Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 126.

(1) Ein Lied im höheren Chor. Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. (2) Dann wird unser Mund voll Lachens, und unsere Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan; (3) Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich. (4) Herr, wende unser Gefängnis, wie du die Wasser gegen Mittag trocknest. (5) Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. (6) Sie gehen hin und weinen, und tragen edlen Samen, und kommen mit Freuden, und bringen ihre Garben.

Ein Lied von der Erlösung Zions, von der Befreiung aus der Gefangenschaft Babylons, von der fröhlichen Heimkehr nach Jerusalem, ein Lied so voll wunderbarer Schönheit, so voll brünstiger Sehnsucht, so voll kindlicher Freude, so voll seliger Hoffnung, so voll tiefer Bedeutung, dass es heute noch seine Anwendung findet auf jede gläubige Seele und bis ans Ende der Tage seine tausendfache Erfüllung nicht nur hier auf Erden, sondern auch droben in den seligen Gefilden der Ewigkeit. Wir wollen's deshalb mit Freuden näher betrachten, dieses Freudenlied von Zions Erlösung, und dabei:

1) Zuerst gedenken an das Volk Israel und seine Erlösung aus der Gefangenschaft Babylons, wovon zunächst dieser Psalm gesungen ist; dann aber auch:
2) An uns, das Volk des neuen Bundes, und in welchem Sinn wir das Lied nachsingen dürfen.

1)

Zunächst und eigentlich ist dieses Lied gedichtet auf die Befreiung der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft, welche ohne Zweifel nahe bevorstand oder gar schon begonnen hatte, als der Psalmist im Vorgefühl der nahen Heimkehr voll Freuden in die Harfe griff. Wie es einem frommen Israeliten zu Mut war in der Gefangenschaft zu Babel, wie ihm da das Herz von Heimweh brannte, das bekommen wir später im 137. Psalm gar rührend zu hören, wo es heißt: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hingen wir an die Weiden, die darinnen sind. Sie hießen uns singen und fröhlich sein; aber wie sollten wir des Herrn Lied singen im fremden Land?“ - Damals konnten sie nicht singen, damals mochten sie die Harfe mit keinem Finger anrühren. Aber als nun nach siebzig Knechtschaftsjahren der Herr ihr Gefängnis wendete, als er dem großen Perserkönig Cyrus den großmütigen Entschluss ins Herz gab, das zahlreiche Judenvolk, das sich in seinem Reiche bereits angebaut und ihm viel Wohlstand ins Land gebracht hatte, freiwillig wieder zu entlassen, und als er, der mächtige Heidenkönig, das merkwürdige Bekenntnis ausgehen ließ: So spricht Kores, der König in Persien, der Herr, der Gott vom Himmel, hat mir alle Königreiche in Landen gegeben und er hat mir befohlen, ihm ein Haus zu bauen zu Jerusalem in Juda“ o wie muss da einem treuen Sohn Israels das Herz vor Freude gewallt haben; da tat sich ihr Mund wieder auf, da griffen sie wieder nach den Harfen, da tönten wieder ihre Psalmen, da sangen sie voll fröhlicher Hoffnung:

V. 1: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.“ Wie ein Traum wird's uns sein, ein Glück, das man nicht gleich fassen, drein man sich kaum finden kann, wenn wir nun wieder frei sind und ungehindert unseres Weges ziehen dürfen, wenn wir wieder den geliebten Boden der Heimat betreten, wenn wir wieder die heiligen Berge Jerusalems von fern erblicken.

V. 2: „Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.“ Der Mund voll Lachens, der deutet auf die natürliche Freude; aber die Zunge voll Rühmens, die weist hin auf die Freude in dem Herrn, dabei man dem die Ehre gibt, von dem die Hilfe kommt, wie der Psalmist fortfährt:

„Da wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan.“ Unter den Heiden sogar, die den Gott Israels verachtet und sein Volk mit Füßen getreten haben, unter den Spöttern und Verächtern wird das arme Häuflein Jakob wieder zu Ehren kommen, wird der Name des Herrn gepriesen werden, der so mächtig, so unerwartet, so wunderbar seinen Bekennern heraushilft. Jede Niederlage des Volks Israel war in den Augen der Ungläubigen auch eine Niederlage seines Gottes, ein Beweis von der Ohnmacht Jehovahs; aber wo das Volk wieder zu Glück und Ehren kam, da stieg auch sein Schutzgott wieder in der Achtung der Heiden, die alles nur nach dem äußeren Erfolg zu messen gewohnt waren, wie Darius dort, der Meder König, als er Daniel, den Propheten des Herrn, unversehrt in der Löwengrube fand, den Befehl ausgehen ließ in alle seine Reiche, dass man in der ganzen Herrschaft seines Königreichs den Gott Daniels fürchten und scheuen soll: „Denn er ist der lebendige Gott, der ewig bleibt.“ Wenn aber selbst die Heiden es rühmen werden von dem befreiten Volk: „Der Herr hat Großes an ihnen getan“, wie wird erst das Volk selber Ursache haben, seinen Gott zu preisen. Darum nun das Bekenntnis des erlösten Volks selber:

V. 3: „Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich.“ Ja, das durfte Israel wohl bekennen, an dem der Herr so Großes getan wie an keinem unter allen Völkern der Erde, das er auf Adlersflügeln mächtig getragen, dem er nach all seinen Zorngerichten doch immer wieder sein Antlitz in Gnaden leuchten ließ, das er einst vor alters aus der Knechtschaft Ägyptens geführt mit ausgestrecktem Arm und dem er nun abermals die Pforten seines Gefängnisses geöffnet. Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich.“ So klang es wirklich bei der Grundsteinlegung des neuen Tempels am ersten Laubhüttenfest, das man in Jerusalem wieder feierte nach der Rückkehr, wovon Esra im dritten Kapitel eine so rührende Beschreibung zu lesen ist. Freilich, wie sich dort in den Jubelruf der Jungen auch das Wehklagen der Alten mischte, die den vorigen Tempel, den Salomonischen, noch gesehen in seiner Herrlichkeit, so mischt sich auch in unserem Psalm in die Stimme des Lobens und Dankens noch ein Ton der flehenden Klage:

V. 4: „Herr, wende unser Gefängnis, wie du die Wasser gegen Mittag trocknest.“ Der Psalmist hat vorhin auf Flügeln der Hoffnung sich schon in die Zeit der Erlösung versetzt; es war ihm, als wären sie schon frei, als wären sie schon daheim; aber nun auf einmal kommt er wieder zu sich und erinnert sich: Es ist noch nicht soweit, wie ja bekanntlich auch nach der Heimkehr die Juden noch viel zu kämpfen hatten mit bösen Nachbarn; daher die flehentliche Bitte: „Herr, wende unser Gefängnis“, hilf uns heraus und hindurch und hinein.

„Wie du die Wasser gegen Mittag trocknest,“ hat Luther übersetzt und es gibt das wohl auch ein schönes Bild, wie nach einer stürmischen Regen- und Gewitternacht, die alles unter Wasser gesetzt hat, gegen die Mittagszeit die milde Sonne wieder kräftig leuchtet und die Erde trocknet, so lass die Trübsalsfluten vertrocknen vor dem milden Strahl deiner Gnadensonne. Wörtlich nach dem Hebräischen heißt's aber eigentlich umgekehrt: Wie du die Bäche gegen Mittag im heißen Südland wieder füllest, wieder fließen lässt durch die gnädigen Herbstregen, wenn sie im heißen Sommer vertrocknet sind, so lass deinem Volk nach langer Dürre deine Gnadengüsse wieder zuströmen, dass die Quellen des Wohlstands sich aufs Neue eröffnen, die Bäche des Segens aufs Neue fließen. Der Sinn ist derselbe: Hilf deinem Volk vollends aus seinen Nöten, dass Leid in Freud sich verwandle. Denn und nun das schöne, schon tausendmal den Leidenden zum Trost gesagte Schlusswort:

V. 5. 6: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“ Wie der Landmann im Schweiß seines Angesichts, unter Sorge und Mühe seinen Samen ausstreut; aber am fröhlichen Erntetag hat die Sorge in Freude sich verwandelt und unter Jubelgesängen führt man die Garben in die Scheunen, so geht's auch im Reiche Gottes durch Leid zur Freude, durch Hoffen und Harren zur seligen Erfüllung. Das ist Gottes heilige Ordnung immer und überall. Und damit, meine Lieben, sind wir nun schon auf eine weitere Anwendung unseres Psalms geführt und auf die

2)

Zweite Betrachtung, in welchem Sinn wir dieses Freudenlied über Zions Erlösung mitsingen und nachsingen dürfen. Von altersher ist dieser schöne Psalm in der christlichen Kirche auch bildlich verstanden und als ein Gemeingut aller Kinder Gottes betrachtet worden, wie auch Luther sagt bei Auslegung dieses Psalms: Wir wollen die sonderlichen Gefängnisse (d. h. die Beziehung auf die babylonische Gefangenschaft) übergehen und diesen Psalm von dem gemeinen Gefängnis des ganzen menschlichen Geschlechts und Errettung auslegen.

Und allerdings, meine Lieben, wenn hier von Zions Erlösung gesungen wird und von seiner Errettung aus der Gefangenschaft Babels: kann da ein Christenherz anders als zuerst denken an das schlimmste Babel, in dem die ganze Menschheit gefangen saß, an die Knechtschaft der Sünde, und an die seligste Erlösung, die uns allen widerfahren ist, an die Erlösung durch Jesum Christum, davon der Apostel mahnt: Sagt Dank dem Vater, der uns tüchtig gemacht hat zum Erbteil der Heiligen im Licht, welcher uns errettet hat von der Obrigkeit der Finsternis und versetzt in das Reich seines lieben Sohnes?

Gilt's nicht auch heute noch von einer Seele, die los geworden ist von Sündenketten und frei vom Fluch des bösen Gewissens und zum ersten Mal so recht von Herzen ihrer Erlösung sich freut, als ein Kind Gottes sich fühlt: „Wir werden sein wie die Träumenden“; ein neues Leben, eine neue Welt oder vielmehr ein neuer Himmel geht uns auf und wir können solche Gnade kaum begreifen, solches Glück kaum fassen.

Müssen wir nicht auch sagen beim Blick auf alles, was die ewige Liebe zu unserer Erlösung getan hat von der Krippe zu Bethlehem bis zum Kreuz auf Golgatha: „Der Herr hat Großes an uns getan?“ Wiederum bei den Erinnerungen an alles, was er an seiner Kirche getan, an alle die Bewahrungen, Behütungen, Befreiungen, die das Volk des neuen Bundes, die Kirche Christi erfahren durfte seit 1800 Jahren, wo sie mehr als einmal aus der Gefangenschaft Babels, aus der Obrigkeit der Finsternis wieder errettet ward, heißt's da nicht auch heute noch: „Der Herr hat Großes an uns getan?“ Und wenn du dann bedenkst, lieber Christ, was der Herr insbesondere an dir getan, wie er dich je und je geliebt und zu sich gezogen aus lauter Güte, wie er deiner Seele sich so herzlich angenommen und dich errettet von der Obrigkeit der Finsternis musst du nicht abermals bekennen: „Der Herr hat Großes an uns getan?“

Und heißt's da nicht auch: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten?“ Geht nicht aus der Tränensaat der Buße und des Sündenleids eine selige Freudenernte hervor für die Kinder Gottes? Ist da nicht auch an manchem unter uns schon erfüllt worden die Verheißung des Herrn: Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden? Und die Zusage des Apostels: Alle Züchtigung, wenn sie da ist, dünkt sie nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit, denen die dadurch geübt sind? O so freut euch denn, erlöste Seelen, und rühmt's dem Herrn zur Ehre: Jesus ist kommen, nun springen die Bande, Stricke des Todes, die reißen entzwei; Jesus erlöst uns vom knechtischen Stande, Er, der Sohn Gottes, er macht recht frei,

Bringt uns zu Ehren aus Sünd und aus Schande,
Jesus ist kommen, nun springen die Bande!

Aber, meine Lieben, auch an manche zeitliche Erlösung aus leiblicher Trübsal dürfen wir denken bei diesem schönen Freudenlied. O wie oft hat der treue Gott auch im Leiblichen uns seine Retterhand dargeboten, uns aus Sorge und Not, aus Gefahr und Bedrängnis, darin wir lang gefangen saßen, daraus wir keinen Ausweg sahen, plötzlich wieder hinausgeführt ins Freie, in den Sonnenschein der Freude, dass uns auch war wie den Träumenden, wie dem betrübten Vater Jakob bei der Botschaft, dass sein Sohn Josef noch lebe: sein Herz gedachte viel anders, er glaubte ihnen nicht, er konnte die Freude nicht fassen. Oder wie den Jüngern am Ostermorgen bei der Freudenbotschaft: Christus ist erstanden! „Es däuchten ihnen ihre Worte eben als Märlein und glaubten ihnen nicht vor Freude.“ Oder wie dem gefangenen Petrus, als der Engel ihn aus dem Gefängnis führte in der Nacht vor seiner Hinrichtung: „Er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass ihm wahrhaftig solches geschehe durch den Engel, sondern es däuchte ihm, er sähe ein Gesicht.“ So ist's auch uns schon oft wie ein Traum gewesen und ein Wunder vor unsern Augen, wenn wir plötzlich eine Gnadenhilfe Gottes, eine glückliche Wendung unseres Lebenswegs erfahren durften und wir alle, alle müssen bekennen im Rückblick auf die Führungen Gottes auch nur in unserem äußeren Leben: „Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich.“ Wie oft darf man's da schon hienieden erfahren: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Auf den Regen folgt Sonne, auf Leid kommt Freude; wer sein Kreuz in Geduld getragen, den wird der Herr auch wieder trösten und erfreuen, und gerade was uns am schwersten fiel und am wehsten tat, muss uns oft zum Besten dienen und zum Heil ausschlagen. So vergiss es denn nicht, liebe Seele, wenn wieder Trübsal kommt: Endlich kommt die Erntezeit. Vielleicht schon hier, gewiss aber und am seligsten drüben in der Ewigkeit. Darum soll uns dieser schöne Psalm zuletzt hinweisen auf die ewige Erlösung des Volks Gottes, auf die himmlische Freudenernte der Kinder Gottes.

Ja, meine Lieben, wenn der Herr einst die Gefangenen Zions ganz erlösen wird, wenn die befreite Seele erlöst aus dem Babel dieser Welt, erlöst vom Leibe dieses Todes, in dem sie ihre siebzig Jahre gefangen war, eingehen darf zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes und die Erde mit all ihrem Jammer hinter ihr liegt und der Himmel mit all seinen Wonnen sich vor ihr auftut und die Lüfte der Ewigkeit sie anwehen und die Sonne einer andern Welt sie umleuchtet - o da werden wir erst sein wie die Träumenden: „Werden wir doch als wie träumen, wenn die Freiheit bricht herein.“ Wenn wir einst von den Höhen des himmlischen Zions herniederschauen auf die Wunderwege Gottes, die er uns hienieden geführt, und seinen Liebesplan und Gnadenrat im Zusammenhang überschauen dann wird unsere Zunge voll Rühmens und unser Mund voll Lachens sein und deutlicher noch als hienieden werden wir's erkennen, seliger noch als hienieden werden wir's bekennen: „Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich.“ Wenn der fromme Dulder dorthin kommt, wo Gott abwischen wird alle Tränen von den Augen der Seinen, da wird es erst im höchsten, im herrlichsten Sinn heißen: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ - Wohlan denn, liebe Mitpilger, so hebt eure Häupter in die Höhe, dieweil eure Erlösung naht. Ei, so fass, o Christenherz alle deine Schmerzen,

Wirf sie mutig hinterwärts, lass des Trostes Kerzen
Dich erleuchten mehr und mehr, gib dem großen Namen
Deines Gottes Preis und Ehr, er wird helfen! Amen.

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