsten und Bewegungen ohne Scheu und Scham hingibt, dass er sei wie ein Vieh und ohne Gott. Aber vernichtet ist der Keim darum in ihm nicht. Denn die allerverworfensten Menschen sind oft wieder zur Besinnung gekommen, und Nebukadnezar „der sieben Zeiten Gras aß wie Ochsen, dessen Leib unter dem Tau des Himmels gelegen und nass geworden war, bis sein Haar wuchs so groß als Adlersfedern, und seine Nägel wie Vogelsklauen wurden, hob seine Augen wieder auf gen Himmel und kam zur Vernunft, und lobte den Höchsten“.

Und auf der andern Seite haben wir die Erfahrung, dass durch eine bessere Behandlung dieser edle Keim mehr zum Vorschein kommt und seine Wahrzeichen sichtbarer werden. Und diese merkwürdige Erfahrung haben wir an den Tugendhaften, deren es freilich nicht viele, aber doch zu verschiedenen Zeiten hie und da einzelne gegeben hat.

Diese Menschen fühlten auch, wenn sie ihre Augen auf gen Himmel heben wollten, dass der edle in ihnen beherrscht werde und der unedle herrsche, und hätten die Sache gerne nicht abgesprochen sondern abgeändert. Da es nun nicht in ihrer Gewalt war, geradezu den edlen auf den Thron zu setzen, so taten sie „was in unsrer Gewalt ist“ und kämpften ritterlich, den unedlen herunterzubringen. Sie verschmähten eine vergängliche Glückseligkeit, wandten ihr den Rücken und wollten sie nicht, und gingen so mit verbissenen Lippen und unverrücktem Ernst dem unvergänglichen Gut nach, ohne sich umzusehen, und ohne sich durch den Spott und die Weisheit der Spielleute irremachen zu lassen – und der Erfolg war frappant.

Konfuzius z.E., der unter diesen großen und ernsthaften Bemühungen grau geworden ist, und das Resultat davon, von zehn zu zehn Jahren, natürlich und umständlich erzählet, sagt im vierten Jahrzehnt, dass schon in diesem Periodus seine Geisteskraft behände und sehr durchdringend, und sein Herz sehr verändert und voll guter Gesinnungen gewesen sei, und fährt dann fort: „Endlich als ich 70 Jahr alt war, hatten die lang fortgesetzte Betrachtung und Selbstüberwindung das in mir ausgerichtet, dass ich geradehin tat, was mein Herz begehrte, und doch tat ich nie nichts wider die Regel des Guten und des Gerechten welcher meine sinnliche Begierde itzo ohne Widerstreben und Unmut gehorchte.“

Man stelle nun einen solchen Menschen und einen gewöhnlichen nebeneinander, und sehe den Unterschied. Den einen treiben und reißen seine Lüste und Begierden hin, wo er nicht hin will, und zu tun was nicht taugt; er hat nimmer Ruhe und keinen Frieden, und ist wie die Woge des Meers die in jedem Augenblick eine andre Gestalt hat und in allen Gestalten Wasser ist – und der andre ist immer was er sein will, immer derselbe Freud – und Friedenvolle, und sein Herz ist einem Tempel zu vergleichen, darin eine unsichtbare Gottheit wohnt und wo die heilige Stille durch keinen Laut unterbrochen wird, als der für die Wahrheit schallt und zum Lobe der Götter.

Es ist gleich auf den ersten Anblick um und in solchen tugendhaften Menschen etwas Großes und Ewiges; sie fühlen sich unsterblich an. Aber sie sind es auch.

Wenn die Zeit nichts ist als die Folge und der Wechsel verschiedener Dinge, so sind sie schon darum weniger zeitlich. Doch es muss etwas wirklich und in sich Ewiges und Unsterbliches in ihnen sein; denn die Kraft, die in andern Menschen so allgewaltig und unwiderstehlich herrscht und so viel Unglück und Böses anrichtet, ist in ihnen gebändigt und liegt zu ihren Füßen. Und was anders als das Ewige und Unsterbliche kann das Zeitliche bändigen und bezwingen?

Wie sollte auch ein solcher sterben, und wodurch? – Diese Welt und Erde hat keine Gewalt mehr über ihn, ist für ihn als wäre sie nicht; und sie sollte ihn noch vernichten können? Er hat sie vernichtet! Und steht auf ihrem Nacken als ein Sieger!. und blickt frei nach dem Himmel empor.

Und dieser Himmel ist ihm nicht so weit weg und ferne, als andern Menschen.

Eine sinnliche Bewegung durch die andre überwinden heißt nur: ein Laster gegen ein anderes verwechseln. Es muss denn bei dem Tugendhaften anders gestaltet sein. Zwar sein Herz ist tief, und es kostet viel ihm auf den Grund zu kommen. Das aber lässt sich bei einigem Nachsinnen absehen, dass seine Bewegungsgründe nicht in dieser Welt zu Hause sein können, dass er nach Gesetzen handelt, die aus einer andern Ordnung und unveränderlich sind. Diese Gesetze sind notwendig für uns andre Menschen auch da. Aber wir hören und sehen sie nicht, oder sehen sie höchstens als sähen wir sie nicht; der Tugendhafte aber höret ihre Stimme, und hält sich an den er nicht sieht als sähe er ihn. Er ist also in Verbindung mit der unsichtbaren Welt. Der Himmel neiget sich zu dem edlen Sieger herab, und die Bahn zum Unendlichen fängt für ihn an zu brechen. –

Und so gerieren sich auch dergleichen Menschen. So lebte Sokrates. Die unsichtbare Stimme, die er hörte, war ihm Mark und Bein. Darnach handelte er, und nicht Freund noch Feind, nicht Gefängnis noch Prytaneum, kein Rat von „dreißig Tyrannen“, und kein Senat von Hunderten, nicht ganz Griechenland noch die ganze Welt konnten dagegen etwas.

Und so starb er. Sein Giftbecher, als er hereingebracht ward, setzte alles in Tränen was um ihn war; selbst der Henker weinte; Phädon verhüllte sich in seinen Mantel; und Apollodor heulte laut aus. – Er allein ist ruhig, und sonnet sich bis an den letzten Atemzug in den Sonnenstrahlen der Wahrheit und einer bessern Welt. – – – Es ist nicht, als sähe man einen Menschen sterben; man glaubt einen Unsterblichen zu sehen, einen Freund und Vertrauten des Himmels und der Götter, der zu den Wohnungen des Friedens heimkehret, und nur an der Schwelle den Staub abschüttelt, der sich auf ihn gesetzt hatte.

VII

Es ist denn nichts Geringes, dass wir unsre Gedanken bis zu dem „höchsten Gut“ erheben können, dass die Idee des „Unendlichen“ in unserm Herzen ist und daran haften kann; wenn wir nur an höhere Wege und Mittel glauben könnten.

Es sind denn im Menschen die Ruinen eines großen heiligen Wesens; und es gibt ein Glück für ihn, das der Rost und die Motten nicht fressen, und das die Welt mit aller ihrer Herrlichkeit nicht geben und mit all ihrem Trotz nicht nehmen kann.

Sire, wir sind unsterblich!

Ich stehe hier mit Stolz neben Dir, dass wir Brüder und gleich sind! Aber ich sehe desto demütiger Deine Krone an, da Dich Gott über so große Wesen gesetzt hat, natürlich nicht sie zu mißhandeln und zu quälen, sondern sie zu lieben, und für ihre kleine und große Glückseligkeit zu sorgen.

Ew. Majestät

untertäniger

Matthias Claudius

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