Kähler, Carl Nikolaus - Auslegung der Epistel Pauli an die Epheser in 34 Predigten - Zehnte Predigt.
Wenn ich auf Alles blicke,
Wie du zum wahren Glücke
Mich wunderbar geführt,
Mich von der Welt erwählt
Und zu der Schar gezählet,
Die deines Geistes Kraft regiert:
So bet' ich an im Staube,
So stärket sich mein Glaube,
Den du in mir erweckt.
So preis't dich mein Gemüte
Für deine reiche Güte,
Die mich von Jugend auf bedeckt.
Willst du wissen, mein Christ, was die Gesundheit wert ist, die dir Gott bisher geschenkt hat, so stelle dir vor, dein Bett sei ein Krankenbett und du der Kranke, der bleich und unter Schmerzen Tag und Nacht sich krümmt auf seinem Schmerzenslager: da wirst du es schätzen lernen, welche Wohltat es ist, wenn Gott nach langem Leiden zu dir spricht: Stehe auf und wandele! Willst du wissen, was das tägliche Brot wert ist, womit Gott dich, deine Gattin und deine Kinder sättigt am Morgen, Mittag und Abend, so betrachte den bekümmerten Hausvater, den die Frage: Woher nehme ich Brot? früh am Morgen weckt und spät in der Nacht einschlafen lässt. Willst du wissen, was die Liebe wert ist, womit dir die Nachbarn und Freunde entgegenkommen, so stelle dir die Trübsal eines Paulus vor, der von sich sagt: Ich bin ein Fegopfer aller Leute, der Juden, denen mein Evangelium ein Ärgernis, der Heiden, denen es eine Torheit ist. - Willst du wissen, mein Christ, was die Sonne wert ist, die Gott jeden Tag über dich aufgehen lässt, so stelle dich als Wanderer in die finstere Nacht hinein, wo du tappst im Dunkeln, umgeben von Gefahren, womit Menschen und wilde Tiere dich bedrohen: o, wie würdest du da jauchzen, wenn endlich die Morgenröte anbräche und die liebe Sonne aufginge, die dir den Weg zeigte und von aller Angst und Not dich erlöste! Und nun stelle ich dich vor die größte Wohltat, die dir und uns allen von Gott erwiesen ist, die Wohltat der Erlösung, und sage: Willst du wissen, was die Erlösung wert ist, die unser Heiland gestiftet hat durch sein Leiden und Sterben, so tritt mit dem Auge deines Geistes vor das Elend hin, worin die ganze Menschheit darnieder lag, ehe Christus kam. Darauf weist uns heute der Apostel Paulus hin. Lasst uns denn unter seiner Leitung, vor Allem aber unter der Leitung des Heiligen Geistes, dies Verderben ins Auge fassen, damit wir die Macht der göttlichen Gnade schätzen lernen. Die Worte unseres Textes lauten:
Ephes. 2, V. 1-3: Und euch, da ihr tot wart durch die Übertretungen und Sünden, in welchen ihr weiland gewandelt habt, nach dem Lauf dieser Welt, und nach dem Fürsten, der in der Luft herrscht, nämlich nach dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens, unter welchen wir auch alle weiland unsern Wandel gehabt haben in den Lüsten unsers Fleisches, und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft, und waren auch Kinder des Zorns von Natur, gleichwie auch die andern: aber Gott hat uns samt Christo lebendig gemacht.
Siehe, hier stellt Paulus der Macht der Gnade das Verderben der Menschen, und dem Verderben der Menschen die Macht der Gnade entgegen, damit wir im Spiegel des Einen die Größe des Andern erkennen lernen. Vorhin hat der Apostel die Größe der Gnade gepriesen, die Gott kundgetan hat an Christo, den er von den Toten erweckt, den er zu seiner Rechten erhöht, den er gesetzt hat zum Haupt der Gemeinde. Eine gleiche Macht hat Gott nun auch an uns erwiesen, die er erlöst hat von dem Verderben der Sünde. Nun, so sei denn nach Anleitung des Textes die Rede von dem Verderben durch die Sünde.
Das erkennen wir, wenn wir sehen:
1. auf ihre Gewalt,
2. auf ihre Herkunft,
3. auf ihre Verbreitung, und
4. auf ihr Gewicht.
1.
Paulus weist die Christen zurück in die frühere Zeit, da sie noch ohne Christum waren. Wie stand es damals um sie? Das lehren uns die Worte: Ihr wart tot durch die Übertretungen und Sünden. Zwei Bilder sind es vornehmlich, worin die Schrift das natürliche Verderben der Menschen fasst, sie nennt es Knechtschaft und Tod. Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht (Joh. 8, 34). Ja, wie ein Knecht oder Sklave nicht seinen freien Willen hat, sondern einem fremden Willen unterworfen ist, dem Willen seines Herrn, der den Sklaven als eine Sache behandelt, womit er schaltet und waltet nach seiner Willkür: so ist auch der Sünder nicht sein eigen, sondern die Freiheit seines Denkens, Begehrens, Redens, Tuns hat er verloren an die Sünde, die ihn regiert mit ihrem eisernen Stab; und ob er auch gern von dieser Sklaverei frei werden möchte, er kann sich nicht frei machen durch seine eigene Kraft. So steht's um den natürlichen Menschen, sein Zustand ist Sklaverei. Das weist auf das zweite Bild hin, welches besonders der Apostel Paulus häufig braucht. Die Menschen, wie sie in ihrem natürlichen Verderben darniederliegen, nennt er „tot“. Denkt nur an die Übertretungen und Sünden, die euch wohlbekannten, denen ihr früher ergeben wart. Vielfach und auf mancherlei Weise seid ihr abgetreten von dem Wege, der euch von Gott gezeigt ist in eurem Gewissen und in seinem Wort, mochtet ihr nun dem Zorn dienen oder der Feindschaft oder dem Geiz oder der Wollust, nehmt den Spiegel der zehn Gebote zur Hand und lasst euch davon eure Verirrungen lehren; alles, was ihr je getan habt wider dies heilige Gesetz Gottes, das sind eure Übertretungen. Und sie waren nicht bloß äußerlich, sondern auch euer Herz war davon erfüllt in mancherlei unreinen Gedanken, fleischlichen Lüsten und Begierden, die sich eures Herzens, eures Willens bemächtigten und so nach außen aus euch herausbrachen in Wort und Tat. Die Sünden nun samt den Übertretungen haben einen Zustand über euch gebracht, der mit nichts mehr Ähnlichkeit hat als mit dem Tode.
Zweierlei geschieht ja im Tode: der Mensch wird aus dem Kreise des Lebens herausgeführt und in einen Zustand versetzt, wo er sich nicht mehr regen und bewegen kann. Das ist auch die Wirkung der Sünde an unserer Seele. Durch die Sünde wird die Seele entfremdet von dem Leben aus Gott (Eph. 4, 18). Seht nur die Sünder an: sind sie nicht von Gott geschieden und von seinem Reich? Was man nur geistliches, göttliches Leben nennen mag, das ist ihnen fremd. Da ist keine Liebe zu dem teuren Vater, kein Kindessinn, der mit Gott verkehrt und Abba ruft; keine Dankbarkeit gegen den himmlischen Wohltäter, kein freudiger Gehorsam gegen seinen Willen und Gebot. Es ist nichts übriggeblieben als das äußerliche Dasein, worin aber keine göttliche Regung und Bewegung ist. Das ist die Macht und Gewalt der Sünde, dass sie die arme Seele um all ihr göttliches, himmlisches Leben bringt. Und so nun liegt der Mensch vergraben unter lauter weltlichem Sinn, Tichten und Trachten, und ist unvermögend, aus eigener Kraft aus diesem Grabe sich zu retten. Seine Sünden und Übertretungen sind wie Fesseln des Todes, womit er gebunden ist. In welche Sünde auch Jemand verfällt, sie ist zwar zuallererst noch ein Faden, der sich zerreißen lässt; aber je öfter sie wiederholt wird, desto dicker und stärker wird dieser Faden und dehnt sich aus zu einem Ankertau. Kommen nun noch andere Sünden hinzu, so sind sie wie die sieben Stricke, womit die Delila den Simson band. Das lehren euch die Beispiele der in Unglauben, in Hurerei, Geiz und andern Sünden versunkenen Menschen. Wie nun herauskommen aus diesem Tode? Ach, wenn die Gnade Gottes nicht solche Tote lebendig macht, so bleiben sie tot in Ewigkeit. Denn da fehlt Alles, was zum Leben führen könnte; es fehlt das Licht der Erkenntnis - sie wissen selbst nicht um ihren Tod, sondern sprechen wohl gar (Offb. 3, 17): Ich bin reich und habe gar satt und bedarf nichts. Es fehlt der Wille wollten sie nur zu Gott zurück, so wäre vielleicht noch Rettung möglich, aber sie haben sich ergeben in den Willen des Fleisches, und ob sie auch zu Zeiten wünschen, dass es anders um sie stände, so ist's doch nur ein flüchtiger, ohnmächtiger Wunsch, der zurücksinkt in sein Grab, nachdem er sich kaum daraus erhoben hat. Seht, das ist das Verderben des natürlichen Menschen durch die Sünde, die ihn tötet ganz und gar.
2.
Woher aber diese finstere, gräuliche Macht, die sie über den Sünder übt? Die leitet Paulus von der Welt her und von dem Fürsten der Welt. Ihr wandeltet einst sagt nach dem Lauf dieser Welt. Welt? Darunter versteht alles, was auf Erden ist, sonderlich die Menschen auf ihr, in ihrer Entfremdung von Gott. Es ist das nicht die Welt, wie Gott sie geschaffen hat, auch nicht die Welt, wie sie einst sein wird, wenn Christus kommt, um aller Sünde und Eitelkeit ein Ende zu machen, und uns zu verklären und die Kreatur und Himmel und Erde. Es ist diese Welt, die zwischen dem göttlichen Anfang und dem herrlichen Ende steht, diese im Argen liegende Welt. Nach Art der Welt, in dieser ihrer gegenwärtigen Beschaffenheit, lebtet ihr, da ihr noch tot wart durch die Übertretungen und Sünden. Wie können die Sünder anders leben, als die Mutter Welt sie führt und erzieht? O wisst, es ist eine große Macht, die die Welt über den natürlichen Menschen hat. In sie wird er ja hineingeboren, wächst in ihr auf, sieht ihr Tun, hört ihr Reden, wird durch hundert liebliche Gestalten von ihr gelockt, und so ist's denn kein Wunder, dass ihr Geist ihn erfasst und ihr Beispiel ihn verdirbt. Warum wandelt er den Sündenweg? Die Welt hat ihm den Weg gezeigt! Warum bleibt er auf diesem Wege? Die Welt hält ihn darauf fest! Warum rennt er in das Vers derben dieses Weges? Die Welt zieht ihn an hundert Banden der Lust mit sich fort. Und wie wäre es möglich, dass er aus eigener Vernunft sich erkennte in seinem Elend, und mit eigener Kraft sich losrisse von der Welt, und einen Wandel im Himmel begönne? Ein Wunder wäre das, wie es kein Mensch je getan hat noch tun kann, umso mehr, da noch eine größere Macht im Hintergrunde steht, die ihn durch die Welt und ihre Sünden fesselt. Ihr wandeltet, sagt Paulus, nach dem Fürsten über die Macht der Luft. So sagt er auch anderswo: Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel (Eph. 6, 12). Die Welt will von einem solchen Fürsten nichts wissen, denn sie müsste sich schämen, wenn sie eingestände, dass ihr Fürst der Teufel sei. Aber die im Reiche Gottes leben, glauben's und wissen's, wie aus dem Munde heiliger Männer, so aus vielfältiger Erfahrung, dass sie einst im Reiche des Teufels waren, aus dem sie Gott durch die Macht seiner Gnade versetzt hat in das Reich des Sohnes seiner Liebe. Was nun unser Gesangbuch von diesem Fürsten sagt: „Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,“ das bestätigt Paulus in unserem Text. Er hat eine Macht, sagt er, und darunter versteht er die tausendmal tausend dienenden Geister, die ihm zu Gebote stehen. Es ist die Macht der Luft, spricht er, und da weist er uns das Element, worin diese Macht sich bewegt. Mit welchem passenderen Namen könnte er ihre Wohnung bezeichnen als mit dem Namen „Luft“? Bürger des Himmels sind sie nicht, auch sind sie nicht an die Erde gebunden wie der Mensch; so stehen sie denn zwischen Himmel und Erde, sie sind nirgends und doch überall. Denn wie die Luft die ganze Erde umspannet und alle Menschen auf ihr, so erstreckt sich auch die Macht des Fürsten der Finsternis über die ganze Welt. Keiner, der noch nicht erlöst ist durch Christum, kann sich der Macht der Finsternis entziehen. Damit wir aber nicht auf die Irrwege des Aberglaubens geraten mögen, erklärt sich der Apostel näher über jene finstere Macht. Es ist nicht eine äußerliche Macht, die wie die Vögel unter dem Himmel über unsern Häuptern schwebt; auch ist es nicht eine Macht, die mit Sturm und Gewitter und andern Bewegungen der Natur wider uns kämpft; nein, es ist der Geist, der jetzt sein Werk hat in den Söhnen des Ungehorsams. Ein Geist also ja, hätte er Fleisch und Blut, so möchte etwa noch der Mensch seine Kraft an ihm versuchen; aber was der Seele des Menschen viel gefährlicher ist als Fleisch und Blut, das ist, wenn das Böse in der Macht des Geistes über ihn kommt. Denn das geschieht, ohne dass das Ohr es höret und das Auge es steht und die Hand es fühlt; das geschieht, auch wenn der Mensch allein ist, selbst wenn er in einem Kloster lebte; das geschieht in Stürmen, die nicht von außen kommen, sondern in der Tiefe des Herzens oft plötzlich und mit großem Ungestüm sich erheben. Wo haben wir demnach die Wirksamkeit jenes Geistes zu suchen? Nirgends sonst als in den Söhnen des Ungehorsams. Ungehorsam so muss alle und jede Sünde heißen, besonders der Uns glaube, worüber schon Moses bei den Israeliten klagt: Ihr glaubtet nicht an den Herrn und gehorchtet seiner Stimme nicht; ihr seid ungehorsam dem Herrn gewesen, so lange ich euch gekannt habe (5 Mos. 9, 24). Der Unglaube ist ein Vater, der viele böse Kinder zeugt: Sorge, Murren, Verzweifeln, Fluchen, Lügen, Lästern und dergleichen. Alle Sünde ist Ungehorsam, Empörung, Rebellion gegen Gott. Stehst du nun zu diesem Ungehorsam wie ein Kind zum Vater, dem es unterworfen ist: siehe, dann bist du der Mann, in dem der Fürst der Finsternis sein Werk und Wesen treibt. Denn wessen Herz nicht ein Tempel des Heiligen Geistes ist, da ist's eine Schmiede, worin der unsaubere Geist auf dem Ambos des Fleisches sündliche Gedanken, Anschläge, Worte und Werke schmiedet, von der kleinsten sündlichen Bewegung bis zum Gedanken des Mordes und des Ehebruchs. Also steht's um den natürlichen Menschen: sollte er denn wohl selbst sich frei machen können von diesem Dienste und in den Dienst Gottes treten? Nein! sagt Paulus; diese Ketten, woran uns Welt und Teufel gelegt hatten, konnte nur Christus sprengen; gelobt sei die Macht der Gnade, die das getan!
3.
Damit nun aber Niemand glaube, dass in Ansehung des sündlichen Verderbens ein Unterschied unter den Menschen sei, weist uns Paulus auf die allgemeine Verbreitung desselben hin. Es konnten etwa die Juden sagen: Ja, die Heiden allerdings waren tot und wandelten nach dem Lauf dieser Welt und nach dem Fürsten der Finsternis. Aber wir - sind wir nicht Abrahams Kinder und das auserwählte Volk Gottes? Haben wir nicht Moses und die Propheten und kennen den Weg, der zum Leben führt? Auf diese Einrede antwortet der Apostel: auch wir haben alle einst unsern Wandel unter den Kindern des Unglaubens gehabt, so dass hier kein Unterschied ist: sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen. Davon zeugt ja auch die Geschichte des Volkes Gottes auf allen ihren Blättern von Anfang bis zu Ende. Klagt nicht Moses, klagen nicht alle Propheten über den Ungehorsam dieses Volks? Aber dass Niemand sich frei spreche, weist uns der Apostel in unser Herz hinein und fragt: wandelten wir nicht alle einst in den Begierden unsers Fleisches? Was bedeutet Fleisch? Unser Herz, wie es von Natur entfremdet ist von dem Leben aus Gott, und so allerlei sündliche Gedanken und Begierden in uns er zeugt. Es ist nicht bloß die Sinnlichkeit, welche die Kinder der Welt treibt, dass sie auf den Wegen der Habsucht oder der weltlichen Freude oder der Wollust ihr Verlangen nach Genuss stillen - ach, wie viele Tausend wälzen sich täglich im Schlamm der Unzucht, der Völlerei! - es ist außer dieser Sinnlichkeit auch der in uns verborgene Egoist, der nicht im Dienste der Liebe Gottes und des Nächsten steht, sondern bloß sich selber lebt, und alles, was er denkt, sinnt und tut, auf seinen Namen, seine Ehre, sein Ansehen zieht; der mit Gott und der Welt hadert, wenn sein Interesse leidet und nicht alles nach seinem Kopf und Willen geht. Können wir nun leugnen, dass so unser Herz beschaffen war, bevor Christus ein neues Herz daraus machte? Prüfe dich nur aufrichtig, mein Christ, so wirst du schon diese böse Wurzel in dir entdecken, woraus so viele Sünden gewachsen sind. Und dies Fleisch nun, das in allen Menschen wohnt, zeigt ihnen den Weg, darauf sie wandeln, und die Richtung, die sie verfolgen - wahrlich! der schmale Weg ist es nicht, der zum ewigen Leben, sondern der breite Weg, der zum Verderben führt. Daher kam es nun auch, dass wir die Förderungen des Fleisches und der Gedanken taten. Wir konnten nicht anders, wir mussten die Befehle dieses Herrn vollbringen, dem wir unterworfen waren. Bald forderte er dies, bald das, im beständigen Wechsel seiner mannigfaltigen Begierden. Es war, als ob wir in diesem einen Herrn hundert Herren hatten, davon einer sagte: Iss und trink! der andere: Kleide dich in Seide! der dritte: Geh in die Kammer der Unzucht! der vierte: Reiß an dich die Güter der Welt! der fünfte: Mache dir einen Namen! der sechste: Nimm Rache an deinem Feinde! und viel dergleichen mehr. So erzeugte er in uns allerlei böse Gedanken, die den Werken vorangingen, wie unser Erlöser sagt: aus dem Herzen kommen arge Gedanken (Matth. 15, 19), und aus den Gedanken wieder die Werke des Fleisches, deren siebzehn genannt werden Gal. 5, 19: Ehebruch, Hurerei, Unzucht, Unreinigkeit, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Hass, Mord, Saufen, Fressen und dergleichen. So stand's einst, als wir noch nicht Christo eigen waren, und es ist darin kein Unterschied; wer geboren wird in der großen, weiten Welt, der wird geboren mit dem Fleisch, in dessen Wegen er wandelt, nach dessen Forderungen er tut, bis die allmächtige Hand der Gnade ihn auf den Weg des Geistes bringt.
4.
Wie standen wir nun aber nach diesem unsern sündlichen Verderben zu der Gerechtigkeit Gottes? Auch das lehrt uns Paulus, indem er uns das Gericht der Sünde zeigt. Wir waren Kinder des Zorns von Natur. Das kann nur der recht verstehen, der nicht mehr ein Kind des Zorns, das heißt, dem göttlichen Zorne unterworfen ist. Wir waren sind wir's denn jetzt nicht mehr? Nein! nachdem uns Christus erlöst hat und wir uns seine Erlösung zu eigen gemacht haben durch den Glauben, sind wir Kinder Gottes, die von keinem Zorn, von keiner Ungnade Gottes mehr wissen. Unser Schuldbrief ist mit Christo an das Kreuz genagelt, unsere Schuld, wie groß sie auch war, ist uns vergeben und es wohnt in uns ein kindlicher Geist, der alle Furcht von uns ferne hält und das Siegel und Pfand der Hoffnung ist, dass Gott uns einst in den Himmel aufnehmen wird, wie er uns hier aufgenommen hat in das Himmelreich. Wie glücklich sind wir als Christen, wie selig, da das Gewissen uns nicht mehr verdammt, die Hölle uns nicht mehr schreckt, und das Band des Friedens und der Freude uns auf ewig mit Gott verknüpft! Aber war es von jeher so? Nein, wir mit Gott Versöhnten wissen von einem Zustand, der ganz anders war als unser jetziger Zustand ist. Paulus neunt ihn den natürlichen Zustand, wir waren Kinder des Zorns von Natur. Natur steht der Gnade entgegen und bedeutet den Stand des Menschen zu Gott, so lange er noch nicht durch Christum erlöst ist, wo er also noch tot ist durch Übertretung und Sünden, wo er noch wandelt nach dem Lauf und nach dem Fürsten dieser Welt, wo er noch unter der Herrschaft des Fleisches steht und die Forderungen des Fleisches tut. Nach diesem seinem natürlichen Zustand ist er dem Zorne Gottes unterworfen. Was ist denn der Zorn Gottes? Seine Gerechtigkeit, wonach er ein Missfallen hat an allem, was böse ist, und es straft hier zeitlich und dort ewiglich. Freilich ist Gottes Zorn nicht wie eines Menschen Zorn, der oft nicht weiß, was er tut, und dann zufährt wie ein Löwe und zerreißt, was ihm entgegen kommt. Dies Feuer der Willkür und Leidenschaft ist nicht in Gott; er bleibet sich immer gleich, wie die Sonne, die einen Tag wie den andern scheint. Aber Gott wäre nicht Gott, wenn ihm nicht die Sünde ein Gräuel wäre, so dass er sie nicht leiden kann in und an uns, sondern mit der Rute und mit dem Stab Wehe sie verfolgt, ob der Sünder wolle ablassen vom Böses-tun und sich wenden zur Gerechtigkeit. Will er das nicht, so spricht er sich sein Urteil selbst, denn er entscheidet sich für einen Weg, der notwendig zum Verderben führt. Da muss er denn Angst und Qual haben in seinem Gewissen, und ob es auch scheinen möchte, er hätte Frieden, so ist dieser Friede dennoch Krieg und muss über Kurz oder Lang zur Verzweiflung werden. Ohne Gott, wie er ist, weiß er von keiner Kindschaft, von keiner Freude an Gott, hat viele böse Tage und Stunden, wo das Leben ihm eine Last ist, bis der Tod kommt, der ihn vor den Richterstuhl Gottes stellt. Wie wäre es möglich, dass er je zu Gott käme, so lange er mit Herz, Sinn und Tat den Weg geht, auf dem er sich immer mehr von Gott entfernt? Daher Viele in jener Welt verzweifeln und rufen werden: Ihr Berge fallet über uns und ihr Hügel bedeckt uns! Das alles nennt die Schrift den Zorn Gottes. Gott sei Dank, dass wir durch Christum aus dieser Hölle geführt worden sind in den Himmel! Sind wir? O prüft euch, liebe Christen, wie es um euch steht. Denkt nicht, dass ihr schon von Natur gut und Gottes Kinder seid; nein, wie wir geboren werden und aufwachsen in der Gemeinschaft der Sünder, sind wir Kinder des Zornes, wir wie auch die andern, die noch von Christo nichts wissen. Darum lasset euch versöhnen mit Gott. Nun Christus da ist mit der Erlösung, die er gestiftet hat durch sein Kreuz, ist uns allen die Tür zu Gott geöffnet. Gehet ein durch diese Tür, tut Buße und bekehrt euch, so verwandelt sich Gottes Zorn für euch in Gnade und ihr habt Frieden mit Gott in Ewigkeit.