Albrecht, Ludwig - Die ersten fünfzehn Jahre der christlichen Kirche - V. Kapitel. Die kirchlichen Ämter in der Gemeinde zu Jerusalem.

Albrecht, Ludwig - Die ersten fünfzehn Jahre der christlichen Kirche - V. Kapitel. Die kirchlichen Ämter in der Gemeinde zu Jerusalem.

Apostelgeschichte 6, 1-7.

Dem Evangelium durch die starre Felsmasse des Heidentums die Wege zu bahnen, dies war nach Gottes Plan die Aufgabe der hellenistischen Juden. Auch in Jerusalem war ihre Zahl groß. Viele von ihnen wurden an Jesum gläubig und gingen in die Kirche ein. Wir haben gesehen, wie sehr sich die Juden der Zerstreuung von denen, die in Palästina lebten, unterschieden. In der christlichen Gemeinde blieb jedoch das gute Einvernehmen zwischen dem hebräischen und hellenistischen Teile ungetrübt. Das Band der Bruderliebe vereinigte die, welche durch Sprache und Anschauung einander so vielfach unähnlich waren. Aber bei der Lage der Dinge ließ sich kaum erwarten, dass Missverständnisse und Schwierigkeiten zwischen beiden für immer ausblieben. Als die Zahl der Jünger sich mehrte, entstand denn auch im Schoße der Gemeinde eine Unzufriedenheit: „es erhob sich ein Murren der Hellenisten gegen die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Speiseausteilung übersehen wurden“.

Schon im Gesetze Mosis war der Witwen mit besonderer Fürsorge gedacht worden. Ihnen sollte der Zehnte, der alle drei Jahre ausgesondert wurde, mit zu Gute kommen;1) sie sollten teilnehmen an den feierlichen Mahlzeiten, die am Feste der Wochen und der Laubhütten gehalten wurden2); für sie sollte bei der jährlichen Ernte ein Teil der Früchte auf dem Felde gelassen werden3); es war verboten, das Kleid einer Witwe zum Pfande zu nehmen4).

Die Kirche blieb in der Unterstützung der Witwen hinter dem Judentum nicht zurück. Täglich wurden die bedürftigen Witwen mit dem versehen, was sie für ihren Unterhalt nötig hatten. Wahrscheinlich beauftragten die Apostel mit dieser Almosenverteilung hebräische Glieder der Gemeinde, die ihnen dafür besonders geeignet schienen. Diesen Hebräern aber waren die Witwen der Hellenisten nicht so gut bekannt wie ihre eigenen, und so konnte es leicht geschehen, dass hellenistische Witwen bei der Darreichung der Spende manchmal leer ausgingen. Es lag hier also keine Absicht, sondern nur ein Versehen vor. Jedoch die Hellenisten nahmen Anstoß daran und brachten ihre Klagen vor die Apostel, indem sie dieselben aufforderten, selbst die Verteilung zu übernehmen. Aber diesen Wunsch konnten die Apostel nicht erfüllen, weil die geistlichen Aufgaben ihres Amtes es ihnen unmöglich machten, auch die äußeren Angelegenheiten der Gemeinde zu besorgen. Es musste deswegen in anderer Weise Abhilfe geschehen. Und der HErr gab den Aposteln Weisheit, in seinem Sinne und zum wahren Besten der Gemeinde die vorhandenen Schwierigkeiten zu beseitigen. „Nachdem die Zwölf die Menge der Jünger zu sich gerufen hatten, sprachen sie: nicht ist es angemessen, dass wir das Wort Gottes im Stich lassen und den Tischen dienen. Erseht euch aber, Brüder, sieben Männer aus eurer Mitte von gutem Zeugnisse, voll Geist und Weisheit, die wir bestellen werden für dieses Geschäft; wir aber werden dem Gebet und dem Dienst des Wortes beharrlich obliegen.“

„Das Wort gefiel der ganzen Menge“ ein herrliches Zeugnis für den freudigen Gehorsam des Glaubens, der die erste Gemeinde schmückte. In dem Worte der Apostel erkannten die Gläubigen die Stimme des Herrn, und sie wussten: was der Herr durch seine Zwölf in der Gemeinde verordnet, das ist ihr auch nötig und wahrhaft heilsam. Der Anordnung der Apostel gemäß schritt man zur Wahl der sieben Männer. Das Ergebnis ist überraschend. Es wurden ausschließlich Hellenisten gewählt, kein einziger Hebräer. Dies zeigt nicht nur, wie zahlreich damals die Hellenisten in der Gemeinde waren, sondern es ist auch ein schöner Beweis für die Uneigennützigkeit der Hebräer, die darauf verzichteten, einen der Ihrigen für das Amt zu wählen, um so durch Vertrauen das Misstrauen ihrer Brüder zu überwinden. Die Namen der sieben Männer sind uns aufbewahrt: Stephanus, ein Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus, ein Proselyt der Gerechtigkeit aus Antiochien. Nur die beiden ersten werden wir noch näher kennen lernen; über die anderen fünf schweigen die neutestamentlichen Schriften völlig5). Von Nikolaus meldet eine alte Überlieferung, er sei später vom Glauben abgefallen und habe die nach ihm benannte Sekte der Nikolaiten gestiftet. Die Gläubigen stellten die von ihnen Gewählten als solche, die das volle Vertrauen der ganzen Gemeinde hatten, vor die Apostel, und diese „legten ihnen unter Gebet die Hände auf“. So wurden die Sieben durch eine besondere Weihe der Apostel feierlich in ihr Amt eingesetzt.

Die Einsetzung der Sieben war ein Ereignis von der größten Wichtigkeit Bisher hatten die Apostel allein ein Amt in der Kirche bekleidet. Jetzt aber trat unter ihrer Leitung ein neues Amt in Tätigkeit: das Amt der Diakone. Zwar werden die Sieben nicht ausdrücklich mit diesem Namen bezeichnet. Aber die Aufgaben, welche sie zu erfüllen hatten, zeigen, dass sie in Jerusalem dasselbe Amt verwalteten, für welches später in den von Paulus gegründeten Gemeinden die Diakone bestellt wurden.

Die Aufgaben der Diakone waren von denen der Apostel verschieden. Den Aposteln lag „das Gebet und der Dienst des Wortes“ ob. Beides bezieht sich vorzugsweise auf den Gottesdienst. Sicher vergaßen die Apostel auch das Gebet im Kämmerlein nicht, und es ist uns ferner bekannt, wie fleißig sie das Wort Gottes den außen Stehenden verkündigten. An dieser Stelle aber ist besonders an das Gebet zu denken, welches sie in den kirchlichen Versammlungen an der Spitze der Gemeinde Gott darbrachten, und an jene Predigt des Wortes, die sie bei derselben Gelegenheit an die ihrer Leitung anvertrauten Gläubigen richteten. Andersartig war die Arbeit der Diakone. Sie hatten sich der hilfsbedürftigen Witwen und jedenfalls auch der übrigen Armen in der Gemeinde anzunehmen; ihre Aufgaben waren also nicht wie die der Apostel rein geistlicher Art, sondern sie hatten sich vor allem mit äußeren Dingen zu befassen; ihr hauptsächlichstes Gebiet war die Armenpflege. Die Mittel hierfür flossen aus jenen freiwilligen Gaben, welche die wohlhabenden Glieder der Gemeinde zu den Füßen der Apostel niederlegten. Wahrlich, wenn auch heute in allen Ländern der Christenheit, sowohl in der volkreichsten Stadt als auch in dem kleinsten Dorfe, treue Diakone nach dem Vorbilde jener Sieben in Jerusalem, tätig wären, und wenn die christliche Bruderliebe überall reichliche Opfer zum Besten der Notleidenden darbrächte, so dass den Diakonen an jedem Orte auch die nötigen Mittel zur Verfügung ständen: dann könnten viele Quellen des Elends in der Christenheit verstopft werden, und die soziale Frage, die immer brennender wird, würde zu einem guten Teil gelöst sein.

Doch nicht auf die Armenpflege allein beschränkte sich die Tätigkeit jener sieben Diakone in Jerusalem. Dies sehen wir aus der Geschichte des Stephanus und Philippus. Stephanus legte, wie wir später hören werden, den ungläubigen Juden ein gewaltiges Zeugnis von Christo ab, und Philippus verkündigte in Samaria nicht nur das Wort Gottes, sondern er taufte auch alle, die seiner Predigt glaubten. Diese Tatsachen beweisen, dass die Apostel den Diakonen auch eine geistliche Arbeit an den noch außerhalb der Kirche Stehenden übertrugen; die Diakone durften predigen und solche, die ihre Predigt annahmen, durch die Taufe in die christliche Gemeinde aufnehmen.

„Männer voll Geist und Weisheit“ sollten die Diakone sein, damit sie der Gemeinde als Vorbilder voranleuchten könnten. Deshalb verlangt auch Paulus von den Diakonen, sie sollen „ehrwürdig sein, nicht zweizüngig, nicht vielem Wein ergeben, nicht nach schändlichem Gewinn begierig, die das Geheimnis des Glaubens in einem reinen Gewissen behalten, die ihren Kindern wohl vorstehen und ihren eigenen Häusern“6). In den Diakonen sollte das christliche Volk Männer sehen, welche die göttlichen Gebote im täglichen Wandel zur Ausführung brachten und dadurch den Beweis lieferten, wie man sich bei allem Verkehr mit der Welt dennoch unbefleckt von ihr erhalten kann.

Die Diakone wurden nicht von den Aposteln gewählt, sondern von der Gemeinde. Weshalb dies geschah, lässt sich wohl verstehen. Durch die Mitteilung der Gabe des Geistes war die Gemeinde der Gläubigen das freie Eigentumsvolk des Herrn geworden. Das Recht der Freien zeigt sich aber aufs klarste in dem Wahlrecht; nur ein freies Volk kann sich seine Vertreter wählen, die es seines Vertrauens für würdig hält. Weil aber die Diakone, obwohl sie Vertreter und Vertrauensmänner der Gemeinde waren, zugleich auch dem Herrn zum Besten seiner Gläubigen dienen sollten, wurden sie durch die Apostel, des Herrn Bevollmächtigte, zu ihrem Amte ordiniert. Durch die Gemeindewahl waren sie die rechtmäßigen Gemeindevertreter; aber durch die apostolische Ordination wurden sie Christi Diener für seine Gemeinde. Sofort bei dem ersten Amte, das in der Kirche in Wirksamkeit tritt, sehen wir also, wie denen, welche in diesem Amte dienen sollen, durch Gebet und Handauflegung der Apostel eine besondere Weihe oder Ordination erteilt wird.

Bedeutungsvoll ist auch die Siebenzahl der Diakone; sie ist ebenso wenig zufällig wie die Zwölfzahl der Apostel. Wir wissen, dass die Gabe des Heiligen Geistes, welche auf der Gemeinde Christi ruht, siebenfältig in ihren Wirkungen ist7). An diese siebenfältige Gabe des Geistes, die ihr zu Teil geworden war, sollte nun die Gemeinde dadurch, dass sie sieben Diakone wählte, in ganz besonderer Weise erinnert werden, und die sieben Diakone selbst sollten, wie namentlich das Beispiel des Stephanus und Philippus uns zeigt, durch ihre ganze Arbeit dahin wirken, dass die der Gemeinde verliehene Gabe des Geistes nach außen hin sich leuchtend offenbarte.

In den ersten Jahrhunderten der Kirche hielt man fest an der Siebenzahl der Diakone. Aus einem Briefe des Bischofs Kornelius von Rom an den Bischof Fabius von Antiochien geht hervor, dass um das Jahr 250 in der Gemeinde zu Rom neben sechsundvierzig Priestern nur sieben Diakone dienten, denen ebenso viele Unterdiakone als Helfer zur Seite standen8). Ein Konzil zu Neo-Cäsarea verordnete ausdrücklich, dass auch in größeren Städten nicht mehr als sieben Diakone bestellt werden sollten. Später jedoch ward diese Zahl überschritten. Während der Regierung des Kaisers Justinian dienten an der Hauptkirche zu Konstantinopel hundert Diakone.

Mit dem Verschwinden des apostolischen Amtes verloren die Diakone in der Kirche die ihnen ursprünglich angewiesene Stellung; ihr Amt wurde schließlich nur noch als eine Vorstufe für das Priesteramt betrachtet. An manchen Orten suchten sich sogar die Diakone über die Priester, zu erheben, so dass sie auf einigen Synoden durch besondere Beschlüsse in die Grenzen ihres Amtes zurückgewiesen werden mussten9). Die wichtigen Pflichten des Diakonenamts gingen im Laufe der Zeit an die Priester, an vornehme oder bezahlte Laien oder an freigebildete Vereine über. Die Folge war, dass die Gemeinden entweder durch Priesterherrschaft oder durch Laienwillkür schwer geschädigt wurden, und dass die Armen, obwohl die Kirche Reichtümer in Fülle aufhäufte, in ihrer Not keine entsprechende Unterstützung fanden und nun in unserer Zeit voll Erbitterung zur Selbsthilfe schreiten wollen.

Die Einsetzung der Sieben war für das weitere Gedeihen der Gemeinde zu Jerusalem von reich gesegneten Folgen. Denn „das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger mehrte sich sehr, und eine große Menge der Priester gehorchten dem Glauben“. Dies war ein wunderbarer Sieg der göttlichen Gnade. Denn waren nicht gerade die Priester Jesu erbittertste Feinde gewesen? Mussten nicht diese Männer vor allem darauf bedacht sein, dass der Tempeldienst, der ihnen Reichtum und Ehre brachte, erhalten blieb? Hatte nicht unter den Priestern die sadduzäische Gesinnung, welche dem Christentum so feindlich gegenüberstand, am meisten Eingang gefunden? Was für eine Stellung diese vielen Priester nach ihrer Bekehrung in der christlichen Gemeinde eingenommen haben, darüber wird freilich in dem Berichte des Lukas kein Wort gesagt. Aber wir halten es für wahrscheinlich, dass aus ihrer Zahl die ersten Vertreter eines Amtes hervorgegangen sind, welchem wir nachher neben dem diakonalen in der Gemeinde zu Jerusalem begegnen. Indem wir hierauf näher eingehen, müssen wir Angaben aus späteren Kapiteln der Apostelgeschichte und aus den neutestamentlichen Briefen vorgreifend verwerten.

Etwa ein Jahrzehnt nach der Einsetzung der Sieben gab es in Jerusalem auch Presbyter oder Älteste10). Fast überall, wo Lukas von ihnen redet, treffen wir den Ausdruck: „die Apostel und die Presbyter“; der Diakone dagegen wird in dieser Verbindung niemals gedacht. Die Apostel und die Presbyter erscheinen stets zusammen; wir erkennen sie deutlich als die geistlichen Häupter der Gemeinde zu Jerusalem, oder sagen wir richtiger und bestimmter: die Presbyter sind unter den Aposteln die eigentlichen Vorsteher der Gemeinde; sie sind es, denen durch die Apostel die geistliche Aussicht und Fürsorge für die Gläubigen anvertraut worden ist. Paulus nennt die Ältesten der Gemeinde auch Bischöfe oder Aufseher11). Presbyter oder Älteste hießen sie wegen der Würde ihres Amtes; denn sie nahmen eine väterliche Stellung in der Gemeinde ein und sollten den Übrigen an Erkenntnis und Weisheit voranleuchten; nicht aber waren sie die bejahrtesten Männer in der Gemeinde; von Timotheus, der eine noch höhere Stellung einnahm als die Presbyter, wissen wir, dass er im jugendlichen Alter stand12). Die Presbyter wurden auch Bischöfe genannt wegen der besonderen Aufgaben ihres Amtes: sie hatten „die Gemeinde des Herrn zu weiden“13); sie führten die Aufsicht über die Gläubigen und ihnen lag auch der Dienst des Wortes und der Lehre ob14). Die Presbyter oder Bischöfe hatten also unter der Oberleitung der Apostel in den einzelnen Gemeinden eine ähnliche Stellung, wie sie die Apostel selbst über alle Gemeinden der ganzen Kirche einnahmen.

Lag es nun für die Apostel nicht nahe, aus jener Schar der gläubig gewordenen Priester in Jerusalem die ersten Männer für das Amt der Presbyter zu nehmen und so diese Söhne Aarons, die schon früher Diener Gottes im alttestamentlichen Heiligtum gewesen waren, auf eine noch höhere Stufe zu erheben, indem sie ihnen in der Kirche, dem Tempel des neuen Bundes, Anteil an der Verwaltung der himmlischen Güter gewährten? Hierbei erhebt sich jedoch die Frage: wählte auch die Gemeinde diese Presbyter ebenso wie früher die Diakone? Die Presbyter von Ephesus erinnerte Paulus daran, dass der Heilige Geist also eine göttliche, nicht eine menschliche Wahl sie zu Bischöfen in der Gemeinde des Herrn verordnet habe15); den Timotheus wies derselbe Apostel darauf hin, dass er vermittelst Prophetie oder Weissagung zu seinem Amte bezeichnet worden sei16), und er ermahnte ihn, dieser über ihn ausgesprochenen Weissagungen eingedenk zu bleiben17). Von dem Apostel Johannes berichtet Clemens von Alexandria, dass er von Ephesus aus, wo er in seinem späteren Alter wohnte, die benachbarten Orte besucht habe, um neben anderen Amtshandlungen auch solche, die „von dem Geiste“ bezeichnet wurden, in den Klerus oder in die Zahl der Presbyter aufzunehmen18).

Alle diese Zeugnisse lehren uns die beachtenswerte Tatsache: die Presbyter wurden nicht durch die Wahl der Gemeinde, sondern durch den Heiligen Geist, d. h. durch ein Wort der Prophetie, welches der Heilige Geist durch einen Menschen aussprach, zu ihrem Amte bezeichnet oder berufen. Aber durch welche Menschen redete der Heilige Geist in solcher Weise? Durch die Propheten. Dass es in der Gemeinde zu Jerusalem wirklich Propheten gab, dies wird uns ganz ausdrücklich von Lukas berichtet19). Propheten sind wichtige Glieder am Leibe Jesu Christi; denn Gott hat gesetzt in der Gemeinde „erstens Apostel, zweitens Propheten“20). Propheten gebraucht Christus als Werkzeuge, um durch den Heiligen Geist seiner Kirche mitzuteilen, was er ihr kundzumachen hat; denn „der Heilige Geist redet nicht von sich selbst, sondern was er (im Himmel von Christo) hört, das redet er (in der Kirche auf Erden) und das Zukünftige verkündigt er“21). So machte der Prophet Agabus kund, dass eine große Hungersnot über den ganzen Erdkreis kommen werde22). Propheten waren auf der Kirchenversammlung zu Jerusalem anwesend, und durch ihre Aussprüche gab der Heilige Geist Licht über die Fragen, welche dort verhandelt wurden, so dass die Apostel die rechten Beschlüsse fassen und sagen konnten: „Es hat dem Heiligen Geist gefallen und uns“23). Durch Prophetenmund befahl der Heilige Geist in der Gemeinde zu Antiochien, dass Barnabas und Saulus ausgesondert würden zu dem Werke, wozu der Herr sie berufen hatte24). Erwägen wir dies alles, so gehen wir gewiss nicht fehl, wenn wir behaupten: während die sieben Diakone in Jerusalem durch die Gemeinde gewählt wurden, sind schon jene ersten Presbyter, die unter den Aposteln die Herde der Gläubigen weideten und das Wort Gottes und die Sakramente verwalteten, durch den Heiligen Geist vermittelst prophetischer Worte zu ihrem Amte berufen worden. Und wie bei den Diakonen auf die Wahl der Gemeinde die apostolische Einsetzung folgte, so haben ohne Zweifel auch die Presbyter, nachdem der Herr sie durch die Stimme des Heiligen Geistes für ihren Dienst bezeichnet hatte, danach unter Gebet und Handauflegung der Apostel die feierliche Weihe zu ihrem Amte empfangen25).

Wie aus den Briefen des Ignatius hervorgeht, wurden die Gemeinden Kleinasiens am Ausgang des apostolischen Zeitalters durch einen einzigen Mann, den Bischof, geleitet; ihm unterstanden auch die Diakone und Presbyter, welche damals nicht mehr mit dem Namen Bischöfe bezeichnet wurden. Schon in der ersten Gemeinde zu Jerusalem gelangte die Entwicklung der kirchlichen Ämter zu diesem krönenden Abschluss. Denn aus den Angaben der Apostelgeschichte26) können wir entnehmen, dass dort bald ein einzelner Mann, Jakobus, der älteste unter den Brüdern Jesu, eine den Presbytern übergeordnete Stellung einnahm. Die Kirchenväter nennen ihn auch ausdrücklich den ersten Bischof der Gemeinde zu Jerusalem27); ja, noch im vierten Jahrhundert wurde der bischöfliche Thronsitz des Jakobus als eine kostbare Reliquie in Jerusalem aufbewahrt28).

Diakone, Presbyter und Bischof - diese drei Ordines oder Stufen des Amtes sind wahrscheinlich schon zehn oder zwölf Jahre nach dem Pfingstfeste in der Gemeinde zu Jerusalem vorhanden gewesen. So wurde diese Muttergemeinde der ganzen Christenheit nicht nur in der brüderlichen Liebe, sondern auch in ihrem geistlichen Ausbau ein Muster und Vorbild für alle späteren Gemeinden der ältesten Kirche.

1)
5 Mos. 14, 28. 29 .
2)
5 Mos. 16, 9-14.
3)
5 Mos. 24, 19 ff.
4)
5 Mos. 24, 17.
5)
Offenb. 2, 14. 15 ; Iren. adv. haer. I, 26, 3 ; Clem. Alex. strom.
6)
1 Tim. 3, 8. 9. 12 .
7)
vgl. Jes. 11 , 1—3.
8)
Euseb. hist. eccl. VI, 43.
9)
Konzil. Nic. c. 18; Konzil. Laodic. c. 25.
10)
Apostelgesch . 11, 30.
11)
Apostelgesch. 20, 17.28 ; 1 Tim. 3, 1.2 ; Tit. 1, 5-7 ; Phil. 1, 1 .
12)
1 Tim. 4, 12.
13)
Apostelgesch . 20, 28 ; 1 Petr. 5, 2 f.
14)
1 Tim. 5, 17.
15)
Apostelgesch. 20, 28 .
16)
1 Tim. 4, 14.
17)
1 Tim. 1, 18 .
18)
Euseb. hist. eccl. III, 23.
19)
Apostelgesch . 11, 27 .
20)
1 Kor. 12, 28 ; Ephes. 4, 11 .
21)
Joh. 16, 13 .
22)
Apostelgesch. 11,28.
23)
Apostelgesch . 15, 28. 32.
24)
Apostelgesch. 13, 1-3 .
25)
vgl. Apostelgesch . 14, 23 ; Tit. 1,5 ; 1 Tim. 4, 14.
26)
Apostelgesch . 12, 17 ; 15, 13 ; 21,18.
27)
Euseb. hist. eccl. II, 1 , 23 .
28)
Euseb. hist. eccl. VII, 19.
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