Walther, Carl Ferdinand Wilhelm - Gesetz und Evangelium - Fünfte Abendvorlesung (17. October 1884.)

Walther, Carl Ferdinand Wilhelm - Gesetz und Evangelium - Fünfte Abendvorlesung (17. October 1884.)

So herrlich und unbegreiflich wunderbar es ist, daß Gott die Reiche dieser Welt nicht unmittelbar regiert, sondern durch Menschen, welche doch, abgesehen von allem andern, dazu viel zu kurzsichtig und viel zu schwach sind, so ist es doch noch ungleich wunderbarer, daß Gott selbst sein Gnadenreich nicht unmittelbar, sondern durch die dazu ganz untüchtigen Menschen pflanzt, verwaltet, ausbreitet und erhält. Es zeugt das von einer Menschenfreundlichkeit und Leutseligkeit, aber auch von einer Weisheit Gottes, die kein menschlicher Verstand fassen noch ergründen kann. Denn wer kann die Größe der Liebe Gottes ermessen, die sich darin offenbart, daß Gott nicht nur die von ihm abgefallene Welt selig machen will, sondern daß er dazu auch wieder die Menschen selbst, also Mitsünder, gebrauchen will? Wer kann den Reichthum der Weisheit Gottes berechnen, daß er es versteht, durch die dazu ganz untüchtigen und untauglichen Menschen das Seligmachungswerk zu vollbringen, daß er dasselbe bisher so herrlich hinausgeführt hat und noch immer hinausführt?

O, meine Freunde, das ist für Sie eine hohe Ursache, nicht nur sich demüthig zu verwundern, sondern auch innig sich zu freuen und zu frohlocken, daß Gott auch Sie einst zu solchen Werkzeugen seiner Gnade machen will! Bedenken Sie nur: Wenn Sie hier lernen könnten, den Ihnen einst Anvertrauten das Leben um fünfzig Jahre zu verlängern, oder gar die Todten zu einem neuen zeitlichen Leben zu erwecken, wie hoch und herrlich würde dann nicht nur Ihnen selbst, sondern auch allen Menschen Ihr Beruf erscheinen! Wie würde man sich um Sie reißen! Für was für außerordentliche Menschen würde man Sie halten! Für was für einen Schatz würde man Sie ansehen, wenn man Sie bekommen könnte! Und doch wäre das alles nichts gegen die Hoheit und Herrlichkeit des Berufes, für den Sie hier vorbereitet werden sollen. Sie sollen den Ihnen Anvertrauten nicht das arme, zeitliche Leben verlängern, sondern das Leben bringen, welches der Inbegriff aller Seligkeit ist, das da ewig, also endlos ist. Sie sollen die Ihnen Anvertrauten nicht auferwecken zu diesem zeitlichen Leben, von dem leiblichen Tod für dieses arme Leben, sondern Sie sollen sie herausreißen aus ihrem geistlichen und ewigen Tod zum Eingang in den Himmel.

O wenn Sie das recht bedächten, welche hohe Ehre Ihnen damit Gott zuertheilt hat, Sie würden täglich, ja stündlich auf Ihre Kniee fallen, ja, Sie würden mit dem Angesicht auf die Erde, in den Staub sich werfen und mit dem Psalmisten sprechen: „HErr, was ist der Mensch, daß du dich sein so annimmst, und des Menschen Kind, daß du ihn so achtest?“ Ps. 144,3. Zugleich würden Sie auch einen Sporn haben, sich täglich und stündlich dem erbarmungsreichen Gott ganz hinzugeben und zu sagen: „Hier hast du mich mit Leib und Seele und mit allen Kräften! Ich will mich ganz in deinem Dienst verzehren.“ Wie gerne würden Sie bereit sein, alles für Ihren Beruf aufzuopfern, und sich zurichten lassen zu einem Werkzeug Gottes. Aber die Hauptsache bei Ihnen bleibt doch, daß Sie das, was Gott durch seine Propheten und Apostel offenbart hat zur Seligkeit der Menschen, erst selbst recht gründlich und lebendig erkannt haben, ehe Sie andere lehren. Darum lassen Sie uns fröhlich fortfahren in der Betrachtung unsers hochwichtigen Gegenstandes.

Hören Sie nun zuerst zwei Zeugnisse von Joh. Gerhard. Er kann freilich nicht so mit göttlicher Rhetorik von Sachen der Erfahrung reden; das war nur Luther vergönnt. Aber Gerhard hat Luther tüchtig studirt und seine Lehre systematisch dargestellt. Er schreibt (Loc. de evang., §55): „Obgleich der Unterschied des Gesetzes und des Evangeliums überall festzuhalten ist“ – Merken Sie wohl: überall! Es gibt keine Lehre, wo man nicht zugleich aufgefordert wird, Gesetz und Evangelium recht zu scheiden – , „so muß derselbe doch vor allem in zwei Stücken beobachtet werden; 1. In dem Artikel von der Rechtfertigung, da unsere Rechtfertigung nicht aus dem Gesetz ist, welchem nämlich wegen der Verderbtheit und Schwäche unsers Fleisches ein gewisses, obgleich zufälliges, Unvermögen in dieser Hinsicht zukommt, Röm. 8,3.,“ – Das Gesetz gehört nicht in die Lehre von der Rechtfertigung. O, wie wichtig ist das! Durch das Gesetz können wir nicht selig werden, und so verschafft uns Gott ein anderes Mittel, wodurch wir selig werden können. Es kommt nur darauf an, ob wir es annehmen, nämlich das Evangelium, diese Freudenbotschaft. Nehmen Sie die Lehre von der Rechtfertigung aus der Bibel, so hat die Bibel nicht mehr Bedeutung als ein anderes sittliches Buch – , „sondern aus dem Evangelium, in welchem die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ohne das Gesetz geoffenbart wird, Röm. 3,21., weil es eine Kraft Gottes ist, selig zu machen alle, die daran glauben, Röm. 1,16. Deshalb sollen die Leute ermahnt, ja angetrieben werden, die Werke nach der Norm des Gesetzes zu leisten, aber auf den Schauplatz unserer Rechtfertigung vor Gott dürfen sie nicht hereingebracht werden, denn da ist ein fortwährender Gegensatz zwischen Thun und Glauben, zwischen Gnade und Werken, zwischen Gesetz und Evangelium.“ – Wehe uns, wenn wir uns anschicken, das Evangelium darzulegen, und wir bringen das Gesetz mit hinein! Das thun wir aber dann, wenn wir dabei noch mehr sagen, als: „Nimm es an!“ Das ist dann Gesetz. Das Evangelium fordert gar nichts von uns, es sagt nur: „Komm, iß und trink!“ Was uns das Evangelium bringt, das ist das große Abendmahl. Darin versehen es die allermeisten Prediger. Sie haben Sorge, wenn sie das Evangelium gar zu deutlich predigen, werden die Leute in Sünden fallen, und sie seien dann daran schuld. Sie denken, das ist Futter für das Fleisch. Es ist ja wahr, vielen wird das Evangelium ein Geruch des Todes zum Tode, aber daran ist das Evangelium nicht schuld, sondern das geschieht bloß deswegen, weil man das Evangelium nicht annimmt, nicht daran glaubt. Der Gedanke: „Ich glaube“ ist noch nicht der Glaube, sondern mein ganzes Herz muß erfaßt sein, muß in dem Evangelium ruhen. Dann bin ich auch umgewandelt, dann kann ich nicht anders, als Gott lieben und ihm dienen. Allerdings sind die Menschen auch noch auf das Allerdringendste zu ermahnen, nachdem sie zum Glauben gekommen sind, aber auf den Schauplatz der Rechtfertigung dürfen die Ermahnungen nicht gebracht werden. Vorher muß das Gesetz sein Amt verwalten, damit die Zuhörer das Evangelium hungernd und dürstend nehmen und trinken in vollen Zügen. Sobald der Mensch ein armer Sünder geworden ist, sobald er sieht, daß er aus sich selbst nicht selig werden kann, wenn auch noch keine Liebe in ihm ist, da sagt Christus: „Das ist der Mann! Komm her zu mir, wie du bist, ich helfe dir, ich nehme dir die Last ab, die dich drückt, und die Last, die ich dir auflege, ist eine leichte Last und ein sanftes Joch.“ Das ist die Hauptsache, wenn ich dem Menschen sage, wie er kann gerecht werden, daß ich ihm dann die freie Gnade Gottes verkündige, nichts verhehle, nichts anderes sage, als was Gott im Evangelium sagt. Um den Berg Sinai herum muß ein Gehege gemacht werden, aber um den Berg Golgatha soll keins gemacht werden. Da ist für alle Gottes Zorn gestillt.

Nun hat der HErr der Kirche zwei Schlüssel gegeben, und durch die Kirche auch allen Predigern: den Bindeschlüssel und den Löseschlüssel. Der Bindeschlüssel schließt den Himmel zu, der Löseschlüssel schließt ihn auf. Diese beiden wunderbaren Schlüssel hat der Prediger in seiner Hand; denn die Kirche hat, als sie ihm das Predigtamt gab, ihm zugleich diese Schlüssel gegeben.

Gerhard sagt nun, daß der Unterschied des Gesetzes und des Evangeliums beobachtet werden muß: „2. im Gebrauch der Schlüssel der Kirche. Den Unbußfertigen und Sicheren darf die Vergebung der Sünden nicht verkündigt werden“ – das wäre auch wieder eine schändliche Vermischung von Gesetz und Evangelium, wenn man den Unbußfertigen wollte das Evangelium verkündigen. Das wäre gerade, als wenn ich einem bis zum Uebergeben vollen Menschen noch mehr Speise wollte in den Mund stopfen – , „sondern vielmehr der Zorn Gottes aus dem Gesetz. Röm. 2,9.: ,Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die da Böses thun.“ 1 Tim. 1,9.: Das Gesetz ist gegeben den Ungerechten, Gottlosen, Unheiligen etc., welche es durch die Last seiner Anklage und Verdammniß darniederdrückt. Den zerknirschten Herzen sind nicht die Drohungen des Gesetzes zu schärfen, sondern vielmehr das Oel des evangelischen Trostes einzuträufeln. Jes. 66,1.: „Welches ist die Stätte, da ich ruhen soll?“ V.2.: “Ich sehe aber an den Elenden und der zerbrochenen Geistes ist und der sich fürchtet vor meinem Wort.“ Matth. 11,3.: „Den Armen wird das Evangelium gepredigt“ – Wenn ich weiß, ein Mensch ist nicht in dem Zustand, daß ihm das Evangelium nützt, so darf ich es ihm nicht verkündigen. Wenn ich jedoch öffentlich auftrete, ist es etwas anderes. Da muß ich hauptsächlich die auserwählten Kinder Gottes berücksichtigen. Aber dennoch muß ich auch da Gesetz predigen. Ja, eine Predigt, worin kein Gesetz ist, die ist nichts werth. In jeder Versammlung sind immer noch Unbußfertige, und diese sollen aufgeschreckt werden von ihrem Sündenschlaf. – Wer gleich sagt, wenn man ihn ermahnt: „Ach was, darum gebe ich nichts“, der beweist, daß sein Herz noch nicht gebrochen ist.

An einer andern Stelle schreibt Gerhard (Loc. de evang., §52): „Der Ursachen, wegen welcher jener Unterschied genau festzustellen und streng festzuhalten ist, sind mehrere: 1. Dem Artikel von der Rechtfertigung wird seine Reinheit nicht verbleiben, ja, durchaus nicht verbleiben können, wenn der Unterschied dieser Lehren vernachlässigt wird, etwas, was die Kirchengeschichte früherer Zeiten mehr als zur Genüge beweist.“ – Wehe dem, der die Lehre von der Rechtfertigung vergiftet! Der vergiftet den Brunnen, den Gott zum Heil der Menschen gegraben hat. Wer einem Menschen diese Lehre nimmt, der raubt ihm alles. Dann ist das Herz aus dem Christenthum herausgenommen, dann pulsirt es nicht mehr; dann ist die Leiter zum Himmel weggenommen; dann ist keine Hoffnung mehr, daß der Mensch selig wird. – „2. Die Wohlthaten Christi werden nicht wenig verdunkelt, wenn nicht die Lehre des Evangeliums vom Gesetz durch genaue Grenzen geschieden wird.“ – Sobald wir Gesetz und Evangelium vermischen, so verdunkeln wir die Wohlthaten Christi, rauben Christo seine Ehre dadurch, daß wir dem Menschen auch etwas zuschreiben, und so rauben wir sie ihm ganz. Gott hat uns geschaffen ohne unser Zuthun, so will er uns auch selig machen ohne unser Zuthun. Wir sollen ihm danken für unsere Schöpfung mit einer Hoffnung zum ewigen Leben; so will er uns auch ganz allein selig machen. Wehe dem, der sagt, daß der Mensch auch etwas thun muß zu seiner Seligkeit! Der spricht Christo alles ab. JEsus heißt ja Seligmacher, nicht Gehülfe zur Seligkeit, wie die Prediger, sondern er hat uns die Seligkeit ganz zuwege gebracht. Daher sind wir auch in unserm Gnadenwahlslehrstreit so entschieden. Denn im Grunde handelt es sich um weiter nichts, als daß wir Gesetz und Evangelium wollen geschieden haben, und unsere Gegner verwischen es. Wenn sie hören: „Aus lauter Erbarmung hat er uns erwählt zum Lob seiner Gnade, Gott will die Ehre allein haben, daß er uns selig macht“ etc., so sprechen sie: „Das ist eine schreckliche Lehre! Da ist Gott ja parteiisch. Gott muß etwas gesehen haben im Menschen, um dessentwillen er den Menschen erwählte. Hat er etwas Gutes gesehen, so hat er ihn erwählt.“ Dann ist aber der Mensch eigentlich die Hauptursache seiner Seligkeit. Da kann der Mensch sagen: „Nun Gott Lob! ich habe auch etwas dazu gethan, daß ich selig geworden bin.“ Aber wenn wir angelangt sind im himmlischen Vaterland, werden wir vielmehr sagen: „Wäre es nach mir gegangen, so hätte ich das Heil nie gefunden; und hätte ich es selbst gefunden, so hätte ich es doch wieder verloren. Du kamst und zogst mich bald durch Trübsal, bald durch Angst, bald durch Krankheit zum Wort! etc. Das alles sind lauter Mittel in deiner Hand gewesen, mich dorthin zum Himmel zu bringen, während ich immer dorthin ins Verderben wollte.“ Ja, dort werden wir es mit Verwunderung sehen, daß es keine Stunde gegeben hat, wo Gott nicht an uns gearbeitet hätte, daß wir selig würden, und daß es keine Stunde gegeben hat, wo wir … gewollt hätten. „Ja, du hast mich allein erlöst, du machst mich allein selig“, müssen wir zu Gott sprechen. Ich kann gar nichts zu meiner Seligkeit thun, so wahr ein Gott im Himmel lebt. Und darum handelt es sich in diesem Streit.

Gerhard: „3. die Vermischung des Gesetzes und des Evangeliums bringt nothwendig Verwirrung der Gewissen mit sich, da nämlich in großen und ernsten Gewissensschrecken kein wahrer und fester Trost bleibt, wenn die Gnadenverheißungen des Evangeliums verfälscht werden.“ – Die Vermischung von Gesetz und Evangelium führt Gewissensbeunruhigung mit sich. Alles noch so tröstliche Predigen hilft den Leuten nichts, wenn man einen Stachel mit hineinthut. Da schmeckt der Honig des Evangeliums zwar erst gut, aber ist daneben ein Gesetzesstachel, so wird alles wieder verdorben. Das Gewissen kann nicht ruhig werden, wenn ich nicht sage: „Gott nimmt dich aus Gnaden an.“ Wenn der Prediger sagt: „Kommt, es ist alles bereit, aber – das und das müßt ihr noch thun“, dann bin ich verloren, denn dann muß ich immer denken: „Habe ich es denn auch so gethan, wie Gott es will?“ Dann hilft mir alles nichts.

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