Altherr, Johannes - Maria und Martha in ihrer Christusliebe.

Predigt über Luk. 10. 38-42, von Joh. Altherr, Pfarrer in Schwellbrunn.

Geliebte in dem Herrn!

Unsere Texterzählung ist so einfach, klar und fasslich, dass ich nur das Buch schließen, Amen sagen und die weitere Anschauung Jedem überlassen könnte. Doch enthält jene Erzählung wieder Manches, was nicht so gerade auf flacher Hand liegt, enthält Tiefen, die sich uns ersterschließen, wenn wir uns Mühe geben, tiefer in ihren lieblichen Inhalt einzudringen. Ein berühmtes Schwesterpaar wird uns vorgestellt. Aber es ist nicht die Welt, der sie berühmt sind und die sie berühmt gemacht hat. Ist es doch weder die Schönheit, welche an ihnen gerühmt wird, noch der Reichtum, um deswillen sie genannt sind. Auch sind sie nie auf Bühnen und Brettern gestanden, und haben dort, sei's mit ihren Stimmen oder der Fertigkeit ihres Spieles oder anderswie, die Welt außer Fassung gebracht und fast zu einer Menschenvergötterung hingerissen. Was hat sie denn so berühmt gemacht? Nichts, was einem gewöhnlichen Auge und Menschen besonders groß und bemerkenswert erscheint; vielmehr werden Manche, wenn sie hören, was diese Schwestern getan haben, verwundert ausrufen: Ja, ist es denn nur das?!

Was Maria und Martha der ganzen Kirche Christi in ein so liebliches Andenken gerufen; was ihren Namen im Munde aller Christen einen so wohllautenden Klang gegeben; was viele Eltern in eigentlicher Vorliebe für sie veranlasst hat, ihre Kinder nach ihnen zu nennen, hoffend, sie nehmen an ihnen dann später Vorbilder, und werden auch eine Maria oder Martha: - das ist ihre Christusliebe!

Beide Schwestern lieben Christus, und zwar herzlich, aber nicht beide gleich, wenigstens äußern nicht beide ihre Liebe auf gleiche Weise. Jede von ihnen zeigt ihre Christusliebe in der Weise und Form, wie sie dem natürlichen Wesen und der Gemütsbeschaffenheit einer Jeden entspricht. Jede dieser beiden Arten von Liebeserweisungen hat ihre eigentümlichen Schönheiten und Vorzüge, jede aber auch wieder ihre Gefahren und Klippen, an denen sie leicht scheitern könnte.

Wie jede dieser Schwestern ihre Liebe an den Tag legt, was für eine Gefahr jeder drohe, und was Christus zu ihrer verschiedenen Liebeserweisung sagt, das bilde den Inhalt unserer heutigen Betrachtung.

I.

In der Nähe von Jerusalem liegt das stille, freundliche Bethanien, ein Lieblingsaufenthalt Jesu, wohin er nach dem Geräusche und der Arbeit des Tages so gerne sich zurück zog. Dort wohnten Seelen, die mit inniger Zärtlichkeit an ihm hingen. Wie lieblich und innig sein Verhältnis zu dem Geschwisterkreise war, in welchen unsere Texterzählung uns führt, das deutet jene Bemerkung an, mit welcher die zwei Schwestern dem Herrn einst die gefährliche Krankheit ihres Bruders meldeten: „Herr! den du lieb hast, der liegt krank.“

Einmal kommt Jesus auch nach diesem Bethanien; ob von der Nähe oder Ferne, ob müde und hungrig oder nicht, ob allein oder mit Jüngern, das wissen wir nicht. Aber das wissen wir, dass er, kaum angekommen, seinen Mund auftat zu Worten der Wahrheit und des Lebens; denn es heißt: „Maria aber setzte sich zu Jesu Füßen und hörte seiner Rede zu.“ Sie lässt Alles im Stiche, sie setzt ihre Arbeit und Alles bei Seite, nur um bei ihm zu sein und ihn zu hören. Wie sie Auge und Ohr ist, wie sie jedes seiner Worte achtet, dass ihr keines entgehe! „Und sie behält dieselben in ihrem Herzen und bewegt sie.“

Das Wenige, das uns von Maria erzählt ist, kündet sie uns an als ein stilles, tiefes und sinniges Gemüt, das schnell das für diesen Augenblick Richtigste und Wichtigste zu ergreifen und zu benützen versteht. Sie setzt sich alsobald zu Jesus hin, und läuft sich nicht zuerst um Nebendinge halb außer Atem, damit sie dem nur halb Auge und Ohr sei, und das Wort des Herrn nur ein halb gesammeltes und bereitetes Herz finde zur Aufnahme. Den Herrn zu haben und zu hören ganz und ungeteilt, seine Gegenwart recht zu nützen und zu genießen, das ist's, worin eine Maria ihre Christusliebe zeigt.

Anders Martha. „Sie nahm ihn auf in ihr Haus und machte sich viel zu schaffen“, ihm zu dienen, heißt es von ihr. Martha war wahrscheinlich die Hauswirtin; gastfreundlich öffnet sie ihm ihr Haus, und lässt es sich dann angelegen sein, es ihm recht bequem zu machen und ihn gut zu bewirten. Sie begnügt sich nicht mit dem Notwendigsten und Gewöhnlichen, vielmehr will sie bei diesem werten Besuche ein Übriges tun. Sie machte sich viel zu schaffen, um ihm zu dienen, und hatte deshalb keine Zeit, den Unterredungen Jesu beizuwohnen.

Wer erkennt nicht in der Martha jene vielbesorgte, vieltätige Hausmütterlichkeit, die für des Hauses und der Ihrigen Wohl unablässig bekümmert ist und in übergroßer Tätigkeit und Besorgtheit lieber zu viel als zu wenig, lieber einen Schritt mehr als weniger tun will; jene Hausmütterlichkeit, die aber auf Außendinge, auf Nichtwesentliches und Notwendiges einen viel zu großen Wert setzt? In eine möglichst gute Bedienung, nicht um von ihrem Gaste ein Kompliment oder einen Ruhm zu erhaschen, sondern gewiss in herzlicher und aufrichtiger Liebe, die da meint, nicht genug geben und tun zu können, setzt Martha den Beweis ihrer Christusliebe. Aber eben das, dass sie diesem Äußern so viel rechnet, spricht nicht von großer Tiefe und Innigkeit ihres Gemütes, sondern von einer ziemlichen Äußerlichkeit, oder doch einer Neigung dazu.

Wie verschieden tun also diese Schwestern die Christusliebe kund! Die eine im ruhigen, stillen Hinsetzen zu Jesu, die andere in hastiger, ruheloser Eile; die eine im Nehmen und Empfangen, die andere im Geben und Mitteilen. Sofern aber ihr verschiedenes Benehmen nichts Anderes ist als eben der Ausdruck ihrer Liebe zum Herrn, welche die eine so, die andere so erweist, jede wie es ihrem übrigen natürlichen Wesen eigentümlich ist, sind Beide Jüngerinnen des Herrn. Und beide Arten von Liebeserweisungen sind berechtigt in der Kirche Christi, und sogar notwendig; denn es wird zu anderer Zeit weder Maria das Äußere und die Tätigkeit versäumt haben, noch Martha das Innere und das stille Erstarken im Herrn.

Diese Liebe zu Christus, die sich verschieden betätigt, finden wir auch noch heute in der Gemeinde Christi. Wir finden unter den Verehrern Jesu Marianaturen. Es sind das Menschen, die den Herrn gefunden und geschmeckt haben, wie freundlich er ist; Menschen, die an ihm, als dem Brote, das vom Himmel gekommen, ihren Hunger gestillt, und mit dem Lebenswasser, das er reicht, ihren Durst gelöscht haben; Menschen, denen er in Wahrheit auch geworden ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wie sie den Herrn Jesum so lieb haben! Er ist ihnen Krone und Stern, ihr Licht, ihr Leben, ihr Alles geworden. Darum lässt sich denn auch ihr ganzes Sinnen und Fühlen zusammen fassen in die Worte: Wenn ich ihn nur habe, meinen Jesum Christ!

Diese Christusliebe aber, so sehr sie ist eine mächtige Glut des Herzens, sie flackert nicht auf in vielen Worten, sie flammt nicht hervor in vielseitigen Werken und Taten. Ja, wo Gelegenheit ist, vom Herrn zu hören und bei ihm zu sein, im Worte, im Gotteshause, im Gebete; da sind sie daheim, da ist ihnen wohl. Nicht zwar, dass sie ihre Liebe auf keinerlei Weise betätigen, als eben mit Lesen oder Beten, oder Hören des Wortes. Wenn es aber geschieht, so tun sie es so still und unmerklich und auf eine Weise, dass man bald merkt, wie sehr eigentlich ihr Gemüt sich hinneige zu einem möglichsten Stillleben im Herrn. Von ihnen heißt es so recht, was Paulus sagt: „Euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott.“ Sie sind innerlich mehr, als sie äußerlich scheinen, ein stilles Wasser, das aber tief geht.

Aber auch die Martha hat immer noch ihre Gleichgesinnten unter den Jüngern Jesu. Wie jene, nehmen auch diese Christus auf und dienen ihm. Ihr Haus steht gastfreundlich allen Verehrern Christi offen; sie nehmen die Seinen auf um seinetwillen, und wo und wie sie können, tun sie Gutes. Wirklich entwickeln sie eine nicht geringe christliche Tätigkeit, sei's im Hause oder außer demselben; das Reich Gottes, sein innerer und äußerer Aufbau, liegt ihnen gar sehr am Herzen; sie sind tätig in Armen- und Krankenvereinen, und wo es gilt Gutes zu tun und zu stiften, finden wir sie. Die Liebe ist gar erfinderisch, das zeigt sich an ihnen; denn immer weiß sie sich wieder ein neues Feld der Tätigkeit zu eröffnen und neue Hilfsmittel zu schaffen zu ihrer Wirksamkeit, weiß armen, oder kranken, oder verlassenen Gliedern am Leibe Christi zu dienen und zu helfen.

So lange nun diese Tätigkeit wirklich der Ausdruck der Christusliebe ist und in ihr auch der Bruder - und Menschenliebe, so lange überhaupt alle Werke und Taten getragen werden von jener Liebe; wer erblickt denn in dieser Marthatätigkeit nicht jenes lebendige Christentum, das seinen Glauben in seinen Werken zeigt? Sowie aber freilich auf die Werke selber Wert gelegt, unabhängig von der Gesinnung, deren Ausdruck sie sind, sowie man dem Tun selber viel rechnet und dann darüber, wie Martha, das Wichtigere bei Seite setzt; so offenbart sich darin eine Gemütsrichtung, die mehr auf das Äußere geht als auf das Innere.

Wie schön aber ergänzen beide Gemütsrichtungen und Liebeserweisungen einander! Wenn die einen mehr das innere Leben pflegen an ihnen selbst und im Reiche des Herrn, so die andern mehr das äußere; wenn die einen mehr an sich selbst die Christusliebe und das Christusleben in seiner Lieblichkeit und Schönheit darstellen, so wollen die andern diese Liebe und dieses Leben um sich her verpflanzen und verwirklichen; wenn die einen für sich selig sind im Herrn, wollen die andern Alles selig machen im Herrn.

Glücklich darum die Kirche des Herrn, wenn sie immer viele Marianaturen unter ihren Gliedern zählt, welche die Fülle des Lebens Jesu Christi in sich tragen, damit es der Gemeine Christi nie an einem reichen Lebensschatze mangle, nie an Tiefe, Innerlichkeit und wahrer Gemütlichkeit; glücklich wenn aber auch die Marthagemüter ihr niemals fehlen, damit durch ihre Tätigkeit und Vielseitigkeit der Leib Christi erbaut werde, und die christliche Liebes- und Lebensfülle aller Welt zugutekomme. Gesegnet das Haus und die Gemeinde, wo Maria und Martha in treuer Christusliebe einander ergänzen und Hand in Hand am leiblichen und geistlichen Wohle arbeiten. Es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist.

Wie nun die Liebe einer Maria und einer Martha ihre eigentümlichen Schönheiten und Vorzüge in sich schließt, so hat jede auch wieder ihre Gefahren und Klippen, an denen sie leicht scheitert. Die Gefahr, welche der einen oder andern droht, ist die: das, was jede vorwiegend ist, ganz und ausschließlich zu werden, ein Gegensatz zu werden, oder eine bloße Äußerlichkeit oder Innerlichkeit; denn jede vorherrschende Richtung ist in Gefahr, bis zum Gegensatze fortzuschreiten. Jene Gefahr tritt da wirklich ein, wo die Maria nicht auch immer versucht eine Martha sein, und die Martha eine Maria.

Wenn wir Maria kennen lernten als ein tief innerliches Gemüt, das so innerlich war, dass sie für den Augenblick alles Äußere übersah und vergaß, so lag ihr und liegt allen Gemütern ihrer Art die Gefahr nahe, allzu innerlich zu werden, alles Äußere als eine lästige Störung oder Hemmung des Innern ansehend, und alle Tätigkeit als eine Zerstreuung und als einen Widerspruch mit der Sammlung im Herrn. Und das müssen wir als eine schädliche Einseitigkeit bezeichnen. Denn dieses einseitige Sichzurückziehen auf das rein Innerliche, was anders hat es denn zur Folge als ein sich Abschließen von der Welt, als einen Welthass, als Wunderlichkeit und allerlei Schwärmerei, und als eine Abschließungssucht, die, wie sie schon Einseitigkeit ist, noch einseitiger macht? Wie häufig hat diese einseitig ausgeübte Christusliebe zu dem Wahne verleitet, nur in Stille und Einsamkeit, nur in Wüsten und Einöden, nur in klösterlicher Abgeschiedenheit, hinter Gittern und Mauern sei eine wahre Christusliebe möglich und ein beschauliches Stillleben im Herrn, nach welchem der Christ trachten müsse. Und ach, zu welcher Vernachlässigung der ganzen Geistesbildung, zu welcher Untätigkeit zu welch' heiligem Müßiggange, ja zu welchem Ertöten und Vergraben der schönsten, edelsten Gaben und Kräfte, mit denen im Reiche Gottes so viel Herrliches hätte gewirkt werden können, hat jene Einseitigkeit schon verleitet! Ist es nicht jammerschade, dass in falsch verstandener und geübter Christusliebe so viele Talente unnütz vermodern mussten? „Ja wohl, unnütz für das Allgemeine, sagt man, aber nicht für die selber, die so liebten.“ Ja, meist auch unnütz für diese selber, müssen wir sagen; denn die Liebe, die nur sich und dem Herrn leben will, geht sehr oft für sich selbst verloren. Untätigkeit ist der Tod aller Liebe. Wie das Kind, das nicht mehr läuft, allmählig nicht nur das Laufen verlernt, sondern sogar die Kraft zum Laufen verliert, so haucht auch eine müßige Liebe ihr Leben oder sich selbst aus. Oder wie, meint ihr da immer die reinste und wärmste Christusliebe zu finden, wo in strenger Abgeschlossenheit Zucht und Regel der Liebe Mund, Hand und Fuß gebunden haben und gebunden halten?

Wie einer Maria und ihren Gemütsverwandten die Gefahr droht zu verinnerlichen, so einer Martha und ihren Gleichgesinnten zu veräußerlichen, wo die Form der Liebe mehr oder weniger beibehalten wird, die Liebe selbst aber mangelt. Herr! fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester allein lässt dienen? Sage ihr doch, dass sie auch angreife. Arme Martha, in welch' eine üble, lieblose Stimmung hat dich deine Vieltätigkeit hinein gerissen! Wie hast du dich selbst so gar vergessen, dass du es wagst, den Herrn zu meistern und in eitler Selbsterhebung dich über deine Schwester zu stellen! Wähnst du wirklich besser daran zu sein als deine Schwester? bist du so verblendet und befangen, dass du meinst, Christus und die Schwester wissen nicht mehr, was Sitte, Anstand und Billigkeit fordern? oder ist vielleicht deine Anklage eine Selbstanklage, dass du nicht auch wie die Schwester deine Aufmerksamkeit mehr der Hauptsache zuwendest? Jedenfalls hat die Liebe der Martha durch ihre einseitige Wertlegung auf Außendinge gar sehr gelitten. Und dieser Gefahr sind in der Tat schon viele tätige Naturen erlegen in allen Klassen und Ständen. Wir finden sie unter den Hausmüttern, die über dem Äußeren die Christusliebe verloren haben. Wahr ist's, sie sind Muster von Emsigkeit und Tätigkeit, unermüdet für des Hauses und der Ihrigen Wohlfahrt von früh bis spät. Man rühmt sie als Beispiele und Vorbilder wahrer Hausmütter. Und sie sind's, so lange ihre Tätigkeit der natürliche Ausdruck ihrer Christusliebe und in dieser auch der Menschenliebe ist. Aber, ach! wenn eine natürliche, angeborene Geschäftigkeit oder gar Vieltätigkeit immer mehr das Gemüt zerstreut; wenn die immer sich mehrenden äußeren Ansprüche eine stille Sammlung mehr und mehr unmöglich machen und die Liebe in den Hintergrund drängen; wenn die stete notwendige Kräftigung und Stärkung im Herrn immer mehr abnimmt; wenn die Gebetsstunden, die Stunden innerer Erholung im Umgange mit Christus seltener werden, wie wird, wie muss es dann kommen mit Solchen? Das Herz wird kälter, eitler, leerer, das Mark der Christusliebe schrumpft zusammen und vertrocknet; längere oder kürzere Zeit prangt der Baum wohl noch mit seinem schönen Blätterwerk, zu einer rechten Frucht aber bringt er es nicht mehr, bis er endlich verdorrt. Jene Tätigen sind Welt geworden, und die etwaige Frucht, die an solchen Bäumen wächst, ist wenigstens keine christliche mehr.

Wir finden sie unter den Hausvätern, die über dem Äußeren die Christusliebe verloren haben. Ein umfassender Beruf, ein weit verzweigtes Geschäft, eine viel erfordernde Haushaltung nimmt ihr Sinnen und Denken immer mehr in Anspruch. Es ist wahr, sie sind Muster von Fleiß, und ihre Tätigkeit, ihr Unternehmungsgeist ist eine Wohltat für Viele. Und was sie taten und unternahmen, es geschah Anfangs in einem wahrhaft christlichen Sinne, mit Christusliebe und um Christi willen. Aber die Flut der Geschäfte wuchs; damit nahm die innere Sammlung immer mehr ab, und sogar nach und nach das Bedürfnis nach Sammlung und Ruhe, und je mehr dieses Bedürfnis schwand und je seltener die Ruhepunkte wurden, wo der in den Strudel der Geschäfte Hineingezogene für Augenblicke stille steht und sich besinnt, desto mehr veräußerlicht sich allmählig die ganze Denkungsweise. Die Seele alles Tuns, die Christusliebe, ist nach und nach vom Geschäftsstrome weggespült worden. Das Gerippe und Riegelwerk vom vorigen Christentempel zwar ist noch geblieben. Aber wie lange wird die Form, die einem Gebäude gleicht, das der Strom unterfressen hat, noch stehen? Muss nicht das veräußerlichte Christentum notwendig entweder in seiner Haltlosigkeit zusammen brechen und ein förmliches Unchristentum an seine Stelle treten, oder aber in eine bloße Form und in ein leeres Zeremonienwesen sich verwandeln, auf das man gerade umso mehr Wert setzt, je mehr der Geist daraus entflohen ist? Die Christusliebe, wenn sie erkaltet, schlägt nicht selten um in einen Christushass; wer nicht mehr für ihn, wird wider ihn.

Wir finden sie sogar unter denen, die in besonderem Christusdienste stehen und die eine geistliche Wirksamkeit erwählt haben, welche über dem Äußern die Christusliebe verloren haben. Da hat denn Mancher schon Christus gepredigt, hat für das Reich Gottes gewirkt und Großes gewirkt. Tausende hingen an seinem Munde, ihm ihre Bekehrung verdankende Unzählige segnen seine Hand, die ihnen Hilfe und Trost gebracht in Not und Verlegenheit. Und es war die Liebe Christi, die sie zu solcher Tätigkeit trieb; eine Liebe, die für Christus nicht bloß wirkte, sondern seinetwillen auch litt. Wie nun aber, wenn das innere Leben in Christo nicht Schritt hält mit dem äußeren Tun für Christus; wie, wenn Geben und Nehmen nicht im Ebenmaß zueinander stehen und einander entsprechen; wie, wenn gar die äußere Tat für Christus verwechselt würde mit der Gesinnung gegen Christus, und der Tätigkeit für das Reich Gottes ein Wert beigelegt wird, abgesehen von der Gesinnung, der sie entspringt, ein Wert, als läge in jener Tätigkeit allein alles Christentum, - ist da nicht der Christusdienst ein Marthadienst im schlimmen Sinne geworden, ein Marthadienst mit Eitelkeit und hochmütiger Selbsterhebung über Andere, die nicht auch so tun, die weniger Worte und weniger Wesens machen von ihrem Christentum und die dennoch ein tiefes Leben in sich tragen? Kann man ja doch, nach Paulus, mit Engelzungen reden und weissagen und alle Geheimnisse und Erkenntnisse besitzen, alle Habe spenden und seinen Leib brennen lassen und die Liebe nicht haben!

Diese beidseitige Gefahr, welcher eine Maria- und Marthaliebe droht und die in mancherlei Beispielen uns vors Auge getreten ist, soll Jeder, der Christus lieb hat, recht ernstlich beherzigen, damit nicht entweder ein kurzes Nichtstun die Liebe ertöte, oder eine haltlose Vieltätigkeit das Herz entleere.

III.

Maria sitzt da und hört, und Martha eilt geschäftig hin und her. Siehe, wie sie verwundert bald Christus anschaut, bald der Schwester unfreundliche, zürnende Blicke zuwirft; es kocht in ihrem Herzen, bis am Ende das übervolle Herz das unheimliche Schweigen bricht und sie in die Worte ausplatzt: „Herr! fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester allein lässt dienen? Sage ihr doch, dass sie auch angreife.“

Was sagte nun Jesus zu dieser so entschiedenen Darlegung der Liebe zu ihm, und was namentlich zu der Art, wie Martha sie betätigte und wie sie dabei sich benahm? Jene Äußerungen der Martha öffneten ihm auch den Mund, nachdem er wohl lange vorher das Benehmen dieser Schwestern sorgfältig beobachtet hatte; öffnete seinen Mund zu einem Lobe und einem Tadel.

„Martha, Martha! du hast viele Sorge und Mühe“, lautet die vorwurfsvolle Warnung und der Tadel an Martha. „Martha, Martha!“ Wie zart, wie liebevoll und freundlich, und doch wieder wie wehmütig, wie mitleidsvoll und Bedenken erregend klingt die Nennung und Wiederholung ihres Namens! Und was mag erst für Mitleid und Schmerz aus dem Tone heraus gesprochen haben, in welchem Jesus jenes „Martha, Martha!“ aussprach! Arme Martha! will er sagen, wie eitel und selbstgefällig bist du geworden, und wie nahe bist du daran, aus lauter Liebeseifer deine Liebe zu verlieren und lieblos zu werden!“

„Du hast viele Sorge und Mühe.“ Was tadelt Jesus an Martha? Ihren Eifer für ihn? ihre Sorge um ihn? ihre Tätigkeit überhaupt? Mitnichten; denn wie könnte er das tadeln! Wusste er ja, dass er der Pflege und Sorge auch bedurfte, er, der ja nicht einmal hatte, wo er sein Haupt hinlegte; wusste er ja, dass Tätigkeit auch notwendig ist, und dass Tätigkeit der Liebe nicht widerspricht oder sie aufhebt; wusste er ja, dass Liebe ohne Tat gerade so wenig wie Tugend ist, als Tat ohne Liebe. Wie könnte Christus an Martha die Tätigkeit an sich tadeln wollen, er, der ja die Tätigkeit selbst war, immer sich vorhaltend: „Ich muss wirken, so lange es Tag ist.“? Nicht die Tätigkeit, aber die Sorge, mit der sie tätig war, tadelt Jesus. Dass Martha eine Sache, die sie leicht und schnell hätte abmachen können und sollen, indem sie ja doch wusste, dass sie an ihrem Meister keinen Schlemmer und Feinschmecker, dem der Bauch sein Gott sei, zu bewirten habe, Einen, dem Essen und Trinken wahrlich nicht die Hauptsache sei, dennoch zu einem Gegenstande ängstlicher Sorge macht, gleich als läge Alles daran; dass sie, mit einem Worte, aus einer Nebensache eine Hauptsache und aus einer Hauptsache eine Nebensache macht: - das ist der Tadel, der sie trifft, ein Tadel, den sie bei aller Liebe verdient hat, und der sie bewahren sollte vor einem völligen Verfallen in die liebelose Äußerlichkeit.

„Du hast viele Sorge und Mühe.“ Wie Vielen, Vielen könnte Jesus jetzt noch so zurufen, die entweder über ihrem eitlen Vieltätigkeitssinne wirklich das Notwendigste und Erste, die Christusliebe, verloren haben, eben weil jene ihr Herz eitel, leer und zerstreut gemacht hat, oder bei denen wegen lauter äußerlicher Vieltätigkeit noch nie eine wahre Christusliebe hat aufkommen und Platz gewinnen können in ihrem Herzen!

„Du hast viele Sorge und Mühe.“ Tönte doch dieser Tadel hinein in so manches Haus und Herz, wo die Sorge dieser Welt und der Betrug des Reichtums den Samen des göttlichen Wortes immer wieder erstickt! Klänge er hinein in so manches kummervolle, sorgenerfüllte Gemüt, das nie zu einer andern Sorge kommt und keine andere Frage kennt als nur die: Was werden wir essen? was werden wir trinken? womit werden wir uns kleiden?

„Du hast viele Sorge und Mühe.“ Hörst du diesen Vorwurf, Hausmutter, die du auch keine Sorge kennst, als einen äußerlich wohlbestellten Haushalt zu haben, und die du wähnest ein gutes Hausregiment zu führen und eine äußerlich gute Hausmutter zu sein, das sei dein Hauptruhm, und wenn du ihn auch erkaufen müsstest mit Hintansetzung des Höchsten und Heiligsten? Hörst du ihn, Hausvater, der du entweder ein vielbeschäftigter Handwerker oder ein vieltätiger Geschäftsmann, oder sonst Einer bist, der die Hände und den Kopf voll zu tun hat und meint, eben ein solcher Handwerks- und Geschäftsmann zu sein, das sei die rühmlichste Eigenschaft eines Mannes, und wenn er sie auch erwerben müsste mit Aufopferung aller christlichen Eigenschaften und mit Versäumung des Wichtigsten?

„Du hast viele Sorge und Mühe.“ Ihr Alle, deren Sinn und Sorge nur auf die Erde und das Irdische geht, ihr Alle, deren Herz so voll der Welt und so leer an Göttlichem ist, hört die Warnung des Herrn an Martha, und hört, wie er noch hinzufügt: „Eins ist not!“

Ja, unter den vielen Dingen, die der Mensch zu notwendigen, ja zu einer Hauptsache macht, kennt Christus nur eines, das notwendig ist. Nun, dieses Eine? Es ist nicht, wie du meinst: dass du reich und groß und berühmt wirst, dass du ein sorgenfreies Alter erringest oder bis dann und dann deine Schäflein auf dem Trockenen hast; denn die Welt vergeht mit aller ihrer Lust. Das Eine ist eine viel andere Notwendigkeit. Höre, das ist eine Notwendigkeit, die allein wahrhaft notwendig ist, dass du deine Seele errettest; dass du das Leben ergreifst, das ewig ist; dass du bisher auf dem breiten Wege gewandelt, der ins Verderben führt und hintretest auf den schmalen, der zum Leben führt; dass du trachtest vor Allem nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, und suchst, was droben ist. Das eine Notwendige, das unser Aller Hauptsorge sein sollte, fassen wir zusammen in das Wort: dass wir Christum lieb haben sollen, und dass wir diese Liebe betätigen in unserem Leben, dass sie sei die Seele all' unseres Tuns.

„Maria hat das gute Teil erwählt, das soll nicht von ihr genommen werden“, so lautet das Lob, das Jesus über Maria ausspricht. Jesus lobt Maria, weil ihre Liebe gerade das tat, was für den Augenblick das Beste war, weil sie ihn aufnahm, nicht um nur untätig in seligen Gefühlen zu schwelgen und zu schwärmen, sondern um durch seine Annahme erst recht befähigt zu werden zur Tat; denn das ist ja eben das Wahre, dass Nehmen und Geben, Inneres und Äußeres, Empfänglichkeit und Tätigkeit einander immer entsprechen und einander Schritt halten. Beides soll beisammen sein, wie wir es schauen in einer Maria, die zu einer andern Zeit gewiss auch eine Martha sein konnte, wie wir es schauen in einem Johannes, dieser Maria, und einem Petrus, dieser Martha, unter ihrem Geschlechte; denn keiner von Beiden war einseitig innerlich oder äußerlich, obgleich der Eine mehr zu Jenem, der Andere mehr zu Diesem geneigt war.

„Maria hat das gute Teil erwählt.“ Wem von uns gilt der Ruhm auch? Heil Jedem, der liebt wie Maria, ja Heil auch Jedem, der liebt wie Martha! Heil aber vornehmlich Jedem, der die Gefahr ernstlich erwägt und sich vorhält, die beiden Arten von Liebe droht, und der es deshalb zu einer ernsten Sorge macht, dass entweder seine Marialiebe immer auch eine Marthaliebe sei, oder umgekehrt, diese immer auch jene. Ja, Heil dem, dessen Liebe immer eine nehmende und eine gebende ist, eine Liebe, die, je mehr sie nimmt, umso mehr auch gibt, und je mehr sie gibt, umso mehr auch nimmt, damit nehmend und gebend sie immer reicher und herrlicher werde im Herrn, und der Herr durch sie. Amen.

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