Arndt, Friedrich - Das Vaterunser - Die vierte Bitte.

Arndt, Friedrich - Das Vaterunser - Die vierte Bitte.

Unser täglich Brod gieb uns heute.

Die drei ersten Bitten liegen hinter uns. Ihre Bezugnahme auf die Dreieinigkeit war unverkennbar. Die erste Bitte: „Dein Name werde geheiliget“ geht auf Gott selbst, dessen Vatername hoch geehrt und verehrt werden soll; die zweite: „Dein Reich komme“ auf den Sohn Gottes, denn das Reich der Gnade, das Himmelreich, ist das Reich Jesu Christi; die dritte: „Dein Wille geschehe“ auf den heiligen Geist, durch welchen allein unser Wille gebrochen und dem göttlichen unterworfen werden kann. Und alle diese Bitten sind eben so viele Verheißungen und darum eine reiche Fülle des Trostes und der Erhebung.

Nun aber, nachdem uns das Gebet in den Himmel erhoben hat, führt es uns wieder auf die Erde herunter; und nach dem: Ich steig herauf zu Dir im Glauben, folgt inniger und dringender der Nachsatz: Steig Du in Lieb herab zu mir. Es beginnt mit der vierten Bitte die zweite Reihe der Bitten im Vater Unser. Wenn die drei ersten mehr das Verhältniß des Menschen zu Gott ins Auge fassen und daher alle mit dem Wörtlein „Dein“ begannen, so berücksichtigen die vier letzten mehr unser Verhältniß zu den Menschen und beginnen daher alle mit dem Wörtlein „unser.“ Wenn jene die Bedingungen enthielten, unter denen wir der Gnade Gottes theilhaftig werden können, nämlich die Erkenntniß des göttlichen Wesens, das Eingehen in das göttliche Reich und die Vollbringung des göttlichen Willens: so wenden sich die vier letzten auf unsere Bedürfnisse leiblicher und geistiger Art. Da bildet denn die Bitte um das tägliche Brod gleichsam die Brücke in diesen zweiten Theil; wir steigen von der seligen Klarheit des Herrn zu dem Thale unserer Trübsal hernieder, es wohl fühlend, daß wir noch nicht unter den seligen Geistern stehen, die Gottes Willen allezeit im Himmel vollbringen, sondern daß wir noch auf Erden sind, in der Fremde, im Lande der Sterblichkeit, an uns tragend den Leib des Todes, und da heben wir an zu flehen: Unser täglich Brod gieb uns heute. Diese Bitte ist eine Bitte l) voll Demuth, 2) voll Glauben, 3) voll Liebe.

1.

Demuth athmet zunächst die Bitte: Unser täglich Brod gieb uns heute; denn die Demuth ist bescheiden und genügsam in ihren Ansprüchen und in ihren Bedürfnissen. Darum erbittet sie sich von Gott nichts, was irgendwie als Luxus betrachtet werden könnte, keine künstlichen und überkünstlichen Genüsse, keine Gaumenerlustigungen reichbesetzter Tafeln, keinen schwelgerischen Aufwand und Zierden von Gold und blitzenden Steinen, keine weiten Ländereien und glänzenden Ehrenstellen, überhaupt nichts von allen dem, was man haben und nicht haben kann, oder wodurch der Geist von ernsten und himmlischen Dingen abgezogen wird; sondern sie bittet lediglich um das, was der Mensch haben muß: „gieb uns Brod.“ - Unter dem Ausdruck „Brod“ ist nun freilich zunächst nur im engeren Sinne und ganz vorzüglich das eigentliche, wirkliche Brod gemeint; dann aber im weiteren Sinne zugleich alles dasjenige, was zu des Lebens Nahrung, Kleidung und Wohnung mit gehört; aber doch immer nur das Nothdürftigste, Unentbehrlichste, und nichts, was an Ueberfluß und Pracht erinnern könnte. Somit ist die vierte Bitte recht eigentlich der Tod des irdischen Sinnes, der im Uebermaaße schwelgt und seinen Leib zum unersättlichen Grabe der übrigen Geschöpfe macht; der auf Ewigkeiten hinaus sorgt, immer ängstlich und unruhig ist für's Leibliche, für jeden kleinen Verlust und jede Entbehrung desselben untröstlich, während der Geist verarmen muß, leer ausgeht und auch nicht einmal für die nächste Stunde bedacht wird, die doch die letzte sein könnte, und Gott und Christum und die ganze Ewigkeit verliert, fast ohne einige Unruhe, ohne auch nur eine Thräne über diesen Verlust fallen zu lassen. Ja, denken wir an all die Herrlichkeiten und Genüsse in Speise, Kleidung und Wohnung, die wir in allen Gestalten und Farben, von allen Weltgegenden zusammengetrieben und in tausendfachem Wechsel an uns nicht selten herankommen lassen und erinnern uns an die einfache vierte Bitte: „gieb uns Brod:“ muß uns da nicht zu Muthe werden, als sollten wir uns doch einigermaßen schämen? Christus geht umher arm und dürftig, hat nicht, wo Er sein Haupt hinlegt, entbehrt oft des Allerunentbehrlichsten, und wir sind unersättlich im Jagen und Rennen nach irdischem Gute und sinnlicher Lust; wir prassen und schwelgen und sind unzufrieden, wenn wir nicht jederzeit über und über vollauf haben; wir dehnen unsere Bedürfnisse ins Unendliche aus und können keine neue Schöpfung der Kunst, es sei welche es wolle, sehen, ohne sie auch gleich zu begehren. O wir ungenügsamen, unzufriedenen Menschen! Jesus lehrt uns nur beten um das wahrhaft Nothwendige, um das Brod. - Und ist das Brod nicht in seiner Einfachheit zugleich doch die beste aller Gaben? Was würde aus uns werden, wenn Gott uns nur einen Monat hindurch das Brod vorenthielte? wenn Er uns alle Artikel der Mode, alle Erfindungen des Fleißes in Fülle darböte, aber das Brod uns vorenthielte? Würde uns jenes Alles den Mangel dieses Einen ersetzen? würden wir es nicht bald für viel besser halten als Gold und Edelsteine, die doch niemand sättigen? Wahrlich, aller irdischen Genüsse wird der Mensch satt und überdrüssig, nur des Brodes nicht bis an den letzten Hauch; hört dieses auf, ihm zu schmecken, so ist es das deutlichste Merkmal einer eingetretenen Krankheit. Und wie das bei dem Einen der Fall ist, so ist es das auch bei dem Andern; Brod ist das allgemeinste, das nährendste Lebensmittel, es durchdringt belebend den ganzen Körper, es erinnert durch die ganze Art seiner Entstehung und Zubereitung unwillkührlich an Gottes Weisheit, Liebe und Macht, und ist in seiner Beschaffenheit und Wirkung das lieblichste Bild von dem, was Christus der unsterblichen Seele sein will, Brod des ewigen Lebens. Darum hat es der Herr auch gewählt zum Zeichen, Unterpfand und Mittel seines darzureichenden Leibes im heiligen Abendmahle. Darum brauchen wir im gewöhnlichen Leben dasselbe Beiwort vom Brod, welches wir von Gott brauchen, und sagen eben so sehr: „das liebe Brod,“ wie: „der liebe Gott.“ anzudeuten, daß, was Gott für die Seele, das Brod für den Leib ist. Darum ist Brod die bittens- und dankenswertheste aller Gaben, die Gabe aller Gaben für unsere irdischen Bedürfnisse, und ein großer, himmelschreiender Undank, wenn wir das nicht anerkennen oder Gott nur selten und nur kalt und lau dafür danken.

Doch der Herr will den ungenügsamen, unzufriedenen Sinn der Menschen durch und durch beschämen und sie auf eine Weise Bescheidenheit und Demuth lehren, die wahrhaft in die Augen springt; Er macht nämlich einen Zusatz zu der Bitte um das Brod, und dieser Zusatz beschränkt die Bitte noch mehr. Er lehrt uns beten um das tägliche Brod, d. h. nach dem Urtexte, um das zu unserm Bestehen wesentlich erforderliche, nothdürftige Brod. Damit schlägt Jesus geradezu den unzufriedenen Sinn, der nie genug hat, dem bald die Kleidung nicht fein genug, bald die Nahrung nicht ausgesucht genug, bald die Wohnung nicht prachtvoll genug, bald das Hausgeräth nicht modegerecht genug ist, und der sich immer zurückgesetzt glaubt und klagt und murrt, wenn er es Andern in der Beziehung nicht nachthun kann, vollkommen todt. Damit bestätigt Er das Schriftwort: „Niemand lebt davon, daß er viel Güter hat. Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist, und lasset ihm genügen; denn wir haben nichts in die Welt gebracht, darum offenbar ist, wir werden auch nichts hinausbringen. Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, so lasset uns begnügen, (l Tim. 6, 6 - 8.) Zweierlei bitte ich von dir: Armuth und Reichthum gieb mir nicht, laß mich aber mein bescheiden Theil Speise dahinnehmen.“ (Spr. 30, 8. 9.) Damit lehrt Er uns augenfällig, daß es nicht so sehr viel ist, was uns wirklich Noth thut, und daß es nicht Ueberfluß ist, den wir begehren sollen. O wie viele tausend Sorgen würden mit einem Male aus unserer Mitte verschwinden, wie viel Stirnen, die jetzt in Runzeln und Falten hängen, würden sich glätten, wie viel Augen, die jetzt betrübt zur Erde sich senken, würden himmelwärts schauen, wie viel Klagen über schlechte und theure Zeiten, über Nahrungslosigkeit, Abnahme des Verdienstes, Stockung der Erwerbsquellen würden augenblicklich verstummen, wie viele Hauswesen würden zu blühendem Wohlstande sich erheben, wenn eine einzige Tugend nur bei ihnen zu Hause wäre: Demuth, Bescheidenheit, Zufriedenheit, Genügsamkeit! Zufriedensein macht Wasser zu Wein. Zufriedenheit hat immer genug, Zufriedenheit sieht immer auf das, was sie hat, und ist dafür des Dankes voll, nie auf das, was sie nicht hat, und will nimmer höher hinaus. Sie ist allezeit reich und in ihrem Reichthum glücklich. O daß wir, Zufriedenheit und Demut h lernten: uns wäre geholfen! Daß wir verstehen lernten das tägliche Gebet und nicht Lügner würden vor Gott, indem wir es aussprächen: „unser nothdürftiges Brod gieb uns o Herr!“

2.

Wo Demuth ist, da ist auch Glaube; denn die Demuth führt zum Glauben und entspringt aus dem Glauben, und der Glaube betet: „Gieb uns heute unser täglich Brod.“

Gieb uns! Der Glaube weiß, das Brod ist eine Gabe Gottes, eine Wohlthat, die der Mensch sich selbst nicht geben kann, sondern die, wie alle gute und vollkommene Gabe, von oben herab kommt, ein wahrer Segen Gottes, der denen zu Theil wird, die in der rechten von Gott gewiesenen Ordnung ihn erstreben. Und diese Gottesordnung, in welcher Gott uns unser täglich Brod geben will, ist Arbeit und Gebet. Die Arbeit; denn nicht durch Wunder will Gott uns ernähren, nicht Fenster im Himmel will Er machen, daß aus ihnen das Brod herniederregne, nicht der Erde will Er die Kraft verleihen es von selbst zu tragen; nein, die Regel lautet: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brod essen; wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen; lässige Hand macht arm, aber fleißige Hand macht reich. (1 Mose 3, 19. 2 Thess. 3, 10. Spr. 10, 4.) Gott segnete Petrus erst mit reichem Fischfang, nachdem er die ganze Nacht gearbeitet hatte; und Paulus, obwohl er von den Gemeinden sich konnte ernähren lassen und Vollmacht hatte von ihnen für die geistlichen Gaben, die er ihnen brachte, Leibliches zurückzuverlangen, zog es doch vor, lieber sein Brod sich selbst zu verdienen. (Ap. Gesch. 20, 33-35. 1 Corinth. 9, 11-15.) Jedes Brod, das wir essen wollen, ohne im Schweiß unseres Angesichts gearbeitet zu haben - es sei denn, daß es uns durch die freiwillige Liebe Anderer zu Theil würde - ist Sündenbrod, denn es ist entweder durch Betrug oder Trägheit erworben. Mit Recht ist Trägheit und Müßiggang die Mutter der Armuth, der Tugend Untergang, des Teufels Ruhebank und aller Laster Anfang. Wo der Mensch die Hände müßig in den Schooß legt, da zieht Gott seine Hand auch zurück, und weil an Gottes Segen Alles gelegen ist, ohne Gottes Segen aber Fluch das unausbleibliche Loos ist, so ersticken da und müssen ersticken für alle Tagediebe Und Miethlinge die Quellen des Erwerbs und ihr Hauswesen muß den Krebsgang gehen. Aber von der andern Seite wollten wir blos und immer arbeiten Tag und Nacht und durch eigne Kraft unser Glück bauen, durch eignen Fleiß uns reich machen und niemals beten um Segen von oben: der Erfolg würde eben so mißlich sein; wir würden höchstens äußerlich vollauf haben, aber innerlich leer ausgehen, und nur verdrießliche Launen und finstere Gesichter davontragen; wir würden es eine Zeitlang wohl aushalten, aber zuletzt alles zusammengescharrten Wesens satt und überdrüssig werden. Die Schrift sagt: „Es ist umsonst, daß ihr frühe aufstehet und hernach lange fitzet und esset euer Brod mit Sorgen, denn seinen Freunden giebt Er's schlafend. (Ps. 127, 2.) Der Segen des Herrn macht reich ohne Mühe.“ (Ebr. 10, 22.) Gewiß, es arbeitet sich leichter, segensreicher und fröhlicher, wenn man Hand an's Werk legt, nachdem zuvor der Blick hinaufgegangen ist; und läßt Gott auch seine Sonne scheinen über Gute und Böse und regnen über Gerechte und Ungerechte; scheint es bisweilen in der Welt, als wäre das Glück auf Seiten der Gottlosen und die Noth das Loos der Kinder Gottes auf Erden: innerlich, wahrhaft und in der That verhalt es sich doch anders; die Gesegneten sind allemal nur die, welche des Segens fähig und empfänglich sind, und zuletzt bleibt immer wahr, was die Schrift sagt: „Man hat nie den Gerechten verlassen gesehen, noch seinen Samen nach Brod gehen,“ und die Antwort die einzige, die wir auf die Frage: Habt ihr je Mangel bei mir gehabt? geben können: Herr, nie keinen. (Luc. 22, 35.) Ein betender Mensch erkennt eben so sehr in der Kraft, mit der Gott ihn ausrüstet zu seinem Beruf, als in dem Erfolge, den Er auf sein Wirken legt, Gottes Segen; ja, der muß sogar noch einen Schritt weiter gehen und gestehen: Was Gott meinem Geschäft gegeben, ist Segen, und was Er ihm versagt, ist auch Segen. Alles ist Segen, und er - ein Gesegneter des Herrn! Wohl uns daher, daß der Herr aus großer Gnade uns die Erlaubniß gegeben hat, Ihn um Alles anzugehn, Ihm auch unsere äußern Bedürfnisse vorlegen zu dürfen und daß wir Ihm täglich kommen und wieder kommen können mit der zutrauensvollen Bitte: „gieb uns unser täglich Brod, Du bist es allein, der es uns geben kann-, Du bist es auch allein, der es uns wahrhaft giebt -, o gieb es uns, so viel wir bedürfen.“ Und: „gieb es uns heute.“ Ein neuer Glaubensartikel! Heute! Das will viel sagen. Das kann nicht Jeder sprechen, sondern nur, wer Glauben hat. Der ungläubige, geizige Mensch denkt an morgen, und nicht nur an morgen, sondern an viele ferne Jahre hinaus, und darum ist sein Leben ein ängstliches und sorgenvolles Leben. Unter dem Vormunde, sich so viel wie möglich sicher zu stellen, kommt er nie zur Ruhe und zum Frieden, und hängt sein Herz immer an die Gabe, und nimmer an den Geber. Das will der Herr aber nicht haben, Er möchte den Seinen vielmehr ein sorgenfreies, leichtes, wohlgemuthes Leben bereiten; darum sagt Er: „Sorget nicht für den andern Morgen, es ist genug, daß ein jeder Tag seine eigne Plage habe.“ (Matth. 6, 34.) Ja, selbst die tägliche Sorge lehrt Er uns auflegen auf unsern Vater, indem Er uns gebietet zu beten: „Unser täglich Brod gieb uns heute,“ denn für morgen wird Gott auch sorgen, der die Raben unter dem Himmel ernährt, der die Lilien auf dem Felde kleidet schöner als Salomo sich kleidete in aller seiner Herrlichkeit, der das Kleinste in der Natur unter seine Obhut nicht minder nimmt wie das Größte, wird uns nicht verlassen und versäumen. Giebt Er uns den morgenden Tag, so wird Er uns auch das Brod für morgen geben und es uns an unserm Auskommen .nicht mangeln lassen -, denn das Leben ist mehr als die Speise, und der Leib mehr als die Kleidung. Der für unsere Seele alle Tage reichlich den Tisch deckt, Er wird auch das Werkzeug und die Hülle der Seele, unsern Leib, nicht darben lassen. Ueberdies wer unter uns weiß es denn, ob er noch den morgenden Tag erleben wird? Wie thöricht daher jedes Aengsten und Sorgen um etwas, das so unsicher und ungewiß wie möglich ist! Wer nicht beten kann mit ganzer Seele: „Unser täglich Brod gieb uns heute,“ sondern es gern heute schon für morgen und übermorgen und alle künftigen Tage seines Lebens auch hätte: der verräth dadurch, daß er nicht Herr seiner irdischen Bedürfnisse, sondern Knecht derselben ist; daß er, der göttlichen Geschlechts ist und wie ein Kind Gottes, ja, wie ein Fürst durch die Welt schreiten könnte, wie ein armer Bettler durchs Leben geht. Hilf uns denn, o Herr, Gebrauch machen von dem hohen Vorrechte, welches in und mit diesem Gebet Du uns anvertraut hast; hilf uns abthun alle eigengemachten Sorgen und sie in Deine Hand legen, der sich selbst uns anbietet, sie für uns zu tragen; hilf uns freuen in Dir, der Du uns versorgen willst in allen Dingen, falls wir mit treuer Erfüllung unseres Berufs unsere Bitte mit Gebet und Flehen und Danksagung vor Dir kund werden lassen. An der Hand unseres himmlischen Vaters, der reich ist über alle, die Ihn anrufen, und in treuer Liebe keinen Hungrigen oder Nackenden vergißt, dessen Brünnlein Wassers die Fülle haben und dessen Scheuern nie leer werden, und der Morgen eben so gewiß lebt wie heute, können wir ja so glücklich und sorgenfrei leben wie möglich: warum wollten wir uns selbst ohne Noth das Leben schwer machen? Nein, im Glauben wollen wir sprechen: Unser täglich Brod gieb uns heute, fest überzeugt, daß, so lange es heute heißt, d. h. alle Tage unseres Lebens, wir erhalten werden, was wir brauchen. Jeder Tag ist ein neues Heute, und an jedem solchen Heute können wir bitten, an jedem solchen Heute werden wir empfangen.

3.

Die Demuth bittet also nur um das nöthige Brod, der Glaube bittet nur für heute, und weiß, was er bittet, wird ihm Gott geben: wo aber Demuth und Glaube im Herzen wohnen, da kann die Tochter des Glaubens, da kann die Schwester der Demuth auch nicht zurückbleiben, sie muß ihren Theil gleichfalls an der Bitte haben, und wie lautet ihr Theil? Die Liebe betet: „Unser täglich Brod gieb uns heute.“ Die Liebe schließt eben so sehr den Eigennutz aus, als die Selbstsucht; sie wünscht nicht nur nichts für sich allein, sie behält auch, was sie hat, nicht allein, und darum offenbart sie sich jederzeit als fürbittend und mittheilend.

Nur zu leicht setzt sich bei dem Menschen der Fehler fest, daß er eigennützig nur für sich sorgt, gern bei sich denkt oder spricht: wenn ich nur mein täglich Brod habe! Das ist nicht allein der Geizigen und Neidischen Unart, sondern mehr oder weniger aller Menschen Unart, und deren giebt es wenige, weit geförderte auf der Welt, die zuerst an Andere und zuletzt an sich selbst denken. Die Regel lautet: ein jeder ist sich selbst der Nächste! Das wußte auch Jesus, der Herzenskundiger; darum kleidete Er die vierte Bitte so ein, daß wir immer dabei gleich auch an Andere denken müssen: „gieb uns unser Brod.“ Und es ist gewiß nicht ohne Grund geschehen, daß Er die drei ersten Bitten anfangen ließ mit Dein und die vier folgenden erst mit unser; denn nur der Mensch, der Gottes Wesen erkannt, anerkannt und bekannt hat, der dadurch seines Reiches theilhaftig geworden ist und nun nur an das Eine denkt, daß Gottes Wille von und an ihm geschehe auf Erden wie im Himmel, ist im Stande alle Eigensucht zu opfern, und aus Liebe zu Christo alle Menschen als Brüder zu lieben. Erst muß es heißen: Dein, erst muß der Mensch sprechen können: ich bin Dein und Du bist mein: dann kann er auch die Sache seiner Brüder zu der seinigen machen und den rechten Gemeingeist und Liebessinn für Alle empfangen, der da fortfährt: unser. Und solch ein fürbittendes Gebet für die Noth und die Bedürfnisse Anderer, für die Kranken und Armen, für die Wittwen und Waisen, für die Hülflosen und Hülfsbedürftigen unter seinen Brüdern und Schwestern ist das rechte Gebet der Liebe; damit segnet sie am meisten ihre Mitpilger und Genossen auf der Erde; damit streckt sie ihre Arme hülfreich auch dahin, wo sie äußerlich in der That nicht wirken kann. Wer noch nie auf solche Weise zu Gott gebetet hat, der hat noch nie wohlgefällig gebetet. Wer aber begönnen hat: „Unser Vater in dem Himmel,“ der muß auch fortfahren: Unser täglich Brod gieb uns heute.

Indem wir aber so bitten, bezeugen wir zugleich unsere Bereitwilligkeit, von dem, was Gott uns geben werde, auch unsern Mitbrüder n nach Möglichkeit mitzutheilen, treten vor Gott nicht nur für uns und in unserm Namen, sondern im Namen des ganzen Menschengeschlechtes, und erinnern uns an unsere Pflicht, daß, wie Gott unser sich erbarmt, wir auch gleichermaßen uns unter einander erbarmen wollen. Wehe, wenn wir es haben und wir verschließen die Thür vor dem, welcher bittet, und ziehen die Hand zurück von dem, welcher ruft: „Gieb.“ Die Schrift legt ein ganz außerordentliches Gewicht auf die Barmherzigkeit und spricht mit gewaltiger Bestimmtheit: „Gott wird ein unbarmherziges Gericht über den gehen lassen, der nicht Barmherzigkeit gethan hat. (Jac. 2, 13.) Was wir nicht gethan einem unter den Geringsten, das haben wir auch dem Herrn nicht gethan.“ Wer einen Lazarus sieht und sich seiner nicht erbarmt, der wird dereinst auch kein Erbarmen finden, weder in der Stunde des Todes, noch am Tage des Gerichts. Denn so oft wir Lazarum von uns stoßen, stoßen wir keinen geringeren von uns als Christum, unsern Herrn und Mittler, unsern Richter und Versöhner. Christus ist es. der, als Lazarus, bald hungrig erscheint und spricht: speise mich; bald durstig, und spricht: tränke mich; bald nackt, und spricht: kleide mich; bald heimathlos, und spricht: nimm mich auf; bald verlassen und spricht: tröste mich. Wehe dir, wenn du Christum von dir stießest und „Nein“ sagtest, wo du „Ja“ sprechen könntest! wenn Gott dich segnet mit allerlei Segnungen und Wohlthaten, und du legtest sie nieder in deinen Kasten, wo sie niemanden nützen und nur den Dieben bewahrt werden oder lachenden Erben, legtest aber nichts nieder in den Gotteskasten, der für die Armen und Notleidenden auf deine füllenden Hände wartet! Jede Bitte: „unser täglich Brod gieb uns heute,“ wäre ein Vorwurf für dich und eine Anklage für dein Gewissen. Wahrlich, nicht zum Zeitvertreib oder als Abwechselung, als pikante Redensart steht das Wort geschrieben: „Gebet, so wird euch gegeben; ein voll, gedrückt, gerüttelt und überflüssig Maaß wird man in euern Schooß legen.“ (Luc. 6, 33.) Es ist nicht Uebertreibung und Erdichtung, wenn es heißt: „Wer sich des Armen erbarmet, der leihet dem Herrn, der wird ihm wieder Gutes vergelten.“ (Spr. 19, 17.) Der Segen des Armen, dem wir helfen und der als Dank uns „ Gottes Lohn“ wünscht, hat etwas zu sagen und zu bedeuten. Wollen wir Brod haben, so müssen wir Brod geben; denn Armen geben armet nicht; wer da giebt, dem wird gegeben, und ein solcher Brodkorb wird nimmer leer.

O vielumfassendes, inhaltreiches Gebet: „Unser tägliches Brod gieb uns heute!“ Es ist eben so reich an Gedanken, als es einfach in Worten ist. Es schließt eben so gewiß alle Vorrathskammern Gottes auf, als es sich zu begnügen scheint mit dem Allerunentbehrlichsten und Nöthigsten. Wie viel würde uns fehlen, fehlte uns diese Bitte im Vater Unser! Gott gebe uns Demuth, Glauben, Liebe: dann werden wir verstehen, was es heißt, um das nothdürftige Brod bitten, und erfahren, was David aus eigner Erfahrung bezeugte: „Die Reichen müssen darben und hungern, aber die den Herrn suchen, haben keinen Mangel an irgend einem Gute.“ (Ps. 34, l l.)

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