Wiegmann, Karl - Euer Ruhm ist nicht sein.

Wiegmann, Karl - Euer Ruhm ist nicht sein.

Beichtrede in der Osterzeit gehalten über 1. Kor. 5, 6

von K. Wiegmann, Pfarrer in Mount Vernon (Indiana).

„Euer Ruhm ist nicht sein (1. Kor. 5, 6).“ Das ist der Gruß, mit welchem St. Paulus heute die Ostergemeinde in heiligem Ernste begrüßt. Ist denn das auch ein passender und willkommener Ostergruß? Fröhliche Loblieder sind bereits zu Ehren des Auferstandenen erklungen, mit Freuden ist auch in unsrer Mitte vom Sieg gesungen worden (cf. Psalm 118, 15), und nun soll auf die frohe Botschaft, die wir vernommen, ein solch scharfer Ausspruch folgen? Wundert euch das, meine Teuren? Was ist denn der Zweck unsers Beisammenseins? Warum sind wir hier im Hause Gottes, nachdem bereits der Segen gesprochen ist, zurückgeblieben? Ist's nicht, um Ostern zu halten am Abendmahlstisch des Herrn? Und wenn wir an dem heiligen Mahle teilnehmen und das Wort Gottes zuvor zu uns reden lassen wollen, erwarten wir ja keine Schmeichelei. Nicht an unsere guten Werke, nicht an unsere guten Eigenschaften, nicht an unsere Vorzüge wollen wir uns da erinnern; da heißt es vielmehr: „Ich gedenke heute an meine Sünde (Gen. 41, 9).“ Und wenn wir unsrer Sünde gedenken oder Gottes Wort uns dieselbe vorhält, dann ergeht denn auch an uns das Strafwort:

Euer Ruhm ist nicht sein!

1.

„Der Mensch prüfe sich selbst,“ mahnt der Apostel (1. Kor. 11, 28), „und also esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch!“ Das wollen wir denn auch tun. Das liebe Osterfest verkündigt uns nicht bloß die Freudenbotschaft: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden (Luk. 24, 34)!“, sondern es hält uns auch die ernste Mahnung vor: „Steh' aus dem Grab der Sünden auf!“ Der Auferstandene ruft uns nicht bloß zu: „Ich lebe!“, sondern auch: „Ihr sollt auch leben (Joh. 14, 19); ihr sollt in einem neuen Leben wandeln (Römer 6, 4).“ Da müssen wir uns denn wohl fragen: Wie sieht's aus? Haben wir das getan? Aus dem Grab der Sünden auferstehen und in einem neuen Leben wandeln ein wenig anders gestaltet, lautet dieselbe Mahnung: wir sollen als lebendige Christen vor ihm, unserm Herrn und Heiland, im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe wandeln. Unser Lebenslauf soll predigen: Das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden (2. Kor. 5, 17). Was lehrt uns nun der Blick in die Vergangenheit? Wie steht's um den Glauben und die Hoffnung? Wir haben unsere Wege kindlich dem Herrn befohlen und uns unter seine gewaltige Hand beugen sollen (Psalm 37, 5; 1. Petri 5, 6); alles hat uns zum besten dienen sollen (Röm. 8, 28), Freude wie Leid. Trübe Tage sind nicht ausgeblieben, bittere Erfahrungen blieben uns nicht erspart. Haben wir gläubig zu dem emporgeschaut, der im Regimente sitzt und wohl weiß, was uns, seinen Kindern, ersprießlich ist? Ach, wie oft haben wir wider seine Führung gemurrt und nicht glauben wollen, dass der Rat des Herrn es herrlich hinausführt (Jes. 28, 29)! Wie oft haben wir geklagt und geseufzt über schlechte Zeiten, über Kreuz und Leid, über Widerwärtigkeit und Verdruss, über Täuschungen und Entbehrungen! Und doch hätten wir über uns selbst und über unsere Sünde murren und klagen und mit dem Heiland in Gethsemane sprechen sollen: Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe! und in unserm Herzen sollte es heißen:

Mein Herz ist vergnüget
Mit dem, wie's Gott füget,
Nimmt's an, wie es geht!

Meine Lieben, wenn wir zu unsrer Beschämung gestehen müssen, dass es uns am kindlichen Glauben, Hoffen und Vertrauen so oft gemangelt hat, so müssen wir damit zugleich einsehen, dass noch viel an einem neuen Leben in Christo gefehlt hat, und es kann uns nicht wundern, wenn Gottes Wort uns strafend zuruft: Euer Ruhm ist nicht sein!

Und nun die Liebe! Wie steht's darum? Was lehrt uns die Vergangenheit? Lasst uns ihn lieben, denn er hat uns erst geliebt! Ein neu Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebet. So mahnt uns die Schrift (1. Joh. 4, 19; Joh. 13, 34). Haben wir die Mahnung befolgt? Meine Lieben, können wir's leugnen, dass unsere Liebe zu ihm, der alles für uns dahingegeben, schwach war? Wie wenig haben wir für ihn getan, wie viel über ihn gestellt, wie wenig seine Gebote gehalten, wie vielfach unsern eigenen Willen unser höchstes Gebot sein lassen! Halt im Gedächtnis Jesum Christum (2. Tim. 2, 8)! mahnte uns die Osterzeit schon so oft, und unsere Hauptgedanken waren auf uns selbst gerichtet. - Und die brüderliche Liebe, ach, müssen wir nicht unsrer Lieblosigkeit gedenken? Wie manches böse Wort entfloh unsern Lippen und kränkte den Mitbruder! Wie manchmal saßen wir über ihn zu Gericht, statt der eigenen Schuld zu gedenken! Wie manche Regung des Neids, des Zorns, des Hasses zeigte sich! Wie selten war die lautere Barmherzigkeit, das innige Mitleid! Wie unversöhnlich zeigten wir uns oft, statt allen Ernstes das Wort des Heilands zu bedenken: Wo ihr den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater eure Fehler auch nicht vergeben (Matth. 6, 15), statt zu beten:

Lass mich, der ich dein Jünger bin,
Nach Fried' und Eintracht streben!

Meine Lieben, wenn wir bekennen müssen: es fehlt noch so viel, bis wir in der Liebe Jesu vollkommen sind, wir mangeln des Ruhmes, den wir an Gott haben sollten (Röm. 3, 23), wir haben den Friedensgruß des Auferstandenen (Joh. 20, 21) so oft unbeachtet gelassen; wenn wir bitten müssen: Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knechte (Ps. 143, 2)!, so müssen wir damit zugleich gestehen, dass noch viel an einem neuen Leben in Christo gefehlt, und es kann uns nicht wundern, wenn Gottes Wort uns heute strafend zuruft: Euer Ruhm ist nicht sein!

2.

Der Gedanke daran beugt uns in den Staub. Mühselig und beladen sind wir hier erschienen, „Es reut uns unsere Missetat, die den Herrn erzürnet hat.“ So heißt's in unserm Herzen. Da ruft uns denn Ostern wiederum zu: Steh' auf und wandle in einem neuen Leben, damit du einen besseren Ruhm empfängst! Doch wer tilgt die alte Schuld? Wer nimmt die Last von unserm Gewissen, die uns drückt? Wer will das Alte hinwegnehmen, dass alles neu werde? Wer gibt uns Kraft, das Sündengrab zu verlassen, und in einem neuen Leben zu wandeln? Wer schafft uns einen feinen Ruhm?

Wir haben auch ein Osterlamm, das ist Christus, für uns geopfert (1. Kor. 5, 7), predigt uns das liebe Osterfest. Wir haben ein Osterlamm, Christus. Dieses Lamm hat auch unsere Sündenschuld getragen. Die Passionszeit, die hinter uns liegt, hat uns wieder gepredigt: Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen; die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt (Jesaias 53). Wenn wir mit jenem alten Sang von Herzen gesprochen:

Hier liegt vor deiner Majestät
Im Staub die Christenschar,
Das Herz zu dir, o Gott, erhöht,
Die Augen zum Altar:
Schenk' uns, o Vater, deine Huld,
Vergib uns unsere Sündenschuld!
Gott, von deinem Angesicht
Verstoß uns arme Sünder nicht!,

so soll die Antwort auf solches Flehen auch nicht ausbleiben. Da ruft uns unser Osterlamm das Trostwort zu: Lass all dein Trauern schwinden, ich tilg' all deine Sünden!

Als Unterpfand seiner versöhnenden Gnade, seiner vergebenden Liebe hat er das heilige Abendmahl eingesetzt, zu dessen Feier wir hier versammelt sind. Die Augen zum Altar! Da wird uns wiederum der heilige Leib des Osterlamms dargereicht, für uns gebrochen, und der Kelch des Neuen Testamentes in seinem heiligen Versöhnungsblut, für uns, und für viele vergossen zur Vergebung der Sünden. Dies heilige Mahl strömt uns Kraft zu, Kraft aus der Höhe, die Kraft, die wir bedürfen, um in einem neuen Leben wandeln zu können, um der Sünde immer besser absterben und immer völliger entsagen zu können, so dass wir mit dem heiligen Manne Gottes sprechen dürfen: Christus lebt in mir (Gal. 2, 20). Da werden Glaube, Hoffnung und Liebe sich immer lieblicher in unserm Herzen und Leben entfalten und ihre Macht offenbaren können, denn wir vermögen alles durch den, der uns mächtig macht, Christus (Phil. 4, 13). Da wird unser Herz in uns brennen in einem heiligen Liebesfeuer und wir frohlocken: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn (Römer 8, 39). Und wenn wir auch noch manchmal daheim in unserm Kämmerlein und hier im Gotteshause uns demütigen müssen, unsrer Schuld eingedenk, und wenn die Erinnerung an unsere vielen Versäumnisse und Übertretungen noch manchmal ein Strafwort mit sich bringt, wie der heutige Beichttext ein solches ist: Euer Ruhm ist nicht sein, so wissen wir doch auch, durch wes Wunden uns Heilung zufließt, und wir fliehen zu dem Osterlamm Christus, für uns geschlachtet, zu dem wir auch jetzt kommen und sprechen: Heile du mich, o Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen; denn du bist mein Ruhm! (Jeremias 17, 14).

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