Osiander, Johann Ernst - Predigt am Neujahrsfest

Osiander, Johann Ernst - Predigt am Neujahrsfest

von
Prof. und Prediger Osiander
in Maulbronn1).

Text: Jesaja 9, 3.

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbar, Rath, Kraft, Held, Ewig-Vater , Friede-Fürst.

Geh' bin im Frieden, altes Jahr,
Nimm unsern Dank für deine Milde!
Der Herr gebot: da blieb Gefahr
Uns fern, und Segen tränkte das Gefilde.
Gebieter und Hirte der Deinen, wie heiß
Strömt heut' aus den Herzen und Lippen der Preis!

Steig' freundlich nieder, neues Jahr,
Um freundlich wieder einst zu scheiden!
Der Herr der Zeit, der dich gebar,
Führ' uns durch deine Freud' und Leiden!
Bring' Friede den Müden, den Traurigen Trost,
Den Hungrigen sel'ge, lebendige Kost!

So zwischen den Gefühlen heiligen Abschieds und Willkomms getheilt, von tiefem Ernst und kindlicher Freude, von Rückblick und Aussicht bewegt, laßt uns mit einander dieß neue Gnadenjahr zum erstenmal hier an heiliger Stätte begrüßen, und dieß neue Geschenk Ihm, der es uns gegeben, samt unsern Herzen heiligen. Mit neuem Schwung der Andacht, mit neuem Eifer der Sinnesänderung und des Glaubens, mit neuem Trieb der Liebe laßt uns in diesem neuen Abschnitt unsrer Gnadenzeit alle unsre Mitpilger und besonders uns selbst untereinander grüßen in dem Herrn, der uns bisher unsre gemeinsame Wallfahrt gefristet hat, und uns erwecken und ermuntern mit dem festlichen Zuruf: Kommt, wir wollen wieder zum Herrn! Kommt herzu, laßt uns dem Herrn frohlocken und jauchzen dem Hort unsres Heils, Ps. 95, 1.

Ja angebetet seyst Du von uns, o ewiger, allmächtiger Gott und Vater, dessen Güte jeden Morgen neu ist, und mit erneutem Gnadenglanz über uns aufgeht am Morgen dieses neuen Jahrs. Laß Dir die Erstlinge unsrer Andacht, die wir dankend und flehend Dir heute hier mit und für einander darbringen, in Gnaden gefallen, und siehe uns mit dem Blicke Deiner Langmuth und Barmherzigkeit an. Bedecke, o Sohn Gottes, unser Heiland, unserer Sünden Menge mit Deinem heiligen Verdienst, und reinige uns von allen Verschuldungen des verflossenen Jahres mit Deinem theuern Blut. Nimm uns, o Geist des Vaters und des Sohnes, sogleich von dieser ersten Stunde an in Deine fortgesetzte, heilige Leitung, und führe uns zum seligen Ziel unserer Hoffnung auf ebener Bahn. Amen.

Wie und womit sollen wir denn heute, da sich so Vieles in unsere erwartungs- und ahnungsvollen Herzen drängt, anfangen? Nicht anders, als mit Gott, in Gottes und Jesu Namen, worauf uns der reiche Neujahrswunsch unseres Textes und das Bedürfniß unseres Herzens hinweist. Es lagen schwere und dunkle Zeiten, drohend mit Krieg und Verderben (wie jetzt die unsrige) damals über Juda, als der heilige Seher, dem der Geist Gottes die Augen geöffnet und das Dunkel der Gegenwart mit dem Licht einer großen und heiligen Zukunft erleuchtet hatte, das feste prophetische Wort unseres Textes aussprach. Willkommen sey uns dieser große Blick in die Zukunft eines neuen Gnadenjahres und Gnadenzeitraumes für sein Volk, das große, Geburt und Namen des göttlichen Retters und Königs umfassende Wort der Verheißung, womit er sein trostbedürftiges Vaterland begrüßt; - die herrlichste Neujahrsgabe und der süßeste Neujahrstrost, womit der Seher, und der Geist, in dessen Licht er schaute, auch uns, die Zeugen der steigenden Erfüllung seiner Worte begrüßt und beschenkt. Diesen Gruß, dieß Geschenk wollen wir uns als unverrückbaren Leitstern und Wahlspruch glaubensvoll zueignend ins neue Jahr hineinnehmen, wollen froh und ernst in Jesu Namen der Zukunft entgegengehen, und im Geist einer christlichen Neujahrsfeier betrachten, wie wir als Christen in Christi Namen unsere Jahre antreten und anwenden sollen.

Daß wir als Christen unsere neuen Lebensabschnitte antreten und bei ihrem Beginne schon Christo und Seiner Ehre und Sache heiligen sollen, dringt sich uns von selbst auf. Sind wir doch an Ihn, als den einigen Urheber und Mittler unserer ewigen Seligkeit gewiesen, nach Seinem Namen bei der Taufe genannt, mit Seinem Geiste gesalbt, Seinem Reiche einverleibt: zählen auch, weil im Laufe der Jahre und Jahrhunderte des Menschengeschlechts nichts Größeres und Segensvolleres, nichts in seiner Ursache und Folge Anbetungswürdigeres geschehen ist, als die Erscheinung des Sohnes Gottes im Fleisch - zählen darum auch unsere Jahre nach Christo und Christi Geburt. Unser Erstgefühl, unser erster und letzter Gedanke muß daher, wenn uns anders an unserem Christenthum noch etwas gelegen ist, heute Gottes bewahrende und segnende Liebe in Christo, Christi Verdienst und heilbedeutender Name seyn. Sein Name dringt sich daher auch in den frohlockenden Festaufschwung unseres Herzens: Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, Seinen heiligen Namen, - den Namen, vor dem sich noch beugen sollen alle Kniee derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, den Namen, von dem unsere frommen Alten so herzlich und heilig sangen:

In meines Herzens Grunde
Dein Nam' und Kreuz allein
Funkelt all' Zeit und Stunde,
Drauf will ich fröhlich seyn.

So wollen wir denn fröhlich in dem Sohne, der uns geboren und geschenkt ist, fröhlich in Seinem theuern, Huld ausströmenden Jesusnamen, unsere Jahre, - auch dieses neue - antreten als Lehr- und Pilgerjahre, als Kampf- und Friedensjahre.

In allen diesen Beziehungen leuchtet uns der Name Jesu als ein segnendes Gestirn für unsern Jahresantritt, wie für den ganzen Lauf unserer Jahre. Daher erschöpft sich auch der Prophet, gleichsam verlegen, den Verheißenen nach Würde zu benennen, in einer Reihe von herrlichen, hochbedeutsamen Namen, mit denen er den göttlichen Thronerben verkündigt, Namen, die voller Wahrheit und Kraft sind, über den Schein und Schimmer, der an menschlichen Namen und Titeln oft hängt, erhaben, von denen man nicht sagen kann mit dem halbwahren Wort: Name ist Schall und Rauch.

So bezeichnet uns denn Sein erster Name Ihn als unseren wunderbaren Berather und Lehrer, als unser Acht auf allen unsern Wegen, im Hinblick auf Den wir mit fröhlichem Ernst unsere Jahre als Lehrjahre ansehen und antreten wollen.

Die Kunst ist lang, das Leben kurz! Dieß Wort alter Weisheit begegnet uns doch wohl mahnend und demüthigend besonders heute, da uns die Flüchtigkeit und Wichtigkeit, der Gehalt und der Zweck unseres Lebens vor unser prüfendes Ange tritt; - ein Wort, das nicht blos von aller menschlichen Kunst und Wissenschaft gilt, sondern noch viel mehr von der Erkenntniß und Uebung des Einen Notwendigen, des Göttlichen und Ewigen, wo unser Wissen so ganz nur Stückwerk ist, wo wir nur schauen in einem dunkeln Wort, und noch im vorbereitenden Stande der Kindheit sind. Wie das Menschenleben überhaupt eine fortlaufende Schule ist, so besonders das Christenleben. Christen sind Jünger, d. h. Schüler Christi, Lehrlinge und Zöglinge Gottes. Nicht blos ihr seyd es, liebe Kinder, die ihr noch die Pflege der Schule genießt; nicht nur ihr, liebe Schüler und Zöglinge, die ihr zu besonderem Preis aufgefordert, die gnädige Fürsorge Gottes durch Aufnahme in unsere Pflanzschule erfahren habt: nein! wir sollen Alle von Gott gelehret seyn, nicht blos Diejenigen, welche man nach besonderer menschlicher Wissenschaft und Berufsart Gottesgelehrt nennt, sondern Alle, die Seines Geistes Kinder sind. Uns Allen ruft Christus zu: kommet her zu mir! lernet von mir! Wie oft hat Er's uns auch im verflossenen Jahre zugerufen, und wie haben wir Seinem göttlichen Lehrersrufe entsprochen? Wie viel, oder vielleicht, ach! wie wenig von dem treuen Meister gelernt? Hat Er nicht alle Sonn- und Feiertage Sein göttliches Lehrbuch vor uns aufgeschlagen, und den ganzen Rathschluß Gottes zu unserer Seligkeit und die heilige Ordnung, in der wir Seines Heils theilhaftig werden sollen, durch Sein Lehramt uns verkündigen lassen?

Hat er nicht alle Tage Sein theures Evangelium uns in die Hände gegeben und an die Herzen gelegt, wenn wir es nur auch in die Hände und zu Herzen hatten nehmen wollen? Und wie viel hat Er uns durch die Leitung unseres Lebens, wie viel durch die Zeichen der Zeit gesagt, wie viel uns warnend und drohend, aufmunternd und verheißend zu bedenken gegeben, wenn wir es bedenken wollten? Gewiß, wir sollten nicht so leer und blind und bloß von einem Lehrjahre in das andere übergehen, sondern bereichert mit Schätzen der Weisheit, die von Oben ist, nicht der irdischen, fleischlichen, teuflischen, gesegnet mit Fortschritten und Früchten der Gottseligkeit, des Glaubens, der Liebe, der Hoffnung, der Geduld. Was haben wir denn davon aufzuweisen, und werden wir, wenn unser göttlicher Meister heute uns zur Rechenschaft fordert, und eine Prüfung in uns und mit uns durch Seinen Geist anstellt, ihm wohl auf tausend nur Eines antworten können? Werden wir nicht, wie es bei Manchen unserer Schulkinder vorkommt, daß sie sich unter jedem Vorwand der Schule zu entziehen trachten, gar vieler Schulversäumnisse in der Schule der Weisheit und Gottesfurcht, gar vieler Trägheitssünden gegen unsern göttlichen Meister uns anklagen müssen? Doch laßt uns Seine Geduld für unsere Seligkeit achten! Noch läßt Er uns Zeit, zu verlernen, was wir Böses gelernt, zu lernen oder wieder zu lernen, was wir Gutes noch gar nicht gelernt, oder wieder verlernt haben in verflossenen Jahren. Ein neues Lehrjahr, ein neuer Bildungslauf beginnt; von Neuem erschallt uns Sein Ruf: lernet von mir; von Neuem öffnet Er uns die Schätze Seiner Erkenntniß und Weisheit, und thut das Lehrbuch Seiner himmlischen Gnade und Wahrheit, das Lehrbuch für alle Kinder und für alle Alten, die heilige Schrift vor unsern Augen auf, um uns weise zu machen zur Seligkeit, um uns von allen Irrthümern und Zweifeln über die ewigen Angelegenheiten unseres Verstandes und Herzens zu heilen, um uns aus Glauben in Glauben, und von einer Klarheit in die andere zu leiten, und in der Erkenntniß Gottes und unserer selbst, unseres Verderbens und unserer Erlösung, unseres Erlösers und der unendlichen Seligkeit und Herrlichkeit, zu deren Miterben Er uns aufnehmen will, uns immer fester, lebendiger, seliger zu machen. O wir wollen uns freuen, daß wir noch lernen dürfen, und wollen nicht wie leichtsinnige und widerspenstige Kinder gegen das Lernen uns sträuben; wollen uns freuen unseres göttlichen Lehrbuchs, aus welchem der göttliche Geist unsern Geist unterweist, wollen alle Tage daraus lernen, und viel treuer, als bisher, weil wir nicht wissen, wie lang wir noch Zeit dazu haben, und wollen (es ist gewiß nicht zu viel gesagt) jeden Tag, da wir kein Wort aus diesem Buche des Lebens gehört, gelesen, genützt haben, „für verloren achten. Auch aus dem Buche der Natur laßt uns lernen, und als treue und dankbare Schüler Gottes die Spuren Seiner Weisheit, Güte und Macht anbetend darin lesen. Auch aus dem lehrreichen Buch der Geschichte wird Er uns in diesem neuen Lehrjahre Vieles zu lernen geben, sowohl unseres eigenen häuslichen und christlichen Lebens, als der Geschichte der Menschheit. Durch wie manche Erfahrungen Seines Ernstes und Seiner Güte wird Er zu unserm gern schlummernden Gewissen reden, wie manche bereits eingeleitete Entwicklungen Seines Reiches fortsetzen, wie manche kleinere oder größere Plagen, leichte oder schwere Aufgaben jedem Tage beilegen, und sie alle in der Einen Hauptaufgabe, - zu wachsen in der Erkenntniß und Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, vereinigen! Also nur frisch hinein in die Schule der Erfahrung, die sich von Neuem uns öffnet, und auch in die tieferen Lehrstücke und Aufgaben, in deren Lösung Er, unser wunderbarer Berather und Lehrer, uns schon wird zu rathen und zu helfen wissen! Nur Fleiß und Ernst angewandt, daß wir unsern Beruf und unsere Erwählung recht fest machen! Nur treu und eifrig gelernt das Eine große Lehrstück des ganzen lebendigen Christenthums: Erkenntniß der Wahrheit, die da ist zur Gottseligkeit, auf Hoffnung des ewigen Lebens!

Ja fröhlich in Hoffnung laßt uns die Schule der Zeit und der Bibel benutzen! Ist sie ja doch eine Vorschule der Ewigkeit, und wir können in ihr für die ewige Schule im Himmel selbst hier so Vieles vorauslernen. Unsere Lehrjahre sind - und darum haben sie soviel Ernstes und Uebendes- Wanderjahre, Pilgerjahre. Als solche sollen wir sie im Namen Jesu antreten und anwenden - im Namen des uns geschenkten Sohnes, den der Prophet mit dem bedeutsamen Namen des Vaters der Ewigkeit auszeichnet. Er, der aus des Vaters Schooß, aus dem Heiligthum der Ewigkeit in die Nacht dieser Zeitlichkeit zu uns herabgestiegen, hat durch Sein Sterben und Sein Leben für uns Leben und unvergängliches Wesen an's Licht gebracht; im Hinblick auf Ihn ermuntern wir uns mit dem Bekenntniß: wir haben hienieden keine bleibende Statte, sondern die zukünftige suchen wir.

Und so muß es uns dringend anliegen, nicht hier in dem Getriebe und Gewirre der Welt, ihrer Meinungen und Neigungen, ihrer Ergötzungen und Anerbietungen unser Element und unsere Heimath zu finden; sondern unsere Zeit und alles, was sich Ernstes darein fügt, für die Ewigkeit zu deuten und zu nützen, in Verläugnung der Welt und unserer selbst auf den Geist zu säen, um in der Welt des Geistes das ewige Leben zu erndten, mit unverrückter Sehnsucht und Hoffnung der Ruhe, die noch vorhanden ist dem Volke Gottes, dem Erbtheil der Heiligen im Licht entgegenwandeln. Wir sind nun dem stillen, ernsten Ziele der Ewigkeit wieder der Zeit nach nähergekommen; aber sind wir's auch dem Geist und Herzen nach? Sind wir gegen Morgen oder gegen Abend gewandert, der lichten oder der finstern Seite der Ewigkeit zu? Haben wir dem Eiteln und Sichtbaren, oder dem Ewigen und Unsichtbaren unser Leben geweiht? Ein Wanderjahr ist wieder dahin! Möchte es etwas mehr als eine blose Lustwanderung oder als eine blos irdische Geschäftsreise, möchte es doch wirklich bei Allen eine Wanderung nach dem ewigen Heiligthum gewesen seyn! Und wenn es dem nicht so war, sind wir gefesselt durch die Welt von innen und von außen, unserer hohen, ewigen Bestimmung vergessend, bis jetzt so sicher dahin gegangen: so laßt uns unsere Umkehr zu Gott, und mit ihr, Gottes Verheißung und Gnade nicht länger versäumen, uns vielmehr ausstrecken nach dem Kleinod, das uns vorhält unsere himmlische Berufung in Christo Jesu, an welchem schon so manche unserer lieben Mitpilgrime angelangt und für alle sauren Tritte ihrer Wallfahrt nach Oben, nach der ewigen Ruhe in Gott und nach ewiger Gemeinschaft mit Jesu erquickt und belohnt sind. Sie empfinden nun ganz und lauter, was wir nur in seligen, schnell entschwindenden Augenblicken vorempfinden. Wie wohl wird sichs dort nach der Arbeit ruh'n! Wie wohl wirds thun! Sie warten dort unser, mit heiliger Freude bereit, uns als Mitgenossen ihrer Seligkeit mit offenen Armen zu empfangen, wenn wir nur im Geiste mit ihnen heilig und unzertrennlich verbunden, unsern vorangegangenen Mitpilgern, die hier ein besseres Vaterland suchten, ja Dem selbst, nachpilgern, Der als der ärmste Fremdling in dieser Welt den Weg des Glaubens und der Verläugnung wandelte, um uns dort die Stätte zu bereiten. Und wie Vieles ist, das uns an dieses Ziel heute erinnert! Wie vielen unserer bekannten und unbekannten Mitpilger hat der Vater der Ewigkeit, der Herr über Leben und Tod, in diesem verhängnißreichen Jahre das Ziel ihres Wanderns gesteckt, und sie im Jammer des Kriegs, durch Plagen der Krankheit in die große Ewigkeit versammelt! Auch wir vermissen heute schmerzlich manche Seelen, die wir noch vor einem Jahre hiernieden zu den Unsrigen zählen durften. Der Herr hat sie gegeben, der Herr hat sie genommen, Sein Name sey gelobet! Gelobt und gepriesen aber auch durch ein treueres Pilgern nach Oben, durch den festen Wahlspruch im Herzen! siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, die droben und unser aller Mutter ist, durch die Befolgung der heiligen Weckstimme, die uns wie von Oben herab aus dem Kreise unserer Vollendeten zuruft: richtet die müden Hände und die lästigen Kniee wieder auf! jaget nach der Heiligung, ohne welche wird Niemand, den Herrn sehen!

Da wir nun aber eine mit jedem Jahre sich verstärkende Wolke von Glaubenszeugen um uns haben, so lasset uns ablegen die Sünde, die uns immerdar anklebt und uns träge macht; lasset uns mit Geduld laufen in den Kampf, der uns verordnet ist, aufsehend auf Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Unsere Glaubenslehrjahre und Pilgerjahre sind natürlich auch heilige Kampfjahre. Als den Held, der für uns gekämpft, und bis auf's Blut uns vorgekämpft hat, mit Welt und Tod überwindender Liebe, als den Held voll Kraft, der da mächtig ist in den Schwachen, bezeichnet ihn daher die erhabene Namenreihe in unserem prophetischen Fest-Texte.

Kampfjahre sind freilich auch - ohne die besondere Weihe durch Christi Geist und Namen, die Jahre der Menschheit überhaupt, besonders die gegenwärtigen Weltjahre. Welch ein wogendes, stürmendes Kampfjahr war das verflossene! Welch ein Kampf des Rechts und des Unrechts, der Ordnung und der Zügellosigkeit verwirrte und bedrohte manche Staaten, welch ein Kampf des Lichts und der Finsterniß die Kirche. Wir verlassen ein Kampfjahr, reich auch an einzelnen verborgenen Kämpfen - und in ein Kampfjahr, in welchem noch immer die Geister erregt, die Gerichte des Herrn vor der Thüre sind, treten wir ein; und wenn der Kampf das Gute, ja das Heilige gilt, da dürfen wir nicht gleichgültige Zuschauer bleiben. Doch wie sich auch die Kampfe der Welt mit sich selbst, und mit dem Reiche Gottes noch entwickeln mögen, kampflos bleiben können wir nicht, dürfen uns nicht zurückziehen von dem heiligen Kampf mit uns selbst und der uns immer anklebenden Sünde, von dem heiligen Glaubens- Buß- und Gebetskampf um den frohen und gewissen Besitz unseres ewigen Heils, um die völlige Reinigung unseres Herzens.

An Leidenskämpfen zu unserer Läuterung und Vollendung in Demuth und Glauben wird es unser göttlicher Erzieher und Führer nicht fehlen lassen; ebenso wenig als an Seinem Geiste und an Licht und Trost Seines Wortes dazu. Daß nur wir es nicht fehlen lassen in unserem Theil an Treue, an Muth, an Beharren bis an's Ende! So sey uns denn unsere heutige Jahresweihe eine Weihe zum Kampf! so töne das heilige Kampfgebot, das an die zwölf Confirmanden des verflossenen Jahres ergieng - o daß sie es möchten bewahrt haben! - auch als Wort der Kampfweihe uns entgegen: kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben! O wohl uns, wenn wir den edeln Entschluß fassen, den Kampfplatz des stillen, verborgenen Glaubens, und, wo es Seine Ehre gilt, des offenen und unerschrockenen Bekenntnisses zu betreten, zu bestehen und das Feld zu behalten am bösen Tage, und also einst, wenn unser Kampfjahr vorüber ist, die Krone des Lebens zu ernten und vom Siege zu singen in den Hütten der Gerechten! Alsdann wird Friede und Freude vorhanden seyn ewiglich: dann feiern wir das große Sieges- und Friedensfest droben bei dem Fürsten des Friedens. Das ist ja eben der letzte und lieblichste Name, mit dem der heilige Friedens- und Kampfbote unseres Textes den großen Gesalbten und Verheißenen Gottes verherrlicht, Friedefürst. Treten wir in Seinem Gottes- und Jesus-Namen, im Vertrauen und Aufsehen auf Ihn unsere Lebensjahre an, so werden sie uns zu Friedensjahren. Auch die Kampfjahre mit all ihren nie endenden, ja bis zum letzten Kampf steigenden Kämpfen wandeln sich in Friedensjahre um. Aeußerlich freilich verspricht dieses jetzt angetretene Jahr so wenig die Gestalt eines allgemeinen Friedensjahres, als das verflossene. So schwankend und getrübt der äußere Frieden ist, so viel reiner und gewisser sey uns das höhere Gut des innern Friedens, jener selige Vorschmack von dem ewigen Frieden, der von dem Throne Gottes und von der Nähe des Erlösers über die ganze, vollendete Schaar Seiner Erlösten sich ergießt; jener Friede mit Gott, der höher denn alle Vernunft, jetzt schon das selige Erbtheil eines durch den Glauben gerechtfertigten und begnadigten Herzens ist, und so in allen Anfechtungen von innen und in allen Kämpfen von außen, selbst noch im letzten Todeskampfe, mit Wonne des ewigen Lebens erquickt. Dieser Friede pflanzt mit dem beseligenden Hochgefühle der Kindschaft Gottes zugleich das selige Gefühl der Verbrüderung mit allen Kindern Gottes, mit allen, die den Herrn anrufen und Seinen Fußstapfen nachfolgen. O daß wir doch einmal ein solches Friedens- und Gnadenjahr erleben möchten; - ein Jahr, denkwürdig in der Geschichte unseres Lebens, und entscheidend für unser ewiges Heil durch den unverbrüchlich abgeschlossenen Frieden mit Gott, durch den ewigen Bund mit unserem göttlichen Friedensfürsten! Und zu einem solchen Friedens- und Gnadenjahr ist uns dieß neue bestimmt! Im Frieden mit Gott durch den Glauben an Jesum Christum laßt uns den Frieden unserer Herzen auch nach Außen verbreiten, so viel an uns ist, Friede halten mit Jedermann, in heiliger Sanftmuth und Demuth dem sanften Joch und Friedensstabe Christi, uns unterwerfen, und Seinem Friedensreiche, das bis jetzt noch ein Kreuzreich und eine streitende Kirche ist, den Weg bahnen! - Darum,

Den leichten Seelen ernsten Sinn,
Die Zeitverprassung schnell zu enden,
Zum Einigen, was Noch ist, hin
Sich mit entschloßnem Muth zu wenden,
Belebe, Erhebe
Hoch über den Tand
Der Erde die Herzen zum ewigen Land! -

So gehe denn Himmelan unser Wandel! Dankend werden wir dann - mag dieses oder ein folgendes Jahr das letzte unserer Wallfahrt zu den Hütten des Friedens seyn - segnend und gesegnet, wie jener fromme Seher des Heilandes, hinscheiden, und noch im Scheiden zeugen können: Herr, nun lässest Du Deinen Diener im Frieden fahren; denn die Augen des Glaubens haben Deinen Heiland gesehen! Amen.

Quelle: http://glaubensstimme.de/doku.php?id=verzeichnisse:quellen:schmid_zew1

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im Jahre 1832 gehalten
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