Gess, Wolfgang Friedrich - Das Gebet im Namen Jesu

Vorwort

Von hochgeachteten Männern, welche Hörer dieses Vortrags waren, freundlich dazu aufgefordert, wage ich es mein Wort über den heiligen Gegenstand welcher dessen Inhalt bildet in die größere Öffentlichkeit ausgehen zu lassen. Ich hoffe mit demselben nicht bloß bei Theologen sondern bei denkenden Schriftlesern überhaupt Eingang zu finden. Wie denn auch die Hörer nicht bloß Theologen waren. Das Gebet im Namen Jesu ist ja ein Gegenstand dessen klarere Erkenntnis jedem Christen am Herzen liegen muss. Die kleinen Erweiterungen die ich dem gesprochenen Worte beifügte sind teilweise durch die dem Vortrag nachgefolgte Verhandlung angeregt.


Alle die Männer Gottes welche im alten Bunde Großes für Gottes Reich gewirkt haben standen in der Zuversicht, dass Gott ihr Gebet erhöre. Und was sie zu Stande gebracht, das haben sie nach der Darstellung der heiligen Schriften zum großen Teil eben durch ihr Bitten zu Stande gebracht. Dem Moses ward auf sein Bitten die Verschonung seines Volkes von dem drohenden Gerichte der Vertilgung zu Teil, für ihn selbst die Gnade dass er dem Vorübergehen der göttlichen Herrlichkeit nachblicken durfte; Elias hat durch sein Bitten die Offenbarung Gottes im Feuer auf der Höhe des Carmel bewirkt; selbst das Gebet des Hiskias wurde durch wunderbare Rettung Jerusalems aus der Hand Sanheribs und durch hundertjährige Verlängerung der Gnadenfrist belohnt.1) Wer nicht an Gottes Erhörung menschlicher Bitten glaubt, der muss schon aus diesem Einen Grunde die Geschichtsschreibung des Alten Testamentes und die ganze Theologie der Propheten für eine bis ins Mark hinein unrichtige erklären.

Der Herr Jesus hat diese Überzeugung der gläubigen Israeliten völlig bestätigt. „Wer bittet der empfängt, wer sucht der findet, wer anklopft dem wird aufgetan“ Und zwar ruht dieses sein Zeugnis ganz auf der Voraussetzung, dass Gott durch das Bitten des Menschen bewogen werde Solches zu tun, was er, wenn die Bitten nicht oder nicht anhaltend geschähen, nicht tun würde. So besonders deutlich in jenen Gleichnisreden von dem Freunde welcher mitten in der Nacht seinen Freund aus dem Schlafe weckt, und von der Witwe die dem ungerechten Richter keine Ruhe lässt2). Wer es Gottes unwürdig wähnt, auf des Menschen Bitten zu tun was er sonst nicht getan hätte, der muss diesen Reden unsres Herrn ihren Nerv durchschneiden.

Folgerichtiger Weise müsste aber ein Solcher überhaupt von der ganzen Anschauung abtreten, in welcher die Propheten, die Apostel, der Herr Jesus selber gestanden haben. Der Gott der Bibel ist die Freiheit und ist die Liebe und er hat die Menschen frei und zur Kindschaft gegen ihn geschaffen; freie Menschen nun müssen an der Bewirkung ihres Heiles und am Werden des Reiches Gottes in dieser Freiheit mitarbeiten, und das ist ihnen nur dann wirklich vergönnt, wenn sie nicht bloß auf sich selbst und auf die Welt sondern auch auf Gott einwirken können. Kinder, deren Bitten vom Vater nicht berücksichtigt würde, wären keine Kinder und ein solcher Vater wäre kein Vater. Auch wäre ein Weltregent welcher nicht durch alle Betätigungen menschlicher Freiheit hindurch sein Ziel zu erreichen wüsste kein Gott der Freiheit. Aus Allem dem geht gleichmäßig hervor, dass ein Gott der die Bitten nicht erhören würde nicht die Liebe wäre. Und wäre er denn auch nur der lebendige Gott? Wir nennen ihn den Lebendigen teils weil in ihm selbst eine unendliche Fülle des Lebens wogt, teils weil sein Kraftwort auch außer ihm Leben stiftet. Und zwar solches Leben dass die Stufenleiter der Schöpfung die er ins Leben ruft, bis zu Geschöpfen sich erhebt die ihm ebenbildlich sind. Woher aber ist in ihm selbst die unendliche Fülle des Lebens? Durch ihn selbst oder durch seine Freiheit. Wäre nun uns kein Nachbild seiner Freiheit von ihm anerschaffen so wären wir ihm auch nicht ebenbildlich, die Schöpfung trüge dann nicht das Siegel seiner Lebendigkeit, er hätte sich nicht als den Lebendigen geoffenbart. Und Gott muss doch der sein als den er sich offenbart. Wer dies tiefer durchdenkt wird erkennen, dass Gott, so gewiss er der lebendige Gott ist, so gewiss auch auf das menschliche Bitten achten wird, denn wer nicht durch Bitten auf ihn einwirken dürfte, würde ihm ja wirklich nicht in Freiheit gegenüberstehen.

Während aber der Herr Jesus durch sein ganzes Wirken hin das Volk und seine Jünger angewiesen hat den Vater zu bitten, so hat er doch am Abschiedsabend noch in neuer Weise über das Bitten geredet. An diesem Abend gab er ja auch in anderen Punkten Aufschlüsse oder doch Andeutungen von wesentlich neuer Art, so dass jene Stunden eine der größten Epochen in dem zweitausendjährigen Entwicklungsgange der göttlichen Offenbarung gewesen sind. Damals hat der Herr zu den Jüngern gesagt: bis dahin habt ihr Nichts gebeten in meinem Namen. Und in dreimaliger Wiederkehr hat er sie aufgefordert von jetzt an in seinem Namen zu bitten. Sogleich im Anfange jener Rede deren Ausgangspunkt heißt: euer Herz erschrecke nicht, spricht er: wer glaubt an mich der wird die Werke welche ich tue auch tun, und größere als diese wird er tun, denn ich gehe zum Vater; und was ihr bitten werdet in meinem Namen das werde ich tun, auf dass verherrlicht werde der Vater im Sohn; wenn ihr etwas bitten werdet in meinem Namen so werde ich es tun. Sodann, nachdem er erklärt hatte was sie ihrerseits tun müssen wenn er in seinem Teile den Heiligen Geist senden werde, nämlich an ihm dem Weinstocke bleiben, Früchte tragen, in seiner Liebe bleiben, einander lieben, fügt er bei: ich habe euch dazu gesetzt dass ihr hingeht und Frucht tragt und eure Frucht bleibe, damit was ihr etwa den Vater bittet in meinem Namen er euch gebe. Endlich nachdem er noch besonders über den bevorstehenden Hass der Welt geredet hat und von da aus zu dem eigentlichen Thema, dem Kommen des Geistes auf Grund seines Hingangs zurückgekehrt ist, schließt er das Ganze ab durch den Trost, nach kurzem Nichtsehen, nach der schmerzlichen Stunde der Geburt komme das Wiedersehen und beschreibt diesen Tag des Wiedersehens als den Tag der unentreißbaren Freude, als den Tag da sie ihn nichts mehr fragen und er seinerseits nicht mehr in dunklen Reden sondern frei heraus vom Vater verkündigen werde, endlich als den Tag an welchem sie in seinem Namen bitten werden3).

Fragen wir nun: was heißt denn im Namen Jesu bitten? so lässt sich die Antwort auf einem schlichten Wege finden. Was heißt im Namen Jesu predigen? Ein Prediger soll ja ganz im Namen Jesu predigen. Zweierlei gehört ohne Zweifel zum Letzteren: das Kommen des Pastors zur Gemeinde und jedes Auftreten desselben vor der Gemeinde soll geschehen, weil Jesus ihn zu der Gemeinde sendet, auf Jesu Befehl, zu Jesu Ehre, im Vertrauen auf Jesu Kraft, dies ist das Eine; das Andere ist, dass was Jesus auf Erden geredet hat, was Jesu Geist durch die Apostel geredet, was Jesu Geist zu der Seele des Predigers in dessen stiller Kammer redet, dass also Jesu Wort und kein anderes von dem Prediger vor der Gemeinde geredet werden muss. Wie nun der Prediger im Namen Jesu vor die Gemeinde treten soll, so soll jeder bittende Christ im Namen Jesu vor den himmlischen Vater treten; also erstlich in der Gesinnung soll er bitten: Jesus sendet mich zu dir, darum wage ich es zu kommen, ich wäre nicht würdig dich zu bitten, aber weil Jesus mich sendet so komme ich; zweitens: das was Jesus uns bitten heißt, was Jesus auf Erden, was Jesu Geist vom Himmel her durch die Apostel zu bitten gelehrt hat, was Jesu zu unsrer Seele redender Geist in unsrer stillen Kammer uns bitten heißt, das soll der Inhalt unseres Bittens sein. Das wird sich auch bestätigen wenn wir fragen, was wäre denn das Gegenteil von Bitten im Namen Jesu? Antwort: es kann manches Entgegengesetzte geben, Ein Gegensatz wird jedenfalls sein: Bitten im eigenen Namen. In der protestantischen Kirche teilen sich die Bittenden in solche die in Jesu Namen bitten und in solche die im eigenen Namen bitten, wenn sie überhaupt bitten. Die aber im eigenen Namen bitten, in welchem Sinne stehen diese? In dem Sinne, dass sie ja treue Knechte Gottes seien, denen er wohl nun auch ihre Bitte gewähren könne. Und um was bitten diese? Um Solches was der eigene, der Natursinn des Menschen für gut und notwendig hält. Demnach wird wiederum der in Jesu Namen Bittende im Gegenteil ganz nur in dem Sinne stehen: ich wage die Bitte weil Jesus mir das Recht zum Bitten gibt; und er wird bitten, nicht um Solches was der Natursinn eingibt sondern um Solches was nach dem Sinne Jesu ist.

Ich führe zunächst den ersten Punkt mit etlichen Worten weiter aus: im Namen Jesu bitten heißt bitten, weil Jesus mich zu dem Vater sendet, mir Recht, Vollmacht, Mut zum Bitten gibt. Woher haben sich denn die Männer des alten Bundes den Mut genommen ihre Bitten vor den Gott zu bringen, dessen große für die Sünder unnahbare Majestät von Sinai her offenbart war? Bei der Versündigung mit dem goldenen Kalb fleht Moses um die Nichtvertilgung des Volks mit den Worten: gedenke an deine Diener Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen, ich will euren Samen mehren wie die Sterne am Himmel, sodann um das Mitgehen des göttlichen Angesichtes beim ferneren Wüstenzug mit den Worten: du hast ja gesagt, ich kenne dich beim Namen und du hast Gnade vor meinen Augen gefunden. Elias ruft auf dem Carmel: Herr Gott Abrahams, Isaks und Israels, lass heute kund werden dass du Gott in Israel bist und ich dein Knecht, und dass ich solches Alles nach deinem Worte getan habe. In dem durchdringenden Buß- und Bittgebet Jesajas Kap. 63. heißt es: du bist unser Vater, denn Abraham erkennt uns nicht und Israel schaut nicht nach uns, du Jehovah bist unser Vater, unser Erlöser von Anfang ist dein Name; Jehovah, unser Vater bist du, wir der Ton und du unser Bildner. Und Daniel Kap. 9: Ja Herr wir müssen uns schämen, dass wir uns an dir versündiget haben, dein aber Herr unser Gott ist die Barmherzigkeit und die Vergebung, und nun Herr unser Gott der du dein Volk aus Ägypten geführt hast mit starker Hand und hast dir einen Namen gemacht wie er jetzt ist, ach Herr um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berge4). Wir sehen: die gnadenreiche Berufung durch welche Gott einen Moses, einen Elias in seinen Umgang und zu seinem Dienste ruft ist es, worauf ein Moses, ein Elias ihre persönliche Zuversicht bauen; die einmal dem Abraham, Isaak und Israel widerfahrene Gnadenwahl Jehovahs, eben dieser Jehovahname des berufenden Gottes, sein Name „ich werde sein der ich sein werde“5), die wandellose Beständigkeit und Treue des durch sich selbst Lebendigen die in diesem Namen liegt und die Gott Jahrhundert um Jahrhundert in der Geschichte Israels tatsächlich bewiesen hat, das ist es worauf die Männer Gottes ihre Zuversicht gründen für dieses Volk zu bitten; Jehovah ist nun einmal in Abraham und dann durch die Rettung aus Ägypten Israels Vater geworden, darauf trauen die Propheten, nicht auf Werkruhm, nicht auf des Volkes Gerechtigkeit, die ihnen ja vielmehr mit jedem Jahrhundert mehr zu einem unflätigen Kleide wird6). Und eben dieser Vatername Gottes ist es nun auf welchen auch der Herr Jesus seine Jünger verweist; sie sprechen: Herr lehre uns beten wie auch Johannes seine Jünger gelehrt hat, er antwortet: wenn ihr betet so sprecht: unser Vater der du bist in den Himmeln7). Wie verhält sich aber hierzu der Befehl, dass Jesu Jünger in Jesu Namen bitten sollen? Nun, der Herr spricht ja im Eingange eben jener Rede in welcher er drei Male diesen Befehl gibt, das Wort: ich bin der Weg, Niemand kommt zum Vater denn durch mich8). Insofern kann man also sagen, das Bitten im Namen Jesu sei die Vollendung der Herzensstellung aus welcher die rechten Beter des alten Bundes gebetet haben. Oder auch, im Namen Jesu schließe sich das Geheimnis auf, dass der Geist Gottes im alten Bunde so zuversichtliche Beter habe heranbilden können. Und warum haben die Jünger bis dahin Nichts gebeten in Jesu Namen?9) Weil sie eben dies ich bin der Weg, Niemand kommt zum Vater denn durch mich, vor Jesu Tod, vor der Gründung des neuen Bundes in seinem Blut, und vor Jesu Auferstehung, vor der Sendung jenes Geistes der Jesum in ihren Herzen verklärte, noch nicht verstanden haben. Was aber folgt hieraus für eine Pastoralkonferenz deren Mitglieder Alle die Pflicht haben ihre Gemeinden das rechte Bitten zu lehren? Das alte und doch immer neue Gebot, immer kräftiger die freie Gnade Gottes in Christi Blut und Verherrlichung zu predigen. Denn um nun kurz diesen ersten Punkt zusammenzufassen: der natürliche Mensch bittet im eigenen Namen, im Vertrauen auf eigene Würdigkeit, der Jünger Jesu bittet nur in Jesu Namen, im tiefen Gefühl dass er selbst seine Augen nicht aufschlagen darf vor Gott, ihn um neue Wohltaten zu bitten nachdem die bisherigen einem unwürdigen, tief verschuldeten gegeben worden sind; aber der Jünger Jesu bittet nun auch in diesem Namen Jesu mit kindlicher Zuversicht weil er fest glaubt, dass da Jesus, sein Mittler, ihn zu Gott sendet, er an dem majestätischen Gott einen lieben Vater finden wird. Zum, Vater unseres Herrn Jesu Christi“, wie nun die Apostel den Gott Israels nennen, kann man in aller Zuversicht alle Bitten senden, während im eigenen Namen dargebracht nicht einmal die Danksagungen des Sünders der heiligen Majestät Gottes angenehm sind; wie Paulus sagt: Danksaget alle Zeit im Namen unsers Herrn Jesu Christi und der Hebräerbrief: durch ihn lasset uns darbringen das Opfer des Lobes alle Zeit vor Gott10). Nur freilich schreitet man nicht dadurch aus dem Bitten im eigenen Namen hinüber zu dem Bitten in Jesu Namen, dass man mit dem Munde zum Zöllner wird der nur an Jesu Namen appelliert, im Herzen aber ein Pharisäer bleibt, sondern die demütige Verwerfung seiner selbst und der fröhliche Lobpreis der vollkommenen Mittlerschaft Jesu muss Geist und Leben sein. Und eben deshalb ist es umso gewisser dass ein Pastor nur durch völliges Umstoßen des Werkruhms und nur durch volles Verkündigen der Einzigkeit der Gnade zu wirklichem Bitten im Namen Jesu sowohl selber kommen als die Gemeinde hinführen kann.

Das Vertrauen des Bittenden auf Jesum allein ist aber nur das erste, nicht das einzige Erfordernis des Bittens im Namen Jesu: der Inhalt des Bittens muss auch sein nach Jesu Sinn. Das haben wir vorhin schon aus dem Ausdrucke „im Namen Jesu bitten“ hervorgehen sehen. Aber auch noch in anderer Weise lässt es sich zeigen, nämlich aus den Verheißungen welche der Herr dem Bitten in seinem Namen gibt. Denn er gibt gerade diesem Bitten besondere Verheißungen. Diese Eigentümlichkeit der den Bitten im Namen Jesu gegebenen Verheißungen ist ein Hauptpunkt, ohne dessen genaue Beachtung das richtige Verständnis des Bittens in Jesu Namen nicht möglich ist. In der Bergpredigt wo der Herr in allgemeinerer Weise auffordert zum Bitten, Suchen, Anklopfen, fügt er bei: wenn ihr die ihr arg seid könnet euren Kindern gute Gaben geben, wie viel mehr wird euer himmlischer Vater Gutes geben denen die ihn bitten11). Als die Jünger in Luk. 11 die Bitte vor Jesum bringen dass er sie möge beten lehren, sagt er ihnen zuerst das Vaterunser, fügt dann das Gleichnis von jenem Freunde bei der um Mitternacht den Freund durch sein Anhalten nötigt ihm drei Brote zu geben, und nun kehrt auch hier die Aufforderung wieder zum Bitten, Suchen, Anklopfen, nur dass es schlussendlich heißt: wenn ihr die ihr arg seid euren Kindern könnet gute Gaben geben, wie viel mehr wird der Vater aus dem Himmel heiligen Geist geben denen die ihn bitten? Dort hat es geheißen: Gutes geben, hier heißt es heiligen Geist geben. Aus diesen Aussprüchen geht klar hervor dass Bitten, Suchen, Anklopfen gewiss seinen Segen hat: Gutes wird ihm zu Teil, insonderheit Heiliger Geist wird ihm zu Teil. Hingegen das ist in diesen Worten nicht gesagt dass gerade dasjenige Gut welches der Bittende erbeten hat ihm werde gegeben werden. Aber in den Aussprüchen über die Bitten im Namen Jesu haben die Verheißungen einen noch bestimmteren Klang. In Joh. 14, 13 f. sagt der Herr: was ihr etwa bittet in meinem Namen das werde ich tun, wenn ihr etwas bittet in meinem Namen werde ich es tun. In 15, 16: damit was ihr etwa den Vater bittet in meinem Namen, er euch gebe. In 16, 23 wahrlich wahrlich ich sage euch, dass Alles was ihr etwa den Vater bitten werdet in meinem Namen wird er euch geben. Hier ist also die Verheißung nicht mehr bloß diese dass der Bittende Gutes erhalte, heiligen Geist erhalte, nein, eben das was er erbeten hat wird ihm gegeben werden. Man kann die Dieselbigkeit des Erbetenen und des vom Vater im Himmel Gewährten kaum noch deutlicher und stärker ausdrücken als es in diesen Aussprüchen geschieht; jedes dahin gehende Auslegen dass wer im Namen Jesu bitte irgend ein großes Gut erhalten werde wenn auch nicht eben das von ihm erbetene Gut, wäre ein Unrecht gegen den klaren Sinn der Worte, ein Deuteln und Drehen an den Worten des Königs der Könige, während man auch schon an eines irdischen Königs Worte weder drehen noch deuteln soll. Woher kommt es denn nun, dass den Bitten im Namen Jesu diese pünktliche Erfüllung zugesagt ist? Johannes schreibt in seinem ersten Briefe: das ist die Freudigkeit welche wir zu ihm haben dass wenn wir etwas bitten nach seinem Willen so hört er uns und wenn wir wissen dass er uns hört, was wir etwa bitten, so wissen wir dass wir haben die Bitten die wir von ihm gebeten haben12). Nach seinem Willen, demnach so dass der Inhalt unseres Bittens seinem Willen entspricht. Das gäbe ja keine Freudigkeit, wenn Gott auch die wider seinen heiligen Willen, wider seine alleinige Weisheit laufenden Bitten gewähren würde, aber das gibt Freudigkeit, dass wenn ich bitte was seinem Sinn entspricht er mich hört, und dass wenn er mich hört keine Frage mehr ist ob ich es haben werde, sondern vor seiner Allmacht alle Berge verschwinden die sich zwischen mich und meine Bitte stellen. Ich denke nicht dass Jemand unter Euch sagen werde, was Gottes Willen sei brauche man ja nicht erst zu erbitten, indem es auch ohne unser Bitten geschehe, ein Solcher müsste ja vergessen haben, dass das Vaterunser beginnt: Dein Name werde geheiligt, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Das ist eben eine Grundvoraussetzung aller Schriftwahrheit, dass tausendmal Gott seinen Willen nur tut wenn unser Wille den seinigen so zu sagen in Bewegung setzt13); er will dass die Heiden bekehrt werden, aber er bekehrt sie nur, wenn die Christen ihnen das Wort bringen; er will dass du heilig werdest, aber er heiligt dich nur, wenn du mit Furcht und Zittern deiner Heiligung nachjagst; so will er dir hundertfachen Segen geben, aber er tut es nur wenn du ihn zuvor gebeten hast. Das angeführte Wort des Johannes ist für die Erkenntnis des Bittens im Namen Jesu umso wichtiger, weil gerade Johannes es ist welcher Jesu Aussprüche über das Bitten in seinem Namen erzählt: wie in andern Fällen so muss man auch hier den Brief des Johannes als die echte Auslegung für das Evangelium benutzen14). Sobald wir dies tun ist es verständlich, wie die Verheißungen des Herrn für das Bitten in seinem Namen die jedesmalige Gewährung genau der erbetenen Güter selbst in gewisse Aussicht stellen können: bitten wir nach dem Willen Gottes oder entspricht der Inhalt unseres Bittens dem Sinne Jesu, dann erhört uns unfehlbar der Vater und müssen wir haben was wir erbeten haben. So zeigen uns also die eigentümlichen Verheißungen welche der Herr dem Bitten in seinem Namen hinzufügt dass in seinem Namen bitten so viel heißt als in Gemäßheit seines Sinnes bitten. Ein Pastor welcher seine Gemeinde zum Bitten im Namen Jesu führen will muss für seine eigene Person lernen und muss seine Gemeinde lehren, mit den Bitten den Willen Gottes zu treffen oder Solches was ganz dem Sinne Jesu gemäß ist zu erbitten.

Dies führt uns zu der weiteren Frage: wie wir denn dazu gelangen mit unseren Bitten den Sinn des Herrn Jesu zu treffen?

Im Allgemeinen ist auf diese Frage leicht antworten. Willst du so bitten dass deine Bitten mit dem Sinn des Herrn Jesu, also auch mit dem Willen Gottes zusammentreffen, so halte dich an die Bitten welche zu bitten der Herr Jesus da er auf Erden war uns gelehrt hat. Vor Allem an das Vaterunser. Zwei Male hat der Herr den Jüngern das Vaterunser gesagt. In der Bergpredigt, als er warnte vor dem viele Worte Machen der Heiden wodurch sie wähnen die Erhörung zu bewirken; da spricht er: ihr sollt ihnen nicht gleichen, denn euer Vater weiß was ihr bedürft ehe denn ihr ihn bittet, so also sollt ihr beten. Und nun folgt das Vaterunser15). Zum andern Male, da die Jünger um Anweisung zum Gebete bitten; Jesus antwortet ihnen: wenn ihr betet so sprecht, und nun folgt wieder das Vaterunser16). Es ist also eine vortreffliche Einrichtung der Kirche dass sie die Pfarrer anweist in jedem Gottesdienst das Vaterunser zu beten. Denn wer das Gebet des Herrn betet der darf gewiss glauben dass der Inhalt seines Bittens den Sinn Jesu also auch den Sinn des himmlischen Vaters trifft. Und wenn er anders das Gebet des Herrn wirklich betet, wenn der Heilige Geist des Vaterunsers wirklich mit seiner Seele sich vermählt und sie durchatmet und wenn er dabei zugleich in dem Sinne steht: du bist ja unser Vater nicht nach unserer Würdigkeit, aber in Jesu, durch seine Würdigkeit, ein Solcher darf gewiss sein dass er im Namen Jesu gebetet hat, also auch empfangen wird was er erbeten hat. Kein in Wahrheit gebetetes Vaterunser kann wirkungslos bleiben: jedes ist ein Mitarbeiter am Bau von Gottes Reich. Eben deshalb ist es freilich umso trauriger, wenn man nicht selten einen Pastor, und vielleicht sogar einen solchen der seine Predigt, dieses sein eigenes Werk, lebendig, würdig, kräftig vorzutragen weiß, das Vaterunser matt, unwürdig, hastig sprechen hört, gleich als ob er meinte, seine Predigt sei die Hauptsache, das Gebet des Herrn die Nebensache. Bei einem solchen Pastor muss man bezweifeln ob er weiß was das heißt im Namen Jesu bitten. Natürlich fällt mir nicht ein zu behaupten, dass das Vaterunser nur dazu vom Herrn gegeben sei um wörtlich so gebetet zu werden, es ist zugleich das Urbild an welchem wir auch das freie Beten lernen sollen; aber das sage ich: lasset uns auch über dem freien Gebet das wörtliche Beten des Vaterunsers nicht versäumen, ich sage insbesondere, lasset uns in den brüderlichen Gemeinschaften vor dem Sinne fliehen als ob es frömmer wäre immer nur frei zu beten; o nein, ein inniges Vaterunser wäre oft beides, viel demütiger und viel gesalbter, also auch viel gottgefälliger und gesegneter, als ein langes und vielleicht eben durch seine Länge umso matteres freies Gebet. In unserer Zeit babylonischer Sprachverwirrung in religiösen Dingen benennt nächstens Jedermann Alle die mit dem Namen Pietisten, welche es mit dem Christentum ernster nehmen als eben er selbst tun mag, so dass es zuletzt gar so viele Begriffe von Pietismus geben wird als es Köpfe gibt; wollte man aber aus dieser kindischen Willkür des Redens zu dem vernünftigen Sprachgebrauch zurückkehren, wonach das Christentum Christi und der Apostel pietas heißen, ismus aber einen unechten Beigeschmack bedeuten würde, so würde ich sagen, das gehöre mit zu dem ismus, wenn man das freie Gebet unter allen Umständen für frömmer als das Beten des Vaterunsers erachten will. Man sollte nicht, wie man sehr häufig tut, einander entgegensetzen das Beten des Vaterunsers und das Beten aus dem Herzen, der richtige Gegensatz ist Gebet des Vaterunser und freies Gebet. Ein Kind Gottes ist wer das freie Gebet und das Vaterunser aus dem Herzen betet, wer Vaterunser und freies Gebet nicht aus dem Herzen betet der ist kein Kind Gottes. Denn das lehrt ja die Erfahrung vielfach genug, dass nicht jedes freie Gebet aus der Tiefe des Herzens kommt. Noch weniger kommt jedes aus dem heiligen Geist. Also ein Pastor soll die Kleinen und die Großen beten, ich sage beten, aus dem Herzen beten lehren das Gebet das der Herr Jesus da er auf Erden war uns gegeben hat, und soll deshalb vor allen Dingen selbst das Gebet des Herrn beten, beten lernen, das ist der einfachste Weg wie wir dazu kommen im Namen Jesu zu bitten. Einen ähnlichen Dienst wie das Vaterunser tun uns die Gebete welche der Geist des Herrn Jesu vom Himmel her die Apostel gelehrt hat. Eph. 3, 14 ff.: ich beuge meine Kniee gegen den Vater unseres Herrn Jesu Christi, der der rechte Vater ist über Alles was Kinder heißt im Himmel und auf Erden, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen und Christum zu wohnen durch den Glauben in euren Herzen und durch die Liebe eingewurzelt und gegründet zu werden, auf dass ihr begreifen mögt mit allen Heiligen welches da sei die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe und erkennen die alle Erkenntnis übertreffende Liebe Christi, damit ihr erfüllt werdet zu der ganzen Fülle Gottes; Offenb. Joh. 22, 20: Amen komm Herr Jesu! - wahrlich diesen Bitten bezeugt es der Geist dass sie nach dem Sinne Jesu sind: kannst du diese Gebete nachbeten, lehrst du diese Gebete nachbeten, ich sage beten? Das wäre im Namen Jesu gebetet. Dem Geiste des Herrn Jesu sei Dank dass er auch nach der Apostel Zeit je und je Männer in den Stand gesetzt hat solche Gebete zu beten und aufzuschreiben, aus welchen er selber mit Macht den anweht der sie hört, so dass wir für unsere Gottesdienste in Kirche und Haus an gesalbten Gebeten keinen Mangel haben. Ist es ein Unrecht wenn ein Pastor das Vaterunser in der Kirche heruntersagt statt es zu beten so ist es auch ein Unrecht wenn er mit gesalbten liturgischen Gebeten dasselbe tut. Andererseits aber: diese Salbung Mustergebete zu beten und niederzuschreiben hat nicht Jedermann. Deshalb soll ein Pastor sich wohl besinnen ob er den Beruf habe die unzähligen Gebetbücher auch seinerseits noch um eines zu vermehren und ob sein Gebetbuch zur Förderung oder zur Hinderung des Betens im Namen Jesu dienen würde. Steht die Häufigkeit des Bittens im Namen Jesu und die Menge der Gebetbücher in dem geraden oder in dem umgekehrten Verhältnis? Ich will nicht sagen: in dem umgekehrten, aber in dem geraden das möchte ich noch weniger sagen. Hingegen sage ich, je mehr unsere Herzen auf das Gebet des Herrn und auf die apostolischen Gebete sich konzentrierten, desto mehr würden wir im Namen Jesu beten lernen.

Wie aber werden wir lernen im freien Gebet den Sinn des Herrn Jesu treffen? Denn dass die Kinder Gottes auch frei beten wollen, frei beten müssen versteht sich von selbst, weil wo der Geist des Herrn, der Geist der Kindschaft ist, da auch Freiheit ist17). Im Allgemeinen ist auch hier die Antwort leicht. Gebrauche dein Vaterunser wie als Formular deines Betens so nun auch als Urbild für dein eigenes Beten: denke über dein Vaterunser nach und habe deine Lust an seiner heiligen Weisheit, so wird von derselben auch für dein eigenes Beten etwas in dich übergehen. Fasse z. B. ins Auge womit der Herr das Vaterunser beginnt: mit der Heiligung des göttlichen Namens, dem Kommen des göttlichen Reiches, dem Geschehen des göttlichen Willens: Gottes Sache muss dir das erste Anliegen

deines Herzens sein; bedenke neben dieser Dreizahl die Einzahl der Bitte um das tägliche Brot, und dass dann wieder eine Dreizahl folgt und in ihr zuerst die Vergebung der Schuld, dann die Bewahrung vor der Versuchung, endlich die Erlösung von allem Bösen; wie viele Zucht und wie viel freundliche Weisung liegt hier dem vor den Augen der die Augen gebrauchen will! Oder eine zweite Antwort auf unsere Frage, die einfältigste welche man geben und welche auch jedes Kind verstehen kann: du weißt ja dass Jesus der Heiland ist, so bitte nur dass Jesus immer mehr dein werden möge, der Gekreuzigte mit dem Heil seines Kreuzes, der Verherrlichte mit seinem heiligen Geiste; diese Bitte ist gewiss nach Jesu Sinn. Und wenn du unablässig diese Bitte bittest, so werden dir aus dieser Bitte nach und nach von selber andere erwachsen, welche, weil aus jener erwachsen, dem Sinne Jesu gleichfalls entsprechen werden. Alle Pastoren werden wohl die Erfahrung machen dass es auch unter den wohlmeinenden Gemeindegliedern Viele gibt welchen das freie eigene Beten äußerst schwer erscheint; weil aber in Wahrheit nicht nur das freie Beten an sich sondern auch das Treffen des Sinnes Jesu so leicht ist, so muss es eine Hauptpflicht aller Seelsorge bleiben auch die Einfältigsten zum freien Gebete aufzumuntern: um den heiligen Geist kann jedes Kind den Vater bitten.

Vollständige Antwort auf die Frage: wie wir dazu gelangen können mit unseren Bitten den Sinn des Herrn Jesu zu treffen, also unsere Bitten in seinem Namen zu tun, ist aber freilich in dem Gesagten noch nicht gegeben. Wir haben bis jetzt nur gehört, wer das Vaterunser wahrhaft bete oder wer auch in seinem freien Gebet der Spur des Vaterunsers nachgehe oder wer um den heiligen Geist bitte, der treffe gewiss den Sinn Jesu. Aber Christen sollen ja in allen Dingen ihre Bitten vor Gott kund werden lassen18). Und welche Menge von Anliegen bewegen eines Menschen Herz, schon wenn er nur für sich steht, vollends aber das Herz eines rechtschaffenen Hausvaters, Bürgermeister, Pfarrers oder gar das Herz eines Bischofs und eines Königs von rechter Art! Können denn nun auch die Haussorgen einer armen Witfrau und die Reichssorgen eines weithin herrschenden Königs nicht bloß überhaupt zu Bitten sondern zu Bitten im Namen Jesu werden? Gewiss können sie es; denn der Herr sagt: was ihr etwa, wenn ihr etwas, Alles was ihr bitten werdet in meinem Namen werde ich tun, wird der Vater euch geben; hieraus ist klar dass keine Art von Sorgen von der Erlaubnis ausgeschlossen ist als Bitten im Namen Jesu zum Thron des Vaters auszusteigen, denn an des großen Königs Wort soll nicht gedeutelt werden. Andererseits bleibt aber unverrückbar stehen was Johannes sagt: das ist die Freudigkeit dass wenn wir etwas bitten nach seinem Willen so hört er uns: oder dass nur die Bitten die dem Sinne des Herrn entsprechen Bitten sind in dem Namen des Herrn. Die Frage ist also: wie lernen wir den Willen des Herrn treffen bei den ins Einzelne gehenden Bitten? Nur wer dies versteht, versteht in all seinen Anliegen im Namen Jesu zu bitten. Ich sende aber der Beantwortung dieser Frage einige Bemerkungen voraus welche die Antwort vorbereiten werden. Men Zuerst diese: es ist eine bekannte Erfahrung dass weit nicht alle Bitten die zum Throne Gottes aufsteigen gewährt werden. Auch denen nicht welche in demütiger Buße und in lebendigem Vertrauen ihres Herzens auf Jesum Kinder Gottes sind. Auch nicht alle Bitten die sich auf Gottes Reich beziehen und dem Eifer der Liebe für das Reich Gottes entströmen. So wird z. B. jede Direktion einer Missionsgesellschaft gestehen müssen, dass sie schon manchmal eine Fehlbitte getan, und, was im Wesentlichen dasselbe ist, dass sie viele Fehlschritte gemacht habe, obwohl es ihre beständige Bitte war, dass der Herr sie bis ins Kleinste leiten möge. Kein verständiger Christ wird hierdurch an der Kraft des Bittgebets irre. Statt des erbetenen Segens wurde ihm ein anderer gegeben und oftmals zeigt die Erfahrung bald genug wie viel besser der letztere war. Das aber ist klar: jede Nichtgewährung des erbetenen Gutes ist ein tatsächlicher Beweis dass die Bitte nicht oder doch nicht ganz nach dem Sinne Jesu, insofern also nicht oder doch nicht ganz eine Bitte im Namen Jesu war, denn von den wirklich im Namen Jesu geschehenen Bitten ist uns durch Jesu wiederholtes Wort gewiss, dass sie pünktlich gewährt, dass genau die erbetenen Güter uns zu Teil werden müssen. Was wir hieraus ersehen ist, dass auch die Kinder Gottes unter uns die heilige Kunst allezeit und um alle Dinge im Namen Jesu zu bitten nicht sofort ganz verstehen.

Die zweite Bemerkung: die Aussprüche des Herrn selbst beweisen uns, dass zum völligen Erlernen dieser Kunst in seinem Namen zu bitten die ganze Zeit eines Christenlaufes notwendig ist. Der Herr Jesus sagt in den Abschiedsreden: ich werde euch wieder sehen, und an jenem Tage werdet ihr mich Nichts fragen; was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er euch geben; bisher habt ihr Nichts gebeten in meinem Namen, bittet so werdet ihr nehmen19). Also wenn Er die Jünger wieder sieht, so werden sie ihn Nichts mehr fragen, und - dürfen wir weiter sagen - wenn sie ihn Nichts mehr zu fragen brauchen, dann werden sie können was sie bis jetzt nicht gekonnt haben, in seinem Namen bitten. Ferner sagt er: dieses habe ich in Sprichwörtern, das ist in verhüllten Reden, zu euch geredet, aber es kommt eine Stunde da ich nicht mehr in verhüllten Reden zu euch reden sondern euch frei heraus verkündigen werde von meinem Vater, an jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen20). Also: wenn an die Stelle von Jesu verhüllten Reden sein frei heraus vom Vater Verkündigen tritt, in dieser Stunde können die Jünger in seinem Namen bitten. Wann ist denn nun das nicht mehr Fragen der Jünger eingetreten? Angefangen hat es unstreitig sobald der auferstandene Jesus seine Jünger wieder sah. Von diesem Wiedersehen an war ihnen klar was zuvor das Dunkelste für sie gewesen war, der Leidens- und Todesweg den der Messias hat gehen müssen. Und wie Vieles wurde klar sobald dieses Eine klar geworden war! Jesu Auferstehung ist der Ausgang des Lichts über seinen Tod und hiermit im Grund über alle Rätsel der Welt. Aber die aufgegangene Sonne konnte die Geister doch nur allmählig durchleuchten. Deshalb fiel das Fragen für die Jünger nicht mit Einem Mal hinweg. Schon jene Frage des Petrus: was soll aber dieser? ist bemerkenswert21). Bei Jesu Himmelfahrt fragen sie: Herr richtest du in dieser Zeit wieder auf das Königreich dem Israel22)? Nicht einmal nach Pfingsten hat das Fragen aufgehört. Die Antwort des Petrus bei jenem Gesicht: niemals habe ich etwas Gemeines oder Unreines gegessen, ist ja im Grund auch eine Frage gewesen23): wie soll ich denn jetzt tun was ich nie getan? Wie schwere Fragen gab es auch hernach über das mosaische Gesetz24)! Und wie verhielt es sich mit Jesu frei heraus Verkündigen? Verglichen mit den Tagen seines Fleisches hat er von Ostern und vollends von Pfingsten an frei heraus verkündigt. Der Auferstandene öffnete ihnen z. B. das Verständnis der Schrift durch seine Auslegung25). Aber eben jenes Gesicht das dem Petrus zu Teil wurde damit er die Freiheit gewinne ins Haus des Kornelius zu gehen, war es nicht eine verhüllte Weise des Redens? Und sagt nicht Paulus mit Einschluss seiner selbst: wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem Rätselwort26)? Und die Offenbarung welche dem Johannes zu Teil wurde, reiht sich in ihr nicht ein Sprichwort an das andere? Wir sehen also: der Tag von welchem der Herr in Joh. 16 redet, ist nicht ein Tag von 24 Stunden sondern er währt von seiner Auferstehung bis zu seinem sichtbaren Wiederkommen, bis zur Vollendung der Gemeinde bei ihm selbst: dann erst hört alles Fragen der Jünger und alles in Rätselreden des Herrn Jesu gänzlich auf. Eben deshalb kann denn auch das Bitten im Namen Jesu nur die Sache eines allmähligen Lernens sein. Denn der Herr sagt ja, an jenem Tage da sie Nichts mehr fragen und Er frei heraus vom Vater verkündigen werde, da werden sie in seinem Namen bitten: das erste ist der Grund, auf welchem das zweite beruht. Was nun für die Jünger die Zeit von der Auferstehung Jesu bis zu seinem Wiederkommen, das ist für uns die Zeit von unserem geistlichen Erkennen des Auferstandenen bis zu seinem Wiederkommen oder auch bis zu unserem Heimkommen in seine Ewigkeit. - Aber auch noch in anderer Weise weist uns der Herr darauf hin dass wir das Bitten in seinem Namen nur allmählig lernen können. In 15, 16 lautet sein Wort: ich habe euch gesetzt dass ihr hingeht und Frucht tragt und eure Frucht bleibe, damit was ihr etwa den Vater bittet in meinem Namen er euch gebe. Nach dieser Stelle ist also die Kunst zu bitten in Jesu Namen bedingt durch das Hingehen und Frucht tragen und zwar bleibende Frucht. Und mit diesem Ausspruche Jesu den uns Johannes berichtet klingt wieder zusammen ein Ausspruch des Johannes selbst in seinem ersten Brief. In 3, 21 f. sagt er: Geliebte, wenn uns unser Herz nicht verklagt, dann haben wir Freudigkeit zu Gott, im Grundtext Parrhesie zu Gott (das ist die Freiheit des Herzens ihm Alles sagen zu können), und was wir etwa bitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und tun was vor ihm gefällig ist. Hier ist also der Stand des Herzens da es uns nicht verklagt und das Halten der göttlichen Gebote zur Voraussetzung gemacht für das dass wir was wir bitten auch empfangen. Wir können diese Aussprüche so zusammenfassen: damit die Jünger Jesu lernen im Namen Jesu zu bitten, muss von Seiten des auferstandenen Jesus stattfinden ein unverhülltes, frei heraus geschehendes Reden an ihre Seelen kraft dessen sie kein Bedürfnis des Fragens mehr haben, von Seiten der Jünger aber das Früchtetragen aus ihm als dem Weinstocke, ein Stand des Herzens da es uns nicht verklagt, das Halten seiner Gebote. Sein sich uns Offenbaren und unser Hängen an ihm und Gehorsam gegen ihn gehen ja auch mit einander Hand in Hand: wem er sich offenbart der kann ihm gehorsam werden und wer ihm gehorsam ist dem kann er sich offenbaren.

Meine dritte Bemerkung ist geschichtlicher Art. Aus dem Leben des Apostels Paulus liegen uns zwei Tatsachen vor welche uns beides zeigen: erstlich wie auch die trefflichsten Jünger des Herrn nur allmählig das Bitten im Namen Jesu im Vollsinn des Wortes lernen, zweitens wie sie es aber eben doch wirklich und wahrhaftig lernen. Ganz nach Pauli Wort: nicht dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei, ich jage ihm aber nach ob ich es wohl ergreifen möge, nachdem ich von Christo ergriffen bin27). Die erste dieser Tatsachen ist jenes Vielbesprochene, dass als Paulus drei Male den Herrn bat, er möchte ihn von dem Pfahl im Fleische befreien, die Antwort war: meine Gnade ist dir genug28), von dem Pfahl im Fleisch hat er ihn nicht befreit. Auf die andere Tatsache wird nicht so oft hingeblickt. Nach Apg. 19, 21 hat Paulus schon während seines mehrjährigen Aufenthalts in Ephesus, etwa im Jahre 55, den Plan ausgesprochen, wenn er zuerst Griechenland und Jerusalem wieder besucht habe, in die Welthauptstadt Rom zu reisen. In Korinth angekommen hielt der Apostel, wie uns der Römerbrief zeigt, diesen Plan nicht bloß fest sondern er bittet auch die Brüder zu Rom in der feierlichsten Weise durch unsern Herrn Jesum Christum und durch die Liebe des Geistes,“ mit ihm zu kämpfen in den Gebeten für ihn zu Gott, dass er errettet werden möge von den Ungläubigen in Judäa und dass die von ihm gesammelte Liebessteuer von den Heiligen in Jerusalem freundlich möge aufgenommen werden, damit er in Freude nach Rom kommen, sich dort bei der Gemeinde erquicken und dann von Etlichen geleitet zum eigentlichen Zielpunkt der Reise, nach Spanien, gelangen möge29). Und wie geht es nun als Paulus wenige Wochen hernach wirklich nach Jerusalem kommt? Die Heiligen Jerusalems nehmen ihn wohl freundlich auf und preisen Gott über die Erfolge seiner Arbeit unter dem Heidenvolk. Aber er muss sich durch Eintreten in ein Nasiräatsgelübde von dem Verdachte reinigen als lehrte er die Juden Abfall vom Gesetz. Und als er sich zu diesem Zweck in den Tempel begibt, fällt er eben jetzt den Ungläubigen in die Hand, und wird nur in der Weise ihren Mordversuchen entrissen, dass er nun für zwei Jahre in Cäsarea und dann für weitere Jahre in Rom gefangen liegen muss30). Sind in diesen beiden Fällen Pauli Bitten gewährt worden oder nicht, sind sie also, da alle Bitten im Namen Jesu pünktlich gewährt werden, Bitten in Jesu Namen gewesen oder nicht? Der Pfahl im Fleisch ist ja geblieben. Und Paulus ist nicht von den Ungläubigen Judäas errettet worden. Und er ist nicht mit Freuden sondern nach langer Gefangenschaft und als ein Gefangener nach Rom gekommen und hat sich nicht dort erquicken dürfen um dann von den Brüdern geleitet nach Spanien weiter zu reisen, sondern Jahre lang blieb er gefangen. Ja er musste den Schmerz erleben dass Etliche dort sogar Christum verkündigten nicht lauter sondern aus Streitsucht und meinend Pauli Banden damit noch weitere Trübsal zuzufügen und dass endlich außer Timotheus Keiner mehr der ganz den Sinn des Apostels teilte bei ihm war31). Insofern fiel also Jesu Führung seines Apostels anders aus als dieser sich erbeten hatte. Und dennoch wie nahe treffen seine Bitten zusammen mit Jesu Sinn! Denn um was war es Paulus bei jenem Wegbitten des Pfahls im Fleisch am allermeisten zu tun? Getrost dürfen wir antworten: um die ungehinderte Kraft des Wirkens für den Herrn. Nun sagt ihm ja aber die Antwort des Herrn: meine Kraft wird in Schwachheit vollendet; eben darum musst du schwach sein, musst du den Pfahl im Fleisch behalten, dass ich recht mächtig durch dich wirken könne. So gewährt der Herr des Apostels Bitte eben dadurch umso mehr dass er sie gewissermaßen nicht gewährt: die Bitte muss wie das Samenkorn in die Erde fallen, die Hülle hinweggetan werden, auf dass ihr Kern umso fruchtbringender zum Leben komme32). In der Tat: es ist nur die Umhüllung von Pauli Bitte, welche der Herr hinweggetan hat. Ebenso im zweiten Fall. Die Ungläubigen Judäas dürfen den Apostel nicht töten. Und als er in Cäsarea gebunden liegt ist Gottes Wort nicht gebunden. Gerade die Gefangenschaft ist es welche dem Paulus Zeit und wohl auch Veranlassung gibt, in jener neuen Weise in die Geheimnisse der Wahrheit hineinzuschauen welche uns in seinen Briefen an die Kolosser und Epheser vor die Augen tritt33). Ja der gefangene Mann kommt nun doch nach Rom. Etliche Stunden vor der Stadt wird er von den römischen Brüdern begrüßt so dass er Gott Dank sagen und Mut fassen, also mit Freuden nach Rom kommen kann. In Rom selbst darf er zwei Jahre lang bei sich empfangen wen er will und predigt das Königreich Gottes und lehrt über den Herrn Jesum mit aller Freudigkeit unverhindert34). Der Apostel des Nazareners predigt zwei Menschenalter nach dessen Geburt in der Hauptstadt des römischen Kaisers mit aller Freudigkeit unverhindert das Königreich Gottes und lehrt von dem Herrn Jesu, das ist eine Sache so merkwürdig, so epochemachend, dass Lukas eben hiermit die Erzählung der Dinge schließt, deren Anfänge er uns in der Begegnung des Engels mit Zacharias im Tempel Jerusalems und in der Begegnung des Engels mit der Jungfrau in der stillen Hütte Nazareths zeigt35). Selbst noch im Philipperbriefe kann der Apostel schreiben dass seine Lage viel mehr zur Förderung des Evangeliums ausgeschlagen sei36).

Ja sogar das ist sehr wahrscheinlich, dass Paulus doch noch von Rom nach Spanien gekommen ist, denn das Wort seines Schülers Clemens in dessen Brief an die Korinther, Paulus habe die Welt verlassen, nachdem er bis an die Grenze des Westens gekommen, lässt sich in der Tat kaum anders als von einer Reise Pauli nach Spanien zwischen der römischen Gefangenschaft und zwischen seinem gleichfalls in Rom erfolgten Tod verstehen37). Was ergibt sich uns hieraus? Der Wille des Herrn Jesu hat schon in den Tagen seines Fleisches den Willen seines Vaters allezeit ganz getroffen, deshalb konnte Jesus am Grabe des Lazarus sagen: Vater ich danke dir dass du mich erhört hast, ich wusste ja dass du mich allezeit erhörest; selbst in Gethsemane kam es nur zu der Frage, ob nicht das Vorübergehen des Kelches möglich sei, nicht zu dem Irrtum, dass das Vorübergehen möglich sei, und vollends nicht zu dem Wollen eines anderen Weges als den der Vater ihn führen wolle; den Paulus sehen wir allmählig, aber mit starkem Schritt hinschreiten zur Gewinnung dieser seligen Harmonie, wie seines Willens mit Jesu Willen so seiner Gedanken mit Jesu Rat.

In diesen Bemerkungen ist im Grunde die Antwort auf unsere Frage schon enthalten, nämlich wie wir dazu gelangen können, auch in den einzelnen Anliegen im Namen Jesu die Bitten zu tun, Jesu Sinn bei unserem Bitten zu treffen. Die Antwort lässt sich aber auch geben durch ein Wort des Herrn selbst, in welchem zwar nicht dem Ausdruck, wohl aber der Sache nach von dem Bitten in seinem Namen die Rede ist: Joh. 15, 7, wenn ihr bleibt in mir und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten was ihr wollt und es wird euch geschehen. „Wenn ihr in mir bleibt,“ als die Reben im Weinstock: denn durch die persönliche Gemeinschaft zwischen dem Auferstandenen und dem Jünger, durch das wirkliche Ineinanderleben, durch das organische Verwachsensein beider muss vorhanden sein Jesu Geisteserleuchtung in unserer Seele und das Hingegebensein unseres Willens an den seinigen. „Wenn meine Worte in euch bleiben,“ denn durch Jesu Wort erleuchtet uns Jesu Geist, seiner Worte muss gedenken, wessen Seele nach dieser Erleuchtung begehrt. Im Namen Jesu bitten, das heißt im Grunde: Jesu Bitten aussprechen, dem bittenden Jesus die Stimme leihen, Er die denkende, wollende Seele, wir sein Mund. Es gibt ja ein Beten, da wir nicht wissen was wir beten sollen, wie sich's gebühret, da dann aber der Heilige Geist eintritt für uns mit unausgesprochenen Seufzern und Gott der die Herzen erforscht weiß wohl was der Sinn des Geistes sei38). Mit diesem Beten hat das Bitten im Namen Jesu die Gleichheit, dass in beiden Fällen nicht der Mensch sondern vielmehr der Heilige Geist des Herrn Jesu der Bittende ist, aber wenn der Heilige Geist uns vertritt so wissen wir nicht um was er für uns bittet, obwohl er durch unsre Herzen zum Vater seufzt, hingegen wenn er uns die Bitten kund tut so dass wir sie wissen und aussprechen, dann ist es das Bitten im Namen Jesu. Der natürliche Mensch bringt wenn er betet seine bestimmten Wünsche vor Gottes Thron; was ihm natürlicher Weise gut dünkt, gerade dies soll Gottes Allmacht tun. Tritt dann ein Mensch unter die Zucht des göttlichen Geistes so lernt er den Naturwünschen misstrauen, und wenn er nun nicht mehr in natürlicher sondern in göttlicher Weise bitten möchte und doch fühlt wie ihm hierfür noch die rechte Erleuchtung fehlt, so fügt er seinen Bitten bei dass sie nur gelten sollen so weit sie nach dem Willen des Vaters seien. Oder er verzichtet auch wohl auf das Vorbringen bestimmter Bitten und bittet nur dies, dass der Heilige Geist in ihm, durch ihn, für ihn bitten, ihn mit seinen, des Geistes, Seufzern vertreten möge. Von da aber sollen wir vom Geiste Jesu auf die weitere Stufe geführt werden, dass wir bestimmte Bitten und die doch göttlich, nicht bloß menschlich, geistlich und nicht bloß natürlich sind, vor den Thron Gottes bringen oder dass wir selbst aus dem Geiste Jesu heraus im Namen Jesu bitten können. Denn wirst du eine Rebe am Weinstock so erhältst du die Salbung durch Jesu Geist: bleibst du in Jesu und bleiben seine Worte in dir so kann dich die Salbung allmählig Alles lehren so dass du auch in den einzelnen Anliegen aus Jesu Geist heraus bitten lernst.

Darf ich nun noch weiter ins besondere gehen so möchte namentlich auf die folgenden Punkte zu weisen sein. Was das Bitten um den heiligen Geist betrifft so lehrt uns das Wort Jesu dass es verschiedene Gaben des Geistes gibt: Eine ist schlechthin und für Alle notwendig, der Geist der Wiedergeburt, denn ohne sie kann Niemand das Reich Gottes sehen: die Bitte um diese ist also allezeit eine Bitte nach Jesu Sinn. Die anderen Gaben des Geistes, als da sind der Geist der Weisheit zum Regieren des Hauses, der Gemeinde, des Staates, der Geist der Unterscheidung und Durchschauung der Menschen, der Geist der Gnosis das heißt des Einblicks in die Tiefen und den Zusammenhang der christlichen Geheimnisse, wiederum der Geist zum mächtig erwecklichen Predigen, wiederum der Geist zum Wirken von Kranken-Heilungen oder sonstigen Kraftwerken, alle diese Gaben des Geistes sind köstliche, aber sie sind nicht allgemein und unbedingt notwendige Gaben. Um diese besonderen Gaben des Geistes nun kannst du nicht so schlechtweg bitten, du kannst nicht so sicher wissen, ob du hierbei im Namen Jesu bitten würdest; es versteht sich ja nicht von selbst dass es im Sinne Jesu, im Willen Gottes liegt, in dieser deiner Zeit, in deinem Orte und nun vollends gerade dir diese Gaben zu geben. Das sollten diejenigen erwägen welche in gegenwärtiger Zeit so sehr darauf dringen dass die Gläubigen die Wiederkehr der wunderbaren Geistesgaben, insbesondere der Gabe Kranke zu heilen sich erbitten müssen. Nicht in allen Stadien der Offenbarungsgeschichte hat der Geist Gottes durch die Männer Gottes Wunder getan: von Abraham werden keine Wunder erzählt, um so größere von Moses; Samuels und Davids Zeit war keine Zeit der Wunder, wohl aber Elias und Elisas Zeit; Jesajas, vollends Jeremias und Ezechiel haben ohne Wundertaten ihren Prophetenlauf vollbracht, sogar Johannes der Täufer, auf dass die mächtigen Wunder des Herrn Jesu umso stärker zeugen; die Apostel hinwiederum hatten die Wunderkraft, aber nicht wie der Herr für ihren ganzen Lauf, den Elymas in Zypern hat Paulus blind, den Jüngling in Troas hat er lebendig gemacht, Epaphroditus aber ist bei ihm krank gelegen und den Timotheus hat der Apostel auf ein wenig Wein verwiesen, um sich seine Kraft zu stärken39). Ich meinesteils zweifle nicht dass wenn wir mehr Glauben hätten auch die Gabe der Krankenheilung häufiger bei uns zu treffen wäre, aber eine allgemeine Verpflichtung diese Gabe sich zu erbitten ist nicht vorhanden: ob du und in welchem Falle du etwa Recht und Pflicht habest diese Gabe dir zu erbitten, so dass dann deine Bitte im Namen Jesu geschieht, das kann dich nur dein besonderer Umgang mit dem Geiste Jesu lehren. Nicht einmal um die Gabe des Geistes dürfen wir schlechtweg bitten dass wir eine süße Empfindung des göttlichen Friedens haben: vielleicht gefällt es dem Herrn dass du empfindungslos an seine Verheißung glauben sollst.

Ferner: was das Bitten für das Reich Gottes betrifft, nämlich nicht um sein Kommen überhaupt, sondern die speziellen Bitten um die einzelnen Wege auf denen, um die Völker und Personen, zu denen es jetzt kommen und durch die es weiter sich verbreiten möge, so ist in dieser Beziehung von besonderer Wichtigkeit dass die Worte Jesu in uns bleiben, sonst können wir in unseren Bitten nicht den Sinn des Herrn Jesu treffen. Näher haben wir dabei zu bedenken dass die Worte Jesu nicht bloß eine Vielzahl bilden, sondern wie es Worte Jesu gibt so gibt es ein Wort Jesu, einen großen Organismus seines Wortes, ein Ganzes der göttlichen Wahrheit, und nur wenn das Ganze der Wahrheit in uns ist, können wir in voller Wahrheit sagen dass Jesu Worte in uns bleiben. Willst du ein rechter Beter für das Kommen des göttlichen Reiches werden, so musst du dich um einen gründlichen nüchternen vollständigen Einblick in das göttliche Wort bemühen. Wie können wir um die Wege auf denen das Reich Gottes kommen soll nach Jesu Sinn bitten, wenn wir nicht einen richtigen Einblick in den evangelischen Heilsweg haben? Wie insbesondere von den Vollendungswegen und Vollendungszeiten des Reiches Gottes in unseren Gebeten nach dem Sinne Jesu zu dem Vater reden, wenn wir das prophetische Wort nicht recht erforschen? wenn wir, wie dies von Hunderten geschieht, Einzelnes herausnehmen um es zu Beweisen vorgefasster Meinungen zu machen? Wo uns der Einblick in das Wort Jesu fehlt, da sollten wir lieber so demütig sein die allgemeine Bitte um das Kommen des Reiches Gottes und um Jesu baldiges Kommen von Herzen nachzubeten, als, und zumal in öffentlichem Gebete, unsere Meinungen vor Gott zu bringen auf welche so oftmals zu antworten ist: du meinst nicht, was göttlich sondern was menschlich ist oder auch du verstehst nicht was du erbittest.

Am wenigsten möglich ist es der Natur der Sache nach, für die Bitten welche den äußern Lebensgang jedes Einzelnen unter uns betreffen, allgemein giltige Normen anzugeben deren Einhaltung uns dazu führen würde auch hier mit unseren Bitten Jesu Sinn zu treffen. Denn Jedem wird eben von der vielgestaltigen Weisheit des Herrn seine besondere, bei keinem Andern genau so wiederkehrende Führung zu teil. Eines aber lässt sich dennoch sagen. Paulus ermahnt die Epheser 5, 10: dass sie prüfen sollen was dem Herrn wohlgefällig sei, und den Römern schreibt er 12, 2: gestaltet euch um durch Erneuerung eures Sinnes, dass ihr prüfen mögt welches da sei der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes. Er meint das allerdings zunächst in Bezug auf die Handlungsweise, damit die Christen in ihrem Tun und Lassen den Willen Gottes treffen. Gibt es aber für das Tun und Lassen ein christliches Gefühl, einen geistlichen Takt, welchen man durch ernstliches Prüfen des göttlichen Willens sich kann schenken lassen, so dass ein Jünger Jesu auch in seiner besonderen Lebensstellung das treffen kann was der Herr gerade von ihm verlangt, so kann man auch für das Bitten durch fortgesetztes Prüfen des göttlichen Willens einen geistlichen Takt erlangen. Es gibt eine christliche Weisheit wie für das Handeln so für das Bitten: Die Salbung die Alles lehrt kann uns auch diese Weisheit lehren, nur freilich unter der Bedingung dass wir nicht müde werden der Umgestaltung durch Erneuerung unseres Sinnes. Wir lesen bei Paulus zweiter Missionsreise40), der Geist Jesu habe ihn verhindert in Asien das Wort zu reden, auch die Reise nach Bithynien habe er ihm nicht gestattet, dagegen sei der Apostel durch ein Gesicht nach Makedonien gewiesen worden: wem unter uns es ernstlich um die Prüfung des göttlichen Willens zu tun ist, den kann der Geist Jesu so speziell leiten, dass er auch in Bezug auf das Bitten das eine Mal ein inneres Verbot, das andere Mal ein inneres Gebot vernehmen wird; das ist dann der Weg dazu um auch in Betreff des äußeren Lebensganges im Namen Jesu zu bitten, also zu empfangen was man erbeten hat.

Nun gestattet mir noch ein kurzes Wort über etliche das Gebet betreffende Aussprüche des Herrn aus den drei ersten Evangelien welche nur vom Bitten im Namen Jesu aus ihr volles Verständnis erhalten, wie sie denn auch ihrerseits dem Bittenden genau eben das Gut verheißen welches er erbeten hat. Als die Jünger sich wundern wie schnell der Feigenbaum verdorrte der Tags zuvor vom Herrn verflucht worden war, antwortet Jesus: habt Glauben Gottes, denn wahrlich ich sage euch: wer sagt zu diesem Berg, hebe dich weg und wirf dich ins Meer und zweifelt nicht in seinem Herzen sondern glaubt dass was er sagt geschehe, es wird ihm werden was er sagt; darum sage ich euch, Alles was ihr im Gebet bittet, glaubt dass ihr es empfangt so wird es euch werden41). Blicken wir bloß auf den Wortlaut, so könnten wir hier etwa schließen, auf den Inhalt der Bitte komme es für ihre Gewährung nicht an, sondern: bitte was du irgend willst, sobald es dir gelingt fest zu glauben, deine Bitte werde dir zu Teil, so wird sie dir zu Teil. Wirklich begegnet man häufig achtungswerten Christen, welche dieser Meinung folgen, freilich wohl ohne dass sie sich ihre Tragweite wirklich klar gemacht haben. In Wahrheit ist dieses Verständnis ein Missverständnis. Schon darum weil Gottes Allmacht nimmermehr sich entheiligen kann, die fleischlichen Bitten eines Schwärmers zu erfüllen dessen Schwärmerei es ein Leichtes ist zuversichtlich zu meinen seine Bitten werden ihm gewährt. Sodann weil die Zuversicht, Gott werde die Wünsche meines Fleisches befriedigen in Wahrheit gar nicht Gottesglauben wäre sondern eigener Wahn. Zum Dritten: weil Johannes ausdrücklich sagt: wenn wir etwas bitten nach seinem Willen, hört er uns. Wir sollen Jesu Worte nicht deuteln und drehen, aber wir sollen seine Worte auslegen nach der Analogie des Glaubens, das einzelne Wort nach der Harmonie der übrigen Worte, damit wir nicht etwa aus Eifer für den Buchstaben in jene Buchstabenauslegung verfallen, mit welcher der Teufel bei der Versuchung des Herrn in der Wüste operieren wollte. Das Wort des Herrn von der gewissen Erhörung zweifelloser Bitten, so dass auch die Berge vor der Gewalt einer solchen Bitte ins Meer sinken müssen, setzt stillschweigend voraus, dass nicht Fleisch und Blut, auch nicht ein solches Wohlmeinen das eben nur menschlich, nicht göttlich ist, sondern dass der Geist des Herrn die Seele des Bittenden bewegt habe: das gibt dann die Weisheit der Bitte und das gibt die Zuversicht welche nicht schwärmerischer Wahn sondern Gewissheit des Glaubens ist. Ein solcher Blitz von Oben kann selbst die Anfänger im Glauben durchleuchten, wenn nur ihr Glaube ein lebendiger göttlich gewirkter Glaube ist, wie der Herr zu den Jüngern spricht, die den Besessenen nicht hatten heilen können: wenn ihr Glauben habt als ein Senfkorn mögt ihr zu diesem Berge sprechen, versetze dich weg von hier und er wird sich wegversetzen und Nichts wird euch unmöglich sein42). Wenn Jesus dort weiter beifügt, dieses Geschlecht von Dämonen fahre nicht aus denn durch Beten und Fasten, so wird das Fasten hierbei hauptsächlich in Betracht kommen als die leiblich-seelische Nüchternheit, ohne welche die Seele nicht stille werden kann vor dem Herrn, nicht einsam sein kann mit dem Herrn, denn es ist die stille Konzentration der Seele auf den Herrn, in welcher die Blitze seines Geistes sie durchleuchten können. Was Jakobus schreibt43), der Bittende soll im Glauben bitten, nicht zweifelnd, ein doppelherziger Mensch werde Nichts empfangen, das gilt natürlich von allen Bitten, aber derselbe Glaube des Herzens muss sich das eine Mal so, das andere Mal anders bewähren: bin ich durch den Geist Gottes innerlich gewiss, dass meine Bitte nach dem Sinne Jesu ist also im Namen Jesu geschieht, so soll, so kann, so werde ich zweifellos glauben, dass mir eben das erbetene Gut wird gegeben werden; habe ich aber diese Gewissheit nicht so ist die Aufgabe meines Glaubens die feste Zuversicht dass Gott der allein Gute und im Geben und Nichtgeben die heilige Liebe und dass es selig ist, nicht zu erhalten was gegen seinen Willen wäre und unselig zu erhalten was gegen seinen Willen ist. Durch Gebet erzwingen wollen was gegen Gottes Willen ist, das kann nur die Sache des Unglaubens, niemals die des Glaubens sein: in diesem Falle wäre die Gewährung der Bitte eine Strafe, über die ein Jünger Jesu in tiefer Buße sich schämen müsste.

Das letzte Wort des Herrn, das ich aus den drei ersten Evangelien anzuführen habe, schlägt selbst die Brücke hinüber zu den Aussprüchen über die Bitten in Jesu Namen; es ist das Wort über die Kraft des gemeinsamen Gebets: wenn zwei aus euch zusammenstimmen auf der Erde über irgendeine Sache die sie erbitten wollen, so wird es ihnen werden von meinem Vater im Himmel, denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte44). Die Erhörlichkeit dieser Bitten beruht also darauf dass Jesus in der Mitte ist. Und Jesus kommt in die Mitte wenn wir uns auf seinen Namen versammeln. Wenn Jesus in der Mitte ist so geht ja sein Geist durch die Versammelten hin, und bitten sie nun aus Jesu Geiste so sind es Bitten in Jesu Namen. Die Christenheit ist in den letzten Jahren in besonderer Weise aufmerksam geworden auf die Kraft des gemeinsamen Gebets. Dafür sollen wir dem Herrn danken. Aber lasst uns die Sache recht verstehen. Nichts von Menschen Gemachtes ist es worin die Kraft des Bittens liegt. Nicht liegt sie in einem durch menschliche Methoden hervorgebrachten Echauffement45), womit man den Himmel zu stürmen meint, während dasselbe in Wahrheit dem seelischen und nicht dem geistlichen Leben angehört und wir nach des Apostels Wort Seele und Geist durch die Kraft des göttlichen Wortes sollen scheiden lassen, damit nicht eigenes Feuer auf den Altar des Gebets von uns gebracht werden möge statt des Geistesfeuers welches von Oben kommt46). So gelten auch Massenpetitionen Nichts vor Gottes Thron. Zu sagen: wenn schon zwei oder Drei, zum Bitten vereinigt, so machtvoll sind, wie unwiderstehlich werden zwei oder drei Zehntausende sein! ist eine bedenkliche Rechnungsart. Jesu Worte sind Geist und Leben: einen Mechanismus darf man nicht daraus machen. Wenn gemeinsames Gebet kraftvoller ist als einsames Gebet, so liegt der Grund nicht darin dass Tausend mehr sind als Zehn und Zehn mehr sind. als Einer, sondern darin, dass, wenn Viele Eins werden wollen, sie sich aufgefordert sehen, Fleisch und Blut, Vorurteile und Lieblingswünsche bei Seite zu lassen und dem heiligen Geiste als dem Einen Zentrum sich hinzugeben. Wollen die Steine zu einem Tempel erbauet sein so muss sich jeder behauen lassen: sonst gibt es keine Harmonie. Dass eine aus Vielen bestehende Gemeinschaft umso mehr sich bestreben muss zuerst in Jesu Namen die Harmonie, das vereinigende Zentrum zu suchen, also in Jesu Namen zu beten, das ists worauf der Segen dieses Betens ruht. „Ich in ihnen und du in mir, auf dass sie seien vollendet in Eins“47) Fasse ich zum Schluss die Hauptpunkte in wenige Worte zusammen, so sind es die folgenden:

  • Alles glaubensvolle Bitten hat seinen Segen, aber die Bitten im Namen Jesu haben die besondere Verheißung dass der Bittende eben die Güter erhalten soll welche er erbeten hat.
  • Im Namen Jesu bitten heißt, erstlich: das Recht zum Bitten schlechtweg nur, aber auch mit ganzem Vertrauen gründen auf Jesu Gerechtigkeit, zweitens: bitten was nach dem Sinne Jesu ist. Oder den Vater bitten weil Jesus mich ihn bitten heißt und was Jesus mich ihn bitten heißt.
  • Jesus heißt uns das Vaterunser und nach dem Urbild des Vaterunsers bitten und er heißt uns um den Heiligen Geist bitten: diese Bitten sind stets nach seinem Sinn. Daher kann wer irgend Jesu Jünger ist auch in Jesu Namen bitten. Aber sein Geist will uns auch lehren, in den einzelnen Anliegen des Reiches Gottes, des Berufes, des geistlichen und äußerlichen Lebens Jesu Sinn in den Bitten zu treffen. Sobald wir Reben am Weinstock werden fängt diese Salbung an. Je inniger unser Verwachsen mit dem Weinstock wird und je völliger sein Wort in uns wohnt, umso mehr kann uns diese Salbung auch im Einzelnen lehren. Zur Vollendung aber kommt unser Bitten nach Jesu Sinn, unser Bitten im Namen Jesu, unser schlechthin erhörliches Bitten erst, wenn das in uns vollendet ist: nun leben nicht mehr wir sondern Christus lebet in uns48).

Und wenn es hierzu gekommen ist dann tritt das merkwürdige Wort in Kraft womit der Herr seine Aussprüche über das Bitten in seinem Namen geschlossen hat: (an jenem Tage werdet ihr in meinem Namen bitten und ich sage euch nicht dass ich (dann fernerhin) den Vater für euch bitten werde, denn er selbst der Vater hat euch lieb49). Christi, des erhöhten, priesterliches Bitten für uns ist den Aposteln eine so tröstliche Wahrheit gewesen 50) und ist es noch heute den Jüngern des Herrn: wie redet nun der Herr von einer Zeit da diese Fürbitte aufhören soll? Sein Fürbitten ist nötig so lange die Jünger selbst noch nicht nach Gottes Willen zu bitten wissen, wenn wir aber einst völlig und allezeit in Jesu Namen, nach Jesu Sinn, nach Gottes Willen bitten, fällt die Notwendigkeit seines Fürbittens hinweg. Sein Bitten für uns ist dann geworden zu seinem Bitten in uns und durch uns. Denn wer in Jesu Namen bittet, bittet ja aus dem ihn durchwohnenden Geiste Jesu heraus; er lebt ja nicht mehr selbst, Jesus lebt in ihm. Insofern hört also Jesu Bitten doch nicht auf, es ist nur aus einem außer uns geschehenden Fürbitten zu einem in uns, durch uns geschehenden Bitten geworden. Die Vollendung der Jünger Jesu in der heiligen Kunst des Bittens im Namen Jesu und dieses Übergehen von Jesu Bitten für uns in Jesu Bitten durch uns ist ein charakteristischer Zug des Bildes jener Zeit da Gott Alles in Allem geworden ist51), das ist der Ewigkeit.

Überhaupt aber spiegelt sich das ganze Wesen des neuen Bundes und die ganze Stellung des Sohnes Gottes in der göttlichen Haushaltung darin ab, dass die Kinder des neuen Bundes nun in Jesu Namen beten. Ich sage: das Wesen des neuen Bundes spiegelt sich in diesem Beten ab. „Bisher habt ihr Nichts gebeten in meinem Namen,“ spricht der Herr am Abschiedsabend; als die Jünger in Jesu Namen, auf Grund von Jesu Gerechtigkeit, und durch Jesu Geisteserleuchtung den Willen Gottes treffend, zu bitten begannen, war dies die tatsächliche Offenbarung davon dass der neue Bund, gestiftet in Jesu Blut und Verherrlichung, nun ins Leben getreten war. Denn warum gründeten sie nun ihr Recht zum Bitten auf Jesu Gerechtigkeit? Weil sie innerlich erlebten, dass auf Grund von Jesu Tod der Kindschaftsgeist ihnen gegeben war52). Und warum konnten sie nun den Willen Gottes in ihren Bitten treffen? Weil der Geist welchen Jesus verheißen hatte nun wirklich da war und sie in alle Wahrheit leitete53). Warum sagt der Herr: unter Allen die von Weibern geboren sind ist nicht aufgekommen der größer sei denn Johannes der Täufer; der aber der kleinste ist im Himmelreich ist größer denn er? Weil die Kleinsten im neuen Bunde können was dieser Größte des alten Bundes noch nicht konnte: ihr Gebet im Namen Jesu tun54). Ich sage: die ganze Stellung des Sohnes Gottes in der göttlichen Haushaltung spiegelt sich in diesem Beten ab. Im Namen Jesu Beten ist nichts anderes als tatsächliche Anwendung des Wortes: „Ich bin der Weg, Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ auf das Beten. Christus ist der Weg, erstlich weil er der Priester ist dessen heilige Selbstopferung an Gott unsere Verschuldung gesühnt hat: nur indem unser Glaube diese Sühnung an sich zieht, sich auf sie stellt, sich in sie kleidet, können wir selbst, kann unser ganzes Personleben, kann unser Denken und Tun, kann also auch unser Bitten, Danken und Loben Gott angenehm sein. Christus ist der Weg, zweitens weil er der vollkommene Prophet ist der uns die Wahrheit und den Willen Gottes offenbart hat, deswegen betet auch nur der nach Gottes Willen welcher betet was Jesus seine Jünger beten lehrte. Christus ist der Weg, drittens weil er seit seiner Verherrlichung als der König der Gemeinde wesentlich in ihr wohnt und sie so mit seinem erleuchtenden und lebendig machenden Geiste durchdringt; in dem Maße als Christi Geist uns durchwohnt können wir nun in allem den Willen Gottes erkennen also erhörlich bitten, dazu die Weisheit des göttlichen Regierens verstehen und in die herrliche Majestät Gottes selber Blicke tun, also in rechter Weise danken und loben. Endlich spiegelt sich die Mittlerstellung des Sohnes insofern ab in dem was Jesus über das Gebet in seinem Namen sagt, sofern er den Vater nennt als den zu welchem unsere Bitten aufsteigen sollen, sich aber nennt als den in dessen Namen wir den Vater bitten sollen55)). Zwar dem verherrlichten Jesus ist übergeben alle Macht im Himmel und auf Erden, wie er schon vor seiner Fleischwerdung der Erstgeborene aller Kreatur gewesen ist durch welchen und zu welchem Alles geschaffen ist. Daher Jesus auch sagen kann, Er werde das tun was die Jünger in seinem Namen erbitten. Und wenn Jesus die Bitten erfüllt so dürfen wir sie auch an Jesum richten. Wie denn Paulus die Christen bezeichnet als die welche den Namen Jesu anrufen56). Das Leben von Vater und Sohn und Geist ist ja nicht ein zerteiltes, geschiedenes Leben, wie bei uns Menschen das Leben eines Vaters und das seines Sohnes auseinanderfällt, sondern eine gegenseitige Durchdringung, ein Auseinanderquellen und Ineinander übergehen. Daher wer zu dem Sohne betet eben damit auch zu dem Vater betet und umgekehrt. Doch aber ist der Vater der Urquell dieses Gotteslebens, wie Christus sagt, der Vater habe dem Sohne gegeben Leben zu haben in ihm selbst, und selbst noch der erhöhte Christus den Vater sogar als seinen Gott bezeichnet. Daher ist es der „Vater unseres Herrn Jesu Christi“ zu welchem wir den Paulus beten hören. Wissen wir ja doch dass auch der Sohn selbst und der Heilige Geist für uns beten zu dem Vater. Denn wir sind Christi, Christus aber ist Gottes57).

1)
2 Mose 32, 7-14. 33, 12-34, 10. 1 Kön. 18, 30 ff. 2 Könige 19, 14 ff.
2)
Matth. 7, 7 f. Luk. 11, 5 ff. 18, 1 ff.
3)
Joh. Kap. 14-16, besonders 14, 13 f. 15, 16. 16, 21-26.
4)
2 Mos. 32, 13. 33, 12. 1 Kön. 18, 36. Jesaja 63, 16 und 64, 7f. Daniel 9, 8. 9. 15. 16.
5)
Vgl. 2 Mos. 3, 13-18. Wo Luther „Herr“ setzt steht im Hebräischen Jehovah und dieser Name wird durch eben diese Stelle erklärt „Ich werde sein der ich sein werde.“
6)
Jes. 64, 5. 6.
7)
Lukas 11, 1. 2.
8)
Joh. 14, 6.
9)
Joh. 16,24
10)
Ephes. 5, 20. Hebr. 13, 15
11)
Matth. 7, 7-11.
12)
5, 14. 15.
13)
Durch diese einfache Wahrheit löst sich in der schlichtesten Weise das Vielen so dunkle Rätsel, wie überhaupt Einwirkung der menschlichen Bitten auf die göttliche Weltregierung denkbar sei. „Wird der Gott der heiligen Liebe Bitten erfüllen, die wider seinen allein guten Willen sind; was aber seinem Willen entspricht, braucht man das erst zu erbitten?“ in diese Doppelfrage lassen sich die Einwendungen gegen das Einwirken des Gebets auf die Weltregierung zusammenfassen. Aber die zweite Hälfte der Frage kann eben nur ein Solcher tun welcher nicht folgerichtig zu durchdenken weiß dass Gott ein Gott der Freiheit ist und dass er über Freie regiert. Es soll Gottes unwürdig sein seinen Willen nicht zu tun, wenn die menschlichen Bitten ausbleiben? Aber er wartet ja auch allezeit, ehe er seinen Willen vollbringt, auf das menschliche Handeln, dass dieses ihm zum Organe seines Handelns werde. Gottes Weltregierung vollbringt sich nicht etwa bloß trotz der, sondern gerade durch die menschliche Freiheit: durch die Freiheit des Handelns, warum nicht auch durch die des Bittens? Aber von der Freiheit sowohl Gottes als der Menschen verstehen insgemein die am wenigsten, welche am meisten von der Freiheit reden. Folgerichtiges Denken führt zu dem Ergebnis: entweder ein Gott der Freiheit welcher die Menschheit durch ihr freies Handeln (auch durch ihr freies Sündigen) und durch ihr freies Bitten zu seinem Ziele führt, oder keinerlei Freiheit, keine göttliche und keine menschliche.
14)
Man beachte auch dass Johannes unmittelbar zuvor sagt: dieses habe ich geschrieben euch die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes, damit ihr wisset dass ihr ewiges Leben habet und damit ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes (V. 13.): es ist von hier aus, dass der Apostel übergeht zu dem Erhört- und Gewährtwerden der Bitten nach Gottes Willen. Glauben an den Namen des Sohnes Gottes, den Sohn haben (V. 12.), in seinem Namen bitten, nach Gottes Willen bitten, geht Hand in Hand, wächst aus einander hervor.
15)
Matth. 6, 7. ff.
16)
Luk. 11, 1. ff.
17)
2 Kor. 3, 17.
18)
Philipper 4,6.
19)
Joh. 16, 22-24.
20)
Vers 25 f.
21)
Joh. 21, 21.
22)
Apostelgesch. 1,6.
23)
10,14.
24)
Vgl. Gal. 2, 11 ff.
25)
Luk. 24,45-47.
26)
1 Kor. 13, 12.
27)
Phil. 3, 12.
28)
2 Kor. 12, 8 f.
29)
Römerbrief 15, 30-32 und 23-28.
30)
Apostelgesch. 20, 3. 21, 17-27. 24,27. 28, 30.
31)
Philipperbrief 1, 15 ff. 2, 19 ff.
32)
Joh. 12, 24.
33)
In Pauli früheren Briefen (an die Thessalonicher, Galater, Korinther, Römer) ist nämlich sein Blick vorherrschend gerichtet auf die Gerechtigkeit aus Gott welche wir im Glauben an Christi Kreuz und Auferstehung haben und auf die Vollendung unseres Heils in der Wiederkunft des Herrn deren wir im Glauben warten, dagegen in den Briefen an die Kolosser und Epheser ist der beherrschende Gedanke das Verhältnis der Gemeinde zu ihrem königlich verherrlichten Fürsten des Lebens.
34)
Apostelgesch. 28, 15. 30. 31.
35)
Ev. des Lukas 1,5 ff. 1, 26 ff verglichen mit den letzten Versen der gleichfalls von Lukas verfassten Apostelgeschichte.
36)
1,12.
37)
Kap. 5 des Briefes von Clemens.
38)
Röm. 8, 26 f.
39)
Apg. 13, 11. 20, 9 ff. Phil. 2, 27. 1 Tim. 5, 23.
40)
Apg. 16, 6-10.
41)
Mark. 11, 12 ff. 19 ff. Matth. 21, 18 ff.
42)
Matth. 17, 20.
43)
1, 6 ff.
44)
Matth. 18, 19 f.
45)
Échauffement (französisch für Aufwärmen) bezeichnet die Vorbereitung von Körper und Geist auf sportliche Belastung, um die Leistung zu steigern und Verletzungen durch Erhöhung der Körpertemperatur und Durchblutung vorzubeugen.
46)
Hebr. 4, 12. 3 Mos. 10, 1.
47)
Joh. 17, 23.
48)
Galater 2, 20.
49)
Joh. 16, 26 f.
50)
Röm. 8,34. Hebr. 7, 25. 1 Joh. 2, 1.
51)
1 Kor. 15, 28.
52)
Galater 4, 5. 6.
53)
Joh. 14, 26. 16, 13. 1 Joh. 2, 20. 27
54)
Matth. 11, 11.
55)
Joh. 15, 16. 16, 23; vgl. auch 26 und 14, 16 (ich werde den Vater bitten.
56)
Matth. 28, 18. Kol. 1, 15 f. Joh. 14, 13 f. 1 Kor. 1, 2.
57)
Joh. 5, 26; Offenb. Joh. 3, 12; Eph. 3, 14 vgl. mit 1, 17 Kol. 1, 3; Joh. 14, 16 vgl. mit 1 Joh. 2, 1 Hebr. 7. 25 Röm. 8, 34 und 26 f.; 1 Kor. 3, 23.
Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/g/gess/gess_gebet.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain