Walz, Johann Heinrich Christian Carl - Predigt am zweiten Advent
Luk. 17, 20-30.
Da er aber gefragt ward von den Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes? antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden. Man wird auch nicht sagen: Sieh hier, oder, da ist es. Denn seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch. Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, dass ihr werdet begehren zu sehen Einen Tag des Menschen Sohnes; und werdet ihn nicht sehen. Und sie werden zu euch sagen: Sieh hier, siehe da. Geht nicht hin, und folgt auch nicht. Denn wie der Blitz oben vom Himmel blitzt, und leuchtet über alles, das unter dem Himmel ist; also wird des Menschen Sohn an seinem Tage sein. Zuvor aber muss er viel leiden, und verworfen werden von diesem Geschlecht. Und wie es geschah zu den Zeiten Noahs, so wird es auch geschehen in den Tagen des Menschen Sohnes. Sie aßen, sie tranken, sie freiten, sie ließen sich freien, bis auf den Tag, da Noah in die Arche ging, und kam die Sündflut, und brachte sie alle um. Desselben gleichen, wie es geschah zu den Zeiten Lots: sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten; an dem Tage aber, da Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel, und brachte sie alle um. Auf diese Weise wird es auch gehen an dem Tage, wann des Menschen Sohn soll offenbart werden.
Geliebte im Herrn! „Jesus Christus gestern, heute und derselbige in Ewigkeit!“ so hat die gläubige Gemeinde über der Pforte des neuen Kirchenjahrs gelesen. Sie weiß, dass ihr Herr derselbe bleibt und dass seine Gnade alle Morgen über ihr neu ist; denn „bei ihm ist keine Veränderung noch Wechsel des Lichtes und der Finsternis.“ Dieses gibt ihr aber auch die Geduld, welche fest bleibt bis ans Ende, von der einst die Ewigkeit rühmen wird: „Siehe, hier ist Glaube und Geduld der Heiligen! Sind die Menschen sonst oft in einer fieberhaften Hast und in einem ruhelosen Rennen und Laufen drinnen, so macht der Glaube das Herz stille und lehret harren und hoffen.
Wir leben in einer aufgeregten Zeit. Neues bringt fast jeder Tag. Zuweilen ist es das aufblitzende Licht einer sogenannten neuen Idee oder einer Entdeckung, oder man stürzt sich auf die täglich frische Ware der Zeitung und verschlingt sie mit Heißhunger. Diese beständige Spannung des Geistes lässt gar viele Unzufriedene in eine unruhige Erwartung hineingeraten, als ob das Glück oder der Umschwung der Dinge auf einmal kommen werde. Überschwängliche Zukunftshoffnungen werden genährt und sind doch reine Lustgebilde! Hüten wir uns, dass wir nüchtern bleiben und nicht jenen falschen Propheten glauben, die da rufen: Jetzt wird es Tag! als ob wir alle bis dahin im Finstern gesessen hätten! - noch jenen Schwärmern in die Hände fallen, die da sagen: Siehe hier! siehe da! und aus allerlei Zeichen der Zeit wahrsagen.
Solchen Zeichendeutern gegenüber ist der Christ misstrauisch. Er prüft die Geister, ob sie aus Gott sind und glaubt nicht jedem Geiste. Dennoch ist er kein kühler und gleichgültiger Beobachter der Zeit. Nein, sein ganzes Herz bewegt sich, wenn er des gedenkt, dass Gottes Stadt fest gegründet ist auf heiligen Bergen, so dass ihre Bürger sich nicht zu fürchten brauchen, wenn auch ein Heer sich wider sie lagert. Begeisterter kann niemand sein als er, wenn er im Vollgefühl des Sieges ausruft: „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ Ja er glaubt! d. h. er nimmt das, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, für wahr und wirklich; aber das gerade, was die Augen sehen und die Hände betasten, das ist ihm Sinnentrug, der einmal zu Staub und Asche werden muss. Also glaubt er an das Reich Gottes, das noch kein Sterblicher gesehen hat, und dem doch alle frommen Herzen zufallen. Er weiß zwar, dass es nicht kommt mit äußerlichen Gebärden, aber er schwört darauf, dass es bereits „inwendig“ in den Gläubigen ist, wo es wie ein Samenkorn sich vorbereitet zu der herrlichen Entfaltung, die ihm der einst verleihen wird, der da kommen wird in den Wolken des Himmels und sichtbar aufrichten vor unseren Augen das Reich des ewigen Vaters. O lasset uns solche Gläubige sein, welche die Doppelart des Reiches Gottes verstehen und ehren. Denn
I. der Gläubige hegt und trägt es zunächst still in sich;
II. er hat daher Geduld;
III. und sieht seine Hoffnung einst herrlich in Erfüllung gehen.
O Herr, dein Reich komme! Amen.
I.
In der Stille des Herzens hegt und trägt der Gläubige das Reich Gottes. Darum waren jene Pharisäer, die Jesum fragten: „Wann kommt das Reich Gottes?“ keine Gläubige. Wollten sie doch wie Thomas erst sehen und dann glauben, wollten sie doch das Kommen des Reiches an den „äußerlichen Gebärden,“ den Zeichen der Zeit, dem Geräusche der Begebenheiten, an allerlei Wunder und Zeichen vom Himmel merken. Aber im Lärme des Marktes hört man nichts von dem ewigen Reiche, der wachsende Verkehr ist noch kein Anzeichen desselben, und der Glanz der Königskrone oder die Pracht des Priesterdiadems beweist noch nichts dafür: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier, oder da ist es! denn seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Dies mache uns in unsern Erwartungen für diese Weltzeit nüchtern und bescheiden. So wenig wie ein Christ den Prophezeiungen eines angeblich nahen Weltuntergangs glaubt, so wenig lässt er sich durch die geräuschvollsten und gewaltigsten Weltereignisse täuschen. Kein Kampf z. B. zwischen Völkern bringt uns das Reich Gottes. Denn nicht Pulver und Blei entscheiden die Schlachten, welche Jesus Christus gewinnt. Er siegt nur da, wo sich Menschen in Buße ihm beugen und im Glauben an ihm sich aufrichten. So werden auch seine Siege nicht durch Triumphbogen und Lorbeerkränze gefeiert, sondern durch Jubellieder, welche gehen in dem Tone: „Lobe den Herrn, meine Seele“. Die Welt will große Dinge vor Augen haben. Der Christ erlebt sie an sich. „Er hat Großes an mir getan, der da mächtig ist, und des Name heilig ist“, so rühmt er mit Maria.
So magst du denn, lieber Christ, hieran merken, dass das Reich Gottes nicht die Aufgabe hat, die Welt zu verklären, d. h. ihr einen neuen, schönen, hellen Anstrich zu geben, sondern „unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Das Reich Gottes ist darum in die Welt gekommen, dass es sie als Welt d. h. als Vergänglichkeit erweise und hinstelle. Es soll Licht scheiden von der Finsternis, Geist von Fleisch und die Menschen zur Entscheidung drängen: für oder wider Christum! „Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, darum dass er nicht glaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.“
Man klagt heute das Christentum an, es sei zwar schon beinahe 2000 Jahre in der Welt, aber es habe die Welt noch nicht mit seiner Kraft erfüllt, Not und Elend nicht abgeschafft und - kurz gesagt alles beim alten gelassen. Die Toren, die solches dem Herrn Jesus zur Schuld anrechnen, kennen sie denn die Schrift? Wo hätte der Heiland verheißen, er wolle aus dieser Welt ein Paradies machen? Wir lesen zwar von einem Orte, wo nicht mehr Leid und Geschrei sein und Gott alle Tränen von unsern Augen abwischen wird, aber ein jedes Christenkind singt und sagt auch: „Hier ist sie nicht, die Heimat der Seele ist droben im Licht!“ – Wer also solche äußere und in die Augen fallende Wunder jetzt von dem Herrn verlangt, der weiß nichts vom Reich Gottes, welches vorläufig und solange diese Welt steht nur sein kann „inwendig in uns“; es besteht im Glauben, in der Liebe und in der Geduld. Solange wir Fleisch und Blut an uns haben, können wir es nicht sehen. Denn das Reich Gottes ist ein ewiges Reich; aber Fleisch und Blut müssen vergehen. Hegst du es aber still in gläubiger Seele, dann kannst du, obwohl nicht sehend, doch schon selig sein in Hoffnung.
II.
Also Geduld! Wir Christen sind den Leuten gleich, die auf den Anfang eines großen und herrlichen Schauspiels warten und einstweilen noch in Geduld vor dem Vorhang sitzen, den eine starke Hand einst hinwegziehen wird. Das geschieht am Ende der Tage. Zuvor aber dürfen wir uns nicht irre führen lassen. Denn es gibt vorwitzige Geister, die rufen: Siehe hier! siehe da! Die Welt ist ja stets in Ungeduld. Daher finden ihre Propheten, die den baldigen Anbruch eines irdischen Paradieses verkünden, stets ein großes Publikum. Die Sozialdemokratie ist ja nichts anders als der falsche Prophet, der die Menschen glauben machen will, das Reich der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, für welches schon Jesus und mancher edle Märtyrer gestorben sei, werde und müsse bald kommen. Da gilt die Warnung des Heilandes: „Geht nicht hin und folgt auch nicht.“
Ebenso aber verfallen leider auch die Christen gar leicht der Ungeduld und möchten „einen Tag des Menschensohnes“ gerne schon mit leiblichen Augen schauen. So verwechseln sie Äußerliches und Innerliches, z. B. die äußerliche Kirchenpracht und Kirchenmacht mit der „ehrlichen Pracht“ des himmlischen Reiches oder die äußerlichen Gebärden der Frömmigkeit mit der Gerechtigkeit, dem Frieden und der Freude im Heiligen Geist, die kein Mensch dem anderen vorzeigen, die er nur schmecken und fühlen kann im Herzen. Wenn also der Katholik im Hochgefühl der Triumphe seiner Kirche ausruft: Siehe hier! oder wenn der Sektengeist in dem Winkel seiner Brüderversammlung auf seine Unbeflecktheit von der Welt pochend uns anlocken möchte: Siehe da! dann spricht der Herr zu uns: „Geht nicht hin, und folgt auch nicht!“ Lassen wir uns durch die Ungeduld nicht reizen, irgendeine äußere Form für das Wesen, irgendeinen Verein oder Kirche für das wahre Reich Gottes zu nehmen! Kirchen sind nur schwache Abbilder der ewigen Dinge oder auch Schulen, in denen die Kinder Gottes sich vorbereiten lernen auf das Reich, das da kommt.
Dennoch aber, liebe Christen, soll und darf es uns nicht gar zu sauer werden, unsre Seelen in Geduld zu fassen. Wir haben den Herrn ja bei uns auf dem langen und beschwerlichen Wege, der zu dem Tage seiner Offenbarung führt. Sein Wort ist Zehrung unterwegs, und sein Sakrament gibt Kraft den Müden. Die sind dein Manna in der dürren Wüste, dein Wasser, das aus harten Felsen quillt. Sie sind dir die Wolkensäule des Tages und die Feuersäule des Nachts. Darum Geduld! Und müsstest du vierzig Jahre oder die Menschheit noch 40 Jahrhunderte wandern, das Kanaan kommt; es ist uns gewiss. Wer ausharret bis ans Ende, der wird es einnehmen!
III.
Die Herrlichkeit des Reiches Gottes kommt, sie geht einst auf über dir. Aber wohlgemerkt, sie wird nicht sein wie der Sonnenaufgang bei hellem Himmel, sondern sie wird gleich sein dem Blitz, der aus düsterem Nachtgewölk hervorbricht unter Sturm und Drang. Denn nicht eine gerade Linie ruhiger und steter Entwicklung führt zu dem herrlichen Endziel des Reiches Gottes, sondern ein Weg mit vielen Krümmen und Hindernissen. Denn das Reich Gottes findet hier auf Erden Widerstand; es gibt ein Reich der Finsternis, welches nicht will, dass „dieser über uns herrsche.“ Darum widerspricht die Geschichte des Reiches Gottes dem sogenannten gesunden Menschenverstand. Der meint, wenn erst der Anfang gegeben sei, dann gehe es gerade fort bis zum Ende. Das nennt er „naturgemäßen Fortschritt“ oder „gesetzmäßige Entwicklung.“ Er vergisst den Widerhaken, der den Fortschritt so oft aufhält; das ist das sündige Herz, das da spricht: dennoch werde ich ihm nicht gehorchen! Dieses bereitete Jesu schon in den Tagen seines Fleisches erbitterten Widerstand, Verfolgung und Tod. „Zuvor aber muss er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht,“ so hat der Herr von sich selbst geweissagt. Und wie es damals war, so ist es fort und fort auf Erden. Die Welt wird nicht klüger. „Und wie es geschah in den Tagen Noahs, so wird es auch geschehen in den Tagen des Menschensohnes, desselben gleichen, wie es geschah zu den Zeiten Lots.“ Die Welt wird Welt bleiben; im Essen und Trinken, im Kaufen und Verkaufen, im Pflanzen und Bauen, im Freien und Sichfreienlassen wird sie ihre eigentliche Lebensaufgabe suchen und finden. Sie wird sich ganz aufs Diesseits stellen und so leben, als ob es kein Jenseits gäbe. Ja dieser Geist wird noch zunehmen. Denn je mehr die Welt zusammenkommt - und dies geschieht in unsern Tagen, wo Schifffahrt und Eisenbahnen, Rede und Schrift die Menschen der ganzen Welt mehr und mehr zusammenbringen, - desto mehr wird sie sich auch als die Welt fühlen. Eine Weltseligkeit wird über sie kommen, welche alles andere, was nicht von dieser Welt ist, verachtet, und welche der Gottseligkeit spottet. Da muss Christus wiederum leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht. Viele fromme Christen träumen wohl davon, die Welt zu bekehren. Allein Christus hat nicht geträumt, Er sieht hell und scharf bis in die fernste Zukunft hinaus und sieht das Verderben wachsen. Die Zeiten Noahs und die Tage Sodoms kommen wieder. Das Nachtgewölk der vollendeten Gottlosigkeit senkt sich tiefer und tiefer auf unsre arme Erde herab, ach so tief, dass wir Christen immer ängstlicher und beklommener mit dem Propheten rufen werden: „dass du den Himmel zerreißt und fährst herab!“
Und siehe! o siehe! Eines Tages, wo niemand es erwartet, da spaltet er die Nacht durch seine Erscheinung. Da steht er herrlich da als der nun offenbare König seines Reiches. Die Finsternis versinkt zu seinen Füßen, und zu seinen Häupten glänzt das Licht aus der Höhe! O selig dann, wer an ihn geglaubt, wer ihn nicht gesehen und doch lieb hatte! Der wird sich dann freuen mit großer und unaussprechlicher Freude, wenn er das, was er still im Busen gehegt, nun sieht zu Ehren kommen, wenn das Reich, das er geglaubt, nun „leuchtet über alles, was unter dem Himmel ist!“ Amen.