Anselm von Canterbury - Meditationen Auf Misericordias Domini.

Anselm von Canterbury - Meditationen Auf Misericordias Domini.

Siehe, allmächtiger Gott, Vater meines Herrn, gedenke meiner in Gnaden, erbarme dich meiner, denn das Köstlichste, was ich finde, habe ich dir demüthig zu Füßen gelegt und flehend dir das Theuerste angeboten, was ich habe finden können. Nichts weiter kann ich deiner Majestät vorstellen, nichts mehr vermag ich hinzuzuthun, weil ich all mein Hoffen auf dich gestellet habe. Als meinen Fürsprecher habe ich dir vorgestellt deinen geliebten Sohn, deinen glorreichen Sohn, als Mittler zwischen dir und mir, der mich vertritt, durch den ich glaube Barmherzigkeit zu erlangen. In meinen Worten habe ich dir das Wort vorgestellt, das auch für meine Missethaten in die Welt gesandt ist. Ich habe dir vorgezählet die Leiden deines heiligsten Eingebornen, die er, wie ich glaube, auch für mich erduldet hat. Ich glaube, daß dein von dir gesandter Sohn in seiner göttlichen Natur meine menschliche Natur an sich genommen hat. In ihr hielt er es nicht für unwerth, Schläge, Bande, Speichel und Spott zu erdulden, ja selbst das Kreuz auf sich zu nehmen und mit Nägeln und mit dem Speere sich durchbohren zu lassen. Diese meine Menschheit, die zerrüttet war durch das Wimmern ihrer Kindheit, verkommen im Knabengewande, gequält durch den Schweiß des Jünglingsalters, abgezehrt durch Fasten, erschöpft durch Wachen, ermattet durch Wanderungen, zermartert durch Todesqualen, verunreinigt durch Gemeinschaft mit Todten, hat er, nach ihrer glorreichen Auferstehung, mit der Freude des Himmels umkleidet und zur Rechten deiner Herrlichkeit erhöhet. Er ist meine Versöhnung und mein Fürsprecher.

Siehe in Gnaden an, welchen Sohn du gesandt und welchen Knecht du losgekauft hat. Schaue an den Meister und verachte nicht sein Werk. Umfasse mit Freuden den Hirten und blicke voll Erbarmen das Schaf an, das er in seinen eigenen Armen dir dargebracht hat.

Er ist der treueste Hirt, der unter vieler Arbeit und Mühe das Schäflein gesucht hat, das schon lange in den Schluchten der Berge und in den Abgründen der Thäler in der Irre ging; der es endlich gefunden, als es vom langen Irrsal ermattet und schon dem Tode nahe war; der es mit Freuden auf seine Achsel gelegt, von dem Abgrunde des Verderbens gerettet und in wunderreichem Liebesmühen das eine verlorne zurückgetragen hat zu den neunundneunzig.

Siehe, mein Herr und König, allmächtiger Gott, siehe der gute Hirte bringt zu dir zurück, was du ihm anvertraut hat. Auf dein Geheiß übernahm er es, den Menschen zu erlösen, den er dir, nun von Sünden rein, wiederbringt. Er, dein lieber Sohn, hat dein Geschöpf dir versöhnt, das von dir abgewichen war, der sanftmüthige Hirt bringt zu deiner Heerde das Schäflein zurück, das ein grausamer Räuber von dir weggetrieben hatte. Vor dein Angesicht bringt er den Knecht, den ein schuldbeladenes Gewissen in die Flucht getrieben hatte, um ihm Verzeihung zu erwirken. Hätte er nicht die Genugthuung geleistet, würde dem Armen nur die Strafe der Hölle geblieben sein, doch nun um des Fürsprechers willen darf er gewiß sein, wieder in das Vaterland zurückgerufen zu werden. Wohl konnte ich dich, Heiliger Vater, erzürnen, aber ich vermochte es nicht, durch mich selbst dich wieder zu versöhnen. Dein geliebter Sohn, mein Gott, ist mein Helfer und Beistand geworden, meine Schwachheit dadurch zu heilen, daß er an meiner menschlichen Natur Theil nahm und dir für den, der deinen Zorn verschuldet hatte, das Opfer darbrachte, durch welches er mich deiner Gnade werth darstellte. Er sitzet zu deiner Rechten und zeigt dir, daß er meines Wesens ewiglich theilhaft worden ist. Du bist meine Hoffnung, du meine Zuversicht immerdar.

So du mich, wie ich es verdient habe, mit Zorn ansehen willst, so siehe mich doch erbarmend an aus Liebe zu deinem Sohne. Richte deine Augen auf deinen Sohn, damit du dem Knechte Gnade erzeigest; siehe an das Opfer für das Fleisch und vergib die Sünden des Fleisches. So oft du blickest auf die offenen Wunden deines gnadenreichen Sohnes, laß meine Missethaten verborgen sein vor deinen Augen. So oft das theure Blut, das aus seiner Seite geflossen, vor dir glänzet, laß den Schmutz meiner Unreinigkeit abgewaschen sein. Und weil das Fleisch das Feuer deines Zornes angezündet hat, laß Sein Fleisch dich bewegen zur Barmherzigkeit, und wie mich mein Fleisch zur Sünde verführet hat, so führe mich Sein Fleisch zur Sündentilgung. Denn viel Strafe hat meine Sünde verdient, aber die Gerechtigkeit meines Erlösers erfordert viel Gnade. Groß ist meine Ungerechtigkeit, viel größer aber ist seine Gerechtigkeit. So viel Gott höher ist, denn der Mensch, so viel ist meine Sünde niedriger, denn Gottes Erbarmen.

Was kann nun ein Mensch sündigen, daß solche Sünden nicht der Mensch gewordene Sohn Gottes tilgen könnte? Wie hoch auch ein Stolz sich erhebt, solche Demuth wirft ihn zu Boden. Wie groß auch die Gewalt des Todes ist, der Kreuzestod des Sohnes Gottes zerstört sie. Ja, mein Gott, wenn die Thaten des sündigen Menschen und die Gnade seines Erlösers auf rechter Wage abgewogen würden, so ergäbe sich ein Unterschied größer als der zwischen Aufgang und Niedergang, zwischen den untersten Orten der Hölle und dem äußersten Rande des Himmels.

So vergib mir denn, gütigster Vater des Lichts, vergib mir meine Sünden um des unermeßlichen Leidens deines geliebten Sohnes willen. Für seine Heiligkeit werde meine Unheiligkeit, für seine schwere Last mein Leichtsinn, für seine Sanftmuth meines Herzens Härtigkeit gegeben. Seine Demuth bezahle und tilge meinen Stolz, seine Geduld meine Ungeduld, seine Güte meine Hartherzigkeit, sein Gehorsam meinen Ungehorsam, ein Friede meine Unruhe, seine Liebenswürdigkeit meine Bitterkeit, seine Langmuth meinen Zorn, seine Barmherzigkeit meine Unbarmherzigkeit.

Du, o Jesu, bist mein gütiger Herr, mein großer König, mein guter Hirt, mein einziger Lehrer, mein bester Helfer, mein schönster Bräutigam, mein lebendiges Brot, mein ewiger Hoherpriester, mein Führer zum Vaterlande, mein wahres Licht, meine heilige Wonne, mein rechter Weg, meine herrliche Weisheit, meine keusche Einfalt, meine friedsame Eintracht, mein sicherer Schutz, mein gutes Theil, mein ewiges Heil, meine große Barmherzigkeit, meine Kraft verleihende Geduld, mein unbeflecktes Opferlamm, meine heilige Erlösung, meine feste Hoffnung, meine vollkommene Liebe, meine wahrhaftige Auferstehung, mein ewiges Leben, mein Frohlocken und der ewig währende Gegenstand seliger Anschauung. Ich bitte dich und flehe zu dir, laß mich durch dich wandeln, zu dir kommen, in dir ruhen, der du der Weg, die Wahrheit und das Leben bist, ohne welchen Niemand zum Vater kommt. Nach dir verlangt mich, nach dir, du süßester und schönster Herr!

O Abglanz der Herrlichkeit des Vaters, der du thronest über Cherubim und herabblickest in die Tiefe, du wahrhaftiges Licht, das alle Welt erleuchtet, in dem kein Wechsel ist, in das die Engel zu schauen gelüstet, siehe, mein Herz ist vor dir, vertreibe daraus die Finsterniß und erfülle es mit der Klarheit deiner Liebe. Gib dich mir, gib mir dich wieder, mein Gott, siehe, ich liebe dich, und ists zu schlecht, so laß mich dich stärker lieben. Ich vermag nicht zu ermessen, wie viel meiner Liebe noch fehlt, um so stark zu sein, daß mein Leben in deinem Liebesumfangen dahinfließt und nicht sich abwendet, bis es verborgen ist in dir. Das aber weiß ich, daß mir übel zu Muthe ist, nicht allein in äußerlichem Schmerze, sondern auch in der Tiefe meines Herzens. Aller Reichthum außer dir ist für mich Armuth.

Denn du allein bist das Gut, das weder abnehmen noch zunehmen kann. Dein Leben ist lauter Seligkeit, weil du die Seligkeit selber bist. Deinem Geschöpfe hingegen ist Leben und Seligsein ein verschiedenes Ding. Beides, sein Leben und seine Seligkeit, hat es nur deiner Gnade zuzuschreiben. Wir bedürfen deiner, du bedarfst nicht unserer, weil dir nichts an der Vollkommenheit des Gutes, das du selber bist, mangeln würde, auch wenn wir nicht wären. Darum müssen wir dir, unserm Herrn, immerfort anhangen, damit wir durch deine beständige Hülfe heilig und fromm und rechtschaffen zu leben vermögen.

Durch die Last unserer Gebrechlichkeit werden wir darniedergedrückt, deine Gnadengabe aber ist es, daß wir entzündet und emporgehoben werden, daß wir in Liebe erglühen und wandeln. Wir fahren auf im Geiste und singen dir Loblieder, wir entbrennen durch deine heilige Gluth und wandeln.

Wohin? Wir eilen empor zu dem Frieden Jerusalems. Ich freue mich des, das mir geredet ist, daß wir werden in das Haus des Herrn gehen. (Ps. 122, 1) Dein gnädiger und guter Wille hat uns also geführet, daß wir nichts Anderes wollen, als dort in Ewigkeit bleiben. So lange wir aber im Fleische wandeln, wallen wir fern von dir, unserem Herrn. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir; unser Vaterland ist im Himmel.

Darum gehe ich unter deinem Gnadenbeistande in das Kämmerlein meines Herzens und singe dir, mein König und mein Gott, heilige Lieder der Liebe; ich seufze in unaussprechlichen Seufzern in einem fremden Lande, wo ich singen kann von deinem Heile, das mir widerfahren ist. So oft ich an Jerusalem gedenke, steht die Sehnsucht meines Herzens dahin; nach Jerusalem, meinem Vaterlande, nach Jerusalem, meiner Mutterstadt, nach dir, der du sie beherrschest, erleuchtet, ihr Vater bist, ihr Beschützer, ihr Schirmherr, ihr Hirte; nach den reinen und großen Ergötzlichkeiten, nach der dauernden Freude und den unaussprechlichen Gütern, die dort allzumal gefunden werden, weil du ja das Eine, höchste, wahre Gut bist. Und ich wende mich nicht davon ab, bis du mich zu dem Frieden dieser meiner geliebten Mutterstadt, in der die Erstlinge meines Geistes sind, sammelt, bis du meinen Geist jammt Seele und Leib aus der Fremde und von dieser häßlichen Gestalt erlösest, mich neu gestaltet und verklärest in Ewigkeit, mein Gott und meine Barmherzigkeit. Amen.

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