Disselhoff, Julius - Die Geschichte König Davids, des Mannes nach dem Herzen Gottes - Zwölfte Predigt. Wie Gott der Vermessenheit seiner Begnadigten begegnet.
2 Sam. 24. vergl. 1 Chr. 22.
Es ist zwar schwer, demütig werden, aber viel schwerer doch, demütig bleiben, darum auch St. Petrus sagt: „Haltet fest an der Demut!“ (1 Petr. 5, 5.) Als David zermalmt vor dem Herrn lag und den 51. Psalm betete, als er barfuß und mit verhülltem Antlitz, unbedingt unter den Willen seines Gottes sich beugend, über den Jordan floh, und die Steinwürfe des fluchenden Simei schweigend duldete, da schien er zur vollen Demut hindurchgedrungen und jede Faser des Hochmuts aus seinem Herzen ausgereutet. Aber wie der von Pflugschar und Egge oft und tief durchfurchte und gereinigte Acker, auch wenn er an der Oberfläche keine Spur von Unkraut mehr zeigt, doch in seinem Schoße verborgen stets neu aufschießenden Samen desselben trägt, so birgt auch das von wahrhaftiger Buße zerrissene und gereinigte Herz immerdar in seinen Tiefen die Keime der Hoffart, die stark und schnell sich entwickeln. Derselbe David, welcher nach seiner Begnadigung und nach der Vollendung vieler und großer Taten bekannt hatte: „Wenn du mich demütigst, machst du mich groß!“ (2 Sam. 22, 36.) derselbe wurde bald darauf von kaum begreiflicher Selbstüberhebung aufgebläht. Aber der treue, wachsame Gärtner lässt das stolze Unkraut in dem Acker, der ihm gehört, nicht ungestört wachsen und wuchern. Der heutige Abschnitt offenbart uns:
Wie Gott der Vermessenheit seiner Begnadigten begegnet.
I. Er kommt über sie mit der Schärfe des Schwertes.
II. Sein Schwert soll nicht töten, sondern die Ketten der Hoffart lösen.
III. Wo das Schwert des Herrn sein Werk ausgerichtet hat, da baut er seinen Friedenstempel.
I.
Die Feinde Davids waren niedergeschmettert und mussten Staub lecken. Ein weites, blühendes, mit Gerechtigkeit und Milde regiertes Reich lag zu seinen Füßen. In dem gewaltigen Lobgesang, (2 Sam. 22.) mit dem er auf seine Wege und Taten zurückschaute, hatte er Gott dem Herrn alle Ehre gegeben und alle seine Freude, Hoffnung und Zuversicht nicht auf das gesetzt, was er errungen hatte, sondern allein auf die Güte und Gnade des Allerhöchsten. „Du hilfst dem elenden Volk und mit deinen Augen erniedrigst du die Hohen!“ (V. 28.) Er hatte das innerste Verlangen seines Herzens ausgesprochen, fort und fort alle Rechte Gottes vor Augen zu haben, seine Gebote nicht hinter sich zu werfen und vor Sünden sich zu hüten. (V. 22 ff.) Selbst wenn er sagt: „Der Herr tut wohl an mir nach meiner Gerechtigkeit, er vergilt mir nach der Reinigkeit meiner Hände,“ (V. 21.) so sind diese Worte, fern von aller Hoffart und allem Eigenruhm in demütiger, lauter Preis der Heiligkeit und Wahrheit Gottes, der seinem Knechte den ränkevollen, schuldbeladenen Feinden gegenüber zu Recht verhalf. Aber auch auf solchen Höhepunkten des Lebens in Gott bleibt der Begnadigte das Kind Adams. Aus dem Jubel: „nach meiner Gerechtigkeit!“ kann leicht der Ruhm werden: „ob meiner Gerechtigkeit!“ David sollte auch nach jenem Lobgesange sich nicht für entronnen dem Strick des Voglers halten, er sollte nicht wähnen, dass der lebendige, wahre Wunsch: „Ich bin ohne Wandel vor ihm!“ schon Wirklichkeit wäre. Er sollte sich nicht täuschen über sein begnadigtes und geheiligtes Herz. Darum versuchte Gott David, wie auch seine Väter, auf dass kund würde, was in seinem Herzen wäre. (5 Mos. 8, 2.) Er musste, - das war Gottes Gnadenwille - mit Zittern erfahren, dass er dem Satan noch immer eine Seite böte, von der er zu fassen und zu fangen war, dass er noch immer Funken des Hochmuts in sich barg, die des Satans Einflüsterungen zur Flamme anfachen konnten1). Die Zählung des Volkes machte das offenbar. Aber, fragt ihr, worin liegt denn der Frevel Davids bei dieser Tat? Ist's Sünde, dass ein König seine Untertanen und ein Hirte seine Herde kennen will?
So hat vielleicht David auch bei sich gesprochen, oder sich's vom Satan vorreden lassen, um sein Gewissen zu betrügen. Was war's denn für Sünde, dass Joseph seinen Brüdern die Träume erzählte, die Gott ihm gegeben hatte? Ist es nicht dies, dass er mit heimlichem Stolz ob der unverdienten, freien Gnade Gottes und der ihm gewordenen Verheißungen in Selbstgefälligkeit sich erhob und seine Brüder fühlen lassen wollte, dass er etwas wäre, wiewohl er doch nichts war. Eine ähnliche Sünde liegt im Befehl Davids zur Zählung des Volkes versteckt. Jene Gesinnung begann in ihm aufzukeimen, die ausgereift ist in den stolzen Worten Nebukadnezars: „Das ist die große Babel, die ich erbaut habe zum königlichen Hause, durch meine große Macht, zu Ehren meiner Herrlichkeit!“ (Dan. 4, 27.) Die Demut will nicht wissen, was sie ist und besitzt und getan hat. Sobald das Menschenherz die Früchte zählen will, die es gebracht hat, seine Siegeszeichen und seine Beute, die Zeugen seines Glaubens und seines Eifers vor sich aufschichtet und mit Wohlgefallen betrachtet, ist die Demut entflohen, die Hoffart eingekehrt. Aus der Hoffart wird sofort selbstgefälliges Rühmen, der Wahn etwas zu sein und zu vermögen, die pharisäische Habsucht, die, was Gott zukommt, stiehlt und damit die eigene Brust schmückt. Dann ist auch bald der andere Schritt getan, dass der Mensch nicht mehr auf den unsichtbaren, gnädigen Gott vertraut, sondern Fleisch für seinen Arm hält, und mit seinem Herzen vom Herrn weicht, dass er schauen und rechnen will, und nicht mehr vom Glauben leben. Das Alles war Davids Sünde. Ob nun unbewusst, oder schon bewusst, und wie weit bewusst, das wissen wir nicht; Gott sah es. Aber gar bald sollte es auch vor Menschen offenbar werden, wie rasch die Selbstüberhebung und Vermessenheit selbst der Begnadigten wachsen und das Herz betören und verstricken kann. - Joab, der rohe und raue Joab, trat nach Gottes Fügung vor David und sprach: „Der Herr, dein Gott, tue zu diesem Volk, wie es jetzt ist, noch hundertmal so viel, dass mein Herr, der König, seiner Augen Lust daran sehe; aber was hat mein Herr König zu dieser Sache Lust?“ So macht's der Herr oft. Er sendet seinen Knechten Weltkinder entgegen und lässt durch sie die Seinen warnen, ihnen die Wahrheit zeigen, sie beschämt machen und strafen. Aber das verachten sie meist zu ihrem Schaden, wie auch David. Denn „des Königs Wort ging vor wider Joab und die Hauptleute des Heeres.“ Die Zählung geschah im ganzen Umfange des Reiches und dauerte neun Monate und zwanzig Tage. Und Joab kam wieder und „gab dem König die Summe des Volks, das gezählt war. Und es waren in Israel achthundert mal tausend starke Männer, die das Schwert auszogen, und in Juda fünfhundert mal tausend Mann!“ Siehe, David, so groß und herrlich und gewaltig ist deine Macht! Nun zähle auch noch die festen Städte deines Landes und ihre Türme. Zähle die Tausende der unterworfenen Feinde, und freue dich deiner Größe und deines Ruhmes, den dein Arm dir erstritten hat, des Glückes und der Ruhe deines Volks, das du ihm erworben hast! Sei sicher in deiner Macht! Was können dir jetzt die Feinde tun! Ob Satan solche Worte David zugeflüstert hat? Es wird uns nicht erzählt. Wohl aber sehen wir, wie sehr David seit seiner Begnadigung nach dem schweren, tiefen Falle innerlich gereift ist. Als er damals den Gegenstand seiner Lust erlangt hatte, wurde sein Gewissen für lange Zeit eingeschläfert. Jetzt ist es ganz anders. Als ihm seine große Macht gemeldet wurde, da fiel, was seine Freude sein sollte, wie eine schwere Last auf sein Herz. „Das Herz schlug David, nachdem das Volk gezählt war. Und David sprach zum Herrn: Ich habe schwerlich gesündigt, dass ich das getan habe; und nun, Herr, nimm weg die Missetat deines Knechts, denn ich habe sehr töricht getan!“ Er hatte dem Satan Raum gegeben. Er war trotz treuer und eifriger Warnung in Hoffart gefallen. Aber ehe Gott mit der Strafe kam, ehe er ihm von außen her seine Sünde anzeigte, regte sich Davids eigenes Gewissen stark und lebendig und ließ ihm keine Ruhe, bis er sein schuldbeladenes Herz in lauterem und ernstem Bekenntnis ausgeschüttet und um Vergebung seiner Missetat gefleht hatte. Die ganze Nacht blieb er im Gebete. Was mag das für eine Nacht gewesen sein! Eine von denen wohl, wovon er sagt: „Ich bin so müde von Seufzen; ich schwemme mein Bette die ganze Nacht, und netze mit meinen Tränen mein Lager!“ (Ps. 6, 7.) Wie mussten seine eigenen Worte ihm ins Ohr gellen, die er kurz vorher gebetet hatte: „Bei den Reinen bist du rein und bei den Verkehrten bist du verkehrt. Denn du hilfst dem elenden Volk und mit deinen Augen erniedrigst du die Hohen!“ (Kap. 22, 27. 28.) Wie musste die schreckliche Majestät des Herrn sich, gegen ihn selbst wenden, die er ehemals gegen seine Feinde hatte kämpfen sehen, so dass er ausrief: „Er fuhr auf dem Cherub und flog daher, von dem Glanz vor Ihm brannte es mit Blitzen!“ (V. 11. 13.) Wie musste er in nichts zusammen sinken, wenn er an sein Wort dachte: „Ich halte die Wege des Herrn und bin nicht gottlos wider meinen Gott!“ (V. 22.) Und wenn er an Joab dachte und dessen Warnung, des von Gott nicht Erleuchteten, die er, der Hochbegnadigte, verachtet hatte, wie musste das Feuer der Scham in seinem Innern brennen! So ging die Nacht dahin. „Und da David des Morgens aufstand, kam des Herrn Wort zu Gad, dem Propheten, Davids Seher, und sprach: „Gehe hin und rede mit David: So spricht der Herr: -“ Was, meint ihr, wird der gnädige Gott nach solcher Nacht seinem bußfertigen Knechte zu sagen haben? Das Wort doch: „Gehe hin mit Frieden, deine Sünden sind dir vergeben!“ Gottes Gedanken sind andere. Strafe musste er ihm bringen, dreierlei schwere Strafe: Hunger, Pestilenz, Aufruhr! Die einzige Gnade schien die, dass er von den drei Stücken eins wählen konnte. Wunderbare Weisheit Gottes! Nach dem Ehebruch und Totschlag, nach langer Verstocktheit, ausgerüttelt erst vom Herrn selbst, ruft David: „Ich habe gesündigt!“ und sofort wird ihm die frohe Botschaft: So hat der Herr auch deine Sünde von dir genommen!“ Hier haben wir keinen so tiefen Fall, keinen schmutzigen Frevel, hier wacht von selbst das Gewissen auf, hier liegt der Sünder eine Nacht im Bekenntnis und Flehen und am Morgen sendet ihm Gott Strafe, und dazu keinen Laut von Gnade und Vergebung! Wir merkens mit Zittern: Dem tief und lange verlorenen Kinde läuft der Vater mit offenen Armen entgegen und drückt es an sein Herz. Doch wenn der Begnadigte, der die Kräfte der Versöhnung geschmeckt hat, sich verliert, wenn er aus der Güte Gottes einen Gegenstand des Stolzes und der Vermessenheit macht: dann kommt der Herr über den Reuigen mit der Schärfe des Schwerts.
Es gibt Fälle, da sagt der Vater zu seinem Kinde, das gesündigt hat: „Du hast bekannt; es ist dir Alles vergeben!“ Aber es gibt andere Fälle, da sagt derselbe Vater zu seinem reumütig bittenden Kinde: „Mein Kind, das Vaterherz regt sich in mir; aber ich kann nicht anders: ich muss dich strafen.“ Er muss strafen, der ewige Gott, wenn er sieht, dass das Alte zu zähe ist im neuen Menschen, zu tief noch verwachsen mit ihm, und dass es nicht anders mag gebrochen werden, als mit dem Schwert. Vor allem andern aber muss er dann mit dem Schwert kommen, wenn seine Gnade und seine Gaben zur Ursache der Selbstüberhebung gemacht werden, wenn Pharisäismus irgendwelcher Art aus ihnen Nahrung saugen will. Denn unter allen Gräueln ist dieser der größten einer vor Gott. Und doch ist es so selten, dass die, welche so laut bekennen, dass Alles, was sie sind und haben, ganz unverdiente Gnade ist, in allen Verhältnissen ungeheuchelte Demut beweisen. Sie erheben sich leicht und oft über die, welche von der Gnade nicht ergriffen sind. Sie bespiegeln sich gern und wohlgefällig in dem, was sie getan haben. Statt zu vergessen, was dahinten ist, und die linke Hand nicht wissen zu lassen, was die rechte tut, behalten sie die eigenen Werke fester im Gedächtnis, als das, was der Herr ihnen getan hat. Wir dürfen uns nicht über diesen Punkt täuschen. Die Hoffart kann für eine Reizung ganz tot sein, während sie plötzlich von einer andern überwunden wird. Ein warnendes Exempel ist Gideon. Mit lauterer Demut hatte er dem Engel geantwortet: „Ich bin der kleinste in meines Vaters Hause!“ Er blieb auch von Herzen demütig als der Herr durch seine Hand das große Heil in Israel gegeben hatte. - Denn Etliche von Israel sprachen zu ihm: „Sei Herr über uns, du und dein Sohn und deines Sohnes Sohn, weil du uns von der Midianiter Hand erlöst hast Aber Gideon sprach zu ihnen: Ich will nicht Herr sein über euch, und mein Sohn soll auch nicht Herr über euch sein, sondern der Herr soll Herr über euch sein!“ Aber in derselben Stunde, wo er in diesem Punkte für Überhebung ganz abgestorben zu sein schien, brach Hoffart und Vermessenheit an einem andern Punkt hervor. Er ließ sich das erbeutete Gold geben und machte daraus einen hohepriesterlichen Schmuck für sich. Er blieb in seiner kleinen Stadt Ophra, in seinem alten ärmlichen Hause. Aber von hier aus wollte er durch Anmaßung priesterlichen Rechtes geistliches Ansehen und geistliche Macht im Volk ausüben. (Richt. 8, 22. ff.) Wollt ihr ein anderes Beispiel, so denkt an Moses. Er schien der Eitelkeit und dem Stolze so abgestorben, dass er den Königspalast verließ, dass er nicht mehr wollte ein Sohn der Tochter Pharaos heißen, sondern erwählte viel lieber mit dem Volke Gottes Ungemach zu leiden, und hielt die Schmach Christi für größeren Reichtum, als die Schätze Ägyptens. (Hebr. 11, 24-26.) Und in demselben Augenblick, als er in Demut alle Herrlichkeit verließ, regte sich dennoch vordrängende Vermessenheit, geistlicher Hochmut. Denn ehe noch Gott ihn berufen hatte, „meint er, seine Brüder sollten es vernehmen, dass Gott durch seine Hand ihnen Heil gäbe!“ Über Gideon wie Moses schlugen die schweren Folgen ihrer Überhebung zusammen, wie Meereswellen. Darum fürchte dich! Hättest du wirkliche Proben von Demut und Selbstüberwindung gegeben und gefährliche Versuchungen zum Hochmut siegreich zurückgewiesen, die Hoffart, die Lust zur vermessenen Selbstüberhebung ist nicht tot. Sie weiß auch die, welche von Gnade leben, ist immer anderer Gestalt zu blenden und zu verstricken, und zwar in solcher Weise, dass Weltleute zu Zeiten anspruchsloser, bescheidener, demütiger sich zeigen, als sie. Schlägt ihnen, wenn sie wahrhaftige Kinder der Gnade sind, hernach auch das Herz, schämen sie sich vor Gott und vor Menschen, liegen sie vor ihrem Herrn in lauterem Bekenntnis und brünstigem Flehen: die Schärfe des Schwerts kann ihnen von dem ewig Treuen doch nicht erspart werden; seine Gnade muss sich hart gegen sie halten, und wie ein zürnender Feind über sie kommen. Das ist die Weise Gottes, dass er die Fehltritte der Seinen, die menschlicher Verstand oft die kleinen nennen möchte, mit der ganzen Fülle seiner heiligen Majestät heimsucht, während größere Frevel der von ihm Entfremdeten oder der Anfänger im Glauben mit großem Verschonen getragen werden. Das sollen sich die merken, welche im Glauben stehen und in der Liebe, damit sie nicht wankend werden, wenn der Herr auf ihr Bekenntnis und Gebet mit der Rute oder gar dem Schwerte antwortet. Es muss so sein. „Das Gericht, sagt Petrus, muss anfangen am Hause Gottes!“ (1 Pet. 4, 17.) „Siehe, in der Stadt, die nach meinem Namen genannt ist, fange ich an zu plagen!“ spricht der Herr. (Jer. 25, 29.) Und als die Herrlichkeit des Gottes Israels, wie der Prophet Hesekiel sah, die sechs Männer mit schädlichen Waffen durch seine geliebte Stadt sandte, die Unreinen zu schlagen, da rief er: Fangt an an meinem Heiligtum! (Hes. 9, 6.)
II.
Und doch, wer den Geist der Kindschaft empfangen hat, zittert nicht, wenn Gott mit dem Schwerte kommt. Er weiß, auch das ist Gnade. Das Schwert soll nicht töten, sondern die verborgenen, aber noch starken Ketten lösen, womit der inwendige Mensch gebunden ist. In diesem Glauben sprach David mit zerknirschtem zwar, aber nicht mit scheuem, noch verzweifeltem Herzen, als Gad ihm die dreifache Strafe vorgelegt hatte: „Es ist mir fast angst; aber lass uns in die Hand des Herrn fallen, denn seine Barmherzigkeit ist groß; ich will nicht in der Menschen Hände fallen!“ Beachtet diese Antwort! David wurde zu Teil, was das unverständige Menschenherz so oft und gern sich wünscht, die freie Wahl unter verschiedenen Plagen. Welchen Gebrauch macht er von dieser Freiheit, die sonst, so viel ich mich erinnere, niemals vor ihm und nach ihm Jemanden von Gott gegeben ist? Er gibt sie in demütigem, kindlichem Glauben sofort seinem Herrn zurück. Er ist nicht so vermessen, dass er wähnen sollte, zu wissen, welche Strafe ihm und seinem Volke am meisten fromme. Nur das Eine wählt er, dass er nicht in Menschen, sondern in Gottes Hände fallen möge. Er sieht die Vaterhand zur Strafe furchtbar sich erheben, sieht aus dem Vaterauge das verzehrende Feuer der heiligen Liebe hervorflammen, dass ihm Herz und Nieren beben, und er flüchtet sich in die Arme dieses Vaters, unter die Augen dieses Gottes! Das, meine Mitarbeiter, das ist nach dem Herzen des Herrn! Es steht zwar geschrieben: „Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes fallen.“ Aber für seine reuigen Kinder ist's, Trost und Arznei. Denn was die Hand auch mit ihnen vorhat, es ist immer die Vaterhand, die nur Vaterwerke tun kann. Darum rief auch Calvin in schweren Nöten: „Schlag nur zu, Herr, schlag zu; es ist mir genug, das deine Hand es ist, die mich schlägt!“
Das Schwert löst die Ketten, sagte ich. Ihr saht den König Israels, als er sein Volk zählen ließ, gebunden. Die Androhung der Strafe schon begann ihn zu befreien. Er eilte frei wieder in Gottes Arme, und vertraute ihm allein und seiner Erbarmung. Er vermaß sich nicht mehr, in eigener Klugheit zu wählen, was ihm gut wäre. Die Strafe selbst brach herein. Des Volks starb von Dan an bis gen Ber-Seba siebenzig tausend Mann. Der König sah das Volk, ob dessen Macht und Größe er sich so stolz gebläht hatte, dahinwelken wie das Gras. „Da sandte Gott den Engel gen Jerusalem, sie zu verderben. Und im Verderben sah der Herr darein, und reute ihn das Übel und sprach zum Engel, dem Verderber: Es ist genug, lass deine Hand ab! Und David hob seine Augen auf und sah den Engel des Herrn stehen zwischen Himmel und Erde, und ein bloß Schwert ausgereckt in seiner Hand über Jerusalem. Da fielen David, der den Engel sah, der das Volk schlug, und die Ältesten, mit Säcken bedeckt auf ihr Antlitz, und David sprach zum Herrn: „Siehe, ich habe gesündigt! Ich habe die Missetat getan! Was haben diese Schafe getan? Lass deine Hand wider mich und meines Vaters Haus sein!“ (1 Chr. 22, 15 ff. und 2 Sam. 24, 17.) Als die Engel Gottes den König, der so hoch sich erhoben hatte, jetzt mit verhülltem Antlitz tief im Staube liegen sahen, als sie jenes gewaltige Bekenntnis, jene glühende Bitte aus seinem zermalmten Herzen dringen hörten, werden sie nicht mit lauten Freunden ein Triumphlied gesungen haben: „Sein Strick ist zerrissen. und er ist frei!“ Gewiss, meine Miterlösten, jenes Gebet beweist, dass seine Seele den Netzen des geistlichen Hochmuts und des drohenden Pharisäismus entronnen war, wie ein Vogel dem Strick des Voglers. Er konnte nun sagen: „Herr, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz, und wandle nicht in großen Dingen, die mir zu hoch sind.“ (Ps. 131, 1.) Und wer hat dieses Wunder bewirkt? Das Schwert des Herrn das bloße, hauende Schwert!
Auch Abraham, der Freund Gottes, war noch gebunden. Er hatte einen einzigen Sohn, den er lieb hatte. Auf ihm beruhte, so hatte Gott selbst gesagt, das Heil der zukünftigen Tage. Es war Gefahr da, dass Abrahams Herz an dieses Knaben Herz zu fest sich hängte, und seine Augen mit aufkeimendem geistlichen Stolze auf das gesegnete Haupt hinschauten. Da trat Gott dazwischen und gab Abraham selbst das Schwert in die Hand, die Bande zu lösen. Abraham wurde frei. Der auch seines eigenen Sohnes um Gottes willen nicht verschonte, wovon sollte er gebunden werden?
Und auch wir, gebunden vom Dienst der Eitelkeit und des vergänglichen Wesens, sehnen uns bei uns selbst nach der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Er selbst aber, der Herr, behüte uns, dass diese Sehnsucht nicht in träges und träumerisches Wünschen ausarte, sondern zu jener lebendigen, wirkenden Kraft werde, die Alles trägt und Alles duldet, bis das Ziel erreicht ist. Solche Sehnsucht nach der Vollendung unserer Erlösung weiß, dass ohne die Schärfe des Schwerts die Bande der Selbstgefälligkeit und Überhebung nicht zu lösen sind. Darum kann ihr wohl fast Angst sein, wie David, wenn der Vater sein heiliges, majestätisches Antlitz enthüllt. Aber sie versteckt sich nicht, wie Adam, zittert nicht, wie die Teufel, sondern flüchtet sich zu ihm, der die Gefangenen Zions erlösen wird. - Jene Vermessenheit, mit welcher man selbst die Wege sich bahnen, das Kreuz wählen, das Joch zurechtschnitzen will, macht demütiger Kindeseinfalt Platz, die den Vater walten und wählen lässt. Jene eitle Bespiegelung in den Werken unserer Hände, die etwa der Herr durch uns oder trotz uns zu Stande gebracht hat, verbrennt im Feuer der zürnenden Liebe Gottes, und als edles, von den Schlacken befreites Gold, dem der Herr sein Gepräge geben kann, bleibt das lautere, demütige Bekenntnis zurück: „Ich bin sündig, Der Erde noch geneigt, Das hat mir bündig Dein Heiliger Geist gezeigt. Ich bin noch nicht genug gereinigt, Noch nicht ganz innig mit dir vereinigt!“ Wer so singen kann, der wird frei. Die Ketten fallen von seiner Seele, die schweren, drückenden, ins Leben schneidenden Ketten. Er preist, dankbar für alle Schläge mit dem Stabe Wehe, für alle Streiche mit dem scharfen Schwerte, laut seinen Gott:
„Bald mit Lieben, bald mit Leiden
Kamst du, Herr, mein Gott zu mir,
Nur mein Herze zu bereiten,
Mich ganz zu ergeben dir,
Dass mein gänzliches Verlangen
Möcht an deinem Willen hangen.
Tausend, tausend Mal sei dir,
Großer König, Dank dafür!“
III.
Aber noch ein seliges Geheimnis wird uns heute offenbart. Der Engel des Herrn mit dem bloßen, hauenden Schwerte, das wie ein Blitz zwischen Himmel und Erde zuckte, stand bei der Tenne Arafnas, oder wie er auch genannt wird, Arnans, des Jebusiters. Und hier, gerade hier erhielt David den Befehl, dem Herrn einen Altar aufzurichten. „Und David baute daselbst dem Herrn einen Altar, und opferte Brandopfer und Dankopfer. Und da er den Herrn anrief, erhörte er ihn durchs Feuer vom Himmel.“ „Und der Herr ward dem Lande versöhnt.“ Seit der Zeit war dieses der Ort, wo David zu opfern pflegte, (1 Chr. 22, 28.) wo er Versöhnung mit seinem Gotte suchte und fand, wo der Herr ihn erhörte und dem geängsteten Gewissen Frieden sandte: „Hier, sprach David, hier soll das Haus Gottes des Herrn sein, und dies der Altar zum Brandopfer Israels!“ (1. Chr. 23, 1.) Und so geschah es. Denn „Salomo fing an zu bauen das Haus des Herrn zu Jerusalem, auf dem Berge Morija, der David seinem Vater, gezeigt war, welchen David zubereitet hatte zum Raum auf dem Platz Arnans, des Jebusiters.“ (2 Chr. 3,1.) Ausdrücklich wird hervorgehoben, dass dieser Ort nicht nach Davids Willkür, sondern nach Gottes Bestimmung gewählt sei. Dort war es, wo Abrahams Herz seinen Sohn Isaak dem Herrn geopfert, wo des Herrn heilige Hand gewaltig in seines Knechtes Leben gegriffen, aber danach die Fülle des göttlichen Segens über sein Haupt ausgeschüttet hatte. Darum auch hatte Abraham den Ort Morija genannt, d. i. der Herr sieht!“ (1 Mos. 22, 14.) Das war derselbe Ort, wo der Herr David mit dem Schwerte geschlagen, wo der Herr David sich hatte finden lassen. Und eben an dem Orte wollte Gott seinen Tempel gebaut haben; dort wollte er wirklich und wahrhaftig unter dem sündigen Menschengeschlecht wohnen, um von dort aus die ganze, weite Erde zu seinem Tempel, zu einer Hütte Gottes bei den Menschen zu machen. Du siehst es mit Augen: wo das Schwert des Herrn sein Werk ausgerichtet hat, da baut er seinen Friedenstempel, dahin setzt er seinen Gnadenstuhl!
Wer die Wege Gottes kennt unter den Menschenkindern, der hat dieses Gnadenwunder Gottes im eigenen Leben erfahren. Wo er unter die gewaltige Hand Gottes und seinen heiligen Liebeszorn sich beugte, und das scharfe zweischneidige Schwert des Herrn im innersten Leben fühlte, da war der Ort, wo er aufs Neue durch das einige, ewig gültige Opfer mit Gott versöhnt ward, und er den Frieden Gottes schmeckte, der höher ist, denn alle Vernunft, wo sein Gott sich ihm nahte und er seinem Gotte, wo er lernte, den Gnadenstuhl schauen und mit Freudigkeit hinzutreten. Eben dasselbe erlebte Jakob schon, der Erzvater. Wo der Finger des Herrn ihn anrührte und das Gelenk seiner Hüfte zerbrach, da segnete ihn der Herr, und Jakob nannte die Stätte Pniel, Angesicht Gottes. Und früher schon, als Gott ihn ob seiner Sünde auf der schweren Flucht an der nackten Erde schlafen ließ, und nur einen Stein ihm zum Kissen gab, und doch eben hier den Himmel öffnete und seinen Segen herabschüttete, rief Jakob voll Staunen über die Werke Gottes: „Gewiss ist der Herr an diesem Orte, und ich wusste es nicht. Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nicht anders, denn Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels!“ Und hieß die Stätte Bethel d. i. Gottes Haus. Mein leidensscheues, kleinmütiges Herz, merke diese Reihe von Zeugnissen Bethel oder Gottes Haus, Pniel oder Angesicht Gottes, Morija oder der Herr sieht! die Tenne Arafnas, des Jebusiters, die den strafenden Engel und den Tempel und Altar Gottes trug, sie rufen dir laut zu: „Weigere dich der Züchtigung des Allmächtigen nicht, denn, wen Gott lieb hat, den züchtigt er. Er stäupt aber einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt!“ Und abermals: „Wohl dem, den du, Herr, züchtigest und lehrest ihn durch dein Gesetz, dass er Geduld habe, wenn es übel geht!“ (Ps. 94, 12. 13.)
Die alten Heiden schauten mit heiliger Ehrfurcht auf den Ort, den der Blitz getroffen hatte. Wir wissen jetzt, wo Gott der Herr sein blitzendes Schwert über eines seiner Kinder schwingt, da ist ein heiliger Ort. Harre nur aus! Du wirst. auch noch in Jakobs und Abrahams und Davids Worte gläubig jubelnd einstimmen. Wo er die Seinen straft, segnet er. Wo er züchtigt, ist die Pforte des Himmels, da ist sein Angesicht, da sieht er, da baut er seine Friedenshütte!
Noch einen Punkt muss ich uns zur Stärkung hervorheben. Die Tenne Arafnas, des Jebusiters, wählte Gott zur Offenbarung seines Zornes und seiner Erbarmung. Die Schrift setzt ausdrücklich zum Namen des Besitzers immer hinzu, dass er ein Jebusiter, nicht ein Sohn Abrahams gewesen sei. Vielleicht war Arafna der einzige Heide, der noch in Jerusalem lebte, sein Acker der einzige Ort vielleicht in der Königsstadt, der einem Heiden gehörte. Und diesen Ort erwählte Gott zu seiner Wohnung, anzudeuten, dass er alle Wunder seines Ernstes und seiner Lindigkeit, alle Geheimnisse seiner züchtigenden und versöhnenden Liebe auch uns und allen offenbaren will, die wir nicht vom Samen Abrahams, sondern aus den Heiden sind, so wir anders dem Geiste nach Israels und Abrahams und Davids Kinder werden.
Auch das wollen wir in unser Gedächtnis schreiben, dass er eine Tenne zu seiner Wohnung, zur Offenbarung seiner Herrlichkeit auserkoren hat. Was Arafna am Weizen und andern Korn auf seiner Tenne getan hat, das hat Gott geistlich dort an Davids Seele getan. Er hat das edle Weizenkorn aus den Hilfen herausgeschlagen, von denen es noch gefangen war. Er hat die Spreu vom Weizen gesichtet. Darum nennt der Herr auch Babel seine Tenne, (Jes. 21, 10.) weil er dort sein gefangenes Volk durch die Züchtigung gleichsam gedroschen und gesichtet hat. Seine Tenne im höchsten Sinne des Wortes ist sein Tempel, seine heilige Kirche, darum auch Johannes der Täufer von Christo sagt: „Er hat seine Worfschaufel in seiner Hand; er wird seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheune sammeln, aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer.“ (Matth. 3, 12.)
Das wird unerschütterlich fest bleiben: das Herz, welches sich von seinen Stricken und Banden durch das Schwert Gottes lösen lässt, macht der Herr zu seinem Friedenstempel, darin er selber wohnt. Aber der Tempel Gottes bleibt immerdar eine geistliche Tenne, wo er seine Garben drischt, damit er die edlen Körner aus ihrem Gefängnisse löse. Er ist aber ein weiser Ackersmann. Er kennt jeglichen Samen und weiß, wie er ihn dreschen muss. „Man drischt die Wicken nicht mit Eggen, so lässt man auch nicht das Wagenrad über den Kümmel gehen sondern die Wicken schlägt man aus mit einem Stabe und den Kümmel mit einem Stecken. Man mahlt es (d. i. Weizen oder Gerste), dass es Brot werde und drischt es nicht gar zunichte, wenn man es mit Wagenrädern und Pferden ausdrischt. Solches geschieht auch vom Herrn Zebaoth: denn sein Rat ist wunderbar, und führt es herrlich hinaus!“ (Jes. 28, 27. 29.) Ob nun der Herr wie mit einem Stecken und Stab oder wie mit Dreschwagen über unser Herz und Haupt fährt, das sei ihm anheimgestellt, dem heiligen Ackersmann. Uns ist's genug, dass wir wissen: er drischt auf der Tenne seinen Weizen nicht gar zunichte. Er löst allein das Weizenkörnlein aus seinen Schalen, dass er es einheimsen könne in die ewigen Scheuern, in den ewigen Tempel, der keine Tenne mehr ist, wo nicht mehr gesichtet wird, wo die Ruhe vorhanden ist dem Volke Gottes!
Wer ist ein Mann nach dem Herzen des Herrn? Wer sich in Demut und Kindeszuversicht beugt, wenn der Herr mit dem Schwerte kommt, wer seine Ketten zerbrechen und den Friedefürsten bei sich einkehren lässt!
Bist Du ein Mann nach dem Herzen des Herrn? Amen.
Gottes Schläge.
Ich danke Gott und juble nun,
Dass ich's erfuhr und weiß,
Die Schläge, die am wehsten tun,
Sind seiner Gaben Preis.
Sie schlagen, wie kein Wunder tut,
Die Schuppen von dem Aug',
Dass es des ew'gen Lichtes Glut
Verlangend in sich saug'.
Sie schlagen, wie kein scharfes Schwert,
Der Seele Ketten durch,
Dass frei sie, wie ein Aar2) auffährt
Zur sel'gen Himmelsburg.
Schläge von des Höchsten Hand
Zerreißt mir jedes Seil,
Das auf der Fahrt zum Vaterland
Will hemmen meine Eil'!