Rüling, Louis Ferdinand - Hosianna dem Sohne Davids.

Festpredigt beim Jahresfeste eines Vereins für Innere Mission über Matth. 21, 6-9

von Oberkonsistorialrat D. Rüling in Dresden.

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt! Amen.

Matth. 21, 6-9:
Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte; und brachten die Eselin und das Füllen, und legten ihre Kleider darauf, und setzten ihn darauf. Aber viel Volks breitete die Kleider auf den Weg, die andern hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Das Volk aber, das vorging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohne Davids; gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Hosianna Davids Sohn,
ach, Herr, hilf, lass wohlgelingen,
Lass dein Zepter, Reich und Kron'
uns auch heute Segen bringen,
Dass in Ewigkeit besteh':
Hosianna in der Höh! Amen. 1)

Liebe Festgemeinde. Am Neujahrstag der Kirche begeht ihr euer Jahresfest der inneren Mission. Beides widerspricht sich nicht, sondern hängt vielmehr innig zusammen. Gott hat seine Kirche hineingesetzt in die von ihm abgefallene Welt als Lehrerin der Völker, als Verwalterin der Gnadenmittel, als eine Felsenburg unter die brandenden Wogen der Zeit. Aber der Kirche Gehilfin soll und will die innere Mission, oder, wie sie sich auch nennt, die christliche Diakonie sein. Sie will der Kirche helfen, das wieder hereingebrochene Heidentum bekämpfen - darum heißt sie „Mission“. Sie will arbeiten an den getauften, aber nicht in der Taufgnade gebliebenen oder doch gefährdeten, Gliedern der Kirche, da, wo das Amt nicht hinreicht; sie will die Krüppel und Elenden von den Gassen der Stadt hereinrufen zur Gnadentafel darum heißt sie „innere Mission“. Sie will nicht etwa an die Stelle der Kirche und des Kirchenamtes treten, sondern der Kirche dienen und dazu das allgemeine Priestertum aller Christen wachrufen und in Arbeit setzen - darum nennt sie sich gern „Diakonie“. So gehören Kirche und Innere Mission zusammen und es hat einen guten Sinn, dass wir am Morgen den Neujahrstag der Kirche, am Abend das Jahresfest eures Missionsvereins feiern.

Wie sollte ich nun nicht auch das Evangelium dieses Tages zu unserm Abendtexte machen, nachdem am Morgen über die Epistel des Tages gepredigt worden ist. Es ist das alte Advents-Evangelium, es ist das Palmen-Evangelium, es ist das Hosianna-Evangelium. Dort zog Christus ein in Jerusalem heut zieht er in sein neues Zion, wie wir euch predigen: Er kam, er wird wiederkommen, er ist immer im Kommen. Jene breiteten ihre Kleider auf den Weg - wir öffnen ihm unsere Herzen. Jene hieben Palmzweige von den Bäumen wir weihen ihm die Palme des Sieges über Sünde, Tod und Hölle. Jene riefen: Hosianna dem Sohne Davids!, wie man etwa einem angestammten Herrscher ein Lebehoch oder ein „Den König segne Gott“ oder ein „Heil dir im Siegerkranz“ entgegenbringt; aber jetzt wollen wir das Hosianna zur Losung unsers Festes wählen und fragen:

Das „Hosianna dem Sohne Davids!“ was bedeutet es an unserm Vereinsfeste?

Die Antwort: Es ist ein Lobpreis, ein Jubelruf, ein Stoßgebet, genauer: Es bedeutet uns

1. ein Lob des Helden, der alles Elend bricht,
2. einen Jubel über die Siege, welche der erhöhte Herr bereits errungen hat,
3. ein Gebet um neue größere Siege zu unsers Volkes Rettung.

1.

Liebe Christen, woher kam der Heiland, als er seinen festlichen Einzug hielt? Aus Bethanien. Und wer hatte dort bei dem Abendessen, mit dem sie ihn ehrten, neben ihm gesessen? Lazarus, der Auferweckte. Das war die große Wundertat, welche die Freunde zur höchsten Begeisterung entflammte, die Feinde aber zu ihrem Blutrat drängte. Alles konnten jene hoffen, alles mussten diese fürchten von dem Helden, der dem Tode seine Beute entrissen hatte. Und nachdem Jesus eingezogen war und den Tempel betreten und den Tempel gereinigt hatte, kamen, heißt es v. 14, auch schon wieder Blinde und Lahme zu ihm, und er heilte sie, also dass auch die Kinder im Tempelvorhof schrien, wie sie es von den Erwachsenen gehört: Hosianna dem Sohne Davids! Ihr seht, das war ein Loblied für den Helden, der das Heer der Krankheiten und seinen Feldherrn, den Tod, überwunden hatte. Als solch einen Helden hatte ihn schon jener heidnische Hauptmann erkannt, der ihn bat, seinen kranken Knecht zu heilen. „Ich habe, sprach derselbe, Kriegsknechte unter mir; noch wenn ich sage zu einem: Gehe hin, so geht er, und zum andern: Komme her, so kommt er, und zu meinem Knecht: Tue das, so tut er's.“ So, meinte er, könne auch Jesus die Geister der Krankheit kommandieren, dass sie gingen, und die Heilskräfte der Natur kommandieren, dass sie kämen, und war's nicht also? Drei Jahre hatte Israel das Schauspiel: Die Lahmen gingen, die Blinden sahen, die Tauben hörten, die Aussätzigen wurden rein, die Toten standen auf und den Armen ward das Evangelium gepredigt. Aber das war doch das Größte und was uns im Werke der Inneren Mission vor allem angeht, dass der Herr das Elend der Menschen nicht bloß durch sein Machtwort brach, wo er Glauben sah, sondern dass er es bei der Wurzel erfasste, und die Wurzel heißt Sünde. Freilich ist unser Geschlecht so weichlich geworden, dass es das Wort Mosis, der eine ganze Generation in der Wüste nach und nach dahinsinken sah, gar nicht mehr hören mag, das ernste Wort: „Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahin müssen, denn unsere Missetat stellst du vor dich, unsere unerkannte Sünde ins Licht vor dein Angesicht.“ Aber mag man der inneren Mission vorwerfen, dass sie immer nur klage und klage, alles schwarz in schwarz male, und die ärgste Pessimistin sei, recht hat sie doch, wenn sie mit Moses und Paulus predigt: „Der Tod ist der Sünde Sold.“ Und wenn's der Tod ist, dann sind's die kleinen Tode vor dem großen und die zu dem großen endlich führen, ich meine die Leiden und Krankheiten und Seuchen, auch.

Oder habt ihr nie gelesen, wie der Herr den Krankheiten mit Sündenvergebung zu Leibe ging, er, der am tiefsten durchschaute, welch eine Verwüstung die Sünde in der Schöpfung seines Vaters hervorgebracht? Da trugen sie einen Gichtbrüchigen her und deckten, weil sie vor dem Gedränge nicht zu Jesu gelangen konnten, das Dach ab und ließen ihn an Seilen hinunter vor des Herrn Füße, der aber pries ihren Glauben und sprach: „Mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben“, und danach heilte er ihn. Dort lag in einer der fünf Hallen am Teich Bethesda ein Kranker und wartete seit 38 Jahren auf den Moment der Heilung, Jesus aber frug ihn: Willst du gesund werden? und heilte ihn, danach aber sprach er zu ihm: Sündige hinfort nicht mehr, damit dir nicht Ärgeres widerfahre! Denn Davids Sohn hatte Macht, Sünden zu vergeben, weil er Gottes Sohn ist und Gottes Lamm zugleich. Als er einzog in Jerusalem, war er eben auf dem Wege zum Opfertode. Auf das Hosianna folgte nach fünf Tagen das Kreuzige! Und wie am Laubhüttenfeste die Priester sechs Tage lang je einmal und am siebenten Tage siebenmal feierlich um den Brandopferaltar zogen mit dem fortwährenden Rufe: Hosianna, Hosianna, unter Schwenken von Weidenzweigen, so galt auch das Hosianna des Einzuges, ohne dass es die Feiernden selbst wussten, einem heiligen Brandopfer, welches fünf Tage später im Feuer der Kreuzespein sich darbrachte für die Sünden der Welt. Nicht bloß geistlich, auch leiblich ist es zu verstehen das prophetische Wort: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen, und durch seine Wunden sind wir heil worden.“ Jede Heilung ist auch eine Sündenvergebung! Und wenn Jesus dem zu widersprechen scheint, als er von dem Blindgebornen sagt: „Weder dieser noch seine Eltern haben gesündigt“, so scheint es eben nur so; der Herr ist dort jenem landläufigen Irrtume entgegengetreten, dass jedes besondere Unglück auch die Strafe von besonderen Sünden sei, keineswegs aber ist jenes Wort ein Widerspruch gegen die Schriftlehre, dass Krankheit und Tod zu allen Menschen hindurchgedrungen, dieweil sie alle gesündigt haben. Ist doch die Menschheit ein einziger großer Schuldner Gottes, in dessen Gesamtschuld jeder Einzelne verflochten ist. Aber welche reiche Gedanken und welche wichtige Fingerzeige für das Barmherzigkeitswerk der inneren Mission quellen doch aus dieser Erkenntnis!

Und nun, Geliebte, wollen wir das Lob dem Helden nicht singen, der also die Sünde und damit das Elend brach? Davids Sohn, wollen wir sagen, in Bethlehem, der Davidsstadt, geboren, du hast das kleine Bethlehem der Sternenwelt, die arme Erde, mit ihrer herzzerreißenden Sündennot und Totenklage zum Schauplatz deiner großen Taten erkoren, gelobt seist du! O Davids Sohn, du bist, wie dein Ahnherr, ein Hirt, und gingst manchem verlorenen Schafe nach und trugst es heim zu deiner Herde, gelobt seist du! Davids Sohn, der du auch deinen Jonathan hattest, der an deiner Brust lag, und auch deinen Saul, den Verfolger, den du in einen Apostel verwandeltest, du brachtest auch manchen rebellischen Absalom herum und zogst ihn an dein Herz, Lob sei dir, o Jesu! O Davids Sohn und Davids Herr, der du geschieden bist von der Erde mit dem Zeugnis: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ und wiederkommen wirst zur rechten Zeit, dein Reich einzunehmen, wir beugen unsere Knie vor dir und werfen unsere menschlichen Ruhmespalmen dir zu Füßen, und werfen unsere Sündenkleider dir zu Füßen und rufen: Hosianna, Hosianna dem Sohne Davids!

2.

Doch damit sind wir schon eingetreten in den zweiten Punkt: Das Hosianna ist auch ein Jubel über die Siege, die der erhöhte Herr in seinem Reiche bereits davontrug. Oder hat der Heiland etwa bloß in seinen Fleischestagen das Elend der armen Menschen geheilt, welche ihn von allen Seiten anriefen: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich unser!, und seitdem nicht mehr, und jetzt nicht mehr? Hat er nicht vielmehr aus dem engen Wirkungskreise des gelobten Landes sich emporgeschwungen zur Rechten seines Vaters, um nun die erworbenen Heils- und Segenskräfte ausströmen zu lassen über die weite Erde, die damals von Menschenfreundlichkeit noch wenig wusste? Glaubt ihr nicht, dass Jesus lebt? Glaubt ihr nicht, dass er im Regimente sitzt? Glaubt ihr nicht an einen in seiner Kirche gegenwärtigen Heiland? O, „aus der Enge in die Weite, aus der Tiefe in die Höh' führt der Heiland seine Leute, dass man seine Wunder seh'!“ Was hat doch der Herr schon in den ersten Jahrhunderten der Kirche geschaffen: er sprengte die Ketten der Sklaven, er erhob das verachtete Weib zur Frau des Hauses, er entzündete Bruderliebe auch für den geringsten Bruder. Mitten in dem furchtbaren Elend jener Zeiten, da das alte Römerreich an seinen Sünden allmählich zu Grunde ging, sprangen allerorten zur Verwunderung der Heiden starke Quellen christlicher Barmherzigkeit. Während blutige Gladiatorenschlachten und schaurige Tierkämpfe die Volksmassen belustigten und vollends gegen das Mitleid verhärteten, geschahen von den kleinen Christengemeinden aus Wunder der Menschenliebe. Das alles waren doch Siege des erhöhten Christus! Und im Mittelalter trotz der rohen Sitten welche Fülle von Liebeswerken hat der Geist Christi herausgeboren! Was da in den Hospitälern, besonders in den Aussätzigenhäusern, an Aufopferung geleistet wurde, wie viel für Speisung und Kleidung der Armen, für Unterbringung Blinder, Taubstummer, Geisteskranker, für den Schutz der Pilger, für die Loskaufung der Christensklaven, für das Begräbnis verstorbener Fremder rc. durch barmherzige Brüder und Schwestern, durch Klöster, deren Pforten dem Unglücklichen stets offen standen, durch reiche Stiftungen für allerlei Not getan wurde, das ist viel zu wenig bekannt redet man doch immer von dem finstern Mittelalter! Aber waren denn das alles nicht Siege der Liebe, die mit Christo in die Welt eingezogen war, auch wenn oft genug der Glaube an die Verdienstlichkeit guter Werke die Triebfeder sein mochte?

Darin hat nun die Reformation Wandel geschafft. Sie hat das Panier mit dem sola fide wieder aufgerichtet. Und später ist ein zweiter Reformator aufgetreten, der den Beweis des Glaubens in den Werken forderte und erbrachte, ein Vorläufer der inneren Mission, Philipp Jakob Spener. Aber unserm Jahrhundert erst war es vorbehalten, diese Werke weiter zu entfalten, seit der selige Wichern im Revolutionsjahr 1848 von der Lutherstadt die Losung „Innere Mission!“ in das deutsche Volk hinausrief. Armenpflege und Krankenpflege sind ja immer geübt worden, aber dass die Seelenpflege die Seele der Armen- und Krankenpflege sei, diese Erkenntnis hat sich erst in der neuern Zeit Bahn gebrochen. Für die durch Wassers- und Feuersnot Betroffenen hat man immer gesammelt, aber Wasser herbeizutragen, nämlich die Wasser des Lebens in die Wüsten des menschlichen Elends, Feuer anzuzünden, nämlich das Feuer des Heiligen Geistes in die durch Leid oder auch Lust verhärteten Herzen, das ist's, was die innere Mission sich als Ziel gesetzt: Erweckung, Bekehrung, Rettung, das ist hier die Losung - ach, dass sie mehr ausrichtete, aber wo solches gelingt, auch nur an einer einzigen Seele, das ist eine Fortsetzung der Mission Jesu, das ist ein Sieg des lebendigen Christus!

Wir begleiten eine Gemeindeschwester zu einem armen Kranken, den auch die Sünde früh aufs Lager geworfen. Jetzt grüßt er die Eintretende mit freundlichem Blick, als wollte er sagen: Gesegnet bist du, die du kommst im Namen des Herrn. Und wenn sie nun sein einsames Lager ihm frisch gebettet und allerlei Handreichung ihm getan und ihn erquickt und vielleicht auch mit ihm gebetet hat, und unter ihren teilnehmenden und doch ernsten Worten sein Herz schmilzt und die Gnade Gottes begierig ergreift - ist das nicht ein Sieg des Sohnes Gottes? Wir folgen einem sogenannten Stadtmissionar in eine Arbeiterfamilie. Schon von ferne tönt ihm wüstes Geschrei entgegen. Der Vater ist wieder einmal trunken nach Hause gekommen. Jenes Tollwasser, das die Araber, als sie es vor 1000 Jahren erfanden, Alkohol, d. h. Schminke, nannten, wegen seiner trügerischen Art, mit der es die Wangen rot malt, aber die Eingeweide verbrennt, jenes Giftwasser, das anfangs nur die Apotheken als Arznei verkauften, bis es im 30 jährigen Kriege von den Landsknechten aus den Apotheken gerissen und mit dem Spruche: „Lasst uns trinken, denn morgen sind wir tot“ hinuntergestürzt wurde, das aber jetzt in unserm deutschen Volke ungefähr 150.000 Menschen jährlich in die Gefängnisse bringt, dieser dämonische Trank hatte auch dieses Mannes Sinne wieder umnebelt, dass er die Seinigen misshandelte und tobend unter wilden Verwünschungen die Geräte zerschlug; da gelang es dem Boten der inneren Mission, den Trunkenen vorerst zu beruhigen, und bei späteren Besuchen ihm ins Gewissen zu reden, und sein schreckliches Ende ihm vorzumalen und die einzige Hilfe ihm zu zeigen, die ihn noch retten könne, dass er sich zum Herrn wende und nie mehr einen Tropfen trinke, und siehe, es gelang, - o, es ist schon mancher aus der Gosse weggetragen und doch noch ein Knecht des Herrn geworden, aber ist das nicht allemal ein Sieg, ein glänzender Sieg des Sohnes Gottes? Wir sehen uns mit einer Helferin unter die Kleinen zum Gottesdienste und hören sie kindlich mit ihnen reden von dem großen Kinderfreunde und sehen an manchem leuchtenden Auge, dass das junge Herz sich aufgetan gegen ihn, den es nicht sieht und doch lieb hat; oder wir treten mit einem Seelsorger unter den Kreis der Jünglinge, denen er manche seiner Abendstunden widmet, und die an ihm und seiner liebevollen Rede hängen, und sehen auch solche darunter, die früher in jugendlichem Leichtsinn auf dem breiten Wege der Weltlust gewandert, nun aber ihre Sünden erkannt und ihr Herz dem christlichen Freunde ausgeschüttet und zum Herrn sich bekehrt haben; oder wir hören einen von den Gründern und Leitern der Asyle für gefallene Frauen mit beredtem Munde erzählen, wie manche doch aus dem Schlamme der Sünde wirklich gerettet und wie Brände aus dem höllischen Feuer gerissen, ein völlig neues Leben begonnen hätten - ja, meine Lieben, sind denn das alles bloß Erfolge menschlicher Anstalten und Vereine, sind es nicht lauter Siege des mit seinem Wort und Geist dahinterstehenden Christus, welcher denen, die sein Werk im Glauben treiben, zuruft: Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnet ihr nichts tun!

Meine Lieben. Jener schottische Arzt Dr. Simson, welcher, ergriffen von den furchtbaren Qualen, die manche Operationen verursachen, nach langem Nachdenken und Versuchen den Schmerzstiller, das Chloroform, erfand, als der am Sterbebett seines eigenen jungen Lieblingssohnes erkannt hatte, dass er nicht helfen könne, schloss er sich an den Heiland an und wurde ein so inniger Jünger Jesu, dass er einen Missionsverein gründete, welcher christliche Ärzte zu den Heiden sendet. Nun, wir haben einen, der größer ist als jener edle Arzt, der zwar nicht etwa die Gewissen chloroformiert, dass sie die Wunden der Sünde nicht fühlen, wohl aber die Höllenpein derer, die, von einem bösen Gewissen gefoltert, zu ihm fliehen, mit seinem Blute stillet. Wir fragen nicht mehr wie einst der Prophet: Ist denn keine Salbe in Gilead? Ist kein Arzt da?, sondern wir kennen ihn und singen: „Ein Arzt ist uns gegeben, der selber ist das Leben, Christus, für uns gestorben, hat uns das Heil erworben.“ Ärzte sind ja auch sonst wohl genug da, die das und jenes raten und an den Elenden herumkurieren, aber dieser eine heilt ganz und für ewig. O, wir möchten mit allen Glocken läuten und mit allen Posaunen blasen, und rufen: Hosianna dem Sohne Davids!, so herrlich sind seine Siege. Ihr aber, die ihr in diesem schweren Werke steht, wenn euch manchmal der Mut sinken will, weil es scheint, als arbeitetet ihr vergeblich, stärkt euch durch das Anschauen solcher Siege, die freilich oft nur im Verborgenen geschehen und nur den Arbeitern bekannt werden, und die wir nicht, wie etwa die Heilsarmee, mit Trompetengeschmetter und Kanonensalven in die Welt hinaus verkündigen, ich sage, stärkt euch in dem Glauben, dass doch eben der Herr hinter euch steht und hört seinen ermutigenden Zuruf:

Fällt's euch zu schwer, ich geh' voran,
ich stehe euch zur Seite,
Ich kämpfe selbst, ich brech' die Bahn,
bin alles in dem Streite,
Ein böser Knecht, der still darf stehn,
sieht er voran den Feldherrn gehn! 2)

3.

Und nun noch eins. Es ist nicht genug, dass hier einer und da einer gerettet oder bewahrt wird, die innere Mission hat höhere Ziele, die sogenannte soziale Frage steht jetzt auf der Tagesordnung, es handelt sich um das ganze Volk, um Gottes Ordnungen in Staat, Kirche, Schule, Ehe, Familie. Darum hin und her die großen Volksversammlungen, in denen das Evangelium von Christo auch außer den Kirchen und Kanzeln in populärer Weise gepredigt, oder in denen Männer und Frauen zur Pflege der öffentlichen Sittlichkeit aufgerufen, oder evangelische Arbeiterbünde zum Widerstand gegen gottlose und vaterlandslose, von ihren Führern getäuschte, Arbeitermassen gestärkt und gepanzert werden. Es ist eine kritische, entscheidungsvolle Zeit am Ende des Jahrhunderts und wir müssen zur Rettung unsers Volkes auf größere Siege hoffen, sonst geht es mit ihm rasch abwärts bis zu der sittlichen Auflösung und neuen Barbarei, welche nicht bloß das Himmelreich unter uns vergewaltigen, sondern auch die edelsten irdischen Güter zertreten wird.

Blicken wir noch einmal in unsern Text. In Jerusalem war es bald bekannt geworden, dass Jesus in Bethanien sei. Da entstand in den Volksmassen der Entschluss, ihn feierlich als König einzuholen. Und Jesus entzog sich diesmal nicht. Er wollte es einmal wenigstens öffentlich bezeugen, dass er wirklich der verheißene Messias sei. Nicht zu einer politischen Revolution gegen Rom wollte er sich brauchen lassen, sondern sein Volk zum letzten Male vor die Entscheidungsfrage stellen, ob es sein friedevolles Königtum mit dem Zepter des heilsamen Gotteswortes wolle oder nicht? Und siehe, das Volk, im ersten Rausche hell aufjauchzend, als Jesus den erwarteten politischen Aufruf nicht ergehen ließ, sondern immer wieder nur religiöse Belebung durch Herzensbuße forderte, ward kühler und kühler, wandte sich endlich bitter enttäuscht von ihm ab, und überließ ihn den Händen seiner Todfeinde, der Pharisäer und Sadduzäer nein, einen solchen Messias wollten sie nicht!

Meine Lieben. Ist das nicht ein Bild auch unsers deutschen Volkes? Ein großer Teil desselben, der schon nach Millionen zählt, will die Revolution, den Umsturz des Bestehenden. Die soll helfen. Die soll auf Erden einen Himmel schaffen. Dazu bringen sie große Opfer, die uns fast beschämen. Die Religion bleibt dabei ausgeschlossen. Ein anderer großer Teil des Volkes denkt sadduzäisch. Lustiges Leben und möglichster Weltgenuss ist ihres Lebens Regel. Namenloser Luxus, Völlerei, Spiel und eine oft in geistreiches und künstlerisches Gewand gekleidete Sittenlosigkeit herrscht in diesen Kreisen. Auferstehung und Gericht gibt es ja doch nicht! Ein anderer Teil denkt pharisäisch. Äußere Gesetzesstrenge, öffentliche Wohltätigkeit, Frommtun vor den Leuten kennzeichnet diese und verleiht ihnen eine Selbstgerechtigkeit, die keinen Heiland braucht. Ihnen ist Kirche und Gottesdienst und Bekenntnis an sich ganz recht, nur muss alles hübsch äußerlich bleiben. Buße, Glaube und lebendiges Herzenschristentum darf nicht gefordert werden. Und gegen diese drei Teile mit ihrem revolutionären oder sadduzäischen oder pharisäischen Wesen und Treiben liegt nun ein vierter zu Feld, eine Gemeinschaft erweckter Christen, und möchte jene Totengebeine wieder lebendig machen, Christen, die es froh bekennen, dass sie selbst einen Heiland haben, der sie einst gesucht und gefunden hat, und die nun von einem starken Liebestrieb, das Verlorene zu suchen, bewegt werden. Da will viel gearbeitet sein. Zunächst ja mit den geordneten Mitteln, welche das Amt der Kirche verwaltet, Gottes Wort und Sakrament, und es ist hocherfreulich, dass Arbeiten, welche die innere Mission vor Jahren begonnen hat, als Kindergottesdienste, Jünglings- und Jungfrauenvereine, Diakonie an Armen und Kranken, Verbreitung christlicher Schriften, mehr und mehr um das Amt sich gruppieren und in das Gemeindeleben sich eingliedern. Aber wenn große Volksmassen, die zum Teil dem Kirchenamt den Rücken kehren, wieder angefasst und mit dem Sauerteig des Heiligen Geistes durchdrungen werden sollen, o, so müssen noch mehr Kräfte aus dem Volke selbst mobil gemacht werden, und muss jeder, der Christ sein will, an seinem Ort und an seinem Teil, jeder in seinem Berufe und Stande und Kreise, von der Liebe zu seinem Volke getrieben, mitarbeiten gegen den Strom des Verderbens. Das ist Innere Mission. O, viele liebe Töchter unsers Volkes wirken schon mit; aber gibt es nicht eine Menge, die, ohne Broterwerb nötig zu haben, müßig zur Seite stehen und dabei eine Leerheit und Bitterkeit ihres Daseins empfinden, die sie unglücklich und andern lästig macht? Nur heran zur Arbeit! Und gibt es nicht auch viele Männer, die als Arbeitgeber zu ihren Arbeitern in gar keinem persönlichen Verhältnis stehen, und also auch gar keinen sittigenden Einfluss auf sie üben? O, heran zur Mitarbeit! Und was soll ich sagen von den Männern und Frauen höherer Stände, die nur herrschen und befehlen, aber nicht dienen mögen im Geiste dessen, der gesagt hat: Ich bin nicht gekommen, dass ich mir dienen lasse, sondern dass ich diene? Auch diesen rufen wir zu: Dient denen, die euch befohlen sind! Heran zur Arbeit der inneren Mission!

Vor kurzem las ich, dass die Karawanen in der Wüste Sahara, wenn die Sonne untergeht, ohne dass sie eine Oase mit Quelle gefunden, einen Trupp voraussenden, der von Zeit zu Zeit, in Abständen, in denen man sich errufen kann, einen Mann zurücklässt, bis endlich die übrigen Wasser entdeckt haben. Dann rufen sie es dem letzten Wächter zu und dieser dem nächsten, und dieser wieder dem nächsten, bis der Ruf die Karawane erreicht, die nun rasch aufbricht. So soll es auch bei der inneren Mission sein. Wir haben die Quelle in der Erdenwüste, das teure Gotteswort, so rufe es deinem Nächsten zu: Gefunden, gefunden! und dieser wieder seinem Nächsten, bis der Ruf diejenigen erreicht, die noch in der dürren Wüste des Unglaubens und des Sündendienstes schmachten o, es können Leute aus dem Volke oft besser rufen als der beredtste Prediger! So helfe wer eine Hand, wer ein Herz hat! Jeden rechten Volksfreund ruft die innere Mission zur Arbeit. Und manchem hat die Hilfe selbst geholfen. Ich las von einem Manne, der alle Tage in Herrlichkeit und Freuden lebte, dem aber das Herz darunter immer leerer und das Leben endlich zum Ekel und Überdruss wurde, weil ihm das Beste fehlte. Bei Nacht schlich er sich auf eine Brücke der Stadt und wollte eben sich über das Geländer schwingen, als ihn eine kleine Hand am Rocke zupfte. Es war ein blasses Kind, das ihn um Hilfe aus der bittersten Not anflehte. Da ward ihm warm ums Herz und er folgte dem Kinde in die Dachstube eines Hinterhauses, wo er herzzerreißendes Elend fand. Da erfuhr er zum ersten Mal in seinem Leben das Glück des Helfens und Rettens. Und das Leben hatte für ihn wieder einen Wert, die erste rettende Tat führte zu andern und an Selbstmord dachte er nicht mehr. O, ihr blasierten lebensmüden Menschenkinder, kommt doch in die Arbeit, ein Kind zupft euch am Rock, das Kind der Weihnacht, nicht für sich, aber für seine elenden Brüder und Schwestern, kommt zur Arbeit!

Zur Arbeit, aber das reicht nicht; „bete und arbeite“, so heißt es auch hier, und hier vor allem. Denken wir zum Schluss noch einmal an unser Hosianna was heißt eigentlich Hosianna? Hilf doch, gib doch Heil, gib doch Sieg dem Sohne Davids! Und „Hosianna in der Höhe“ das ist: unser Hilferuf werde erhört im Himmel, von dort, vom Throne Gottes komme das Heil hernieder! Nicht wahr, das Hosianna ist ein Gebetsruf, und der müsse auch die Arbeit der inneren Mission auf allen ihren Wegen begleiten! Die Missionsgemeinde muss eine Betgemeinde sein. Auch die einzelnen zahllosen Vereine müssten viel mehr, als sie das sind, Gebetsgemeinschaften werden. Dadurch müssten sie sich von den humanitären Vereinen, die alles mehr geschäftlich behandeln, unterscheiden. Die Siege zum Kampfe der Liga der Liebe gegen die Liga des Hasses müssen auf den Knien errungen werden. Mögen wir uns grämen darüber, dass es so schlimm steht, mögen wir uns sorgen Tag und Nacht, wie es könne besser werden, hier heißt es: Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott ihm gar nichts nehmen, es muss erbeten sein! Bei dem Hause muss das anfangen. Ihr Väter und Mütter, erneuert die Hausandacht, wo sie verfallen ist, und gewöhnt das heranwachsende Geschlecht, alles mit Gott anzufangen. Ihr Jünglinge und Jungfrauen, betet in eurem Kämmerlein wider die Versuchung, die euch und eure Altersgenossen umdroht! Ihr Diakonen und Diakonissen, betet um und mit den Armen und Elenden, die euch anvertraut sind! Ihr Patrioten, betet um die Erleuchtung und Wiedergewinnung der von herrschsüchtigen Führern getäuschten Massen! Und möchten wir es oft erfahren, was einst Melanchthon aussprach, als er die Mütter im Hause mit ihren Kindern beten hörte: Das sei die Macht, sprach er, die dem Evangelio den Sieg verschaffen werde! Eines jedenfalls hat die Mission zustande gebracht, nämlich dass die Gemeinden wieder aufgewacht sind zu dem Bewusstsein, dass es sich hier nicht um einige sonderbare Einfälle etlicher Pietisten handelt, sondern um die Genesung des Volkes, um die Zukunft unsrer Kinder und Enkel. Und wenn am ersten allgemeinen deutschen Bußtag alle die vielen Kirchen, wenigstens bei uns in der Hauptstadt, und gewiss auch hier, gefüllt, ja überfüllt waren von solchen Christen, die da flehten: „Wir armen Sünder bitten dich, du wollest deine heilige Kirche regieren und führen, allen Rotten und Ärgernissen wehren, alle Irrende und Verführte wiederbringen, den Satan unter unsere Füße treten“, und die dann kniend unter feierlichem Glockenklang ihren Geistlichen es nachbeteten: Herr Gott Vater, erbarme dich über uns! Herr Gott Sohn, erbarme dich über uns! Herr Gott Heiliger Geist, erbarme dich über uns!, nun so vertrauen wir, dass der barmherzige Gott solche Gebete, die gewiss bei Tausenden im deutschen Vaterlande wirklich aus der Tiefe hervorgequollen sind, auch erhören und seinem Sohne immer neue größere Siege geben werde, also dass wir froh, kühn und siegesgewiss in die dunkle Zukunft blicken und mit dem Hosiannapsalm 118 rufen dürfen: Man singet mit Freuden vom Siege des Herrn in den Hütten der Gerechten, die Rechte des Herrn behält den Sieg, die Rechte des Herrn ist erhöhet, die Rechte des Herrn behält den Sieg!

Hosianna Friedefürst,
Ehrenkönig, Held im Streite!
Alles, was du schaffen wirst,
Das ist unsere Siegesbeute.
Deine Rechte bleibt erhöht,
Und dein Reich allein besteht! 3)

Amen.

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