Baggesen, Carl Albrecht Reinhold - Abraham, der Vater der Gläubigen - II.
Genes. XII, 8-12.
Wir haben Abrams Herkunft, den Ruf Gottes an ihn, seinen gläubigen Gehorsam, seinen Auszug aus Haran nach Kanaan und seine erste Niederlassung im Hain More, in der Gegend von Sichem besprochen: diese Umstände, so wie die göttlichen Verheißungen, welche Abram empfing, nämlich dass Gott ihn zu einem großen Volke machen und seinem Samen das Land geben wolle, in das er gezogen war, und dass in ihm sollten gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden, - bildeten den Gegenstand unserer vorigen Betrachtung. Lasst mich nun, ehe wir Abrams Geschichte weiter verfolgen, euch ein Bild von ihm und seiner Lebensweise entwerfen.
Zuerst seine Person. Es wird gesagt, er sei damals, als er in Kanaan einzog, 75 Jahre alt gewesen. Wir würden aber irren, wenn wir ihn uns als einen Greis vorstellen würden. Vielmehr war er gemäß der viel längeren Lebensdauer, welche die Stammväter des Menschengeschlechts ein viel höheres Alter erreichen ließ, ein Mann, zwar im reiferen Mannesalter, aber noch in der vollen Kraft seiner Jahre.
Er lebte noch volle 100 Jahre nach seinem Einzug in Kanaan. Sein Vater Tharah ist 205 Jahre alt geworden, und die meisten seiner Vorfahren in aufsteigender Linie bis Sem erreichten ein noch höheres Alter. Wir wollen uns einer Bemerkung nicht enthalten über das hohe Alter der Patriarchen, wie es in der Bibel angegeben ist. Es ist die Richtigkeit diese. Angaben vielfältig bezweifelt worden, da es unglaublich scheint, dass das damalige Menschengeschlecht so viel länger sollte gelebt haben, als das jetzige. Und da wir außer der Bibel gar keine anderen Denkmäler oder zuverlässige Nachrichten aus jener Urzeit haben, so lassen sich die Angaben der Bibel nicht kontrollieren. Aber zweierlei macht es, nach meiner Ansicht, glaubwürdig, dass die Menschen in der Urzeit viel länger gelebt haben, als gegenwärtig. Es scheint dies mit der Jugendkraft der gesamten Natur, in der ersten Zeit nach der Erschaffung, und mit der Beschaffenheit des Wohnsitzes der Menschen zusammen zu hängen. Schon der Umstand, dass nach den Angaben der Bibel die vorsündflutlichen Stammväter noch viel länger, bis über 900 Jahre, gelebt haben, als die nach der Flut, und dass seit derselben die Lebensdauer nach und nach abnahm, bis sie nach Mose, der noch 120 Jahre alt ward, auf das seitherige Maß herabsank, lässt erkennen, dass diese Veränderung im menschlichen Leben mit der ungeheuren Veränderung in der Natur, welche durch die Sündflut bewirkt wurde, und wahrscheinlich auch mit den Folgen des furchtbaren Naturereignisses, das in der Hand des Allmächtigen zum Strafgericht über Sodom und Gomorra wurde, in Verbindung stand. Seither hat wirklich keine so gewaltige Revolution mehr auf der Erdoberfläche stattgefunden, wie die, welche das fruchtbare Jordantal in den Salzsee, das Tote Meer, verwandelte.
Das Andere ist, dass nur unter der Voraussetzung einer so langen Lebensdauer und der damit zusammenhängenden geringen Sterblichkeit und zahlreichen Nachkommenschaft eine so schnelle Vermehrung und Ausbreitung des Menschengeschlechtes erklärbar ist; so dass schon 400 Jahre nach der Sündflut, und zu einer Zeit, als der Stammvater Abrams, Sem, noch lebte, nicht nur Chaldäa und Mesopotamien, sondern auch Ägypten, Kanaan und Syrien von ganzen Völkerstämmen bewohnt erscheinen. Ich leugne nicht, dass hierbei noch Vieles dunkel ist, was die Bibelforschung sowohl als die Geschichtsforschung noch nicht aufgehellt hat und wahrscheinlich niemals ganz aufhellen wird; mache aber nur darauf aufmerksam, dass das hohe Alter der Patriarchen mit den übrigen Nachrichten der Bibel von jener Urzeit des Menschengeschlechtes wohl übereinstimmt, und dass diese Übereinstimmung ein Zeugnis für die historische Wahrheit ist.
Doch wir kommen zu Abram zurück. Ihn haben wir also als einen Mann im reifen, kräftigen Mannesalter zu denken, und wenn wir erwägen, dass im Morgenlande und namentlich unter den Hirtenvölkern des Morgenlandes, wie es auch Die neusten Reisenden bezeugen, die Sitten und Gebräuche und selbst die Trachten seit Jahrtausenden dieselben geblieben sind, so war wohl Abraham in seiner ganzen äußerlichen Erscheinung ziemlich ähnlich einem arabischen Emir, wie die Reisebeschreiber solche schildern und die Maler sie darstellen.
Er war ein reicher Hirtenfürst, der mit seinen zahlreichen Herden von Rindern, Schafen, Kamelen und Eseln, unbewohntes Land und Weide suchend, umherzog, wie wir gesehen haben zuerst aus Chaldäa nach Haran in Mesopotamien, und dann von da nach Kanaan, und hier von Ort zu Ort, seine Zelte ausschlagend, wo er sich längere Zeit aushalten wollte. Sein Gefolge war zahlreich; denn seine großen Herden erforderten eine beträchtliche Menge von Hirten, Knechten und Mägden, und ohne Zweifel gehörten dieselben größtenteils der gleichen von Sem und Eber abstammenden Familie an, nur den jüngeren Zweigen derselben, die nicht erbfähig waren, und die daher ihn, den ältesten Sohn Tharahs, als ihren Stammfürsten verehrten. Auch Elieser von Damaskus, sein Hausvogt, mag einem jener Nebenzweige der Familie Tharahs angehört haben, daher Abram klagte, wenn er kinderlos sterbe, so werde Eliesers Sohn sein Erbe sein. Auch Lot, seines Bruders Sohn, obgleich er mit seinen Herden und seinem Gesinde einen besonderen Haushalt bildete, stand, so lange er mit Abram verbunden blieb, unter seiner, als des Stammhauptes Oberherrlichkeit. Wir haben uns diese Herrschaft des Stammfürsten über seine Angehörigen als eine unbeschränkte, aber zugleich väterliche Gewalt zu denken. Er war Vater im vollen Sinne des Worts, und was seiner Gewalt die höhere Weihe gab, war dies, dass er zugleich Priester seines Hauses war, der die ganze große Familie im Gebet und im Opferdienste vor Gott vertrat. Seht auch hier in Abraham den Vater der Gläubigen, als ihr Vorbild schon vor dem Gesetz, das einen besonderen Priesterstand einsetzte; und nun, nachdem das Gesetz durch unsern einzigen Hohenpriester, Christus, erfüllt und das levitische Priestertum aufgehoben ist, auch Vorbild aller christlichen Hausväter, welche Abraham gleich Priester in ihrem Hause sein sollen. Ja, ihr christlichen Väter, wollt ihr von Gott gesegnet sein, wie Abraham, Anderen zum Segen werden, und den Segen auf eure Kinder und Kindeskinder forterben, so werdet im Gebet und Hausgottesdienste wahre Hauspriester, wie Abraham war.
Nun gehen wir weiter in seiner Geschichte. Er hatte sich, wie wir gesehen, am Hain More niedergelassen und daselbst einen Altar gebaut.
„Danach brach er auf von dannen an einen andern Berg, der lag gegen Morgen der Stadt Bethel, und richtete seine Hütte auf, dass er Bethel, gegen Abend und Ai gegen Morgen hatte; und baute daselbst dem Herrn einen Altar, und predigte von dem Namen des Herrn.“
Es lässt sich die Lage dieses Orts ebenso wie die des Hains More mit ziemlicher Gewissheit bestimmen: Bethel lag im Stamm Ephraim, 4-5 Stunden nördlich von Jerusalem auf dem Gebirgsrücken, der sich von dem Gebirge Juda her durch den Stamm Ephraim zieht, Ai dagegen im Tale des Jordan; so dass der Ort, wo Abram sein Zelt ausschlug, am Abhang des Gebirges gegen das Jordantal lag. Bethel (Haus Gottes) wird hier mit seinem späteren Namen genannt, der alte kanaanitische Name des Ortes war Lus.
Und nun heißts es: „Abram baute daselbst einen Altar „ wie schon im Hain More - und predigte von dem Namen „des Herrn.“ Wo er nur hinkam und einige Zeit verweilte, da richtete er ein Denkmal der Dankbarkeit gegen Gott auf und weihte damit seine Wohnstätte zu einer Stätte des Gottesdienstes, zu einem Hause Gottes ein. Und er begnügte sich auch nicht damit, den Herrn, seinen Gott, für sich und seine Familie anzurufen und zu verehren; sondern „er predigte von dem Namen des Herrn,“ er verkündigte den großen Namen des allein wahren, lebendigen Gottes auch den kanaanitischen Einwohnern des Landes, und war so gleichsam der erste Missionar unter diesem heidnischen Volk. Seht da am Vater der Gläubigen wiederum ein Vorbild dessen, was ein jeder Gläubiger in dem Kreise, wohin Gott ihn gestellt hat, sein sollte. Zuerst allerdings für die Seinen ein priesterlicher Hausvater, der so wie Josua spricht: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen.“ Dann aber auch für seine Umgebung ein Zeuge des Glaubens, ein Verkündiger der Wahrheit, ein Bekenner des lebendigen Gottes und seines Gesalbten, des Heilands. Nur so erfüllen die Gläubigen ihren Beruf, ein Salz der Erde, ein Licht der Welt zu sein, und wird ein jedes christliches Haus eine Stadt auf dem Berge, welche nicht verborgen bleibt, sondern zu welcher die um sie herum wohnen ausschauen. Es war dem Abram Herzensbedürfnis den Namen des Herrn zu verkündigen, an den er glaubte, der ihn berufen, bis hierher geführt und gesegnet hatte; und so kann auch, wo wahrer, lebendiger Abrahamsglaube ist, der Trieb nicht fehlen, von der erkannten Wahrheit Zeugnis zu geben, den Namen des Herrn zu preisen, und den Glauben, der uns tröstet und selig macht, auch Andern mitzuteilen.
„Danach wich Abram ferner und zog aus gegen Mittag. Es kam aber eine Teuerung in das Land. Da zog Abram hinab in Ägypten, dass er sich daselbst als ein Fremdling hielte; denn die Teuerung war groß im Lande.“
Wir machen nun hierbei nur darauf aufmerksam, dass hier von keinem Ruf oder Wink des Herrn die Rede ist; sondern dass Abram aus eigenem Antrieb, um der Teuerung auszuweichen, das Land Kanaan, in welches Gott ihn gewiesen hatte, verließ, um in Ägypten zu ziehen, freilich nur auf einige Zeit, „dass er sich daselbst als ein Fremdling hielte.“
„Und da er nahe bei Ägypten kam, sprach er zu seinem „Weibe Sarai: Siehe, ich weiß, dass Du ein schönes Weib von Angesicht bist. Wenn dich nun die Ägypter sehen werden, so werden sie sagen: das ist sein Weib; und werden mich erwürgen und Dich behalten. So sage doch, Du seist meine Schwester, auf dass mir's desto besser gehe deinetwegen und meine Seele bei Leben bleibe um deinetwillen.“.“
Wie konnte doch Sarai, werden Einige denken, die damals schon über 60 Jahre alt gewesen sein muss, noch so schön sein, dass Abram wegen ihrer Schönheit solche Furcht hegen konnte?
Auch das hängt mit der längeren Lebensdauer im Zeitalter der Patriarchen zusammen. Man alterte eben auch langsamer, und Sarai, zwischen dem 60ten und 70ten Jahre, hatte noch nicht die Hälfte ihrer Lebenszeit zurückgelegt und war daher verhältnismäßig nicht älter als jetzt eine 30-jährige Frau. Ihre außerordentliche Schönheit konnte darum wohl ihrem Manne Besorgnisse erwecken.
Aber hier sehen wir den Vater der Gläubigen aus Glaubensschwäche sündigen. Solche Momente der Glaubensschwäche haben alle Gläubigen zu allen Zeiten gehabt, und dass die Heilige Schrift auch an Abram solche Glaubensschwäche und daherige Sünde nicht verhehlt, daraus können wir nicht nur die vollkommene Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit erkennen, womit sie uns auch die Frommen darstellt, sondern auch die Warnung entnehmen, dass wir uns nicht auf unsere Kraft und Weisheit verlassen, sondern: „wer sich dünken lässt, er stehe, der sehe wohl zu, dass er nicht falle.“ Auch Abram ist gefallen, hat wenigstens gestrauchelt, ja, wir müssen sagen, er hat gesündigt. - So wie er nicht gewartet hatte auf einen Ruf des Herrn, um Kanaan zu verlassen, sondern nach eigener Klugheit handelte, als er um der Teuerung zu entgehen, nach Ägypten zog; so übergab er sich auch nicht voll Vertrauen der Leitung und Obhut des Herrn, sondern suchte durch eigene Klugheit der Gefahr zuvorzukommen, die ihm zu drohen schien. Und dies verleitete ihn zu einer Lüge. Es lässt sich zwar einiges zu seiner Entschuldigung sagen. Sarai war allerdings auch seine Schwester, nämlich seine Halbschwester, eine Tochter Tharahs, nur nicht von derselben Mutter; (Gen. XX, 12) er log also nicht damit, dass er sie für seine Schwester ausgab; aber indem er verschwieg, dass sie auch sein Weib sei, sagte er nicht die ganze Wahrheit, und führte die, vor welchen er sie für seine Schwester ausgab, in Irrtum. Eine halbe Wahrheit ist aber immer eine Unwahrheit, und wenn damit absichtlich Jemand getäuscht wird, so ist es eine Lüge. So müssen wenigstens wir urteilen, die den Wahrhaftigen, Jesum Christum, den König der Wahrheit, kennen; und dass Abram damals nicht so gewissenhaft war, wie ein Christ sein soll, ist daraus zu erklären, dass ihm die vollkommene Wahrhaftigkeit und Heiligkeit in Jesu Christo noch nicht offenbart war. Es zeigte sich auch, dass gerade diese Unwahrheit, die er sich aus falscher Klugheit zu Schulden kommen ließ, statt ihn vor Gefahr zu bewahren, ihm vielmehr größere Gefahr bereitete.
„Als nun Abram in Ägypten kam, sahen die Ägypter das Weib, dass sie sehr schön war. Und die Fürsten des Pharao sahen sie und priesen sie vor ihm. Da ward sie in des Pharaos Haus gebracht. Und er tat Abram Gutes um ihretwillen. Und er hatte Schafe, Rinder, Esel, Knechte und Mägde, Eselinnen und Kamele.“
Das hatte wohl Abram nicht vorgesehen, dass Sarai dem Könige von Ägypten, dem Pharao, ins Haus gebracht und von ihm zu seiner Gemahlin bestimmt werden würde, womit sie für ihn ganz verloren worden wäre; und die Reichtümer, womit ihn der Pharao beschenkte, konnten ihn schwerlich für den Verlust seines Weibes trösten, auf welcher die Verheißung ruhte, die Gott ihm gegeben hatte, dass Er seinen Samen zu einem großen Volke machen wolle. Aber so wie Abram untreu war, so war dagegen Gott getreu, und Gottes Treue machte wieder gut, was Abrams Glaubensschwäche schlecht gemacht hatte.
„Aber der Herr plagte den Pharao mit großen Plagen, und sein Haus, um Sarai, Abrams Weibes willen.“
Es ist anzunehmen, Pharao habe nun doch vernommen; dass Sarai Abrams Weib war, wahrscheinlich durch Sarais eigenes Geständnis, als sie die Gefahr sah, in welcher sie sich befand. Und da Pharao sich nicht sogleich entschloss, sie ihrem Manne zurückzugeben, sondern sie behalten wollte, ließ Gott ihn seine züchtigende Hand fühlen.
„Da rief Pharao Abram zu sich und sprach: Warum hast Du mir das getan? Warum sagtest Du mir's nicht, dass sie dein Weib wäre? Warum sprachst Du denn, sie wäre deine Schwester? Derhalben ich sie mir zum Weibe nehmen wollte. Und nun siehe, da hast Du dein Weib, nimm sie und zeuch hin. Und Pharao befahl seinen Leuten über ihm, dass sie ihn geleiteten und sein Weib und Alles, was er hatte.“
O wie muss es doch den gläubigen Abraham beschämt haben, sich von einem heidnischen Könige den verdienten Vorwurf der Unwahrheit machen lassen zu müssen! Wie muss es ihn beschämt haben, von demselben an Gewissenhaftigkeit und Großmut überwunden zu werden!
Und wie muss es ihn vor Gott gedemütigt haben, seine eigene Torheit und Sünde gerade in dem zu erkennen, was er für Klugheit hielt, es zu erkennen, dass allein die Gnade seines treuen Herrn und Gottes ihn aus der Gefahr errettete, in welche er sich mutwillig begeben hatte! Er kehrte nicht nur mit den Gaben Pharaos, sondern auch mit einer großen Erfahrung bereichert, nach Kanaan zurück.
Meine Lieben! solche Erfahrungen, wie Abram bei seinem Aufenthalt in Ägypten, machen alle Gläubigen und können auch wir in unserm Leben machen. Wenn wir, statt der Leitung Gottes uns zu überlassen und auf seinen Ruf zu achten, auf selbstgewählten Wegen wandeln, so geraten auch wir oft in Versuchung und Not! Und wenn unser Glaube wankt, so zeigt sich auch unsere sittliche Schwachheit und wir fallen in Unwahrheit und Sünde. Dann lässt uns auch der Herr die Folgen unserer Torheit und Sünde empfinden und führt uns in Lagen, wo wir keinen Ausweg mehr wissen, damit wir es inne werden, das unsere Gedanken nicht seine Gedanken und unsere Wege nicht seine Wege sind, und es erfahren, dass Er allein uns helfen kann. Da kann es uns denn auch widerfahren, wie Abram, dass Weltmenschen, von denen wir denken, sie kennen den wahren Gott weniger gut als wir, uns an Aufrichtigkeit, Gewissenhaftigkeit und Edelmut beschämen, gleich wie Pharao den Abram beschämte. Denn der wahre Glaube, meine Freunde, ist nicht die Einbildung besser zu sein als Andere, noch das Vertrauen auf eigene Kraft und Weisheit; sondern der wahre Glaube ist vielmehr unzertrennlich von dem Gefühl der eigenen Unwürdigkeit vor Gott und vom Misstrauen in unsere eigene Kraft und Weisheit. Und Gott lässt die Gläubigen straucheln und fallen, damit sie desto ernstlicher seine Gnade suchen, ihr Vertrauen allein auf Ihn setzen und im Glauben gestärkt werden.
Wir sehen auch an Abram, wie jede Unlauterkeit und Unwahrheit den Segen hemmt, den der Gläubige zu stiften berufen ist. So wie er mit einer Lüge in Ägypten eintrat, so war er auch unfähig, die ihm gegebene Verheißung zu verwirklichen: „Du sollst ein Segen sein.“ Hier in Ägypten baute er dem Herrn keinen Altar, und predigte nicht von dem Namen des Herrn. Denn wie hätte er von dem wahren Gott zeugen können, während er mit Unwahrheit umging? Auch gewann er wohl Pharaos Freundschaft, dass er ihn aber für den Glauben an den wahren Gott gewonnen hätte, davon sehen wir nichts. Das wäre nur möglich gewesen, wenn er von Anfang an mit vollkommener Aufrichtigkeit und furchtlos in seinem Glauben an den Herrn aufgetreten wäre.
meine Freunde! lassen wir es uns gesagt sein: jede Unwahrheit, jede Verstellung, macht der Welt unsere Frömmigkeit verdächtig und hindert uns, Andere zum Glauben zu führen. Dies lässt Gott nur den ganz Aufrichtigen gelingen.
Abram war damals noch nicht zur vollen Reife und Festigkeit des Glaubens gelangt, darum verzog auch Gott der Herr die Verheißung noch über 20 Jahre lang. Aber Gott hielt dennoch Wort, und er ließ Abram nicht fallen. Wie wir es schon in der ersten Betrachtung bei dem Überblick über die ganze Heilsgeschichte angedeutet haben, Gottes Ratschläge sind unwandelbar und ihre endliche Erfüllung gewiss. Aber der Fortschritt ihrer Verwirklichung in der Zeit hat der Allweise nach dem Verhalten der freigeschaffenen und darum der Sünde fähigen Menschen geordnet. Sie können Zeit und Stunde der Offenbarung des verheißenen Heiles aufhalten, und zeitweilige Störungen im äußerlichen Gang der Reichsgeschichte Gottes, wie in der Führung zum Heil für die einzelne Seele, verursachen; Zögerungen und Störungen aber, die nur dazu dienen, Gottes Gnade und Treue noch herrlicher leuchten zu lassen. Es soll immer neu offenbar werden, dass der Menschen Untreue Gottes Treue nicht aufhebt; sondern es vielmehr dabei bleibt, dass Gott sei wahrhaftig und alle Menschen falsch. (Röm. III, 4.) „Sein Rat ist wunderbar, und führt es herrlich hinaus.“ (Jes. XXVIII, 29.)