Disselhoff, Julius - Die Geschichte König Davids, des Mannes nach dem Herzen Gottes - Zehnte Predigt. Der Fall des Mannes nach dem Herzen Gottes.

2 Sam. 11.

Nur mit tiefem inneren Beben, das ich nicht in Worte zu fassen vermag, kann ich die Erklärung der heutigen Geschichte beginnen. Wie es den Engeln war, als sie den Herrlichsten von ihnen von Gott sich losreißen und aus dem ewigen Licht in die äußerste Finsternis herab stürzen sahen, so muss es den Knechten Gottes ums Herz sein, wenn der Mann, dessen Gleichen nicht war, den der lebendige Gott an sein Herz gezogen, den er zum Offenbarer seiner Herrlichkeit und Gnade erwählt hatte, vor unsern Augen plötzlich in solche Sünde und Schande fällt, die auch schändlich zu sagen ist. Er kannte das selige Geheimnis, auch auf der gefährlichen Höhe des Glanzes und Glückes fest zu stehen. Er stand fest, und heute liegt seine Seele in dem Schlamm der tiefsten und grausamsten Grube. Eine solche Tatsache ruft lauter, als die Posaunen von zehntausend Engeln: „Wachet!“ Wer durch sie nicht aus dem Schlummer der geistlichen Sicherheit und Trägheit ausgerüttelt wird, der, fürchte ich, wird nie zum Wachen kommen. Wenn aus dieser Geschichte kein heiliger Schrecken von Gott unsere Seele und unser Gebein durchbebt, so werden wir schwerlich jemals dahin kommen, uns zu fürchten vor dem eigenen Herzen, um das Wort zu verstehen: „Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern!“ oder dies andere: „Wer da meint, er stehe, der sehe wohl zu, dass er nicht falle!“

Wer denn Ohren hat zu hören, der höre! Ohne Schminke nackt und wahr, wird uns heute

Der Fall des Mannes nach dem Herzen Gottes erzählt. Wir suchen zuerst Antwort auf die Frage:

I. Was brachte den Geliebten Gottes zu so tiefem Falle? und werden danach sehen:

II. Wer sich der Sünde einmal hingibt, der wird ihr Sklave und von ihrer Macht immer tiefer und tiefer gestoßen.

I. Was brachte den Geliebten Gottes zu so tiefem Falle?

Ehebruch und Totschlag! so heißt die Doppelsünde Davids. Ehebruch! Ein furchtbares Wort, aber dreifach furchtbar bei einem Manne, der uns nun in neun Predigten von immer andern Seiten als der Mann nach dem Herzen Gottes erschienen ist. Welches ist die Straße, die ihn bis in diese Tiefe geführt hat?

Wir müssen, um Antwort zu finden, in Davids früheres Leben zurückblicken. Dort entdecken wir eine Sünde, die ich bis jetzt nicht erwähnt habe, die aber heute zur Sprache kommen muss. Das ist die Vielweiberei. Es war dies zwar eine allgemein herrschende Sünde, die uns auch von Gideon, Jakob, selbst von einem Moses und Abraham erzählt wird, und die Gott um der Herzenshärtigkeit der Menschen willen duldete. Sie war aber und blieb ohne alle Widerrede Übertretung des heiligen Willens Gottes. Weil sie nicht als Sünde erkannt und gefühlt wurde, hatte sie ihre Macht über das ganze Zeitalter und das ganze Volk ausgebreitet. Auch David war in sie verstrickt. Für ihn war die Sünde doppelt bedenklich, denn den Königen hatte sie Gott, um in ihrem gefährlichen Stand ihnen eine starke Stütze zu geben, mit dürren, unzweideutigen Worten verboten: „Der König soll auch nicht viele Weiber nehmen, dass sein Herz nicht abgewendet werde!“ (5 Mos. 17, 17.) Um dies Wort noch tiefer in die Gewissen zu drücken, war hinzugesetzt: „Wenn er nun sitzen wird auf dem Stuhle seines Königreichs, soll er dies andere Gesetz von den Priestern auf ein Buch schreiben lassen. Das soll bei ihm sein, und soll darinnen lesen sein Leben lang, auf dass er lerne fürchten den Herrn seinen Gott, dass er halte alle Worte dieses Gesetzes!“ (5 Mos. 17, 18. 19.) Als sollten wir eigens daraus aufmerksam gemacht werden, wie weit David dieses Gebot hinter sich warf, wird uns erzählt, dass er gerade zu der Zeit, als er merkte, dass ihn der Herr zum Könige über ganz Israel bestätigt hätte, noch mehr Weiber und Kebsweiber nahm. (2 Sam. 5, 12. 13.) Er ließ, trotz Gottes Warnung vom mächtigen Strome der Zeitsünden fortgerissen, dem Fleische eine größere Herrschaft, als gut war, und wurde dadurch verhindert, seinen Leib zu betäuben und zu zähmen, sein Fleisch zu kreuzigen samt den Lüsten und Begierden. Die Sünde hatte, einen zwar verborgenen, doch starken Faden um sein Herz geschlungen, an welchem sie ihn mit sich fortziehen konnte. Das Gefährlichste war dieses, dass er durch die Einwilligung in die allgemeine Zeit- und Volkssünde an dem klaren und offenbaren Wort Gottes rüttelte. Hat der allein, wie die vorige Predigt lehrte, innere Festigkeit, welcher sich mit seinem ganzen Wesen und Leben der Offenbarung unterwirft, so musste die widergöttliche Vielweiberei schon seit Jahren, wie ein geheimer Wurm, an dem geistlichen Marke Davids genagt haben!

„Dass sein Herz nicht abgewendet werde!“ hatte Gott gewarnt Es schien lange, als sollte dies Wort an David nicht in Erfüllung gehen, als vermöchte er trotz der Losreißung von dem genannten Gebote bei seinem Gott zu verharren. Aber irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten! Wer ein Wort aus dem Zeugnis Gottes herausbröckelt, dem fällt es, früh oder spät, wie ein zermalmender Fels, auf das Haupt. Es war umsonst, dass David sich immer tiefer und unbedingter unter Gottes Gesetz und Zeugnis zu beugen suchte, so lange er, wenn auch ohne es klar zu wissen und zu wollen, ein Wort desselben fort und fort unter die Füße trat. Wer an Einem sündigt, der ist des ganzen Gesetzes schuldig! Es konnte nicht anders kommen, David musste einmal plötzlich und schrecklich abgewendet werden, damit Gott Recht behalte in seinen Worten! (Ps. 51, 6.)

Von Noah rühmt die Schrift: „Er führte ein frommes Leben zu seinen Zeiten.“ Er ließ sich, ist die Meinung, in seinen, von der Sünde ganz und gar beherrschten Tagen nicht betören und verstricken, sondern blieb fest beim lebendigen Gott. Wie ist's mit uns? Es gibt auch jetzt Sünden, die wie ein schwerer Bann über das ganze Zeitalter oder doch über einzelne Kreise und Stände liegen, und eben so wenig, wie damals Vielweiberei, für Unrecht gelten, wiewohl sie als solches durch das Wort Gottes klar erkannt werden könnten. Wir werden am jüngsten Tage erstaunen, dass wir so manches für erlaubt hielten, was gegen Gott ist, wie wir uns jetzt verwundern, dass fromme Leute damals in Vielweiberei lebten. Solche Zeitsünden sind die allgemeine und gierige Sucht nach Gewinn, selbst wenn der Erwerb nach bürgerlichem Gesetz rechtlich ist, die Pracht und Verschwendung in Nahrung und Kleidung, die Entheiligung des Sonntags, die Lust nach Freiheit und Unabhängigkeit, die Begierde, höher zu steigen und mit der Zeit vorwärts zu schreiten, der Geist des Streitens, Neidens, Urteilens und der Parteiungen, der durch die verschiedenen Kreise in der Kirche verderbend schleicht, die Weltförmigkeit, in welche die Kirche Christi sich hat verlocken lassen. Wenn der einzelne, aufrichtige Christ von solchen herrschenden Strömungen sich ergreifen lässt, wird er, ehe er es selbst gewahr wird, leider nur zu oft auf einen Punkt hingetrieben, auf dem zu stehen, er früher gezittert haben würde. Bist du vielleicht nicht auch schon in Kreise und Gesellschaften hineingezogen worden, die von einer unerkannten Sünde, etwa von einer heiteren, ehrbaren, schöngeistigen Weltseligkeit wie gebannt waren? Hast du da nicht erlebt, wie nach und nach der sittliche Ernst, das heilige Streben, selig zu werden, die jungfräuliche Zartheit des Gewissens Schaden litten, wie du unmerklich ein Anderer wurdest, die Meinungen und Anschauungen jener einsogst, und bald für erlaubt hieltest, was du sonst miedest? selig wer aus solchem Banne aufgerüttelt wird, und die Kreise flieht, in die er nicht gehört, ehe der Zauber des gleißenden, aber befleckten Weltgeistes ihn bis zum Tode vergiftet hat!

Das ist das Gefährlichste auch für uns, dass die widergöttlichen, aber als solche nicht erkannten Zeitströmungen hier und da ein Stücklein aus dem Worte Gottes hinwegspülen, so dass man den festen Felsengrund unter den Füßen verliert und zu Fall kommen muss.

Wenn sein Wort nicht mehr soll gelten,
Worauf soll der Glaube ruhn?
Mir ist's nicht um tausend Welten,
Aber um dein Wort zu tun! 1)

Wem es ganzer Ernst ist, selig zu werden, für den gilt es, unverrückt zu achten auf die helle Leuchte des prophetischen Wortes, um bei ihrem hellen Scheine auch die unerkannten Sünden der Zeit zu durchschauen, und von ihnen sich nicht betören zu lassen. „Rührt kein Unreines an!“ mahnt die Schrift. „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, haltet euch unbefleckt von derselbigen! Gehet aus von ihnen! Machet euch nicht fremder Sünden teilhaftig!“ Wer, solchen Rat verachtend, von Zeitmeinungen und Zeitgeistern und Zeitmoden und Zeitwerken, oder vom Tone, den Sitten, den Anschauungen weltlicher, wenn auch geistreicher Kreise sich blenden, fangen und vom unantastbaren Worte Gottes abführen lässt, der ist, ohne dass er es ahnt, vielleicht indem er sogar noch für die Ehre des Herrn und sein Heil sich müht, auf dem Wege zu einem tiefen und traurigen Falle. Plötzlich wird es und mit Schrecken offenbar werden!

Doch zu David zurück. Er hatte einen geheimen Funken der Sünde in seinem Herzen. Es bedurfte nur eines Luftzugs, um das Fünkchen zur Flamme anzublasen. Der König Israels lag im Kampfe mit den Kindern Ammon. Wiewohl es, so wird absichtlich erzählt, die Zeit war, wo die Könige pflegten auszuziehen, blieb er zu Jerusalem, ohne hier von seinem Amte gefesselt zu sein. Und doch war es Davids eigentlichster Beruf, die Kriege des Herrn zu führen und die Feinde des erwählten Volkes zu überwinden. Eben darum durfte er dem Allerhöchsten kein Haus bauen, weil der Herr wohl wusste, wie gefährlich für David die Ruhe war. Er selbst hat auch vor diesem Zeitpunkt, wie namentlich nachher wohl erkannt, dass diese Arbeit für den Herrn seine Lebensaufgabe war, in der er selbst dem Ziele entgegenreisen sollte. Denn in eben diesem Streite war er gegen die Syrer, die mächtigen Bundesgenossen der Ammoniter gezogen. (Kap. 10, 17.) Später ließ er sich bis in sein graues Alter hinein, „als er schon müde ward“, an der Spitze seines streitenden Volkes finden, so dass seine Treuen zu ihm sprachen: „Du sollst nicht mehr mit uns ausziehen in den Streit, dass nicht die Leuchte in Israel verlösche!“ (2 Sam. 21, 15. 17.) Damals aber blieb David zu Jerusalem, fern von dem Orte, wohin ihn die Pflicht rief. Zu dieser allgemeinen Untreue kam an jenem Tage noch eine besondere. In den Zeiten der Not hatte er gerufen und gelobt: „Des Abends, Morgens und Mittags will ich klagen und heulen, so wird er meine Stimme hören!“ (Ps. 55, 18). Heute hatte er, des Mittags statt zu beten, geschlafen. Als er am Abend aufstand vom Lager, vergaß er abermals des Wachens und Betens und der Arbeit dazu, und ging müßig umher auf dem Dache seines Hauses. Müßige Stunden gebären müßige Gedanken, und müßige Gedanken sind nichts anders, als dürres Brennholz, das nur auf einen Feuerfunken wartet, um plötzlich in hoher Flamme empor zu schlagen. Das hatte schon Eva erlebt. Es war ihr Amt, den Garten zu bebauen und zu bewahren. Wäre sie in diesem Berufe geblieben, so hätte sie keine Zeit gefunden, jenes Gespräch mit der Schlange fortzuspinnen, das damit begann, dem Weibe das Wort Gottes wankend zu machen, und mit dem ersten großen Falle endete. Wir Alle haben es mit Schmerz erfahren, dass unsere Sünden oftmals ihre Wurzeln in der Lässigkeit und Untreue im Berufe haben. So lange wir in unserm Amte wandeln und arbeiten, sind wir von einer Mauer umschanzt. Sobald wir aus unserm Amte fallen, entfallen wir aus unserer eigenen Festung. und werden ein Raub des Widersachers, der umher geht, wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Außerhalb des Amtes liegen überall die Stricke dieses großen Jägers.. Seht auf David! Da er auf dem Dache seine Blicke umherschweifen ließ, sah er ein Weib sich waschen, und das Weib war sehr schöner Gestalt. Die böse Lust regte sich. Die Sünde lag vor der Tür. Der König trat der beginnenden Begierde nicht mit ernstem Kampf entgegen. Er ließ ihr den Willen, so dass sie rasch die Herrschaft bekam. Der König aber, mit der Sünde spielend, glaubte die sündliche Lust auf sündlose Weise befriedigen zu können. Er ließ nach dem Weibe fragen, in der Hoffnung ohne Zweifel, sie wäre eine ledige Jungfrau, die er zu seinen andern Weibern auch noch zum Weibe nehmen. könnte. Der Bote kam zurück mit der Nachricht2): „Ist das nicht Bathseba, die Tochter Eliams, das Weib Urias, des Hethiters?“ „Sie ist, heißt also die warnende Antwort, eines Andern Weib, deines treuen, wackeren Uria Weib!“ Gott reichte in diesen Worten seinem gleitenden Knechte die starke Hand, arbeitete strafend und lockend an seinem Herzen, indem er ihm mit jener Frage einen widerhakigen Pfeil ins Herz werfen und zugleich das scharfe Schwert reichen wollte, mit dem er die Sünde töten konnte. Aber er ließ den Allmächtigen nicht an seinem Herzen arbeiten, wies Strafe und Liebe zurück. Er hatte der aufsteigenden Lust geschont. Sie war nun zu stark geworden. „Er sandte Boten sie zu holen. Und da sie zu ihm hinein kam, schlief er bei ihr!“ „O, lass deine Augen nicht fliegen dahin, das du nicht haben kannst, denn dasselbe macht ihm Flügel, wie ein Adler und fliegt gen Himmel!“ (Spr. 23, 5.) Auch das Weib, die Mutter aller Lebendigen, schaute an, dass von dem Baume gut zu essen wäre, und lieblich anzusehen, dass es ein lustiger Baum wäre, weil er klug machte, und nahm von der Frucht und aß!

Offenbarte uns die letzte Predigt, dass das treue, unwandelbare Halten und Hangen an Gottes Wort, die lautere eifrige Arbeit für seine Sache, die Willigkeit, sich vom Herrn aller Herrn dienen, die aufkeimende Sünde töten zu lassen, das Geheimnis ist, auch in guten Tagen fest zu stehen, so musste David, das ist uns jetzt klar, wanken und fallen, sobald er von diesem dreifachen Geheimnis seine Seele nicht mehr binden ließ. - Indes ist es zur völligen Erklärung seiner Sünde nötig, noch zwei andere Punkte ins Auge zu fassen, einerseits die allgemeine und tiefe Verderbtheit des menschlichen Herzens, die auch in den Knechten Gottes eine furchtbare Macht der Sünde zurücklässt, und anderseits die ewige, unantastbare Heiligkeit Gottes, die aus grundloser Erbarmung den Menschen fühlen lässt, was er ist, und wohin er gerät, wenn er einen Schritt nur, von ihm sich entfernt. - Die Sünde kann sich verkriechen in den verborgensten Winkel des Herzens, als wäre sie ganz verschwunden. Sie kann dort schlafen, wie die Schlangen Winters in ihren Schlupfwinkeln wie tot daliegen. kann sie mit Füßen treten. Sie regen sich nicht. Plötzlich, wenn ein warmer Sonnenstrahl kommt, wenn die Gelegenheit lockt und reizt, bricht die alte Sünde, in ungeahnter, furchtbarer Gestalt hervor, so dass es kaum begreiflich scheint, wie bei solchen Männern solche Sünden sich zeigen können, und es in der Tat auch so lange unbegreiflich bleibt, bis man die ganze Macht der Sünde, die Tiefen des Satans, wie die Schrift sagt, durchschaut hat!

Gott will, dass wir an dem Falle seines Geliebten die Furchtbarkeit der noch ungebrochenen, sich verbergenden Kräfte der alten Natur erkennen und fürchten lernen. Darum ist uns Davids Fall so nackt und ungeschminkt erzählt. Wenn die nicht völlig getöteten, ungöttlichen Triebe in dem Manne nach dem Herzen Gottes so rasch und zu solcher Stärke heranwuchsen, als er einen Finger breit vom Wege des Herrn abwich und der Herr ihn gehen ließ, wie wird's dann mit den ungebrochenen Lüsten in unsern Herzen sein! Denn bedenkst du auch mit Ernst, wer dieser David war? Wollt' ich euch den ganzen, vollen Eindruck seiner heutigen Sünde geben, so müsst' ich alle Predigten noch einmal halten, müsste noch einmal reden von der gänzlichen Übergabe seines Willen an den Willen seines Herrn, von seiner ungeheuchelten Demut gegen Gott und Menschen, von seinem Glauben und seinem Eifer, von der rührenden Willigkeit, die verborgenen Sünden sich ausdecken und strafen zu lassen, von seinem lautern und ernsten Willen, in bösen und guten Tagen unter Gottes heilige Majestät sich zu beugen und durch seine Nähe Gedanken und Taten zu beherrschen, von seinen inbrünstigen Gebeten, seinen herzinnigen Lob- und Dankliedern, von Allem mit einem Worte, was ihn so sehr zum Manne nach dem Herzen Gottes machte, dass er das Vorbild des ewigen Königs geworden ist, dass er die Verheißung des Messias empfangen hat; von dem allen müsst' ich noch einmal reden, so lebendig, so eindringlich, so wahr reden wie die Schrift selbst, und dann rufen: „Der Mann ist zum Ehebrecher geworden!!'

Wenn uns von solcher Predigt die Ohren nicht gellen unser Leben lang, so wird kein Wort aus Gottes Munde in Ohren und Herzen auf die Dauer nachtönen. Wem solche Geschichte nicht in die unergründliche Tiefe der Sünde und ihrer Macht hineinleuchtet, der wird niemals lernen, was Sünde ist!

Wohl wollen wir nicht vergessen, sondern Gottes Gnade preisen, dass wir in der Zeit des neuen Bundes leben, in der uns die Liebe Gottes' und Jesu Christi so viel heller und flammender vor die Augen gemalt ist, als den Frommen des alten Bundes, und darum auch umso stärker in uns zu wirken und zu walten und die geheimsten Sündenketten zu verbrennen vermag: aber dem gerade, welcher am tiefsten und wahrsten für solche Gnade danken gelernt hat, wird die Geschichte Davids am schneidensten und nachhaltigsten durch die Seele beben und fort und fort zurufen: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallet!“ Denn ist nicht David Ehebrecher geworden, nachdem er mit solcher Gnade überströmt war, dass er rief: „Das ist die Weise eines Menschen, der Gott der Herr ist!“ nachdem er also das selige Geheimnis der ewigen Liebe Gottes, der Menschwerdung seines Sohnes, geahnt hatte? Muss nicht Gottes Stimme Jedem, der wahrhaftige Glaubensblicke in das Geheimnis der Erlösung getan hat, fort und fort in die Seele donnern: „Bewahre dein Herz mit allem Fleiß!“ „Erschreckt, ihr Stolzen! Zittert, ihr Sichern!“ „Siehe auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest!“

Noch ist Alles nicht bezwungen,
Was der Seele schaden kann!

II. Wer sich der Sünde einmal hingibt, der wird ihr Sklave und von ihrer Macht immer tiefer und tiefer gestoßen.

Die heilsame Furcht wird noch stärker und nachhaltiger, wenn wir mit unsern Augen schauen, wie David, von der Sünde einmal überwältigt, rasch ihr Sklave wird, sich von ihr umstricken und sich von Abgrund zu Abgrund schleudern lässt. Das sahen wir schon, wie die Verflechtung in die Zeitsünde und die Untreue im Amte müßige und lose Blicke, der lose Blick böse Lust, die Lust Begierde, die Begierde Leidenschaft, die Leidenschaft die Tat gebar. Was, fragen wir, was wird die Tat gebären?

„Das Weib ward schwanger und sandte hin und ließ David verkündigen und sagen: „Ich bin schwanger geworden!“ Um seine Schuld, die offenbar zu werden drohte, vor Menschen zu verbergen, griff der gefallene König zu Mitteln, die noch hässlicher und stinkender sind vor Gott wie Menschen, als die erste Sünde selbst. Denn diese war im plötzlichen, sündhaften Rausche geschehen. Aber jetzt handelte er mit Überlegung. Seine Pläne wurden immer düsterer, garstiger, widerwärtiger. Es ist die deutliche Absicht der Bibel, die folgenden Frevel Davids gegen Uria in ihrer ganzen Hässlichkeit erscheinen zu lassen. Darum hebt sie die biedere Treue, die unbedingte Ergebenheit, den feurigen Untertanen-Eifer dieses Mannes so lieblich und lebendig hervor. (V. 11). Gegen ihn, nicht gegen einen Feind brütete David die Pläne, die falsch und finster sind, wie die Hölle. Zuerst machte er, um seine und Bathsebas Freveltat zu verdecken, jenen doppelten, schmutzigen Versuch, der uns vom 6. bis 13. V. erzählt wird. Als derselbe an der edlen Selbstlosigkeit und Aufopferung Urias für seinen König und sein Volk scheiterte, fiel Davids Seele auf Mordgedanken. Ohne Verzug und mit kaltem Blute wurden sie ausgeführt. Ein Untertan, Joab, ward vom Könige zum Mitmörder eines unschuldigen, edlen Mannes gemacht. Als ein Bote den glücklich gelungenen Totschlag meldete, blieb David unempfindlich, hart, wie ein Stein, und nahm die Witwe des Erschlagenen zum Weibe! Sein Gewissen, - wie konnte es anders sein! war unter der Wucht solcher schreienden Sünden wie erstickt und erstorben. Kein Gedanke mehr an Gott. Nur Menschen machten ihm Angst. Blieben ihnen nur seine Frevel verborgen, das Flammenauge Gottes beunruhigte ihn nicht. Dass Uria zu seinem Weibe geht, ist's denn Sünde? fragte ihn in Schlummer singend das Gewissen. Dass ich, der König, Uria im Streite dahin stelle, wohin ich will, ist das nicht mein Majestätsrecht? lügt das Gewissen ihm weiter vor. Als er endlich nach vollbrachtem Mord in äußerlich ungestörtem Genuss seiner sündlichen Lust sich befindet, schläft sein Gewissen den Todesschlaf, schläft schier ein ganzes, langes Jahr den Todesschlaf, rührt sich nicht, regt sich nicht. Ein David hat Ehebruch und Totschlag auf dem Gewissen und fühlt es nicht und merkt es nicht und kann noch aufrecht gehen und die Sonne anschauen?! Sein ganzes Wesen ist wie umgewandelt. Seine ungeschminkte Demut hat maßloser Hoffart, seine Gerechtigkeit und Milde heidnischer Härte und Grausamkeit Platz gemacht. Denn als Rabba, die Hauptstadt der Ammoniter, genommen war, setzte David die von Gold und Edelgestein glänzende Krone des gefangenen Königs auf das eigene Haupt, die er als Dankopfer seinem Gotte zu Füßen hätte legen sollen Das Volk aber, das allerdings zum Gerichte reif war, legte er unter eiserne Sägen und Zacken und eiserne Keile und verbrannte sie in Ziegelöfen, und also tat er allen Städten der Kinder Ammons. (2 Sam. 12, 30. 31.3)) So wiederholte sich bei David, nur noch in bejammernswerterer Weise, dieselbe Erscheinung, die von dem abgefallenen Saul erzählt wird. (1 Sam. 14, 24 ff.) Statt über die eigene Sünde Gericht zu halten, strafte er in ungerechter und grausamer Weise fremde Missetaten4). Dadurch wurde das eigene Gewissen nur noch mehr verhärtet. Als etwa ein Jahr nach dem Ehebruch Natan von Gott zu dem königlichen Sünder gesandt ward und, um sein Gewissen aufzurütteln, die Geschichte von dem Schäflein des Armen erzählte, das der Reiche raubte und schlachtete, schlief der Geliebte Gottes in starrem Todesschlummer weiter. Er fuhr zwar mit dem Worte: Der Mann ist ein Kind des Todes! abermals in maßlosem Zorn gegen die fremden Sünden auf; aber die Last der eigenen, schweren, gen Himmel schreienden Missetaten fühlte er noch immer nicht. Es will mich dünken, als sei dieses gänzliche Erstorbensein des Gewissens, das so viele Monate fortdauerte, noch zehnfach schmerzlicher und entsetzlicher, als die beiden Freveltaten selbst.

Auch Simson, der ein Verlobter Gottes war von Mutterleibe an, den der Geist des Herrn zu wunderbaren Taten stärkte, vermochte nicht mehr sein eigener, freier Herr zu bleiben, nachdem er in die erste Sünde gewilligt und gegen Gottes ausdrückliches Gebot, und die ernsten Warnungen seiner Eltern eine Philistäerin zum Weibe genommen hatte. Er war hinfort gefangen im Netz von Weiberhaaren, bis wir ihn in Delilas Schoße Lüge auf Lüge häufen, als ein Sklave der Verräterin mit seiner göttlichen Begabung ein leichtfertiges Spiel treiben und endlich das Geheimnis seiner Kraft oder vielmehr das äußere Gnadenpfand derselben der heidnischen Schlange preisgeben sehen. Für immer geschändet musste der Held Gottes im Gefängnis der Unbeschnittenen die Arbeit niederer Sklavinnen verrichten. Glaub' es endlich meine Seele: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht!“ Er ist ihrer Macht anheimgefallen, an ihren tyrannischen Willen verkauft. Er ist in einem Zauberkreis festgebannt, aus dem er sich nicht erlösen kann und will. Sein Herz ist wie ein Fahrzeug, das, vom Sturm in einen Strudel geschleudert, von diesem immer rascher und unaufhaltsamer dem Abgrunde zugetrieben wird. Verstehst du nun, was die Schrift sagt: „Dein Schaden ist verzweifelt böse!“ oder das alte, einfache, längst gelernte Sprüchlein: „Erzittre vor dem ersten Tritte! Mit ihm sind auch die andern Schritte zu jedem nächsten Fall getan!“ der giftige Same, in den Schoß der Erde gelegt, ausgeht und hundertfältige Frucht trägt, wie die eine Wurzel sich in hundert neue verzweigt, den ganzen Acker durchwuchert, und aller Orten die wilden Schößlinge emportreibt, nicht anders ist es mit der Sünde, die ein Mensch in seinem Herzen birgt. Nach innen schlägt sie ihre Wurzeln tiefer, breiter, mächtiger, nach außen bringt sie überreichliche Frucht. Sie blendet das Auge, verstopft das Ohr, versteinert das Gefühl, tötet das Gewissen. Sie zerreißt alle zarte Bande, macht stumpf und starr gegen Alles, was man sonst Liebes und Heiliges auf Erden hatte und mit Ehrerbietung behandelte. Die heilige Scheu verschwindet, die Riegel werden vom Herzen fortgestoßen, und gemeine, hässliche, schmutzige Charakterzüge, die man für unmöglich gehalten hätte, offenbaren sich in trauriger Nacktheit!

Hätte David nicht vor Urias Haupt Scheu haben sollen? Und sollen wir nicht vor vielen ehrwürdigen Häuptern, die uns Freundschaft, Liebe und Treue, die dem Volke Gottes Dienst und Aufopferung bewiesen haben, auch heilige Scheu fühlen, durch eine Sünde sie anzutasten? Wir Armen! Wenn wir ein erstes Unrecht gegen sie nicht bekennen, sondern mit allerlei Mäntelchen bedecken, gegen ihre Vorwürfe uns rechtfertigen oder sie zurückweisen wollten, wie oft haben wir dann aller schuldigen Ehrerbietung vergessen! Wir haben gegen die Liebsten Böses und Bitteres gedacht, haben Worte gegen sie ausgestoßen, die uns sonst das Antlitz mit Schamröte überzogen hätten. Unser ganzes Verhalten wurde unlauter, hässlich, widerlich. Wir haben, wie das Meer, unsere eigene Schande ausgeschäumt. Ekel, schal, widerwärtig war uns in solcher Zeit das Wort des Herrn, und undurchdringlich das Herz gegen seine Pfeile!

Noch ein besonders wichtiger Punkt darf unserer Betrachtung nicht entgehen. David hatte als Fürst über das Erbteil des Herrn eine hervorragende Stellung. Die Augen des ganzen Volkes waren auf ihn gerichtet. Die Feinde Gottes lauerten auf ihn, die Freunde Gottes stärkten sich an seiner Frömmigkeit. Sobald seine Sünde ruchbar wurde, war, wie er tief fühlte, sein Ansehen und seine Würde erschüttert. Sollte er dem nicht vorbeugen? Dies denkend, wurde ihm gerade das Amt, welches ihn vor der Sünde hätte bewahren sollen, eine mächtige Versuchung, die Folgen der Sünde durch Sünde unschädlich zu machen. Ist das nicht immer noch ein gefährliches Netz für alle, die ein Amt haben und auf die Vieler Augen hinschauen? Ihre Missgriffe und Fehltritte werden leichter offenbar und mehr und schärfer besprochen. Die bösen Früchte ihrer Missetaten sind darum doppelt und dreifach bitter. Liegt es leider schon zu tief in unserm natürlichen Streben, durch neue Sünde alte zu verheimlichen, so ist man in großer Gefahr, mit List und Klugheit für die weitgreifenden Amtssünden nach einem Deckmantel zu suchen, und sich also immer tiefer in die Sünde zu verwickeln. Eine Untreue erzeugte schon oftmals eine halbe Unwahrheit, in der Verlegenheit herausgestammelt, und die halbe, unabsichtliche Unwahrheit eine ganze und überlegte Lüge, und die Lüge einen Bann, und der Bann eine Verhärtung des Gewissens, und das verhärtete Gewissen Ungerechtigkeit und sündlichen Zorn gegen die Fehltritte des Nächsten. Oder wir folgten statt unserer Pflicht unserer Lust, unsern Begierden. Der Eigenwille erzeugte Ungehorsam, der Ungehorsam Widerspenstigkeit und ungebärdiges Wesen, und dieses Auflehnung gegen die heilsame Strafe, und wer sich nicht mehr strafen lassen will, der geht unter in seinen Sünden. Doch genug der einzelnen Beispiele! Ihr hört, hoffe ich, laut den alten Spruch an euer Ohr klingen: „Wer dem Teufel den kleinen Finger gibt, dem nimmt er bald die ganze Hand!“ Wenn ein Schiff ein Leck hat, strömt durch die enge Spalte Wasser auf Wasser, bis es sinkt. Die Mauer, die einen kleinen Riss hat, kann bald eingestürzt werden. Ist erst eine Bresche geschossen, dann wird die Festung leicht gewonnen. Und wenn ein Herz der Sünde sich austut, leise nur, schüchtern und behutsam, so weiß ein Heer böser Geister hineinzustürzen, um siegreich seine Wohnung darin aufzuschlagen.

Schloss ich die früheren Predigten mit dem Jubelruf: „Das ist der Mann nach dem Herzen Gottes!“ so müssen wir heute von hier scheiden, aus geängstetem Geiste seufzend: „So fiel der Mann nach dem Herzen Gottes!“ Dennoch wollen wir im Staube danksagen, dass er uns den Ehebruch und Totschlag seines geliebten Knechtes in so nackter, erschütternder Wahrheit erzählt hat, damit wir uns fürchten lernen vor der Tücke unsers Herzens und der Heiligkeit des Herrn! Denn das ist der Weg, Leute zu werden nach seinem Herzen! Amen.

Das Menschenherz.

Wer kann das Herz ergründen,
Das trotz'ge und verzagte Ding?
Das kann kein Mund verkünden,
Was schon durch seine Tiefen ging.
Es hat verborgne Falten,
Die noch kein Aug durchschaut;
Drin Feinde heimlich walten,
Davor der Seele graut.

Wie listig sie sich decken
Und schlummernd liegen, Toten gleich,
Doch plötzlich und mit Schrecken
Entstürmen sie dem finstern Reich,
Und ziehen in ihren Ketten
Die Seele mit sich fort
Herr, Herr, Du wollst mich retten
Durch dein allmächtig Wort!

2)
V. 3 ist richtig zu übersetzen: „David sandte hin und ließ nach dem Weib fragen. Und man (nämlich der zurückkehrende Bote) sagte; „Ist das nicht rc.“„
3)
Diese Begebenheit wird uns, um die Geschichte des Sündenfalls und der Begnadigung nicht zu unterbrechen, erst nach letzterer erzählt. Sie fällt aber ohne Zweifel in die lange Zeit zwischen dem Schluss des 11. und Anfang des 12. Kap. Und die Erzählung 1 Chr. 21, 1 macht durchaus den Eindruck, dass die Belagerung Rabbas nicht sehr lange gedauert hat.
4)
Vergl. was in der Geschichte König Sauls S. 81 ff. gesagt ist über die Neigung durch fleischlichen Eifer, durch Zürnen gegen die Sünden Anderer sich der Buße zu überheben.
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