Spurgeon, Charles Haddon - Der Prediger unserer Zeit

Spurgeon, Charles Haddon - Der Prediger unserer Zeit

Sehr tief empfinde ich die Verantwortlichkeit, welche mir daraus erwächst, dass ich heute hier zu euch reden soll. Vielleicht fühle ich dieselbe zu schwer. Dies ist durchaus kein alltäglicher Fehler, aber dennoch kann er ein wirkliches Hindernis sein. Es ist jemandes Pflicht, gegen das Gefühl der persönlichen Verantwortlichkeit anzukämpfen, sobald sein Vertrauen zu Gott durch dasselbe bedroht wird. Es ist eine so große Sache, ein Wort zu reden zu seiner Zeit und in der rechten Kraft, dass ich, im Blick auf mich selbst, daran verzweifeln muss. Darum eile ich in dieser Stunde zu Gott, dem Heiligen Geiste, dass er mir gebe, was ich jetzt reden soll, und mich zubereite, es im rechten Ton und Geist tun zu können.

Meine erste Pflicht ist es nun, euch alle im Namen unseres großen Königs, der uns bis hierher gebracht hat und uns Gnade und Gelegenheit gab, einander noch einmal zu begegnen, herzlich willkommen zu heißen. Es ist mir eine große Freude, euch alle noch einmal wiedersehen zu dürfen. Willkommen denn, meine Brüder! Besonders willkommen ihr, die ihr von weither zu uns gekommen seid! Wir sehen hier Brüder unter uns, welche von den Enden der Erde zu uns hierher kamen. Brüder, wir freuen uns darauf, von euch hören zu dürfen, was der Herr an und durch euch getan hat. Willkommen auch ihr, ihr alten Streiter, die ihr von Anfang an mit mir im Kampf gestanden habt. Ich erkenne viele von euch mit Freuden wieder, obwohl die wechselnden Jahre ihre Spuren auf euren Angesichtern zurückgelassen haben.

Ich gedenke eurer, wie ich euch einst in der Klasse vor mir sah; aber siehe, anstatt des schwarzen Haares sehe ich silberne Locken, und die in meiner Erinnerung noch jugendlichen Angesichter sind mit würdigem Bart umrahmt. Aufs herzlichste willkommen ihr, die ihr aus den verschiedensten Arbeitsfeldern kommt, wo ihr im Dienste des Herrn Armut, Krankheit, Verfolgung und Entmutigungen aller Art um Jesu willen erduldet habt. Euer Herr weiß, was ihr um seines Namens willen gelitten habt und er wird euch auch an seinem Tage einen reichen Erntesegen zu teil werden lassen. Segne euch alle Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist!

Wenn ich nun noch derer gedenke, die entschlafen sind, so trauert mein Herz besonders um unseren teuren Bruder Burton. Gott sei gelobt, dass er uns einen solchen Mann gab. Wir haben durch seinen Heimgang einen unberechenbaren Verlust erlitten; aber wir trösten uns mit dem großen Gewinn, der ihm durch denselben zu teil geworden ist. Mögt ihr, meine Brüder, dem Dienste des Herrn noch lange erhalten bleiben, denn wir bedürfen eurer gar sehr! Sollte sich einem von euch die Bitte auf die Lippen drängen: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein“, dann bitte ich euch um der Gemeinde Jesu, um der in Sünden liegenden Welt und um meinetwillen, vollendet dieselbe nicht! Bleibt meine werten Mitarbeiter noch manches Jahr!

Doch nun komme ich zu meiner eigentlichen Aufgabe. Ich gedenke heute sehr zeitgemäß zu reden. Ich bin kein Freund jener Phrase, laut welcher man sich nach der Zeit richten soll, sondern ich wünsche ein Wort zu reden, welches für die gegenwärtige Zeit, aber ebenso auch für die zukünftige von Segen sein soll.

Es sind so mancherlei Erscheinungen und Bedürfnisse unserer Zeit, welche mich beschäftigen, dass ich mich genötigt sehe, einen Streifzug durch verschiedene Gebiete zu machen, um im Vorbeigehen eine Reihe von Gegenständen andeutend zu berühren, anstatt auf einzelnes näher einzugehen. Nehmt darum fürlieb, meine Brüder, wenn ich hier ein wenig und da ein wenig herausgreife.

Zuerst lasst uns achthaben auf die Stellung unseres Herrn Jesu zu uns. Hier haben wir einen Punkt, der mit überzeugender Gewissheit in unseren Predigten vorgetragen werden muss. Seid dessen gewiss, dass wir in keinem Stück ins Reine kommen, wenn wir es in diesem einen noch nicht sind. Welche Stellung nimmt die Sonne ein, bei Bildung eines astronomischen Systems? Wenn ihr in diesem Kardinalpunkt nicht klar seid, dann ist euer ganzes System ein verfehltes. Wenn ihr die Hütte der Sonne am Firmament nicht entdeckt habt, dann bin ich nicht sicher, ob ihr nicht eines Tages Mars oder Jupiter an ihre Stelle setzt. Wo ist Christus in eurer Theologie? Nimmt er die erste Stelle ein oder nicht? Wie verhält er sich zu euch selbst, zu eurer Arbeit und zu euren Mitmenschen? Es gibt viele Gesichtspunkte, unter welchen wir unseren hochgelobten Herrn betrachten können und sollen, aber ich muss in der Verkündigung des Wortes stets den größten Wert auf seine versöhnende Tätigkeit legen und ihn predigen als Opferlamm und Sündenträger. Wenn je, dann ist es heute nötig, diese Tatsachen mit großer Klarheit, Energie und Kraft zu verkündigen. Das Banner des Kreuzes muss uns den Weg zeigen, wenn wir nicht irren sollen. Wir können uns nicht dazu verstehen, die Versöhnungslehre als eine verborgene Wahrheit zum besten weniger Bevorzugter in den Bücherschrank zu stellen oder sie etwa zu den Raritäten unpraktischer Glaubensartikel zu zählen. Es ist uns weder mit der Anwendung orthodoxen Wortschwalls und Phrasengeklingels, noch auch mit Ausführung der prächtigsten Liturgien zu helfen, sondern wir müssen selbst von ganzem Herzen an die Wahrheit glauben und dieselbe verkündigen mit aller Macht und Energie unseres Seins. Die Kardinalwahrheit von dem stellvertretenden Leiden Jesu Christi müssen wir oft, klar und mit allem Nachdruck predigen, wenn wir dies nicht tun, so haben wir Christum noch nicht erkannt, viel weniger sind wir dazu imstande, ihn verkündigen zu können. Wenn jemand versucht Christum zu predigen ohne sein Kreuz, der verrät ihn mit einem Kuss. Ich finde, es gibt gewisse Leute, welche auch beanspruchen, Glauben zu haben an die Versöhnung, aber sie können sich nicht dazu verstehen, uns mitzuteilen, was sie sich eigentlich darunter vorstellen. Kommt dies etwa daher, dass ihnen ihre eigene Lehre noch nicht klar geworden ist oder ist es vielleicht auf einen Mangel an Glauben zurückzuführen? Ein jeder Mensch hat doch sonst eine Vorstellung von dem, was er weiß oder kann auch mehr oder weniger Verantwortung geben von dem, was er versteht. Wir haben gehört von den Männern in Athen und von ihrem Altar, auf dem geschrieben stand: „Dem unbekannten Gott“. In England gibt es philosophische Theologen, welche an eine unbekannte Versöhnung, ein unbekanntes Christentum glauben. Nun, wir hoffen, sie üben „unwissend“ Gottesdienst, wie jene Männer in Athen.

Von Robertson von Brighton sagt man, er habe geglaubt, dass der Herr dies oder jenes getan haben könnte, welches auf die eine oder andere Weise mehr oder weniger in Verbindung stehen möchte mit unserer Erlösung. So unbestimmt und ungläubig dies auch scheint und ist, so ist es doch noch zuverlässiger als die Theologie der Neuzeit, und der Materialist jener Tage war noch ein besserer Gläubiger als die Gelehrten unseres aufgeklärten Jahrhunderts. Viele meinen, es sei sinnlos, das, was vor 1800 Jahren auf Golgatha geschehen sei, in irgendeine Verbindung mit den Sünden unserer Zeit bringen zu wollen. Andere leugnen das stellvertretende Opfer Christi, weil es nach ihrem Begriff unmoralisch ist, dass einer für den andern leidet.

Die ethische Seite der Erlösung glaubt man und predigt sie dem Volk mit schönen Worten; aber wir sind nicht zufrieden mit dieser einseitigen Darstellungsweise der großen Tatsache.

Was immerhin auch der Schatten der Erlösung sein möge und hiermit meinen wir ihren ethischen Einfluss - wir glauben, dass der Inhalt derselben ein wesenhafter, wirklicher, persönlicher ist, und wenn man diesen hinwegleugnet, dann verliert man notwendig den Schatten auch. Wir verkündigen keine hausbackene Theorien, sondern unser feierliches Zeugnis lautet: „Er trug unsere Sünden an seinem eigenen Leibe auf das Holz.“ Obschon die Zurechnung des Verdienstes Christi von vielen unmoralisch genannt wird, glauben wir doch, dass er für uns zur Sünde gemacht wurde, „auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit Gottes“. „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, denn der Herr warf alle unsere Sünden auf ihn.“ Es würde uns allen nützlich sein, wenn wir einmal alle Stellen der Heiligen Schrift aussuchen und betrachten wollten, welche von der Versöhnung, der Stellvertretung, dem Opfer Christi reden. Es sind deren viele, sehr viele und sie sind alle sehr deutlich und klar. Wenn wir noch fähig sind, die Sprache in ihrem natürlichen Sinn verstehen und zu gebrauchen, dann werden wir keinen Augenblick daran zweifeln können, dass nach der Lehre der Bibel Jesus unsere Sünden auf sich nahm, unsere Schuld bezahlte, die durch menschliche Rebellion verletzte Gerechtigkeit Gottes versöhnte und uns nun durch sich selbst einen freien Zugang zu Gott schenkte. „Durch das Blut Christi haben wir Vergebung, durch sein stellvertretendes Leiden ist die Missetat hinweggenommen und der an ihn Gläubige ist angenehm gemacht in dem Geliebten.“

Diejenigen, welche die Stellvertretung in der Erlösung leugnen, vernichten gleichzeitig die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben. Diese beiden Wahrheiten sind so miteinander verwachsen, dass man, wenn man die eine leugnet, notwendig auch die andere vernichten muss. Die moderne Theologie bezweckt nichts anderes, als dass sie versucht, uns das System der Werkgerechtigkeit zurückzugeben. Unser Kampf gleicht dem, den Luther in der Reformation führte; denn wenn wir der Sache auf den Grund gehen und die Wurzel betrachten, werden wir erfahren, dass man die Gnade Gottes verleugnet und die Werke menschlicher Barmherzigkeit, Tugend und Liebe unter dem Namen „praktisches Christentum“ an deren Stelle setzt. Die sündenvergebende Gnade Gottes ist abgetan und die Bemühung der Menschen ist alles in allem geworden. Man stützt sich darauf, um das Gewissen zu beschwichtigen, und hofft in Zukunft durch dieselbe selig zu werden. Jeder will jetzt sein eigener Heiland sein; da wird denn die Stellvertretung Christi als ein frommer Betrug beiseitegelegt. Ich will die unwürdigen Phrasen nicht in meinen Mund nehmen, mit welchen man jetzt diese Wahrheit meint abtun zu können. Nur will ich noch mit tiefem Schmerz erwähnen, dass diese bösen Lehren von vielen geduldet werden, welche wir bisher hoch achteten.

Liebe Brüder! Wir wollen nicht aufhören, das Opfer Christi nachdrücklich und mit großem Ernst zu verkündigen; und ich will euch auch sagen, weshalb ich mich gedrungen fühle, dasselbe zu tun. Ich habe persönlich keinen Schatten der Hoffnung auf irgendeine Gnade, außer durch die Stellvertretung; ich bin verloren, wenn Christus nicht mein Stellvertreter ist. Ich wurde durch den Druck meiner eigenen Sünden in die Enge getrieben und musste an jeder Art der Selbstgerechtigkeit hoffnungslos verzweifeln. Gerechtigkeit, eine heilige und vollkommene Gerechtigkeit musste ich haben und aus eigenen Kräften konnte ich sie nicht hervorbringen. Da fand ich, was mir fehlte, in Jesu; ich las, es sollte mir im Glauben geschenkt werden und im Glauben ergriff ich es auch. Mein Gewissen sagte mir, ich sei der von mir verachteten Gerechtigkeit Gottes eine Versöhnung schuldig und ich konnte nirgends etwas finden, was auch nur den Schein einer solchen hatte, bis ich Jesum Christum im Glauben erblickte. Erinnere ich mich denn nicht mehr, wie mein beschwertes Herz erleichtert wurde, als es Jesum gläubig ergriff? Weiß ich denn nicht mehr, wie oft ich zu meines Heilandes Füßen kam, um ihm meine Sünden und Schwachheiten zu bekennen, seine Wunden aufs Neue im Glauben zu erblicken und mit Friede und Freude im Heiligen Geist erfüllt zu werden? Brüder, ich kann nichts anderes predigen, denn ich weiß nichts anderes. Neue Dogmen können ebenso gut unwahr sein als wahr, aber dies ist für mich Erfahrungstatsache. Wenn jemand unter uns sein sollte, der die Versöhnung predigt und es nicht mit Freuden tut, den möchte ich fast bitten, es aufzugeben. Ich bin fest überzeugt, dass die unwilligen und kaltherzigen Verkündiger irgendeiner Wahrheit die größten Feinde derselben sind. Es kommt je länger je mehr dahin, dass der Wahrheit in den Häusern ihrer Freunde empfindlichere Wunden geschlagen werden, als von ihren offenbaren Feinden. Wenn du das Kreuz Christi nicht von Herzensgrund liebest, dann tust du am besten, es so bald wie möglich zu verlassen. Ich kann euch bezeugen, dass ich die Versöhnung aus herzlicher Liebe predige. Einige scheinen zu glauben, wir armen puritanischen, pietistischen Seelen seien so gefesselt, eingeschlossen und abgesondert durch scharfe, unbarmherzige Dogmen, dass wir uns danach sehnten, denselben entrinnen zu können. Sie bilden sich ein, wir müssten jeden Seufzer unseres besseren Ichs unterdrücken, um nur einem unbeugsamen, eisernen System getreu bleiben zu können. Die Sache verhält sich gerade umgekehrt, meine Brüder. Diese Verleumder beweisen uns wenig von ihrem Frieden und ihrer Freude. Wenn sie mehr Lust und Freude haben an der Verkündigung des Wortes Gottes, als wir, dann sind sie in der Tat glückliche Leute; aber nach Ton und Stil ihrer Redensarten zu urteilen, ist dies mir sehr fraglich. Beobachter wollen herausgefunden haben, dass die Ursache der Freude von mancher Kanzel verschwunden sei. Der Prediger freut sich selbst des Gegenstandes seiner Abhandlungen nicht; ist es da zu verwundern, wenn dieselben ihn und seine Zuhörer kalt lassen? Er predigt lieber 20 Minuten als 40, und wenn es nur alle 14 Tage Sonntag würde, dann ginge er auch gerne nur 26 mal im Jahr auf die Kanzel. Niemand kann aus der modernen Theologie irgendwelche wahre Freude schöpfen, weil keine darin enthalten ist. Die Zuhörer tun gewiss ihr Bestes, wenn sie der von einem geborgten, schon dutzende Male zu gleichem Zweck ausgeliehenen Knochen abgekochten Suppe noch irgendwelchen Geschmack abgewinnen. Nun, meine Brüder, lasst unsere Widersacher sich nur alles Mitleids wegen unserer Sklaverei unter dem Joch des alten Evangeliums entschlagen, es bleibt dabei, wir tragens gerne. Wir sind die freien Leute, denn uns hat der Sohn frei gemacht, alle andern aber sind Sklaven. Gerne will ich in den letzten 5 Minuten meines Lebens mich mit Anstrengung meiner letzten Kraft noch einmal aufrichten, um ein Zeugnis abzulegen von dem vollkommenen Opfer und dem sündentilgenden Blut Christi. Ich möchte dann diejenigen Worte wiederholen, welche die Wahrheit der Stellvertretung am deutlichsten bezeugen; selbst wenn sich meine Zuhörer darüber ärgern sollten. Denn wie könnte es mich im Himmel, wo mein erstes Werk der Ruhm des Blutes sein wird, welches mich dorthin gebracht, jemals reuen, dass es mein letztes Werk auf Erden war, den Feinden des Kreuzes Christi die Kraft des Blutes zu verkündigen.

Weiter halten wir dafür, dass Jesus Christus der einzige Mittler und Hohepriester unseres Bekenntnisses ist. Dies veranlasst uns, auf einen immer kühner hervortretenden Aberglauben einen entrüsteten Blick zu werfen. Es tritt in England jetzt etwas zu Tage, was wir in unserer Jugend fast für ausgestorben hielten; nämlich das Evangelium des Priesterbetrugs.

Der Priesterbetrug des alten Rom hebt kühn sein Haupt empor. Wir haben Leute, welche beanspruchen, in einem höheren Sinne Priester zu sein als der, in welchem die Heilige Schrift alle Gläubigen Priester nennt. Laut dieser maßlosen Einbildung ist aber Jesus nicht mehr der allgenugsame Mittler zwischen Gott und dem Menschen. Nach oben hin, das heißt in Beziehung zu Gott, lässt man ihn wohl allein genug sein, aber zwischen ihm und dem Sünder besteht eine Kluft, welche nur ausgefüllt werden kann durch die Teilhaber an einer eingebildeten apostolischen Suksession. Gewiss, die Sakramente sind, wenn sie biblisch verwaltet werden, Kanäle, durch welche uns Gott Segnungen zuführen will. Aber wie hören wir im Lager jener Leute darüber reden? „In der Taufe“, so sagen sie, „wurde ich ein Glied Christi, ein Kind Gottes, ein Erbe der himmlischen Herrlichkeit und im Abendmahl habe ich Vergebung der Sünden.“ In den Händen des Priesters gewinnen Brot und Wein eine Bedeutung, welche sich nur wenig von der römischen Verwandlungslehre unterscheidet. Die Sakramente werden vergöttert, weil sie von Priestern verwaltet werden, und diesen dienen sie doch nur als eine Staffel, auf der sie sich über das gewöhnliche Volk erheben können. Kirche, Altar und Priester werden über die Maßen verherrlicht und also zu Widersachern des ewigen Hohenpriestertums Jesu gemacht. Unser armes Volk wird fortwährend belehrt, ein jeder, der sich unterstände das Evangelium zu verkündigen, ohne kirchliche Weihe empfangen zu haben, sei ein Ketzer und Irrlehrer, auch wenn er aus der Heiligen Schrift seinen Beruf mit klarsten Beweisen erhärten könne. Wenn nun gar gläubige Christen es wagen, das Brot unter einander zu brechen, dann sind sie Ketzer, welche weniger Duldung verdienen als Ehebrecher und Mörder. Wenn du ein Mörder bist, kannst du Vergebung finden und die Sakramente empfangen, aber wenn du es wagst, von den Rechten des allgemeinen Priestertums Gebrauch zu machen, dann bist du hoffnungslos unter die Irrlehrer verwiesen.

Brüder! lasst uns den ernstlichsten Protest erheben gegen diesen wiedererstandenen römischen Aberglauben. Lasst uns nichts dulden, was sich zwischen die Seele und Christum drängen will. Es mag sein, dass euch diese priesterliche Anmaßung hier in London weniger belästigend entgegentritt, aber es sind Brüder unter uns, die es Tag für Tag mit ihren Augen ansehen müssen, dass sich dieselbe wie mit eiserner Hand auf das arme Volk legt und das Urteil der Menge irreleitet. Wo sie gehen und stehen, begegnen sie diesen Brahmanen im christlichen Gewand, welche eine Sonderstellung im Reiche Gottes für sich in Anspruch nehmen. Sünder dürfen nicht direkt zu Jesu kommen, sondern bedürfen der Vermittlung des geweihten Standes. Ernstlichen Protest, meine Brüder, gegen diesen verderblichen Irrtum, welcher umso schädlicher ist, je mehr er mit evangelischen Wahrheiten vermischt vorgetragen wird. Wir müssen alles aufbieten, um mit diesem Aberglauben keinerlei Gemeinschaft zu haben. Brüder, hütet euch, dass ihr keine Priester werdet in diesem Sinne.

Es ist möglich, sich mit einem hierarchischen Schein zu umgeben, ohne es beabsichtigt zu haben. Es gibt eine Vorliebe für gewisse Art der Bekleidung, welche nicht lobenswert ist. Es gibt eine gewisse pastorale Art sich auszudrücken, eine feierliche, geweihte Redeweise, welche durchaus nicht nachahmenswert ist. Es gibt ein Bewusstsein eingebildeter oder auch wirklicher Überlegenheit, welches uns veranlassen kann, auf unsere Brüder herabzublicken als auf minderwertige Christen; solche Aufgeblasenheit ist verächtlich und lächerlich. Meidet den Weg gewisser Geistlicher, welche sich eifrig bemühen ihren Leuten den Begriff beizubringen, als sei der Prediger ein besonders ehrwürdiges Geschöpf, mit dessen Meinung um jeden Preis jeder übereinstimmen müsse. Unser Predigtamt verdient gewiss respektiert zu werden und wird es auch, wenn wir es nur getreulich ausrichten; aber ich habe die Beobachtung gemacht, dass gewisse Brüder eiferten, das Amt in Ehren zu bringen, damit sie selbst der Ehre teilhaftig werden möchten. Je höher der Amtsbegriff steigt, desto mehr sinkt gewöhnlich der Mann an wirklichem Wert. Gestern hörte ich hier eine Frage, welche mir noch nicht genügend beantwortet wurde; es war diese: „Welcher Mensch ist böser, der, der predigen kann und es nicht will, oder der, der nicht predigen kann und es wohl will?“ Ich fürchte, von dieser zweiten Sorte haben wir etliche unter uns; wenn dieselben sich nun etwa einbilden, die auf sie gefallene Wahl zum geistlichen Amte befähige sie auch schon zu demselben, so betrügen sie sich selbst.

Lasst mich nun noch mit einigen Worten einer Gefahr gedenken, welche sich in unseren eigenen Versammlungen sucht auszubreiten und die wir beachten müssen, wenn wir nicht Schaden leiden wollen. Ich gedenke jetzt der Nachversammlungen. So gut und nützlich dieselben von Zeit zu Zeit sein mögen, so habe ich doch ernstliche Bedenken, wenn ich wahrnehme, dass sie irgendwo regelmäßig wiederkehren. Es mag eine weise Einrichtung sein, die um ihr Seelenheil bekümmerten Sünder allein zu nehmen und mit ihnen zu reden; aber wenn ihr irgendwie wahrnehmt, dass sich die Meinung bildet, es sei in der Nachversammlung etwas Besonderes zu haben, oder man könnte dort leichter Gnade finden als unter der einfachen Verkündigung des Wortes Gottes, dann macht denselben ein Ende und zwar je eher je besser. Wenn wir die Leute glauben machen, eine Unterredung mit uns oder unseren Mitarbeitern, oder unser Gebet könne ihnen einen Ersatz bieten für ihren persönlichen Glauben an Christum, für eine Neugeburt durch Gottes Wort und Geist, dann befinden wir uns auf dem geraden Weg zu dem eben geschilderten Priesterbetrug. In dem Evangelium soll der Sünder seinem Heiland begegnen, ohne dass irgendetwas zwischen beide trete. Sünder! wo du auch sitzen magst, glaube an den Herrn Jesum Christum und du hast das ewige Leben! Warte nicht bis zur Nachversammlung! Denke nicht, dass eine Unterredung mit mir etwas eintragen könnte, wenn du nicht persönlich zum Heilande kommst. Glaube nicht, ich hätte die Schlüssel des Himmelreichs, oder die frommen Männer und Frauen, welche mit mir zusammen stehen, könnten dir ein anderes Evangelium verkündigen als dieses: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.“

Weiter wollen wir beachten, dass der Herr Jesus unser unfehlbarer Lehrer ist, welcher uns unterweist durch das Wort Gottes. Ich kann es nicht begreifen, wie jemand Jesum lieben kann, während er sein Wort geringschätzt, da doch Jesus selbst sagt: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten.“ Wenn wir sein Wort nicht annehmen und demselben gehorchen wollen, dann können wir ihn selbst auch nicht lieben; ebenso wenig kennen wir ihn, wenn wir die Worte seiner Apostel geringschätzen, denn Johannes sagt: „Wer Gott kennt, der hört uns, wer aber nicht aus Gott ist, der hört uns nicht; hieran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums.“ Wir müssen alle Worte unseres Heilandes lieben, ehren und halten, und wenn wir dies nicht tun, dann bauen wir unsere Häuser auf Sand. Es ist ebenso wichtig, zu glauben, dass Jesus die Wahrheit ist, als dass er der Weg und das Leben ist. Einige auszeichnete Brüder scheinen das Leben mehr zu lieben, als die Wahrheit, denn wenn ich ihnen warnend mitteile, der Feind habe ihren Kindern das Brot vergiftet, dann antworten sie mir: „Es tut uns leid, lieber Bruder, dass wir dies hören müssen, aber wir wollen, um dem Übel entgegen zu wirken, die Fenster öffnen, damit frische Luft herein kommt.“ Ja, öffne die Fenster auf jeden Fall und in mancher Hinsicht könntest du nichts Besseres tun - aber gleichzeitig solltest du nicht unterlassen, dem Vergifter sein Handwerk zu legen. Wenn du es gestattest, dass jemand deinen Kindern falsche Lehren verkündigt, dann kannst du, so oft du willst, mit ihnen reden über die Vertiefung ihres geistlichen Lebens, du wirst wenig Erfolg zu erwarten haben. Wenn du eines tust, unterlasse das andere nicht. Anstatt zu sagen, die Wahrheit ist wichtig, aber der Weg ist wichtiger und das Leben ist am wichtigsten, lasst uns lieber bedenken, dass alle drei zusammen gehören und keines ohne das andere besteht.

Einige verlassen die lautere Verkündigung des Evangeliums aus reiner Wollust und kindischem Hang zu Neuigkeiten. Bei jüngeren Brüdern kommt oft die eine oder andere Irrlehre wie eine Kinderkrankheit, so eine Art geistlicher Masern auf. Ich wünsche ihnen gute Besserung und hoffe, dass nichts Schädliches bei ihnen zurückbleiben möge. Mit heißer Angst habe ich oft über Seelen gewacht, die von einer solchen Seuche ergriffen und verunreinigt waren; und wie habe ich mich da gefreut, wenn ich sah, dass der Rausch vorüberging und der Patient ausrief: „Gott sei Dank, dass ich da noch einmal herausgekommen bin; ich hoffe mein Leben lang nicht wieder hineinzugeraten“.

Es ist zu bedauern, dass manche es für nötig halten, die schmutzigen Wege, auf welchen sich andere vor ihnen schon verunreinigt haben, persönlich noch einmal zu wandeln. Diese Leute erinnern mich an jene Dame, die ihrem Prediger, als er sie um ihrer Ausgelassenheit willen ermahnte und auf Salomos Worte hinwies: „Es ist alles eitel,“ antwortete: „Ja, ich weiß, dass Salomo so gesagt hat, aber er konnte es auch aus eigener Erfahrung sagen, und dies möchte ich auch gerne.“ Nun, sie glich Salomo sehr wenig, denn der wahrhaft Weise wird gerne aus den Erfahrungen anderer lernen wollen. „Manch einer ging nach Wolle aus und kam geschoren selbst nach Haus.“ Hast du dies schon einmal bei anderen beobachtet und hat dir dann nicht deine gesunde Vernunft gesagt: „Hüte dich, dass es dir nicht auch so ergeht!“?

Manche verfallen in Zweifel und Irrtümer wegen innerer Unaufrichtigkeit. Gewisse Leute erfinden neue Lehren, weil bei ihnen in der Wurzel etwas faul ist; und Fäulnis der Wurzel hat krebsartige Wucherungen am Stamme zur Folge. Vielleicht habt ihr Plinius Naturgeschichte gelesen; wenn ihr sie aber nicht gelesen habt, dann rate ich euch, sie nicht zu lesen, weil sie mehr fabelhaft als natürlich ist. Plinius schreibt: Wenn der Elefant zu einem Wasser kommt, um zu trinken, und sieht sein eigenes Bild in demselben, dann wird er so zornig über seine Hässlichkeit, dass er den Schlamm aufwühlt, um ja sein eigenes Konterfei nicht mehr sehen zu müssen. Ein Elefant wird sich nun wohl nie solcher Torheit schuldig gemacht haben, aber ich habe Menschen kennen gelernt, auf welche diese Fabel Anwendung findet. Die Heilige Schrift stimmt nicht mit ihnen überein, nun muss die Schuld die Bibel treffen. Diese oder jene Lehre stimmt nicht mit ihren Gefühlen überein, darum muss sie verdreht oder gar geleugnet werden. Die Ursachen des Zweifels liegen meist in einem unwiedergeborenen Herzen und die meisten Trennungen unter den Kindern Gottes entspringen im Grunde genommen aus derselben Quelle.

Manche beschäftigen sich in unserer Zeit mit den Lehren und dem Evangelium Christi, um mehr Gutes tun zu können. Es werden Dinge angenommen, denen man dem innersten Herzensgrunde nach fremd gegenübersteht und zu deren Verteidigung man nichts zu sagen weiß. Habt ihr beachtet, auf welche Weise heute das Evangelium verkündigt und angepriesen wird? Ich wünsche niemand persönlich zu kritisieren, aber ich höre und lese fortwährend die Worte: „Gib Jesu dein Herz!“ Diese Ermahnung ist gut, aber geht nicht zu, dass sie an Stelle des Evangeliums gesetzt wird, welches lautet: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du selig.“ In der Sonntagsschule wird den Kindern oft gesagt: „Liebe Kinder, ihr müsst den Herrn Jesum Christum lieb haben.“ Nun, das ist kein Evangelium. Die Liebe zu Jesu ist eine Frucht, aber das Evangelium selbst ist: „Glaube an den Herrn Jesum.“ Sobald wir glauben, wir könnten mehr ausrichten, wenn wir das alte Evangelium durch unsere eigenen Gedanken ergänzten, bringen wir uns selbst in große Schwierigkeiten. Wenn wir durch unsere Ersatz- und Kunstmittel einen augenblicklichen Erfolg haben, so können wir wohl Treibhauspflanzen oder Pilze hervorbringen, aber keineswegs Bäume, gepflanzt dem Herrn zum Preise.

Lasst uns in diesen Tagen der Gefahr mit großer Sorgfalt darüber wachen, dass wir uns unserem treuen Lehrer Jesus unbedingt unterwerfen und ihm in allen Stücken gehorsam sind, sonst könnten wir leicht betrogen werden, wie Pompeius einige Städte betrog, die seine Kriegsheere nicht einlassen wollten. Er sagte: „Ich wünsche nicht, dass ihr meine ganze Armee aufnehmt, aber ich habe Kranke und Verwundete, lasst die bei euch bleiben bis zur Genesung.“ Als nun die Invaliden auf diese Weise in die Mauern gebracht waren, öffneten sie eines Tages die Tore, und die Städte wurden ohne Mühe überwunden. Bekämpfe die kleinen Irrtümer, für welche man Eingang sucht, wo nicht, so wird deine Festung bald überrumpelt sein, ehe du etwas vom Kampfe ahnst. Kämpft ob dem Glauben, der einmal den Heiligen übergeben ist, und lasst euch niemand berauben durch Philosophie und eitle Künste.

Weiter, Brüder, müssen wir unwandelbar daran festhalten, dass Jesus der einzige Gesetzgeber und Herr der Gemeinde ist. Wir sind rundum von religiösen Systemen umgeben, deren ganze Organisation auf menschlicher Erfindung beruht. In der Bibel findet man keine Anhaltspunkte für dieselben, dennoch aber sucht man Gottes Wort als eine Art Deckmantel zu gebrauchen, um seine eigenen Werke hinter demselben zu verbergen. Unsere Nachbarn, welche unermüdlich sind, ihre menschlichen Systeme biblisch zu begründen, betrachten uns als Scheinheilige und Heuchler. Vielleicht hat dies seine Ursache darin, dass wir so lange glaubten, alle Dinge dulden und tragen zu müssen; aber dennoch besteht noch ein großer Unterschied zwischen Dulden und Nachahmen. Wir sollten in unseren eigenen Gemeinden nur apostolischen Vorbildern folgen und den Geboten Christi gehorchen. Kein noch so berühmter Name ist eine genügende Autorität, um eine Abweichung vom Wort der Wahrheit mit demselben entschuldigen zu können. „Zu dem Gesetz und den Zeugnissen;“ wenn dort eine Lehre oder ein Gebrauch nicht zu finden ist, dann ist es nichts für uns. Es ist böse, sündig, wenn wir es wagen, erkannte Gebote Christi zu vernachlässigen. Es tut mir leid, dass an vielen Orten durch Taufe und Abendmahl Differenzen unter Gottes Kindern entstehen; aber dies kann keine Ursache sein, die Sakramente beiseite zu setzen. Ich hörte einmal jemand sagen: „Wenn Jesus heute unter uns weilte und sähe den Zank, der durch die Sakramente entstanden ist, dann würde er sie gewiss aufheben.“ Wir können dieser Phrase nicht zustimmen. Wir sind sicherlich nicht berufen, die Lehren und Taten unseres Herrn Jesu zu verbessern, sondern wir sind verpflichtet, sie zu tun.

Was ist das für eine Art des Glaubens, welche keine Werke der Liebe tut, sondern sich wissentlich den Anordnungen Christi widersetzt? Wir müssen protestieren gegen alles Umgehen und Verdrehen der Verordnungen unseres großen Hohenpriesters, der da ist das Haupt seiner Gemeinde. Ich nannte die Lehre von der Taufe nur als Beispiel, aber wir sind verpflichtet, in jedem anderen Punkt ernstlich darüber zu wachen, dass des Herrn Wille geschehe. Jesus ist sowohl der Herr, als er auch der Heiland seines Volkes ist. Er ist nicht in sein Eigentum gekommen, um sich zum Zeitvertreib gebrauchen zu lassen, sondern er will, dass wir uns seinem Worte gehorsam unterwerfen.

Du kannst auch noch auf andere Weise das Gebot deines Herrn übertreten. Ein Bruder ist willens, einem notwendigen, wichtigen Werk im Reiche Gottes seine Kräfte zuzuwenden, aber ehe er es wagt, Hand ans Werk zu legen, hält er es für nötig, die Meinung solcher zu hören, welche große Summen für christliche Zwecke geben. Wenn einer unter euch so handeln sollte, dann lasst mich ihn fragen: Wer ist eigentlich dein Meister, Judas mit seinem Beutel in der Ecke, oder Jesus, der den Kuss des Verrates von jenem empfängt? Sei treu und wahr und wage alles, was dir der Herr aufträgt, wo nicht, so erkennst du Christus nicht an als deinen Gesetzgeber.

Der Herr ist weiter unser Vorbild und Muster. Wir predigen die Gnade Gottes und das versöhnende Blut Christi. Wenn aber jemand glaubt, wir predigten Christum nicht als unser Vorbild, der kennt unsere Art der Verkündigung noch gar nicht; denn wir verlangen, dass der Glaube ebenso dem Willen Christi untertan sei, als er sich auch dessen Gnade anvertraut.

Noch eins, wir werden jederzeit Jesum als unsern Herrn und Gott anerkennen. Wer immerhin er sonst auch sein möge, wir beten ihn mit tiefster Ehrfurcht unserer Seele an, als unsern Herrn und Gott. Der Geist, welcher mit dem Wort Gottes und mit der Lehre von der Person Christi tändelt, ist in der Regel noch schlechter, als die Folgen seiner Werke. Ich habe Dinge gelesen, welche mich erschreckten und entrüsteten; am meisten aber schauderte mir bei dem Gedanken an den Herzenszustand, in welchen ein Mensch gekommen sein muss, ehe er solches schreiben konnte. Lasst uns darauf achten, dass die höchste Ehrfurcht vor unserm göttlichen Herrn und das festeste Vertrauen auf seine Macht und seinen endlichen Sieg in den Herzen unserer Zuhörer gepflegt werde. Vertraut der Hand, welche das Steuer führt. Zweifelt keinen Augenblick daran, dass seine Weisheit und Macht alle Dinge zu einem guten Ende bringen wird. Wenn du eine Wahrheit der Heiligen Schrift verkündigst, dann habe Mut genug, den Zuhörern zu befehlen, ihr Glauben zu schenken. Wie die Apostel den Lahmen geboten, aufzustehen und den Toten, dass sie lebten, so gebiete du im Namen Jesu von Nazareth den Sündern, an Christum zu glauben und das ewige Leben zu ergreifen.

Lasst uns nun noch reden von unserer Stellung zum Herrn. Die Stellung eines christlichen Predigers zu Christo ist ein Thema, über welches man Tage lang reden könnte, ohne es zu erschöpfen. Die wichtigsten Gesichtspunkte treten uns entgegen, wenn wir bedenken, dass wir ebenso wohl Christi Stellvertreter sind, als er auch der unsere ist. Wir können in der Wahrheit zu unsern Zuhörern sagen: „Wir bitten euch an Christi statt, lasst euch versöhnen mit Gott.“ Unser Herr Jesus legte seine durchbohrten Hände auf unsere Schultern und sagte: „Gleichwie mich der Vater gesandt hat in die Welt, also sende ich euch.“ Wir sind berufen, Christum zu vertreten in dieser Welt, gleichwie er uns vertreten hat. Für ihn klettern wir jene Leiter hinauf, um das dort oben liegende, arme, unwissende Weib auf das Blut der Versöhnung hinzuweisen. Für ihn treten wir auf die Kanzel und reden von der Sünde, der Gerechtigkeit und dem kommenden Gericht. An seiner Statt rufen wir: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ Empfinden wir es auch, meine Brüder, dass wir nicht nur arbeiten für den Herrn, sondern seine Stellvertreter sind? Würden wir wohl alle unsere Predigten zu Ende gebracht haben, wenn es uns inzwischen klar geworden wäre, dass wir predigten an Christi statt? Würde sich nicht unser eigenes Gewissen dann wider uns er heben, wenn wir in Bezug mancher unserer Reden beanspruchten, Stellvertreter Christi gewesen zu sein? Mancher unserer Zuhörer würden gewiss denken, wenn sie es nicht sagten: „Wenn diese Reden an Christi statt gehalten worden ist, dann ist ein erschrecklicher Unterschied zwischen dem, was sie jetzt ist und was sie sein würde, wenn er selbst hier gestanden hätte.“ Gewiss, es würde notwendigerweise ein Unterschied sein, aber er sollte sich auf göttliche Erhabenheit und Fähigkeit beschränken, aber keineswegs in Bezug auf Ernst und Wahrheitsinhalt der Rede bestehen.

Wir sollen an Christi statt mit den Leuten verkehren; lasst es uns in seiner Liebe tun. Wir sollen es nicht als unsere Hauptaufgabe betrachten, den wenigen Gebildeten und Begüterten zu dienen, sondern, gleich wie unser Meister, Sorge tragen für unser Volk. Jakob V. war bekannt unter dem Namen „der König der Armen“, weil er jedem, der es wünschte, Audienz erteilte. Der Herr mache uns zu „Predigern der Armen“, denn so werden wir am würdigsten an Christi statt stehen können. Kennzeichnet er doch seine Tätigkeit mit den Worten: „Den Armen wird das Evangelium gepredigt.“ Wenn es in unseren Gemeinden eine Seele gibt, welche kränker, ärmer und unwissender ist als andere, dann lasst uns dieselbe um des Herrn willen zuerst aussuchen. Wir wollen uns mit keiner eingebildeten Würde umgeben, sondern uns der Verlorenen, Armen und Gefallenen annehmen, wie Jesus es tat. Wenn wir an Christi statt stehen, werden wir die Leute nicht polternd und beleidigend anfahren; sondern sie in zarter Liebe zu überzeugen suchen; mit herzlicher Teilnahme, mit tränenden Augen zu ihnen reden, damit sie den Eindruck bekommen, es sei ihr Verderben unser tiefster Schmerz, und ihre Rettung unsere eigene Seligkeit. Wir sollen über Verlorene weinen, weil Jesus es getan, und Geduld mit ihnen haben, um seiner unendlichen Barmherzigkeit willen. Wir sollen jede Gelegenheit ergreifen und beharrlich benutzen, denn das würde unser Meister auch tun. Wie ein Hirte sein Verlorenes sucht, so sollen auch wir uns in suchender Liebe verzehren, und nicht eher ruhen, bis wir das eine oder andere auf unsere Schultern nehmen und heimtragen können mit Freuden; denn so hat es auch der Heiland selbst getan.

Unsere Stellung als Stellvertreter Christi ist sehr verantwortungsvoll und wir bedürfen großer Gnade, um uns dessen zu jeder Zeit genügend bewusst zu sein. Nimm dich in strenge Zucht, denn du trägst einen großen Namen, welchen du um keinen Preis entbehren solltest. Welch ein Gräuel vor Gott und Menschen, wenn ein hartherziger oder hochmütiger und eitler Mensch es wagt, sich einen Botschafter an Christi statt zu nennen. Gott vergebe ihm seine Sünde, die eine sehr abscheuliche ist. Wenn wir Stellvertreter Christi sind, müssen wir geheiligte Personen sein. Möge der Herr euch des großen Auftrags, den er euch gab, würdig machen.

Weiter, liebe Brüder, müssen wir um Christi willen die Sünder lieb haben. Gibt es nicht in euren Versammlungen manche, die ihr aus keinem andern Grunde lieben könntet, als aus dem einen, dass Jesus es will? Würde euch der Herr Jesus selbst je um eurer Werke willen geliebt haben? Er liebt euch und mich einer Ursache wegen, welche wir nur in seinem Herzen finden können; und so müssen wir auch unsere Zuhörer weniger aus Gründen, welche bei ihnen, als aus solchen, welche bei uns zu finden sind, lieb haben. Er liebte mich und gab sich für mich in den Tod, und wenn er mir nun sagt: „Gehe hin und gib dich liebend für andere Sünder hin,“ sollte ich es denn nicht sofort tun?

Jede Minute dieser kurzen bösen Zeit muss ausgekauft werden. Die Gefallenen, die Leichtsinnigen, die Empfindlichen, die Gleichgültigen, ja selbst die Boshaften müssen unsere Liebe erfahren. Wir müssen sie zu Jesus lieben. Mit Seilen der Liebe sollen wir sie zu ihm hinziehen. Es ist unsere Aufgabe, die Liebe unseres Seligmachers in dieser liebeleeren Welt sichtbar darzustellen.

Noch mehr als das; unsere Beziehungen zu Christus sind derart, dass wir, was noch mangelt an der Trübsal Christi, erstatten dürfen an unserem Leibe für die Gemeinde, die da ist sein Leib. Sein versöhnendes Leiden ist vollendet: in diese Kelter setzt keines der Seinen je den Fuß; die hat er allein getreten. Aber die Leiden, durch welche Sünder zum Heiland geführt werden, sind noch nicht beendet. Das ganze Heer der Märtyrer gab Blut und Leben dar, damit uns die Wahrheit überliefert würde und unsere Seelen zum Heil kommen könnten. Jeder Dulder, der da Schmerzen, Verluste, Verleumdungen oder persönliche Feindschaft um des Evangeliums willen duldet, trägt an seinem Teile dazu bei, dass erfüllet werde die Trübsal, die da erforderlich ist zur Vollendung des Tempels und Leibes Christi. „O,“ ruft hier ein Bruder aus, „ich bin schändlich misshandelt worden!“ Gewiss, aber würdigere Leute, als du bist, haben schon mehr erduldet. Du brauchst dich nicht lange unter deinen Mitbrüdern umzusehen, wenn du nur einen Augenblick bedenken willst, welch ein Widersprechen von den Sündern dein Meister wider sich erduldet hat. Als Alexander seine Mannen nach Persien führte und sie durch Schnee und Eis sich einen Weg bahnen sollten, verloren sie den Mut und wünschten umzukehren. Der große Feldherr merkte kaum den Unmut seiner Leute, da stieg er vom Pferde, ergriff eine Eisaxt und schritt, dieselbe rechts und links gebrauchend, oft bis an die Brust im Schnee watend, den Truppen voran. Dies entflammte die Herzen seiner Krieger mit neuem Mut, sie folgten ihm fröhlich und bekannten, mit Alexander an der Spitze des Heeres die ganze Welt durchziehen zu wollen. Willst du dem Sohne Gottes, welcher den Weg zum Leben unter tausend Schmerzen in Todesnöten eröffnete, nicht folgen wo er hingeht, auch dann, wenns gilt zu leiden, damit die, die durch sein Blut erlöst sind, auch herzugebracht werden zu seiner Gnade? Nichts ergriff uns heute Morgen in der Gebetsversammlung mehr, als die Gebete derer, welche aus großen Leiden zu uns kamen. Durch Leiden zur Herrlichkeit. Wenn unser Herr den Seinen ein fröhliches Mahl bereiten und den Wein unvergänglicher Freude schenken will, dann sagt er: „Füllt die Wasserkrüge mit Wasser.“ Wir müssen mit Trübsal gefüllt werden bis an den Rand; erst dann heißt es: „Schöpft nun,“ usw. Dies ist der Anfang der Wunder, und zwar nicht nur in Galiläa, sondern auch in den Hütten der Gerechten des 19. Jahrhunderts.

Meint ihr nicht auch, dass wir uns oft täuschen über den wirklichen Wert der Dinge? Von den Brüdern, welche sich in besonderer Weise mit der Heilung der Kranken durchs Gebet befassen, ist uns oft die leibliche Gesundheit als der notwendigste Beweis des Glaubens hingestellt und als das wünschenswerteste Ziel angepriesen worden. Ist das biblisch? Ich wage zu behaupten, dass der größte irdische Segen, den Gott einem von uns geben kann, in einer nach seiner Gnade ermessenen Abwechselung von Gesundheit und Krankheit besteht. Krankheiten sind den Heiligen ohne Zweifel oft gesegneter gewesen, als ununterbrochene Gesundheit ihnen je hätte sein können. Wenn Gott einige Männer, die ich kenne, einmal einen Monat mit Rheumatismus begnadigte, so würden dieselben vielleicht auffallend viel milder und reifer werden, als sie es heute sind. Ohne Zweifel würden sie in der Krankenstube viel lernen können, was ihnen bei der Ausübung ihres Berufes sehr nützlich wäre. Ich möchte niemandem ein langes, schmerzhaftes Krankenlager wünschen, aber Bekanntschaft mit Leiden wünsche ich jedem, der andere lehren soll. Ein krankes Weib, ein neues Grab, Armut, Verleumdung, Schwermut und heftige Anfechtungen unterweisen einen in Lektionen, welche man nirgends anders so gut lernen kann. Trübsale treiben uns zu den Realitäten der Religion. Du kannst dich eine Zeit lang von Spreu ernähren, wenn du aber wirkliche Arbeit verrichten oder Leiden tragen sollst, dann bedarfst du kräftiger Lebensspeise, und wenn du sie nicht genießest, wirst du nicht bestehen können. Unsere Leiden kommen, um uns zu segnen, auch wenn sie die Stirne runzeln, als ob sie uns fluchen wollten. Einst hörte ich von einem großmütigen, aber sehr exzentrischen Menschen: Eines Tages kam ein sehr tief in Schulden gekommener Mann an seiner Tür vorbei; er kannte die Schuld und auch die Angst, welche den Ärmsten ihretwegen folterte. Da nahm er, freigebig wie er war, einen Beutel voll Gold und warf ihn dem Vorbeigehenden auf den Rücken. Der Mann, welcher von dem Wurfgeschosse schmerzlich berührt worden war, schaute sich um, zu sehen, was los sei. Er sah den, der geworfen hatte, nicht, wohl aber den Beutel, und als er denselben aufnahm und öffnete, fand er genug darin, um seine Schulden bezahlen zu können, und überdies wurde ihm noch zugerufen: „Gebrauche dies zur Deckung deiner Schulden!“ Der Arme hat nie den wunderlichen Geber gescholten, sondern ist ihm stets dankbar geblieben. Oftmals hat die Vorsehung mit rauer Hand unbeschreiblichen Gewinn in der Gestalt der mannigfaltigsten Leiden und Versuchungen auf unseren Weg geworfen, damit unser Glaube erprobt und köstlicher erfunden werde als das vergängliche Gold. Dem Herrn sei Dank; unsere zeitlichen Leiden sind schnell vergessen, aber der daraus erwachsene geistliche Gewinn bleibt uns in Ewigkeit. In jedem Fall ist die Sache des Herrn Jesu unsere Sache, und wir sind gliedlich mit ihm verbunden zu einem Leibe, welcher nicht kann geschieden werden, was immerhin auch geschehen möge. Wir haben die Kosten überschlagen und können mit Paulus sagen: „Hinfort mache mir niemand mehr Mühe, ich trage die Malzeichen des Herrn Jesu an meinem Leibe.“

Weiter, liebe Brüder, wird sich unsere Stellung zum Herrn zu einer sehr persönlichen gestalten, wenn wir bedenken, was er für uns getan hat. Ich fürchte, wir erkennen dies nicht immer deutlich. Wir sagen oft: „Wir sind arm, aber Christus macht uns reich.“ Warum sagen wir nicht: „Wir sind reich, denn Christus hat uns reich gemacht.“ Unsere Armut ist hinweggenommen und an ihre Stelle ist der Reichtum Christi getreten. Brüder, er hat uns aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Lichte berufen. Wenn wir über diesen Text predigen, dann sind wir wohl alle imstande, ausführlich über die natürliche Finsternis zu reden, aus der wir errettet sind; aber sind wir auch ebenso fähig, zu zeugen von der Fülle des wunderbaren Lichtes, oder mangelt es uns da etwa noch an persönlicher Erfahrung? Unseres Herrn Segnungen sind keine Phantasien, sondern Realitäten, lasst uns sie auch als solche behandeln.

„Selig sind, die da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“ Wer wird nun seine ganze Zeit mit Hungern und Dürsten zubringen wollen? Herr sättige du uns! Lasst uns die Süßigkeit des himmlischen Manna aus Erfahrung kennen lernen und es unsern Zuhörern dann mit fröhlichem Herzen anpreisen. Lasst uns danach trachten, die Herrlichkeit der Gotteskindschaft zu erfahren und nicht bei unserem Elend hängen zu bleiben. Die Finsternis ist vergangen und der Tag angebrochen. Wir sind Jesu Eigentum. Einst waren wir so sündig und unrein, wie man sichs nur denken kann, aber nun sind wir gewaschen, gereinigt, geheiligt. O, der großen Freude über das gegenwärtige Heil des Neuen Bundes! O, welch eine Gnade, davon reden zu dürfen! Gleichwie Abrahams Knecht den Reichtum seines Herrn pries und die Schätze zeigte, welche er aus seinem Hause mitgebracht hatte, so lasst uns auch versuchen, Seelen für unseren herrlichen Meister zu gewinnen, dadurch, dass wir ihnen verkündigen, wer er ist, was er hat und was wir persönlich von ihm erfahren haben. Weiter halte ich dafür, dass wir wohl tun, uns zu Jesu zu stellen als solche, die an seine Macht und Gegenwart glauben. Brüder, unser Herr ist mit uns in der Tat und in der Wahrheit. Wenn wir bei ihm sind und verkündigen seine Wahrheit, dann ist er auch gewiss bei uns, denn er hat gesagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Diese Verheißung ist nicht etwa eine schöne Partie eines Romans, sondern sie ist eine felsenfeste Zusage, welche sich bis auf diese Stunde erfüllt. Lasst sie uns von Herzen glauben und ihr gemäß handeln. Wenn wir auch nicht immer seine Nähe fühlen, so wollen wir doch gleich der Blume unser Angesicht der Sonne zuwenden, und, wenn die Sonne nicht sichtbar ist, uns doch gleich jener dahin wenden, von wo das meiste Licht kommt. Lasst uns den Heliotropen gleichen und uns nur dann beruhigen, wenn uns die Sonne der Gnade wieder aufgeht. Wenn wir die Kanzel besteigen, dann lasst uns zu Christo ausschauen. Welch ein lieblicher Platz ist die Kanzel, wenn Jesus da ist. Wenn wir uns zum Studium niedersetzen und oft ängstlich fragen müssen: „Was soll ich predigen?“ dann müssen wir uns im Gebet zu ihm wenden und unser Angesicht richten nach seinem Kreuz und Throne, hin. Möchten wir, so oft wir die Bibel öffnen, einen mächtigen Zug zu Jesu hin empfinden. Wenn es so bei uns ist, dann wird unsere Schwachheit verschwinden und seine Kraft an deren Stelle treten. Wenn du den großen Kampf wider die Sünde betrachtest und die dir zur Seite stehenden Streitkräfte musterst, dann vergiss ja nicht den Herrn Jesum dazu zu zählen. Du schreibst selbstredend deinen eigenen Namen aufs Papier; nun, der bedeutet noch weniger als Null. Jetzt kommen die Ältesten und Diakonen; trotz der größten Hochachtung, welche wir gegen sie empfinden, auch sie sind Nullen. Du fährst fort und zählst die treuen, betenden Glieder deiner Gemeinde auf, sowie die, welche mit vielem Fleiß im Werke des Herrn tätig sind usw. - aber das Resultat ist eine lange Reihe Nullen. Was willst du nun damit anfangen? Wohin willst du die unendliche Eins Jesus Christus stellen? Weist du ihm seinen Platz hinter deinen Nullen an, dann verminderst du seinen Wert ums tausendfache. Jede Null, welche vor der großen Eins steht, raubt ihr ihre Herrlichkeit und ihren Wert. Aber nun stelle ihn einmal an die Spitze deiner Nullen und siehe, welch ein Wert sich den wertlosen Figuren dann mitteilt! Dies ist keine Phantasie, sondern vernünftige Rechenkunst. Gehe hin und erprobe sie und du wirst erfahren, dass sie im Reich des Geistes als gesunde Mathematik anerkannt wird. So machtlos wir sind in uns selber, so mächtig sind wir im Herrn.

Augenscheinlich glauben manche Prediger nicht daran, dass der Herr mit ihrem Evangelium ist, denn da es sich als unzulänglich erweist, Sünder anzuziehen und zu retten, sehen sie sich genötigt, noch menschliche Erfindungen hinzuzufügen. Sie glauben, der einfachen Verkündigung des Evangeliums müsse notwendig noch etwas hinzugetan werden, um sie recht wirksam zu machen. Brigitte war eines Tages beschäftigt mit Fliegen fangen. Ihre Herrin fragte sie: „Brigitte, was machst du?“ „Sie sehen, Madame,“ war die Antwort, „wir haben Fliegenpapier gekauft, da müssen doch nun auch die Fliegen darauf, und weil sie nicht von selbst hingehen, fange ich sie und stecke sie daran fest.“ Nun, von dergleichen Fliegenpapier halte ich nicht viel. Wenn das Evangelium die Leute nicht anzieht, bis wir noch allerlei nicht dazu gehörige Dinge hinzufügen, dann ist es eine armselige Sache mit demselben. Wenn das Fliegenpapier die Fliegen nicht anzuziehen und festzuhalten vermag, dann mögen wir es nur ins Feuer werfen. Wenn deine Verkündigung des Evangeliums keinen Sünder zu retten, oder die schon geretteten zusammen zu halten vermag, dann gib nur deine Arbeit auf. Eröffne ein Kaffeehaus oder verrichte sonst ein gutes Werk, aber fahre nicht fort, nutzlos das Evangelium zu verkündigen. Wenn du von der übernatürlichen Macht des Wortes Gottes nicht überzeugt bist, dann lasse es bitte beiseite und rede nicht mehr davon.

Noch eins, liebe Freunde; wir warten auf die Wiederkunft Christi. Ich weiß nicht, inwiefern ihr von dieser herrlichen Wahrheit erfüllt seid; aber ich vertraue, dass viele von euch daran glauben und sehnsüchtig danach ausschauen. Diese große Hoffnung gewinnt immer mehr Raum unter den Gläubigen. Anfangs schienen sich manche Brüder vor der Ausbreitung dieser Wahrheit zu fürchten, weil sich auch hie und da ungesunde Dinge damit vermischten. Gewisse Scharlatane (Großsprecher) richten viel Unheil an durch die Behauptungen, welche sie hinsichtlich der Zeit und Stunde, die sie zu wissen vorgeben, aufstellen. Zeit und Stunde sind weder uns noch sonst jemandem bekannt; aber der Herr wird wiederkommen. Er ist unterwegs, denn er sagt: „Siehe, ich komme bald!“ Unser Herr kann sehr bald kommen; manche Zeichen der Zeit berechtigen uns zu der Hoffnung, ihn bald schauen zu dürfen. Die Liebe erkaltet in manchem und der Teufel ist außerordentlich beschäftigt; dies ist ein gewisses Zeichen. Er weiß, dass er seinem Urteil entgegengeht, darum tut er sein Bösestes. Die Nacht bricht herein, aber wenn sie am dunkelsten geworden ist, Durchbricht sie die Morgenröte des Tages Christi. Als Pharao die Zahl der Ziegelsteine verdoppelte, erschien Moses, der Erlöser, und so wird es auch sein mit unserem großen Retter Jesus. Darum lasst uns mutig vorwärts gehen, denn während wir hier seinen Namen ehren und bekennen, naht er schon, allen Streitigkeiten unter den Seinen ein Ende zu machen und seine Feinde zu vernichten.

Nun zum Schluss noch einige Worte. „Werdet voll Geistes!“ Ich wünsche zu Gott, dass wir mehr Männer bekommen, welche erfüllet mit dem Heiligen Geist als geistesmächtige Zeugen auftreten können. Unsere Zeit bedarf Männer, welche das Evangelium von Herzen glauben, seine Kraft an sich selbst erfahren haben und demselben einen solchen Wert beimessen, dass sie eher ihr Leben lassen, als von dem Wort der Wahrheit abweichen könnten. Wir haben zu viele, welche nur dann richtig laufen, wenn sie geführt werden, und in der rechten Richtung schwimmen, wenn der Strom stark genug ist, sie mitzunehmen; sie sind ganz gut, wenn der Wind von der rechten Seite weht, aber sehr unzuverlässig bei schlechtem Wetter. Wir bedürfen aber solcher Leute, welche durch den Bach waten und gegen den Strom schwimmen können, welche allein ebenso gewiss ihr Ziel im Auge behalten, als wenn auch Tausende mit ihnen zusammen gehen. Wir bedürfen Männer, welche eine eigene Überzeugung haben, die nicht von der Meinung und dem Einfluss anderer abhängig ist. Sie haben dieselbe aus dem Wort der Wahrheit geschöpft, mit ihr vor dem Angesicht Gottes gestanden, ihre Macht an der eigenen Seele erfahren, darum sind sie auch nicht zu bewegen, einen Titel von der Hoffnung, die in ihnen ist, fahren zu lassen. Sie sind Pfeiler in dem Hause Gottes, welche stehen und bleiben an ihrem Platz, und keine Brotvettern, deren Überzeugung von ihrem Lebensunterhalt bestimmt wird. Wir benötigen Steuerleute, welche die Länge und Breite zu unterscheiden wissen, den Kurs kennen und dem Hafen der Ruhe unentwegt zusteuern. Ein Mann ist heute mehr wert als Gold aus Ophir. Wer mit seinem Urteil von Freund oder Feind abhängig ist, ist nur ein halber Mann und solche können wir nicht gebrauchen. Lasst uns mit unserer Arbeit vor dem Herrn unserm Gott stehen und weder bei einzelnen Personen, noch auch bei Gesellschaften und Vereinen Schutz, Hülfe und Anerkennung suchen. Seid ihr alle dazu imstande? Ich fürchte, der vom Herrn allein Abhängigen gibt es nicht so sehr viele. Wir haben Glieder in unseren Gemeinden, welche keine Predigt beurteilen können, bis sie das Urteil ihres alten Predigers, der ihr Orakel ist, vernommen haben. Manche Prediger besitzen kein Urteil, bis sie in der Konferenz gewesen sind und die Schellen der Leithammel haben läuten hören. Die Stimme des Meisters scheint ihnen nicht bekannt genug zu sein, um danach ihren Weg zu wählen. O, Bruder, du musst den Heiligen Geist in deinem Herzen haben, denn der schmale Weg führt oft durch einsame Wildnis, und wenn du ihn nicht alleine wandern kannst, wirst du nimmer die Tore des himmlischen Jerusalems erreichen.

Ferner müssen wir in der Wahl unserer Gesellschaft sehr vorsichtig sein. Wenn ein Mann eine feste biblische Überzeugung hat, dann lasst ihn sich nicht verbinden mit solchen, deren Stellung noch unentschieden ist. Manche gehen zugrunde, weil sie sich an ein sinkendes Wrack anklammern. Beständige Verbindung mit solchen, die keinen Sinn haben für die herrlichen Wahrheiten des Evangeliums, führt zu unaufhörlichen Schwierigkeiten und Gefahren. Ich meinesteils finde eine Verbindung mit Personen, welche lockeren Anschauungen huldigen, für mich sehr gefährlich. Weltlich gesinnte Menschen sind eine schlechte Gesellschaft für Gottes Kinder. Scheide dich von allen Verbindungen, welche dein eigenes Glaubensleben in Gefahr bringen können. Wenn du in der Wahl deiner Gesellschaft nicht keusch bist, dann werden die Folgen übel sein.

Weiter, sei geheiligt in deinem Lebenswandel! Dieses Wort kann ich nicht nachdrücklich genug aussprechen. Sei heilig, denn du dienst einem heiligen Gott. Wenn du einem Fürsten ein Geschenk geben wolltest, würdest du ihm gewiss kein lahmes Pferd, oder ein schmutziges, fehlerhaftes Buch, oder eine Uhr mit zerbrochenen Rädern anbieten. Nein, das Beste würde dir kaum gut genug sein, um es ihm zu überreichen. Gib dein Bestes deinem Herrn. Suche so fromm wie möglich zu sein, wenn du ihm dienst. Bitte ihn, dass er dich bereiten möge, in allem guten Werk zu tun seinen Willen und dann biete dich ihm als ein lebendiges Opfer dar. Lasst uns nie denken, eine Predigt hätte wohl besser sein können, aber sie sei noch für die kleine Zahl Zuhörer gut genug. Auch wenn du nur ein halbes Dutzend Zuhörer hast, so tue doch dein Bestes. Unsere reichste Frucht ist noch arm genug. Ein Prediger, der noch etwas mehr ausrichten könnte und tut es nicht, der ist ein Faulenzer. Wir müssen tun, so viel wir können, und zwar so gut wie möglich, oder wir sind unbrauchbar. Nur der ist Christo angenehm, der in der Wahrheit sagen kann: „Ich habe getan, was ich konnte und sobald ich mehr leisten kann, bin ich dazu bereit.“ Seid emsig in eurer Tätigkeit! Bringt all euer Eisen ins Feuer; benutzt jede Gelegenheit für Jesus. Schaut wachsam aus nach einer günstigen Gelegenheit und ergreift dieselbe eifrig, sobald sie sich zeigt. Glaubt, dass auch das kleinste Arbeitsfeld der Ausbreitung fähig ist und auch die ungünstigsten Umstände überwunden werden können. Wenn der eine Ort mit dem Evangelium erfüllt ist, so zieht zu dem andern und sucht von Tag zu Tag mehr in den Bereich der Wirksamkeit hineinzuziehen. Zufriedenheit mit dem, was wir tun, und den Seelen, die wir erreichen, sei ferne von uns, weil noch so sehr viel Land zu besetzen ist. Weidet eure Herden als gute Hirten und mehret sie als treue Evangelisten. Wir müssen kühn und eifrig sein und alle Kräfte daran setzen, damit wir die ruhelose Tätigkeit des Fürsten der Finsternis, wo immer wir können, schachmatt setzen.

Zum Schluss möchte ich euch hinwegsenden mit diesen Worten in euren Ohren, ja in euren Herzen: Habt einen freudigen, siegesgewissen Geist. Wir gehen nicht hin, um die Segel zu streichen, oder in trübselige Gedanken zu versinken. Vor Jahren beschuldigte man mich hart und schwer, ich sei zu leichtfertig und scherzhaft; heute werde ich geschmäht, als sei ich ein zweifelsüchtiger, verzagter mürrischer Schwarzseher. Ich halte dafür, dass meine Unschuld klar bewiesen ist. Habt ihr die „Salzfässer“1) gelesen? Dies Buch ist von einem grämlichen Menschen, der nie lacht, geschrieben, der als ein Schwarzseher bekannt ist; der von schrecklichen Ereignissen und Gefahren träumt, die nirgends bestehen. Diese Beschreibung ist für viele Leute ein willkommenes Futter. Ich lege Verwahrung ein, dass ich scherzhafter bin, als es sich geziemt. Wenn es wahr ist, dass in meiner Anschauungsweise eine solche Veränderung vorgegangen ist, wie der Umschwung vom Frohsinn zur Trübseligkeit, dann ist es gewiss, dass ich das Ende meiner Entwickelung noch nicht erreicht habe. Ebenso kann ich der Behauptung, dass ich meine Anlage zu Humor verloren habe, nicht beipflichten, weil ich zu sehr von dem Gegenteil überzeugt bin; denn wenn ich mich nicht in Zucht hielte, könnte ich leicht ein Spaßvogel werden.

Man hat mich sehr bemitleidet, dass ich mit so vielen in Widerspruch stehe, aber man mag sich dieses nur ersparen, oder doch auf sich selbst in Anwendung bringen. Wir wünschen nicht zu streiten, aber wenn wir es tun, dann hoffen wir, dass die zu bemitleiden sind, welche wir bekämpfen. Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich in Folge meines Widerstandes gegen die neuere Theologie erfahren habe, nämlich dass man mich kritisiert, missversteht und verkehrt beurteilt. Die Kosten waren vorher überschlagen und zwar so vollständig, dass eine Überschreitung der Schätzung nicht mehr zu befürchten ist. Ich weiß, an wen ich glaube und bin gewiss, dass er mir meine Beilage bewahren kann bis an jenen Tag. Wir haben keine Ursache uns zu fürchten, so lange wir an der Wahrheit festhalten. Wir dienen einem allmächtigen Herrn. Als man Pompeius fragte, was er zu tun gedächte, wenn ihn seine Feinde bedrängten antwortete er: „Ich stampfe mit meinem Fuß und ganz Italien wimmelt von Truppen.“ Das war Prahlerei; aber wenn unser Meister einmal seinen Fuß erhebt, werden alle seine Feinde, Heidentum, Mohammedanismus, christliches Formenwesen, moderne Theologie und alle, alle Irrtümer machtlos zu seinen Füßen niedersinken. Wer kann uns schaden, wenn wir Jesu nachfolgen? Wie könnte seine Sache je zugrunde gehen? Auf seinen Willen wird die Zahl seiner Kinder größer werden als die des Sandes am Ufer des Meeres. Es steht geschrieben: Nach deinem Sieg wird dir dein Volk willig opfern in heiligem Schmuck, deine Kinder werden dir geboren, wie der Tau aus der Morgenröte. Darum habt guten Mut! Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. Amen.

1)
Ein Buch des Verfassers, in welchem eine Menge Sprichwörter in christlich humoristischer Weise behandelt werden.
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