Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 125.

(1) Ein Lied im höheren Chor. Die auf den Herrn hoffen, die werden nicht fallen, sondern ewig bleiben, wie der Berg Zion. (2) Um Jerusalem her sind Berge; und der Herr ist um sein Volk her, von nun an bis in Ewigkeit. (3) Denn der Gottlosen Zepter wird nicht bleiben über dem Häuflein der Gerechten, auf dass die Gerechten ihre Hand nicht ausstrecken zur Ungerechtigkeit. (4) Herr, tue wohl den guten und frommen Herzen. (5) Die aber abweichen auf ihre krummen Wege, wird der Herr wegtreiben mit den Übeltätern; aber Friede sei über Israel.

Es ist eine schöne Verheißung, die der Herr seinem Volke gibt Zach. 2, 5: „Und ich will eine feurige Mauer umher sein (um Jerusalem) und will darinnen sein und will mich herrlich darinnen erzeigen.“ Eine Mauer will er um die Seinigen her sein, eine feurige, unbezwingbare, ja unnahbare Mauer, seinen Freunden zum Schutz, seinen Feinden zum Trutz.

Wie manchmal hat das sein Volk schon erfahren dürfen in alter und in neuer Zeit, im großen und im kleinen, in bildlichem und in buchstäblichem Sinn. Als dort unter dem König Hiskia der gewaltige Assyrerfürst Sanherib heraufzog mit großer Heeresmacht wider alle feste Städte Juda und nahm sie ein und schlug sein Lager und seine Wagenburg auf vor den Toren Jerusalems und schickte höhnische Briefe hinein und forderte die Stadt zur Übergabe auf und drohte dieser mit Verwüstung, da ging der König Hiskia hinauf in den Tempel und breitete die Briefe aus vor dem Herrn und betete vor dem Herrn und sprach: Herr, Gott Israels, der du über den Cherubim sitzt, du bist allein Gott unter allen Königreichen der Erden, du hast Himmel und Erde gemacht; Herr, neige deine Ohren und höre, tue deine Augen auf und siehe, strecke deinen Arm aus und hilf uns aus seiner Hand. Und der Herr ließ dem König sagen durch Jesaia, den Sohn Amos: Ich will diese Stadt beschirmen, dass ich ihr helfe um meinetwillen und um Davids, meines Knechts willen. Und sandte über Nacht seinen Würgengel, eine schreckliche Pest, ins Lager der Assyrer, dass sie hinstarben zu Tausenden und am Morgen lag das Lager voll Leichname. Und Sanherib brach voll Entsetzen auf und zog wieder heim. Da ist der Herr auch eine feurige Mauer um Jerusalem gewesen.

Und wie im großen, so im kleinen, wie in alten Zeiten, so noch heutzutage. Ihr habt wohl auch schon gehört von jener frommen Witwe und ihrem Gebet: „Eine Mauer um uns bau, dass dem Feinde dafür grau.“ Zur Zeit der Napoleonischen Kriege, da war an einem Winterabend große Sorge und Angst in einem einsamen Dörflein, denn ein feindliches Streifkorps zog sengend und brennend, mordend und plündernd heran. Ganz außen am letzten Ende des Dorfs wohnte in einem kleinen niedrigen Häuflein eine arme Witwe, die betete hinter verschlossenen Läden bei ihrem Öllämplein inbrünstig zu Gott um gnädige Bewahrung. Draußen heulte ein furchtbarer Schneesturm, zugleich hörte man ganz in der Nähe das Getümmel der Feinde, die nun wirklich ins Dorf hereinbrachen, Schießen, Schreien, Jammern, Türaufschlagen, kurz einen entsetzlichen Kriegslärm. Das arme Weiblein zitterte jeden Augenblick: jetzt kommen sie auch an deine Tür, und betete dazwischen hinein mit immer neuer Inbrunst ein altes Lied für Kriegsnöten, darin die Worte standen: Eine Mauer um uns bau, dass dem Feinde davor grau. Inzwischen vergeht Stunde um Stunde, das Weiblein bleibt verschont, der Lärm zieht sich allmählich in die Ferne, der Feind ist abgezogen und es wird still im Dorf. Da wagt's das Mütterlein leise einen Fensterladen aufzumachen und hinauszusehen und was sieht sie? Eine weiße Mauer, eine mannshohe Schneewehe hatte der Sturm über Nacht vor ihrem Häuflein aufgetürmt, so dass die Feinde das niedrige Hüttlein gar nicht gewahr wurden und achtlos dran vorbeizogen, während sie links und rechts kein Haus verschont hatten.

Wie wörtlich hatte da der Herr das Gebet der Witwe erhört: Eine Mauer um uns bau, dass dem Feinde davor grau! Wie schön hat er auch da seine Verheißung erfüllt: Ich will eine Mauer umher sein, zwar nicht eine feurige diesmal, aber eine eisige Mauer um die Meinen, und will darinnen sein und will mich herrlich darinnen erzeigen.

Doch dass wir nun zu unserem Psalme kommen! Wir sind aber eigentlich schon mitten drin, denn darauf läuft auch unser Psalm hinaus:

Der Herr ist eine Mauer um sein Volk, seinen Freunden zum Schutz, seinen Feinden zum Trutz.

Ohne Zweifel in einer schweren Zeit des Drucks und der Bedrängnis, als das Zepter der Gottlosen über Israel herrschte, d. h. als heidnische Gewalthaber das Volk unterdrückt hatten und in Jerusalem selber die Oberherrschaft ausübten, wie solche Zeiten ja oft vorkamen vor und nach der babylonischen Gefangenschaft, da ist dieser Bitt- und Trostpsalm entstanden, in welchem der Psalmist sich und sein Volk tröstet. Der Herr ist die rechte Mauer um sein Volk:

1) seinen Freunden zum Schutz,
2) seinen Feinden zum Trutz.

1) Seinen Freunden zum Schutz.

Das lesen wir heraus besonders aus:

V. 1. 2: „Die auf den Herrn hoffen, die werden nicht fallen, sondern ewig bleiben wie der Berg Zion. Um Jerusalem her sind Berge, und der Herr ist um sein Volk her, von nun an bis in Ewigkeit.“ Jerusalem war eine hochgebaute Stadt und darum von Natur schon wohlbefestigt und schwer zu erobern. Der Zionsberg mit seiner Davidsburg beherrschte die Stadt und ihre Umgebung. Der Ölberg mit der Hügelreihe, die sich an ihn anschließt, lagerte sich wie ein Wall in Form eines Hufeisens rings um die Stadt her, so dass nur nach einer Seite hin das Tal sich öffnete, wie ja auch wir um unsere Stadt her Berge haben, die sich schützend und wärmend fast von allen Himmelsgegenden um uns her lagern. Diesen seinen schützenden Bergen, dieser seiner natürlichen Festigkeit hatte es Jerusalem zu danken, dass es sich selbst gegen einen mächtigen Feind lange halten konnte, wie ja selbst der Römerfeldherr Titus mit seinem kriegsgeübten Heer erst nach Jahr und Tag Jerusalem erobern konnte.

Aber diese schützenden Berge um Jerusalem her, diese natürlichen Felsenmauern sind's darum nicht, auf welche der fromme Sänger trotzt; sie sind ihm nur ein Bild und Gleichnis dessen, der die feste Burg, der ewige Fels, die feurige Mauer ist um sein Volk herum, des lebendigen, alleingewaltigen Gottes.

„Die auf den Herrn hoffen,“ werden nicht fallen. Der Herr also ist der wahre Fels, das Gottvertrauen ist die beste Mauer: Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.

„Die auf den Herrn hoffen, die werden nicht fallen, sondern ewig bleiben wie der Berg Zion.“ Wie diesen Zionsberg kein Sturm kann erschüttern oder umwerfen, kein Feind kann sprengen oder abtragen, sondern er steht heute noch da nach soviel Wettern, die über Jerusalem ergangen sind, so wer in Gott gegründet und gewurzelt ist, wer im Glauben an ihn, den Ewigen und Alleingewaltigen, sich hält, der steht fest und unerschütterlich im Sturm der Trübsal und unter den Anfechtungen der Welt; ja den kann auch der letzte Feind, der Tod, nicht fällen, sondern er wird ewig bleiben wie der Berg Zion, sein Gott wird ihn durch Not und Tod mit starkem Arm hinüberretten auf die Berge der ewigen Erlösung, auf die Zinnen des himmlischen Zions.

„Um Jerusalem her sind Berge, und der Herr ist um sein Volk her von nun an bis in Ewigkeit.“ Auch hier also wieder ist's nicht Wall und Mauer, nicht Felsstein und Granit, darauf sich der Fromme verlässt, sondern diese Berge sind nur ein Bild Gottes und seines mächtigen Gnadenschutzes: „Der Herr ist um sein Volk her (als die rechte Mauer) von nun an bis in Ewigkeit.“

„Der Herr ist um sein Volk her!“ O wie oft und viel hat das das Volk Gottes schon erfahren dürfen vom Zug Israels durch die Wüste und durchs rote Meer bis zu jenem Mütterlein mit ihrem Gebet: „Eine Mauer um uns bau“, und bis auf diesen Tag.

„Der Herr ist um sein Volk her!“ Wie herrlich hat sich das im großen am Reich Gottes, an der Geschichte der christlichen Kirche erfüllt bis auf diesen Tag. Mauern kann man nicht aufführen ums Reich Gottes her, hinter Bergen kann sich die Kirche Christi nicht verschanzen, mit weltlichen Waffen können sich die Gläubigen nicht wehren, offen und preisgegeben allem Spott und allem Hass, aller List und aller Macht der Feinde steht das Reich Christi da bis auf diesen Tag. Und doch, warum ist's denn allem Spott und allem Hass, aller List und aller Macht der Feinde noch nicht gelungen bis auf diesen Tag, Zion zu zerstören, das Reich Christi zu verwüsten? Was ist denn die unsichtbare, diamantene Mauer, an der alle Angriffe der Widersacher immer wieder machtlos abprallen?

„Der Herr ist um sein Volk her“; der Herr mit seinem Wort, mit seinem Geist, mit seiner Kraft, mit seinem Schutz; der Herr, der verheißen hat seinem Reich, dass auch die Pforten der Hölle es nicht überwältigen sollen.

„Der Herr ist um sein Volk her!“ Wer unter uns hätte das nicht auch schon im kleinen erfahren in seinem eigenen Leben? Irgendeine schwere Gefahr zog drohend wie ein finsteres Gewitter gegen uns heran; wir konnten ihr nicht wehren, wir konnten keinen Damm dagegen aufbauen, wir konnten nichts als beten; wir beteten und siehe das Wetter verzog sich, als hätte es sich gebrochen an einem unsichtbaren Berg. Irgendeine gemeinsame Plage, Krankheit, Hagel, Krieg wütete rings um uns her wir konnten keine Mauer dagegen aufbauen, wir konnten nichts als beten, und siehe die Plage zog an unserem Land, an unserer Stadt, an unserem Haus gnädig vorüber, denn der Herr war unsere Mauer.

„Der Herr ist um sein Volk her von nun an bis in Ewigkeit.“ So glaub es denn auch, Volk Gottes, von nun an; so hoff auf ihn in Ewigkeit; so verzage nicht in Not und Gefahr, sondern sprich: Ein feste Burg ist unser Gott!

Unter seinem Schirmen bin ich vor den Stürmen
Aller Feinde frei;
Mag von Unwettern rings die Welt erzittern,
Jesus macht mich frei;
Wenn die Welt in Trümmer fällt,
Wenn mich Tod und Hölle schrecken,
Jesus wird mich decken.

Ja, wenn du zu seinem Volke gehörst. Er ist eine feste Mauer, seinen Freunden zum Schutz, aber auch:

2) Seinen Feinden zum Trutz.

V. 3: „Denn der Gottlosen Zepter wird nicht bleiben über dem Häuflein der Gerechten, auf dass die Gerechten ihre Hand nicht ausstrecken zur Ungerechtigkeit.“ Zeiten des Drucks und der Drangsal können freilich kommen fürs Volk Gottes, wo das Böse triumphiert, wo den Guten nichts übrig bleibt als schweigen, dulden und hoffen, weil sie das Häuflein sind und jene das Heer, weil sie die Unterdrückten sind und jene die Herren, weil sie die Schafe sind und jene die Wölfe. Aber in solchen Prüfungszeiten tröste dich, Volk des Herrn: „Der Gottlosen Zepter wird nicht bleiben über dem Häuflein der Gerechten“; ihre Zeit wird vorübergehen; es wird auch wieder eine Erlösung kommen, wo der Herr ihr Zepter zerbricht, ja wo er sie selber zerbricht und ins Feuer wirft wie einen aufgebrauchten Besen. So ist's einem Pharao gegangen und einem Sanherib, einem Antiochus und einem Nero und manchem gewaltigen Zepterträger bis auf unsere Tage. Der Herr ist um sein Volk her die Mauer, darum kann das gottlose Wesen nicht lange darin hausen und herrschen; früher oder später wird's ausgespien und über die Mauer geworfen.

„Auf dass die Gerechten ihre Hand nicht ausstrecken zur Ungerechtigkeit.“ Es kann soweit kommen in solchen betrübten Zeiten, wo die Ungerechtigkeit überhandnimmt und die Gottlosen triumphieren, dass endlich selbst die Guten in Versuchung geraten, sich von ihnen einschüchtern, sich von ihnen herumbringen zu lassen, und aus Angst oder Verblendung gemeinsame Sache mit ihnen zu machen. So ging's einst in Israel, wie die Propheten so oft klagen; so ist's auch bei uns manchmal gegangen noch in den Revolutionsstürmen der vorigen Jahre. Aber so soll's nicht sein. Da sag dir nur immer selber wieder zum Trost: Ihr Zepter wird nicht bleiben, darum will ich mich ihm auch nicht beugen. Da bitte den Herrn:

V. 4: „Herr, tue wohl den guten und frommen Herzen;“ hilf deinem Volk und segne dein Erbe. Da lass dir's zur Warnung gesagt sein:

V. 5: „Die aber abweichen auf ihre krummen Wege, wird der Herr wegtreiben mit den Übeltätern.“ Wohlgemerkt: mit den Übeltätern werden auch die Abtrünnigen, mit den Verführern werden auch die Verführten, mit den Boshaften werden auch die Schwachen am Ende weggetrieben und ausgestoßen aus der Stadt Gottes und gehen ihres Heiles verlustig hier und dort. Aber Friede über Israel!“ Ja, über dem wahren Israel, über seinem gläubigen und getreuen Volk, da bleibt der Friede Gottes, denn der Herr ist ihm Schirm und Schild, Mauer und Burg. Friede über Israel! Ja, diesen Frieden, den Frieden deines Reichs, den Frieden, den die Welt nicht gibt, den wollest du, o Herr, auch uns je mehr und mehr schenken, damit wir's erfahren und rühmen:

Selig, ja selig ist der zu nennen,
Des Hilfe der Gott Jakobs ist,
Welcher vom Glauben sich nicht lässt trennen
Und hofft getrost auf Jesum Christ!
Wer diesen Herrn zum Beistand hat,
Findet am besten Rat und Tat.
Halleluja, Halleluja!

Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/g/gerok_k/gerok_predigten_zum_psalter/psalter_gerok_125.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain