Krummacher, Friedrich Wilhelm - Der leidende Christus - IV. Die Salbung.

Es will mir oft eigen friedsam, ja feierlich zu Muthe werden, wenn ich an einer Hütte vorüberschreite, von der ich weiß, daß sie von wahren Kindern Gottes bewohnt wird. Gern hemmte ich mitunter vor solcher Stätte meinen Schritt, und überließe mich dem Zuge meiner Empfindungen und Gedanken. Ich gedenke da an das Wort des Herrn zu dem Engel der Gemeine von Pergamus Offenbarung 2, 13: „Ich weiß, wo du wohnest!“ und sehe im Geiste, wie zwei freundliche Himmelssterne, Gottes Vateraugen, Tag und Nacht über solcher Hütte offen stehn. Ich gedenke des Ausspruchs unsres Friedensfürsten Joh. 14, 23: „Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen;“ und ein Schauer der Ehrerbietung ergreift mich Angesichts einer solchen „Hütte Gottes bei den Menschenkindern.“ Als ein drittes Wort gesellt sich jenen beiden in meiner Erinnerung dasjenige des Apostels Hebr. 1, 14 bei: „Sind sie nicht allzumal dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit;“ und mein Glaubensauge sieht die Jakobsleiter glanzumflossen zu solchem Hause sich herniederneigen. Wir nahem uns heut im Geist einer Hütte jener hehren Gattung. In dem bekannten Städtlein jenseits des Oelbergs, in Bethanien, ragte sie einst. Es standen dort der Häuser wohl manche; aber wo blieben sie? Seit Jahrhunderten ist deren Stätte nicht mehr gekannt. Nur zweie derselben wurden aus der Alles verheerenden Zeitenflut gerettet, und stehen unzertrümmert bis diesen Tag. „Wo“? fragt ihr. Im großen Bildersaale der heiligen Geschichte, und auch noch anderswo, als da. Gewiß umschloß Bethanien ansehnlichere Gebäude, als sie. In dem einen derselben wohnte ein Reicher etwa, ein Vornehmer in einem andern, in einem dritten ein Gelehrter; doch ihrer wird nicht mehr gedacht. Zu der Hütte Martha's und Maria's hingegen, und zu derjenigen Simons mit dem Zunamen „des Aussätzigen“ bewegt sich eine Geisterwallfahrt bis diese Stunde. Ja auch im Himmel sind diese Häuser nicht vergessen. „Die Hütten der Gerechten“, sagt ein Schriftspruch, „werden bleiben.“ Ob sie vom Angesicht der Erde auch entschwinden; im Gedächtniß der Himmlischen grünen sie fort. Denn Fußstapfen Immanuels standen einst in ihren Gemächern; Offenbarungen, Wunder und Zeichen leuchteten unter ihrem Dach, und Segnungen ergossen sich durch ihre Kammern, und flossen wieder von ihren Schwellen aus, die selbst über das Diesseits bis in das ewige Leben hinüber reichen. O, wären unser Aller Hütten wie Maria's und Simons in Bethania! Was dieser Wunsch bedeute, wird uns unsre heutige Betrachtung sagen! -

Johannes 12, 1-8.

Sechs Tage vor den Ostern kam Jesus gen Bethania, da Lazarus war, der Verstorbene, welchen Jesus auferwecket hatte von den Todten. Daselbst machten sie ihm ein Abendmahl, und Martha dienete; Lazarus aber war deren einer, die mit ihm zu Tische saßen. Da nahm Maria ein Pfund Salbe von ungefälschter köstlicher Narde, und salbete die Füße Jesu, und trocknete mit ihrem Haar seine Füße - das Haus aber ward voll vom Geruch der Salbe. Da sprach seiner Jünger einer, Judas, Simons Sohn, Ischariothes, der ihn hernach verrieth: Warum ist diese Salbe nicht verkauft um dreihundert Groschen, und den Armen gegeben? Das sagte er aber nicht, daß er nach den Armen fragte, sondern weil er ein Dieb war, und hatte den Beutel, und trug, was eingelegt ward. Da sprach Jesus: Lasset sie mit Frieden, solches hat sie behalten zum Tage meines Begräbnisses. Denn Arme habt ihr allezeit bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit.

Das verlesene Evangelium entriegelt uns gleichsam die Pforte zur heiligen Passionsgeschichte. Ob es zu Anfang auch noch in ziemlich hellem Lichtem strahlt; in seinem weitern Verfolge steigen schon wetterschwangre Wolken auf. Es ist das Evangelium voller Sinnigkeit und Tiefe, und lichtet sich, wenn wir's nur recht verstehen, geradezu an uns, und zwar mit einer Aufforderung, die uns wie immer, so zumal beim Beginn der heiligen Fastenzeit zur guten Stunde kommt. „Zu Jesu!“ ruft das Evangelium. Wir aber fragen, zuerst: Zu Jesu, als zu Wem? Sodann: Wie doch zu Jesu? und endlich: Wann zu Ihm? Und auf sämmtliche drei Fragen erhalten wir hier ebenso unzweideutige als beherzigenswerthe Antwort, wie wir nun, helfe Gott unter Seinem Segen, näher vernehmen wollen.

1.

Sechs Tage sind es noch bis Ostern; viere bis zum großen blutigen Freitag. Da treffen wir den Herrn in jenem wohlbekannten, friedlichen Flecken, in welchem er so gern zu weilen pflegte. In Bethanien begegnen wir ihm, und zwar diesmal im Hause eines gewissen Simon, wo seine dortigen Jünger ihm ein Liebesmahl bereitet haben. In der unscheinbaren Gestalt eines geladenen Gastes unter andern Gästen tritt er uns entgegen; aber schaut nur etwas schärfer, und ihr seht ihn schon hier, wie ihn später der Seher Johannes sah, in einem etwas andern Sinne nur, „unter den Leuchtern“ wandeln. Zu Jesu, Brüder, ja zu Jesu! - Aber zu Jesu, als zu Wem? Ihr denkt: als zu einem Weisen ersten Ranges? Ja auch als zu einem solchen gehn wir mit euch zu Ihm hin. - „Als zu einem Lehrer edler Sitten?“ - Gewiß, wir huldigen Ihm auch in dieser Eigenschaft. - „Als zu einem Vor- und Musterbilde jeglicher Tugend?“ - Freunde, wir halten mit euch dafür, daß er auch aus diesem Gesichtspunkt betrachtet nicht seines Gleichen habe. Aber arme Christuserkenntniß, die über diesen Anschauungskreis nicht hinausreicht; und noch ärmere Menschheit, wenn Jesus mehr nicht wäre, denn das, als was die eben genannten Titel Ihn bezeichnen!

Schaut nur, schon aus dem kleinen Rahmen der ersten Verse unsrer heutigen Geschichte sieht ein ganz anderes Christusbild euch an, als ihr mit jenen armen Zügen es dargestellt. Der Herr Jesus braucht nicht erst selbst von sich zu zeugen; es zeugen von Ihm schon Andere in beredtster Weise. Seht hier zuerst Maria und die Schwester Martha. Ihr kennt sie. Edle Frauen sind es, bei Allen angesehn, verständig, finnig, klar und nüchtern. Martha heiter, rührig und geschäftig; Maria gedankenvoll und zur Vertiefung neigend. Beide aber lehnen sich mit all ihrem Hoffen auf Jesu Schulter; Beiden ist Jesus die lebendige Säule, von der sie ihren Himmel getragen sehen; sie wissen Beide von Aussichten in ein seliges Jenseits nur durch Seine Vermittlung; und was an Frieden und an Trost im Leben und im Sterben sie erquickt, sie schöpfen's beide aus der einen Quelle, welche Christus heißet. Was muß uns nicht dieser Umstand schon für eine hohe Vorstellung von dem Manne aus Nazareth gewähren! - Aber seht euch weiter um. Da sind die Jünger Petrus, Andreas, Johannes, Jakobus, Nathanael, Thomas, und wie sie weiter heißen. Ihr sähet sie schon früher wie eine Heerde zersprengter und Hülfe suchender Schafe zu dem Täufer in die Wüste strömen. Ihr lerntet sie als Leute kennen, welche ganz etwas Andres, als bloßer Wissensdurst in jene suchende Bewegung setzte. Ihr erfandet sie als Solche, denen ihre Sünde und der zukünftige Zorn schwer, schwer aufs Herz gefallen, und mit deren innerer Ruhe es völlig aus war, seitdem sie Gott gesehn im Feuerglanze seines fordernden und Fluch und Verdammniß drohenden Gesetzes. Kein Mensch, kein Engel vermochte sie zu trösten; und siehe, seitdem sie Jesum fanden, diese, weil gründlich gedemüthigten, darum auch gründlicher Heilung und Beschwichtigung bedürftigen Seelen, seitdem fand der Vogel sein Haus und die Schwalbe ihr Nest, da sie die müden Flügel senkten. Sie sind über alle Sorgen jetzt hinweg. Welche hellen Schlaglichter wirft auch diese Thatsache auf Jesu Person! Wie hoch wächst er mich durch sie über einen bloßen Rabbi, Weisen und Lehrherrn von Nazareth hinaus! Wem blieb noch nur ein Rest von gesunder Sehkraft, und erkennt das nicht? - In der Reihe der Jünger treffen wir, ach, auch den Judas noch, den Sohn der Nacht, das Kind des Verderbens. Nein, der war nie ein hülfsbedürftiger Sünder; nie dürstete den nach Gott; nie war der fromm; nie trachtete der nach dem, was droben ist. Was aber bewog ihn, in die nähere Umgebung Jesu sich hineinzudrängen? Zunächst gewiß der unwiderstehliche und überwältigende Eindruck von der übermenschlichen Größe und Hoheit des Davidssohnes, und dann bezweifelt ein ehrgeiziges Gelüste, in dem neuen Reiche, zu dessen Gründung Jener ja offenbar gekommen sei, (denn auch Judas las die Königssignatur auf Jesu Stirn) sich selbst zu irgend einer glänzenden Rolle berufen zu sehn. So muß denn auch sogar die Ahnung des Verräthers die Person des Herrn verklären helfen. Die göttliche Hoheit Immanuels leuchtete so mächtig durch seine Knechtsgestalt hindurch, daß ihr Strahl selbst bis in die Finsterniß einer Ischariothsseele sich die Bahn zu brechen wußte! - Aber mustern wir den Kreis der Festgenossen weiter. Wer ist der Wirth? Simon heißt er, und trägt den Zunamen des „Aussätzigen.“ Er trägt ihn zur Ehre Jesu; denn der Name besagt, was er war, ehe der Herr sein allmächtiges „Sei gereinigt!“ über ihn aussprach. Mit jener schauerlichen Krankheit war Simon einst behaftet, die kein Arzt auf Erden, sondern der allein, der sie verhängte, der Allmächtige in der Höhe, und der, der da bezeugen durfte: „Ich und der Vater sind eins,“ wieder hinwegzunehmen vermochte. Simon, tritt hervor und zeige dich allen Zweiflern als ein lebendiges Denkmal der Gottheitsfülle, die in Christo wohnte! Ja, da steht er schon, und deutet auf seine reinen Glieder. Ganz Bethanien weiß es, daß er dieses Fest dem Herrn Jesu nur aus Dankgefühl für die Wunderheilung bereitete, die er durch ihn erfahren hatte; und selbst die Feinde können es nicht leugnen, daß Jesus sich eine Ehrensäule in diesem Manne aufgerichtet habe, die lauter und durchdringender rede, als irgend Schriftzüge und Worte es vermögen. - Doch schaut, wer ist der dort in des Meisters nächster Nähe, der Jüngling mit dem tiefen Blick und dem sonnenhaften Antlitz, wer ist er? O kennt ihr ihn nicht mehr? Ihr saht ihn einst im weißen Leichenkleide auf der Bahre liegen. Ihr wart dabei, als man im Gefolge der weinenden Schwestern und vieler Trauernden seinen Sarg hinaustrug. Ihr schautet in das dunkle Grab hinab, in das man ihn darauf versenkte; aber ihr wäret nicht minder dessen Zeugen, wie vier Tage später Einer an die Gruft herantrat, sich die Auferstehung und das Leben nannte, dann den Befehl ertheilte: „Hebet den Stein hinweg;“ das arme Wort der Martha: „Herr, er riechet schon,“ mit dem königlichem „Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, solltest du die Herrlichkeit Gottes sehn?“ zurückwies, und dann, nachdem man den Stein hinweggehoben, über der verwesenden Leiche den betenden Blick gen Himmel richtete, und in die Worte ausbrach: „Vater, ich danke dir, daß du mich erhöret hast. Doch ich weiß, daß du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sage ich es, auf daß sie glauben, du habest mich gesandt;“ - und nun mit lauter Stimme befehlend, heischend, schaffend, in die Todtengruft hinab rief: „Lazare, komm heraus!“ - Und was sich ereignete, wißt ihr. - Dort sitzt er nun wieder, der einst todt war, und dem unzerbrechlichsten aller Keller entronnen ist. Er lebt, und ist frisch und froh, und Keinem, weder Freund noch Feind, fällt es ein, daran zu zweifeln, daß Lazarus einmal als Leiche im Grabe lag, und nun durch das Allmachtswort Jesu wieder lebe. Spuren, daß die Pharisäer über dieses Wunder außer sich waren vor Grimm und Neid, finden wir in Fülle; aber auch nicht eine einzige, und wäre es die leiseste, daß irgend Jemand im Volke sich unterfangen hätte, die Thatsache selber zu bezweifeln, oder gar zu verneinen. Da sitzt er nun wieder, und macht die Reche der Leuchter, unter denen Jesus wandelt, voll. Nein, sie bedürfen dort eines Heroldes, der von Jesu zeuge, nicht. Der gewaltigste Prediger von Jesu Herrlichkeit ist Lazarus. Sie bedürfen keines Harfenschlägels zu Jesu Ehren; wer Lazarum ansieht, vernimmt im Geiste einen ganzen Jubelchor: „Juda, du bist's, dich werden deine Brüder loben!“ Sie bedürfen keines Psalmgetönes, das Jesum verherrliche; Lazarus ist stiller und doch donnerlauter Lobpsalm genug auf den Ehrenkönig aus der Höhe. - O, zu Jesu, lieben Brüder! - Und fragt ihr noch: „Zu Jesu, als zu wem?“ - Als zu dem, als welcher er in Bethanien erscheint! Ein menschlicher Lehrer, ein neuer Gesetzgeber, ein Vorbild der Tugend, was hülfe es uns gottentfremdeten, zerrütteten und verkommenen Gesetzesübertretern?! Wir müssen einen Herrn vom Himmel, einen Fürsten des Lebens, einen Ueberwinder des Todes haben; und ein Solcher - schaut ihn nur in dem Lichte an, die der in Bethanien ihn umgebende Kreis über Ihn ausströmt, - ist Er. - Und Er ist noch ein Weiteres! -

Zu Bethanien weilt er. Drei Jahre hat er nun gelehrt. In der letzteren Zeit hat er es mehrfach deutlich zu verstehen gegeben, daß er sein Lehramt nunmehr vollendet habe. So viel sie tragen könnten, sagte er zu ihnen, habe er ihnen geoffenbart; der Tröster, der nach ihm kommen werde, werde sie weiter unterweisen. Nach der Ansicht unfrei sogenannten „Aufgeklärten“, die nichts als einen Lehrer in ihm sehn wollen, müßte er jetzt sein Wert überhaupt vollendet, und seinen ganzen Beruf erfüllet haben. Nach seiner eigenen Anficht dagegen hat er dies mit Nichten. Denn nicht sehen wir ihn jetzt in die Stille sich zurückziehen, nicht kehrt er nun zu seinem himmlischen Vater wieder, sondern spricht vielmehr: „Ich muß mich noch mit einer Taufe taufen lassen; und wie ist mir so bange, bis sie vollzogen werde.“ Er weiß, daß die Hauptaufgabe, die Ihm gestellt sei, noch ihrer Lösung harre. Er befindet sich auf dem Wege nach Jerusalem, mit vollem Bewußtsein von alle dem, was dort eben vorgeht und berathschlagt wird. Daß seine Feinde jetzt Ernst machen wollen, ihn zu greifen und sich seiner zu entledigen; daß die Pharisäer und Hohenpriester schon, wie unmittelbar vor unsrer Geschichte gemeldet wird, „ein Gebot haben ausgehn lassen, daß, so Jemand wüßte, wo er wäre, er es anzeigete, auf daß sie ihn griffen -,“ Er weiß um Alles. Weit entfernt aber, der Schlinge auszuweichen, die sie ihm gelegt, geht er ihr vielmehr gradeswegs entgegen, Er müsse jetzt, sagt er, den Heiden überantwortet, an's Kreuz geschlagen, und getödtet werden. In unfrei Geschichte selbst spricht er wieder von seinem nahen Sterben und Begrabenwerden als von einem Muß. Und freilich ja, er mußte. Es war ja das „Lamm“ noch nicht geschlachtet, das der Welt Sünde trägt. Sein Wort. :„Des Menschen Sohn ist gekommen, nicht daß er ihm dienen lasse, sondern daß n diene, und gebe sein Leben zum Lösegeld für Viele“, war noch nicht in That und Leben umgesetzt. Das Blut, auf welches das ganze alte Testament schon hingewiesen hatte, und das er nachmals selbst bei der Einsetzung des heiligen Bundesmahls als den Erwerbgrund aller Sündenvergebung bezeichnete, röthete noch nicht das Holz des Fluchs, sondern strömte noch unvergossen durch seine Adern. Es galt noch die Vollziehung eines Hauptakts seines erhabenen Berufs: die wirkliche Darbringung des sühnenden Opfers für die Sünden der fluchbeladenen Welt. Hiezu aber schickt er sich in dem Momente an, in welchem wir ihn heute in Bethanien treffen. - Zu Jesu, lieben Brüder, ja zu Jesu! - Aber zu Jesu als zu wem? O vor allen Dingen zu Ihm als zu unserm einigen und ewigen Hohenpriester, als zu dem Mittler, dem Bürgen und dem Bezahler unsrer Schuld! „Ohne Blutvergießen geschiehet keine Vergebung.“ - „Das Blut Jesu Christi macht uns rein von allen Sünden.“ - Die Vollendeten droben in den weißen Gewändern haben „ihre Kleider gewaschen in dem Blute des Lammes.“ O scheuet euch nicht, dasselbe zu thun, wie sie. Der Jesus im Dornenkranze und mit den blutigen Wunden muß der Gegenstand eurer Liebe und der Grund eurer Hoffnung werden; oder ihr habt an Jesu nichts, bleibt unter dem Fluche, und seid verloren! -

2.

Zu Jesu! - Aber wie zu ihm? Maria zeigt es uns. Der Herr hat sich eben bei der Tafel niedergelassen, da kommt sie, die tiefe, innige Seele, unaussprechlich bewegt von Dank, von Liebe und Verehrung, und zugleich wohl ahnend, welch' ein Zeitpunkt jetzt für ihn gekommen sei, wohin er gehe und was er wolle. Es drängt sie, ihm noch einmal ihr tiefstes Innere aufzuschließen, und ihre ganze anbetungsvolle und hoffnungsreiche Anhänglichkeit ihm kund zu thun. Aber in welcher Weise? Das Wort däucht ihr zu arm. Geschenke hat sie nicht. Was sie jedoch Köstliches noch hat, ist ein, vielleicht als mütterlicher Nachlaß auf sie vererbtes alabasternes Gefäß mit reinem Nardenöl, wie man's im Morgenlande hoch zu schätzen und nur bei sonderlich festlichen Gelegenheiten zu verwenden pflegte. Sie hat es mitgebracht. Es soll, nicht etwa in einzelnen Tröpflein nur, wie es sonst geschah, sondern ganz zum Sinnbilde dessen werden, was sie für den Herrn der Herrlichkeit empfindet. Mit tiefer Ehrerbietigkeit nähert sie sich dem göttlichen Freunde, zerbricht unvermerkt hinter seinem Rücken das wohlverschlossene Gefäß, läßt die Narbe Ihm über Haupt und Füße strömen, neigt sich anbetend dann zum Stande nieder, und beginnt mit ihrem aufgelösten Haare die Füße Ihm wiederum zu trocknen. Und das ganze Haus duftet vom Wohlgeruch der Salbe. Ja, dieser Duft, - glaubt es! - strömte bis in den Thronsaal Gottes hinüber, und wurde von den heiligen Engeln mit Freuden eingeathmet. Denn das irdische Salböl war nur eines andern Symbol und Träger: desjenigen, das auch die „klugen Jungfrauen“ in jenen Gefäßen bargen, mit denen sie dem Bräutigam entgegen gingen. O, ein köstlicher Schatz entkleidete sich in der zarten sinnbildlichen Handlung Maria's seiner Hülle. Ein Leben der Hingegebenheit an Jesum gab sich darin kund, wie es in solcher Fülle selten zu Tage tritt. Maria will Christi eigen sein in Zeit und Ewigkeit. Maria will mit ihrem Glauben an Ihm kleben, wie die Epheuranke an dem Stamme, den sie umschlungen hall. Sie will leben in seinem Lichte, wie der dunkle Planet im Lichte der Tonne, die ihm den Glanz leiht. Maria kennt keinen Hoffnungsanker, keinen Grund des Trostes, keine Himmelsleiter außer Ihm; und denkt sie Ihn sich aus ihrem Leben weg, so fühlt sie den Zahn der Verzweiflung in ihrem Mark, und sieht sich rettungslos der Hölle zugewiesen. So ist Er ihr allein noch übrig als der letzte, aber auch überschwenglich ausreichende Fels, von welchem sie ihr ewiges Heil getragen sieht. Darum läßt sie denn auch von Ihm nicht mehr, sondern hält Ihn umklammert, und wenn Er sie tödten wollte. Er ist darum ihr Gedanke Tag und Nacht, ihre höchste Wonne und ihre ganze Liebe. Dies Alles spricht sie durch ihre Salbung aus. O seht's denn an Marien, wie's zum Herrn sich's zu stellen gelte. Zuerst aufgewacht vom Todesschlaf des Selbstbetruges, im Lichte Gottes als diejenigen uns erkannt, die wir wirklich sind, dem göttlichen Gesetze, das uns verurtheilt, wider uns Recht gegeben, und alles Blendwerk des Lügenvaters der himmlischen Wahrheit geopfert! - Dann außer halb uns gesucht, was Gerechtigkeit, Heiligung und Stärke heißt, was Möglichkeit des Durchkommens durch's Gericht, was Hoffnungsgrund, was Leben, und des Köstlichen und Unentbehrlichen mehr genannt mag werden, und dieses Alles dann entdecket, erkannt und ergriffen in dem Einen, der da spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben;“ über dem der Vater zeuget: „Er ist's, und Ihn, Ihn sollt ihr hören;“ ja, in dem Einen, außer welchem nie eine tiefer gründende Seele zum Frieden gelangte, und in dessen Gnade, o, wie viele Tausende schon im Hinblick auf sich selber jubeln lernten: „Das Alte ist vergangen, und stehe, es ist Alles neu geworden!“ Ja, dies ist es, was es gilt. Und hat man nun also sein Alles in Ihm gefunden, alsdann mit ganzer Liebe Ihn umfaßt, und das ganze Nardenfläschlein unter zärtlichsten Hingebung über sein Haupt und seine Füße ausgegossen! Mit dem heiligen Oele eines lebendigen Glaubens und einer völligen Ueberlassung an seine Gnadenführung Ihn gesalbt, auf Seine Schultern uns gelehnt, und mit der Losung: „Mach, was du willt, mit mir, werd ich nur zugerichtet zu Deinem Preis und Zier,“ unser Leben als einen bildsamen Thon in Seine Hand gelegt! Seht, das thut's! O, es gibt nur Eins, was das Herz erleichtert, das Leben verklärt, und diesem einen wahren, würdigen und wesenhaften Inhalt mittheilt: Jesus, Jesus! An Ihm liebt man hienieden schon sich selig und über diese arme Welt hinaus. An Ihm liebt man sich so reich, daß man keines andern Dinges mehr bedarf. Und wenn man sich an irgend einem Gegenstande heilig lieben kann, dann an Ihm, der so unendlich gegründete Ansprüche an unsre ganze innigste Gegenliebe hat.

Alles in dem Kreise zu Bethanien ist von Mariens sinniger Handlung tief ergriffen. Nur Einem tönt die süßeste Harmonie wie Mißlaut. Einer nur wendet mit Widerwillen von dem lieblichen Nardenduft sich ab. Ach, wir ahnen, wer. Judas ist's, der Unglückselige, das Kind der Finsterniß. Wohl nie hat die frostige Selbstsucht in schauerlicherm Kontraste der warmen, heiligen Liebe gegenüber gestanden, als hier in der kalten, wahrhaft empörenden Aeußerung: „Was soll dieser Unrath? Warum ist diese Salbe nicht um dreihundert Groschen verkauft und den Armen gegeben worden?“ - Ach, wie tief ist er schon gefallen, der Beklagenswerthe! - „Den Armen.“ O der Heuchler! Als wenn man nicht wüßte, warum er die Salbe lieber verkauft gesehn hätte! - „Um dreihundert Groschen.“ - Auf die Abschätzung der Narde versteht er sich, aber die Liebe dahinter zu würdigen, mangelt's ihm am Organ: denn er liebt ja selber nicht. O, laßt euch das Exempel Judä zum abschreckenden Warnungszeichen dienen, ihr, die ihr auch so manchmal starke Neigung verrathet, die Liebe der Marienseelen zu Jesu zu mißkennen, oder gar, wo sie zu Tage tritt, mit einer gewissen innern Verstimmung, ja Erbitterung, wenn auch nicht von „Unrath“, so doch von „Schwärmerei“, Kopfhängern, Heuchelwesen und dergleichen reden könnt! Wisset, daß dann auch über das Antlitz eures in nein Menschen wenigstens ein leises Spiel dämonischer Judaszüge hinzuckt. Ihr habt allen Ernstes auf eurer Hut zu sein, daß, was in solchen Augenblicken sich in euch regt, nicht um sich greife, und nach und nach euch zu vollständigen Judasbrüdern mache. O wenn auch euch einmal - und gebe Gott, daß es zur rechten Stunde noch geschehe! - die Schuppen von den Augen fallen, und unter dem Donnerworte „Ewigkeit“ auch eure Seele aus dem Pharisäertraum erwachte, und ihr, verfolgt vom Fluche des Gesetzes, geschreckt vom Richterstuhl dort Oben, und gedrängt von dem Schreckenskönige Tod, den Allmächtigen mit lauter Stimme dafür loben und preisen lerntet, daß als eine letzte Zuflucht auch euch die blutigen Arme Jesu noch offenstehen: wahrlich, dann zieht ihr die Stirne nicht mehr kraus, wo eine Seele euch begegnet, die dem Herrn Jesu ihr ganzes Herz geschenkt. Dann widert euch die Inbrunst nicht mehr an, die mit Assaph ausruft: „Wenn ich nur dich habe, o Herr, so frage ich nichts nach Himmel und nach Erden!“ O nein, dann vergießt ihr wohl in der Stille heiße Reuethränen darob, daß ihr das Köstlichste auf Erden, die Liebe Christi, je verkennen konntet, und stimmt wohl ein in unsern Klaggesang: „Das ist mein Schmerz, das tränket mich, daß ich nicht genug kann lieben dich, wie ich dich lieben sollte!“ - Hört Freunde, wie der Herr Jesus die That Maria's würdigt. Er tritt sofort gegen den Judas und die vorübergehend in die Anschauung des finstern Geistes mit hineingezogenen Jünger für Maria als ein treuer Anwalt in die Schranken, und spricht, dem Judas andeutend, daß Er die trübe Quelle seines Unmuths wohl erschaue: „Was bekümmert ihr dies Weib? Lasset sie mit Frieden, (irret sie nicht.) Sie hat ein gutes Wert an mir gethan. Arme habt ihr allezeit bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit. Daß sie diese Salbe hat auf meinen Leib gegossen, das hat sie gethan, mich zum Grabe zu bestatten, (nach Johannes: solches hat sie behalten zum Tage meines Begräbnisses.) Wahrlich, ich sage euch, wo dies Evangelium gepredigt werden wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtniß, was sie gethan hat!“ - O vernehmt es! Er, sonst so karg in Belobigung menschlicher Werke als guter, nennt Mariens That laut und mit besonderem Nachdruck ein gutes Werk. Alle Welt soll es wissen, daß er sich einer Liebe, wie sie Maria Ihm erweise, werth erachtet, und wie hoch Er diese Liebe zu ihm stelle, die Jesusliebe, die ja der Stamm war, an dem die schöne Bluthe der That Maria's sich entfaltete. Aller Welt soll hier kund werden, daß Marien's Herzensstellung zu Ihm keine Verirrung, keine Schwärmerei, sondern diejenige Stellung sei, die wirklich und allein selig mache. Damit aber Jedermann dies wisse, darum hat Er die That Marien's wiederholt in seinem Evangelienbuche verzeichnen lassen. Und es ist geschehen und geschieht fort und fort, wie er vorhergesagt: wo dies Evangelium gepredigt wird in der Welt, da sagt man auch, wie heute wir, zu ihrem Gedächtniß, was sie gethan hat.

3.

Kaum, daß der Herr seine ebenso liebreich lockende, als ernstlich warnende Rede vollendet hat, „da“, meldet Matthäus, „ging hin der Zwölfen einer mit Namen Judas Ischarioth, zu den Hohenpriestern, und sprach: Was wollt ihr mitgeben? Ich will ihn euch verrathen. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge. Er aber suchte von dem an Gelegenheit, daß er ihn verriethe. Gräßlich! - Wo in aller Welt findet sich ein Gegensatz so grell, so schreiend, so über alle Maßen furchtbar, wie er sich hier der zarten Liebesthat Maria's gegenüber in dem Schauergange des unglückseligen Verderbenskindes darstellt? - Mein Gott! so weit ist es also schon mit ihm gediehen, daß ein Wort der Erbarmung, welches ihm zum ewigen Heil hätte gereichen können, wie es in der Atmosphäre seiner gottentfremdeten Seele anlangt, in eine tödtliche Essenz sich umseht, und Unmuth erzeugend, und bittern Haß statt Reue, den unglückseligen Menschen vollends vergiftet! - „Er ging hin.“ - Entsetzlicher Hingang! Seinem einzigen Retter wendet er, weil er sich jetzt von ihm durchschaut fühlt, auf immer den Nullen. Er stürzt hinaus in die Nacht. In die Nacht gehört er, dieser Sohn der Finsterniß. Ja, in eine unheimlichere Nacht, als die der Natur, stürzt er hin, und das „Wehe“ Gottes tönt ihm nach auf seinem Wege. -

Uns schaudert. Nein, mit diesem Manne ziehen wir nicht. Wir wenden uns mit gesteigerter Innigkeit zu Jesu zurück. Als zu wem und wie es gelte, zu Ihm zu kommen, vernahmen wir. Vernehmen wir nun auch noch aus unserm Evangelium die Antwort auf eine dritte Frage, und zwar auf die des „Wann“ der Zufluchtnahme zu Jesu.

„Solches“, hören wir den Herrn sagen, „hat sie behalten zum Tage meines Begräbnisses.“ Wir verstehen Ihn. Er sieht sein Sterben und sein Auferstehn in einem Blick. Allerdings mußte eine Einbalsamirung bei seines Leibes Leben noch an Ihm vollzogen werden, indem hierzu in seinem Tode nicht Zeit verblieb. Maria ahnete dies wohl kaum. Gewiß aber haben Vorempfindungen seines nahen Hingangs ihr Herz bewegt, und Ahnungen der heilbegründenden Bedeutung desselben die heilige Glut ihrer Liebe vollends zu so Heller Flamme angefacht, und zu jenem Zärtlichteitsergusse im Hause Simons sie drängen helfen. Des Meisters Liebe bis in den Tod vollendete ihre Gegenliebe, wie ja immerdar die Liebe der Kinder Gottes zumeist an dem Blute Jesu sich entzündet. Und wo nur die Liebe Christi erst Raum gefunden hat, da wird es auch an hülfreicher Handreichung, fremder Roth gegenüber, nimmer mangeln. „Arme“ spricht der Herr, - und schleudert mit diesem Worte einen durchbohrenden Pfeil in Judas Seele, „habt ihr allezeit bei euch.“ „Maria“ will er sagen, „wird es auch jenen an zarter Liebespflege nicht gebrechen lassen.“ „Mich aber,“ fügt er schließlich hinzu, „habt ihr nicht allezeit;“ und dieses Wort, ihr Freunde alle, die ihr euch seiner noch nicht getrosten könnt, ist auch zu euch geredet.

O nehmt's zu Herzen: ihr habt Ihn nicht mehr, wenn plötzlich des Todes Flügel euch umrauscht, oder in den Banden der Krankheit die Sinne euch vergehn, und durchs Gewirre entzügelter Phantasien die Botschaft vom Heile nicht mehr hindurchdringt. Ihr habt Ihn nicht mehr, wenn Gott der gerechte Richter euch endlich, weil ihr lange genug wider Seinen Bußruf euch verstocktet, in euren verkehrten Weg dahin gibt, und den kräftigen Irrthümern gestattet, in eurem Hirn sich ihre bleibende Statt zu wählen. Ihr habt Ihn nicht mehr, wenn, was nach der Signatur unfrei Tage gar bald geschehen könnte, die letzte große Versuchsstunde mit ihrem dämonischen Blendwerk wie mit ihren Verfolgungsschauern über euch daher fällt, und „eure Füße“, um mit dem Propheten zu reden, „sich an den dunkeln Bergen stoßen.“ Ihr habt Ihn nicht mehr, zieht ihr das Loos jenes in schauerliche Sicherheit eingewiegten Mannes im Evangelio, den auf sein selbstgenügsames: „So iß und trink nun, liebe Seele“, wie ein Blitz aus heller Luft der Mark und Nein erschütternde Bescheid ereilte: „Du Narr, noch diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern-,“ jenes schauerliche Loos, unversehens vom breiten Wege her dahin entrückt zu werden, wo kein Gnadenruf mehr tönt, und keine Retterhand mehr sich nach euch ausstreckt. Was stehet ihr darum noch lange und fraget: „Wann?“ Heute kommt zu Jesu! „Heute, da ihr seine Stimme hört, verstocket eure Herzen nicht, wie zu Meriba geschah und zu Massa in der Wüste!“ - „Jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt ist das Jahr des Heils!“ Sehet zu, daß ihr die Frist der Gnade nicht versäumt. Laut ruft Er durch das Getümmel unfrei Tage noch hindurch: „Wendet euch her zu mir aller Welt Ende, und werdet selig!“ - „Küsset den Sohn, daß er nicht zürne, und ihr umkommt auf dem Wege; denn sein Zorn wird bald entbrennen!“ Wohl aber Allen, die auf Seine Stimme hören, den breiten Weg verlassen, und mit dem 109ten Psalm sprechen: „Deine Gnade ist mein Trost; errette mich!“

Ja, Jesus nimmt die Sünder an!
Ihr Sünder, die ihr's noch könnt hören,
Wir bitten euch, so hoch man kann:
Ach, laßt euch doch zu Ihm belehren!
O bleibt nicht länger hart und tobt!
Erschreckt einmal vor eurer Noth;
Lernt endlich eure Schuld erkennen,
Seht endlich Jesu Liebe brennen.
O kommt doch, komm! zu ihm heran!
Heut nimmt er noch die Sünder an, Amen. -

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