Arndt, Friedrich - Der Sündenfall - Achte Predigt. Das Verhör.

Arndt, Friedrich - Der Sündenfall - Achte Predigt. Das Verhör.

Jesu, gib gesunde Augen,
Die was taugen;
Rühre unsere Augen an.
Denn das ist die größte Plage,
Wenn am Tage
Man das Licht nicht sehen kann.

Amen.

Text: 1 Mose 3,9.10.
Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte deine Stimme im Garten, und fürchtete mich, denn ich bin nackt; darum versteckte ich mich.

Der Weg zum Verderben ist leicht und man findet ihn blindlings: diese Wahrheit lehrt uns schon die Geschichte des Sündenfalls. Und ist der verderbliche Weg einmal betreten, dann heckt, deckt und weckt bald eine Sünde die andere, dann folgt eine Folge und Strafe der andern Schritt auf Schritt. Zwei Folgen der ersten Sünde haben wir schon kennen gelernt: die eine war das erwachende Schamgefühl und das Flechten der Feigenblätter, die andere war die Furcht des bösen Gewissens und das sich Verstecken vor dem Angesicht Gottes des Herrn. Aus einer Tiefe sinkt der Mensch in die andere, sowie er einmal das Gleichgewicht verloren hat. Unser heutiger Text nennt uns eine dritte Folge, nämlich das Verhör, welches Gott mit Adam anstellt und abhält, und zwar 1) Gottes Frage, 2) Adams Antwort.

I. Gottes Frage.

Adam hatte sich mit seinem Weib versteckt unter die Bäume im Garten; er wäre gern aus der Welt gelaufen, wenn er nur einen Ort gewusst hätte, wo er sich vor dem allgegenwärtigen Richter hätte verbergen können. Aber vergebens! Der Missetäter kann nie Gott und seinem Gewissen entfliehen. Adam hatte sich in seiner Verblendung eingebildet, Gott sei nicht allwissend und allgegenwärtig und werde ihn deshalb dort nicht sehen und finden: jetzt beweist ihm Gott, dass Er Alles wisse, allenthalben und immer in der Nähe sei und sich Ihm kein Mensch entziehen könne. Er rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Nicht um seinetwillen, als ob Er es nicht gewusst hätte und erst durch Adams Antwort hätte erfahren müssen, sondern um des Menschen willen, als eine Aufforderung an Adam, hervorzukommen und vor seinem Richter zu erscheinen. Das beginnende Verhör ist ein Zeugnis 1) der göttlichen Allwissenheit und Allgegenwart, 2) der göttlichen Heiligkeit und Gerechtigkeit, 3) der göttlichen Barmherzigkeit und Liebe.

Gott spricht zu Adam: Wo bist du? als wollte Er zu ihm sagen: Dein Fliehen und Verstecken hilft dir nichts, komm nur hervor, ich sehe und weiß Alles; denn ich bin ein Licht und ist keine Finsternis bei mir; nur wer Arges tut, hasst das Licht und kommt nicht an das Licht, dass seine Werke nicht gestraft werden. Bin ich nicht ein Gott, der nah ist? und nicht ein Gott, der fern sei? Meinst du, dass sich Jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? Bin ich es nicht, der Himmel und Erde füllt? (Jer. 23,23.24.) Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen? Der das Ohr gemacht hat, sollte der nicht hören? Gottes Augen schauen auf eines Jeglichen Wege, Er schaut alle ihre Gänge. Sie sind heller als die Sonne und sehen Alles, was die Menschen tun, und schauen auf die heimlichen Winkel (Hiob 34,21. Sir. 23,28.). Was kein Mensch sieht, das sieht Er, und wo kein Mensch ist, da ist Er. Seine Augen dringen durch Wände und Türen bis in die innersten Herzen hinein. Wir pflegen wohl zu sagen: Gedanken sind zollfrei! Mag sein vor Menschen, aber nicht vor Gott. Wie kein Stäubchen vor der Sonne, so ist auch kein Gedanke vor der Sonne der Gerechtigkeit verborgen. Gott weiß die Gedanken der Menschen und prüft Herzen und Nieren, bekennt David. Wir sehen nur die Gegenwart, die Zukunft ist uns aber verschleiert, gewahren wohl die Taten, aber nicht zugleich ihre Folgen: Er aber sieht schon die Ernte, wo wir noch keine Saat wahrnehmen, die Früchte, noch ehe sie keimen und reifen; die Gedanken der Menschen sieht Er von ferne und ihre Entschlüsse kommen, wie das Wasser aus der Tiefe quillt. Er kennt die Geschichte jedes Bluttropfens in unseren Adern, und keinen Steg können wir betreten, den Er nicht zugleich mit beträte, und jedes Dunkel hüllt uns nur mit Ihm zugleich. Wenn Kain seinen Bruder erschlägt, Er ist sein unsichtbarer Zuschauer; wenn David die Ehe bricht, Er ist des Zeuge; wenn Ahab Seine Gottes-Majestät lästert, Er hört den gesprochenen Frevel; wenn Ananias und Sapphira dem heiligen Geist lügen und heucheln, Er steht schon vor der Tür als Ankläger und Richter. Wir denken insbesondere, wenn wir sündigen, gar leicht: Der Herr siehts nicht und der Gott Jakobe achtets nicht, es wird also immer verborgen bleiben und nie ein Mensch etwas davon erfahren. Aber wir irren, der Himmel ist ein Spiegel der Erde; was hier geschieht, ist dort schon offenbar, und es gibt daher nichts Verborgenes unter der Sonne, das nicht einmal früher oder später offenbar werde. Gehasis Bubenstücke offenbarte Gott gründlich und unwiderleglich durch Elisa, Davids Mord und Ehebruch durch Natan, Ahabs Hinterlist durch Elias, Ananias und Sapphiras Falschheit durch Petrus. Und wenn auch hienieden über viele Dinge Gras wächst und sie verschwiegen zu bleiben scheinen vor der Welt, mancher Mord, mancher Ehebruch, mancher Diebstahl, manche Treulosigkeit, und Gott seine gerechten Ursachen hat, dass Er es nicht ans Tageslicht bringt; wenn hienieden auch manche Tugend unbelohnt, manches Laster unbestraft bleibt und dem Gerechten es oft übel, dem Gottlosen es gar gut und glänzend ergeht, - wartet nur ein wenig, Geliebte: aufgeschoben ist noch nicht aufgehoben, Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber schrecklich fein, was durch Langmut Er sich säumt, bringt durch Schärfe Er Alles ein; es wird einmal ein Tag kommen, wo Er ans Tageslicht bringen wird, was noch im Finstern verborgen ist, und den Rat der Herzen offenbaren. Dann wird er geben einem Jeglichen nach seinen Werken, und der Totschläger, Hurer und Diebe Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt. Er hats ja gesagt: „Keiner soll entfliehen, noch Einer davon gehen, und wenn sie sich gleich in die Hölle vergrüben, soll sie doch meine Hand von dannen holen.“ (Amos 9,1.2.) - Diese Allwissenheit und Allgegenwart Gottes kam Adam zum Bewusstsein, als er die Schreckensstimme vernahm: Wo bist du? - O dass wir uns denn durch den Gedanken an das allwissende und allgegenwärtige Auge des Herrn warnen ließen vor der Sünde, damit wir es nicht einst zu scheuen haben nach der Tat!

Die Frage Gottes an Adam ist aber nicht nur ein Zeugnis Seiner göttlichen Allwissenheit und Allgegenwart, sondern auch Seiner göttlichen Heiligkeit und Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit leuchtet uns schon daraus entgegen, dass Er zuerst und zunächst an Adam die richtende Frage tut: Wo bist du? An Adam zunächst war ja am sechsten Schöpfungstag das Wort Gottes geschehen, vom verbotenen Baum nicht zu essen. Durch jenen Vorzug hatte er die doppelte Verpflichtung, seinem Weib so wenig im Bösen zu folgen, dass er sie vielmehr davon hätte zurückhalten sollen. Freilich war sie nicht minder strafbar denn er, auch wird sie später von Gott ebenfalls zur Rede gestellt; doch musste das Verhör zunächst mit ihm, dem Haupt und Herrn des Weibes, der zugleich für sie mit verantwortlich war, beginnen. Diese Gerechtigkeit leuchtet ferner daraus hervor, dass Gott Adam erst verhört, ehe er ihn straft, und Er ihn nicht ungehört verdammen will. Der Hausvater geht zur Rechnung mit dem ungerechten Haushalter; er übereilt nichts in seinem Regiment und in seinem Richteramt, Er lässt den Sünder erst alle Instanzen durchmachen, ehe er das Todesurteil spricht. Handelt nicht unter Menschen schon so jedes gerechte Gericht und jeder gerechte Richter? Erst Verhör und Geständnis oder doch Überführung, dann Verurteilung zur Strafe und Abbüßung derselben. Zuletzt wird das Generalbekenntnis der ganzen Welt lauten: „Groß und wundersam sind Deine Werke, Herr, allmächtiger Gott, gerecht und wahrhaftig sind Deine Wege, Du König der Heiligen: wer sollte Dich nicht fürchten und Deinen Namen preisen?“ (Offenb. 15,3.4). O, dass wir uns fürchten lernten vor dieser Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes, die unparteiisch und unbestechlich einem Jeden einmal geben wird, nachdem er gehandelt hat bei Leibes Leben, es sei gut oder böse!

Endlich legt die Frage Gottes an Adam das deutlichste Zeugnis ab von Seiner herrlichsten Eigenschaft, die man hier am wenigsten erwarten sollte, von Seiner großen Sünderliebe und Barmherzigkeit. Denn was ist es anders, alle Liebe, dass Gott ihn sucht und aufsucht, während der Mensch gar nicht daran denkt, Gott zu suchen und zu Ihm zurückzukehren? Es ist dasselbe ewige Erbarmen, das alles Denken übersteigt, es sind die offenen Liebesarme Des, der sich zu dem Sünder neigt, dem allemal das Herz bricht, wir kommen oder kommen nicht. Darum kommt Er Adam zuvor, kommt ihm entgegen, späht nach ihm aus, wie der Vater nach dem verlorenen Sohn, ruft ihn mit Namen, wie der Hirt das verirrte Schäflein, fragt ihn nach seinem Ergehen und Befinden, wie der Bräutigam nach dem Befinden der Braut fragt, und lässt ihn ganz ausreden, ohne ihn zu unterbrechen und ihm in die Rede zu fallen, als sie von der Wahrheit abweicht. Welche Liebe, sich immer gleich, vom Anfang bis zum Ende, beim ersten Fall, wie beim letzten!

Was will aber Gott mit Seiner suchenden und fragenden Liebe? Er will den Menschen nicht in dem Zustand des Elendes lassen, sondern allmählig in ihm eine Hoffnung des Heils und der Hilfe erwecken, und, wenn es ginge, ihm seine Sünde vergeben und ihm helfen. Das kann Er aber nicht ohne Bekenntnis. Darum sucht Er durch die Frage dem Sünder seinen Jammerstand bemerkbar und fühlbar zu machen, sein Herz zum Erkennen und Bekennen seiner Schuld zu öffnen, ein aufrichtiges Geständnis seines Vergehens, das Gefühl der Hilfebedürftigkeit, und das rechte Verlangen nach Gnade hervorzurufen. Adams Gewissen ist wach geworden, aber auch sein Mund soll sich auftun, damit es ihm leichter werde ums Herz, ans Licht soll die Finsternis seines Innern, Adam soll sich klar werden, wie es um ihn und sein Verhältnis zu Gott stehe. Wer seine Missetat leugnet, sagt die Schrift, dem wirds nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen (Sprüche 28,13.). Haben wir es erst dahin gebracht, dass wir unsere Sünde erkennen und bekennen, dann ist unser Herz nicht mehr das alte, ungebrochene Herz, die harte Beule ist aufgegangen, der Schmerz wütet nicht mehr im Verborgenen und wir treten in die rechte feindliche Stellung gegen die Sünde und in die rechte versöhnte Stellung zu Gott ein. Ohne Bekenntnis der Sünde kein wahres Kind, weder in menschlichen noch in göttlichen Verhältnissen. Beobachtet ein Kind, das sich an seinen Eltern versündigt hat und seine Schuld kennt, aber aus Hochmut nicht gestehen will, - wie ist es so scheu und unglücklich, es isst und trinkt wie sonst und geht im Hause umher, aber es wagt seine Augen nicht aufzuschlagen, sein Herz ist unruhig, sein Wort unsicher, und es fühlt die innere Spannung in seinem ganzen Benehmen. Erst wenn es die Eltern um Vergebung gebeten hat, kehrt der Friede wieder. Gerade so ist es im Verhältnis zu Gott. Vor dem Bekenntnis ist die Reue ein Brand, der nicht Luft hat, nur raucht, qualmt, finster macht und ängstet, im Bekenntnis aber bricht sie heraus zur hellen lichten Flamme, die bald wahrgenommen und gelöscht werden kann. Wie die meisten leiblichen Krankheiten in der Nacht einen gefährlichen Charakter annehmen, so die Seelenkrankheiten auch, wenn wir sie in die Nacht des Schweigens hüllen. Ja, manche Sünde ist sogar schon überwunden, sowie sie nur einmal gestanden ist. Darum bekennt David: „Da ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine durch mein täglich Heulen; denn Deine Hand war Tag und Nacht schwer auf mir, dass mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird. Darum bekenne ich meine Sünde und verhehle meine Missetat nicht“ (Ps. 32,3-5.).

Wodurch aber versucht es Gott, Adam zum Erkenntnis und zum Bekenntnis seiner Schuld zu bringen? Er tut es durch die Frage des Ernstes und der Liebe zugleich: „Wo bist du?“ Es ist diese Frage das erste Wort, das Gott nach dem Fall zu den Menschen spricht. Er wendet sich an Adams Gewissen: „Wo bist du? früher mein Sohn und Ebenbild, jetzt ein Sündenknecht und Teufelsbild?“ „Wo bist du? äußerlich noch im Paradiese und innerlich doch nicht mehr in demselben, äußerlich noch lebend, und innerlich schon des geistlichen Todes gestorben?“ „Wo bist du? und weshalb versteckst du dich und fliehst vor mir? Ist dies Fliehen ein Zeichen deiner kindlichen Liebe und dies Verstecken ein Zeichen deines kindlichen Vertrauens? Was hast du getan? komm, komm gleich hervor und bekenne!“ Geliebte, wenn Gott uns vom Verderben weg und zu sich in Seine Vaterarme hinrufen will, wendet Er da sich nicht noch immer an unser Gewissen, damit unsere Gedanken anfangen mögen, sich anzuklagen und zu entschuldigen, damit in uns die Gottesfragen laut werden: „Was hast du getan und wie wirds dir gehen?“, damit in uns die Reue erwache, die vor Angst nicht weiß, wohin. Das Gewissen schläft wohl manchmal eine Zeit lang, aber endlich wachts doch auf, sagt dem Sünder dann ohne Scheu, was er getan hat, und behält zuletzt immer Recht. Aber nicht nur durch die innere Stimme des Gewissens fordert Gott den Menschen ins Verhör und Gericht, Er tuts auch durch Sein Wort, besondere durchs Gesetz, wodurch Erkenntnis der Sünde kommt; Er tuts durch Seine Diener, welche ihm die Sünde müssen vor Augen malen und sie den Unbußfertigen behalten: so wurden Ahab durch Elias, David durch Natan, Herodes durch Johannem, Felix durch Paulum an ihre Missetat gemahnt; Er tuts wieder ein ander Mal durch Anfechtung und Trübsal, mag sie uns, mag sie die Unsrigen treffen, damit wir in uns gehen und uns fragen: Woher kommt dir das? ist es nicht deiner Bosheit Schuld, dass du so gestäupt, und deines Ungehorsams, dass du so gestraft wirst? So manches Kreuz, so mancher Bote, der uns ansagt: Auf, und tue Rechnung von deinem Haushalt, denn du kannst hinfort nicht mehr Haushalter sein. Nie wäre Hiskias von seiner Eitelkeit und seinem Hochmut geheilt worden, wenn ihn Gott nicht durch eine tödliche Krankheit vor sich gefordert hätte; nie hätte Manasse sich aufrichtig zum Herrn bekehrt, wenn ihn Gott nicht wegen seiner Grausamkeit und Abgötterei durch Kerker und Ketten gedemütigt hätte; nie hätte der verlorene Sohn den Entschluss gefasst, sich aufzumachen und zu seinem Vater zurückzukehren, wenn nicht die bittere Hungersnot und der Genuss der Träber ihn von seinem grenzenlosen Elend überzeugt hätten. Zum letzten Mal fordert Gott ins Verhör und Selbstgericht die scheidende Seele auf dem Sterbelager und in der Todesstunde, um sie wo möglich noch wie einen Brand aus dem Feuer zu reißen: so verfuhr Er mit dem Schächer am Kreuz zur Rechten des Herrn, und mancher Seelsorger hat schon erfahren, dass Sterbende ihn rufen, die Anwesenden herausgehen ließen und dann in die Worte ausbrachen: Ich kann nicht sterben, ich habe noch etwas auf dem Herzen und Gewissen, das muss erst herunter, ich kann so nicht vor Gott kommen. O, wer will die Mittel und Wege, die Zungen und Sprachen alle nennen, in welche Gott Seine Verhörsfrage kleidet: „Wo bist du?“

Dass wir denn diese Stimme unserer Gottes hörten und uns vorhielten, so oft böse Gedanken in uns aufsteigen, so oft unlautere Lüste sich in uns regen, so oft wir lau werden im Gebet und in der Beschäftigung mit göttlichen Dingen, so oft wir sitzen, wo die Spötter sitzen! Dass wir jeden Abend und forderten vor unser Gewissen, unser Kämmerlein zum Beichtstuhl machten, und die Sonne nicht untergehen ließen ohne die Selbstprüfung: Wo bist du? Wo denkst du hin? Bist du auf rechtem, oder auf unrechtem Weg? Dass wir Rechnung forderten von unserem Herzen wegen seiner Gedanken, von unserer Zunge wegen ihrer Worte, von unseren Händen wegen ihrer Taten, und von unseren Füßen wegen ihrer Gänge, und über uns Gericht hielten in unserem Gewissen, da wir ja Alles im Gewissen finden, was zum Gericht gehört, unsere Zeugen, Kläger, Richter und Peiniger!

Dass wir insbesondere uns prüften vor dem Genuss des heiligen Abendmahles, da wir nur dann desselben würdig sind, wenn wir uns für unwürdig halten, und nicht gerichtet werden, wenn wir uns selbst gerichtet haben! Dass wir es namentlich nicht versäumten, am Abend des Lebens, im hohen Alter, wenn das ganze Leben hinter uns liegt, unser Urteil ruhiger und unbefangener ist und das Gericht Gottes vor der Tür steht, und auf dem Sterbebett, damit der alte Mensch dann gänzlich sterbe, der neue in uns geboren werde und wir wie Simeon im Frieden dahinfahren! Noch währt die Gnadenzeit an, noch ruft der Herr: Heute, so ihr Gottes Stimme höret, verstockt eure Herzen nicht; jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt ist der Tag des Heils; darum eile und rette deine Seele! Vielleicht ist heute der letzte Tag, wer weiß, wer morgen leben mag. Es kann vor Nacht noch anders werden, als es am frühen Morgen war; drum weil du lebst auf dieser Erben, lebst du in steter Todesgefahr. Einmal wirds aber ganz gewiss heißen: Die Zeit ist hin, das Stundenglas ist aus, das Leben hat ein Ende, das Ziel ist da, das kann nicht überschritten werden.

II. Adams Antwort.

Was wird nun Adam tun? Wird er hervorkommen aus seinem Versteck? Das muss er wohl und tut er auch, da er weiß, dass der allmächtige Gott ihn dazu zu zwingen vermag. Wird er aber auch bekennen und gestehen die ganze Wahrheit, Alles, was er mit seinem Weib getan und verbrochen hat? Als Gott der Herr Abraham rief, antwortete der gläubige und gehorsame Erzvater: „Siehe, hier bin ich“; als Er Samuel dreimal in der Stifteshütte neben Elis Zimmer rief, antwortete der fromme Knabe: „Rede, Herr, Dein Knecht hört“. So freilich kann Adam Gott nicht antworten, er hatte gesündigt, er konnte nur seine Sünde bekennen! O, hätte er sie doch offen, unumwunden, ohne irgend ein Hehl eingestanden! Aber was tut er? Er antwortet: „Ich hörte Deine Stimme im Garten, und fürchtete mich, denn ich bin nackt; darum versteckte ich mich.“ Eine Antwort, die das unverkennbare Gepräge des bösen Gewissens und der Verlegenheit trägt, die in jedem einzelnen Wort wahr ist, und doch in dem Zusammenhang, in welchen die Worte gebracht sind, unwahr. Wahr ist es, dass Adam Gottes Nähe wahrgenommen; wahr, dass er sich schämte, und meinte, so wie er war, vor Gott nicht erscheinen zu dürfen; wahr, dass er sich fürchtete; wahr, dass er sich versteckt hatte. Aber was gibt er als Grund von dem Allen an? sagt er geradeheraus: Ich habe gegessen von dem Baum, davon du mir zu essen verbotest; darum versteckte ich mich? Mitnichten! er sagt: Ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Er verbirgt hinter den Folgen der Sünde die Sünde selbst, hinter dem Schamgefühl und der Furcht seinen Ungehorsam, und nennt den Nebengrund statt des Hauptgrundes, sagt Etwas, aber nicht Alles. Mit keiner Silbe berührt er seine eigentliche Missetat, im Stillen vielleicht hoffend, Gott werde dann ebenfalls stillschweigends über sie hinweggehen, und sie nicht ahnden. So verleitet ihn die Sünde zur Unredlichkeit und macht Adam in kurzer Zeit zu einem Meister in der Kunst, kein unwahres Wort zu reden und doch die Wahrheit zu umgehen und zu verdrehen. Keine seltene Kunst, meine Lieben, und Manchem hat sie schon durchgeholfen. Aber doch nur vor Menschen, niemals vor Gott. Adam hat es aber mit Dem zu tun, der sich nicht betrügen lässt, in dessen Augen die halbe Wahrheit schon eine Lüge ist, und der Adams Jammerstand sofort offenbar macht und bestraft. Lag doch in der Darstellung selbst schon eine Anklage. Was brauchte sich denn Adam zu schämen, wenn er rein war? Den Reinen ist ja Alles rein. Und was brauchte er sich zu fürchten, wenn er ein gutes Gewissen hatte? Das gute Gewissen spricht: „Ist Gott für mich, wer will wider mich sein?“ Hatte er früher Gottes Stimme gehört, ohne sich zu fürchten, und war ohne Scham Ihm unter die Augen getreten, es waren sogar seine seligsten Stunden im Paradiese gewesen, so oft Gott der Herr erschien: woher mit einem Mal jetzt das Eine wie das Andere, die Scham wie die Furcht? Das musste einen besonderen Grund haben, und diesen Grund hatte er vertuscht und verschwiegen, und sich in seiner Torheit eingebildet, dass, wenn er ihn nicht angebe, Gott ihn nicht erfahren und erkennen würde.

Und doch machen wir uns noch alle derselben Torheit teilhaftig, so oft wir fehlen und sündigen. Nichts fällt uns so schwer, als unsere Schuld einzusehen und zu bekennen, und wenn die Zahl derer, die andere betrügen, sehr groß ist, so ist die Zahl derer, die sich selbst betrügen, noch unendlich größer. Wie das kleinste Kind das Essen und Trinken von selbst lernt und kein Erwachsener es ihm erst zu zeigen braucht, um es nachzumachen, so versteht jeder schon von Natur die Kunst, sich auszureden und das zu verschweigen, was er sich zu gestehen schämt und fürchtet. Oft klingen unsere Reden buchstäblich wie Adams Reden: Ich hörte Deine Stimme im Garten, - das können wir nun einmal nicht leugnen, sonst versuchten wir es wohl auch; aber die Stimme des Herrn gehet mit Macht und lässt sich vernehmen in der Natur, im Gewissen, in der Bibel, in der Geschichte, in der täglichen Lebenserfahrung. Auch das geben wir zu: Ich fürchte mich! und die Fälle sind gottlob noch die Ausnahmen, wo man, wie Jener im Postwagen, äußert: Er kenne gar keine Furcht, auch wisse er nicht, was er denn eigentlich fürchten solle, denn einen Teufel fürchte er nicht, weil es ja keinen gebe, und den lieben Gott, den lasse er in Ruhe und der lasse ihn auch in Ruhe, er habe also gar nichts zu fürchten, und bald auch die andern jungen Herren für sich hatte, und mit ihnen einen ernsten Bürgersmann, der bisher stillschweigend in der Ecke gesessen, fragte: „Aber, guter Freund, was fürchten Sie denn?“ und von diesem die schlagende Antwort erhielt: „Gott fürchte ich, und alle Menschen, die Gott nicht fürchten“ - worauf die Ritter des Spottes plötzlich beschämt stillschwiegen. Wir sagen auch wohl: Ich bin nackt, das heißt, ich bin ein geplagter Mensch von Mutterleib an, die Erde ist ein Jammertal, das Leben eine Kette von leiden und Drangsalen, jeder Tag hat seine eigene Plage, und ich besitze nichts, dieser Not ein Ende zu machen, bin im höchsten Grade hilflos und hilfebedürftig. Aber selten, sehr selten kommt es mit uns dahin, dass wir die Ursache all dieses Elendes erkennen und nennen, das Übel aller Übel, unsere Sündhaftigkeit und unser tiefes Verderben; und wenn es geschieht, so geschieht es mit Worten, die kein aufrichtiges, bußfertiges Bekenntnis der Wahrheit sind, sondern kahle Entschuldigungen und bloße Redensarten, wie die: „Wir sind ja allzumal Sünder, ein Jeder hat seine Schwachheiten und Fehler, rein ist Keiner, wer wollte es mit sich so genau nehmen?“ und die unwillkürlich an jene nordamerikanische Frau erinnern, die eines Tages zum Missionar kam und sich als eine große Sünderin bekannte. „Ja, liebe Frau“, sagte der Missionar, „ich habe auch schon von Ihren Sünden gehört“. Da fuhr sie gereizt auf: „Was? wer kann denn über mich etwas reden, wer hat von mir etwas geredet? Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen“. Und daraus ziehen wir dann nicht die Folgerung: Darum soll es anders mit mir werden, ich will mich bekehren; auch nicht die: „Herr, erbarme Dich meiner und vergib mir meine Sünde“, sondern die Folgerung Adams: Darum versteckte ich mich, darum fliehe ich Gott, vermeide die Kirche, lege Bibel und Gesangbuch in den Winkel, höre auf, zu beten, gehe den Frommen aus dem Weg, scheue den Todesgedanken, um ja nicht an Gott und Ewigkeit erinnert zu werden und durch solche ernste Betrachtungen mich in meinen Lüsten und Begierden, Zerstreuungen und Vergnügungen stören zu lassen. Die Hand aufs Herz, Geliebte: ists nicht also? Wie viel Mühe kostet es doch, bis ein Sünder zur Buße kommt! Die Sünde will schlechterdings nicht Sünde sein, um nicht als Sünde gestraft zu werden, sie will Gerechtigkeit sein und Tugend. Und doch ist keine Hilfe und Besserung möglich ohne Vergebung, keine Vergebung möglich ohne Bekenntnis der Schuld, kein Bekenntnis ohne Erkenntnis, keine Erkenntnis ohne Selbstprüfung: Wo bist du?

Herr, hilf Du uns denn wider uns selbst, dass wir in die Tiefen der Selbsterkenntnis hinabsteigen, damit wir des kennen und beichten lernen; bekennen zuerst vor uns selbst und alle absichtliche Selbsttäuschung ein Ende nehme; bekennen dann vor Andern, wo es die Schrift verlangt (Josua 7,19. Luk. 17,4. 19,8. Jak. 5,16.), denn auf eine öffentliche Sünde gehört auch ein öffentliches Bekenntnis, und Beichte macht leichte; vor Allem bekennen vor Dir, dem Herzenskündiger, und in unserem Bekenntnis wahr und ehrlich seien, nichts verhehlen, jede Sünde mit rechtem Namen nennen, uns allein anklagen und tiefen Schmerz und göttliche Traurigkeit über unser Leben empfinden; und das Aber nicht als ein Muss, zu dem wir uns zwingen, sondern als eine unaussprechliche Gnade, dass wir den Schmutz unseres Lebens vor Dein Angesicht bringen dürfen. Ja, hilf uns, barmherziger Heiland, dass wir in solchem Bekenntnis unserer Sünde und Deiner Gerechtigkeit leben und sterben. Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/a/arndt_f/der_suendenfall/arndt_-_suendenfall_-_8._predigt.txt · Zuletzt geändert: von aj