Arndt, Friedrich - Der Sündenfall - Dritte Predigt. Der Unglaube.

Arndt, Friedrich - Der Sündenfall - Dritte Predigt. Der Unglaube.

Wir glauben, lieber Herr, hilf unserm Unglauben. Amen.

Text: 1 Mose III., V. 4.
Da sprach die Schlange zum Weib: Ihr werdet mitnichten des Todes sterben.

Die Schlange hatte gefragt, scheinbar sehr unbefangen und arglos: „Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allerlei Bäumen im Garten?“ Eva hatte darauf, nicht minder scheinbar bei der Wahrheit bleibend, geantwortet: „Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon, rührts auch nicht an, dass ihr nicht etwa sterbt“. Ist damit das Gespräch zu Ende, wie so manche gleichgültige und arglose Unterhaltungen unter den Menschen, bei denen weiter nichts herauskommt und die keine weitere Bedeutung und Absicht haben? Nimmermehr! da müsste die Schlange absichts- und zwecklos ihre Frage aufgeworfen haben. Das hatte sie aber nicht getan. Darum lässt sie es auch bei der ersten Erwiderung der Eva nicht bewenden, sondern sucht sie vielmehr nach Kräften zu ihrem Vorteil und des Weibes Nachteil auszubeuten. Auf Antwort folgt Gegenantwort, sie bleibt ihr nichts schuldig. War es ihr gelungen, durch ihre erste Frage in Evas Seele den Zweifel zu wecken, so bleibt sie nun auf halbem Weg nicht stehen, sondern steigert den Zweifel zum entschiedenen Unglauben, indem sie fortfährt: „Ihr werdet mitnichten des Todes sterben; es ist nicht wahr, Gott hat euch belogen; glaubt Ihm nicht!“ Der Unglaube ist das Zweite, was der Versucher in der Menschen Seele hervorruft. Unser Text weist uns auf Dreierlei hin: 1) auf des Unglaubens Ursprung: er ist satanisch; 2) auf des Unglaubens Wesen: er ist die Verneinung alles Göttlichen; 3) auf des Unglaubens Gericht und Strafe: er ist ewige Schande.

I.

„Da sprach die Schlange zum Weib!“. Hätte Eva gleich bei der ersten Frage der Schlange die Flucht ergriffen, oder hätte sie ihr bestimmt geantwortet: „Wie? darfst du solche Gedanken von dem grundgütigen Gott hegen und äußern? Du musst ein garstiges Wesen sein, und so lerne ich an diesem Baum wirklich das Böse kennen, und zwar an dir; hebe dich weg von mir“, so wäre es zu der zweiten Erwiderung der Schlange nicht gekommen. Aber leider hatte der Funke Feuer gefangen; Eva hatte leise gezweifelt, - jetzt schürte die Schlange das Feuer immer mehr an und steigerte den erwachten Zweifel zum vollendeten Zweifel, zum Zweifel an Allem, was Gott gesagt hatte, zum vollen, entschiedenen Unglauben. Eher konnte Satan keinen Gedanken zu anderen Sünden oder zum Ungehorsam bei den Menschen hervorbringen, ehe er nicht das Vertrauen zu Gott in ihnen erschüttert oder gedämpft hatte; denn wie der Glaube die Quelle alles Gehorsams ist, so ist der Unglaube die Mutter alles Ungehorsams. Der Weg aber vom Zweifel zum Unglauben ist ein gar kurzer, wie der Weg von einem Gedanken zum andern, vom Blitz, wenn er eingeschlagen, zum nachfolgenden Donner.

„Da sprach die Schlange zum Weib!“ Der Unglaube, welcher nun im Herzen des Weibes entstand, war also Schlangensame, Höllenbrut, Erzeugnis des Fürsten der Finsternis. Wie der Glaube das Natürliche und Menschliche bei uns ist, so ist der Unglaube das Unnatürliche und Unmenschliche. Denn der Glaube an Gott Drängt sich uns von allen Seiten auf, er macht sich geltend in der Schöpfung, in unserm Gewissen, in unseren Schicksalen, er macht den Menschen glücklich und zufrieden, froh und dankbar, er findet seine Bewährung in tausend und aber tausend Ereignissen, er zwingt selbst die Gottlosen und Spötter zu dem Geständnis, dass es die Gläubigen viel besser haben, als sie; wer irgend aus der Wahrheit ist, der hört Gottes Stimme und muss sie hören. Wenn nun ein Kind zu seinen Eltern sagt: „Das ist nicht wahr, was ihr behauptet, ihr lügt“ wir würden uns mit Abscheu und Entsetzen von solchem ungeratenen Kind abwenden; noch viel verabscheuungswürdiger und entsetzlicher ist solche Sprache des Menschen seinem himmlischen Vater und ewigen Lehrmeister gegenüber. Solche Sprache führt aber der Unglaube allewege. Solche Sprache führt sonst in der ganzen Welt nur der Satan und wer satanischen Sinnes und Geistes ist. - Ja, wenn der Unglaube noch etwas Triftiges zu seiner Entschuldigung anführen könnte, etwa: der Glaube sei überflüssig und entbehrlich; oder man könne ohne Glauben ebenso geduldig, so gut, so zufrieden, so lebensfroh und todesmutig sein, wie mit demselben; oder: der Glaube sei vernunftwidrig und geistlos, nur das Eigentum der Schwachköpfigen und Ungebildeten; oder: er sei im höchsten Grad unsicher, nichts als Einbildung und Wahn, ohne feste Grundlage; oder: er sei für den menschlichen Geist erniedrigend und verleugne die edelsten Bedürfnisse unserer Natur. Aber gerade das Gegenteil ist die Wahrheit.

Wo die heilige Schrift vom Unglauben spricht, stellt sie ihn jedes Mal bald als etwas völlig Verschrobenes und Schlechtes, bald ausdrücklich als Werk Satans dar. So, wenn Jesus im Gleichnis vom viererlei Acker den ersten Acker deutet: „Die an dem Weg sind, das sind, die Gottes Wort hören, darnach kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem Herzen, dass sie nicht glauben und selig werden“ (Luc. 8,12.), oder wenn Er Matth. 17,17. zusammenstellt: „Du ungläubige und verkehrte Art“, oder Mk. 16,14. an den Jüngern straft ihren Unglauben und ihres Herzens Härtigkeit. So wenn Paulus Eph. 2,2. schreibt: der Satan habe sein Werk in den Kindern des Unglaubens; oder 2 Kor. 4,4.: „der Gott dieser Welt habe der Ungläubigen Sinne verblendet, dass sie nicht sehen das helle Licht des Evangelii von der Klarheit Christi, oder Tit. 1,15. die Ungläubigen mit den Unreinen als Eins betrachtet. Wenn vollende Jesus Mk. 7, 21. 22. erklärt: „Von innen aus dem Herzen der Menschen gehen heraus böse Gedanken, Gotteslästerung, Hoffart, Unvernunft“ gehört der Unglaube nicht auch in dieses Sündenregister hinein? Ist er nicht auch ein Inbegriff böser Gedanken, nicht auch Hoffart und Unvernunft, nicht Gotteslästerung? Wahrlich, er entsteht niemals aus einer bloßen Schwäche des Verstandes oder aus einem unverschuldeten Irrtum, sondern allezeit zugleich aus einem bösen Herzen. Er hat ja immer zwei Gefährten bei sich, die unzertrennlich mit ihm Hand in Hand gehen und beide vom Argen sind: der eine Gefährte ist die Hoffart und der Eigendünkel, der es besser wissen will als Gott selber und über jede Belehrung erhaben ist. Hört ihr nicht diesen Hochmutsteufel aus den Worten der Schlange heraus: „Ihr werdet mitnichten des Todes sterben“? liegt darin nicht die Voraussetzung: Das weiß ich besser, traut mir nur, und ihr werdet die Wahrheit meiner Worte bald genug erfahren? Der andere Gefährte ist die eitle Prahlsucht; in der Regel brüsten sich die Ungläubigen damit, ungläubig zu sein, und suchen darin einen Beweis ihrer Geistesstärke und Geistesfreiheit, nichts mehr zu glauben. Hört ihr aus den Schlangenworten nicht ebenfalls etwas heraus von diesem Prahlgeist, besonders wenn sie fortfährt: „Sondern Gott weiß, dass, welches Tages ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott, und wissen, was gut und böse ist“, als wollte sie sagen: Seht mich doch an, wie bin ich viel weiter gekommen an Erkenntnis seit meinem Abfall von Gott? Ihr könnt jeden Augenblick auch dahin kommen. Stammt aber der Unglaube bei uns allemal aus bösem Herzen und ist unser Herz böse geworden durch den Einfluss des Satans: dann ist der Unglaube aus dem Abgrund geboren und muss notwendigerweise zuletzt in den Abgrund und ins Verderben hineinführen.

Möchten das denn alle Ungläubigen bedenken und tief zu Herzen nehmen, damit sie das Gift, welches sie verzehrt und um alle Seelengesundheit bringt, recht als Gift erkennen und Heilung suchen! Möchten es insbesondere die Konfirmanden, welche am Tag ihrer Konfirmation glaubten und selig waren in ihrem Glauben; aber kaum war ein Jahr verflossen, so war es dem Welt- und Zeitgeist gelungen, ihnen ihren Glauben aus dem Herzen zu reißen! Möchten es namentlich diejenigen sich merken, die es in ihrem Wahn als einen hohen Grad wissenschaftlicher Bildung, als eine Blüte des geistigen Fortschritts, als das Zeichen der wahren Aufklärung und des tiefsten Denkens, als eine Befreiung von den Vorurteilen und Finsternissen früherer Jahrhunderte ansehen, vom Glauben frei geworden zu sein und den Freigeistern, den freien Gemeinden, den Atheisten und Materialisten anzugehören, und die nicht müde werden, den Glauben an Gottes Wort und Zeugnis auf alle Weise zu verdächtigen und als ein Zeichen von Verstandesschwäche, als Mangel wissenschaftlicher und wahrhaft menschlicher Bildung, als Trägheit des Geistes und Ruhekissen des Fleisches zu schmähen! Möchten alle Gesellschaften vor dieser Wahrheit erzittern, die es geradezu zum guten Ton und Geschmack rechnen oder als Empfehlungsbrief für Brot und Fortkommen ansehen, nichts Höheres und Göttliches mehr anzunehmen! O ihr Unglücklichen, bedenkt ihr denn nicht, wer im Text dieselbe Sprache geführt hat und zu weisen Genossen ihr euch durch solche Grundsätze gesellt?

II.

Ist der Unglaube schon grauenvoll, wenn wir diesen seinen Ursprung ins Auge fassen, so gestaltet er sich noch viel grauenvoller, wenn wir sein Wesen berücksichtigen.

Was ist sein Wesen Anderes, als die entschiedenste fortgehende Leugnung und Verneinung alles höheren Göttlichen und Geistigen, wie die Schlange spricht: „Ihr werdet mitnichten des Todes sterben“? Dies: Mitnichten ist des Unglaubens Losung und Schiboleth, sei es, dass er alles Übersinnliche und Unsichtbare verneint, oder nur denjenigen Teil desselben, den er im Widerspruch findet mit Vernunft, Natur und Geschichte. Jenem ist nichts gewiss, als das Ungewisse, nichts notwendig, als das Zufällige, nichts wesentlich, als das Eitle, nichts groß, als das Unbedeutende, nichts göttlich, als das Menschliche. Jeder Wahrheit göttlicher Botschaft setzt er sein „Mitnichten!“ entgegen, und das nicht selten mit einer Konsequenz und Kühnheit, die an Verstocktheit grenzt. Redet die Schrift von der Erbsünde und dass des Menschen Tichten und Trachten böse sei von Jugend auf, der Unglaube entgegnet: Mitnichten! der Mensch ist gut von Natur, und ich bin besser als Andere. Nennt sie Jesum den Sohn des lebendigen Gottes, er entgegnet: Mitnichten! Gott hat keinen Sohn, und Jesus heißt nur so, weil er ein vorzüglicher Mensch war. Verkündigt sie den heiligen Geist und sein gnadenreiches Wirken, er entgegnet: Mitnichten! das ist ja Alles nur des Menschen eigener Geist. Predigt sie die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders aus Gottes Gnade ohne sein Verdienst und Würdigkeit allein durch den Glauben an das Verdienst Jesu Christi, - er entgegnet: Mitnichten! vor Gott gilt nur eigene Gerechtigkeit und Pflichterfüllung, rechtes Wollen und Können, fürchte Gott, tue Recht, scheue Niemand. Weist sie hin auf das künftige Gericht in der Ewigkeit, er entgegnet: Mitnichten! die Weltgeschichte ist das Weltgericht und mit dem Tod ist alles aus. Spricht sie von einem persönlichen lebendigen Gott, der unmittelbar die Weltgeschicke leite, und ohne dessen Willen kein Haar von unserm Haupt falle, der die Gebete seiner Kinder erhöre und dem der Gläubige unbedingt alle seine Wege befehlen dürfe, er entgegnet: Mitnichten! es gibt keinen persönlichen Gott, keine spezielle Weltregierung, Alles ist Zufall oder eiserne Notwendigkeit, ein zusammenhängendes Gewebe von Ursachen und Wirkungen, von Stoffen und Kräften, die Welt eine große Fabrik, wo Maschine neben Maschine klappert; es gibt überhaupt kein Geisterreich und nichts Geistiges, auch im Menschen nicht, unsere Gedanken sind lauter Ausschwitzungen des Gehirns, unsere Handlungen die notwendigen Erzeugnisse unseres Blutumlaufs und unserer Nervenschwingungen, wir Menschen sind selber nur eine höhere Gattung von Tieren. Spricht Gott: „Welches Tages ihr davon esst, werdet ihr des Todes sterben“, er entgegnet: Ihr werdet mitnichten des Todes sterben! - Seht, Geliebte, so ist der Teufel bis auf diese Stunde der Geist der Verneinung und der Vater aller sogenannten negativen und zerstörenden Kritik von Anfang an. Wo er sein Wesen treibt, hört das Leben auf, geht die Sonne unter, und wird es dunkle Nacht und kalter Winter in der Welt des Geistes und des Gemüts.

Alle gehen nun allerdings nicht bis zu diesem Äußersten, sondern Viele bleiben auf halbem Weg dahin stehen; sie verneinen nicht alles Unsichtbare und Ewige, sie erkennen einen lebendigen persönlichen Gott an und auch eine Offenbarung dieses Gottes in der Bibel; aber was sie von diesen geoffenbarten Wahrheiten nicht fassen können mit ihrer Vernunft, oder was ihnen im Widerspruch zu stehen scheint mit den erkannten Gesetzen der Natur und den Überlieferungen der Weltgeschichte, das ist ihnen Irrtum und Unwahrheit und erfährt ihr entschiedenes: Mitnichten! Bereitwillig lassen sie daher den ersten Artikel unseres apostolischen Glaubensbekenntnisses stehen; anders verhält es sich aber mit dem zweiten Artikel, da ist für sie eine Lehre immer unglaublicher, als die andere. Schon das: „Empfangen vom heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“, erscheint ihnen unmöglich und undenkbar, ungeachtet sie eine unmittelbare Schöpfung Gottes doch beim ersten Menschen annehmen müssen. Dann das: „Niedergefahren zur Hölle, auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes und wiederkommend zum Weltgericht“, das Alles ist ihnen zu geheimnisvoll und von der alltäglichen Erfahrung zu abweichend, als dass sie es unterschreiben könnten. Vollends gar im dritten Artikel die allem Augenschein widersprechende Lehre von der Auferstehung des Fleisches, ungeachtet der Apostel Paulus (1 Kor. 15.) ihre richtige Deutung klar auseinandersetzt, oder die Lehre von der Dreieinigkeit, die mit den Resultaten ihrer Rechenbücher nicht übereinstimmt, oder die außerordentlichen Wunder der heiligen Schrift: vom Stillstand der Sonne zu Josuas Zeit, vom Sprechen der bileamitischen Eselin, vom Einsturz der Mauern Jerichos, von der Erhaltung des Propheten Jonas im Bauche des Walfisches, „Nein, Alles in der Welt“, sagen sie, „nur verlangt nicht von mir, dass ich das glauben soll; wohl steht unter vielem Fabelhaften und Märchenhaften auch viel göttliche Wahrheit in der Bibel, aber nicht die ganze Bibel ist Gottes Wort und Offenbarung“. Geliebte, wimmelts nicht von solchen Ungläubigen, die dergleichen Reden führen, jetzt in der Christenheit? und ist dieser theoretische Unglaube nicht bis in die untersten Klassen des Volkes, bis in die Arbeitsstätten der Handwerker, bis in die stillen Hütten des Landmanns gedrungen? Wird er nicht unausgesetzt in Büchern und Zeitschriften gepredigt und von Gelehrten und Ungelehrten überall hin verbreitet? Gibt es nicht sogar Prediger und Lehrer, die, obgleich sie den Namen der christlichen führen und das Brot der Kirche essen, Jahr aus, Jahr ein, ungescheut diesen Unglauben verkündigen und schon die heranwachsende Jugend damit vergiften? Hat es nicht vor Kurzem erst eine Zeit gegeben, wo die Diener der Religion selbst erklärten, die Religion des Nazareners habe sich überlebt und passe nicht mehr zu den Fortschritten des Zeitgeistes; wo ein ganzes Volk auf seine Kirchen schrieb: „Tempel der Vernunft“, auf seine Kruzifixe: „Unser vormaliger Erlöser“, auf seine Gottesäcker: „Der Tod ist ein ewiger Schlaf“? Redet doch schon David in seinen Psalmen von Toren und Narren, die da sagen, es sei kein Gott.

Aber glaubt ja nicht, dass der Unglaube seinem Wesen nach bloß Verneinung ist, er ist auch Bejahung, und zwar eine fürchterliche, höllische Bejahung, wie der Ort, aus dem er herkommt, und der Vater, der ihn erzeugt hat. Man kann einmal auf dem Gebiet der Religion zur Wahrheit nicht Nein sagen, ohne dass man zur Lüge Ja sagt. Auch der Unglaube an die Wahrheit ist ein Glaube, ein Glaube an das Gegenteil der Wahrheit; denn der Mensch ist einmal zum Glauben geboren und kann das Glauben nicht lassen; auch der Unglaube ist eine Macht und Gewalt über den Menschen, über sein Denken und Fühlen, Tun und Treiben, kurz über sein ganzes Leben. Indem die Schlange spricht: ,Ihr werdet mitnichten des Todes sterben“, behauptet sie zugleich: „Ihr werdet vielmehr leben, am Leben bleiben, und zum rechten Leben erst durchdringen“. Und noch immer geht es bei uns Allen ebenso her: glauben wir nicht, dass die Bibel Gottes Wort ist, so müssen wir glauben, dass unsere Vernunft die untrügliche Quelle der Weisheit ist; glauben wir nicht, dass Gott unser König und Herr ist, so müssen wir glauben, dass wir selbst es sind; glauben wir nicht, dass Jesus Christus uns erlöst hat mit Seinem Blut, so müssen wir glauben, dass wir uns selbst erlösen können und keinen Heiland bedürfen; glauben wir nicht an ein ewiges Leben, so glauben wir an die Würmer, die in der Erde unserer warten; glauben wir nicht an Himmel und Hölle, so bleibt uns nichts übrig, als zu glauben an ewige Vernichtung. Es gibt im Reich der Geistes durchaus kein Nein, das nicht auch sein Ja bei sich hätte. Entweder daher Leben oder Tod, Licht oder Finsternis. Sein oder Nichtsein, Seligkeit oder Verdammnis.

Und das nicht allein, dass der Unglaube nur ein Nein für Gott und ein Ja für sich hat; indem er sich selber setzt, setzt er sich an Gottes Stelle und widersetzt sich Gott, macht sich zu Gott und stürzt den Allmächtigen vom Thron, wenn auch nicht in der Wirklichkeit, doch in seinem Denken und Handeln. Er ist offene Empörung und unumwundener Abfall von Gott, und darum die größte Sünde, die Sünde aller Sünde, die Mutter und der Quell, aus welchem Stolz, böse Lust und böse Tat entspringen.

III.

Das Wesen des Unglaubens war grauenvoller, als sein Ursprung; am grauenvollsten ist sein Gericht und seine Strafe, denn er endet immer mit offenbarer und ewiger Schande.

Sein erstes Gericht ist, dass er offenbar wird als das, was er ist und wirkt, als Lüge und Mord. Jesus nennt ja (Johannis 8) den Teufel den Lügner und Mörder von Anbeginn, der nicht bestanden sei in der Wahrheit, denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Was aber vom Vater gilt, gilt auch von seinem Kind, dem Unglauben. Ist nicht durch einen Menschen die Sünde gekommen in die Welt und der Tod durch die Sünde, und ist nicht also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, dieweil sie alle gesündigt haben? Schreibt nicht Luther mit Recht: „Dies Leben ist nicht ein Leben, sondern eine Mordgrube, dem Teufel unterworfen; wenn wir nun auf Erden leben wollen und müssen, so müssen wir uns auch des erwägen, dass wir Gäste sind, und in solcher Herberge liegen, da der Wirt ein Schalkwirt ist, und sein Haus hat das Malzeichen oder Schild über der Tür: Zum Mord und zur Lügen; denn solch Zeichen und Wappen hat ihm Christus selbst an seine Türe und an sein Haus gehängt“? Sind Adam und Eva nicht des Todes gestorben, und müssen wir nicht alle in den leiblichen Tod hinein? Noch mehr: Ist nicht der Unglaube der Zerstörer alles geistigen Lebens und der Vater alles geistigen Todes? Er verheißt Glück, und macht unglücklich, Reichtum, und macht arm, Ehre, und stürzt in Schande, Licht, und macht finster, Freiheit, und macht zum Sklaven, geistiges Leben, und bringt den geistigen Tod. Und was wird sein Los erst sein in der Ewigkeit! Jesus sagt: „Wer nicht glaubt, der wird verdammt werden, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm“. Und in der Offenbarung Johannes 21,8. heißt es: „Den Ungläubigen und Gräulichen und Totschlägern und Abgöttischen und allen Lügnern, derer Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt, welches ist der andere Tod“.

Das zweite Gericht des Unglaubens ist, dass er wider Willen und Dank dem Gott dienen und dessen Pläne befördern helfen muss, dem er Widerstand geleistet hat und den er so gerne entthront und gemordet hätte, und all sein Tun und Treiben zuletzt das Gepräge der Vergeblichkeit an sich trägt. Der Herr hats ihm ja vorher gesagt, nicht nur: „Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen“ (Jesaias 29,14.), sondern auch: „Beschließt einen Rat, und werde nichts daraus, beredet euch, und es bestehe nichts, denn hier ist Immanuel“ (Jesaias 8,10.). Seht, es geht dem Teufel im Text gerade wie dem Kaiphas, als er im hohen Rat sprach: „Ihr wisst nichts, bedenkt auch nichts, es ist uns besser, ein Mensch sterbe für das Volk, denn dass das ganze Volk verderbe“; wobei Johannes hinzu bemerkt: „Solches aber redete er nicht von sich selbst, sondern weil er desselbigen Jahres Hoherpriester war, weissagte er; denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern dass er die Kinder Gottes, die zerstreut waren, zusammenbrächte“. Auch die Schlange weissagte wider Willen und Wissen eine große Wahrheit und Tatsache mit den Worten: „Ihr werdet mitnichten des Todes sterben“. Denn was geschah? Sie gedachte es böse zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen und aus dem Bösen des Satans Gutes für die Menschheit und das Reich Gottes zu entwickeln. Er traf sofort Anstalten, die entsetzliche Wirkung des satanischen Wortes wieder aufzuheben und ihren Fluch in Segen zu verwandeln. Er fasste den Ratschluss der Erlösung und führte ihn in der Fülle der Zeit aus, und sandte Jesum Christum, seinen eingeborenen Sohn, in der Gestalt des sündlichen Fleisches, dass wir durch Ihn leben sollen. Und nun seht und hört! Jesus spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird Leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Ich lebe, und ihr sollt auch leben. So Jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich“; und Sein Apostel setzt hinzu: „Gleichwie unsere Kinder Fleisch und Blut haben, ist Er's gleichermaßen teilhaftig worden, auf dass Er durch den Tod die Macht nähme dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist, dem Teufel, und erlöste die, so durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mussten“. Seitdem ist das Wort der Lüge eine göttliche Wahrheit geworden: „Ihr werdet mitnichten des Todes sterben“. Durch den Teufel ist der Tod, durch den Sohn Gottes ist das Leben gekommen in die Welt, und wer von seinem Lebensbaum isst, stirbt nicht mehr, sondern hat das ewige Leben. Und welches Geheimnis lässt uns der Apostel Paulus ahnen, wenn er 1. Korinther 15,22. schreibt: „Gleichwie sie in Adam Alle sterben, also werden sie in Christo Alle lebendig gemacht werden“! Wahrlich, so konnte nur Gott sich an dem Teufel rächen und seine Verneinung in eine ewige Bejahung verwandeln! So macht Er fortwährend jeden Unglauben zu Schanden, zuletzt siegt immer die Wahrheit über die Lüge, das Licht über die Finsternis, die Gnade über die Sünde, das Leben über den Tod; zuletzt werden alle Knie sich beugen in dem Namen Jesu, die im Himmel und auf Erben und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen, dass Er der Herr sei, zur Ehre Gottes des Vaters, und Gott wird sein Alles in Allem.

Wie? Ist es da nicht etwas Grauenvolles, ein ungläubiger Mensch zu sein, da man damit keine andere Zukunft hat, als einerseits leeres Stroh zu dreschen und Wasser in ein Sieb zu tragen, und andererseits keinem Andern schadet, als sich selbst? O bei Allem, was euch heilig ist, flieht, hasst, bekämpft den Unglauben, wo ihr wisst und könnt; er hat nichts und gibt nichts, er nimmt und mordet nur Alles, woran er seine unheilige und unreine Hand legt. Ach, es ist ja Keiner sicher vor dem Unglauben. Konnte er einen Apostel wie Thomas beschleichen, dass er noch fortwährend als der ungläubige Thomas bezeichnet wird, konnte er die Jünger alle überfallen, dass Jesus klagen musste: „O du ungläubige und verkehrte Art, wie lange soll ich bei euch sein, wie lange soll ich euch dulden“ so kann er Jeden unter uns angreifen und übermannen, wenn wir nicht auf unserer Hut sind. Von Natur liegen wir ja Alle an dieser Krankheit darnieder, denn Gott hat es alles beschlossen unter den Unglauben (Römer 11,32.), wir erkennen ihn nur nicht immer als Krankheit; erst nach der Wiedergeburt erfahren wir meist seine dunkle peinliche Macht und sehen uns nicht selten zu dem Gebet jenes Vaters genötigt: „Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben“. Es gibt ja nicht nur einen theoretischen, sondern auch einen praktischen Unglauben, der in uns Raum gewinnt, wenn Not und Mangel des Lebens, Unsicherheit des Eigentums und Daseins, Stocken der Geschäfte, nahrungslose Zeit eintritt, wenn geistliche Anfechtungen uns bis aufs Blut zusetzen, wenn wir fürchten, unsere Sünde sei zu groß, als dass sie uns könnte vergeben werden, wenn’s zum Sterben geht und die Schmerzen täglich zunehmen, der Herr von einer Morgenwache zur andern verzieht und die Frage laut wird: „Hat denn Gott vergessen gnädig zu sein und seine Barmherzigkeit vor Zorn verschlossen“? Jeder Kleinglaube, jeder Schwachglaube, jede Verzagtheit ist auch Unglaube, und wurde an Moses ebenso streng bestraft, wie der offenbare Unglaube am Volk Israel. Aber es ist schon werdende Genesung, wenn wir das Unglück des Unglaubens fühlen und zum Herrn schreien: „Ach, könnte ich doch glauben! könnte ich doch wieder glauben!“, - wenn wir den Umgang der Spötter und Leichtsinnigen fliehen und die Gemeinschaft der Kinder Gottes wie Thomas aufsuchen, wenn wir beten lernen zu Dem, der Alles schenken muss, folglich auch die unentbehrlichste aller Gottesgaben, den Glauben: „Herr, Du siehst die peinliche Lage, worin mich die Macht des Unglaubens und Kleinglaubens versetzt, Du kennst mein Unvermögen gegen diese Unart meines eigenen Herzens, gegen diesen Feind meiner Ruhe und meines geistlichen Wachstums; o erbarme Dich und eile mir zu Hülfe, einziger Helfer, erfülle an mir Deine Verheißung, dass Du Das glimmende Docht nicht auslöschen und das zerstoßene Rohr nicht zerbrechen willst“. Es ist schon werdende Genesung, wenn wir mit diesem Gebet eine aufrichtige Sinnesänderung und Hingabe an den Herrn verbinden und fortfahren, unsere Erkenntnis der Wahrheit und die Überzeugung von ihr aus dem teuren Wort Gottes neu zu gründen und zu beleben. Verlangt nur nicht immer neue Zeichen und Wunder zum Glauben: die alten beweisen genug, - sondern lasst euch an Gottes Gnade genügen! Sagt nur nicht immer: „Ich kann nicht glauben“; verlangt es nur redlich zu lernen. Er, der so ernstlich geglaubt haben will, hilft auch euch dazu; der dem Unglauben so feind ist, besiegt ihn auch; richtet euch nur ganz nach der apostolischen Ermahnung: „Wacht, steht im Glauben, seid männlich und seid stark“. Dann dürft ihr allezeit der freudigen Zuversicht Raum geben:

Wohl mir, ich fürchte keinen Streit;
Du kannst mich stärker machen,
Du gibst den Bangen Freudigkeit
Und Kraft und Mut den Schwachen.
Du, Herr, bist meiner Seele Licht;
Hab' ich nur Dich, so frag' ich nicht
Nach Himmel und nach Erden. Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/a/arndt_f/der_suendenfall/arndt_-_suendenfall_-_3._predigt.txt · Zuletzt geändert: von aj