Arnd, Johann - Von der wahren Buße und Bekehrung
Unser liebevoller Gott, der nicht unser Verderben, sondern unser ewiges Heil und unsre Seligkeit will, und der am besten unser Elend kennt und sieht, und uns gern daraus erretten möchte, lockt und reizt uns auf mancherlei Weise zur Buße: denn durch wahre Buße und Belehrung will Er uns heilen und helfen. (Jer. 17, 14.)
Er lockt uns einmal durch scharfe Drohungen: Ich will ein Unglück über dies Volk bringen, nämlich ihren verdienten Lohn, darum, dass sie auf meine Worte nicht achten, und mein Gesetz verwerfen. (Jer. 6, 19.)
Weil ihr denn alle solche Stücke treibt, spricht der Herr, und ich euch stets predigen lasse, und ihr wollt nicht hören: so will ich euch auch von meinem Angesichte verwerfen. (Jer. 7, 13. 15.) Vor diesen furchtbaren Drohworten sollten wir billig erschrecken, denn es wird uns darin zeitliche und ewige Strafe angekündigt. Die göttlichen Drohungen sind kein leerer Schall, sondern haben einen mächtigen Nachdruck, und gehen endlich in ihre Kraft. Und wir erfahren ja, was uns Gott der Herr für Unglück und Herzensleid zuschickt, wir‘s an allen Ecken voll haben. Und wenn wir nicht Buße tun, so wird Gottes Zorn durch Krieg, Hunger, Krankheit, Feuer und Wasser dermaßen entbrennen, dass solches Feuer die Grundfeste verzehren wird, wie zu Jerusalem. (Klagl. Jer. 4, 11.)
Wollen wir uns aber durch Gottes Zorn und Drohungen nicht zur Buße treiben, so sollen wir uns durch seine Gnade dazu bewegen lassen, wenn Er spricht: Kehre doch wieder zu mir, du abtrünniges Israel, so will ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen. Denn ich bin barmherzig, spricht der Herr, und will nicht ewig zürnen: allein erkenne deine Missetat, dass du wider den Herrn, deinen Gott gesündigt hast. (Jer. 3, 12. 13.) Da bietet uns Gott seine Gnade an, ja Er fleht und bittet, wir sollen doch wieder zu Ihm kommen, so wolle Er Buße annehmen für die Sünde. (Weish. 12, 18. 19.)
Ebenso freundlich redet uns auch der Herr durch den Propheten Joel zu: (Kap. 2, 12. 13.) Bekehrt euch zu mir von ganzem Herzen, mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen. Zerreißt eure Herzen, und nicht eure Kleider, und bekehrt euch zum Herrn eurem Gott. Denn Er ist gnädig, barmherzig und von großer Gute, und gereut Ihn bald der Strafe.
Buße tun und sich zum Herrn bekehren heißt aber, aus dem Gesetz Gottes seines Herzens angeborene Blindheit, Bosheit, Unreinigkeit und Gottlosigkeit erkennen, als den Quell aller Sünde, wodurch wir uns von Gott, dem höchsten, ewigen Gut abgewendet, Zorn und Verdammnis, und allerlei zeitliche Strafen verdient haben. Wir sollen wahrhaft Reue und Leid darüber empfinden, nicht wegen der Strafe, sondern weil wir Gott den Herrn, der die Liebe selbst, der unser Vater ist, beleidigt haben; wir sollen unser Leben ernstlich bessern, das böse Herz durch den Glauben an Jesum reinigen, die bösen Lüste dämpfen, dem eignen Willen absterben, und in Christo ein neues, Gott gefälliges Leben anfangen, und so rechtschaffene Früchte der Buße tun. Wascht, reinigt euch usw. (Jes. 1,16-18).
Das ist freilich bald gesagt, aber schwer zu tun; denn niemand will, die Bosheit seines Herzens recht erkennen und sich selbst hassen lernen. Jeder schmeichelt seinem alten Menschen, hat Gefallen an sich selber, achtet daher auch die Gnade in Christo nicht hoch, und versäumet sie mutwillig.
Wenn es nun ausdrücklich heißt, dass wir uns zum Herrn bekehren, zu Ihm um kehren sollen, so muss uns das erinnern, dass wir uns von Gott abgekehrt, und die lebendige Quelle verlassen haben, (Jer. 2, 13.) und dass wir kein Leben und keine Seligkeit haben können, wenn wir uns nicht wieder zu Ihm wenden. So kehret nun wieder, ihr abtrünnigen Kinder; so will ich euch heilen von eurem Ungehorsam; erkennt nur euer Elend, so will ich mich eurer erbarmen. (Jer. 3, 22.)
Weil wir aber unser Elend von uns selbst nicht erkennen können, so hat Gott Mittel dazu verordnet, nämlich sein Wort und die heiligen Sakramente, durch welche sein Geist auf uns wirkt, und wodurch Er uns wie verlorene Schafe lockt. Denn wie ein verirrtes Schaf von selbst nicht wieder kommen kann, es sei denn, dass es der Hirt suche und wieder bringe; so würden auch wir ewig in der Irre laufen, wenn uns Gott nicht suchte, wie die Beispiele von Petrus und Paulus beweisen. Darum spricht der Prophet: (Jer. 31, 18.) Bekehre Du mich, Herr, so werde ich bekehrt, und Kap. 17, 14. Heile Du mich, Herr, so werde ich heil; hilf Du mir, so ist mir geholfen. Und der Apostel: Gott ist's, der in uns wirkt, beide, das Wollen und Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen. (Phil. 2, 13.)
Wenn uns nun Gott durch die Gnadenmittel zur Buße lockt, so sollen wir seinem Geist nicht widerstreben: Heute, heute, so ihr seine Stimme hört, so verstockt euer Herz nicht; (Ps. 95, 7. 8.) wir sollen die Sünde, die an uns gestraft wird, für Sünde erkennen, und die uns angebotene Gnade Gottes nicht verachten. Erst dann will sich Gott unsrer erbarmen; denn bei Ihm ist viel Vergebung. (Jes. 55, 7.) Ob nun gleich die Bekehrung ein Gnadenwerk Gottes ist so haben wir doch auch das bei zu tun, dass wir dem heiligen Geist nicht widerstreben, die Gnade nicht verachten und von uns stoßen, (Ap. Gesch. 13, 46.) die Ohren nicht verstopfen, wie die Juden; (Ap. Gesch. 7, 56.) sondern unsre Krankheit nach dem Gesetz erkennen, und uns nach dem Evangelium heilen, und wie Kranke von dem Arzt behandeln lassen. Wenn ein Schaf in der Irre läuft, und hört von ferne die Stimme des Hirten, so kehrt es auf der Stelle um und folgt dem Ruf des Hirten. Warum tun wir das nicht auch? Sind wir denn unvernünftiger als das dumme Vieh?
Ein Ochs kennt seinen Herrn, und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt mein nicht. (Jes. 1, 3.) Wo ist Jemand, so da fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist, der da irre geht, nicht gern wieder zurecht käme? Ein Storch und eine Schwalbe wissen die Zeit, wenn sie wieder kommen sollen; aber mein Volk will's nicht wissen. (Jer. 8, 4. 7.)
Darum müssen wir beständig zu Gott seufzen, dass Er seine Gnadenhand nicht von uns abziehe, sondern die Sünde in uns gedämpft werde, dass sie nicht herrsche. Wie unser Leib nicht einen Augenblick der Luft entbehren kann, so kann unsre Seele nicht ohne die Gnade Gottes sein. Darum betet Salomo: Der Herr unser Gott sei mit uns, und verlasse uns nicht, und ziehe seine Hand nicht von uns ab; zu neigen unser Herz zu Ihm, dass wir wandeln in seinen Wegen. (1. Kön. 8, 57.58.)
Dies sollen wir uns nicht im allgemeinen gesagt sein lassen, sondern Jeder soll es recht zu Herzen nehmen, auf sich selbst setzen, sich selber bessern; so werden wir Alle gebessert. Darum heißt es: Wenn ihr mich von Herzen sucht, so will ich mich von euch finden lassen. (Jer. 29, 13.)
Es ist aber noch nicht genug, von äußerlichen, groben Sünden abzulassen, der Welt außer uns zu entsagen; sondern die Welt in uns, die inwendigen Empfindungen und Neigungen des Stolzes, Geizes, Zornes, der Feindschaft, Rachgier, Bosheit, Wollust usw. müssen gedämpft werden. Denn Gott will ein neues Herz haben, eine neue Kreatur in Christo Jesu. (2. Kor. 5, 17.) Keiner ist so fromm und rein, dass er nicht täglich an seinem bösen Herzen zu bessern habe. Wie ein Brunnen sein Wasser quillt, so quillt eure Bosheit. (Jer. 6, 7.)
Das Bekehren zum Herrn soll nun von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen geschehen. Um zeitliche Dinge weinen wir - aber die arme Seele, wie David im 6ten und 38sten Psalm tut, will Niemand beweinen. Unsre Buße muss von Herzen gehen, wenn sie keine Heuchelei sein soll. Denn Gott sieht das Herz an; Er prüft Herz und Nieren. (1. B. Sam. 16, 7. Ps. 7, 10.)
Das Fasten ist hier ein allgemeines Fasten des ganzen Volks, da die ganze öffentlich vor tut, ihre Sünden öffentlich bekennt, bereut, beweint und dabei fastet, um nüchtern mit Leib und Seele Gott um Vergebung der Sünde, und um Abwendung allgemeiner Strafe anzurufen und zu bitten. So ein allgemeines Fasten mit wahrer Buße und Reue, im Glauben und Gebet, Abbitte, ist sehr mit Bekenntnis und kräftig, Gottes Zorn und große Landplagen abzuwenden, wie wir im Buch der Richter lesen, (Kap. 20, 26.) da die Stämme Israel von dem Stamm Benjamin geschlagen worden, und 30.000 Mann verloren, da kam alles Volk zum Hause Gottes, weinten und blieben daselbst vor dem Herrn, und fasteten denselben Tag bis auf den Abend. Wichtig ist auch das große Beispiel des Ninivitischen Fastens, (Jon. 3, 10.) und dasjenige der Kinder Israel, als sie von den Philistern geschlagen wurden, und Saul und Jonathan umkamen; da fasteten sie sie sieben Tage. (1. Chron. 11, 12.)
Dieses Bußfasten ist auch in den ersten Kirchen gebräuchlich gewesen, da die ganze Gemeine in großer, allgemeiner Not Buße tat; nicht um Vergebung der Sünde damit zu verdienen, sondern mit reuenden, nüchternen, demütigen Herzen Gott um Abwendung der allgemeinen Strafe zu bitten, welches billig noch beibehalten werden sollte. Denn ein solches Bußfasten wäre unsre rechte Festung und Mauer im Kriege wider unsre Feinde, ein großer Segen in Teuerung, eine allgemeine Arznei in Seuchen, und ein Schutz aller unsrer Güter, wie wir vom Hiob lesen, dass er sich für seine Kinder mit Opfer, Gebet und Fasten bei Gott verwendete, so oft sie einen Tag im Wohlleben zugebracht hatten, und wie er sein Haus mit dem Gebet gleichsam verzäunt und verwahrt hatte, dass ihm der Teufel keinen Eingriff tun konnte.
In den großen Landstrafen sieht sich Gott der Herr nach solchen Leuten um, die seinen Zorn als eine Mauer aufhalten, wie wir im Ezechiel (Kap. 22, 30. 31.) lesen: Ich suchte unter ihnen, ob sich Jemand zur Mauer machte, und wider den Riss stünde gegen mich für das Land, dass ich es nicht verderbte aber ich fand Keinen. Darum schüttete ich meinen Zorn über sie, und mit dem Feuer meines Grimmes machte ich ihrer ein Ende, und gab ihnen ihren Verdienst auf ihren Kopf. Eine solche Mauer war Daniel, da er des ganzen Volks Sünde bekennt rc. (Dan. 9,3.) Der Prophet Joel beschreibt ein solches Bußfasten: Blast mit Posaunen zu Zion, heiligt ein Fasten, ruft die Gemeine zusammen, sammelt die Ältesten, heiligt das Volk, bringet zusammen die jungen Kinder und Säuglinge. Der Bräutigam gehe aus seiner Kammer, und die Braut aus ihrem Gemach. Lasst die Priester, des Herrn Diener weinen und sagen: Herr, schone deines Volks, und lass dein Erbe nicht zu Schanden werden. (Joel 2, 15. 16. 17.)
Mit dem Fasten soll es aber dem Volk ein großer Ernst und keine Heuchelei sein; denn Gott will die Sünde bekannt haben von Jedermann; Er will wahre Demut und Buße von uns haben: zerreißt eure Herzen, und nicht eure Kleider. Die Juden hatten den Gebrauch, wenn sie etwas Schreckliches hörten oder sahen, ihre Kleider zu zerreißen; taten es aber oft aus Heuchelei, und gingen in zerrissenen Kleidern, oft zum Schein. Dawider fastete auch der Prophet Jesajas: Sollte das ein Fasten sein, das ich erwählen soll, dass ein Mensch seinen Kopf hänge, wie ein Schilf, oder auf einem Sack und in der Asche liege? Wollt ihr das ein Fasten nennen, und einen Tag, dem Herrn angenehm? Das ist aber ein Fasten, das ich erwähle: Lass los, welche du mit Unrecht verbindest; lass ledig, welche du beschwerst; gib frei, welche du bedrängst; reiße weg allerlei Last; brich dem Hungrigen dein Brot usw. (Jes. 58, 5. rc.)
Wir sollen also von Sünden ablassen, die Lüste des Fleisches dämpfen, Liebe, Geduld und Barmherzigkeit üben, und das alles mit bußfertigem, zerbrochenem Herzen. Ein zerknirschtes Herz, dem die Sünde wehe tut ein niedergeschlagener Geist ist nach Ps. 51,19. dem Herrn das angenehmste Opfer. Nur so wird das Herz der Empfindung der Gnade Gottes, des Trostes vom heiligen Geiste, und des Glaubens an das teure Verdienst und Blut Jesu Christi fähig. Denn die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. (Matth. 9,12.)
In den oben angeführten Worten des Propheten Joel sind auch die Beweggründe enthalten, die uns zur Buße führen sollen. Er sagt: Gott ist gnädig, das heißt, Er lässt sich bald erbitten, nicht mit uns nach unserm Verdienst und nach der strengen Gerechtigkeit zu handeln, wovon wir herrliche Verheißungen haben: Wird der Beleidigte zu mir schreien, so werde ich ihn erhören; denn ich bin gnädig. (2. Mos. 22,27.) Er wird dir gnädig sein, wenn du rufst; Er wird dir antworten, so bald Er es hört. Darum harrt der Herr, dass Er euch gnädig sei. (Jes. 30,18.19.)
Gott ist barmherzig, das ist unser Elend geht Ihm zu Herzen, tat Ihm Er hat Mitleiden mit uns, wie Eltern mit dem und ihrer Kinder Mitleiden haben; z. B. David: Absalon, mein Sohn, wollte Gott, ich müsste für dich sterben. Darum hat Gottes Sohn selbst für uns gelitten; und mit dieser Barmherzigkeit hat Er alles väterliche und mütterliche Erbarmen übertroffen. Wenn auch eine Mutter ihres Kindleins vergäße usw. (Jes. 49, 15.) Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein trautes Kind? Darum bricht mir mein Herz gegen ihn, dass ich mich sein erbarmen muss. (Jer. 31, 20.) Dein Gott ist ein barmherziger Gott: Er wird dich nicht lassen verderben, noch vergessen des Bundes, den Er den Vätern geschworen hat. (5. Mos. 4, 31.) - Barmherzig und gnädig ist der Herr. (Ps. 103, 8.) - Ich ermahne euch durch die Barmherzigkeit Gottes. (Rom. 12, 1.)
Elend den Gebrechenden! (2. Sam. 18,16)
Gott ist geduldig, Er lässt sich nicht so leicht zum Zorn bewegen, lässt uns Zeit zur Buße und Bekehrung. Das hat Er reichlich an uns bewiesen, und Petrus bezeugt: Gott hat Geduld mit uns, und will nicht, dass Jemand verloren gehe, sondern dass sich Jedermann zur Buße kehre und lebe. (2. Petr. 3, 9.) - Die Geduld unsers Herrn Jesu Christi achtet für eure Seligkeit. (V. 15.) So gab Gott der ersten Welt 120 Jahre Zeit zur Buße. (1. Mos. 6, 3.) Und wie lange hat Er uns Zeit zur Buße gegeben?! Aber die Strafe kommt danach desto schneller und häufiger.
Gott ist auch von großer Güte. Weißt du nicht, dass dich Gottes Gute zur Buße leitet? (Röm. 2, 4.) - Die Güte des Herrn ist's, dass wir noch nicht gar aus sind. (Klagl. 3, 22.)Es soll Ihm eine Lust sein, dass Er uns Gutes tun möge. (Jer. 32, 41.) -Seine Güte reicht soweit der Himmel ist. (Ps. 36, 6.)
Es gereut Ihn bald der Strafe.
Er straft ungern, und wenn Er straft, so geschieht es zu unsrer Besserung und Seligkeit: auf dass wir nicht mit der gottlosen Welt verdammt werden. (Jes. 28, 21.) So gereute Ihn bald die Strafe zu Ninive. (Jon. 3, 10.) Sobald dich deine Sünde gereut, und du im wahren Glauben Gott dieselbe abbittest, sobald gereut auch Gott die Strafe. Sollte mich denn nicht jammern der großen Stadt? (Jon. 4, 11.) Darum lass dich doch die Gnade und Barmherzigkeit, die Geduld und Güte Gottes zur Buße bewegen.
Von den Eigenschaften der wahren Buße belehrt uns die Bibel an vielen Orten. Christus sagt: So Jemand zu mir kommt, und hasst sich nicht selbst, und dazu sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein. (Luk. 14, 26.) Ferner: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. (Eur. 9, 23.) Sich selbst aber verleugnen und hassen heißt: seinen eignen Willen, seiner eignen Liebe und Ehre absterben; sich zu gering achten aller Barmherzigkeit Gottes; (1. Mos. 32, 10.) sich unter alle Menschen, erniedrigen, wie der Herr sagt: Ich bin ein Wurm, und kein Mensch. (Ps. 22, 7.) Wir hassen uns, wenn wir alles, was dem Fleisch wohl tut, an uns selbst strafen, das Fleisch kreuzigen, samt den Lüsten und Begierden; wenn wir uns selbst als des ewigen Todes würdig anklagen. Wir nehmen unser Kreuz auf uns, und folgen Jesu nach, wenn wir ohne Widerrede und Unmut in der Stille unsre Trübsal willig auf uns nehmen, und immer gedenken, wir haben ein weit größeres Leiden verdient.
Ein recht bußfertiges und demütiges Herz wird sich also nicht einmal eines Bissen Brots würdig achten. Wenn unsre Väter im Alten Testamente Buße taten, so zogen sie Säcke über die bloße Haut, setzten sich in die Asche und aßen trockenes Brot, das sie in die Asche legten, und unter Tränen aßen; sie zeigten damit an, dass sie nicht wert wären, reines Brot zu essen, und einen lauteren Trank zu trinken. Ich esse Asche wie Brot, und mische meinen Trank mit Weinen. (Ps. 102, 10.) Als David den Mephiboseth an seinem Tische essen ließ, so sagte dieser: Wer bin ich? ein toter Hund, dass ich über des Königs Tische essen soll. (2. Sam. 9, 8.) Das ist ein Bild eines demütigen und bußfertigen Herzens, das sich der Wohltaten Gottes nicht wert achtet. So möchten wir auch wohl zu unserm Herrn sagen, wenn Er uns im heiligen Abendmahl mit seinem Leibe und Blute speist und tränkt.
Der verlorene Sohn, als er Buße tat, hielt er sich nicht wert, seines Vaters Sohn zu heißen; er wollte gern nur sein Taglöhner sein. Das kananäische Weib verglich sich mit einem Hündlein, um nur die vom Tische gefallenen Brosamen zu essen. Petrus sagte: Herr, gehe von mir hinaus, ich bin ein sündiger Mensch. Der Hauptmann von Kapernaum hielt sich nicht wert, dass der Herr unter sein Dach komme. Paulus achtete sich nicht wert, ein Apostel zu heißen.
Eine andere Eigenschaft der Bußfertigen ist höchster dass sie Gott erzürnt haben. Gott ist das höchste, ewige Gut, und die höchste Liebe. Er hat uns seinen eigenen Sohn und den heiligen Geist geschenkt, und gibt sich selbst uns; ist unser gütiger Vater und nimmt uns zu Kindern an: dennoch erzürnen wir Ihn, widerstreben Ihm, und hassen Ihn. Was ist das für ein heiliger Gott, den alle Engel anbeten, sich vor Ihm fürchten, Ihm das Heilig singen, (Jes. 6, 3.) und du bist Erde und Asche, und beleidigst Ihn. Wenn ein bußfertiges Herz dies recht bedenkt, so wird eine schmerzliche Reue und Gottschmerz und Traurigkeit in ihm - wie der Mensch hat nicht Frieden, noch Ruhe, wie Hiob klagt, (Kap. 6, 1.) und vergeht ihm alle Freude in der Welt, dass er weder essen noch trinken kann. Davon heißt es: deine Pfeile stecken in mir und deine Hand drückt mich. (Ps. 38, 3.)
Wenn nun ein bußfertiges Herz wirklich empfindet, dass ihm nichts so weh tut, als dass es Gott, das höchste Gut und die höchste Liebe erzürnt habe, so ist es in der rechten Bußstimmung, und kann mit David sagen: An Dir allein habe ich gesündigt, (Ps. 51, 6.) und mit Daniel: Du bist gerecht, wir aber müssen uns schämen, (Dan. 9, 7.) dass wir so einen gerechten Gott beleidigt haben.
Ein bußfertiges Herz verzagt auch an allen seinen Kräften, wie David: Siehe, meine Tage sind einer Hand breit bei Dir, und mein Leben ist wie nichts vor Dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! (Ps. 39, 6.) Es ist eine große Weisheit, wenn der Mensch sein eigenes Nichts erkennt; wenn er fühlt: meine Tage sind dahin, wie ich verdorre, wie Gras. (Ps. 102, 12.) Wie der Schatten von sich selbst kein Leben und keine Bewegung hat, wie er verschwindet, sobald sich die Sonne verbirgt; also ist der Mensch von sich selbst nichts, wenn er sich von Gott entfernt.
Wenn so der Mensch seine Unwürdigkeit und Nichtigkeit, und tiefen Schmerz über seine Sünden empfindet; wenn er sich dadurch von Gott geschieden sieht, so ist er auf dem Wege, durch wahre Belehrung wieder mit Gott in Christo vereinigt zu werden. Wie nun die ewige Gottheit sich mit der menschlichen Natur in Christo also vereinigt hat, dass auch der Tod diese Vereinigung nicht hat trennen können; so werden die gläubigen Seelen durch die Bekehrung, durch Glauben und herzliches Vertrauen zu Gott also mit Ihm vereinigt, dass sie weder Leben noch Tod scheiden kann. (Rom. 8, 38.) Denn die dem Herrn anhangen, die werden Ein Geist mit Ihm. (1. Kor. 6, 17.) Und Gott will sich in Ewigkeit mit uns verloben. (Hos. 2, 19.)
Wie nun Gott und Christus ewig ist, so sind es auch seine Verheißungen, durch welche Er mit uns einen ewigen Gnadenbund gemacht hat, (Ps. 111, 5.) der nicht aufhören wird, wenn uns gleich die Welt verlässt und die Sünde plagt; ja wenn uns gleich Leib und Seele verschmachten, so ist doch Gott unsers Herzens Trost und unser Teil. (Ps. 73, 26.)