Ebrard, Johann Heinrich August - Der Zustand des Christen nach dem Tode - Erste Predigt.
Die zwei Stellen der Heiligen Schrift, welche wir heute unserer Erbauung zu Grunde legen wollen, finden sich aufgezeichnet
Ev. Matthäi 22, 30: In der Auferstehung werden sie weder freien noch sich freien lassen, sondern sie sind gleichwie die Engel Gottes im Himmel.
und: Brief Pauli an Philemon, V. 15. Vielleicht aber ist er darum eine Zeit lang von dir gekommen, dass du ihn auf ewig wieder hättest.
Geliebte im Herrn! Das Fest der Auferstehung Jesu Christi hat uns geführt zu unserer einstigen Auferstehung, unserem künftigen Leben in Herrlichkeit. Wir haben damit einen Gegenstand berührt, der wohl manches Christenherz schon beschäftigt hat. Aber nicht bloß das künftige Leben in der Auferstehung sondern auch der Zustand der Seele unmittelbar nach dem Tode ist ein Geheimnis, in das wir gerne eindringen möchten; es gibt da so manche Fragen, die uns bewegen: werden wir dort einander wiederfinden? einander kennen? werden wir von den Unsern, die wir auf Erden zurücklassen, etwas wissen und von ihrem Ergehen etwas erfahren? Es kommen uns auch wohl Skrupel; wenn wir hören, dass wir ruhen sollen, dass dort keine Mühe, keine Sorge mehr sein wird: wird uns in solcher Ruhe wohl sein? Das Schauen Gottes, der Lobpreis Gottes ist ja etwas herrliches; aber dass dies die Ewigkeit ausfüllen soll, davon können wir uns keine rechte Vorstellung machen; es dünkt uns etwa, wie wenn wir einer gottesdienstlichen Versammlung beiwohnen sollten, die gar kein Ende nähme; „wer könnte das aushalten?“ denkt da wohl mancher.
Nun, Geliebte! Solche Fragen müssen im allgemeinen abgewiesen werden als Fragen einer unberechtigten Neugierde, als Fragen des Vorwitzes, - vorwitzig namentlich dann, wenn sie die Gestalt annehmen, dass wir Gotte vorschreiben wollten, was er uns gewähren müsse, wenn wir uns zufrieden und selig fühlen sollten. Würde Einer sagen: „Wenn ich die Meinigen nicht wiederfände, wenn ich von den Schicksalen meiner Hinterbliebenen nicht erführe, würde ich mich nicht selig fühlen,“ oder: „wenn ich nicht die rastlose Tätigkeit fortsetzen könnte, deren ich auf Erden gewohnt bin, so würde mir es im Himmel langweilig sein“ so wäre das sündlicher Vorwitz. Uns muss es genug sein, dass die Herrlichkeit, die uns verheißen ist, eine über alle Maßen große, über alles Verstehen große genannt wird; wir müssen das volle kindliche Vertrauen haben, dass Gott alles, was wirklich zu unserer Beseligung nötig ist, uns gewähren wird, und dass dasjenige, was uns im jenseitigen seligen Leben versagt bleibt, uns nicht beseligen sondern unsre Seligkeit nur trüben würde.
Nichtsdestoweniger sind jene Fragen nicht schlechterdings ohne alle Berechtigung. Berechtigt sind sie, nicht darum, weil in uns eine Neugierde wohnt, sie beantwortet zu sehen, sondern darum, weil die h. Schrift über einige der wesentlichsten Punkte allerdings Aufschlüsse gibt. Die Summe dieser Aufschlüsse lässt sich zusammenfassen in den Sah: das Leben nach dem Tode wird ganz, ganz anders sein, als das Erdenleben, aber was im Erdenleben wahrhaft köstlich und von innerem ewigem Werte war, das wird sich dort, wenn auch unter ganz anderen Formen, wiederfinden. Diesen Aufschlüssen nachzugehen, ist keine müßige Spielerei, keine Sache des Vorwitzes, sondern heilsam und wichtig für unseren Christenwandel auf Erden, dass wir erkennen, was im Erdenleben ewigen Wert und himmlischen Gehalt hat, und darauf unser Trachten und Streben richten, und nicht in Verblendung unser Herz an das hängen, was vergänglich ist und mit dem sterblichen Leibe in Staub zerfallen wird.
In diesem Sinne lasst uns denn heute, und, so der Herr will, an den nächstfolgenden Sonntagen, die Andeutungen und Aufschlüsse betrachten, welche die Heiligen Schrift uns über den Zustand nach dem Tode gibt. - Im künftigen Leben wird das eheliche Verhältnis und die Fortpflanzung des Geschlechtes aufhören, aber die persönlichen Beziehungen derer, die auf Erden einander in Christo nahe gestanden waren, werden fortdauern das ist der erste Ausschluss, wie wir ihn unserem heutigen Doppeltext entnehmen.
I.
Das eheliche Verhältnis, überhaupt der Unterschied der Geschlechter, wie er hienieden zur Fortpflanzung der Menschen geordnet ist, wird aufhören, das erklärt der Herr klar und bündig in der ersten Schriftstelle. Dass die vom Leibe getrennte Seele zwischen Tod und Auferstehung dem geschlechtlichen Verhältnisse entnommen ist, versteht sich von selbst; dass aber auch bei der Auferstehung der Unterschied der Geschlechter nicht wieder hergestellt werden wird, sagt der Herr. „In der Auferstehung werden sie weder freien noch sich freien lassen, sondern sind gleichwie die Engel Gottes im Himmel.“ - Bekanntlich war es ein Haufen Sadduzäer, dem der Herr diese Antwort gab. Die Sadduzäer, die an keine Auferstehung glaubten, wollten die Lehre von der Auferstehung lächerlich machen, indem sie Christo den Fall vorlegten, dass ein Weib nacheinander mit sieben Brüdern verheiratet gewesen, und zwar mit allen in kinderloser Ehe, und nun die törichte Frage taten: welchem dieser Männer die Frau in der Auferstehung als Eheweib angehören werde. Sie setzten also voraus, dass auch unter den Auferstandenen Ehe und ehelicher Umgang noch fortbestehen werde. Ihnen antwortet der Herr, dass sie weder die Schrift verstünden, die eine Auferstehung in verwandelten geistlichem Leibe weissage, noch die Kraft Gottes begriffen, weil sie Gott nicht die Macht zutrauten, eine neue Welt nach höheren Gesetzen zu schaffen, sondern meinten, wenn Gott die Toten auferwecke, sei er an die Naturgesetze dieser materiellen sichtbaren Welt gebunden, die doch nicht für vollendete sondern für sündige Menschenkinder zur Vorbereitungs- und Prüfungsstätte geordnet ist.
„In der Auferstehung werden sie weder freien noch sich freien lassen, sondern sind gleichwie die Engel Gottes im Himmel.“ Bei den Engeln existiert nicht der Gegensatz zwischen einer unsterblichen Seele und einem sterblichen materiellen Leibe. Ihr Leib ist ein geistlicher Leib, wie der Leib Christi seit seiner Auferstehung ist, wo der Stoff ganz beherrscht und durchdrungen ist von der Kraft des inwohnenden Geistes, eine Erscheinung und ein Organ dieses Geistes, nicht mehr eine Fessel und ein Gefängnis für ihn, nicht mehr der äußeren umgebenden Natur und ihren Einflüssen unterworfen, sondern über diese Natur herrschend, erscheinend wann und wo er will, sich versetzend wohin er will, verschwindend sobald er will.
Ein geistlicher Leib ist der Leib der Engel, und darum ein unsterblicher Leib. Das Sterben aber ist das Seitenstück vom Geborenwerden. Wo Geburt ist, da ist Heranwachsen, wo Heranwachsen, da ist Altern, wo Altern, da ist Sterben. Wo kein Sterben mehr stattfinden soll, da kann auch kein Geborenwerden mehr stattfinden.
Und darum existiert bei den Engeln auch nicht der Gegensatz der Geschlechter, sie sind von Anfang an nicht dazu bestimmt gewesen, Familien zu bilden und sich fortzupflanzen. Und so, wie die Engel von Anfang, so werden wir nach der Auferstehung sein: unsterblich und geschlechtlos. Dort werden keine Ehen mehr geschlossen, keine Kinder mehr geboren werden, keine neuen Generationen zu den vorhandenen hinzukommen.
Das ist denn nun wohl klar und leicht verständlich. Aber nun tut sich eine andere und schwierigere Frage auf: Werden denn die Familienbande, die hier auf Erden in Folge der hienieden bestehenden geschlechtlichen Beziehungen bestanden haben - werden die persönlichen Beziehungen zwischen Gatten und Gattin Eltern und Kindern, Bruder und Schwester - als persönlich sittliche Beziehungen im künftigen Leben nach dem Tode noch fortwirken und irgendeine Geltung haben? Oder werden diese persönlichen Beziehungen zu denen, die uns auf Erden nahestanden, durch den Tod erbarmungslos zerschnitten und für immer gelöst? - Eheweib ihres Gatten im irdischen Sinn wird die Frau dort nicht mehr sein, das haben wir vernommen; aber im Familienleben sind ja neben und mit den geschlechtlichen Verhältnissen auch die höheren geistigen Beziehungen inniger treuer Liebe zwischen den Gatten, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern und Verwandten gegeben. Wer den auch diese geistig-sittlichen Bande aufhören und sich auflösen in eine abstrakt-allgemeine Menschenliebe, so dass in jenem Leben die Gattin dem Gatten, der Sohn dem Vater, der Bruder dem Bruder nicht näher stünde, als alle anderen Menschen, die ihm hienieden fremd waren?
II.
Auf diese Frage gibt die Heilige Schrift uns Antwort in der zweiten Schriftstelle, die wir an die Spitze unserer Betrachtung gestellt haben. „Vielleicht ist er darum eine Zeit lang von dir gekommen, dass du ihn auf ewig wieder hättest, nun nicht mehr als einen Sklaven, sondern als einen lieben Bruder.“ An Philemon schreibt Paulus. Philemon, einem angesehenen und wohlhabenden Gliede der Christengemeinde in Kolossä, war ein heidnischer Sklave, Onesimus, entlaufen; dieser Onesimus war aber dann in Rom mit dem Apostel Paulus zusammengetroffen, von ihm zum Christentum bekehrt worden, und erkannte es, wie sich von selbst versteht, als seine Pflicht, zu seinem Herrn zurückzukehren. Da gab ihm Paulus den Brief an Philemon als Empfehlungsschreiben mit, dass dieser ihm das getane Unrecht der Flucht verzeihen und ihn freundlich als einen lieben Bruder in Christo, aufnehmen möge.
Es handelte sich hier nicht um das Verhältnis eines Vaters zu seinem Sohn, eines Gatten zur Gattin, eines Angehörigen im engeren Sinn, sondern nur um das Verhältnis eines Herrn zu seinem Sklaven. Und doch schreibt Paulus: „dass du ihn auf ewig wieder hättest.“ Auf eine kurze Spanne Zeit war jener Sklave, der nach damaligen Rechtsverhältnissen sein Eigentum war, ihm abhandengekommen, und nun, da er in ganz anderem, höherem Sinn ihm wertvoll geworden ist als ein zu Christo bekehrter, als ein Bruder in Christo, nun soll er ihn wieder haben nicht bloß für das irdische Leben als einen nunmehr treuen, gehorsamen Knecht, sondern auf ewig. Auf ewig soll er an Onesimus seine Freude haben; das persönliche Verhältnis, das zwischen beiden bestand, soll als persönliches zu Beider Freude in alle Ewigkeit fortdauern. Ewig, also nach dem Tode und noch nach der Auferstehung, wird Philemon zu Onesimus sagen: „Mein Onesimus! mein lieber Onesimus!“ und Onesimus zu Philemon sagen: „Mein Philemon! mein lieber Herr!“
Geliebte: Wenn dem Verhältnis zwischen einem christlichen Herrn und seinem zu Christo bekehrten Sklaven der Tod nichts anhaben kann: wieviel weniger dem persönlichen Verhältnis zwischen christlichen Gatten, Geschwistern, Eltern und Kindern? Wieviel gewisser ist, dass diese nach dem Tod, in der Ewigkeit einander kennen und finden und sich aneinander freuen werden! In dieser Gewissheit sprach der König David, als das ihm von Bathseba geborene Kind starb: „Mein Kind wird nicht wieder zu mir kommen, aber ich werde zu ihm kommen“1). In diesem Sinne heißt es im Hohenliede: „Liebe ist stark wie der Tod“2), ist dem Tode gewachsen, dass sie es mit ihm aufnehmen kann.
Das persönliche Verhältnis zwischen christlichen Familiengliedern, Angehörigen und Freunden wird im künftigen Leben fortbestehen. Diejenigen, die uns in Christo verbunden sind, werden wir „auf ewig haben“, sie wiederfinden, sie wiedererkennen und uns ihrer freuen. Wäre der entlaufene Sklave Onesimus Heide geblieben, so würde es ihm nicht eingefallen sein, freiwillig zu seinem Herrn zurückzukehren; Philemon würde ihn nicht einmal auf Erden wiedergehabt haben, geschweige auf ewig. Er wäre nur der Sklave, der entlaufene Sklave gewesen, und das Sklavenverhältnis setzt sich nicht in die Ewigkeit fort; nun aber war er mehr, als Sklave, war ein Bruder in Christo, und darauf beruht die Gewissheit, „dass Philemon ihn auf ewig wieder hat“, dass das persönliche Verhältnis zwischen beiden ewig fortdauert. So ist auch für uns die Grundbedingung, dass wir unsre Lieben wiedersehen und wiederhaben werden, die: dass sie schon hienieden uns in Christo verbunden seien, dass sie uns also mehr seien, als eben nur Gatten, Eltern, Kinder, Geschwister, Verwandte. Diese leibliche Verwandtschaft und irdische Angehörigkeit als solche und an sich betrachtet hat noch keine Verheißung der Fortdauer in Ewigkeit; sie muss geheiligt und erhoben werden zu einer höheren Art von Verwandtschaft, zu einer Geistes - oder besser: einer geistlichen Verwandtschaft, nämlich zu der Verwandtschaft im Heiligen Geist, die nicht auf der leiblichen Geburt sondern auf der Wiedergeburt beruht. Wenn Mann und Weib, Eltern und Kinder, Bruder und Schwester, Freund und Freund beide wiedergeboren sind aus Christi Geist zu Gottes Kindern, dann und nur dann haben sie die Hoffnung, die Gewissheit, die Gewähr, dass kein Tod sie trennen kann, dass sie einander auf ewig wiederhaben werden. Wenn unter Zweien, die einander auf Erden nahe angehören, der Eine dem Herrn Jesu angehört, der Andere aber den Weg des Verderbens wandelt, dann werden die Zwei einander nicht auf ewig wiederhaben, sondern es wird ergehen nach Christi Wort: „Zwei werden miteinander auf dem Felde sein; der Eine wird angenommen, der Andere wird dahinten gelassen werden; zwei werden miteinander die Mühle mahlen; die Eine wird angenommen, die Andere wird verworfen werden“3).
Hier drängt sich uns aber eine ernste Frage auf: Wird das die Seligkeit nicht trüben, wenn ein Christ einen seiner Angehörigen im Himmel nicht wieder findet, sondern ihn verloren weiß? Gewiss, Geliebte! ein tieferes Weh kann es schon auf Erden nicht geben, als wenn ein Vater eines seiner Kinder, ein Bruder eines seiner Geschwister den Weg des Verderbens wandeln sieht. Ein solch verlorener, gesunkener Mensch ist ja schon hier auf Erden nicht Gegenstand deines Wohlgefallens, wohl aber Gegenstand deiner rettenden Sünderliebe; du wirst auf alle Weise suchen, ihn zu bekehren, und wirst unablässig für ihn beten. Wenn aber all deine Mühe und Treue vergeblich bleibt, und er ins ewige Verderben rennt, so wird das deine Seligkeit nicht zu trüben vermögen. Wir sollen „Sohn und Tochter, Bruder und Schwester nicht lieber haben, als den Herrn“4); wir wollen nicht „unser“ nennen wen Christus nicht „sein“ nennt. Es gibt ja keine größere Liebe, als die rettende Sünderliebe Christi. So lange der seinem Verderben entgegen rennende Mensch noch Gegenstand der rettenden Sünderliebe Christi ist, soll und darf und wird er auch noch Gegenstand unserer rettenden Sünderliebe sein, auch nach unserem Tode noch; wenn aber Gott sein Urteil gesprochen hat, dann wird der Verlorene für uns nicht mehr vorhanden sein, dann wird Gott sorgen, dass kein Gedanke an ihn unsre Seligkeit trübt.
Anstatt mit solchen, Skrupeln uns zu quälen, auf die wir die Antwort noch nicht finden können, auf die uns die Ewigkeit selbst erst die Antwort geben wird, lasst hienieden das unsere Sorge sein, dass wir selbst Christum und sein Heil ergreifen, auf dass wir selbst der Seligkeit nicht verlustig gehen und dass unsere frommen Väter uns einmal im Himmel wiederfinden, - und dass wir unsre Kinder und Angehörigen auf den Weg zum Leben führen, und sie nicht bloß für diese Welt sondern für den Himmel erziehen, und sie nicht bloß anhalten, irdische Kenntnisse zu erwerben, sondern sie auch zum Lesen des Wortes Gottes, zum Gebet und zum Besuche des Gottesdienstes anhalten. Ja lasst das unsere Sorge sein, dass unsere Verhältnisse leiblicher Verwandtschaft und irdischer Angehörigkeit geheiligt werden zur höheren Verwandtschaft im Heiligen Geist, dass unsre Angehörigen nicht bloß uns sondern auch Christo angehören, dass unsre Liebe zu ihnen keine fleischliche, selbstische, darum auch keine ausschließende sei, sondern erhoben sei in die christliche Bruderliebe, die uns mit Allen, die den Herrn lieb haben, verbindet.
Es gibt eine Art von Liebe, die man auf Erden „Liebe“ nennt, die aber dieses Namens nicht wert, sondern in der Tat nur eine niedere selbstische Leidenschaft ist, - eine Liebe, da der Liebende mit der Geliebten Götzendienst treibt, sie zu einem Abgott seiner Seele macht, so dass er sie lieber hat als Gott, über sie Gottes vergisst, um ihretwillen Gottes heiligste Gebote übertritt, ja freventlich um ihres Besitzes oder Verlustes willen die eigene Seligkeit wegwirft eine Liebe, da der Freund mit dem Freunde, die Eltern mit den Kindern Götzendienst treiben, sie zum Gegenstand ihrer Eitelkeit machen, ihnen alle Sünden hingehen lassen, wie Eli seinen Söhnen. Das ist eine falsche Liebe; denn sie will nur genießen, nicht geben; sie hat nur die eigene Annehmlichkeit, nicht das wahre Wohl des Andern im Auge; es ist eine falsche Liebe, denn sie ist ausschließend und engherzig. Sein Weib, seine Brüder, seine Kinder hat ein Solcher im Auge; alle anderen Menschen sind ihm fremd, „gehen ihn nichts an.“ Wenn nur die Seinen auf Erden versorgt sind und vollauf haben - nach den darbenden Kindern der Armen fragt er nicht; wenn er nur seine Kinder (wie er meint) im Himmel wiederfindet die anderen, die armen Heidenkinder und die Kinder derer, die mitten in der Christenheit Heiden sind, mögen verderben! Ach, Geliebte, das ist nicht die Liebe, welcher das Tor des Himmels aufgetan wird. So lange du noch sagst: „die sind mein, das sind meine Eltern, meine Kinder, darum habe ich sie lieb,“ so lange hast du die wahre Liebe noch nicht; die hast du erst, wenn du gelernt hast sagen: „sie sind Christi, darum habe ich sie lieb mit eben der selbstsuchtlosen heiligen Liebe, mit der ich Alle, die Christi sind, als Brüder liebe.“
Die besondere Liebe zu den Angehörigen soll erhoben sein in die allgemeine christliche Bruderliebe. Das ist jedoch nicht so gemeint, als ob wir in der Ewigkeit gar kein besonderes Interesse mehr für die, welche uns auf Erden angehört haben, fühlen würden, oder als ob wir auf Erden kein besonderes Interesse für die, die Gott uns zu Familiengliedern gegeben, haben dürften, als ob es in der Schar der Seligen keine Namen mehr geben würde, sondern nur Nummern, also dass alle die Tausende und Millionen von Seligen einander unterschiedslos gleichnahe stünden. Nein, meine Brüder, das Volk Gottes ist ein organisch gegliedertes und wird in Ewigkeit ein organisch gegliedertes sein, wie ein Baum, der in Äste, und dessen Äste wieder in Zweige gegliedert sind, so dass nicht alle Zweige sich gleichnahe und unmittelbar nahe stehen. „Reicht dar in der Gottseligkeit brüderliche Liebe, und in der brüderlichen Liebe allgemeine Liebe“5). Ist's doch schon auf Erden der Blick auf die eigenen Kinder und ihre Bedürfnisse, der den Christen antreibt, fremder armer Kinder sich anzunehmen. Ist die Liebe zu den Unsern eine echte christliche, so wächst sie von selbst hinaus über die Unseren und wird weitherzig, wird allgemeine Liebe. So wird auch in der Ewigkeit die besondere Liebe zu den Unsern nicht aufhören, nicht in einen farblosen Brei allgemeiner Liebe aufgelöst werden, aber indem diese unsere Liebe zu dem Unsern in ihre Wurzel: Christum, zurückgeht, wird an ihr und in ihr die weitherzige Liebe zu Allen, die den Herrn lieb haben, sich entzünden. Sorgen wir also, dass wir den Herrn haben und festhalten als unseren Heiland, dass die Unsern ihn haben und festhalten als ihren Heiland, dass die Unsern nicht bloß unsre irdischen Angehörigen sondern unsre Brüder in Christo seien. Sind sie unsre Brüder in Christo, dann werden wir sie auf ewig haben. Amen.