Besser, Wilhelm Friedrich - Die Briefe St. Johannis in Bibelstunden für die Gemeinde ausgelegt - 6. Was Christen sind und seyn werden.

Besser, Wilhelm Friedrich - Die Briefe St. Johannis in Bibelstunden für die Gemeinde ausgelegt - 6. Was Christen sind und seyn werden.

Cap. 2, 29-3, 10.

HErr Jesu, lehre uns halten, was wir haben, auf daß wir ererben, was uns behalten ist im Himmel. Amen.

„Kindlein, bleibet bei Ihm! auf daß, wenn Er geoffenbart wird, wir Freudigkeit haben und nicht zu Schanden werden vor Ihm in Seiner Zukunft“ - so hatte Johannes seine dreifache Ansprache an die Väter, Jünglinge und Kinder beschlossen. Sein Blick ruht nun auf der freudenreichen Herrlichkeit, welche den Christen, die in Christo bleiben, gegeben ist, daß sie offenbar werde mit der Offenbarung der Herrlichkeit Christi. Zwei Stücke enthält demnach der vorliegende Abschnitt: erstens die gegenwärtige, zweitens die zukünftige Seligkeit der in Christo bleibenden Kinder Gottes. Doch schlingt Johannes beide ineinander. Die Freude an der gegenwärtigen Macht der Kinder Gottes über die Sünde wird ihm zur Leiter, woran er zu der ihnen noch vorbehaltenen Herrlichkeit emporsteigt; und die Hoffnung auf diese zukünftige Herrlichkeit dringt ihn wiederum eine Kindlein aufzufordern, daß sie der ihnen bereits geschenkten Christenmacht mit ganzem Ernst brauchen sollen, unbeirrt durch die Verführer, welche ohne Heiligung den HErrn sehen zu können vorgaben. Der Schlußvers des Abschnitts kommt wieder bei dem Anfangsverse an, so daß die herrliche Macht der Kinder Gottes in Zeit und Ewigkeit hell als das Thema der ganzen Rede hervorleuchtet. -

Regierte den ersten Theil des Briefes der Spruch: „Gott ist Licht,“ so regiert den zweiten hier anhebenden Theil der Spruch: „Er ist gerecht.“ Im Lichte wandeln die Gläubigen, die mit dem Vater und dem Sohne Gemeinschaft haben, und recht thun sie, denn aus dem Gerechten sind sie geboren.

Cap. 2, 29. So ihr wisset, daß Er gerecht ist, so erkennet ihr auch, daß wer recht thut, der ist aus Ihm geboren. Freudigkeit haben vor Ihm als dem Gerechten, das ist die rechte Freudigkeit. Und die Kindlein Johannis wußten es, daß der Sohn gerecht ist wie der Vater; sie hatten. Ihn erkannt als das Licht vom Lichte, in welchem keinerlei Finsterniß ist (Cap. 1, 5), als den Glanz der Herrlichkeit und das Ebenbild des Wesens des alleinheiligen Gottes (Hebr. 1, 3), und Seine Gerechtigkeit, worin. Er für uns zum Vater gegangen ist (Ev. 16, 10), hatten sie im Glauben angezogen als reines Heilskleid. Der Apostel schaut die Wesenseinheit des Vaters und des Sohnes so lebendig an, daß er die aus dem Geiste des Vaters und des Sohnes stammende neue Geburt der Christen eine Geburt aus Christo nennt, desto lieber, als er eben die Herkunft der Gesalbten von dem Gesalbten, ihre Salbung als eine vom Vater und vom Sohne empfangene (V. 20. 27) beschrieben hat. Wissen nun Christen ohne Zweifel, daß Christus gerecht ist, so erkennen sie ja auch - und thun wohl, es unverrückt im Gedächtniß zu halten - daß, wer die Gerechtigkeit thut, von Ihm geboren ist. Zwiefach ist die Kraft dieses apostolischen Wortes, Jeder, der die Gerechtigkeit thut, ist - merke wohl: nicht er wird, sondern er ist - aus Gott geboren, denn ohne Geburt aus Gott vermag Niemand recht zu thun. weil das aus dem Fleisch Geborne Fleisch ist (Ev. 3, 6.); und jeder, der aus Gott geboren ist, thut die Gerechtigkeit, denn der in ihm wohnende heil. Geist läßt ihn nicht sündigen (Cap. 3. 9.). „Das ist die Gerechtigkeit, so die Sünde von mir scheidt; Der, so mir zum Heil erkoren, ist dann auch in mir geboren.“ und ich in Ihm. So wird im Thun der Gerechtigkeit die Geburt aus Gott offenbar; diese Geburt ist die Quelle jenes Thuns und jenes Thun ist das Kennzeichen dieser Geburt. Gott ist gerecht, weil er thut, was Seiner heiligen Liebe gemäß ist; darum bethätigen wir unsre Geburt aus Gott im Thun der Gerechtigkeit, welche das uns geschenkte heilige Leben aus Gott offenbart (Matth. 5, 48; Ephes. 5, 1. ff.). Die Gerechtigkeit, sagt der Apostel; nicht irgendwelche, sondern die einige, welche göttlicher Art und Tugend ist, ins Gesetz gefaßt durch Gottes Offenbarung auf Sinai und in der Gläubigen Herz geschrieben durch die Salbung. Die Gerechtigkeit thun und, wie es Cap. 1, 6. heißt, die Wahrheit thun, oder Cap. 2,17: den Willen Gottes thun, das ist Eins. Das Thun des Willens Gottes entfaltet sich im Thun der Gerechtigkeit, die in Christi Heilsperson und Heilsthat gegeben ist, und im Thun der Wahrheit, welche Herz und Sinn der Gläubigen durchläuternd regiert. Das Leben der Kinder Gottes, ihr Wandeln im Licht, beweist sich in beständiger Hingabe an den Geist der Wiedergeburt, der Christum in ihnen verklärt (Ev. 16, 24.), Seiner Gerechtigkeit, als einer Rechtfertigung des Lebens (Röm. 6, 16; 1. Petr. 2, 24.) sie theilhaftig macht, zum Todten der Geschäfte des Fleisches sie treibt (Röm. 8, 13. 14. vergl. 6, 12.) und die Liebe Gottes in ihre Herzen ausgießt, in deren Erfahrung sie Sein Wort halten und wandeln, gleich wie Jener gewandelt hat. „Gott liebt Gerechtigkeit, folglich üben diejenigen Gerechtigkeit, die von Gott sind.“ L. Ja, Gott und Gottes Gesalbter lieben Gerechtigkeit und hassen Ungerechtigkeit (Hebr. 1, 9.): folglich lieben die Gesalbten mit göttlicher Liebe und hassen mit göttlichem Haß, Eben an V 3 ff, knüpft die Rede hier wieder an. Das Sagen der Sündenliebhaber: „Wir kennen Ihn“ wird ein schreckliches Ende nehmen am Gerichtstage, da der Gerechte ihnen bekennen wird: „Ich habe euch noch nie erkannt, weichet alle von Mir, ihr Uebelthäter,“ (wörtlich: Thäter des Unrechts. Matth. 7,23.). „Recht thun, oder die Gerechtigkeit thun, den Willen Gottes thun, ein Thäter des Worts seyn, die Wahrheit thun, und mehr dergleichen Kraftworte der Schrift, darf man ja niemals mit dem vermengen, was in der Schrift hin und wieder den übeln Namen hat: mit Werken umgehen, aus solchen gestückelten Bruchstücken eine eigne Gerechtigkeit aufbringen wollen. O nein! Recht thun, Gerechtigkeit thun ist eben diesem gestückelten mit Werken Umgehen entgegengesetzt, ist mit einem völligen Gehorsam und Gottes Gerechtigkeit verbunden, ist ein unumgänglich nöthiger Beweis von unsrer Geburt aus Gott, von dem, daß wir in Christo neue Creaturen sind und in einem durch die Liebe thätigen Glauben stehen.“ Rieger. - Von Ihm geboren! In diesem Worte hat Johannes der Christen herrliche Würde ausgesprochen, wie er dieselbe im Eingang des Ev. (1, 12) darstellt, und ergriffen von neuem seligen Staunen über die Größe der Liebe Gottes in Christo zu armen Sündern fährt er fort:

Cap. 3,1. Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeigt, daß wir Gottes Kinder sollen heißen! Darum kennt euch die Welt nicht, denn sie kennt Ihn nicht. Das ist nun auch der hochberühmten Sprüche einer, die hell wie die Sonne am Himmel der heiligen Schrift leuchten. Wen die Salbung diesen Spruch verstehen lehrt, der hat genug gelernt und weiß Alles. Hofacker vergleicht in einer Predigt die Botschaft von der Menschwerdung Gottes und der Erniedrigung des Heilandes, die zu hören unser Ohr gar gewöhnt sey, mit der Erzählung eines Engländers an einen Afrikaner vom festen Wasser, dem Eise; die Sache war dem Sohne des heißen Landes unbegreiflich, weil Festigkeit ihm gegen die Natur des Wassers zu streiten schien. „Ebenso unbegreiflich, ja noch widersinniger für die natürliche unerleuchtete Vernunft ist das, daß der Ewige, der vor aller Zeit ist, soll ein Knabe von zwölf Jahren gewesen seyn.“ Und nun frage ich: ist es nicht ein ebenso großes, der natürlichen Vernunft unzugängliches Wunder der göttlichen Liebe, daß Menschen, sündige Menschen Kinder Gottes werden, als daß der Sohn Gottes Mensch ward, Mariens Sohn? Die beiden Sprüche gehören innigst zusammen und machen miteinander Ein Liebeswunder aus, jener im Ev. Cap. 3,16: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß Er Seinen eingebornen Sohn gab,“ und dieser hier . Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeigt, daß wir Gottes Kinder sollen heißen! Der Apostel bittet, nöthigt uns, die Wunderart dieser Liebe recht zu bedenken: Sehet! ruft er, sehet welch eine Liebe! Eine Liebe über alle Liebe! Zu Seinen Kindern will Gott uns annehmen. Sich uns also verbinden, wie ein Vater seinen Kindern verbunden ist, zu liebreicher Zucht, zu aufopfernder Vertheidigung gegen unsre Feinde, zu genügender Versorgung, zu geduldiger Freundlichkeit, zur Freude an unsrer Freude und zum Mitleid mit unserm Leid, zum ewigen Zusammenleben mit uns in gleichen Ehren, Gütern, Wonnen - in allervertraulichstem Du und Du mit Ihm! O wollte Gott, der Freudenruf Johannis: Sehet welch eine Liebe! dränge durch alle Gedankenlosigkeit hindurch tief in unsre Seele ein, daß wir in den Staub uns beugten und lobsingend antworteten: „Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, daß Du Dich seiner annimmst!“ (Ps. 8, 5; Hebr. 2, 8.). Unser sel. Missionar Ziegenbalg erzählt: als er beim Uebersetzen des N. T. an diese Stelle 1 Joh. 3, 1. gekommen sey, daß wir Gottes Kinder heißen sollen, da habe der Malabarische Schulmeister, der ihm bei der Arbeit behülflich war, sich geweigert, diese Worte so hinzuschreiben; er wollte statt dessen sehen: „Gott will uns vergönnen. Ihm die Füße zu küssen.“ Das ist ganz der Sinn des verlornen Sohnes, welcher Tagelöhner im Vaterhause zu werden für Huld genug achtete, und erst als der Vater ihn ans Herz gedrückt hatte, der Sohneswürde, welcher er nicht werth war, mit tiefster Sünderschaam sich annahm (Luc. 15, 18 ff). -

Erzeigt, wörtlich: gegeben, hat der Vater uns Seine unaussprechliche Liebe. Seine Liebe gehört uns eigen in Christo; in Ihm dem erschienenen Leben ist die Liebe erschienen und uns widerfahren, die der Vater zu uns hegte, ehe der Welt Grund gelegt war (Ephes. 1. 4 f., 1 Petr. 1, 10.), die Liebe, welche aus dem Tode uns erlöst und ins Leben versetzt hat (Ephes. 2, 6, 7.). Gottes Kinder sollen wir heißen, das ist das Ziel der väterlichen Liebe; der Vater hat Sich an uns, die wir glauben an den Namen Seines Sohnes, Kinder erliebt. Heißen sollen wir Kinder Gottes, das soll unser Name seyn, vor Gott und Seinen Heiligen (Röm. 9, 26.). Wo aber Gott Namen gibt, da gibt Er allzeit das Wesen selber mit, „Er redet lauter Sachen,“ wie Luther sagt. Etliche griechische Handschriften fügen - wohl aus V. 2. - zu dem: wir sollen heißen hinzu: und wir sind; jedoch das Seyn ist in dem Heißen schon mitbeschlossen: Gott spricht in dem Namen, womit Er uns nennt, eben daraus, was wir vor Ihm sind (vergl. Jes. 62, 2; Offenb. 2, 17.). Er spricht es aus, so muß es gelten, und wer sich sammt uns herauslieben lassen will aus der Welt, der wird's erkennen, daß unser Name: Gottes Kinder Wahrheit sey, daß der Vater uns liebe, gleichwie Er den Sohn liebt (Ev. 17, 23), als dessen Brüder und Miterben wir eingekindet sind ins Haus Gottes (Röm. 8, 29. vergl. Bd. VII, 1. S. 685.). „Und ist nicht genug, daß wir Kinder Gottes werden, sondern wir müssen auch unter diesem Namen berühmt werden vor dem Angesichte Gottes und der Engel.“ 3. Sagt schon David, als ein Christ vor Christo: „Ich bin vor Vielen wie ein Wunder“ (Ps. 71, 7.), vielmehr sind die Christen nach Christo die rechten Wunderkinder. Freilich, die Welt, welche im Argen will bleiben, sieht in dem Namen unsrer Kindschaft nichts als einen leeren, eingebildeten Titel; aber weit entfernt, daß der Welt Urtheil Gottes Urtheil nichtig machen sollte, bestätigt die gottentfremdete Welt vielmehr durch ihre Entfremdung von den Kindern Gottes deren annoch verborgene Würde. Sehet, ruft deshalb Johannes seinen Mitkindern zu, sehet, was die Welt nicht sieht! Ja, sehet eben an der Feindschaft der Welt gegen euch, welch eine Liebe der Vater uns erzeigt hat, daß wir Gottes Kinder sollen heißen! Darum kennt euch die Welt nicht, denn sie kennt Ihn nicht. Hier klingen uns wieder Stimmen aus dem Evangelium ins Ohr: „Den Geist der Wahrheit kann die Welt nicht empfangen, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht“ (Ev. 14, 16.) und: „Dieweil ihr nicht von der Welt seyd, sondern Ich habe euch von der Welt erwählt, darum haßt euch die Welt. Das alles werden sie euch thun um Meines Namens willen, denn sie kennen Den nicht, der Mich gesandt hat“ (Ev. 15, 19; 21; vergl. 16, 3.), und das Gebetswort: „Ich habe ihnen gegeben Dein Wort, und die Welt haßt sie; denn sie sind nicht von der Welt, gleichwie auch Ich nicht von der Welt bin (Ev. 17, 14; vergl. V. 25.). Wie sollte die Welt die Kinder kennen, da sie den Vater nicht kennt? wie die Kindschaft ohne den Geist der Kindschaft? Wen Gott Sich befreundet, den entfremdet Er der Welt. Die ihrer Erkenntniß so hoch sich rühmende Welt kennt doch das einzig Erkennenswerthe nicht; es gebricht ihr die Salbung, und sie weiß Nichts. Wundre sich (V. 13.) kein Christ, daß er unbekannt ist bei der Welt, welcher das Geheimniß der Wiedergeburt sammt dem Leben von oben her eine Thorheit ist (1 Cor. 2, 14; 2 Cor. 6, 9.) und Niemanden befremde der Welt Haß und Verfolgung, denn mit Recht sieht sie in den Kindern Gottes die Feinde ihrer Götzen und führt einen verzweifelten Vertheidigungskrieg gegen Christum und Sein Reich. Johannes findet die von Gott und Gottes Kindern entfremdete Welt nicht bloß im offnen Heidenthume, sondern auch in denen, welche innerhalb der Gemeinde nicht von ihr, sondern von der Welt waren. So ist auch heute, und heute schmerzlich mehr, die Kirche bedrängt von der als Kirche sich geberdenden Welt. Es liegt etwas überaus Beugendes darin, und gewiß nicht ohne schwere, langwierige Verschuldung der Christen ist es dahin gekommen, daß dieser Text: Darum kennt euch die Welt nicht, denn sie kennt Ihn nicht, jetzt fast überall nicht nur an Getaufte, sondern wohl auch an Abendmahlsgenossen als an die Welt uns denken heißt. Aber selbst verjüngt zu apostolischer Kraft und Weihe würde dennoch die Kirche die Welt - wohl gegen sich, doch nicht bloß außer sich haben (denn es finden sich faule Fische im Netze), und wehe ihr, vergäße sie je in der Zeit ihres Streiterstandes, daß ihre Heiligkeit nicht in denen, welche geheiligt werden, sondern allein in Dem, welcher sie heiligt, eine vollendete ist, und daß die ihr ernstlich anbefohlene Zucht über ihre Glieder das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes, zum Verdammen der Sünde und zum Erretten der Sünder, nicht die Worfschaufel zum Fegen der Tenne zu handhaben hat. Der HErr beschließt das Himmelreich - Gleichniß vom Weizen, worunter Unkraut (freilich nicht von den Knechten des Hausvaters, sondern vom Feinde) gesäet wird, welches (freilich nicht als Weizen behandelt werden, sondern ohne Pflege) wachsen soll, mit der Ankündigung der Offenbarung Seiner Herrlichkeit am Ende dieser Welt, da „des Menschen Sohn wird Seine Engel senden, und sie werden sammeln aus Seinem Reich alle Aergernisse und die das Unrecht thun, und werden sie in den Feuerofen werfen, dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich“ (Matth. 13.). Auch Johannes schaut aufs herrliche Ende hin, während er die Kinder Gottes gefaßt seyn lehrt auf den Haß der Welt, vor welcher die Herrlichkeit ihres Namens eine verborgene und verachtete ist1), und die vor der Welt Unbekannten als „Geliebte“ brüderlich grüßend, ruft er ihnen zu:

V. 2. Ihr Lieben, wir sind nun Gottes Kinder, und ist noch nicht erschienen, was wir seyn werden; wir wissen aber, daß, wenn es erscheinen wird, wir Ihm gleich seyn werden, denn wir werden Ihn sehen, wie Er ist. Dieser Spruch ist im Munde Johannis von sonderlichem Gewicht. Aufs tiefste ist gerade er davon durchdrungen, daß es nur Ein Leben gibt, welches die Kinder Gottes haben in Zeit und Ewigkeit, und ihm ist keine zukünftige Seligkeit bewußt, die nicht wie die Rose in der Knospe schon im Glauben enthalten wäre. Wer da hat, dem wird gegeben; nur die werden selig, welche schon selig sind. Dennoch hat auch in Johannis gottverlobtem Gemüthe die Hoffnung ihren Platz, und nicht minder wie Petrus (l Petr. 1,8; 4, 13.) und Paulus (Röm. 8, 24; 2 Cor. 5. 7.) sehnt er sich vom Glauben zum Schauen hinan. Wäre es anders, so würden wir an ihm keinen Genossen derselbigen Leiden haben, welche über die ganze Brüderschaft der Christen in der Welt ergehen (1 Petr. 5, 9.) Nun aber kennt auch er gar wohl die Angst der Kinder Gottes in der Welt (Ev. 16, 33, nicht nur äußerliche, sondern auch innerliche (Cap. 1, 8.), und „Ueberwinden“ heißt das Feldgeschrei, welches er in der Offenbarung der streitenden Kirche zuruft. Im Evangelium tritt mehr die gegenwärtige, in der Offenbarung mehr die zukünftige Herrlichkeit der Christen hervor; in jenem wird verkündigt, was Christus den Seinen bereits gegeben hat und was sie sind in Ihm, in dieser geweissagt, was Er ihnen - den Trübsalsgenossen - noch geben will und was sie seyn werden mit Ihm; hier aber, in unserm Texte, wird beides zusammengefaßt: was Christen sind und senn werden, ihre Herrlichkeit beide im Glauben und in der Hoffnung, Wir sind jetzt Gottes Kinder, die wir im Glauben den Sohn bekennen und den Vater haben (Cap. 2, 23.); und was wir, als Gottes Kinder, seyn werden, ist noch nicht er- schienen, noch nicht offenbar geworden, weder der Welt noch uns selber. Das den Kindern Gottes gehörige Erbtheil, das unvergängliche, unbefleckte, unverwelkliche, ist ihnen im Himmel behalten, bereit offenbar zu werden in der letzten Zeit (1. Petr. 1, 4, 5), wenn der himmlische Schatz der Kindschaft die irdenen Gesäße, in welchen wir jetzt ihn haben (2 Cor. 4, 7,), gänzlich in seine Art verklärt haben wird, so daß das Sterbliche vom Leben verschlungen sey (2 Cor. 5, 4.) und des Geistes Erstlinge in volle Lebensernte aufgehen mit unsere Leibes Erlösung (Röm. 8, 23.). „Gott entzieht Sich uns nicht; sondern das Fleisch, die Welt und der Teufel schwächen unsre Augen, daß wir Gott nicht sehen. Die Welt ist ein Deckel, das Fleisch der andere, der Teufel der dritte. Durch alle diese Deckel soll ich hindurchbrechen mit dem Glauben, welcher aus dem Worte gefaßt wird. Derowegen sind wir jetzt Kinder Gottes, nicht durch das Anschauen Gottes, sondern durch den Glauben an Gott. Der Glaube aber im Wort verheißt uns Vieles, was wir seyn werden; allein so lange wir in der Welt sind, erscheint nicht, was die wahre Seligkeit des Menschen künftig seyn werde: es hat's kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, und ist in keines Menschen Herz kommen, was Gott bereitet hat denen, die Ihn lieben (1 Cor. 2, 9.).“ ?. Wie aber Paulus dort fortfährt: „Uns aber hat es Gott geoffenbart durch Seinen Geist,“ so hier Johannes: Wir wissen aber, daß, wenn es erscheinen wird, wir Ihm gleich seyn werden, denn wir werden Ihn sehen, wie Er ist. Verborgener Weise, wie der Thau aus der Morgenröthe, werden jetzt Gottes Kinder geboren, auch mit verborgenem Manna ernährt; öffentlich aber werden sie den Glanz ihrer Kindschaft ausstrahlen, zur Freude der Engel und zum Entsetzen der Welt. Sie wissen mit des Glaubens Zuversicht, daß erscheinen wird, was noch verborgen ist (Col. 3, 3.), und die Salbung lehrt sie, daß sie dann erscheinen werden in der Kindesgleichheit mit dem Vater, welche jetzt unter dem Bilde des Irdischen, das sie tragen (1. Cor. 15, 49,), vor ihren eignen Augen verhüllt ist. „Wenn die Seele sich selber sähe, würde sie sich für Gott schätzen, und wer sie sähe, der würde sie sehen nicht zwar in dem natürlichen, sondern in dem aus Gnaden ihr mitgetheilten Wesen, Form und Weise Gottes, und würde also selig von dem Gesichte.“ Tauler. Zu dem Wesen der Kinder Gottes, die in Christo theilhaftig worden sind göttlicher Natur (2 Petr. 1, 4.), wird nichts jetzt noch Ungeschenktes hinzukommen, wenn sie im Schauen Gottes Ihm gleich seyn werden; es wird nur von ihnen abgethan seyn Alles, was vor der Welt und zum Theil vor ihnen selbst sie unkenntlich machte und die Züge der göttlichen Kindschaft, die Gestalt Christi in ihnen, entstellte. Weil wir Gott sehen werden, wie Er ist, so werden wir Ihm gleich seyn. „Es ist nicht ein müßiges Sehen, sondern wodurch der Sehende mit aller Kraft seines Sehens im Verstand, Willen und Freude in denjenigen eindringt, den er sieht, und sich also alle dessen Schönheit, Herrlichkeit und Güte in ihn hinwieder ergeußt.“ Spener. Jetzt sehen wir durch einen Spiegel in einem Räthselwort („da heißt es: rath, was das ist, daß Ver, so im Kreuz und Leiden steckt bis über die Ohren, soll Gottes Kind seyn?“ L.), dann aber von Angesicht zu Angesicht (I Cor. 13, 12.); jetzt erkennen wir weder Gottes väterliche noch unsre kindliche Herrlichkeit nach der Weise, wie Gott Sich selber und uns erkennt: aber wenn wir einst mit neuen Augen im Leibe der Verklärung sehen werden die Herrlichkeit, die der Vater dem Sohne gegeben hat, dann werden wir zugleich sehen die Herrlichkeit, die der Sohn uns gegeben hat (Ev. 17, 22. 24.), und dann wird erschienen seyn, was erscheinen soll, daß wir verklärt in das Bild Christi unsers erstgebornen Bruders, Ihm gleich - ähnlicher als alle Engel - seyn werden (Röm. 8, 29; 2. Cor. 3,13.). „Und sie werden Sein Angesicht sehen, und Sein Name wird an ihren Stirnen seyn“ (Offenb. 22, 4.): Gott wird zu uns als Seinen Kindern Sich bekennen, und es wird herrlich offenbar werden, welch eine Liebe der Vater uns erzeigt hat, daß wir sollen Gottes Kinder heißen, Kinder, die dem Vater gleichen im Haben ewiger Freuden - und Seligkeitsfülle, denn die göttliche Gerechtigkeit, die wir im Glauben ansangen zu thun, noch kämpfend mit der Sünde in unserm Fleisch, sie wird vollkommen aus uns hervorleuchten, wenn Gott in unsern schauenden Augen Sich spiegeln wird, - „Halt ein, mein schwacher Sinn, halt ein, wo denkst du hin? Willst du, was grundlos, gründen? was unbegreiflich, finden?“ - Clemens von Rom, der Schüler des Apostels Paulus, schreibt den Corinthern: „Wie selig, Geliebte, und wie wunderbar sind die Gaben Gottes! Leben in Unsterblichkeit, Glanz in Gerechtigkeit, Wahrheit in Freude, Glaube in Zuversicht, Keuschheit in Heiligung - und das alles sind unserm Gemüthe gegenwärtige Güter. Was ist's denn, worauf wir noch hoffen? Er allein, der Werkmeister und Vater der Ewigkeiten, der Allheilige, kennt die Größe und die Schöne dessen, was wir senn werden. So lasset uns nun Fleiß thun erfunden zu werden in der Zahl derer, die Seiner harren, auf daß wir die verheißenen Güter empfangen.“ Augustin ermuntert die Kinder Gottes nach Weise des Liedeswortes: „Erweitre dich, mein Herzensschrein!“ und sagt: „Die Zunge spricht es aus, so gut sie kann; das Uebrige denke das Herz hinzu. Laßt uns zu der Salbung uns wenden, die inwendig uns lehrt, was wir nicht auszusprechen vermögen, und weil ihr es nicht sehen könnt, so durchdringet euch mit Sehnsucht darnach. Das ganze Leben eines wahren Christen ist ein heiliges Verlangen. Wonach man verlangt, das sieht man noch nicht; aber durch das Verlangen erweiterst du dich, daß, wenn es sichtbar erscheint, du damit erfüllt werden kannst. Wie wenn du etwas aufnehmen willst und merkst, wie groß und gewichtig es ist, was man dir zuschüttet fürchtest aber, es könnte dir etwas entgleiten, und erweiterst daher den Bausch, damit er desto mehr fassen könne: so erweitert Gott durch Verzug unser Verlangen und durch das Verlangen unsern Geist, und macht ihn fähig immer mehr in sich aufzunehmen. So ist unser Leben eine stete Uebung des Verlangens.“ Und in diesem Verlangen nach dem Schauen des Angesichts Gottes betet der theure Lehrer: „Lehre mich, o HErr, Dich suchen und zeige Dich dem Suchenden, denn weder kann ich Dich suchen, wo Du mich nicht lehrst, noch Dich finden, wo Du Dich nicht zeigst. Laß mich Dich suchen mit Verlangen, nach Dir verlangen mit Suchen; laß mich Dich finden mit Lieben, Dich lieben im Finden!“

Johannes gedenkt, indem er der Christen zukünftige Seligkeit ins Schauen Gottes setzt, an das Wort des HErrn Jesu: „Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen“ (Matth. 5, 8.), und stellt die Hoffnung als die Ernährerin des Heiligungstriebes dar, den der Glaube ins Herz der Christen pflanzt:

V. 3. Und ein Jeglicher, der solche Hoffnung hat zu Ihm, reinigt sich, gleichwie Jener rein ist. Also nicht um vorgängiger Reinheit willen, sondern aus lauter Gnade und Barmherzigkeit Gottes sind Christen selig gemacht und zur Hoffnung des Erbtheils im Himmel berufen (Tit. 3, 4-7.); aber weil sie solche Hoffnung haben zu Ihm - zu dem Vater, der sie in Christo zu Seinen Kindern angenommen hat - darum reinigen sie sich. „Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde, nach Seiner Verheißung, in welchen Gerechtigkeit wohnt; darum, meine Lieben, dieweil ihr darauf wartet, so thut Fleiß, daß ihr vor Ihm unbefleckt und unsträflich erfunden werdet im Frieden“ (2 Petr. 3, 13. 14.; vergl. auch 2 Cor. 6, 18, und 7, 1). Sich reinigen, eigentlich keuschmachen (1 Petr. 1, 22. und Jak. 4, 8.), durch und durch, an Geist, Seele und Leib, um unsträflich behalten zu werden auf die Zukunft unsers HErrn Jesu Christi (! Thess. 5, 23.): das ist der Christen Aufgabe, woran sie, sagt Luther, ihr Leben lang zu studieren haben, aber es ist auch ihre Macht durch den Glauben. Ihre Liebe hängt sich an das unbefleckte Erbe ihrer Hoffnung, und sie lassen sich züchtigen. Nichts lieb zu haben von Allem, was in der Welt ist. Mit keuschem Geiste lauschen sie dem Gespräche der Salbung und wollen Nichts wissen, als was sie lehrt aus dem Worte, das da ewiglich bleibt; mit keuscher Seele tragen sie sich als verlobt dem Seelenbräutigam und wollen durch Nichts ergötzt werden, was nicht Freude an Ihm, ewige Freude gewährt; im keuschen Leibe wandeln sie als Gottes- und Christusträger und wollen ihre Glieder zu keinem Dienste begeben, der nicht ziemt dem Leibe der Herrlichkeit, in welchem sie einst erscheinen werden. Sie machen sich keusch. „Gott ist's allein, der uns reinigt; aber Er reinigt dich nicht, ohne daß du willst (d. h. mit befreitem Willen). Du reinigst dich, aber nicht durch dich, sondern durch Den, der da kommt in dir zu wohnen.“ Augustin. Es ist eben der Kinder Gottes Grundtrieb, zu wollen den Willen Gottes, ihre Heiligung (1 Thess. 4, 3.). So oft irgend eine Lust der Sünde, die sie ja noch haben und empfinden, in ihnen aufsteigt und den Blick auf Jesum Christum ihnen verdunkelt; so oft von innen oder von außen her etwas sie antastet, was die Freudigkeit auf die Erscheinung Seiner Zukunft ihnen kränkt und ihr Brautkleid, in welchem sie dem Hochzeitstage entgegengehen, befleckt: dann zieht sie der Geist eilends zu dem Blute der Versöhnung, welches allein von allen Sünden rein macht (Cap. 1, 7.), daß sie nicht eher sich zufrieden geben, bis durch Vergebung die Völligkeit ihrer Hoffnung wiederhergestellt ist. Wie das Auge kein Stäubchen leiden kann, es thränt so lange, bis es wieder rein ist: so leidet auch das auf jene Herrlichkeit hinaufschauende Hoffnungsauge des Christen durchaus keinen Weltstand, und fliegt welcher hinein, so zuckt es mit zartestem Gemerk, und der HErr gibt Bußthränen, die den Staub hinauswaschen. Das ist die auserwählte Keuschheit, wozu Petrus die „Fremdlinge und Pilgrimme“ ermahnt: „Enthaltet euch von den fleischlichen Lüsten, welche wider die Seele streiten“ (1 Petr. 2, 11.); der heimwärts gewandte Pilgersinn, in welchem Moses verschmähte die zeitliche Ergötzung der Sünde zu haben, weil er ansah die Belohnung (Hebr. 11, 25. 26.); der selige Weg Aller, welche in Kleidern, gewaschen und helle gemacht im Blute des Lammes, ankommen vor dem Stuhle Gottes (Offenb. 7, 14, 15) und im jungfräulichen Schmucke das reine Lamm umgeben auf dem Berge Zion (Offenb. 14, 4.). Gleichwie Jener rein ist, setzt Johannes hinzu, indem (ganz wie Cap. 2, 6.) sein Auge auf Jesu ruht, als dem unschuldigen und unbefleckten Lamme (l Petr. 1, 19). Wir werden Gott gleich seyn, wenn an uns sich offenbaren wird die in uns hineingebildete Gestalt Jesu Christi, des Sohnes Gottes (Gal. 2, 20; 4, 19.); darum reinige sich, wer solche Hoffnung hat, wie Er rein ist, mit Ablegen aller Unsauberkeit, welche die Gemeinschaft mit Ihm unterbricht und gegen das rechtschaffene Wesen in Ihm (Ephes. 4, 21.) streitet- Und wir können uns reinigen, weil Er rein ist, denn Er ist rein für uns. Seinem Vorbilde nachzufolgen kriegen wir Kraft aus der Annahme Seines Opfers (1 Petr. 2. 21 ff.). Seine Reinheit ist zugleich das heilige Muster und der gnadenvolle Brunnen unsrer Reinigung. Wer die Hoffnung hat, im Leben der Auferstehung Christo zu gleichen, dem wird das Geheimniß Seines Kreuzestodes zum Abthun der Sünde (V. 5.) immer größer und köstlicher, und all sein Reinigen ist ein Kreuzigen im Namen des Gekreuzigten (Gal. 5, 24.). Ohne das Blut Dessen, welcher rein ist, geschieht keine Reinigung, und es ist der tiefste Unterschied zwischen der Welt und den Kindern Gottes, daß jene aus eignen Mitteln mit Sündenvergebung sich bedient2), während diese ohne das Blut des Lammes, welches unsre Sünden hinwegnimmt. nicht zu erscheinen wagen vor dem Richterstuhle des Heiligen. – Nun wendet sich Johannes wieder (mit demselben Redefortschritt wie im ersten Theile, Cap. 1, 6 ff) gegen die Verführer, welche ein Erkennen und Sehen Christi und Gottes mitten im Unflath der Sünde vorgaben und durch diese Lüge die Christen um das herrliche Erbe der Kinder Gottes zu betrügen im Sinn hatten. Er reißt alle Larven weg von dem scheußlichen Gesicht der Sünde und ermahnt seine Kindlein, ihrer Christenmacht zum Nichtthun der Sünde und zum Thun der Gerechtigkeit treulich und redlich zu brauchen.

V. 4. Ein Jeglicher, der die Sünde thut, thut auch das Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Die Sünde thun ist der Gegensatz zu dem vorigen: sich reinigen, als worin das Thun der Gerechtigkeit (Cap. 2, 29) enthalten ist. Die Irrlehrer hielten es für unnütz, daß ein Christ sich keusch mache und im Lauf nach der unvergänglichen Krone alles Dinges sich enthalte (1 Cor. 9, 25). Ihr Christenthum war nicht ein „reines Speisopfer“ (Mal. 1, 11), sondern mit dem Sauerteig des alten Sündenwesens und mit dem Honig der Weltlust vermischt. Um aber die Liebe zur Welt und ihrer Lust, welcher sie dienten, zu beschönigen und ihr Gewissen einzuschläfern, machten sie zwischen Sünde und Unrecht bösen Unterschied. Nicht Alles, was Sünde (eigentlich: Verfehlung) heiße, sollte absolut wider Gottes Willen und Ordnung seyn. Gerade wie man heute allzu häufig die Rede hört: Das ist ein rechtschaffener Mann; zwar hat er einige Schwachheiten und Fehler, wie alle Menschen, aber eines eigentlichen „Unrechts“ ist er nicht fähig. So dichtet man sich eine Moral, die dem Fleische nicht wehe thut, und einen Gott, der die angeblich rechtschaffenen Leute nach dem Richtmaße der „öffentlichen Meinung“ richtet. Wer auf dem Wege jener Irrlehre weitergeht, der begibt Leib und Seele in die Knechtschaft der Sünde und träumt derweil von einer Geistesfreiheit, in deren Region erst die rechte (philosophische) Reinheit angetroffen werde. „Sie sagen, sie erkennen Gott, aber mit den Werken verleugnen sie Ihn, denn sie sind Greuelhafte und Ungehorsame“ (Tit. 1, 16). Diesen Lügnern, welche darauf ausgehen, die Grenze zwischen Licht und Finsterniß zu verrücken (Cap. 1,6) und die Sünde ihrer abscheulichen Gestalt zu entkleiden, tritt Johannes mit der Erklärung entgegen, daß die Sünde das Unrecht sey, daß jedwede Sünde den Sünder schuldig mache an dem Gesetze des heiligen Gottes, an der Ordnung, welche dem Leben der Gemeinde Gottes gesetzt ist. Vor Gott ist jedes Vergehen ein Verbrechen; als Bagatelle (peccatilio, ein Sündchen) wird vor dem Richter in der Höhe die Sünde nicht behandelt.“ Alle Sünde hat hochverrätherischen Charakter, denn sie ist Widerspruch gegen Gottes Gerechtigkeit, Empörung gegen die Majestät des einigen Gesetzgebers und athmet Feindschaft gegen den Willen Gottes. Darum ist's unmöglich, daß diejenigen, deren Wandel im Thun der Sünde verläuft, Gemeinschaft haben sollten mit Gott, der um Sein heiliges Gesetz mit verzehrendem Ernte eifert. Den allerhöchsten Beweis dieses göttlichen Eifers bewegen Christen beständig im Herzen, und Johannes (gerade wie Petrus 1 Br. 1, 18) wendet sich an den lautern evangelischen Verstand seiner Kindlein, indem er fortfährt:

V. 5. Und ihr wisset, daß Er ist erschienen, auf daß Er unsere Sünden wegnähme; und Sünde ist nicht in Ihm. In dem Worte: wegnehmen (tragen und wegtragen) klingt die Stimme nach, durch welche Johannes zuerst zu dem Erschienenen berufen ward, und die seitdem in einem Herzen nimmer verstummte: „Siehe das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt.“ (Ev. 1, 29). Der Täufer sieht in dem HErrn Jesu das Lamm, von welchem der Prophet Jesaja geweissagt: „Fürwahr, Er trug unsre Krankheit, und nahm auf Sich unsre Schmerzen. Die Strafe liegt auf Ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch. Seine Wunden sind wir geheilt. Der HErr warf unser aller Sünde auf Ihn“ (Jes. 53,4. ff). Gleichwie in der vorbildlichen Opferanstalt des Alten Bundes die Versöhnung dadurch geschah, daß die Sündenstrafe auf das reine Opferthier gelegt ward, und dessen Blut an die Stelle des verwirkten Lebens des Sünders trat: so ist Jesus Christus, das wahrhaftige Opferlamm, die Versöhnung für unsere Sünden geworden (Cap. 2, 2). Er hat unsere Sünden getragen, auf Sich genommen zu sühnendem Wegnehmen, da Er erschien in unserm Fleische, auf daß an Ihm die Sünde verdammt und unter den Fluch des Kreuzes gebracht werde (Röm. 8, 3; Gal. 3, 13; 1 Petr. 2, 24). Er hat unsere Sünden sieghaft hinweggenommen, da Er nach vollbrachtem Opfer aus dem Grabe herrlich hervorging, auf daß, gleichwie Er ist auferstanden, lebt und regiert in Ewigkeit, also auch wir von allen Sünden erlöst und freigemacht mit Ihm ewiglich leben sollen (Röm. 6,9. 10; 2 Tim. 1, 10; Hebr. 2, 14; Col. 2, 14, 15). Unsere Sünden durch Sühnung wegzunehmen, das ist der rechte heilsame Endzweck der ganzen Erscheinung des Sohnes Gottes im Fleische, so kündigte ja auch der Engel dem Joseph die Geburt des Heilandes an (Matth. 1, 21.); und was einmal an Ihm selber durch Sein ewiggültiges Opfer für Alle geschehen ist, das geschieht in der ganzen Währung. Seines Gnadenreiches an Allen, die sacramentlich mit Ihm verbunden zur Gleiche. Seines Todes und Seiner Auferstehung (Röm. 6, 5) durch den Glauben in die Gemeinschaft Seines Leidens eingehen und die Kraft Seiner Auferstehung erfahren (Phil. 3, 10). Wahre Christen wissen es, daß der Heiland als „Sünden-Feind und Sühner“ erschienen ist, und sie sprechen von Herzen - Eines Sinnes mit Ihm (1 Petr. 4, 1.) - dasselbe Urtheil über die Sünde aus, welches in Seinem bittern Leiden und Sterben darüber ergangen ist, Sie danken Ihm, daß ihre Sündenschuld getilgt ist durch Sein Blut, aber sie bitten auch: „HErr, laß Dein bitter Leiden mich reizen für und für, mit allem Ernst zu meiden die sündliche Begier, daß mir nie komme aus dem Sinn, wie viel es Dich gekostet, daß ich erlöset bin!“ Nicht zur Hälfte, sondern ganz singen sie das Liedeswort: „Jesu, Deine tiefen Wunden, Deine Qual und bitter Tod geben mir zu allen Stunden Trost in Leibs- und Seelennoth, Fällt mir etwas Arges ein, denk ich bald“ - hilf mir frühe, HErr! - „an Deine Pein, die erleidet meinem Herzen mit der Sünde nicht zu scherzen.“ Sollten wir die Sünde, das Unrecht, noch thun, worüber der Zorn der heiligen Liebe Gottes offenbart ward am Kreuze Jesu Christi? Das sey ferne! Hinweg! heißt das Losungswort in unserm Verhalten zur Sünde. Zwar ist noch nicht erschienen, was wir seyn werden, wir wissen aber, daß, wenn es erscheinen wird, wir ohne Sünde, ohne Flecken und Runzel (Ephes, 5, 27.), dastehen werden vor Gottes Angesicht; denn keine Sünde wollen wir dem Sündentilger vorenthalten, so lange wir in diesem Fleische lebend noch Sünde haben, und jetzt schon rein und gerecht gesprochen durch Vergebung der Sünden (Cap, 1, 9.), warten wir der zukünftigen Herrlichkeit, da wir vom Leibe dieses Todes erlöst erscheinen werden in der Aehnlichkeit des auferstandenen Leibes Jesu Christi, an welchem Nichts von unserm Sündenelende mehr ist. Und Sünde ist nicht in Ihm.

Der von keiner Sünde wußte, den hat Gott für uns zur Sünde gemacht (2 Cor. 5,21.), und eben weil Er, der Gerechte für die Ungerechten, Sein sündloses Leben zum Schuldopfer gegeben hat, darum ist Er durchs Leiden des Todes gekrönt mit Preis und Ehre, auf daß Er in Seinem Reiche Viele selig mache durch Sein Leben, die Er durch Seinen Tod versöhnt hat . Doch nicht allein das in Jesu erfüllte Erforderniß des vollkommenen Hohenpriesters und Sündentilgers (Hebr. 7, 26 - 28) bezeichnen die Worte: Sünde ist nicht in Ihm; sie sprechen zugleich (parallel dem Spruche Cap. 1,5: „In Ihm ist keine Finsterniß“) die Gemeinschaft mit Ihm und den Genuß Seiner Erlösungsrechte Jedwedem ab, der sich nicht reinigt, wie Er rein ist (V. 3.). Auf Wegnahme der Sünde ist Seine Heilandsabsicht ganz und gar gerichtet; die in Ihm erschienene Gnade züchtigt uns, daß wir mit aller Sünde brechen und in der Kraft Seiner Erlösung, als Sein gereinigtes Eigenthumsvolk, leben sollen in dieser Welt voller Ungerechtigkeit (Tit. 2, 11 ff). Wer nun die Sünde lieber thun als fahren lassen, lieber in ihr bleiben als von ihr errettet werden will, der vereitelt, so viel an ihm ist, die Wirkung des Erlösungstodes Jesu und ist geschieden von Dem, in welchem Sünde nicht ist.

V. 6. Ein Jeglicher, der in Ihm bleibt, sündigt nicht; wer da sündigt, der hat Ihn nicht gesehen noch erkannt. Johannes will seine Kindlein nicht schrecken mit diesen scharfen Sprüchen. Zu ihnen durfte er sich versehen, daß sie seinen evangelischen Sinn fassen und mit völliger Freude in seine Rede einstimmen würden. Vorhin hatte er ihnen geschrieben: „Ob Jemand sündigt, so halben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, den Gerechten“ (Cap. 2, 1), und hatte es Selbstbetrug genannt, so wir sagen, wir haben keine Sünde (Cap. 1, 8.). Hier aber redet er nicht vom Sündehaben, sondern vom Sündethun; nicht von solchen, welche die Sünde, die sie noch haben, betrübt und beschwert, sondern von solchen, welche die Sünde, die sie thun, ergötzt und belustigt; nicht von Kindern Gottes, welche im Fleischesgefängniß mit dem heiligen Paulus seufzen: „Ich elender Mensch! ich thue nicht, das ich will, sondern das ich hasse, thue ich; so thue nun nicht ich dasselbige, sondern die Sünde, die in mir wohnt“ (Röm. 7, 15 ff.), sondern von Kindern des Teufels, die frech und frevelhaft die Lust ihres Vaters wollen thun (Ev. 8,44.); nicht von Frommen, denen das Böse anhangt, sondern von Gottlosen, die dem Bösen anhangen - „ sie lassen ihren sündlichen Lüsten den Zügel schießen, wollen nicht Buße thun, noch wiederum aufstehen.“ L. Ein Christ ist ein Doppelmensch. Ueber unsern alten Menschen ist das Todesurtheil ergangen um des Opfertodes Christi willen (2 Cor. 5, 14, 1 Petr. 4, 1); aber der Tod desselben wird erst vollendet seyn, wenn erscheinen wird das Leben unsers neuen Menschen, in welchem jetzt Christus lebt als in dem „verborgenen Menschen des Herzens“ (1 Petr. 3, 4). Darum ermahnt Paulus die Epheser. die bereits sammt Christo lebendig gemacht waren, sie sollten ablegen den alten und anziehen den neuen Menschen (Ephes. 4, 22 ff.); darum halten wir mit Luther's erster Thesis dafür, daß nach Christi Vorschrift das ganze Leben Seiner Gläubigen auf Erden eine stetige Buße seyn soll - „und diese Buße währt bei den Christen bis in den Tod. denn sie beißt sich mit der übrigen Sünde im Fleisch durchs ganze Leben“ (Schmalk. III. 3) - und bekennen mit unserm Katechismus, die heilige Taufe bringe mit sich, „daß der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten, und wiederum täglich heraufkommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebe.“ Ein Jeglicher nun, der in Christo bleibt, welchem er einmal angehört, sündigt nicht, sondern sagt Nein zu der Sünde, die dem alten Menschen angehört, und widersteht ihrer fremden Gewalt. Des Christen Wille, sein in Christo ruhendes und vom Geiste Christi regiertes Ich, ist nicht eins mit der Sünde, sondern mit Christo, in dem keine Sünde ist. Sündenhaß ist das Gemeingefühl aller Kinder Gottes, Sündenliebe die allgemeine Mitgift der Kinder des Teufels. Nimmermehr kann ein Christ sprechen: „Ich sündige und will auch sündigen,“ oder spräche er je wieder so, so wäre er von Christo abgefallen. Wer da sündigt, der hat Ihn nicht gesehen, noch Ihn erkannt. Es besteht nicht zusammen: Christo und der Sünde dienen, in Christo und in Sünden bleiben. Wer mit der Sünde einverstanden ist und dabei Gemeinschaft mit Christo sich anmaßt, der beweist, daß er Ihn weder gesehen, als den vom Evangelio vorgemalten Heiland erblickt hat (Ev. 6, 40.) - so hatte Johannes Ihn gesehen - noch in Glaubenserfahrung als den Erlöser von der Sünde Ihn erkannt hat. Vermuthlich haben sich die Irrlehrer damals mit ihrem „Sehen“ und „Erkennen“ gebrüstet. Johannes spricht ihnen beides rund ab. Christus läßt Sich sehen in der Predigt des Evangelii, und wer solcher Predigt glaubt, der hat Ihn erkannt. Der Apostel hat weder hier, noch hernach V. 9, Veranlassung derer zu gedenken, die (wie David und Petrus) die erkannte Wahrheit und Gnade durch Thun der Sünde verleugnen; vielmehr liegt es ihm an, jedes Gesehen - oder Erkannthaben Jesu Christi solchen rein abzusprechen, welche (wie jene Verführer) vorgeben, daß Er - der Sündentilger - mit herrschender Sünde, Christus mit Belial zusammen im Herzen bleiben könne Ganz recht sagt Spener „Die Frage ist hier nicht, ob ein Wiedergeborner abfallen könne, sondern ob er Freiheit habe zu sündigen, daß er doch ein Wiedergeborner bliebe?“ Gläubige, welche unter die Herrschaft der Sünde zurückfallen, wissen es wohl, daß sie Christum aus ihrem Herzen vertrieben haben; als David es wollte verschweigen, indem er durch heuchlerische Opfer und glaublose Werke seine Bundbrüchigkeit vor sich und Andern verhehlte, da verschmachteten seine Gebeine durch sein täglich Heulen (Ps. 32,3; 51,18.). - Für redliche Seelen liegt ein kräftiger Trost in diesem Spruche, der die zwei Dinge: den Heiland kennen und sündigen, von einander scheidet. Die Sünde in unserm Fleische spannt ohne Unterlaß ihre seinen Netze aus, um in ihre alte Gewalt uns zu verstricken, und ehe wir's uns versehen, sind wir darein verfangen (Ps. 19. 13.); aber nur ein Glaubensblick auf Jesum, das Lamm Gottes, und die festesten Sündenknoten zerreißen, der Schlangenbiß wird geheilt (Ev. 3, 14.), und unser Seufzen geht in den Lobpreis auf: „Ich danke Gott durch Jesum Christum unsern HErrn“ (Röm. 7, 25.). „Das beste Bild steht auf Golgatha, Herz und Augen, bleibt doch immer da!“ Ja, dies Eine wünscht sich ein Christ vor allem Andern unverrückt hinzublicken auf den Gekreuzigten (Gal. 3, 1); das, nur das entleidet uns alle Lust der Welt und macht uns die Sünde zum Greuel, und das heißt denn recht im Geiste wandeln, um die Lüste des Fleisches nicht zu vollbringen (Gal. 5, 16.).

V. 7. Kindlein, lasset euch Niemand verführen! Wer die Gerechtigkeit thut, der ist gerecht, gleichwie Er gerecht ist. Gottlob, daß die von Verführern Angefochtenen Kindlein und zwar Johannis Kindlein sind! Sie gehen auf rechter Straße, unter der Zucht des heiligen Geistes im Wort, von Gottes Mutterhänden geleitet: Niemand soll sie verführen vom Wege der Gerechtigkeit. Auf dem Thun liegt der Nachdruck. Die Verführer lösten das unverletzliche Band zwischen Erkennen und Thun auf und setzten an die Stelle der lebendigen Gerechtigkeit, welche die Christen in Christo dem Gerechten haben, die gemalte Gerechtigkeit eines falschen Christus, welcher den alten Menschen thun läßt was er will. Johannes hat den Ausdruck: die Gerechtigkeit (die Wahrheit) thun besonders lieb. Schon im Alten Bunde erscheint es als Merkmal der ächten Kinder Abrahams, die Gerechtigkeit zu thun (l Mos. 18, 19; vergl. Jes. 56, 1; Ps. 106, 3.), und David weiß, daß Gott ist unter dem gerechten Geschlechte (Ps. 14, 5.). Sollte das Volk des Neuen Bundes, auf welchem der Segen Abrahams ruht in Christo Jesu, das Volk, welches Er mit Seiner Herrlichkeit begabt (Ev. 17, 22), mit dem Rocke Seiner Gerechtigkeit und mit dem Schmucke Seiner Heiligkeit bekleidet hat (Jes. 61, 10.) - sollte dies gerechte Volk (Jes. 26, 2) die Gerechtigkeit nicht thun? So spricht der HErr in der neuen Sinai-Predigt: „Wer eins von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich,“ die Verachtung der Gebote Gottes wird auf ihn zurückfallen, „wer es aber thut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich“ (Matth. 5, l 9.), Gleichwie nun Christus, der Erfüller der Gebote Gottes, gerecht ist, also auch die Christen, welche die Gerechtigkeit thun. Nicht werden wir gerecht durch unser gerechtes Thun, sondern gerecht geworden durch den Glauben thun wir mit Herzenslust und williger Liebe die Gerechtigkeit, die in Christo unser Theil ist. Erst glaubt Abraham und sein Glaube wird ihm gerechnet zur Gerechtigkeit, dann opfert er seinen Sohn Isaak auf dem Altar und erzeigt in solchem Thun die Gerechtigkeit, die sein Glaube in Christo hat (Jak. 2.). Erst gerechte Leute, dann gerechte Werke, das ist die Ordnung (ganz wie in dem Hauptspruche Cap, 2, 29.). „Das Thun der Gerechtigkeit geht der Rechtfertigung nicht voraus, aber es folgt ihr nach,“ sagt Augustin. Johannes ist kein Lobredner der pharisäischen Gerechtigkeit, welche Paulus für Dreck achtete (Phil. 3, 8. 9.), noch einer römischen Heiligkeit, welche auf Kosten des Verdienstes Christi sich rühmt; das aber bezeugt er, und Niemand verführe uns von dieser apostolischen Regel, daß wer an der Gerechtigkeit Christi Theil hat, die Gerechtigkeit auch thut. Glaubensgerechtigkeit und Lebensgerechtigkeit gehören ebenso unauflöslich zusammen, wie die beiden Kräfte der „Liebe Gottes in uns“ (Cap. 2, 5.). Auf das Bild Jesu Christi, der gerecht ist für uns, schauen wir unverwandt hin, denn Seine vollkommene Gerechtigkeit ist unser ewiger Trost; und Ihm nachzuarten. Sein heiliges Bild abzuspiegeln in unserm Leben - „bis auf die kleinsten Lineamente“, wie Steinhofer's Liebe zu Jesu sich ausdrückt - bis erscheinen wird, was wir seyn werden: das ist unsrer Liebe Gesuch, Davon wußten die Sündenliebhaber Nichts, vor welchen Johannes seine Kindlein warnt. Sie rissen mit hohen Worten die Lehre des heiligen Paulus von der „Freiheit vom Gesetz an sich; aber sie waren nicht von denen, welche von Herzen gehorsam geworden sind dem Bilde der apostolischen Lehre, denn zu Schanden wurden sie vor dem Worte: „Freigeworden von der Sünde, seyd ihr Knechte geworden der Gerechtigkeit“ (Röm. 6, 17. 18.). Damit vor der Verführung in den tödtlichen Irrthum dieser trügerischen Freiheitsprediger alle Kinder Gottes desto ernstlicher zurückbeben möchten, fügt der Apostel zu V. 4: „Wer die Sünde thut, der thut auch das Unrecht“ noch etwas hinzu, was mitten ins Herz der Sünde trifft und den tiefen Abgrund ihres gottfeindlichen Wesens aufdeckt:

V. 8. Wer die Sünde thut, der ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang. Und wie auf V. 4. folgt: „Und ihr wisset, daß Er ist erschienen, auf daß Er unsre Sünde wegnähme“ (V. 5.), so hier: Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, daß Er die Werke des Teufels zerstöre. Die (eingehend von uns betrachtete) Grundstelle ist Ev. 8, 44: „Ihr seyd von dem Vater, dem Teufel, und das Gelüste eures Vaters wollet ihr thun. Derselbige ist ein Mörder von Anfang, und ist nicht bestanden in der Wahrheit, denn Wahrheit ist nicht in ihm; wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eigenen, denn er ist ein Lügner und der Vater derselbigen.“ Die Sünde ist des Teufels Eigenheit; aus seinem Eignen hat er im Anfang die Sünde hervorgebracht, und seit dem Nu seines Falls aus der Wahrheit, seitdem er Teufel ist, sündigt er fort und fort, denn seine Sünde ist stetige Sünde gegen den heiligen Geist und es ist Nichts in ihm, was erlöst werden könnte. Und wie er der Anfänger der Sünde im Engelreiche ist (Jud, 6), so ist er auch der Anfänger derselben unter den Menschen auf Erden. Sobald das paradiesische Gebot gesprochen war, dessen Halten dem Menschen das köstliche Ding, Gott Dank zu opfern, gewährt haben würde, da erhub die Schlange ihren lügnerischen Widerspruch und verführte unsre Eltern von der Gerechtigkeit, die dem Teufel verhaßt ist, zur Sünde, die als das Unrecht seine höllische Lust ist3). Die heilige Schrift lehrt uns den Teufel als den Fürsten der verderbten Welt erkennen: die Sünde ist sein selbstischer, gottfeindlicher Wille, und wer die Sünde thut, der ist „gefangen zu seinem Willen“ (2 Tim. 2,26; vergl. Spr. 5, 22.), unter das teuflische Gesetz: „Du sollst sündigen“ gebannt (Röm. 7, 21.). Wie ein Spinngewebe in tausend seinen Fäden zusammenhängt. und mitten drin sitzt die Spinne, lauernd auf ihren Fang: so ist die Welt in des Argen Lügen- und Mordgewebe eingesponnen, und jeder einzelne Sündenfaden hängt geistkräftig mit dem Anfangs- und Mittelpunkte des ganzen Sündengespinnstes, mit dem Willen des Teufels, zusammen. Von dem Teufel - nicht geschaffen oder geboren, sondern hineinverderbt in das teuflische Wesen, dessen Anfänger und Fortsetzer er ist - sind Alle, welche die Sünde mit Willen thun („der Sünde sich befleißigen,“ L.), und was Sündenknechtschaft heißt, versteht man dann erst gründlich, wenn man im Lichte der Schrift den Sündenherrscher erkannt hat (Ephes. 2, 1 ff.; 2 Cor. 4, 4.). Bei den heiligen Aposteln war die höchste Energie der Liebe zu Dem, der die Werke des Teufels zu zerstören erschienen ist, gepaart mit beständiger, ritterlicher Kampfbereitschaft gegen den persönlichen Feind Christi und der Christen. Als das helle Licht des Evangelii von Christi Blut und Gerechtigkeit Martin Luthers Seele erleuchtete, so hell wie seit der Apostel Zeit kaum einen, da stand auch gegen den starken Gewappneten ein Diener des Stärkeren auf dem Plane, wie der alte böse Feind, seit Johannes seinen Mund geschlossen, kaum einen wider sich gerüstet gesehen hatte. Gewiß ist es nicht zufällig, daß man in Luther's Schriften selten eine Spalte antrifft, wo er nicht gegen den Teufel das Schwert führt. Wer wie Luther von der gegenwärtigen Person des Sohnes und Lammes Gottes in Wort und Sacrament als von Lebenslust umwebt wird, der durchdringt sich auch wie er mit der Wahrheit, daß wir „nicht allein mit Fleisch und Blut zu kämpfen haben, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsterniß dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel (Ephes. 6, 12.). In einer Zeit, wo die Züge des heiligen Angesichts Gottes vor den Augen der Menschen erbleicht sind, da merken sie auch die Geschäfte des Widersachers Gottes nicht und begegnen den persönlichen Kräften der Finsterniß nicht mit dem Kraftworte: „Hebe dich weg von mir, Satan!“ sondern mit spöttischer Leugnung seines Vorhandenseyns, die bequemer, aber ihm auch minder empfindlich ist, als die Verleugnung seiner Herrschaft4). Wo der Teufels feindliches Gesicht hinter der Sünde nicht erkannt wird, da kriegt sie ein unschuldiges Ansehen, ihr rebellisches Wesen wird verschleiert. Gleichwie das Gute (die Gerechtigkeit) nur die wahrhaftig lieb haben, welche den Guten (den Gerechten) kennen, so hassen auch das Arge nur die mit gehörigem Ernste, welche den Argen in aller Argheit wirksam wissen und die Sünde als das Werk des Sündenanfängers verabscheuen. Das apostolische Wort: „Wer die Sünde thut, der ist vom Teufel,“ will aber auch dies uns lehren, daß der Teufel nicht ein solches Monstrum ist, wie die Welt ihn dichtet, um entweder ihn dreist wegleugnen, oder doch mit Leichtigkeit versichern zu können: wir haben nichts mit ihm zu schaffen. Wer die Sünde lieb hat und thut, sieht dem Teufel sehr ähnlich und braucht sich nur im Spiegel zu beschauen, um ein getroffenes Bild von ihm zu haben, „Niemand - sagt der alte Hunnius - wünscht den Teufel zum Anstifter seines Thuns zu haben. Aber wer die Sünde thut, der ist vom Teufel und sündigt aus des Teufels Antrieb.

Um so viel mehr sollten wir uns vor der Sünde hüten, je greuelhafter ihr Urheber ist, der Erzfeind Gottes,“ - Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, daß Er die Werke des Teufels zerstöre. Wie das „Sündigen von Anfang“ auf die Geschichte des Sündenfalls hinweist, so deuten diese Worte auf das anfängliche Evangelium vom Schlangentreter (l Mos. 3, 15.) hin. Aber mit großem Gewicht sagt Johannes: der Sohn Gottes, Der mußte vom Himmel kommen und als Weibessame erscheinen, auf daß jene Verheißung erfüllt werde. Die bösen Geister erschraken und fuhren aus, als sie den Sohn Gottes im Fleische gekommen sahen; darum wird in der evangelischen Geschichte der Heilung von Besessenen so viel gedacht, weil hierin der Zerstörer der Werke des Teufels mächtig Sich spüren läßt. Und als der Heiland beim Eingange in Seine Passion die Todesbetrübniß zuvorschmeckte und in willigem Gehorsam als Opferlamm Sich darstellte, sprach Er: „Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen werden“ (Ev. 12,31.), und hernach, als die Aengste Gethsemane's Ihm ganz nahe traten: „Es kommt der Fürst dieser Welt, und hat nichts an Mir“ (Ev. 14, 30.). Diese Sprüche legt jetzt Johannes den Lesern seines Evangeliums aus. So hat denn der Sohn Gottes die Gewalt des Teufels zerstört, da Er, in dem keine Sünde ist, unsre Sünde auf Sich nahm, um sie zu sühnen durch Sein Blut, und da Er in unserm als Seiner Brüder (Ev. 20, 17.) Fleische herrlich auferstanden und aufgefahren ist gen Himmel (V. 5.). „Großer Siegesheld! Tod, Sünd, Höll und Welt, alle Kraft des großen Drachen, hast Du wolln zu Schanden machen durch das Lösegeld Deines Bluts, o Held!“ Dem starken Gewappneten ist nun der Harnisch genommen, worauf er sich verließ (Luc. 11, 22.), und der Verkläger der sündigen Menschen hat den Prozeß verloren vor Gott5). „Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut!“ jauchzen darob die Seligen im Himmel (Offenb. 12,11), denn der Sieg ist ihren auf Erden noch streitenden Brüdern gewiß, weil das Blut des siegreichen Lammes auf ihrer Seite steht. Als Zerstörer der Werke des Teufels erweist sich der Sohn Gottes, Jesus Christus, fort und fort in Seinem Reiche, indem Er kommt durch Wasser und Blut, in Taufe und Abendmahl, und in Seinem geisterfüllten Worte (Cap. 5, 6 ff); dieser dreifältige Gottesfinger, wodurch Er die Teufel austreibt, daß das Reich Gottes zu uns komme (Luc. 11, 20), ist allzeit geschäftig, und von dem Augenblicke aller Gnaden an, da Er am Kreuze rief: „Es ist vollbracht!“ bis hin zu dem Halleluja der großen Schaar, stark wie Donnerstimme: „Der HErr unser Gott, der Allmächtige, hat das Reich eingenommen!“ (Offenb. 19,6) währt Eine Ueberwindungsstunde Seiner Gläubigen. „Ehre sei unserm Erlöser! Preis sey Seinem Werke, welches Er so wunderbarlich in eigner Person aufgerichtet hat! Jesus ist nun der HErr, Er hat die Schlüssel der Hölle und des Todes, und Satan kann Ihm Seinen Sieg und Seine Obermacht nicht streitig machen, denn er ist von seinem Ueberwinder zur Schau getragen und im Triumph geführet (Col. 2, 15.). Jesus kann nun erretten Alle, die zu Ihm treten und sich Seiner Macht und Gnade übergeben; Er löst nun auf6), was unter der Sünde gebunden war, und zerstört die Befestigungen des Satans, wodurch dieser die armen Seelen im Unglauben halten will; Er tilgt die Kräfte der Finsterniß aus durch das Licht des Lebens, so Er in der Seele aufgehen läßt; Er löscht das Gift der Feindschaft wider Gott im Herzen aus durch Sein Blut. Und so weiß nun der gerettete Sünder, wem er angehört, und Satan hat an ihm all sein Recht und seine Herrschaft verloren. Was von dem alten Sünden- und Satanswerk sich noch äußert und hervorthut, das wird in Jesu Kraft zerstört und abgethan und in Jesu Tode zernichtet (Col. 3, 5.). So steht der Mensch, als ein Erkaufter von der Erde, unter Jesu Siegessahne und macht zur Ehre seines Erlösers und in Desselben Kraft auch an sich den Satan und alle sein Werk zu Schanden.“ Steinhose r. „Der Gott des Friedens zertrete den Satan unter eure Füße in kurzem,“ diesen Gruß Pauli (Röm. 16, 20.) dürfen die Christen untereinander in freudiger Zuversicht nachsprechen, weil sie wissen, was sie sind in Christo Jesu: stark in Seiner Stärke, und was sie seyn werden: gekrönt mit der Krone Seines Sieges (Offenb. 3, 21.). - Lasset euch denn Niemand verführen! Wer die Sünde thut, der arbeitet in der Werkstatt des Teufels, und wie sollte Theil an Christo haben, wer die Werke ausrichtet und vertheidigt, welche zu zerstören Christus erschienen ist? Wie sollte der Zerstörer aller Teufelswerke mit ihrem Urheber und Meister zugleich das Menschenherz besitzen? Nein! Wer mit Sündethun dem Teufel zu Dienst und Willen lebt, der hat den Zerstörer seiner Werke nicht gesehen noch erkannt.

V. 9. Ein Jeglicher, der aus Gott geboren ist, thut nicht Sünde, denn Sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, denn aus Gott ist er geboren. Um ein klares Verständniß dieses Verses zu gewinnen, müssen wir den ganzen Gedankenzug des Apostels in diesem Abschnitte fest im Auge behalten. Er warnt seine Kindlein vor Verführern, welche Christum zu kennen vorgaben und der Kindesgemeinschaft mit Gott sich anmaßten, dabei aber ein Privilegium zu sündigen und die Gebote Gottes zu übertreten als Evangelium anpriesen, an Stelle der edlen Christen-Freiheit, nicht zu sündigen und die Gebote Gottes zu halten. Von V. 5. bis 8. zeigt er dagegen, daß die Sündendiener wider Christum seyen und den ganzen Zweck Seiner heilsamen Erscheinung an ihrem Theile zunichte machten; hier in V. 9., daß dieselben von der Kindschaft Gottes sich ausschlössen. (Merke, wie immer wieder das Thema Cap. 1, 3. durchklingt: „Unsre Gemeinschaft ist mit dem Vater, und mit Seinem Sohne Jesu Christo.“) Aus Gott geboren seyn und Sünde thun, das ist ein Widerspruch, den kein Christenherz reimt, und die Salbung von dem Heiligen lehrt uns diejenigen Lügen strafen, welche sagen, sie seyen aus Gott geboren, und sind doch ungeschieden von der Sünde. „Aus Gott geboren seyn und Sünde säen sind widereinander streitende Dinge; denn wenn das Fleisch sündigen will, so spricht die Geburt aus Gott: Nicht also, nicht also!“ L. Vom Teufel, nicht von Gott, stammt der Wille, dessen That die Sünde ist. Aus dem in Gottes Kinder gelegten neuen, göttlichen Lebensgrunde wachsen Triebe eines lauteren Wohlgefallens an dem guten und vollkommenen Gotteswillen hervor, und was dem Vater zuwider ist - und die Sünde ist ja das Unrecht - das ist auch dem Kinde zuwider. Als Gottes Kinder sind die Christen ohne Tadel und lauter, unsträflich unter einem unschlachtigen und verkehrten Geschlecht, unter welchem sie scheinen als Lichter in der Welt, weil sie halten ob dem Wort des Lebens (Phil. 2. 15. 16; vergl. mit Col. 1, 22. 23.). Denselben Heiligungsgrund der Kinder Gottes nennt hier Johannes, da er schreibt: Denn Sein Same bleibt in ihm. Die Gotteskraft, woraus die Kinder Gottes geboren werden, verläßt sie nicht, sondern bleibt in ihnen als stetiger Nahrungsquell des neuen Lebens, als ohne Unterlaß wirksamer Bildungstrieb der neuen Creatur, wie die Kraft des Samens in der Saat bleibt, die daraus erwachsen ist. Was der Apostel hier Same nennt, davon hieß es Cap. 2, 14: „Das Wort Gottes bleibt bei euch,“ daher rührt die Starke der Jünglinge zum Ueberwinden des Bösewichts. Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren: in ihnen werden die Werke des Teufels zerstört, und vor der bösen Geister-Sieben bleibt die Thür ihrer Herzen mit Kreuzstäben vergittert (Luc. 11. 28.). Mit dem Worte als dem Samen der Wiedergeburt waren die Leser unsers Briefes aus 1 Petr. 1, 23. u. Jak. 1, 18., auf welche Sprüche Johannes nach seiner Weise anspielt, wohl vertraut (vergl. auch 1 Cor. 4, 15. und Ps. 119, 11.). Die aus dem bleibenden Samen des göttlichen Worts entsprießende Christenmacht zum Nichtsündigen preist das Lied von Rambach: „Ein neugebornes Gotteskind“ mit den Worten: „Ein neugebornes Gotteskind kämpft gegen alle Sünden, es kann den Feind, wo es ihn findt, durch Christum überwinden; und greift er es auch heftig an, ihm wird stets Widerstand gethan, der starke Glaube sieget. Ein neugebornes Gotteskind ist voll von dem Verlangen, die Milch die aus dem Worte rinnt zur Nahrung zu empfangen; durch dieses süße Lebenswort geht es im Guten freudig fort und wird am Geist gestärket.“ Ja, das Wort ist der Same der göttlichen Zeugung und zugleich die Milch des göttlichen Wachsthums der Christen (1 Petr. 2, 2.) - „innerlich sind sie aus göttlichem Stamme, die Gott durch Sein mächtig Wort selber gezeugt, ein Funke und Flämmlein aus göttlicher Flamme, die oben Jerusalem freundlich gesäugt.“ Das geisterfüllte Wort wirkt seine himmlische Kraft in die Kinder Gottes hinein und ziert den verborgenen Menschen des Herzens mit unvergänglichem Schmucke (1 Petr. 3, 4.). Wie aber aus Samen gleicher Same erwächst, so sind die Christen selber Gottes Same, der in Gott bleibt7) sind Geist aus Geist geboren (Ev. 3,6), und wenn erscheinen wird, was sie seyn werden, dann werden die leuchten in ganz herrlicher Gleiche mit dem ewigen Worte, welches Fleisch ward, und dem es verheißen ist: „Er soll Samen haben“ (Jes. 53, 10; Ps. 22, 31; 110, 3). Johannes steigert nun seine Rede und jetzt der Lüge der Verführer die helle Wahrheit entgegen. Wer aus Gott geboren ist, der thut nicht Sünde, denn Desselbigen Same bleibt in ihm - in den Antichristen wirkt statt des göttlichen Samens der Schlangensame - und er kann nicht sündigen, denn von Gott ist er geboren. Von oben herab von dem Vater des Lichts, kommt nur gute Gabe (Jak. 1, 17); Gott ist Licht und gar keine Finsternis ist in Ihm (Cap. 1, 5): darum kann nicht sündigen, wer aus Gott geboren ist, nämlich nicht sündigen wie die, welche aus einem andern Vater, dem Teufel, sind und ihres Vaters Lust thun wollen. Die Kinder des Teufels können nichts als sündigen, die Kinder Gottes können nicht sündigen. Der Same der göttlichen Geburt verträgt sich nicht mit den Werken des Teufels. „So lange die Geburt besteht und der Same Gottes in einem wiedergebornen Menschen bleibt, kann er nicht sündigen. Er kann zwar die Geburt verlieren und sündigen8) ; aber so lange der Same Gottes in uns ist, leidet er die Sünde nicht neben sich. Dieser Same sitzt im Herzen und erhält Christum im Herzen, daß du nicht in die Sünde willigest. Wenn du ein fremdes Weib oder Geld ansiehst (desselben zu begehren), so spricht er: Bruder, Bruder, laß dergleichen Begierden fahren, du bist von Gott geboren. Die Sünde reizt zwar, sie murrt und möchte gerne herrschen, aber ihr Wille soll dir unterworfen seyn. Wo nun in einem Menschen die Werke des Teufels sind, da kann Christus nicht seyn; gleichwie der Teufel nicht müßig ist, also ist auch Christus nicht müßig, schläft auch nicht, sondern ist stärker als der Starke.“ L. Die Verführer lehrten gerade das Gegentheil: ihr Christus litt die Sünde neben sich, und während sie „mit erhobener Hand“, frank und frei und frevlig, die Gebote des HErrn hinter sich warfen, (4 Mos. 15, 30. 31.), rühmten sie sich der Gemeinschaft mit Gott. Wider diese Unverschämtheit des Teufels zeugt Johannes. Er selbst wußte (gleich dem heiligen Paulus) aus seliger Erfahrung, was es heiße: von der Sünde frei und der Gerechtigkeit geknechtet seyn (Röm. 6, 18), und im lebendigen Bewußtsein dieses christlichen Unvermögens zu sündigen durfte er im Namen aller seiner aus Gott gebornen Mitbrüder bekennen: „Wir können unmöglich thun, was jene thun; der Same Gottes in uns leidet es nicht.“ - Nicht uns, HErr, nicht uns, sondern Deinem Namen gib Ehre, um Deine Gnade und Wahrheit (Ps. 115, 1). „Du weißt es, ich rühme es nicht, jeder Selbstruhm ist vom Argen; obgleich ja das kein eignes Rühmen seyn kann, sondern vielmehr tiefe Dankbarkeit, was nicht der menschlichen Tugend beigeschrieben, sondern als eine Gabe Gottes erhoben wird. Denn es ist ja die Kraft des Glaubens, daß wir jetzt anfangen, nicht zu sündigen, so wie unser vormaliger Zustand unter der Sünde ein Werk der menschlichen Thorheit war. Laut bekenne ich, es ist Gottes, ja Gottes allein Alles, was wir vermögen: dadurch leben wir und empfangen Stärke, so daß wir selbst hienieden in der Staubhütte die Anzeichen des Zukünftigen vorwegnehmen.“ Cyprian (in einem köstlichen Briefe an seinen Taufbruder Donatus, den Rudelbach „eine Himmelsblume“ nennt, „von den Bergen Judäas in die Gefilde Afrikas verpflanzt“). - Schließlich faßt der Apostel die Summe der ganzen Rede in die Worte:

V. 10. Daran sind offenbar die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels. „Da legt er das Messer nieder.“ L. Ein Jeglicher, der nicht Gerechtigkeit thut, ist nicht von Gott, und wer seinen Bruder nicht lieb hat. Siehe, alle Menschen sind befaßt in diesem gewaltigen, durchschneidenden Gegensatze: entweder Kinder Gottes, oder Kinder des Teufels; eine Mittelgattung kennt die Schrift nicht. Was die Kinder Gottes seyn werden, ist noch nicht offenbar; auch nicht was die Kinder des Teufels seyn werden die da hinweg vom Angesicht Christi gehen werden in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln, Matth. 25, 41.). Aber was jene und diese sind, das ist jedem Christenauge ersichtlich, nämlich daran, wie sie beiderseits zur Sünde sich verhalten. An ihren Früchten werden sie erkannt (Matth. 7, 16.), und der Unterschied zwischen beiden, den der Tag, welcher brennen soll wie ein Ofen, ans Licht des Gerichts bringen wird (Mal. 3, 18.), ist schon jetzt offenbar für Alle, welche im Lichte des Evangelii wandeln. Kinder des Teufels, ein furchtbares Wort! Aber der Liebesjünger spricht es dem Liebesmeister nach (außer Ev. 8, 44. auch Matth. 13, 38.). Das Licht der errettenden Gnade scheint allen Menschen, die von Natur im Argen liegen und Kinder des Zorns sind (Ephes. 2, 3.); die aber die Finsterniß lieber haben als das Licht und die Sünde lieber als Christi Blut und Gerechtigkeit, die werden ausgeborne Kinder des Teufels, und ihr Gelüste ist zugleich ihr Gericht: sie weigern sich der Verherrlichung Gottes in ihnen durch das Feuer Seiner Liebe, so müssen sie leiden, daß Er an ihnen Sich verherrliche durch das Feuer Seines Zorns. - Indem Johannes mit den Worten: Ein Jeglicher, der nicht Gerechtigkeit thut, ist nicht von Gott, zu Cap. 2, 29. zurückkehrt, knüpft er gleich das Thema an, wovon er nun handeln will: und wer seinen Bruder nicht lieb hat, denn die Bruderliebe ist der Inbegriff alles Rechtthuns der Kinder Gottes, die Krone ihres Lichtwandels, die summarische Erfüllung aller Gebote Gottes. Das lesen wir, will's Gott, in der nächsten Stunde. Jetzt laßt uns beten:

HErr unser Gott, lieber Vater, wir danken Dir, daß Du Deine Liebe gegen uns also preisest in Deinem theuern Worte. Stärke unsern Glauben, daß wir mit rechter Zuversicht Deinen Vaternamen anrufen, weil Du willst, daß wir sollen Deine Kinder heißen. Du willst es und hast es beschworen; so geben wir Dir im Glauben die Ehre und bekennen: „Wir sind nun Gottes Kinder!“ Tröste uns, lieber Vater, mit dem Bunde, darinnen wir stehen durch Deine Gnade, und gib uns erleuchtete Augen zum täglichen Anschauen der Brunnengruft, daraus wir gegraben sind, daß wir uns angethan erblicken mit unserm Taufkleide als dem Kleide des Heils, darin wir vor Dir in Ewigkeit prangen. Die Welt kennt uns nicht, gerechter Vater, denn sie kennt Dich nicht: so laß uns Dein Ja gewisser seyn als der Welt Nein, und ob wir selber unsre Würde nicht kennen, wenn wir mit Augen der Vernunft uns ansehen, so lehre uns bedenken, daß Deine Gaben und Gnaden über alle Vernunft sind, und gönne unserer Hoffnung einen Blick um den andern in die Herrlichkeit, welche Du in Christo uns bereitet hast, daß sie offenbar werde zur letzten Zeit, wenn Er Sich offenbaren wird. Uebe unterdessen die Augen unsers Gemüths im Suchen Deines Antlitzes, damit sie tüchtig werden Dich zu schauen, wie Du bist, und uns selber, wie wir sind in Dir, Genossen Deiner vollkommenen Seligkeit, o ewiger, dreieiniger Gott! Es ist noch nicht erschienen, was wir seyn werden, das spüren wir mit Schmerzen und sehnen uns danach, daß es bald erscheinen möchte. Sey gepriesen, daß wir wissen, unser Ostertag ist schon im Lauf! Nun bewahre uns, daß Niemand unser seliges Ziel uns verrücke. HErr Jesu, Du Sohn Gottes, Du hast es für uns erbeten und bittest noch, daß wir bewahrt werden vor dem Argen: so werfen wir uns in Deine Arme, Du bist unsre Zuflucht. Dein süßes Wort male uns vor Augen Dein heiliges Marterbild, wie Du unsre Schuld am Stamme des Kreuzes gebüßt hast, auf daß Du uns erlösetest von aller Ungerechtigkeit. Deinen Namen und Dein Kreuz mache funkeln in unsern Herzen all Zeit und Stunde, daß wir die Sünde tödten in unsern Gliedern in der Kraft Deines Todes, und im Geiste Dir leben in der Kraft Deiner Auferstehung, In Dir ist keine Sünde, Du reines Gotteslamm; darum entsagen wir aller Sünde und wollen Dir nachwandeln, wo Du hingehst. Gib uns ein zartes Gewissen, das Nichts, Nichts leiden könne, was Dir unleidlich ist, und behüte uns durch den Geist der Wahrheit vor allem Betruge der Sünde, daß kein Gelüste in Irrthum uns verderbe. Leite und erhalte Deine Gemeinde im herzlichen Gehorsam des Bildes apostolischer Lehre, dem sie durch Deine Gnade ergeben ist; laß recht getheilt werden das Wort der Wahrheit, Gesetz und Evangelium. Steure und wehre dem Wüthen des Teufels gegen die Botschaft von der Zerstörung seiner Werke durch Dein Blut, und gib allen Deinen Gläubigen die rechte Einfältigkeit, daß Niemand Deine Gnade auf Muthwillen ziehe. Deine freien Knechte begehren wir zu seyn. HErr Jesu, binde uns fest und unauflöslich an das sanfte Joch Deiner heiligen Gebote. Wenn in der Stunde der Anfechtung alle unsre Kraft hinschwindet und die Hölle ihren Rachen wider uns aussperrt, dann laß den Samen unsers Lebens, das unvergängliche Wort, in uns bleiben; dieses Wort, worin wir Dich haben sammt dem Vater und dem heiligen Geiste, das mache uns mächtig auch den letzten Feind zu überwinden und gegen Sünde, Tod und Hölle den Sieg zu behalten, den Du errungen hast. Die Freude an Dir, o HErr, sey unsre Stärke! Hilf uns Glauben halten bis ans Ende, den Glauben an die Liebe Deines Vaters, durch die wir nun Kinder sind, bis erscheinen wird, was wir seyn werden, und wir als Deine Miterben uns freuen werden mit ganz herrlicher und unaussprechlicher Freude, wenn wir aus dem Munde der Engel, die es gelüstet, erlöster Sünder Seligkeit zu schauen, den Rus der Verwunderung hören werden: „Sehet, welch eine Liebe hat ihnen der Vater erzeiget, daß sie Gottes Kinder sollen heißen! Amen.

O Jesu, verborgenes Leben der Seelen.
Noch heimliche Zierde der inneren Welt,
Gib daß wir die heimlichen Wege erwählen.
Wenn gleich uns die Larve des Kreuzes verstellt.
Hier übel genennet und wenig erkennet.
Hier heimlich mit Christo im Vater gelebet:
Dort öffentlich mit Ihm im Himmel geschwebet.

1)
„Die uns verachten und schmähen, wissen nicht, wer wir sind, Bürger des Himmels, Angehörige eines ewigen Vaterlandes, Genossen der Cherubim; aber sie werden es erfahren am Tage des Gerichts, wenn sie staunend und seufzend rufen werden: Das sind die, die wir verspottet und gehöhnt haben! Wie sind sie nun gezählt unter die Kinder Gottes, und ihr Erbe ist unter den Heiligen (Weish. 5,1 ff.)!“ Chrysostomus.
2)
„Die Vergebung der Sünden kostete doch Geld im sechszehnten Jahrhundert; im neunzehnten hat man sie ganz umsonst, denn man bedient sich selbst damit,“ ohne Geld, durch billige Einbildungen. Die 21ste der Thesen von Claus Harms.
3)
Luther nennt den Teufel Antithesis Decalogi, den persönlichen Widerspruch gegen das Gesetz Gottes. Er sündigt von Anfang wider das erste Gebot, dem Worte des HErrn: Ich bin der HErr dein Gott, widersprechend mit dem Worte; Ich bin mein Herr und mein Gott. „Die Teufel können das Gebet des HErrn nicht beten, weil sie ihren Namen, ihr Reich, ihren Willen nicht verleugnen wollen.“ Sartorius.
4)
Wie die Leugnung des persönlichen Feindes Gottes und der Menschen gepaart ist mit der Leugnung des persönlichen Heilandes, das hat der Irrlehrer Strauß wohl gemerkt. „Ist Christus gekommen,“ sagt er, „um die Werke des Teufels zu zerstören, so brauchte er nicht zu kommen, wenn es keinen Teufel gab; gibt es einen Teufel, aber nur als Personification des bösen Princips, gut, so genügt auch ein Christus als unpersönliche Idee.“
5)
Daß durch Sühnung der Sünde dem Verkläger der Mund gestopft wird, dies wurde im A. T. am großen Versöhnungstage dadurch abgebildet, daß der eine der beiden Opferböcke, mit den durch das Blut des andern gesühnten, also im Wege der Gerechtigkeit vergebenen Sünden des Volks beladen, zum Asasel (dem von Gott Abgekehrten, d. i. dem Teufel) in die Wüste geschickt wurde (3. Mose 16; vergl. mit Sach. 3, 1 - 3,9.).
6)
Das Wort, welches Luther mit zerstören übersetzt hat, heißt zunächst auflösen. Es kommt auch Ev. 2,19. im Sinne von zerbrechen, zertrümmern vor; immerhin aber ist es ein nachdenklicher Ausdruck, daß der Sohn Gottes die Werke des Teufels auflöse: tausendfach verschlungene Sündenknoten sind es, die Er mit starker Hand und langmüthiger Geduld auflöst, um die Gebundenen zu erlösen. „Die hart Gebundnen macht Er frei. Seine Gnad ist mancherlei“.
7)
Bengel (und mit ihm Steinhofer und Sander) will am liebsten gleich so übersetzen: „Gottes Same, d.i. der, welcher aus Gott geboren ist, bleibt in Gott“, vergl. Mal. 2,15. Parallel wäre dann Cap. 4,16: „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm.“ Das käme allerdings mit dem Sinne Johannis überein; jedoch besonders um der deutlichen, Zurückbeziehung auf Cap. 2, 14. willen beharren wir bei der schon von Augustin vorgetragenen Auslegung, welcher auch Luther beifällt. Diese Auslegung schließt keineswegs aus, vielmehr ein, daß der Same den Geist bedeute, woraus Christen geboren sind; denn eben der Geist, der mit und in dem Worte ist, bleibt in den Gläubigen.
8)
„Es ist vonnöthen zu wissen und zu lehren, daß wo die heiligen Leute über das, so sie die Erbsünde noch haben und fühlen, dawider auch täglich büßen und streiten, etwa in öffentliche Sünde fallen, als David in Ehebruch, Mord und Gotteslästerung, daß alsdann der Glaube und Geist ist weg gewest. Denn der h. Geist lasset die Sünde nicht walten und überhand gewinnen, daß sie vollbracht werde, sondern steuert und wehrt, daß sie nicht muß thun was sie will. Thut sie aber was sie will, so ist der heilige Geist und Glaube nicht dabei, denn es heißt, wie St. Johannes sagt: Wer aus Gott geboren ist, der sündigt nicht und kann nicht sündigen; und ist doch auch die Wahrheit (wie derselbige St. Johannes schreibt): So wir sagen, daß wir nicht Sünde haben, so lügen wir und Gottes Wahrheit ist nicht in uns.“ Schmalk. Art. III. 3.
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