ten Kate, Jan Jakob Lodewijk - Gethsemane.

ten Kate, Jan Jakob Lodewijk - Gethsemane.

Matth. 26,36-46.

Da kam Jesus mit ihnen zu einem Hof, der hieß Gethsemane, und sprach zu seinen Jüngern: Setzt euch hier, bis dass ich dorthin gehe, und bete. Und nahm zu sich Petrum, und die zwei Söhne Zebedäi, und fing an zu trauern und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier, und wacht mit mir. Und ging hin ein wenig, fiel nieder auf sein Angesicht, und betete, und sprach: Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht wie ich will, sondern wie Du willst. Und er kam zu seinen Jüngern, und fand sie schlafend, und sprach zu Petro: Könnet ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen? Wacht und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Zum andern mal ging er wieder hin, betete, und sprach: Mein Vater, ist es nicht möglich, dass dieser Kelch von mir gehe, ich trinke ihn denn, so geschehe dein Wille. Und er kam, und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voll Schlafs. Und er ließ sie, und ging abermals hin, und betete zum dritten Mal, und redete dieselbigen Worte. Da kam er zu seinen Jüngern, und sprach zu ihnen: Ach wollt ihr nun schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist hier, dass des Menschen Sohn in der Sünder Hände überantwortet wird. Stehet auf, lasst uns gehen; siehe, er ist da, der mich verrät.
(Vgl. Mark. 14, 32-42. Lukas 22, 39-46. Joh. 18, 1-2.)

Bin ich je mit ehrerbietiger Scheu vor euch aufgetreten, mit dem tiefen Bewusstsein unserer Kurzsichtigkeit auf dem Gebiete göttlicher Dinge, so ist es gewiss heute der Fall, meine Zuhörer. Ist doch die Aufgabe, die ich mir gestellt sehe, äußerst schwierig. Sie fordert hier nicht etwa aus einigen unsicheren und zerstreuten Winken durch gegenseitige Vergleichung und Ergänzung ein tiefsinniges Lehrstück zu entwickeln, noch viel weniger an der Hand der Altertumsforschung und Geschichte über die eine oder andere bestrittene Erzählung der Schrift ein neues und überraschendes Licht zu verbreiten. Das eine wie das andere mag seine eigentümlichen Schwierigkeiten mit sich bringen, doch sind gesundes Urteil und Wissenschaft da, um sie wegzuräumen. Aber was vermögen auch diese beiden mächtigen Bundesgenossen zusammen, wo die Forderung nichts mehr oder minder umfasst als einen Blick in die Tiefe des Gemüts Jesu?… „Wer. mag es ergründen?“ (Jerem. 17, 9.) rief ein Prophet des Allerhöchsten wie mutlos aus bei jener Zusammensetzung von Geheimnissen, welche wir in der kleinen Welt unseres Innern herumtragen. Und wenn dies nun schon von dem Herzen des Adamssohnes gilt, eines unvollkommenen und endlichen Geschöpfes, in dessen verdorbener Natur jedenfalls die Auflösung vieler seiner Rätsel und Widersprüche zu finden ist, wie viel mehr wird es anwendbar sein, wenn wir an der Schwelle des geschlossenen Tempels des Herzens jenes Einzigen unter den Einzigen stehen, in dem die Fülle der Gottheit und die der vollkommenen Menschheit zu Einer Person geworden, vor dem die Engel sich das Antlitz mit Fittigen bedecken in dem Bekenntnis ihrer Ohnmacht: „Kündlich groß ist das Geheimnis der Gottseligkeit!“ (1. Tim. 3, 16.) Überdies trifft alles zusammen, um diesmal das Untunliche noch untunlicher zu machen. Weder unter bekannten Umständen, noch als die bekannte Erscheinung sehen wir bei unserer gegenwärtigen Betrachtung den Gottmenschen vor uns. Der Schauplatz, wo, der Zeitpunkt, wann, der Zustand, worin wir ihn erblicken, alles ist uns neu, unerhört, nie gesehen. Bloß das sehen wir ein: wir treffen hier den königlichen Kämpfer in seiner allerbängsten, den fleckenlos Heiligen in der heiligsten Stunde; seines drei und dreißigjährigen Kreuzzuges gegen die Sünde. Wenn wir nun bei klarem Wetter durch den ruhigen Wasserspiegel hin den Boden des Meeres nicht gewahren können, wie viel weniger, wenn es braust und mit allen seinen Wogen erbebt?… Wohlan denn! die Schuhe ausgezogen und anbetend aufs Angesicht gesunken, mit der Bitte um Licht und Kraft von oben, wenn wir es wagen zu stammeln über

Jesu Leiden in Gethsemane

und uns, so weit es uns möglich ist, einigermaßen eine Vorstellung zu bilden in Bezug auf

I. die Art und Weise,
II. die Ursachen, und
III. den Wert dieses Leidens.

Ja, erhöhter Herr und Heiland, zu dir erheben wir unser Auge; und indem wir dich um Verzeihung bitten wegen der Vermessenheit unseres Strebens, erflehen wir von dir das Eine, dass es durch deine gnädige Leitung, auch wo wir aus Unkenntnis irren möchten, dennoch deiner großen Liebe nicht ganz unwürdig sei! Amen.

I.

So wünsche ich denn zuerst etwas über die Art und Weise von des Herrn Leiden in Gethsemane vorzubringen. Ich meine darin zu sehen

1. ein unaussprechliches,
2. ein heiliges,
3. ein unvergleichliches Leiden.

1. Da folgen wir denn in unseren Gedanken der auserkorenen Gesellschaft, die in der Stille der Nacht Jerusalem verlassen hat. Schon hat man das dunkle Josaphatsthal hinter sich, den düster fließenden Kidron überschritten. Der freundliche Ölberg, der vorzugsweise die grüne Betbank des Herrn war, ist nicht fern. Aber diesmal werden seine Füße ihn nicht ersteigen. Da unten am schattigen Abhange liegt ein Ort mit Namen Gethsemane, ein abgesonderter Landhof, zur Bereitung der Oliven bestimmt, wovon die Höhe den Namen hat, und wahrscheinlich das Eigentum eines unter den heimlichen Freunden Jesu. An den Eingang des Hofes gekommen, bleibt Jesus plötzlich stehen: „Setzt euch hier,“ heißt es zu seinen Jüngern, „bis dass ich dort hingehe und bete.“ Aber ist's wohl der Meister, der das spricht? Diese klare, kräftige Silberstimme, die Teufel austrieb und Stürme beschwor und Tote auf ihrem kalten Lager ins Leben rief, wie ist sie nun so dumpf und zitternd geworden, wie der Ton einer feuchten Saite? Fürwahr, da sind Tränen in dieser Stimme, die nicht lange mehr unterdrückt werden können. Und siehe, es ist als schaudere er, jetzt schon ganz allein zu sein: er zieht seinen Wunsch, wenigstens teilweise, zurück. Nein, die Auserkorenen aus den Auserkorenen, Petrus und die Donnerskinder, (Mark. 3, 17.) dürfen ihn noch nicht verlassen; er nimmt sie mit. Sie haben seine höchste Herrlichkeit auf dem leuchtenden Thabor geschaut; sie können jetzt auch wohl Zeugen seiner tiefsten Erniedrigung in diesem Tal der Todesschatten sein. Auch bezwingt der Mann der Schmerzen sich in ihrer Gegenwart nicht länger. Er lässt den Empfindungen, die sich in seinem Innern vervielfältigen, freien Zügel schießen und er kann es nicht länger verschweigen: „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod; bleibt hier und wacht mit mir!“ Wolken von Schmerz lagern sich auf seiner Stirne, jetzt so feucht und schwer, wie die Stirne eines, der mit dem Tode ringt. Was für Angst in diesen Augen! Welches Entsetzen in diesen Zügen! Ein kaltes Schauern hat ihn durchrieselt, seine Brust keucht, seine Glieder beben; wie wird er gekeltert, schon am Eingang dieses Keltergartens! Ja, schon zum Ersticken beängstigt, kann er auch in der Gesellschaft der drei Geliebten nicht länger ausharren. Er trennt sich von ihnen, ungefähr einen Steinwurf weit und fällt aufs Antlitz zur Erde. Da berstet es ihm von den Lippen: „Abba, mein Vater, es ist dir alles möglich; überhebe mich dieses Kelches! doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ Welch eine Bitte! Wie gleicht sie so wenig mehr auf jenes Wort, das er noch in Jerusalem und im Tempel so stolz sprach: „nun ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde; doch darum bin ich in diese Stunde gekommen.“ (Joh. 12, 27.) Und, neuer Grund zur Verwunderung, dieses Flehen wird nicht erhört. Die Taube des Gebets kehrt ohne Ölzweig zurück; die hochsteigenden Ströme des Leidens lassen noch kein Plätzchen trocken. Was sag ich, Sie steigen noch beständig höher. Er krümmt sich im Staube und bloß ein leises Seufzen lässt hören, dass er das ausgesprochene Gebet jetzt sprachlos, aber desto feuriger und brünstiger, fortbetet. Aber das Gefühl der gänzlichen Verlassenheit wird ihm unerträglich; wankend will er zu seinen Jüngern zurück. Mit Kummer und Verlangen werden sie ihn von ferne angeblickt haben: sie wenigstens werden ihn hören und trösten! Schmerzliche Täuschung! Die Überspannung der letztdurchlebten Stunde hat sie betäubt; sie schlafen und taumelnd schrecken sie auf. Ergreifend ist der Anblick, der ihrer wartet. Im Lichte des Vollmondes, der alle Jahr auf das Israelitische Passahfest zu Jerusalem scheint, sehen sie den Schweiß wie große Blutstropfen längs des erstorbenen Antlitzes ihres Meisters hinrieseln. Und hört, von seinem zitternden Munde, welcher zarter Vorwurf, der gewiss allen, aber ganz besonders dem Einen gilt, welcher ja mit seinem Herrn sterben wollte, wenn sich auch alle an ihm ärgerten: „Simon, schläfst du? Kannst du denn nicht Eine Stunde mit mir wachen? Wacht und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist wohl willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Ohne Antwort und doppelt zerschlagen kehrt der Leidende auf seinen Kampfplatz zurück. Aber ehe er mutlos hinsinken kann, da klingts wie Flügelrauschen und durch die Dämmerung hin spielt ein Lichtglanz wie aus dem dritten Himmel Gottes. Jesus schlägt die Augen auf und sieht einen Engel, der stärkte ihn. Nun hat der Herzzerschmetterte Kraft zu einem neuen Kampf; denn ruhiger ist seine Seele und ruhiger auch diesmal seine Bitte. Dennoch sucht er, als er sie beendigt, aufs Neue die Seinen; er hatte sie eben so ergreifend angeredet, findet sie aber aufs Neue von Ermüdung übermannt: ein Vorspiel von dem, was sogleich seiner wartet, wenn „ein Jeglicher das Angesicht vor ihm verbergen“ (Jes. 53, 3.) wird! Er lässt sie denn auch und sucht zum dritten Male die Stelle auf, welche die Spuren seines zwiefältigen Ringens trägt. Ein letztes Gebet folgt und eine letzte Rückkehr zu den Jüngern, die noch immer schlummern. „Schlaft denn dieweil und ruht!“ sagt er mild und nachgiebig; und der kampfesmüde Hirte, der selbst nicht ruhen darf, bringt auch das Opfer des einzigsten Liebesdienstes, den er ihnen hier noch beweisen kann, und bewacht seine Schafe, die mit ihm nicht wachen wollten! bis er sie plötzlich wach ruft mit dem gedämpften Schrei, der die Ankunft des Zerstreuers verkündigt…. O, meine Zuhörer, was für Dinge sind das! Gottes eigenes und seliges Kind so bange bewegt, dass es gleichsam an der Brust eines sterblichen Menschen das matte Haupt verbirgt! Der einzig Reine unter den Unreinen Sünder anflehend: „wacht mit mir!“ Der Fürst des Lebens in beklemmender Sterbensangst! Aller Zuflucht von Allen verlassen! Der Erhörer des Gebets zum Gebet niederknieend, zu drei wiederholten Malen und beharrend bis ans Ende! Der König aller Engel ein wenig weniger als die Engel! und der ewige Sohn, der „alle Gewalt“ (Matth. 28, 18.) hat, von einem Geschöpf gestärkt! Sagt, Geliebte, ist das nicht mehr als genug, um uns von jeder weiteren Beschreibung absehen zu lassen, mit der einfachen Bezeugung, die geziemender ist als alle Menge von Worten: „Gabs jemals ein unaussprechliches Seelenleiden, fürwahr, dann ists hier gewesen!“

2. Unaussprechlich, ja! aber heilig zugleich. Er, der ohne Verunreinigung zu Kana Hochzeitsfreude teilen konnte, wie sollte er nicht in der Feuerprobe der Todesangst von Gethsemane bestehen? Das Gute ist für den gefallenen Menschen gefährlicher als das Übel, aber für diesen Menschensohn, der keine Sünde gekannt oder getan hat, hatten die Blumen kein Gift; wie sollten die Dornen ihm schaden? Wir erwarten es nicht und was wir hier anschauen, lehrt uns, dass wir Recht haben. Mögen wir um Jesu willen erstaunt dastehen beim Blick auf das, was er leidet; um seinetwillen getäuscht dastehen beim Blick darauf, wie er leidet, das werden wir nun und nimmermehr. Uns mag hier ein vermessenes warum?“ über die Lippen kommen; in Jesu geheimsten Gedanken kommt es nicht auf. Er leidet bloß, und erkennt dass er leidet. Er schämt sich der angenommenen Menschheit nicht mit all ihrem Gefolge von Armut und Elend; denn der Hochmut der Traurigkeit, der aus unsern Tränen falsche Perlen macht, ist seinem selbstverleugnenden Herzen fremd. Wir sind gewohnt, die Dornenspitzen unseres Schmerzes gegen unsern Nächsten zu kehren, oder uns in unserm Jammer zu verschließen. Aber in diesem liebreichen Gemüt weder Menschenhass noch Menschenschen! Auch mitten in seinem Leiden hat er noch ein Auge für die Seinen: es tut ihm wohl, in ihrer Nähe zu sein; er sucht sie immer wieder auf, durch keinen Schein von Gleichgültigkeit gekränkt und gewiss weniger um seinetwillen als um ihretwillen; denn so in ihm selber jetzt „der Geist wohl willig, aber das Fleisch schwach“ ist, wie viel mehr in diesen, die „Fleisch“ sind, „vom Fleische geboren!“ (Joh. 3, 6.) Und ob er sich ihnen gleichstellt, ja ob er sich in diesem Augenblick sogar unter sie zu demütigen scheint, so verliert er doch das Bewusstsein seiner Erhabenheit nicht. Er bettelt nicht um einen matten Trost, erwartet ihn auch nicht von gebrechlichen Sterblichen, Er, der selbst in die Welt gekommen ist, alle Traurigen zu trösten. Ist er mühselig und beladen, so durfte kein Geschöpf Gottes ihm die Verheißung nachsprechen, die jetzt wohl verdunkelt scheint, aber an deren Erfüllung er grade jetzt vielleicht mehr als je zu arbeiten im Begriff ist: „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid und ich will euch Ruhe geben.“ (Matth. 11, 28.) Hat er nicht so eben zu seinen Jüngern gesprochen: „ich gehe hin, um zu beten?“ Warum heißt es denn jetzt auch nicht: „betet mit mir!“ wie es heißt: „wacht mit mir?“ Aber warum sonst, als weil er weiß und nicht vergessen kann, dass sie in ihrer vollen Kraft ohnmächtig sind zu dem Gebet, welches er in seiner Kraftlosigkeit auszuschütten sich anschickt? Sie können es nicht teilen, was der Sohn jetzt dem Vater zu sagen hat. Sie können dem einigen Mittler Gottes und der Menschen nicht zur Seite stehen, wenn er in der dunklen Wolke des Zwiegesprächs mit dem Dreimal Heiligen verschwindet. Auch dieses Beten und Flehen, wodurch er, obwohl er der Sohn war, Gehorsam lernen muss, sind eine priesterliche Arbeit, ein Beginn jenes Opfers, wodurch er alle, die ihm gehorsam sind, eine Ursache der ewigen Seligkeit werden soll. (Ebr. 5.) „Bleibt allhier!“ lautet sein Gebot und die völlige Einsamkeit nimmt ihn auf. Und wenn er nun den Verband löst von allen verborgenen Wunden seiner Seele; wenn er die jammernde Frage, welche auf seinem Herzen Lastet, wie Wasser ausschüttet, so darf und kann das, ohne Verletzung seiner Heiligkeit, nur an dieser einzigen Stelle und gegenüber dem einzigen Zeugen geschehen: zu den Füßen seines Gottes! Überdies, welch eine Bitte ist die seinige! Ein Schrei des höchsten, aber auch des reinsten Schmerzes. „Abba, lieber Vater, es ist dir Alles möglich!“ Gottes Liebe und Gottes Allmacht sind die Zwillingssterne, die auch in dieser finstern Mitternacht für ihn nicht erbleichen. Das kindlichste Vertrauen und die männlichste Standhaftigkeit gehen in seiner Klage Hand in Hand. Gleichwie Abraham hoffte er wider Hoffnung (Röm. 4, 18.); gleichwie Jakob wird er den Unüberwindlichen, mit dem er ringt, nicht eher lassen, er habe ihn denn gesegnet. (1. Mos. 32, 26.) Er widerseht sich dem nicht, der den bitteren Kelch reicht. Er weiß nicht, was murren heißt. Jedes wiederholte Flehen ist zugleich eine wiederholte Erklärung der völligsten Unterwerfung und Bereitwilligkeit. Wie in Einem Atemzuge heißt es: „nimm diesen Kelch von mir!“ und nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe!“ Die Bitte um Vorübergehen des Kelches wird eben so schnell zurückgezogen als geäußert; und wenn dieses Äußern und Zurückziehen, in Worte gebracht, eine Aufeinanderfolge forderte, drinnen in Jesu heiligem Herzen bildete beides zusammen bloß Einen einzigen Wunsch, Einen unteilbaren Gedanken! Der Triumph des göttlichen „Ja!“ über das menschliche „Nein!“ wird nach jedem Kampfe sichtbarer. Ja, bisweilen kommt es mir vor, als ob in der zweiten und dritten Bitte etwas wie eine Ermutigung für den Vater klingt, er möge doch nicht achten auf die Angst und Tränen des Dulders, sondern seinen ewigen Rat vollbringen!…

3. Dieses unaussprechliche und heilige Leiden und das ist der letzte Zug, den wir dieser Schilderung hinzufügen können! ist nicht minder ein unvergleichliches Leiden. In der Tat, alles was Jesus gefühlt und erfahren hat, und unter dem allem nicht am wenigsten sein Ringen in Gethsemane, ist, wie seine wundervolle Erscheinung selbst, ohne Beispiel, ganz einzig in der Geschichte aller Jahrhunderte und Herzen, von der Schöpfung an bis heute. Alles, was Menschen je erlitten haben nach ihrem Maße, das hat er durchlebt nach seinem Maße, was das ihrige so weit übertraf, als Gottes Sohn größer ist denn des Menschen Sohn. Was bei dem Psalmsänger nur ein Schatten war, wird schreckliche Wirklichkeit bei dem Messias der Psalmen: Bande des Todes umfingen mich und die Bäche Belials erschreckten mich, aber in meiner Not rufe ich den Herrn an und schreie zu meinem Gott! (Ps. 18, 5-6.) Was sind alle Tränen, die in Gottes Krüglein gesammelt, was alle Schmerzen, die bei Gott verzeichnet sind, was alle Wehen aller Adamskinder zusammen gegen den Kelch dieser Einen Stunde, welcher diesem zweiten Adam in die Hand gegeben wird? Kennst du größere Dulder unter den alten Gottesmännern, meine Zuhörer, als einen Hiob, einen Aaron, einen David? Aber Hiob ruft von seinem Aschenhaufen aus: „der Tag müsse untergehen, darin ich geboren bin!“ (Hiob 3, 3.) und dieser, der mehr als Hiob, hält sich auch jetzt noch fest an Gott, als sähe er den unsichtbaren und bejammert es nicht, dass er in die Welt gekommen, zu suchen, was verloren ist! Aaron schwieg stille, aber die Gerechtigkeit eines Gottesgerichtes, das ihn bei seinen Söhnen, den Heiligtumsschändern, traf, legte ihm den Finger auf den Mund: was hat aber dieser Hohepriester des Himmels gemein mit welchem Sünder es auch sei, da er abgesondert“ (Ebr. 7, 26.) ist von allen Sündern? David zog auch einmal hinaus über den Bach Kidron längs des Aufgangs zum Ölberg wandelnd und weinend und sein Haupt war verhüllt und er selber ging barfuß. (2 Sam. 15, 30.) Aber Mord und Ehebruch ließen das Bußlied durch sein Gewissen dröhnen: „Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend, o Gott, und meiner Übertretung!“ (Ps. 25, 7.) Davids Sohn und Herr durfte dem, der zu reine Augen hat, um das Böse zu dulden, unverrückt ins Angesicht sehen und sprechen: ich halte es für keinen Raub, dir gleich zu sein! (Phil. 2, 6.) Während die Nuthe der Schmerzen bei dem feinsten Gefühl unter uns noch abgleitet an Stellen, die das Herz verhärtet, wo nicht unverwundbar gemacht haben, schlägt eine Skorpionengeißel alle ihre Widerhaken in das zart organisierte, überall empfängliche Gemüt dieses wahrhaftigen Menschen, der (um ein Wort Luthers zu gebrauchen) zehn Grad fühlt, wo wir keine zwei gewahren! Ist die Betrübnis so empfindlich für uns, die wir bestimmt sind, von der Wiege an in dieser Übungsschule durch Züchtigung geläutert zu werden: was muss sie für Ihn sein, der die Herrlichkeit hatte bei dem Vater, und bei der Herrlichkeit die Seligkeit, ehe denn die Welt war! (Joh. 17.) Wenn die Angst uns das Haar unseres Fleisches zu Berge steigen lassen und unsere Gebeine zerschmelzen kann, uns, die wir, furchtsam von Natur, schon als Kind vor unserm eigenen Schatten bebten: was muss sie Ihm gewesen sein, der mit einem Lächeln göttlicher Ruhe um den Mund im Wirbelwinde schlief (Matth. 8, 24.), über den Abgrund wandelte (Mark. 6, 48.) und zwischen Steinwürfen hindurchging? (Joh. 8, 59.) So wir, die wir nicht wissen, was sich ziemet zu bitten und der Erhörung ungewiss sind, meistens schon im Vorhofe des Gebets aufatmen, und nun diesen Vollkommenen, der erklären durfte: „der Vater hört mich allezeit,“ (Joh. 11, 42.) mitten im Heiligtum des Gebets so sich winden sehen, bis in den Tod bedrängt: wahrlich! wahrlich! dann müssen wir wohl den Schluss ziehen, dass hier aller Maßstab verloren gegangen ist. Und wenn wir überdies noch bedenken, dass nicht bloß Ein stärkender Engel, sondern mehr als zwölf Legionen rettende Engel diesen dunklen Hof von Gethsemane zu einem andern Mahanaim (1 Mos. 32, 2.) machen, wo sie des Befehls warten: „traget mich auf den Händen vor diesem Stein des Anstoßes!“ (Ps. 91, 12.) aber ihn nicht vernehmen; wenn wir uns erinnern, dass dieser Dulder, der nun kein Mann mehr ist, sondern ein Wurm (Ps. 22, 7.), doch die Macht hat, sein Leben freiwillig zu lassen oder wieder zu nehmen, aber nichts sich selber zu Gute tut als beten, beten um Unterwerfung zum Ausleeren eines Kelches, dessen bloßes Aufheben schon seinen Angstschweiß zu Blut macht: dann, Zuhörer, bekenne ich meines Teils, dass sich meine Gedanken verwirren, und alles, was ich kann, ist anbetend zu wiederholen: „nie hat ein Mensch gelitten gleichwie dieser Mensch: unaussprechlich, heilig, unvergleichlich!“

II.

Aber was mögen nun wohl die Ursachen eines solchen Leidens sein? Sanft und rein weht der kühle Nachtwind durch den einsamen Garten; die Sabbatsstille, die da herrscht, wird durch nichts entweiht; hier und da lässt ein gebrochener Mondlichtstrahl seinen Silberglanz durch die dunklen Blätter fallen. Alles atmet Friede und Ruhe: wo lauert hier irgendwo eine Gefahr oder wo versteckt sich ein Feind?

Siehe, das sind Fragen, die nach all dem Vorigen mit doppeltem Interesse in uns aufsteigen, und mit doppelter Scheu wage ich eine Antwort zu versuchen. Diese Antwort wird auch bei mir wohl unvollkommen bleiben müssen; aber ich will doch etwas anführen; und so weise ich euch hin auf

1. den brütenden Verrat;
2. das bevorstehende Leiden;
3. die gegenwärtige Versuchung.

1. Ja, das hast du gut sagen: freundlich spielt der Schein der Himmelslichter durch den dunklen Garten; - aber für Jesu Auge ist er bereits verdrängt von der rötlichen Fackelglut, wovon sogleich hier die feinsten Schlupfwinkel wiederleuchten werden. Er, der den Nathanael sah, ehe er unter dem Feigenbaum war (Joh. 2, 48.), sieht auch den Judas, ehe er unter dem Olivenbaum über ihm steht. Wenn aber schon beim Essen des Abendmahls dieses Gesicht Jesum im Geiste betrübt werden und bezeugen ließ: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, Einer unter Euch wird mich verraten! (Joh. 13, 21.) wie viel mehr denn an dem Orte selbst, der ein Schauplatz der schwärzesten Gräueltat werden soll. Er hat den Abstand der Augenblicke gemessen und er eilt ihnen voraus. Schon schmerzt es ihm wie ein Misston in den Ohren: „gegrüßt seist du, Rabbi!“ Schon brennt ihm der erheuchelte Judaskuss wie ein unreines Feuer auf den Lippen. Siehe, alle Bisse des Otterngezüchtes der Pharisäer und Schriftgelehrten können so peinlich nicht stechen wie der Stachel dieser Einen Otter, die er gepflegt hat an seiner eigenen Brust. „Auch du, Brutus!“ rief einst Cäsar schmerzlich aus, als er den Dolch in der Hand des Vielgeliebten blitzen sah: wie viel schmerzlicher musste es dem barmherzigen Heiland werden, diesen zweiten Brutus an der Spitze der Mörder zu begrüßen! Kränkung! nicht bloß der Mann, der noch vor wenigen Stunden sein Brot aß, hat die Fersen wider ihn erhoben, sondern auch der Sünder, für den er Gott gerne mit seinem Lösegeld würde bezahlt haben, hat ihn verkauft; sondern auch der Freund, einer der Zwölfe, die er sich auserwählte, hat es erwählt, der „Sohn des Verderbens“ (Joh. 17, 12.) zu werden, der ihn seinen Feinden überliefert! So haben denn alle Zeichen und Wunder und Wohltaten und Winke nichts genügt! So hat er denn an dieser Seele drei Jahre lang vergebens gearbeitet! und wenn noch bloß vergebens! Denn es ist nur allzu gewiss, jene dreißig Silberlinge haben ihr den Himmel gekostet und dieser Kauf ist unverbrüchlich. Hat der gute Hirte seine Herde so lieb, dass er das wiedergefundene Schaf auf den Achseln heimträgt mit Freuden und Jauchzen: wie muss er sich denn nicht in gleichem Maße betrüben, wenn er es vor seinen Augen in den gähnenden Abgrund hinunterstürzen sieht? Und wäre es bloß noch Ein einzelnes Schaf gewesen! Aber ach! wie viele verlorene Schafe vom Hause Israel waren auf den Weg des Verrats verrannt, hinter diesem Ischarioth! Ist nicht der von Alters her Verheißene in Sein Eigentum gekommen? Nur die Seinen haben ihn nicht angenommen! Wie Ein Mann haben sie ihren König verworfen und in ihm - sich selbst! Noch bei seinem letzten Einzuge in dieses Jerusalem, das gewohnt ist die Propheten zu töten und zu steinigen, die zu ihm gesandt werden (Matth. 23, 37.), hat er es mit heißen Tränen beschworen: „ach, dass du es bedächtest, auch noch zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient!“ (Luk. 19, 42.) aber sie verstockten sich desto mehr. Und wenn er nun zittert vor dem Gräuel, den seine eigenen Brüder nach dem Fleisch an ihm begehen, vor der Schuld eines ganzen Volkes einst das Volk der Erwählung! - wie muss diese Betrübnis sich steigern, als er im Geiste das ganze Trauergefolge von Jammer schaut, welches diesem großen Missgriff auf den Fersen nachfolgen wird. Der Schleier der Zukunft zerreißt! da stürzen Stadt und Tempel zu einem rauchenden Trümmerhaufen zusammen, während die Adler Roms über den Leichen die Flügel zusammen schlagen! Da sinken die Helden hin unter der Schärfe des Schwerts und die Mutter mit ihrem Säuglinge unter den Rosshufen der Heiden! Da schweifen die Juden wie Verbannte über die Erde, mit Gottes Fluch gezeichnet und zu einem Spott aller Zungen und Nationen!… Wahrlich, wahrlich! gerecht mag diese Vergeltung sein, aber nichts desto weniger blutet darum das Herz dieses barmherzigen Hohepriesters, in dem die ergreifende Klage sich jetzt weinend erneuert: „wie oft habe ich euch versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“ (Matth. 23, 37.)

2. Und nun öffnet sich neben dieser eine andere Quelle von Betrübnis, noch tiefer und schmerzlicher als jene. Ich meine den Gedanken an das letzte Leiden, das bevorstand, oder besser, was von nun an begann. Fürwahr, Jesus wusste von Anfang an, was ihm am Ende seiner menschlichen Laufbahn bevorstand. Er hat sie im Himmel berechnet, die Kosten des Werkes, das er auf Erden vollbringen musste. Er hat sie vorausgezählt, alle Fußschritte seines Schmerzensweges1); alle Striemen, die er sich soll schlagen lassen; alle Wunden, die er in seinen heiligen Leib aufnehmen soll. Er hat es allezeit gewusst: gleichwie Moses in der Wüste eine Schlange erhöhet hat, also wird auch des Menschen Sohn erhöhet werden;“ (Joh. 3, 14.) und der Höhepunkt seines „Dienens“ (Mark. 10, 45.) wird die Hingabe seiner Seele sein. Aber jetzt fühlt er es, wie nie zuvor. Ja, du hast gut sagen: eine Sabbatsstille herrscht im Garten; aber für Jesu Ohr ist diese Stille bereits unterbrochen durch die Tausend Rachestimmen und Schreckenstöne, welche durch seine Seele gehen sollen, ehe die wahre Sabbatsruhe ihm zu Teil wird. Hört die Beschuldigung des Hohepriesters: „Dieser hat Gott gelästert!“ (Matth. 26, 65.) Hört das Zeugnis des jüdischen Raths: „Er ist des Todes schuldig!“ Hört die Verspottungen von Herodes und seinen Soldaten! Hört das Urteil und die Verwünschungen der Juden: „kreuzige ihn! Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ Hört die Backenstreiche, die sein heiliges Angesicht entstellen! Hört die Geißelhiebe, die seine Schultern zerfleischen! Hört die Hammerschläge, welche Nägel durch seine Hände und Füße treiben! Hört seine eigene Stimme wehklagen vom Fluchholze!… Ist's zu verwundern, Zuhörer, dass ihn ein Grauen anwandelt; dass seine kraftvolle und reine Menschennatur vor einem solchen unmenschlichen Leiden zurückschaudert?… Aber das ist nicht alles; denn das alles wird sich auflösen in den Tod! Er, dem der Vater gegeben hat, das Leben zu haben in ihm selber, er soll des Todes sterben!

Und welch eines Todes! So wie Niemand ihn je geschmeckt hat oder schmecken wird, weder der kaltblütige Heide, noch der jauchzende Christ; denn der erste hat ihn in seinem Schrecken nicht erkannt, unwissend, blind und von Hochmut berauscht, als er ihm in die Arme stürzte; und der zweite kannte ihn in seinem Schrecken nicht mehr, den Jesus daraus weggenommen hat. Aber dieser Jesus sollte ihn nun sehen und erleiden, anders als Sokrates und anders als Stephanus: in seiner wahren Gestalt, in seiner abscheulichsten Nacktheit, mit seinem schärfsten Stachel, nicht bloß als das Brechen und Zerschmettern aller Kräfte, nicht bloß als die entsetzliche Erschütterung, welche Leib und Geist gewaltsam auseinander reißt; sondern als einen Boten des Verderbens, als einen wütenden Würgengel, als einen Fluch Gottes, mit Einem Worte: als den Sold der Sünde. War er nicht der Einzige, der das Recht hatte zur Sünde zu sagen: „Was habe ich mit dir zu schaffen?“ und die Bezahlung ihres jämmerlichen Lohns zu verweigern? Aber grade darum war er auch zugleich der Einzige, der da Macht hatte, diesen Lohn für andere zu bezahlen. Nichts hat er geraubt und alles will er wiedergeben. Der Unsündige und Sündenlose soll nicht bloß sterben als ob er ein Sünder wäre, sondern soll persönlich zur Sünde gemacht werden. (2. Kor. 5, 21.) An die Stelle der bei Gott verdammlichen Welt getreten, wird er von nun an von dem Richter der Welt behandelt, so wie das ganze sündige Menschengeschlecht hatte behandelt werden müssen und die fürchterliche Strafe, die über sie hätte kommen müssen, wird auf ihn gelegt. Sieht er alle Ungerechtigkeit auf sich eindringen, nun, dann wird er auch so viele Male den Tod verdoppelt fühlen, als er für Ungerechte Bürgschaft leistet. Der Kelch, den er an die Lippen sehen musste, und dessen erster Zug schon so gräulich schmeckte, war also nicht bloß der Tod in seiner bittersten Fülle, sondern auch in seiner größten Vielfältigkeit: der Tod mit allen seinen Finsternissen und Tiefen und Ängsten; der Tod, tausendmal, zehntausendmal, ja so viel tausendmal als Todesschuldige werden geboren sein, vom ersten Menschen an, der zum Staube zurückkehrte, bis zum letzten Menschen, der lebend wird überbleiben, wenn die Posaune des Erzengels erklingt!… Was dünkt euch, Zuhörer, wäre Jesus bei dem Annehmen und Aufheben eines solchen Leidenskelches nicht zusammengeschrocken, hätte eine solche Taufe ihn nicht gekeltert, bis alles vollbracht sein würde, nicht wahr? er hätte weniger sein müssen als Mensch, oder - mehr als Gott!…

3. Und nun fügt zu dem Allem, als ob es nicht schon genug, nicht schon viel zu viel wäre, noch diese dritte Quelle von Betrübnis hinzu: die gegenwärtige Versuchung! Ja noch einmal, du hast gut sagen: sanft und rein ist der Odem des Windes, der da durch die Blätter haucht, aber für Jesu feines und heiliges Gefühl ist die Luft verunreinigt; denn der Täter aller Unreinigkeit ist da! Oder meinet ihr, dass der Überwinder des ersten Adam, der von diesem zweiten Adam überwunden war, und nach der Niederlage in der Wüste (Matth. 4.) ihn für eine Zeitlang verließ, die Schande verbissen und sich seiner nicht mehr erinnert hätte? nicht also! Diese Zeit war nun zu Ende und eine neue Versuchung ausgesponnen. Der dunkle Garten Gethsemane, welcher Jesum aufnahm, ist für ihn nicht bloß eine Betzelle, sondern auch eine Ringbahn, wo bis aufs Blut gekämpft wird. Auch dies hatte der Herr vorausgesehen. Daher jene Versicherung beim Eintreten in den Garten: „Es kommt der Fürst dieser Welt, aber er hat keinen Teil an mir!“ (Joh. 14, 30.) Daher jene Ermahnung an seine Jünger: „Wacht und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!“ worin der Wiederhall der Bitte erklang, die er sie gelehrt hatte: „Himmlischer Vater, führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!“ Auch hatte der Herr schon zu Petro gesagt: „der Satan hat begehrt, dich zu sichten.“ (Luk. 22, 31.) Und nun wer mag ihn schildern, diesen letzten und furchtbarsten Kampf zwischen dem höchsten Menschenfreunde und dem, der ein Menschenmörder von Anfang war! (Joh. 8, 44.) Alle Belialsbäche (Psalm 18, 5.), wir brauchen nicht daran zu zweifeln, werden durch Jesu Seele geströmt sein und von allen feurigen Pfeilen, welche der Widerpart (Eph. 6, 16.) im Köcher hat, wird er ihm keinen einzigen erspart haben. Wie ein brüllender Löwe wird er auf Judas Löwen (Offenb. Joh. 5, 5.) eingesprungen sein, bald von dieser, bald von jener Seite, aber immer unermüdet und überall dies Eine im Auge: „ob er ihn verschlingen möchte!“ War er in der Wüste schon ein Verdreher der Schrift Gottes gewesen, wie wird er jetzt diesem Herrn der Schrift anzudeuten versucht haben, es sei nicht nötig, dass Einer für alle sterbe (Joh. 11, 50.); der Sohn brauche keinen Gehorsam zu lernen (Ebr. 5, 8.) und ihm, der in göttlicher Gestalt sein könnte, gezieme die Gestalt eines Gekreuzigten nicht! Hatte er in der Wüste den Fleckenlosen vergebens in den Stricken der Begierde straucheln lassen wollen, wie wird er jetzt alles Mögliche versucht haben, ihn ins Netz der Furcht zu fangen! Wie wird er, der Wohleingeweihte, mit glühenden Farben dies Bild der Sünde abgemalt haben und die Gräuel des Schattenreichs! Wie wird der Vater der Lügen seine Anfechtung mit allen Schreckgedanken und Schreckgestalten verstärkt haben, die er aus dem Schoße der Hölle zu rufen wusste! bis der Blutschweiß der Todesangst dem heiligen Ringkämpfer das Antlitz bedeckte; bis dieser vielleicht für einen Augenblick die Verbindung zwischen der Vergebung der Sünden und seinem versöhnenden Sterben vor seinem Geiste dunkel werden sah; bis ihm zuletzt in diesem Strudel von Verführung und Verwirrung nur Ein einziges Brett übrig blieb, woran er, wie unser Eins, die zitternden Hände festklammern musste: der Glaube! Unergründlicher, entsetzender Gedanke! dass es so weit kommen kann mit Gottes Ewiggesegnetem, dass er, der der Welt keinen andern Weg der Rettung predigte als den Glauben an seinen Namen, nun seinerseits durch den Glauben musste gerettet werden! Und welch ein Glaube! Der Glaube an die Liebe seines Vaters, im tiefsten Gefühl von dem entsetzlichen Umfang der Forderung der Gerechtigkeit Der Glaube an seinen Messiasberuf, während er von dem Volk, das die Messiasverheißung hatte, verkehrt und verworfen wird! Der Glaube an das Leben der Menschheit, deren Sünden er trug, da es allein noch in seinem Herzen glühte, während die Besten der Welt bereit standen, ihn zu verlassen, und die Schlechtesten der Welt ihn schon verstoßen hatten! Der Glaube an die Nichtigkeit der höllischen Mächte und die Besiegbarkeit ihrer Pforten, in der Stunde wo die Macht und der Spott der Finsternis mit all ihren Wogen über sein Haupt hinbrausten! Und wenn er nun glaubend am Ende überwunden hat, wenn er durch alle Schrecken hindurchgedrungen ist bis in die Arme seines Vaters, um seinen Brüdern da die Stätte zu bereiten; wenn er sogleich auf Golgatha als eine Leiche zusammensinkt im Angesichte des Himmels, aber mit den Schlüsseln des Himmels in der durchbohrten Hand; noch einmal, Geliebte, wen kann es verwundern, dass dieser Sieg nicht errungen wurde ohne vorhergehende Trübsale und Ängste, ohne ein zitterndes und zagendes Niederfallen auf den Fußschemel (Matth. 5, 35.) des Allmächtigen, ohne „Gebet und Flehen und starkes Geschrei und Tränen zu diesem Einigen, der ihm von dem Tode konnte aushelfen?“ (Ebr. 5, 7.)

III.

So haben wir denn, so viel an uns war, einen Blick geworfen auf die Art und Weise und auf die Ursachen von des Herrn Leiden in Gethsemane. Uns bleibt für jetzt bloß noch übrig, auch zu untersuchen, welchen Wert dieses Leiden für uns habe. Und hier wird unsere Aufgabe erfreulicher, Geliebte; denn wir stehen nicht an zu erklären: der Garten Gethsemane ist für uns

1. ein erfreuliches Denkzeichen der vollbrachten Erlösung;
2. eine heilige Schule christlichen Leidens und Streitens;
3. ein tröstliches Unterpfand von Gottes väterlicher Barmherzigkeit.

1. Oder hätte ich vielleicht damit beginnen müssen, Zuhörer! euch Gethsemane als einen betrübenden Spiegel des Elends und der Fluchwürdigkeit zu zeigen, welche auf dem Haupte des gefallenen Menschen ruhe? Aber was anderes ist uns bei unserer ganzen vorangegangenen Betrachtung diese Kelterstätte gewesen? Wer von uns schlug bei dem herzzerreißenden Anblick, den sie darbot, nicht an seine Brust mit dem Bekenntnis: „das haben meine Sünden getan!“ Wen ließ es nicht ausrufen: „wahrlich, nun sehe ichs, wie schrecklich es ist, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen! So das am grünen Holze geschieht, was wird denn an dir geschehen, du dürrer und toter Zweig, der du von der Wurzel abgeschnitten bist?“ Aber nun denn auch, ihr bekümmerten Seelen! im Namen dessen, der sich über den Reuigen erbarmt: „Fürchtet euch nicht!“ Nein, schaudert nicht zurück vor dem dunklen Leidenshofe, der ein Vorhof der Hölle scheint; denn für euch ist er das nicht! Für euch ist er ein erfreuliches Denkzeichen der vollbrachten Erlösung! Ja Amen, ja! es ist vollbracht; die ganze Schuld ist bezahlt: der erste Groschen mit dem ersten Blutstropfen in Gethsemane, der letzte Groschen mit dem letzten Blutstropfen auf Golgatha! Was sag ich? in diesem Schreckenstal ist der ewige Sieg bereits wirklich errungen und die Schädelstätte hat ihm bloß die Krone aufgesetzt. Als der Kelch angenommen war, konnte auch das Kreuz nicht abgewiesen werden; und wenn die Handschrift unserer Sünden, die wider uns war, mit Jesu heiligem Leibe ans Holz der Versöhnung genagelt (Koloss. 2, 14.) ist, hier unter den Oliven Oliven unseres Friedens! - lag sie bereits in Stücke gerissen. So gibt es nun keine Verdammnis mehr für die, welche in Christo Jesu sind, nicht mehr! Wer da glaubt, soll selig werden. Vorrecht über alles, was so verkannt wird auf Erden, zu glauben! zu glauben an Ihn, der uns Unreine rechtfertigt, nun er uns Gott erkauft hat mit seinem Blut, zu glauben an Ihn, der auf Kosten seines Todes und seiner Todesangst nun über alles Leben und Lebensseligkeit verfügt! Tut es, die ihr es bereits gelernt habt, und lernt es, die ihr es noch nicht kennt! Zweifelt nicht, ob der Herr euch wohl würde annehmen wollen. So lange noch Ein Blatt lispelt auf jener ewig denkwürdigen Stätte, ruft dir dort eine Stimme zu: „So du nur willst, Ich will: bekehre dich zu mir und sei gerettet!“ Ja, mag immerhin Gethsemane unter dem Schwerte eines Titus zu einem Trümmerhausen zusammengestürzt sein, keine vereinte Gewalt von Welt und Hölle kann das Werk zerstören, das auf jenem Boden errungen ist; und verschwände auch der letzte Stein und geht auch einst der Himmel unter, es ist geschehen und bleibt geschehen zur ewigen Rettung unserer Seelen! Werfet denn eure Sorge auf diesen Erlöser! Gebt ihm euer Herz, mit allen euren Sünden, mit eurem ganzen Fluche! Und er wird euch sein hohepriesterliches Herz zum Tausch geben, mit seiner ganzen Gerechtigkeit und all seinem Segen. Einst aufs allertiefste erniedrigt ist euer Herr und Stellvertreter jetzt aufs allerhöchste verherrlicht. Vielmehr denn, nachdem wir nun gerecht worden sind durch sein Blut, werden wir durch ihn behalten werden vor dem Zorn; denn so wir Gott versöhnt sind durch den Tod seines Todes, da wir noch Feinde waren, vielmehr werden wir selig werden durch sein Leben, so wir nun versöhnet sind! (Röm. 5, 9….)

2. Und seid ihr nun noch furchtsam vor den Prüfungen dieses Jammertals, o dann seht auch in Gethsemane eine heilige Schule christlichen Leidens und Streitens! Unser Herr und Erlöser hat den Kelch der Trübsal und Angst bis auf die letzten Hefen geleert: nun kann es uns nicht wundern, dass auch an uns die Bitterkeit des Schmerzes nicht vorübergeht; oder soll der Knecht mehr sein, denn der Meister? Kommt her, alle, die ihr mühselig und beladen seid: einsame Witwe, verlassener Erdenpilger, du von der Welt Verachteter, du Kind der Armut, ihr zerbrochenen Herzen, ihr Kranken und an Leib und Seele Ermatteten! Kommt her und häufet all euren Jammer auf einander und wäget ihn gegen die Ängste dieses Einen Menschensohnes! Ist es nicht so, Er leidet, so wir uns nicht träumen lassen, dass man leiden kann. Unsere Betrübnis wird Freude im Vergleich mit seinem Schmerz. Haben wir um von dem Segen der Trübsal gar nicht mal zu reden!

Gast du und ich vielleicht keine Trübsal oder Pein verdient? Sind wir nicht alle Sünder, vor Gott verwerflich? vor Gott, der uns gebot: „du sollst mich lieben über Alles,“ und wir haben alles lieb gehabt über Gott! Wir haben uns Götter gemacht aus Dingen, die keine Götter sind: aus Menschenreichtum, aus Menschenehre, aus Menschengunst, aus Menschen selbst, mit all ihrer Torheit, ihrem Elend! Und weil nun der Wahrhaftige uns das gefährliche Spielzeug nimmt, weil er uns aus Liebe züchtigt und Jesu das Kreuz nachtragen lehrt, sollen wir da als unverständige Kinder den Vorwurf erheben: sollte Gott es wissen und der Allerhöchste darauf achten?“ Nein, nicht also! Schüler der höchsten Weisheit, küsset die Zuchtrute, die euch für eine bessere Welt erzieht! Achtet es für eitel Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallt! (Jak. 1, 2.) So oft sie nahen, beflügelt euren Fuß und versetzt euch nach Gethsemane! Da könnet ihr streiten lernen; denn da ist eine Ermutigung, die euch versichert, dass keine unmenschliche Gefühllosigkeit von euch gefordert wird, sondern dass ihr auch weinen dürft in eurer Streitbahn, sintemal Jesus es in der seinigen tat! Da ist eine Warnung, die euch ermahnt, nicht wie die Jünger auf das Fleisch zu vertrauen, noch auf eigenen Mut und eigene Kraft, sondern wachsam zu bleiben, ehe der Schlaf euch übermannt und die Waffe euren Händen entsinkt! Da ist ein Vorbild, das euch erweckt, mit Ergebung zu kämpfen, hielte die Nacht auch lange an, mit einem „Gottes Wille geschehe!“ im Herzen, drängt sich auch ein „Herr, wie lange?“ auf die Lippen! Und fragt ihr: „wie soll das geschehen?“ Dann seht euren Herrn und Heiland auf seinem Angesichte liegen, um für euch zu beten, und schämet euch nicht, eure Knie zu beugen, ja haltet es für eure Seligkeit, wenn ihr ihn auf eurem Angesichte anrufen dürft! Er liegt nun nicht mehr im Staube; er sitzt zur Rechten Hand Gottes; aber auch dort setzt er für euch seine Fürbitte fort, so dass wir in ihm einen Fürsprecher haben bei dem Vater und einen allmächtigen Helfer; denn darinnen er selbst versucht ist und gelitten hat, kann er auch helfen denen, die versucht werden. (Ebr. 2, 18.) Betet ihn denn an und erbittet von ihm Mut und Stärke zu dem guten Kampfe! Er lehrt euch beten! beten in der Einsamkeit, wo eure Seele allein ist mit Gott; beten mit feurigem Drange, der nie lau oder matt wird; beten mit steigender Kraft, in dem Maße als die Not steigt, im schweren Kampfe umso ernster, in langer Prüfung umso länger; beten mit Glauben und Vertrauen, scheint auch jeder Weg zur Rettung versperrt, mit dem Bewusstsein, dass kein Ding unmöglich ist bei Ihm, der da Macht hat, reichlich zu tun über Bitten und Verstehen; beten mit Gehorsam, der auch beim Abweisen des Gebets noch jubelt: „Dank dir, du Allweiser, von dem Alles zum Besten dienen muss!“ Ja, Beten und Psalmen singen in der frohen Gewissheit, dass die Kluft ausgefüllt ist und „nichts euch mehr scheiden kann von der Liebe Gottes, die da ist in Christo Jesu!“

3. Die Liebe Gottes! Christen, nein, sie verlässt euch nicht, auch dann nicht, wenn euer Fleisch und euer Herz erliegen, und ihr wohl aus vollem Halse ausrufen möchtet: „jetzt ist mein Weg doch vor ihm verborgen und mein Recht geht an ihm vorüber!“ (Hiob 19, 7.) Zweifelt ihr noch? Aber ihr könnt es nicht; denn auch euch hat ja der Heilige Geist gelehrt, nach Gethsemane umzuschauen als nach einem köstlichen Unterpfand der Barmherzigkeit des Vaters? Was er da für den Sohn tat, wird er auch für euch tun, die er zu Söhnen und Töchtern angenommen hat. Seht seinen Engel, den Boten der Stärkung! Nein, dessen Flügel haben den Weg zu dieser Erde noch nicht verlernt. Wenn eure Brüder schlafen - und sie werden es tun, denn das Fleisch ist schwach; wenn die Freundschaft abbricht und die Liebe nicht Stich hält; wenn aller menschlicher Beistand und Zuspruch euch im Stiche lässt und ihr verlassen in eurem Schmerze da steht: dann ist Gott euch nahe mit seinen guten Geistern; sie lächeln euch zu aus den Sternen über eurem Haupte; sie lesen euch Honig aus dem Blumengarten des Wortes Gottes; sie versüßen euch die Wermut mit einem Tropfen jener Hoffnung, die nimmer zu Schanden werden lässt. Ja, was Gott Jesu nicht geben konnte, weil er nur Einen Sohn seines Schoßes besitzt, das gibt er euch zum Troste: den verborgenen Umgang mit seinem Eingebornen! Nein, mit Ihm ist der Satan kein Satan mehr, denn er liegt zerschmettert und hinausgeworfen da; und mit Ihm ist die Trübsal keine Trübsal mehr, denn er hat sie von dem geläutert, was sie zur Trübsal machte: von dem Fluch der Sünde. Er hat euren Schrecken und eure Angst in seine Seele kommen lassen, um für euch den Giftzahn heraus zu brechen. Was sollte euch schaden können, nun Er den einzig wahrhaftigen Schaden geheilt hat: den eurer unsterblichen Seele? So ist Er denn jetzt die Freude eurer Tränen, die Kraft eurer Schwachheit und im Tode euer Leben. Ja, euer Leben! Was zittert ihr vor dem letzten herben Kelche, den wir Alle einst an die Lippen sehen sollen, bis in den Tod geängstet? Des Herrn Hand wird über eure Stirne fahren in der entsetzlichen Stunde und der klamme Todesschweiß wird verschwinden unter der Krone der Herrlichkeit, womit ihr einen Augenblick später vor seinem Thron stehen werdet. Denn, vergesst es nicht, hoch über Gethsemane empor erhob sich der Ölberg, und wer Jesu nachfolget, sieht in seinem eigenen Grabhügel den Berg seiner Himmelfahrt! Amen.

1)
via dolorosa, der Weg vom Prätorium, d. i. dem Richthaus des Pilatus bis nach Golgatha.
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