Monod, Adolphe - Der Apostel Paulus - Pauli Persönlichkeit, oder Seine Schwäche

Vierte Rede.

Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nichts rühmen, nur meiner Schwachheit. Und so ich mich rühmen wollte, täte ich daran nicht töricht; denn ich wollte die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, auf daß nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. Und auf daß ich mich nicht der hohen Offenbarung überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlage, auf daß ich mich nicht überhebe. Dafür ich dreimal zum HERRN gefleht habe, daß er von mir wiche. Und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf daß die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich gutes Muts in Schwachheiten, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen, in Ängsten, um Christi willen; denn, wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
2. Corinther 12, 5-10

Ich hoffe, meine bisherigen Reden über den Apostel Paulus haben dich, mein lieber Zuhörer, überzeugt, daß du zur Ehre Gottes und zum Besten der Menschen ein Werk vollbringen mußt; ich hoffe ferner, daß du dies Werk klar erkannt hast und ernstlich entschlossen bist, es auszuführen. Aber eine Sache beunruhigt dich: deine Aufgabe übersteigt deine Kräfte. Theils bist du deiner natürlichen Anlage noch dazu untüchtig, und mit Schmerz denkst du an deine körperlichen, geistigen und sittlichen Gebrechen; theils fehlt es dir, da du die Vergangenheit schlecht angewandt hast, an Uebung deiner Kräfte; mit bitterem Vorwurf zählst du die verlorenen Stunden, die versäumten Gelegenheiten, die vernachlässigten Mittel und die vergrabenen Pfunde. Das aber reicht hin zu deiner Entmuthigung. Entmuthigung ist so recht das Wort, das unsre Zeit kennzeichnet; Entmuthigung ist die abgefeimte List des Teufels bei Solchen, welchen er weder von Verzweiflung noch von Unglauben zu reden wagt; was liegt ihm an Worten, wenn man ihm nur die Sache läßt.

Selbst die Jugend ist diesen entnervenden Gedanken zugänglich, und an die Jugend wende ich mich ganz besonders in dieser Rede. Ist sie nicht in dieser entscheidenden Uebergangsperiode die Hoffnung der Kirche und der Gesellschaft? Das Geschlecht, welches vor dieser Zeit zur Anregung des religiösen Erwachens in unserem Jahrhundert auserwählt wurde und welchem derjenige, der zu euch spricht, angehört, ist vielleicht jetzt entweder zu schwach oder zu viel beschäftigt, um ihm jenen neuen Aufschwung zu geben, nach welchem wir Alle uns sehnen, und dessen erste Zeichen wir überall mit Freuden begrüßen. Auf euch, ihr jungen Christen, zählen wir im Herrn weit mehr als auf uns, und unser liebstes und zugleich unser ernstestes Streben ist darauf gerichtet, euch für die große Aufgabe, die eurer wartet, auszubilden. Ihr selbst ahnt sie, und gern gebe ich euch das Zeugniß, daß sie euch um so mehr anzieht, je großartiger sie ist; aber ihre Größe erschreckt euch zugleich, und die nachdenkendsten unter euch sind die ersten, die da sprechen: Ich bin dazu weder geeignet noch geübt. Ach, muß man denn erst lange gelebt haben, um sich bei der Vergleichung dessen, was man ist, mit dem, was man sein könnte, und dessen, was man gethan hat, mit dem, was man hätte thun können, an die Brust zu schlagen? Was ist außerdem ansteckender als Entmuthigung? Sie ist auch bei unsrer jetzigen Jugend ganz allgemein: die liebenswürdige Spannkraft dieses Alters beugt sich unter dem Gewichte der allgemeinen Erschlaffung; scheint es doch, als fühle sie sich durch die noch vor ihr liegenden Jahre bereits ebenso belastet, wie man es gewöhnlich durch die schon zurückgelegten ist. Auch dies gehört zu den Zeichen der Zeit.

Aber glaubt ihr, meine jungen Freunde, daß dem jungen Saul, der, kaum bekehrt, zum Apostelamt berufen wurde, die Gedanken, welche euch beunruhigen, erspart geblieben wären? Glaubt ihr, daß er bei der Abwägung seiner natürlichen und erworbenen Kräfte im Verhältniß zu dem ihm gewordenen Berufe „den Namen des Herrn zu tragen vor die Heiden, vor die Könige und vor die Kinder von Israel,“ sich wohlgefällig in der Ueberzeugung gewiegt habe, er besitze dazu die erforderliche Fähigkeit und die wünschenswerthe Ausbildung? O nein, an solchen Gedanken erkennt ihr den frommen Apostel nicht! Er hat seine Kämpfe, seine Niedergeschlagenheit und seine Schmerzen ebenso gut, vielleicht noch mehr gehabt als ihr; er hat sich manchmal gesagt: „Wer ist hiezu tüchtig?“ und wer weiß, ob er nicht sogar mit Moses ausgerufen hat: „Ach, mein Herr, sende, wen du willst!“ Aber er hat Frieden gefunden im Hinblick auf Gott, dessen Wege nicht unsre Wege und dessen Gedanken nicht unsre Gedanken sind. Er hat begriffen, daß der Gott, der ihn vom Mutterleibe an erwählt und aus Gnade berufen hat, ihn nicht ohne die nöthige Fähigkeit erwählt und ohne die erforderte Vorbereitungszeit berufen haben kann. So wie er ist, ist er für das Werk, wie der Allmächtige es geschaffen, von Gott weit besser vorbereitet, als er sich selbst, falls er es geahnt hätte, dazu vorbereitet haben würde. Diese Vorbereitung ist eine zwiefache: eine Vorbereitung der Kraft, die seiner natürlichen Gaben, welche er von nun an dem Dienste des Herrn weiht, und eine Vorbereitung der Schwäche, die seiner Gebrechen, welche ihn nöthigen, seine Zuflucht allein zu der Gnade des Herrn zu nehmen. Die erste scheint ihn nur wenig zu beschäftigen; die zweite dagegen nimmt in seinen Reden und Briefen eine bedeutende Stelle ein. Was er übrigens irgendwo sonst darüber sagt, faßt unser Text in die wenigen Worte zusammen, die ich seinen Wahlspruch nennen möchte: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Wunderbar! Der größte aller Menschen ist zu der größten aller Unternehmungen wodurch gestärkt worden? - durch seine Schwäche! Dies ist kein Widerspruch, sondern, wie ihr sehen werdet, die reine Wahrheit. Lernet aber daraus, daß ihr, so wie ihr seid, für das von Gott euch zugewiesene Werk vorbereitet seid, und daß diejenigen eurer Gebrechen, welche ihr als die drückendsten anseht, zu den segensreichsten Hilfsquellen für euch werden können.

Es gibt beim Apostel Paulus eine Vorbereitung der Kraft, das heißt, er besaß gewisse natürliche oder selbsterworbene Vorzüge, welche Gott, dem er beide verdankt, in Seinen Plan aufnahm und Seinen Absichten dienstbar machte, Saul war kein gewöhnlicher Mensch und Gott hatte ihn nicht umsonst so reich begabt; und da Ihm Alles dienen muß, so sind sicherlich auch die verschiedenen Fähigkeiten der Menschen von dieser Regel nicht ausgeschlossen. Die Geschichte Pauli, seine Schriften und Reden offenbaren selbst dem oberflächlichen Beobachter eine seltene Vereinigung der auserlesensten und ausgebildetsten Gaben; man sieht sie gleichsam hindurchschimmern durch die göttliche Eingebung, welche die Natur nur leitet, aber nicht zerstört, nur beherrscht, aber nicht vernichtet. Es liegt in seinem Charakter eine unbeugsame Thatkraft, eine unüberwindliche Ausdauer, ein Wille, den beim Unternehmen einer Sache keine Schwierigkeit überrascht, beim Ausführen kein Hinderniß muthlos macht. Sein Gemüth zeichnet sich aus durch eine Lebhaftigkeit des Geistes und Herzens, die sich selbst in den größten Kleinigkeiten bemerklich macht; durch eine Wärme der Zuneigung, welche die Freundschaft den Banden des Blutes gleichstellt; durch eine Zärtlichkeit des Mitgefühls, welche die Interessen, Bedürfnisse, Kämpfe, ja sogar die Schwächen Anderer zu seinen eigenen macht; durch eine Salbung der Sprache, welche die Seele bis in ihre tiefsten Tiefen bewegt. Hiezu kommen endlich große Gaben des Geistes: eine Kraft des abstrakten Denkens, dem selbst der aufmerksamste Leser kaum bis ans Ende zu folgen vermag; ein feiner und zugleich tiefer Scharfblick, dem nichts unergründlich erscheint; eine Fülle der Gedanken, die ein zehnmaliges Lesen so wenig erschöpft wie das einmalige; ein Reichthum und zugleich eine Kürze der Sprache, die auf einer Seite von Worten eine Welt von Gegenständen enthält und nur dann dunkel wird, wenn der Apostel sich in die von der Menge ungeahnten Tiefen versenkt; eine geniale, durch liebenswürdige Anmuth gemilderte Frische und Lebendigkeit, die mit vollen Händen lebendige oder ergreifende Gedanken ausstreut; und dies Alles gereift durch ein langes, besonders der jüdischen Literatur und Theologie, aber auch den Schriften, Gesetzen und Sitten anderer Völker gewidmetes Studium. Dies ist nur eine unvollkommene Charakteristik des großen Apostels: - wer möchte sich auch schmeicheln, einen solchen Mann zu zeichnen, ohne die Züge des Bildes entweder zu schwächen oder zu übertreiben! Jedenfalls hatte er über ungewöhnliche menschliche Mittel zu verfügen; es wäre Verkehrtheit, dies nicht anzuerkennen. Und warum sollten wir es verkennen? Verlangt etwa die Ehre Gottes, daß wir die Augen gegen die Gaben Seiner Hand verschließen? Nein, gewiß nicht, vorausgesetzt, daß wir sie Seiner Gnade zuschreiben und zu Seiner Ehre anwenden, im Sinne eben unsers Apostels, der da sagt. „Denn wer ziehet dich vor? Was hast du aber, das du nicht empfangen hast? So du es aber empfangen hast, was rühmest du dich, als der es nicht empfangen hätte?“ (1 Kor. 4, 7.)

Hören wir hierüber einen mit der Geschichte der ersten Kirche besonders vertrauten Mann. Der fromme und gelehrte Neander sagt: „Die göttliche Gnade pflegt, wie Paulus selbst bemerkt, das, was thöricht ist vor der Welt, zu erwählen, daß es zu Schanden mache, was stark ist, und das Unedle vor der Welt und das Verachtete und das da nichts ist, um zu nichte zu machen, was etwas ist. Darum wählte Christus seine ersten Jünger nicht aus der Zahl der Großen und Weisen dieser Welt, sondern aus einfachen, unwissenden, ungebildeten Menschen, aus Fischern und Zöllnern, die nicht einmal hervorragende natürliche Fähigkeiten besaßen, nichts mitbrachten. Alles von Ihm empfingen und nur auf Seine Gnade angewiesen waren. Aber wir müssen auch anerkennen, daß der Gott der Gnade zugleich der Gott der Natur ist, und daß die bewundernswerthen Kräfte, womit Er die Menschen bei der Schöpfung ausgerüstet hat, mit der Gründung und Entwicklung des Reiches der Gnade in Zusammenhang stehen und diesem letzten Zweck aller Seiner Werke und dieser Seiner größten Ehre dienstbar sein müssen, wenn sie nicht ihre höchste Bestimmung verfehlen wollen. So gehört es auch zu den besondern Absichten der göttlichen Weisheit, daß das von Fischern und Zöllnern begonnene Werk durch einen in den Schulen jüdischer Weisheit zu scharfem Denken gebildeten Geist fortgeführt werden sollte. Ohne Zweifel hätte Paulus, wenn es in seiner Absicht lag, unter den ersten Weisen und Rednern der Welt glänzen können; er würde hinter keinem der großen Meister des Gedankens oder des Wortes, deren sich das alte Griechenland rühmt, zurückgestanden haben.“

Was Neander hier von Paulus sagt, läßt sich in gleicher Weise von allen großen Dienern Gottes sagen: Jeder zeichnet sich durch eine besondere natürliche Kraft und angeborne Fähigkeit aus, denen Gott im Rathschluß Seiner Vorsehung ihre rechte Stelle angewiesen hat: der Eine besitzt die Gabe der Rede, der Andere die Gabe der Schrift, ein Dritter den Geist der Organisation und Leitung, ein Vierter die Kunst auf die Menschen zu wirken, und viele Andere sind zu tausend andern Dingen befähigt. Auch ihr, wer ihr auch seid, und wozu Gott euch auch berufen haben mag, auch ihr habt jedenfalls das Maß von Kraft und Fähigkeit erhalten, dessen ihr zu eurem Werke bedürft. Hier, wie überall, kommt es nicht auf das Schauen, sondern auf das Glauben an; der wahre Glaube besteht nicht darin, uns unserer Gaben bewußt zu sein, und die wahre Demuth nicht darin, sie zu verkennen; wir sind nur dann gläubig und demüthig, wenn wir sie so hinnehmen, wie Gott sie uns gegeben hat, und sie Seinem Dienste in der festen Ueberzeugung widmen, daß derjenige, welcher uns beruft, auch der ist, welcher uns ausrüstet.

Und doch ist diese Vorbereitung der Kraft nicht die hauptsächlichste und eigenthümlichste Vorbereitung unsers Apostels. Diejenige, welche uns die Lösung des Räthsels seines großen Lebens gibt und aus Saulus einen Paulus machte, ist die Vorbereitung der Schwäche. Paulus hätte zur Noth seine ausgezeichneten Gaben entbehren können; er hätte sich dann womöglich noch rückhaltloser in die Arme Gottes werfen müssen, dieses Gottes, der ihn rief, und mit dieser Berufung die stillschweigende Verpflichtung übernommen hatte, ihn zuzubereiten. Aber ohne seine Schwachheit wäre er nicht mehr er selbst gewesen, wäre er vielleicht ein Apollos, ein Barnabas, ein Timotheus geworden, niemals jedoch ein Paulus, das heißt der Mann des Glaubens in der höchsten Bedeutung des Wortes. Denn ungeachtet so vieler dem Glauben gegebener Verheißungen werden wir immer noch durch einen Ueberrest eigener Kraft geschwächt, so wie auch ein Ueberrest eigener Gerechtigkeit, von dem selbst die Demüthigsten nicht frei sind, uns stets mehr oder weniger beunruhigt. Diese unglückselige eigene Kraft, dies eigene Talent, diese eigene Beredsamkeit, diese eigene Wissenschaft, dieser eigene Einfluß bilden in unserm Innern gleichsam ein kleines Lieblingsheiligthum, das unser Stolz, um sich eine letzte Zufluchtsstätte zu sichern, vor der Kraft Gottes eifersüchtig verschließt. Könnten wir aber endlich in Wahrheit schwach werden und an uns völlig verzweifeln, so würde die Kraft Gottes in unser ganzes Innere ausströmen, und indem sie sich bis in die geheimsten Falten desselben ergösse, würde sie uns mit „allerlei Gottesfülle“ erfüllen, so daß diesem Austausch menschlicher Kraft gegen Gottes Kraft nichts unmöglich wäre, da bei Gott kein Ding unmöglich ist. Das ist der unschätzbare Dienst, welchen der Apostel seiner Schwachheit verdankt; keine Kraft hätte ihm jemals so viel leisten können. Indem er sich aller menschlichen Kraft beraubt fühlt, gibt er sich ohne Rückhalt der Einwirkung der göttlichen Kraft hin. Und mit dieser einzig wahren Kraft bereichert ihn Gott um so lieber, da bei solcher Geistesrichtung die Gefahr des Selbstruhms nicht vorhanden ist. O glückliche Schwachheit, die den Einen zum Bitten und den Andern zum Gewähren nur geneigter macht! Sehet, das ist das Geheimniß der Kraft Pauli; es wird auch die Grundlage eurer Kraft sein, wenn ihr in des Apostels Geist und Gesinnung eingehn wollt.

Die erste Schwachheit, welche der bekehrte Saulus in sich wahrnehmen muß, ist eine Schwachheit der Bildung und Erziehung, die um so bedeutender ist, als sie ihren Sitz im geistigen und moralischen Menschen hat.

Denn wozu ist Saulus künftig berufen, und wie hat er sich bis dahin dazu vorbereitet? Als Apostel der Heiden kann er nicht hoffen, daß sie dies ihnen so neue Evangelium anders annehmen werden, als wenn er es ihnen, abgelöst von allem jüdischen Particularismus und zurückgeführt auf seinen innersten, allgemeinen, bleibenden Inhalt, verkündigt. Die den Juden wie den Griechen gleich zugängliche und nothwendige Rechtfertigung durch den Glauben ohne des Gesetzes Werke, im Gegensatz zu der gesetzlichen Gerechtigkeit, die unter allen Völkern der Jude allein zu besitzen sich schmeichelte, das war der Lehrsatz, welchen zu verbreiten sein Apostelamt ihm zur Aufgabe machte. Hat Paulus nun aber die Erziehung genossen, die ihn zur Verkündigung dieser freien Gnade geschickt machte? Bis dahin Jude unter Juden, Pharisäer unter Pharisäern, hat er nur nach der Gesetzes-Gerechtigkeit getrachtet, die er künftig zu bekämpfen bestimmt war, und allein jene falsche Logik der Synagoge kennen gelernt, die er überall auf seinem Wege antreffen sollte. Wird der Geist, das Herz und das Gewissen des neuen Apostels sich von den tief eingewurzelten Vorurtheilen und Gewohnheiten so ganz frei machen können, daß nicht wenigstens etwas wie ein dunkler Schatten an seiner Predigt haften bleibt und das helle Licht seines Evangeliums trübt?

Dafür laßt Gott sorgen; Sein Geist wird den Apostel die Erinnerungen und Eindrücke der Vergangenheit vergessen lassen; beruhigt euch, der Heilige Geist kann es thun. Er wird es thun, Er hat es gethan. Aber das werdet ihr mir zugestehen, die neue Lehre von der Gnade fand, nachdem die innere Befreiung vollzogen war, in Paulus einen um so einsichtsvolleren und ergebeneren Dollmetscher, je deutlicher sie sich ihm durch den Gegensatz, den sie zu seiner traurigen Vergangenheit bildet, offenbarte. Dem Saul ergeht es hier ungefähr ebenso wie fünfzehnhundert Jahre später Luther, dem Saul der Reformation.

Warum läßt Gott es zu, daß der junge Wittenberger Professor seine schöne Geistesgaben der abgeschmackten und trocknen Scholastik des Mittelalters gefangen gibt? Weil Er in ihm einen Erneurer der Theologie vorbereitet, der durch die Leere und das eitle Schaugepränge der Scholastik empfänglich gemacht werden soll für Alles, was die mit aufrichtigem Herzen und geradem Sinn aufgenommene Weisheit der heiligen Schrift Wahres, Gediegenes und Heilsames besitzt. Warum ferner will Gott, daß der junge Erfurter Mönch, um den Forderungen des Gesetzes zu genügen, die Begierde durch Kasteiungen zu ertödten, und den natürlichen Hochmuth unter der Last willkürlicher Büßungen und Demütigungen zu ersticken, seine Leibes- und Seelenkräfte nutzlos aufreibt? Weil Er in ihm der Kirche einen Reformator zubereitet, den lange Jahre der Gesetzes-Gerechtigkeit die Süßigkeit evangelischer Freiheit schmecken lassen, und der, nachdem er das unerträgliche Joch endlich von seinen müden Schultern abgeschüttelt hat, allein schon durch den Nachdruck, mit welchem er die gleichsam aus dem Grabe erstandenen Worte Glaube, Gnade, Wort Gottes betont, der Welt den Werth des reinen Evangeliums kundthun wird. Der Lehrstuhl zu Wittenberg und das Kloster zu Erfurt haben Luther und seine Reformation, die Schule Gamaliels und der Rigorismus der Pharisäer haben Saulus von Tarsus und sein Apostelamt geschaffen. Es gilt, den jüdischen Schriftgelehrten mit ihren haarspaltenden Unterscheidungen und Textverdrehungen entgegenzutreten, diesen Männern, die da Mücken seigten und Kameele verschluckten und die unsinnigsten menschlichen Einbildungen auf Gottes Rechnung setzten. Wer war geschickter dazu als dieser jüdische Schriftgelehrte, der, seit vielen Jahren in ihren verfänglichen Beweisen und erzwungenen Auslegungen bewandert, sie mit ihren eigenen Waffen schlagen kann und ihnen, ganz nach ihrem Belieben, entweder jene feinen und spitzfindigen Beweise, an die sie sich lange gewöhnt hatten, oder jene für jeden Wahrheit liebenden Geist einleuchtenden einfachen und haltbaren Gründe vorlegen kann! Vor allem aber gilt es - und dies ist die Hauptsache - den Irrthum jener Gesetzes-Gerechtigkeit nachzuweisen, in welcher der Pharisäer einen trügerischen oder verderblichen Frieden sucht, und der Welt zu zeigen, daß einen armen Sünder nichts anders rechtfertigt, heiligt und tröstet, als die freie Gnade Gottes in Jesu Christo, dem Gekreuzigten. Wer war dazu geschickter als dieser junge Pharisäer, der die Ohnmacht des Gesetzes, die er der Welt offenbaren sollte, in eigner schmerzlicher Erfahrung kennen gelernt und keine Ruhe für seine Seele noch Kraft gegen die Sünde gefunden hatte, bis er an die Gnade glaubte, deren erbitterter und aufrichtiger Gegner er so lange gewesen war, und in deren Besitze er nun viel tiefer als Moses selbst in dessen Wort eindrang: „Moses glaubte dem Herrn, und das rechnete Er ihm zur Gerechtigkeit“, und tiefer als Habakuk in Habakuks Wort: „der Gerechte wird seines Glaubens leben“, und mit David, jedoch mit einer ganz andern Tiefe der Empfindung als David, sprechen kann: „Ich glaube, darum rede ich“!

Das ist - um nur ein Beispiel anzuführen, aber eins, welches alle anderen einschließt, - das ist die lebendige und reiche Quelle, aus welcher der Römerbrief hervorgegangen ist. Ich wiederhole hier, was ich schon anderswo sagte: nicht allein der Geist Gottes, sondern auch der menschliche Geist redet zu uns in der Eingebung der heiligen Schrift: Gottes Geist mit seiner ganzen Autorität, des Menschen Geist mit allen seinen Erfahrungen, Kämpfen und Schmerzen. Dies ist zwiefach mehr in Bezug auf die Eingebung des Neuen Testaments, welche, weil sie geistiger ist als die des Alten Testaments, zugleich freier und persönlicher erscheint. Wie man sagen kann, daß die Hand des Apostels Paulus beim Schreiben des Römerbriefs vom Geiste Gottes geleitet worden, ebenso kann man auch behaupten, daß sie in reicher Fülle aus dem Herzen Sauls von Tarsus geschöpft hat. Wenn der Apostel Paulus der göttlichen Gnade das glänzende Zeugniß gibt: „Durch des Gesetzes Werke wird kein Fleisch gerecht; nun ist aber ohne Zuthun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, geoffenbart, und bezeuget durch das Gesetz und die Propheten, nämlich die Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesum Christum zu Allen und auf Alle, die da glauben,“ - wenn der Apostel also spricht, so erkennt darin Saul von Tarsus, der sich vergeblich abmüht, Gott zu gefallen, weil er seine eigene Gerechtigkeit auszurichten trachtete und der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht unterthan war. Wenn der Apostel Paulus in der Fülle reichen Trostes ausruft: „Nun wir denn sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christ. Durch welchen wir auch den Zugang empfangen haben im Glauben zu dieser Gnade, darin wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der Herrlichkeit von Gott. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale“, wenn der Apostel so spricht, so erkennet hierin Saul von Tarsus, wie er dem Frieden nachjagt, ohne ihn erreichen zu können, weil er ihn von dem Gehorsam des Gesetzes, statt von der Freiheit der Gnade erwartet. Wenn der Apostel Paulus in dem heiligen Gesetze Gottes für Jeden, welcher Gerechtigkeit und Leben von ihm erwartet, eine geheimnißvolle Macht der Sünde entdeckt und spricht: „Da nahm die Sünde Ursach am Gebet und erregte in mir alle Lust. Denn ohne das Gesetz war die Sünde todt. Ich aber lebte ehemals ohne Gesetz; da aber das Gebot kam, wird die Sünde wieder lebendig. Ich aber starb, und es befand sich, daß das Gebot mir zum Tode gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war“, - wenn der Apostel sich also ausdrückt, so erkennet darin Saulus von Tarsus, wie er mit diesem furchtbaren Gesetze ringt und aus diesem Ringen ohne Sieg keine andre Frucht erntet, als die Sünde lebendiger, tyrannischer und zugleich fluchwürdiger als je in sich zu fühlen. Und wenn der Apostel den Dank, der sich aus seiner Seele emporringt, nicht mehr zurückhalten kann und in den Triumphgesang ausbricht: „Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst, oder Verfolgung, oder Hunger, oder Blöße, oder Fährlichkeit, oder Schwert? In dem Allen überwinden wir weit durch Den, der uns geliebet hat. Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstenthümer, noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andre Kreatur, mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die da ist in Christo Jesu, unserm Herrn“ - wenn der Apostel also spricht, so erkennet darin Saul von Tarsus, wie er überwunden, erschöpft und athemlos unter dem Druck einer Last erliegt, die er nicht tragen kann und nicht abzuwerfen wagt, ja nahe daran ist, an Gott und sich selbst zu verzweifeln. Kurz, Paulus konnte seinen Römerbrief ohne die Erfahrung des Saulus so wenig schreiben als ohne die Erleuchtung des Heiligen Geistes. Nie wäre Paulus Paulus geworden, wäre er nicht zuvor Saulus gewesen, Saulus Schwachheit ist Paulus Kraft. Und nun wende ich mich an dich, mein lieber Bruder. Du hast sittliche Schwächen, die dich mehr niederdrücken als alle andern. Vielleicht ist's eine langjährige Muthlosigkeit und Schwermuth, die jede ausdauernde Thätigkeit lähmt. Vielleicht sind's auch manche Vorurtheile der Geburt und Erziehung, von denen ein erst im vorgerückten Alter gewonnener und noch nicht recht befestigter Glaube sich nur schwer frei zu machen versteht. Oder du bist lange Zeit von Gewohnheiten, Verbindungen und Sitten beherrscht worden, die mit den Forderungen eines christlichen Lebens nicht übereinstimmen. Kurz, was es auch sein mag, sieh, mein lieber Saul von Tarsus, jetzt bist du in einer guten Schule, um ein Apostel Paulus zu werden, Ruhe nicht, bis es dir gelungen ist, jede dieser Schwächen in eine Kraft umzuwandeln, und merke es dir wohl, daß es keinen Irrthum, kein Vorurtheil, keine üble Gewohnheit, keine sittliche Schwäche gibt, die nicht, wenn du sie nur erkannt hast, in ihrer Weise in den Plan Gottes eingehen und dich zu Seinem Dienst jetzt fähiger machen kann, als du ohne ihre Hilfe gewesen wärest. „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“

Sind die sittlichen Schwächen die tieferen Schäden, so sind die körperlichen jedenfalls die fühlbarsten, gleichsam die uns am nächsten liegenden. Auch von diesen ist unser Apostel nicht verschont geblieben.

Wenn wir in der Apostelgeschichte und in den Briefen Pauli von seinen Reisen im ganzen römischen Reiche lesen und die gewaltige Thätigkeit erwägen, die er in Predigten, Gebeten und Nachtwachen, im Briefschreiben und in der Gründung von Gemeinden entwickelte, so schreiben wir ihm unwillkürlich eine ungewöhnliche Körperkraft, eine kräftige Gesundheit und ein unter jeder Anstrengung stark bleibendes Temperament zu. Diese Vorstellung liegt sehr nahe; von ihr haben sich mittelmäßige Künstler, die unsern Apostel darzustellen suchten, leiten lassen; groß, schön, erhaben, idealisch, ungefähr wie ein Halbgott des Heidenthums, so erscheint uns Paulus in ihren Bildsäulen und auf ihren Gemälden. Raphael aber hat ihn bekanntlich anders gemalt, weil er einsah, daß der Höhepunkt des Genius darin besteht, die Forderungen der Kunst mit dem geschichtlich Gegebenen in Einklang zu bringen. Um Paulus darzustellen, hat er sich durch das Bild, welches der Apostel im zweiten Korintherbrief unwillkürlich von sich selbst entworfen hat, begeistern lassen. Es sind freilich nur Streiflichter; denn er denkt nicht daran, ausführlich über sich zu reden, er hat Besseres zu thun; wir sind darauf beschränkt, seine Gedanken über diesen Punkt aus einigen flüchtig hingeworfenen Zügen zu errathen. Ich gehe auch nicht auf die scharfsinnige Untersuchung ein, die sich über die Art seiner körperlichen Gebrechen erhoben hat; ich scheue mich aber nicht, besonders nach zwei in unserem Briefe enthaltenen Andeutungen, zu behaupten, daß sie bedeutend gewesen sind und selbst seiner Wirksamkeit hinderlich sein mußten.

Die eine dieser Andeutungen findet sich in unserm Teile selbst: „Es ist mir gegeben ein Pfahl in's Fleisch, ein Satans-Engel, der mich mit Fäusten schlage, auf daß ich mich nicht überhebe. Darüber ich dreimal zu dem Herrn geflehet habe, daß er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft wird in der Schwachheit mächtig.“ Vergebens hat man versucht, aus diesem Pfahl einen geistigen Pfahl zu machen, d. h. irgend eine außerordentliche Versuchung, an deren Ueberwindung der Apostel verzweifelte. Hier handelt es sich um einen Menschen, der durch Wort und Beispiel der Welt zeigen sollte, daß der Gläubige Alles vermag durch Den, der ihn mächtig macht, Christus, und daß es ebenso wenig unüberwindliche Versuchungen als unvermeidliche Sünden gibt. Nehmen wir die Worte in ihrer natürlichen Bedeutung: ein Pfahl im Fleisch ist nicht ein Pfahl im Geiste. Man wende mir nicht ein, daß er dem Einflusse des Teufels zugeschrieben wird; denn Paulus schreibt wie Christus (Luk. 13, 16) einen großen Theil der leiblichen Uebel in der Menschheit dem Satan zu.

Könnte noch irgend ein Zweifel über den Sinn seiner Worte stattfinden, so würde er durch die zweite Andeutung unsers Briefes gehoben: „Die Briefe, spricht man, sind schwer und stark, aber die Gegenwärtigkeit des Leibes ist schwach und die Rede verächtlich“ (2 Kor. 10, 10). Wie eingenommen auch die Menschen, welchen der Apostel diese Sprache leiht, gegen sein Amt sein mochten, so kann man ihnen doch in Bezug auf seine Körperschwäche glauben, da sie der Kraft seiner Briefe volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie mögen diese Schwäche übertrieben haben, aber jede Uebertreibung hat in der Wirklichkeit einen Stützpunkt. Zudem gibt der Apostel unbedingt die Wahrheit ihres Berichtes zu: „Ein solcher denke, daß, wie wir sind mit Worten in Briefen abwesend, so dürfen wir auch wohl sein mit der That gegenwärtig.“ Er leugnet die Schwäche seiner körperlichen Erscheinung nicht ab; er behauptet nur, daß die Lebendigkeit seines Handelns sie mehr als ersetze.

Man kann also nicht daran zweifeln, daß Paulus einen schwächlichen Körper besaß. Diese Schwäche war so augenscheinlich, daß man sie als eine bekannte Sache erwähnte, und zugleich der Art, daß sie durch den schneidenden Gegensatz, den sie zu der Kraft seiner Briefe bildete, sein Apostelamt in Mißachtung brachte. Außerdem war sie ihm selbst so peinlich, demüthigend und seinem Werke so hinderlich, daß er sich nur schwer darin ergab und dreimal um Erlösung von dem Uebel gebetet hatte; dreimal wäre für uns wenig, für ihn war es viel; dreimal um eine Gnade bitten, ohne sie zu erlangen, war in seinem Gebetsleben etwas Unerhörtes - was könnte uns ein erhörtes Gebet mehr über die Macht des Gebetes offenbaren als dies nicht erhörte, durch das Erstaunen, in welches es ihn versetzte. Wie war Paulus zu dieser Schwachheit gekommen? Vielleicht von Geburt an oder durch einen Zufall, oder durch die Kasteiungen und Büßungen, die er sich in den blinden Zeiten seiner Selbstgerechtigkeit auferlegt hatte, oder gar durch die Anstrengungen und Verfolgungen, die er hatte ertragen müssen und die wohl im Stande waren, selbst die kräftigste Gesundheit zu untergraben. Wir wissen es nicht; vielleicht daß alle diese Ursachen dabei mitgewirkt haben; so viel aber steht fest und das ist Alles, was wir zu wissen brauchen, dieser gewaltige Apostel, dieser geistige Eroberer von halb Asien und Europa, war körperlich so schwach, daß es allgemein auffiel, seine Gegner ermuthigte, ihn selbst ängstigte und ihn zu seinem Werke für immer unfähig zu machen schien.

Und dennoch hat diese Gebrechlichkeit nur dazu gedient, ihn nach Gottes Willen geeigneter dazu zu machen, oder vielmehr Gott hat ihn absichtlich so schwach werden lassen, um sich vollends in ihm zu verherrlichen, so wie Er ehemals Gideons Heer durch einen Abzug nach dem andern so sehr verringerte, daß die kleine Schaar ihren Sieg hinfort nicht mehr der Zahl der Sieger zuschreiben konnte. Mit einem gesunderen Körper und einer kräftigeren Leibesbeschaffenheit würde Paulus nicht gezittert haben, wie er gezittert hat, nicht an sich selbst verzweifelt haben, wie er verzweifelt hat, nicht zu Gott geschrieen haben, wie er geschrieen hat, folglich auch nicht gethan haben, was er gethan hat. „Darum will ich mich am liebsten meiner Schwachheit rühmen, auf daß die Kraft Christi in mir wohne.“

Diese Erfahrung hat nicht Paulus allein gemacht. Viele unter den Menschen, welche die größten Dinge in der Welt ausgeführt, namentlich solche, die für den Herrn und Sein Reich gearbeitet haben, litten an körperlicher Schwäche. Dahin gehören unter Andern der heilige Bernhard, von dem man kaum begreifen konnte, wo er Zeit und Kräfte für so große und verschiedenartige Arbeiten hernahm; ferner Calvin, der, nachdem er Tag für Tag mit den peinlichsten Gebrechen und schmerzlichsten Leiden gerungen hatte, im 53. Jahre starb. Auch Luther hatte längst nicht die kräftige Gesundheit, die man ihm gewöhnlich zuschreibt. Die Geschichte der Gegenwart kann uns gleichfalls Beispiele liefern; Jeder mag sie in seiner eigenen Erinnerung aussuchen. Einzelne schwache, nervöse und kränkliche Frauen, bei denen ein Leiden dem andern folgte und die kaum einen Hauch von Leben besaßen, haben den segensreichsten und nützlichsten Beruf, den je die Erde gesehen, ganz und vollständig erfüllt. Die Natur mag immerhin ihren Antheil an der Erklärung dieser überraschenden Erscheinung geltend machen - verbindet sich doch oft eine schwache Leibesbeschaffenheit mit einem feinen und edlen Gemüthe - aber wo es sich um göttliche Dinge handelt, ist dies nur eine untergeordnete Seite unserer Frage: die wahre Erklärung ist die moralische, die von der Vorsehung gegebene, die Erklärung des Apostels Paulus.

Ihr Alle daher, ihr Hinfälligen und Schwermüthigen unter dem Volke Gottes, ihr Herzen voll heiligen Strebens, die ihr trotzdem in den Banden des Fleisches eingekerkert und durch eure Sinne an den Staub gefesselt seid, obwohl ihr mit eurer Sehnsucht den Himmel umfaßt; die ihr brennet vor Verlangen, euch für Gottes Ehre und das Heil der Menschheit zu opfern, aber einen entmuthigten Blick auf euren hinfälligen Leib, eure schwachen Glieder und eure schwankende Gesundheit, auf den ganzen hinsiechenden äußerlichen Menschen werft, laßt euch nicht entmuthigen. „Stärket die laxen Hände und kräftiget die strauchelnden Kniee.“ Trachtet nur danach, daß ihr wie der heilige Bernhard, wie Calvin, wie Luther, wie der Apostel Paulus aus eurer Schwache eine Kraft schaffen möget! Ihr könnt es, diese Möglichkeit ist immer vorhanden. Ja, wenn ihr euren Glauben und eure Gebete verdoppelt, so seid ihr sogar im Stande, eine größere Befähigung für euer Werk zu erlangen, als ihr mit der Kraft, die euch fehlt, und mit der Gesundheit, die ihr vermißt, gehabt haben würdet. „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“

Es bleibt noch eine letzte Schwachheit übrig, für das Apostelamt Pauli jedenfalls die bedenklichste unter allen. Darf ich sie nennen? Die Schwachheit der Rede.

Unter den verschiedenen Schwächen, die eine Unternehmung zu vereiteln drohen, findet sich gewöhnlich besonders eine, welche ihr gradezu so ans Leben geht, daß es scheint, als müsse sie dieselben vernichten. Eine solche Schwäche wäre für einen Maler die Schwäche der Sehkraft, für einen Musiker die des Gehörs, für einen Apostel die Schwäche des Wortes. Denn das einem Apostel anvertraute Werk ist wesentlich ein Werk des Wortes: das Reisen, Anordnen, selbst das Schreiben sind nur Nebensachen im Apostelamt, das Reden aber ist das Wesen, die Seele und das Leben desselben. Wir können uns auch kaum die von Paulus erlangten Erfolge denken, ohne ihm Alles zuzuschreiben, was zu einem vollendeten Redner gehört: ein wohlklingendes Organ, eine leichte Darstellungsgabe, eine einschmeichelnde Sprache, edle und ausdrucksvolle Bewegungen. Und doch würde man irren, wollte man sich Paulus mit allen diesen Vorzügen begabt denken. Apollos besaß sie, auch Augustin, Theodor von Beza, Jakob Saurin, aber Paulus nicht.

Ich bin weit entfernt, dem Apostel Paulus alle natürlichen Gaben der Beredsamkeit abzusprechen. Er besaß sicherlich mehrere derselben, und zwar die schönsten: die Klarheit des Gedankens, die Lebendigkeit der Auffassung, die Tiefe des Gefühls, die glückliche Wahl des Ausdrucks, die Wärme und das Leben der Sprache; ich sage mit Neander: „Er würde keinem Meister des Gedankens oder des Wortes, deren das alte Griechenland sich rühmen konnte, nachgestanden haben.“ Aber es müssen ihm gewisse äußre Gaben gefehlt haben, die für denkende Menschen zwar weniger in Betracht kommen, in den Augen der Masse aber den Ruhm und den Werth einer Rede bestimmen: die Kraft, das Organ, der lebendige Vortrag, der Glanz der Rede. Paulus war im höchsten Sinne des Wortes ein Mann von großer Beredsamkeit, aber in der gewöhnlichen Bedeutung desselben kein großer Redner, Den Beweis dafür finde ich in demselben Briefe und in denselben Stellen, die uns schon früher seine körperliche Schwäche erkennen ließen. Vielleicht war diese Körperschwäche des Apostels der bedeutendste, wohl gar der einzige Grund seiner rednerischen Schwäche: - ihr müßt mir diesen Ausdruck gestatten, denn er ist, wie ihr sehen werdet, richtig.

Ihr habt gehört, was Manche von Paulus sagten: „Seine Briefe sind schwer und stark, aber die Gegenwärtigkeit des Leibes ist schwach und die Rede verächtlich,“ Bedenkt es wohl, hier ist von Paulus die Rede; man sollte es kaum glauben. Ich wiederhole, ihr dürft mir nicht antworten: Feindeswort, verdächtig Wort. Vielleicht waren diejenigen, welche diese eben nicht wohlwollenden Aeußerungen thaten, weniger Gegner, als übel aufgelegte Zuhörer; jedoch lege ich kein besondres Gewicht auf diese Bemerkung. Mögen es auch Gegner gewesen sein; aber selbst ein Gegner wird von einem großen Redner vor Vielen, die ihn gehört haben, nicht zu sagen wagen: „Seine Rede ist verächtlich.“ Die Beredsamkeit eines Mirabeau, Benjamin Constant, Royer-Collard, eines Pitt, Canning, Robert Peel wird auch von dem erbittersten Parteigeiste nicht bestritten. Jeder fühlt, daß er nur sich und seiner Sache schaden würde, wenn er überall wiederholte: Mirabeau weiß nicht zu reden, Pitt versteht nicht zu sprechen. Wenn die Feinde des Apostels seine Rede zu derselben Zeit als verächtlich darzustellen wagten, wo sie die Gegenwärtigkeit seines Leibes für schwach ausgaben, so muß in dieser körperlichen Schwäche etwas gelegen haben, was eine gewisse Schwäche der Rede mit sich brachte, über deren genaue Beschaffenheit ich mich absichtlich jeder Vermuthung enthalte. Paulus vertheidigt sich auch in der schon angeführten Antwort gar nicht gegen diese Anschuldigung; wenn er erklärt, daß er mit der That und gegenwärtig stark sei, so gibt er damit stillschweigend zu, daß er es in Worten nicht ist. Ja, in einem beim ersten Lesen seltsam erscheinenden Verse des folgenden Kapitels räumt er dies ein: „Und ob ich ein Laie bin im Reden, so bin ich's doch nicht in der Erkenntniß.“ Fügt dem noch das Zeugniß in seinem ersten Briefe hinzu: „Und ich, liebe Brüder, da ich zu euch kam, kam ich nicht mit hoher Rede oder Weisheit, euch zu verkündigen das Zeugniß Gottes. Ich war bei euch mit Schwachheit und mit Furcht und mit großem Zittern. Und meine Rede und meine Predigt war nicht in beweglichen Worten menschlicher Weisheit, sondern in Beweisung des Geistes und der Kraft, auf daß euer Glaube bestehe nicht aus Menschen Weisheit, sondern aus Gottes Kraft.“ (1 Kor. 2, 1. 3-5.)

Dies Alles offenbart uns einen Inbegriff von Gebrechlichkeit, der uns, hätten wir ihn mit Augen gesehen, wahrscheinlich in Bestürzung versetzt haben würde. Wenn wir einen Menschen, der uns bisher nur durch seine Schriften oder durch seine Werke bekannt war, zum ersten Mal sehen, so sind wir wohl überrascht, ihn ganz anders zu finden, als wir erwartet hatten; aber ich glaube nicht, daß dies Erstaunen bei irgend Jemand in höherem Grade hervorgerufen werden konnte als beim Anblick des Apostels Paulus. Trotz aller so eben gemachten Betrachtungen würden wir kaum unsern Augen getraut haben, wenn man ihn uns in einem Winkel Korinths, Athens oder Roms gezeigt hätte. Wie, würden wir vielleicht gesagt haben, dieser unscheinbare, ängstliche, zitternde Mann mit dem schwächlichen Körper, der gewöhnlichen Sprache, der verächtlichen Rede, dieser Mann, der überall den Schmerzenspfahl im Fleisch mit sich herumträgt, soll Paulus, der größte aller Apostel sein?

Ja, er ist es, ist es um so mehr, je schwächer und hinfälliger er vor euch steht.

Die Schwäche der Rede kann in den Augen der Menschen eine besondre Gewalt haben, weil grade diese Schwäche den moralischen Werth des Worts, worin doch seine wahre Macht besteht, recht hervorhebt. Wer weiß zum Beispiel nicht, welche Wirkung das Wort eines Kindes oft da hervorgebracht hat, wo die Rede eines Mannes nichts fruchtete. Wie oft haben die letzten abgebrochenen, schlecht betonten und kaum verständlichen Ermahnungen eines Sterbenden das Herz tiefer bewegt, als es der kraftvollste, beredteste Vortrag vermocht hätte? Lassen wir jedoch diese Betrachtungen; halten wir uns nur an den Gewinn, welchen uns diese Schwachheit vor Gott bringt, indem sie uns keine andre Zuflucht läßt als Seine im Glauben ergriffene Kraft, welche die menschliche Kraft vertritt, sobald wir uns von derselben verlassen fühlen.

Befreit von seiner Schwachheit, von diesem Pfahl im Fleisch, ausgestattet mit einem schönen Organ, einer hohen Gestalt und jener rednerischen Gewalt, die ihr für ihn beansprucht, hätte Paulus neben einem Chrysostomus und Whitefield seinen Platz einnehmen können, neben diesen Männern, die hunderte von Seelen am jüngsten Tage als ihre geistlichen Väter begrüßen werden, weil sie ihre schönen Naturgaben dem Dienste Christi weihten; aber Paulus wäre dann nicht Paulus geworden, zu große Fähigkeiten würden ihn untauglich dazu gemacht haben. In den tiefsten Falten seines Herzens hätte leicht ein verborgener, schwer zu vertilgender Keim der Selbstgefälligkeit und des Selbstvertrauens zurückbleiben können. Aber so wie er sich uns darstellt in seiner ganzen Schwachheit, blieb ihm beim Hinblick auf seine Aufgabe nur ein einziger Weg übrig; er hat ihn eingeschlagen, er hat sich ohne Rückhalt in die Arme des Herrn geworfen. Der Redner verschwand in seinen Reden, und der Mensch in seinem Leben; derselbe, der da gesagt hat: „Ich lebe, aber nun nicht ich, sondern Christus in mir“, ist zugleich der, welcher in der Noth, in die ihn die Schwachheit seiner Rede versetzte, sagen konnte: Ich bin's nicht, der da redet, sondern Gott redet in mir. So hat Paulus dieselbe Erfahrung gemacht, die Moses machen mußte, der durch seine schwere Zunge genöthigt, sich damit begnügen mußte, die Offenbarungen Gottes zu empfangen, während sein Bruder Aaron die Aufgabe hatte, dieselben mitzutheilen, so daß er durch die Schwäche seines Wortes mächtig in Worten und durch die Schwäche seines Charakters mächtig in Werken wurde. Ein zweifaches, ewig denkwürdiges Wunder! Moses, unbestritten das größte Werkzeug des Geistes Gottes im Alten Testamente, und Paulus ohne Frage Sein größtes Werkzeug im Neuen Bunde hatten beide keine mächtige Redegabe und beiden stand ein Redner zur Seite: Moses der beredte Aaron und Paulus der gewandte Apollos. Die Kraft bildete einen Aaron, aber nur die Schwachheit einen Moses; die Kraft schuf einen Apollos, aber nur die Schwachheit einen Paulus.

Wollt ihr euch nun noch beklagen, daß euch die zu eurem Vorhaben besonders nothwendige Kraft versagt ist? Daß ihr einem großen Hauswesen vorstehen müßt, ohne das Talent zur Leitung desselben zu besitzen; daß euch ernste und verwickelte Geschäfte obliegen, ohne daß euch die erforderliche Beharrlichkeit zu Theil geworden ist; daß ihr sprechen und schreiben müßt ohne die Gabe, eure Worte gewandt setzen und eure Feder leicht führen zu können? Ihr Ungläubigen, unterlaßt doch diese niederschlagenden Berechnungen; es fragt sich nur, ob das Werk, welches ihr im Auge habt, auch euer Werk ist, das heißt, ob Gott es euch ganz besonders zugewiesen hat; ob es in dem Sinne euer Werk ist, wie die Führung Israels durch die Wüste die Aufgabe Mosis ausmachte, und die Bekehrung der Heiden dem Apostel Paulus zufallen sollte. Ich sage, ihr habt nur diese einzige Frage zu lösen und zwar durch ernstes Nachdenken, inbrünstiges Gebet und andre Mittel, die euch zu Gebote stehen, - es möchte denn sein, daß die Lösung dieser Frage sich durch eure Stellung von selber ergibt, da es z. B. weder der Gebete noch der Betrachtungen bedarf, um sich zu überzeugen, daß einem Familienvater der Beruf, seine Kinder zu erziehen, und einem Dienstboten die Aufgabe zufallt, das Haus seines Herrn in Ordnung zu halten. Ist jene Frage einmal gelöst und euer Werk richtig erkannt, - dann muthig vorwärts! Der Gott, der euch berufen hat, sagt euch so gut wie dem Gideon, - ob nun ins leibliche Ohr oder in das Ohr des Herzens, darauf kommt es wenig an - „gehe hin in dieser deiner Kraft, siehe, ich habe dich gesandt.“ Deine Aufgabe ist es, aus der dir anhaftenden Schwäche, von der du dich nicht selbst befreien konntest, durch den Glauben eine dir eigenthümliche Kraft zu bilden. Ergib dich darin, ein Moses zu sein, wenn du kein Aaron werden kannst, ein Paulus zu werden, wenn dir die Gaben des Apollos fehlen. O, mein Gott, welche Lehre! Wer wird sie glauben können! Ja, glauben selbst die, welche sie predigen, recht fest daran? Wir wissen es, selig, wenn wir danach thun. „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“

So wie er war, war Saulus von Tarsus von Gott erwählt, der Apostel Paulus zu werden und zwar durch eine Vorbereitung der Schwachheit, von welcher seine Laufbahn uns noch viele andere Beispiele aufzuweisen vermöchte, und die zu den vielen Diensten, die sie ihm geleistet, noch den hinzufügte, ihm und uns die tiefe Wahrheit meines Textes zu offenbaren: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“ Wohlan denn, ihr Christen, die ihr nicht über die Erde gehen möchtet, ohne euer Werk zu vollbringen, in eurer Schwachheit aber vor dieser Aufgabe zurückschreckt, nehmt noch heute zu eurem Wahlspruche das Losungswort des Apostels Paulus: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark“, und machet ohne Zögern die Anwendung davon auf euch selbst, auf daß ihr, wie ein Diener Gottes sehr ernst sagt, nicht sterbet, ehe ihr angefangen habt zu leben. So wie ich bin, nicht wie ich gestern war, auch nicht so, wie ich morgen sein werde, sondern wie ich heute bin. So wie ich bin, wenn nur mein Herz aufrichtig vor Gott ist, wenn ich entschlossen bin, Sein Werk um jeden Preis zu erfüllen, so grade bin ich dazu vorbereitet, besser vorbereitet, als ich es durch irgend eine andre Vorbereitung sein könnte. Hier bin ich, so wie ich bin, um Deinen Willen, mein Gott, zu erfüllen, und wäre ich auch nur ein armer Saulus von Tarsus und sollte ein Apostel Paulus werden! O mein Gott, laß in mir keine einzige Schwachheit, die Du nicht in Kraft, keinen Schmerz, den Du nicht in Freude, keine Versuchung, die Du nicht in Sieg umwandelst, keine Leere, die Du nicht mit Dir selbst ausfüllest!

Mit euch, meine jungen Zuhörer, habe ich begonnen, mit euch will ich auch schließen. Alles mahnt euch zum Ernst: euer Alter, denn es ist der Beginn eurer Laufbahn; die Zeiten, in denen wir leben, denn Stürme dräuen; kann ich vor Gott, dem Herzenskündiger, hinzufügen, daß auch euer Herz ernst gestimmt ist? Wollt ihr, was es auch koste und was man auch darüber sage, das Werk thun, welches Gott euch auf Erden anvertraut hat? Wohlan, so beginnt noch heute, weiht euch Seinem Dienste, reich durch das, was ihr habt, bereichert selbst durch das, was euch fehlt. „Sammelt die übrigen Brocken, auf daß nichts umkomme!“ spricht Der, welcher eben die Brode vervielfacht hatte; Er kann auch eure Hilfsmittel jeglicher Art vermehren. Sammelt Alles, was ihr an Stärke habt: Gesundheit, Frische, Eifer, natürliche Fähigkeit, erworbene Einsichten, bringt Alles Christo dar und hütet euch, etwas davon für euch selbst zurückzubehalten. Gehört ihr denn nicht ganz Ihm an, gehört ihr euch selbst nicht um so mehr, je vollkommener ihr euch Ihm hingegeben habt? Sammelt aber auch, sammelt ganz besonders dazu eure Schwachheiten: eure körperlichen Gebrechen, eure Unwissenheit, eure Unerfahrenheit, eure Langsamkeit im Begreifen, eure Schwierigkeit im Lernen; kurz, Alles, was euch niederdrückt und euch entmuthigt. Bringt es Ihm dar, damit Er Gotteskräfte darauf mache. So wie ihr seid, meine jungen Freunde, werdet stark aus eurer Schwachheit durch den Glauben!

Wodurch ist Saulus ein Paulus geworden? Durch den Glauben. Wer hat das, was im eilften Kapitel des Hebräerbriefes geschrieben steht, im Leben bethätigt wie er? Durch den Glauben hat Saul von Tarsus auf dem Wege nach Damaskus den Weg der Verfolgung mit dem des Märtyrerthums vertauscht. Durch den Glauben hat Saul die damals bekannte Welt mit dem Namen Christi erfüllt und ein Werk ausgeführt, dem kein andres Menschenwerk weder an Umfang noch an Tiefe gleichkommt. Durch den Glauben hat Saul über seine widerstrebende Natur gesiegt und sich zu einer Höhe des christlichen Lebens emporgeschwungen, die man für den Menschen unerreichbar halten würde, wäre sie nicht in seiner Geschichte verwirklicht worden. „Gehet hin und thuet desgleichen!“ Nicht die Kraft, sondern der Glaube ist es, der hier entscheidet!

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