Binde, Fritz - Ein aufrichtiger Zweifler.

„Des andern Tages wollte Jesus wieder nach Galiläa ziehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! Philippus aber war von Bethsaida, aus der Stadt des Andreas und Petrus. Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesum, Josephs Sohn von Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann von Nazareth Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh es! Jesus sah Nathanael zu sich kommen und spricht zu ihm: Siehe, ein echter Israelit, in welchem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennest du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich. Nathanael antwortete und spricht zu ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel! Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubest, weil ich dir gesagt habe, daß ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum; du wirst noch Größeres denn das sehen. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen.“
Joh. 1,43-51

Diese altbekannte Geschichte enthält die Bekehrung eines aufrichtigen Zweiflers. Zweifel sind ja das Nächstliegendste und Allerselbstverständlichste, was der Mensch gegen das Evangelium aufbringen kann. Sie sind der natürliche Einspruch des Menschenwesens und der Menschenweisheit gegen Gottes Wesen und Gottes Weisheit. Das Evangelium bringt uns die heimliche Weisheit der Gedanken Gottes, die so viel höher sind als der Menschen Gedanken, als der Himmel höher ist als die Erde, und der Mensch setzt beim Hören des Evangeliums seine eigene irdisch-menschliche Weisheit der Weisheit Gottes entgegen; das ist einfach Menschenart.

Aber es gibt zweierlei Zweifler, aufrichtige und unaufrichtige. Der aufrichtige Zweifler bekennt mit seinem Zweifel seine angeborene Unfähigkeit, die Weisheit Gottes zu verstehen und läßt sich gerne belehren. Der unaufrichtige Zweifler verbirgt hinter seinen Zweifeln den angeborenen Unwillen gegen Gottes Weisheit, die er trotzig ablehnt.

Sehen wir uns zunächst den aufrichtigen Zweifler an. Es ist der aufrichtige Mensch überhaupt. Es ist der Mensch „ohne Falsch“. Er gehört zu der Menschenart, von der die Heilige Schrift sagt: Den Aufrichtigen läßt es Gott gelingen (Sprüche 2,7). Er ist auch ganz und gar unzulänglicher Mensch, fehlend, irrend, sündig. Aber er hat den Willen zur Wahrheit, das heißt, er will die Wahrheit um jeden Preis; alles ist ihm um ihretwillen feil, zu allem ist er um ihretwillen bereit. Nur Wahrheit, Wahrheit, Wahrheit! –: das ist der gerade Zug, der durch ihn lebensbestimmend hindurchgeht und ihn zur Wahrheit hinleitet. Es ist der Mensch ohne geheimen Rückhalt und ohne verborgene Nebenabsichten. Sein Denken und Tun ist durchsichtig, ehrlich, offen und klar. Frei von jedem Zwang und Betrug der Unwahrheit zu werden, ist sein einziges Wünschen und Hoffen. Er kennt sein Irren, bedauert seine Unzulänglichkeit, leidet an sich selbst. Eben deswegen ist er hilfsbedürftig, suchend, wahrheitsempfänglich. Diesen Menschen hat Jesus Christus gemeint, als er vor dem unaufrichtigen Pilatus zeugte: „Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme“ (Joh. 18,37).

Lieber Hörer, meinst du wohl, daß du zu diesen aufrichtigen Menschen gehörest?

Denn höre! –: Viele halten sich für aufrichtig und sind es ganz und gar nicht! Unzählige meinen schon deswegen aufrichtige Menschen zu sein, weil sie Zweifler an der Heiligen Schrift sind. Sie meinen, jeder aufrichtige Mensch müsse ein für alle Mal den Inhalt der Bibel bezweifeln; eben dieser stete Zweifel sei ein Kennzeichen unentwegter Aufrichtigkeit. Wie können sie von mir verlangen, daß ich glauben soll, was in der Bibel steht! Das kann doch kein ehrlicher Mensch glauben! So reden sie entrüstet. Sie haben insofern recht, als – wie bereits gesagt – Zweifel das Natürlichste sind, was der Mensch gegen Gottes Wort aufbringen kann. Aber dadurch, daß ein Mensch auf seine Menschennatur pocht, ist er noch keineswegs aufrichtig. Aufrichtigkeit ist – wie wir bereits gesehen haben – doch viel, viel mehr. Aufrichtig sein, heißt also nicht, ein Zweifler sein und bleiben müssen.

Wieder andere meinen deswegen aufrichtige Menschen zu sein, weil sie ihre Zweifel am Worte Gottes offen aussprechen. Sehen Sie, sagen sie, ich könnte Ihnen ja etwas vormachen; aber ich gehöre nun einmal zu denen, die ihre Zweifel ehrlich aussprechen. Ich kann nicht heucheln! – Schön, wenn jemand die Lüge scheut! Aber dadurch, daß man geradewegs ausspricht, was man denkt, ist man noch nicht ohne weiteres aufrichtig. Bei vielen ist das nur selbstbewußte Frechheit, bei anderen Mangel an rücksichtsvoller Zartheit oder plumpe Geschwätzigkeit. Wirkliche Aufrichtigkeit sitzt viel tiefer und ist viel, viel mehr. Aufrichtig ist also noch lange nicht, wer mit seinen Zweifeln hausieren geht!

Noch andere halten sich deswegen für aufrichtig, weil sie, wie sie meinen, gute Gründe für ihre Zweifel haben. Sie stützen sich auf ihr vernünftiges Denken und rechnen sich das als Tugend an. Haben sie gar gelehrte, sogenannte wissenschaftliche Gründe für ihre Zweifel, so glauben sie bereits gründliche Wahrheitssucher zu sein und ihre Aufrichtigkeit aufs deutlichste erwiesen zu haben. Aber dadurch, daß man Gründe für seine zweifelnden Überlegungen aufzubringen vermag, ist man noch nicht aufrichtig. Hinter solchen Gründen können sich Berge von Unaufrichtigkeit verstecken, und wieviel unwilliges, aufgeblasenes, törichtes, sündiges Menschenwesen sucht seine unaufrichtigen, gottfeindlichen Zweifel an Gottes Wort heute mit der sogenannten Wissenschaft zu entschuldigen! – Nein, aufrichtig sein, ist doch noch viel, viel mehr, als Gründe für seine Zweifel besitzen!

Welches sind denn nun die Kennzeichen eines aufrichtigen Zweiflers?

Ich sehe besonders drei, die mir überall immer wieder entgegentreten. Als erstes gutes Kennzeichen nenne ich: Der aufrichtige Zweifler zweifelt nicht, um zu zweifeln. Es geht ihm nicht um seine Zweifel, sondern um die Wahrheit. Er empfindet seine Zweifel als etwas Minderwertiges, eigentlich Ungehöriges, Störendes, das er um keinen Preis dauernd behalten und mitschleppen möchte. Seine Zweifel sind ihm nie wertvoller Besitz, dessen er sich freut und rühmt. Nimmermehr scheinen sie ihm Ziel seines Denkens und Suchens, sondern immer nur bedauerliches Hindernis auf dem Wege, über das er hinweg und hinauszukommen sucht um jeden Preis. Der aufrichtige Zweifler ist folglich betrübt über das Vorhandensein seiner Zweifel. Sie sind ihm eine wirkliche Qual, ein Beweis für seine Unzulänglichkeit, an der er leidet. Er sucht und forscht nicht in der Bibel und anderen Büchern, um seine Zweifel zu vermehren, sondern um sie zu verringern und am liebsten ganz zu verlieren. Jeder neu auftauchende Zweifel wird ihm zur Plage, mit der er ringt, bis er sie überwunden hat. Nie beruhigt er sich mit dem Vorhandensein seiner Zweifel, nie findet er sich unter Verzichtleistung auf die Wahrheit mit seinen Zweifeln ab; nie paktiert er mit ihnen, daß er ihnen Hausrecht und Nahrung gönnen möchte. Seine Zweifel sind und bleiben ihm unangenehme Fremdlinge und schädliche Störenfriede, denen gegenüber er sich ehrlich trösten kann: Ich habe sie nicht gesucht, sie sind einfach gekommen, und ich vermag sie vorläufig noch nicht recht los zu werden; aber was wünsche ich mehr, als daß ich sie aufs Gründlichste los würde! – Nein, nein, der aufrichtige Zweifler zweifelt nicht, um zu zweifeln! Es geht ihm nicht um seine Zweifel, sondern um die zu findende Wahrheit!

Nun, bitte, teurer Hörer, prüfe dich, wie du zu deinen Zweifeln stehst! Glückselig, wenn du nichts Sehnlicheres wünschest, als deine lästigen Zweifel los zu werden! Denn das zweite Kennzeichen eines aufrichtigen Zweiflers ist: Der aufrichtige Zweifler bleibt nicht bei seinen Zweifeln stehen, sondern läßt sich von ihnen hinwegleiten. Sehen wir uns daraufhin den Nathanael an, den Israelit ohne Falsch, dessen Bekehrungsgeschichte ich eingangs verlesen habe. Er ist tatsächlich das Muster eines aufrichtigen Zweiflers. Philippus war von Jesus gefunden und auf die einfache Offenbarung hin: Folge mir nach! dessen Jünger geworden. Ohne irgendwelche besonderen Zweifelsfragen und Zweifelskämpfe scheint Philippus Jesus als den verheißenen Messias erkannt zu haben und ihm untertänig geworden zu sein. Die unmittelbare, persönliche Begegnung mit Jesus, das Schauen der Herrlichkeit des Gottessohnes, die unmittelbare, persönliche Anrede und Aufforderung: Folge mir nach! hatten jede Zweifelsbildung im Keime erstickt. Glückselig, wer in so freudenreiner Weise sein Jesuserlebnis geschenkt bekommt, wie Philippus es bekam! Nicht alle können es so bekommen. Aber erlebte nicht Nathanael, der auf dem Wege vom Mittelbaren zum Unmittelbaren, über Zweifel und Beschämung hinweg zur Erfüllung geführt wurde, noch Wirkungsvolleres, Zeugnisgrößeres, Wunderinnigeres? Beide jüdische Männer scheinen fleißige Schriftforscher gewesen zu sein; denn beide benutzen Schriftgründe für das Erkennen und Finden des von ihnen erwarteten Messias. So spricht, bereits in der seligen Jesusnachfolge wandelnd, Philippus zu dem gefundenen Nathanael: „Wir haben den gefunden, von welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josephs Sohn von Nazareth.“ Diese sicher froh vorgetragene Kunde stimmte und stimmte doch nicht. Sicher war der Gesalbte Gottes gefunden, von dem Moses und die Propheten geschrieben, sicher war er in Nazareth groß geworden und galt als Josephs Sohn; aber von Nazareth und Josephs Sohn hatten Moses und die Propheten nicht geschrieben. Und kühl antwortet der aufrichtige Zweifler Nathanael: „Was kann von Nazareth Gutes kommen?“ Mag sein, daß Nathanael damit sagen wollte: „Was kann aus solch einem verborgenen, kleinen Nest kommen?“ Sicherer aber ist, daß er kühl in Schriftnüchternheit meinte: „Nazareth besitzt keine Verheißung, uns den Messias zu bringen!“ Dieser Einwand war völlig berechtigt, dieser Zweifel biblisch begründet. Nazareth wird im Alten Testament nicht einmal dem Namen nach erwähnt, wie viel weniger als Geburts- oder Heimatsort des Messias genannt. Nathanael hatte also vollen biblischen Grund, einen Jesus, Sohn Josephs von Nazareth, als angeblich gefundenen Messias abzulehnen. Er wußte es nicht besser, wie ja auch Philippus es nicht besser wußte. Freimütig und doch irrig hatte Philippus von Jesus gezeugt, und freimütig und doch irrend hatte Nathanael die Kunde von Jesus bezweifelt. So standen sich die beiden jüdischen Männer einander gegenüber. Und nun siehe, wie Nathanael gleich alle Kennzeichen eines aufrichtigen Zweiflers aufweist. Nathanael zweifelte nicht, um zu zweifeln. Er spricht sein wohlbegründetes Bedenken aus; aber man merkt sofort, er versteift sich nicht auf seinen Zweifel. Er ist offen für Belehrung. Er ist empfänglich für eine Wahrheit, die er zwar noch nicht einsehen kann; aber deren Gültigkeit ihm nur erwünscht wäre. Denn wie mag sein Herz gebebt haben, als er hörte, der sei gefunden, von dem Moses und die Propheten geschrieben haben! Wie mag er dem ersten Teil der Rede des Philippus mit innerem Jauchzen zugestimmt haben, um beim zweiten Teil betrübt zu merken, die Kunde ist doch zweifelhaft! Ich glaube durchaus nicht, daß spöttische Überlegenheit, die sich über das kleine Nazareth lustig machte, seine Zweifelsfrage formte, sondern daß im Gegenteil nur ehrliches und ernstlich ringendes Nachdenken in seiner Frage sich erhob. Denn zur spöttischen Überlegenheit gehört immer ein gut Stück verschlagener Selbstgefälligkeit, die aber schlecht zu einem Menschen paßt, von dem Jesus als von einem, in welchem kein Falsch ist, spricht. Ach, wieviele falsche Mäuler von heute mißbrauchen bei irgendeiner nichtigen Gelegenheit die Nathanaelsfrage und zerren damit den „rechten Israeliten“ auf den Standpunkt ihrer verlodderten und verlogenen Art herab! Nein, Nathanael zweifelte nicht, um zu zweifeln. Nicht, weil er überhaupt zweifelte, war er aufrichtig, nicht weil er seinen Zweifel sofort offen aussprach, war er lauter, nicht weil er berechtigten Grund für seinen Zweifel hatte, war er ohne Falsch, nein, nur, weil er nicht zweifelte, um zu zweifeln, bleibt er für alle Zeiten das Muster eines ehrlichen Zweiflers.

So erfüllte sich bei Nathanael auch das zweite Kennzeichen eines aufrichtigen Zweiflers, nämlich, er blieb nicht bei seinem Zweifel stehen, sondern ließ sich von ihm hinwegleiten. Menschen von ihren Zweifeln und damit von sich selbst wegzuleiten, ist die Aufgabe der Evangelisten. Der Evangelist hat den Menschen ein höheres Denken zu übermitteln, nämlich die Gedanken Gottes in der Heiligen Schrift. Er hat des Menschen Unzulänglichkeit anschaulich zu machen und ihr den unausforschlichen Reichtum der Weisheit, Liebe und Herrlichkeit Gottes in Christus Jesus gegenüberzustellen, damit das eitle, törichte Menschlein endlich vor dem allein weisen Gott (Römer 16,27) in die Knie sinkt. Nie wird der Evangelist dieses Ziel erreichen, wenn er Menschenweisheit gegen Menschenweisheit ausspielt. Denn Menschenweisheit – und lockte sie gleich noch so sehr – ist nicht Gottesweisheit, sondern ist von unten her und kann deshalb nicht nach oben tragen. Gründe der Menschenweisheit können deshalb auch nie wirklich von Zweifeln lösen. Denn was Menschenweisheit aufgebaut hat, kann Menschenweisheit auch wieder abtragen. Jetzt hält einer einen sogenannten apologetischen Vortrag, in dem er sich bemüht, mit Gründen der Menschenweisheit für die Wahrheit der Bibel, den „geschichtlichen Jesus“ oder das Dasein Gottes zu streiten. Die menschlichen Vernunftgründe, die er anführt, leuchten seinen Hörern ein, die Leute stimmen der Rede zu und gehen, von der sogenannten „christlichen Weltanschauung“ beeinflußt nach Hause. Für den nächsten Abend ist ein gegenteiliger Vortrag angekündigt. Natürlich müssen sie als Gebildete, die ja in keinem Falle hinter der Kultur zurückbleiben dürfen, auch diesen Vortrag hören. Dort wird genau das Gegenteil von dem gesagt, was sie gestern Abend hörten.

Aber es wird auch alles durch logische, philosophische, geschichtliche, sprachwissenschaftliche, ethische, soziale, religiöse und wer weiß was sonst noch für Gründe, belegt, gestützt, bewiesen. Sie können gar nicht anders, sie müssen den so vernünftigen Darlegungen auch dieses Redners zustimmen und gehen für dieses Mal von irgendeiner „freien Weltanschauung“ hingenommen nach Hause. So bleiben sie eben in ihren Zweifeln und damit unbeständig in allen ihren Wegen (Jak. 1,8).

Man sagt, Philippus von Bethsaida sei der erste Evangelist gewesen. Und in der Tat, er hat verstanden, was evangelisieren heißt, nämlich die Menschen über ihr eigenes Denken hinaus zur Weisheit Gottes in Christus Jesus hinleiten! Prächtig ist die Kürze seiner Rede. Keine Spur eines Versuches zu menschlicher Auseinandersetzung. Kein rechthaberisches weites Ausholen zur vernunftgemäßen Beweisführung für die eigene, persönliche Auffassung. Auch kein Ausspielen von „Schriftstellen“, um die eigene Meinung zu rechtfertigen. Kein Streit mit Bibelworten. Kein theologisches Gezänk. Keine Lust an Streitfragen, auch nicht an „biblischen“. Zweifellos ein köstlich zweifelsfreier Mensch, dieser Philippus, der nicht in dem Wahn lebte, man müsse erst selbst in allen Irrgängen aller Zweifelstiefen gelebt haben, um einem Menschen aus seinen Zweifeln heraushelfen zu können, sondern der in der leuchtenden Glückseligkeit des Wahrheitsbesitzes, als ein rechter Knecht des Herrn, der nicht streitet, einfach von sich und all seiner Weisheit abzieht und auf Jesus selbst hinweist, indem er dem Nathanael antwortet: „Komm und sieh!“

„Komm und sieh!“ das wird immer das erste und das letzte sein, was der Evangelist den Zweifelnden zu sagen hat. Für die Jesusnachfolge kann nur das persönliche Jesuserlebnis in Betracht kommen. Kein theoretisches Unterhandeln hilft und befreit. Kein Streiten auf dem Wege fördert. Jedes biblische und persönliche Zeugnis des Evangelisten muß beginnen: Den, von dem die heilige Schrift redet, Jesus Christus, den haben wir gefunden! Und immer muß das Zeugnis enden: Willst du ihn auch finden, so komm und sieh! Und eben da scheiden sich die Geister, nämlich die aufrichtigen von den unaufrichtigen Zweiflern. Die aufrichtigen Zweifler bleiben nicht bei ihren Zweifeln stehen; es geht ihnen nicht um ihre Zweifel, sondern um die Wahrheit. So lassen sie sich denn gerne von ihren Zweifeln hinwegleiten. Da sieh jetzt den Nathanael an! Was hätte er in jenem entscheidungsschweren Augenblick nicht alles gegen Philippus aufbringen können! Er hätte trotzen können: Nein, ich komme durchaus nicht ohne weiteres mit dir! Es hat ja gar keinen Zweck, einem Manne nachzulaufen, der doch unmöglich der Messias sein kann. Erst mußt du mir mal die Geschichte betreffs Nazareth aufklären. Soviel ich die Schrift kenne, kann der Messias nur aus Bethlehem kommen. Du sagst Nazareth, ich sage Bethlehem. Also Bethlehem oder Nazareth, das ist die Streitfrage. Ehe die nicht befriedigend erledigt ist, tue ich keinen Schritt deinem angeblichen Messias nach. So, nun heraus mit deinen Gründen für Nazareth, ich werde dir meine Gründe für Bethlehem dagegen setzen und dann werden wir ja sehen, wer recht hat!

Nein, so machen es die aufrichtigen Zweifler nicht. Es geht ihnen nicht um Bethlehem oder Nazareth, sondern um Jesus! Sie bleiben nicht stehen bei ihren Zweifeln, um sie in Gestalt von Streitfragen ins Gefecht zu führen und auszukämpfen, sondern lassen gerne ihre Zweifel hinter sich, um über alle Zweifel hinaus vorwärts zu kommen zu Jesus. Ja, das ist das dritte Kennzeichen des aufrichtigen Zweiflers: er läßt sich zu Jesus führen. Er kommt und – sieht. Darin offenbart sich seine ehrlichste Willigkeit: er scheut nicht die Begegnung mit Jesus. Er will dem Fürsten des Lichts, dem König der Wahrheit entgegen um jeden Preis. Keine Zweifel können ihn abhalten, seien sie biblisch oder wissenschaftlich begründet, er läßt alles hinter sich und unter sich; nur ein Gedanke treibt ihn: Jesus zu erkennen, Jesus zu gewinnen. Denn er ahnt, ja er weiß, daß sich in der Gegenwart Jesu alle Fragen lösen müssen, alle Zweifel sterben werden. Er weiß, nur der Erlöser selbst ist die Lösung aller Rätsel, der Löser aller Knoten. Nur der König der Wahrheit selber birgt die Wahrheit, ist die Wahrheit. Darum nützt kein Streiten über ihn in der Ferne. Hin zu ihm, ist die einfachste Lösung, die sicherste Aufklärung! – So läßt sich der aufrichtige Zweifler nicht nur von seinen Zweifeln, sondern auch von sich selbst hinweg zu Jesus hinführen. Nicht nur seine Zweifel, nein, seine ganze arme eigene Unzulänglichkeit sucht er bei Jesus loszuwerden! Und der aufrichtige Zweifler wird niemals betrogen. Er findet Jesus und erfährt: in der Gegenwart Jesu sterben die Zweifel wie die Bazillen in der Sonne! In dem vollen Genüge, das Jesus bietet, liegt Befreiung von jeder Unzulänglichkeit. Jesus sah Nathanael zu sich kommen. Ich hätte sehen mögen, wie der Blick des Meisters den neu ankommenden Schüler umfaßte.

Nicht als ob Jesus erst die äußerliche Erscheinung des Nathanael hätte sondieren und studieren müssen, um aus ihm klug zu werden, o nein, er wußte, was im Menschen ist. Und so empfängt er den Zweifler von eben mit dem Lob: „Siehe ein rechter Israelit, in welchem kein Falsch ist.“ Sollte mit diesem Lob etwa Nathanaels Zweifel belohnt werden? Gewiß nicht! Sondern Nathanaels Aufrichtigkeit sollte aus dem Munde des Königs der Wahrheit, des einzigartigen Herzenskündigers und Herzenserneuerers, bestätigt werden, eben diese Aufrichtigkeit, die nicht beim Zweifel stehenbleibt, sondern sich Jesus entgegenführen läßt. Nathanael war ein sündiger Mensch wie wir alle; dennoch war er ohne Falsch, das heißt, er hatte ein ehrliches Auge für seine Unzulänglichkeit und suchte ohne Hinter- und Nebengedanken sein Heil im Heiland. So allein war er ein rechter Israelit ohne Falsch.

Aufrichtige Menschen sind auch immer eines kindlichen Erstaunens fähig, das sie weder verbergen können noch wollen. So Nathanael vor Jesus. Das Lob, mit dem er empfangen wird, macht ihn nicht eitel, veranlaßt ihn nicht zu einem gefälligen Gegenkompliment, sondern zeigt uns wieder den aufrichtigen Zweifler, der nicht Anerkennung, noch Ehre, sondern einfach in allen Dingen und zu jeder Zeit die Wahrheit sucht. So wie Nathanael vorhin für die hohe Kunde des Philippus nur die knappe Gegenfrage hatte: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?“ so hat er jetzt, vor Jesus gebracht, auf das hohe Lob, das ihm entgegenschallt, nur die kindlich erstaunende und doch zugleich so männlich den ursächlichen Wahrheitsgrund heischende Frage: „Woher kennest du mich?“ Nathanael zweifelt also, scheint es, bis in die Gegenwart Jesu hinein. Und doch geht es ihm auch hier um den Zweifel als Zweifel. Und doch bleibt er auch hier nicht bei seinem Zweifel stehen. Und doch läßt er sich auch hier von seinem Zweifel hinweg zur Wahrheit und zum König der Wahrheit hinführen. Diesmal führt aber nicht mehr Philippus, sondern Jesus selbst.

„Jesus antwortete und sprach zu ihm: Ehe Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.“ Mit dieser Antwort Jesu ward wie ein steiles, unumgängliches, alles Augenmaß überragendes, bis in den Himmel reichendes Felsengebirge vor den aufrichtigen Zweifler Nathanael hingesetzt –: Das Wunder! Das Wunder ist die unübersteigbare Schloßmauer, hinter der die Gottheit wohnt. Es ist die Scheidewand zwischen des Menschen Flachheit und Gottes Hoheit. Es ist die heilige Brustwehr der Majestät Gottes, die wider jede Menschenstirne steht. Hier kehrt der Mensch wie vor einer unwirtlichen Eiswand entweder um oder läßt sich von ewigen Armen hinaufheben in das Paradies der Gemeinschaft mit Gott. Denn alle Zweifler landen oder stranden am – Wunder.

Nathanael landete. Er hatte wohl das Wunder erwartet. Alle aufrichtigen Zweifler landen da. Denn alle ehrlichen Wahrheitssucher, alle innigen Gottsucher, alle stillen Jesussucher suchen und erwarten im tiefsten und höchsten Grunde – das Wunder. Denn das Wunder ist das einzig Geziemende für die Gottheit. Es ist auch das goldene Kleid Jesu, dessen einzige Kostbarkeit er jetzt dem Nathanael, dem Israeliten ohne Falsch, zeigte. Und Nathanael erkennt gerade in diesem Goldgewande den Rabbi, den Gottessohn und König von Israel! „Rabbi!“ (Meister, Lehrer) ruft er in vollbefriedigtem Erstaunen vor der sich ihm geoffenbarten Prophetenweisheit aus und zaudert nicht, rückhaltlos zu bekennen: „Du bist Gottes Sohn! Du bist der König von Israel!“

Auf so überraschend verwunderliche Weise werden nur aufrichtige Zweifler von ihren Zweifeln befreit; denn sie suchen auch das Wunder nicht um des Wunders willen, sondern um Jesu willen. Der unaufrichtige Zweifler, der wundersüchtig ist um des Wunders willen, damit er nachher das Wunder bezweifle, kommt auch durch Wunder nicht zu Jesus.

So entsprach es dem ehrlichen Zweifelsweg, auf dem Nathanael zu Jesus gekommen war, das er abschloß mit einer Offenbarung Jesu im Wunder. Nur durch Erweisung der wunderbar höheren Weisheit des Messias konnte eine Natur wie Nathanael überwunden werden. Sein kindlich ehrlich fragender Geist bedurfte des kindlichen Erstaunens, um sich preiszugeben. Da gab es nichts einfacheres, als ihm zu sagen, daß er schon unter dem Feigenbaum gesehen worden war. Dieses außerhalb des natürlichen Bereiches der Möglichkeit liegende Können und Wissen Jesu genügte dem kindlich einfältigen Zweifler Nathanael, um an Jesus als an den Sohn Gottes und König von Israel zu glauben. Auf wie wunderbar persönliche Weise, die stets der Eigenart des Suchenden entspricht, gewinnt Jesus die Menschen für sich; wenn sie sich nur aufrichtig gewinnen lassen wollen! Dann aber läßt er sie nicht, wie sie sind. Sofort nimmt Jesus auch den Nathanael, damit dieser wahrhaft ein „von Gott gelehrter“ werde, in eine höhere Schule. Nathanael soll nicht beim äußeren Wunder stehen bleiben; er soll nicht das Geringere für das Größere halten: er soll vom menschlichen Erstaunen zur göttlichen Erkenntnis geführt werden. Darum antwortete ihm Jesus ohne jedes Lob für das so willig und begeistert dargebrachte Glaubensbekenntnis und sprach zu ihm: Du glaubest, weil ich dir gesagt habe, daß ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum; du wirst noch Größeres denn das sehen. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen.“ Nathanael und alle Jünger Jesu sollen den Himmel offen sehen.

Ein durch Jesus dem Glaubenden geöffneter Himmel: Das ist der Zweck alles Kommens zum Gottessohn und der Inhalt alles Sehens beim Gottessohn! Dem Unglauben ist der Himmel, die unsichtbare Welt, ganz verschlossen, und auch dem unaufrichtigen Zweifler öffnet er sich nie. Aber dem aufrichtigen Zweifler wird schließlich der Blick in den Himmel aufgetan. Mag der aufrichtige Zweifler zunächst glauben lernen am Wunder des Sichtbaren und sich klammern ans Erstaunen seiner Sinne in köstlichen Erfahrungen diesseitiger Natur: Das ist schon groß; aber das „noch Größere“ ist der Glaube, der nicht zweifelt an dem, was er nicht sieht mit irdischem Auge, und der nun befähigt wird, das Unsichtbare zu sehen, nämlich den Himmel aufgetan sieht! Damit ist gemeint, das geistliche Begreifen des Reiches Gottes, das in Christus Jesus erschienen ist. Das ist mehr, als in übersinnlicher Weise unter dem Feigenbaum gesehen worden sein! Das ist größer, als den sehen, der um die Ecke zu sehen vermag! Das ist das Schauen des fleischgewordenen Wortes, das vor uns steht und das Sehen seiner Herrlichkeit, als „einer Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Joh. 1,14). Es ist das Schauen des „von oben her“ Gekommenen und seiner Verbindung mit der oberen Welt, aus der die Engel auf ihn herab und hinaufsteigen. Es ist das Teilhaben mit ihm an seinem Reich, als eine durch die Kraft aus der Höhe neugeborene Kreatur, die hinfort ihr Bürgertum nicht mehr auf Erden, sondern im Himmel hat! Ja, der aufgetane Himmel, der in Jesus Christus als Vergebung unserer Sünde, Versöhnung mit Gott durch das Blut von Golgatha und Friede und Freude im Heiligen Geist auf unsere sündige Erde gekommen ist, der sollte Nathanaels und der Jünger Augen, Herz und Leben füllen! Das war das „von nun an“ mit den ersten Schwingungen der Himmelsglocken, die Gnade und Wahrheit vom Vater im Erscheinen des Menschen- und Gottessohnes Jesus Christus verkündigten! Glückseliger Nathanael, du Muster eines aufrichtigen Zweiflers, der nicht zweifelte, um zu zweifeln, und sich von seinem Zweifel hinweg zu Jesus hinführen ließ und von ihm den offenen Himmel geschenkt bekam, wie mag dein Wesen ohne Falsch in jener, deiner Stunde mit Himmelsschau und Himmelskraft gesegnet und gesättigt worden sein! Denn also läßt es Gott den Aufrichtigen gelingen!

Und nun du, teurer Hörer! Du hast soeben das Bild des aufrichtigen Zweiflers gemalt bekommen, hast du nachgeprüft, ob auch du Nathanaels Art an dir trägst? Glückselig, wenn du jetzt mitgegangen bist, Schritt um Schritt von deinen Zweifeln und dir selbst hinweg, bis zu Jesus hin, der auch dir soeben den geöffneten Himmel zeigen und schenken konnte! Gehörst du zu den aufrichtigen Zweiflern, dann ist’s gleich, ob du ein Israelit oder Heide, ein Namenchrist oder Freigeist bist, ob du aus frommem Hause oder aus dem Sündenschlamm kommst, ob du einen Zweifel oder tausend mit dir schleppst, ob du reich und gebildet oder arm und unwissend bist –: Du hast die Verheißung Gottes, es soll dir gelingen; Jesus und der offene Himmel warten deiner! Deine Trauer über deine Zweifel soll in Freude verkehrt, deine Unzulänglichkeit in himmlischen Reichtum verwandelt werden! Damit du aber in keiner Selbsttäuschung steckenbleibst und dir jedes Hindernis zum Empfang des Himmelreiches bekannt werde, so sieh jetzt noch das Bild des unaufrichtigen Zweiflers, damit es dir zur Warnung diene.

Der unaufrichtige Zweifler hält sich durchweg für einen durchaus aufrichtigen Zweifler; denn er ist ein Mensch, der anstatt aus Jesus zu hoffen, zu sich selbst emporschaut und sich selbstzufrieden für weise und gerecht hält; also glaubt er auch felsenfest an seine Aufrichtigkeit. Daß er nicht so dumm ist wie andere Leute, die der Bibel glauben, rechnet er sich schon als kraftvolle Aufrichtigkeit zu. Für ihn muß jeder aufrichtige Mensch ein Zweifler an der Bibel sein und bleiben; wer gläubig wird, ist in seinen Augen ein Schwachkopf oder ein Schuft, oder beides. Er hält sich auch für rechtschaffen aufrichtig, weil er aus seinem Zweifel keinen Hehl macht, sondern seinen Unglauben frei und unentwegt allenthalben ausspricht. Auch besitzt er ja natürlich eine Unmenge Gründe für seine Zweifel, die er alle der Reihe nach ins Feld zu führen vermag, mithin hat seine Sache Halt, Grund und Boden, Hand und Fuß, ein weiterer Beweis für seine solide Aufrichtigkeit gegenüber den verschrobenen Gläubigen, deren törichter Glaube ja ganz in der Luft hängt, wie er meint.

So ist das erste Kennzeichen des unaufrichtigen Zweiflers: Er zweifelt, um zu zweifeln. Der Zweifel ist sein Lebensboden, mit dem er steht und fällt. Seine Zweifel sind seine Stärke, seine Waffenrüstung, sein kultureller Reichtum, den er um keinen Preis lassen möchte. Seine Zweifel sind seine Macht, seine Freude, sein Stolz, ein Beweis seiner fortgeschritteneren Vollkommenheit und zweifellosen Überlegenheit. Deshalb ist er glücklich über jede neue Befestigung seiner Zweifel und über jede weitere Vermehrung derselben. Er sucht neue Zweifel und findet auch welche. Er hegt sie, nährt sie, pflegt sie an seinem Herzen, ja, er züchtet sie, wie man Tiere, Pflanzen und Bazillen züchtet. Und die reifsten Exemplare seiner Zweifelsbazillenzucht anderen Menschen zum Schutz gegen das Gläubigwerden einzuimpfen, ist ihm eine besondere Kulturaufgabe zum Wohle der Menschheit. Tritt einem der unaufrichtige Zweifler entgegen, so steht er vor einem als ein geschienter, stolzer Ritter der Vernunft. Seine Vernunft mißt, entscheidet und regiert alles. Was sich vor ihr nicht beugen will, wird niedergehauen. In machtlüsterner Selbstsicherheit fordert er die Bibel heraus: diese Geschichte, jenes Wort, dieses Wunder; ein Goliath an überlegener Kraft! Nutzlos, sich auf seinem Boden mit ihm einzulassen, mit der gleichen Waffe gegen ihn zu streiten. Jeder Waffengang ist vergeblich. Der unaufrichtige Zweifler streitet, um zu streiten. Löse ihm auf dem Wege vernunftgemäßer Auseinandersetzung hundert Zweifel, sofort hat er tausend neue.

Er ist geladen mit „Wenn“ und „Aber“ wie ein Geschoß mit Sprengstücken. Seine Festung und sein Zeughaus ist das Kulturwissen, sein Ruhm die Bildung, seine Hoffnung die sogenannte Höherentwicklung der Menschheit durch die freie Entfaltung der Vernunft, sein Ziel, durch Selbsterlösung zu werden wie Gott. An Stelle der Gottesweisheit der Bibel stellt er die Menschenweisheit, mit der er die Bibel zu läutern sucht, an Stelle des biblischen Gottes tritt der „Gott in uns“, an Stelle der Gotteskraft in der Tat Gottes am Kreuz von Golgatha die Kulturkraft und Kulturleistung, an Stelle des Erlösers Jesus Christus das eigene Ich. Das ist der unaufrichtige Zweifler in moderner Kleidung. Er zweifelt, um zu zweifeln; denn nur gepanzert mit Zweifeln kann er sein Denken und Tun und damit sein Ich behaupten.

So ist denn das zweite Kennzeichen des unaufrichtigen Zweiflers: Er läßt sich nicht von seinen Zweifeln hinwegleiten, sondern bleibt bei ihnen stehen. Ruft ihm ein Philippus von heute zu: „Komm und sieh!“ so klingt ihm das beinahe wie eine Beleidigung. Wie er, der Selbstgewisse, sollte es nötig haben, sich einmal ernstlich mit dem Bibelglauben zu befassen? Er sollte das längst Abgetane wieder aufgreifen? Ihn will man auffordern, sich unter die seltsamen Leutchen zu mischen, die einen Heiland brauchen und suchen? Mit ihnen sollte er kommen und sehen? Welch eine beleidigende Zumutung! Welch eine Herabwürdigung seiner Person! Ja, mit den Frommen überlegen zu streiten oder ihnen in gutmütiger Herablassung zu sagen, für sie sei ja so ein Glaube ganz gut, aber er brauche dergleichen nicht, das wäre das Äußerste, aber weiter keinen Schritt! Und läßt sich der unaufrichtige Zweifler schließlich doch einmal mitziehen, mitzerren zum Kommen und Sehen, so verkriecht er sich dabei derart in seinen Zweifelspanzer, daß er alles falsch hört, falsch sieht, falsch deutet, nichts versteht, weil er nicht verstehen, sondern eben nur zweifeln und kritisieren will, und ihm erst wieder wohl wird, wenn er sich wieder im Reiche seines eigenen ungehinderten, ungefährdeten Denkens befindet. Er wird aber dann sagen, er sei auch schon gekommen und habe auch schon gesehen, es sei aber nichts für ihn gewesen. In kalter, stolzer Ichgewißheit verharrt er in seinen Zweifeln. Wie könnte er sie fahren lassen? Sie sind ja seine einzige Brust- und Schutzwehr gegen den Gott der Bibel, gegen den Sünderheiland der Bibel und gegen die Bibel selbst! Sie sind ja sein Schloß, in dem sein Ich allein sicher wohnt! Sie sind ja sein Reichtum, in dem er alle seine Gedankenschätze angelegt hat! Sie sind ja der Boden, auf dem allein er sich mit seinem Denken, Fühlen und Wollen zu behaupten vermag! Wie sollte er sich da vertreiben lassen? Andere haben das ja auch nicht getan! Goethe und Schiller waren ja auch nicht streng bibelgläubig! Und Professor X, der so kluge und liebenswürdige Herr, ist’s ja auch nicht!

Daraus ergibt sich das dritte Kennzeichen des unaufrichtigen Zweiflers: Er flieht die Nähe Jesu. Ja, neugescheit über Jesus reden, das kann er vorzüglich. Mit Vorliebe hat er ja die allerneuesten Tagesmeinungen über den „Nazarener“ seinem Zweifelsschatz einverleibt und sich seine Meinung über Jesus gemacht, mit der er hausieren geht. O, wie überlegen klug kommt er sich in dieser seiner Meinung vor! Wie überlegen den rückständigen Leuten gegenüber, die das „alte Dogma“ von der Gottessohnschaft Jesu glauben!

Denn die unvergänglichen biblischen Berichte über Jesus sind ihm nur „mittelalterliche Dogmen“; als ob das Mittelalter die Evangelien fabriziert hätte! So ist der unaufrichtige Zweifler gepanzert mit angelesenen, öden, albernen Zweifeln betreffs Jesus, die er alle als Vorwand benutzt, um sich der lebendigen Nähe Jesu zu entziehen. Denn er weiß sehr wohl, das wirkliche Erleben Jesu würde ihn mitsamt seinen öden Zweifeln vom hohen Thron der eitlen Selbstbewertung herunterstoßen und in den Staub werfen; und vor diesem Bankrott graut seinem geliebten Ich wie vor nichts in der Welt! Er ist ein Feind des Kreuzes Christi, weil das Kreuz sein Denken, Fühlen und Tun entwertet, weil es ihn zum armen, verlorenen Sünder macht und sein Leben zu einer einzigen schandbaren Unzulänglichkeit vor dem heiligen Gott. O, als Religionsstifter und Sittenlehrer läßt er sich Jesus Christus gerne gefallen und schwatzt klug von ihm; aber nur nicht als Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt und auch für seine Sünde starb; denn das entwertet ja seinen Ichdünkel! Und je „gebildeter“ solch ein unaufrichtiger Zweifler ist, desto reichhaltiger ist sein Zweifelsschatz, desto aufgeblasener sein Geist. Jegliche Einfalt des Denkens, Fühlens und Wollens ist zerstört, alles ist umständlich, verwickelt, verworren weitschweifig, verdorben, verloddert, verlogen, verrottet und zerrüttet, alles unnatürlich und ungesund. Fragen und Antworten sind unlauter, voller Hinter- und Nebengedanken, nichts gerade und einfach ehrlich. Der Kopf ist ausmöbliert mit einem Wust von „modernen Ideen“, Theorien und Hypothesen, Problemen und Streitfragen, daß da kein Platz mehr ist für die gesunde, befreiende Wahrheit des Evangeliums, das ja im Gegensatz zu den Künsten, die der Mensch sucht, immer schlicht und einfach ist. Im Gegensatz zum Nathanael muß es hier heißen: Siehe da, ein rechter Heide, in welchem keine Wahrheit ist! Teurer Hörer, ist das etwa dein Bild?

Nicht wahr, alles in dir wehrt sich gegen diese Beschreibung? Dein Glaube an dich selbst, dein Glaube an dein ehrbares Wollen, dein kulturtüchtiges Streben, dein teuer erworbenes Wissen, deine anerkannt „guten Seiten“, alles empört sich, wenn du so, weil du ungläubig bist, zum „unaufrichtigen Zweifler“ herabgewürdigt wirst. Und dennoch –: Wer dauernd die Nähe Jesu flieht, wer der grundstürzenden Buße, Bekehrung und Lebenserneuerung in der Gegenwart Jesu sich immer wieder zu entziehen sucht, wer dem Worte und Urteile Gottes im Evangelium immer wieder sein eigenes, eitles menschliches Denken entgegensetzt, wer zweifelt, um zu zweifeln, wer in seinen Zweifeln verharrt und sie als Vorwand benutzt, sich dem König der Wahrheit zu entziehen, der ist trotz all seiner bürgerlichen Wohlanständigkeit, ja sittlich-religiösen Leistung, doch nur ein unaufrichtiger Zweifler! Aber höre! –: Du brauchst kein unaufrichtiger Zweifler zu bleiben! Alles, was dich bisher unaufrichtig und daher untüchtig zum Glauben machte, nämlich Ichliebe, Ehrliebe, Wissensdünkel, Sündenliebe, kannst du los werden. Allerdings kostet solche Preisgabe alles dessen, worin man sein eigentliches Lebenselement hat, einen gewaltigen Kampf. Aber wenn du dahin gelangt bist, daß du deine Unaufrichtigkeit vor Jesus und seinem Worte einsiehst, wenn du erst einmal unzufrieden mit dir selbst geworden bist und anfängst, deine Zweifel zu beklagen, so daß du beginnst, an deinen Zweifeln zu zweifeln, dann kann sich die große Wende von der Unaufrichtigkeit zur Aufrichtigkeit schnell vollziehen. Dann entdeckst du, daß der Zweifler, wenn er erst einmal in die Schwebe gerät, ein unseliger Mensch ist, uneins, zerteilt, zerrissen in sich selbst, unbeständig in allen seinen Wegen, ein Mensch voll innerer Kämpfe, Zweifelskämpfe, hin- und hergeworfen wie die Meereswoge, einesteils gewillt zu einfältigem, befreiendem Glauben, andererseits abgehalten durch ein Gewirr von spitzen, peinigenden Zweifelsstimmen. Da ist die wehe Übergangszeit von der alten zerbrochenen Ichsicherheit bis zur neuen Sicherheit in Jesu Armen. Da wogt der Kampf zwischen Finsternis und Licht im Innern eines zur Aufrichtigkeit vor Gottes Wort erwachten Menschen unvergleichlich furchtbarer als je der Widerstreit der Elemente in der Natur. Der Sturm, der draußen Bäume entwurzelt, ist nichts gegen den Sturm, den der Geist Gottes in einem Menschenherzen entfacht, wenn er ein selbstsicheres Ich entwurzelt. Mögen durch Bergrutsche menschliche Wohnstätten mit ihrem Leben verschüttet werden, das ist nur ein glattes äußerliches Geschehen gegenüber dem innerlich-erschütternden Geschehen, wenn der Gipfel der menschlichen Hoffart einstürzt und bei seinem Talsturz alle blühenden Niederlassungen der menschlichen Eitelkeit zertrümmert. Mögen Erdbeben Tausende von Menschenleben äußerlich begraben; dennoch gewaltiger ist es, wenn der allmächtige Gott das Innere eines Menschen ins Beben bringt und das adamitische Urgestein eines trotzigen Herzens mit dem Hammer des Wortes der Heiligen Schrift zerschmeißt, daß alles zusammenstürzt, was der Boden dieses Herzens bisher getragen hat. Mag der Frühling aus Schutt und Ruinen frisches Grün erwecken, ganz anders ist es, wenn der Geist Christi auf dem Trümmerfelde einer begrabenen menschlichen Ichherrlichkeit in der Kraft des Heiligen Geistes Leben aus Gott zur Entfaltung bringt und es herrlich bezeugt: „Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!“ (2. Kor 5,17).

Wird der unaufrichtige Zweifler unter solchen erschütternden Geistesereignissen ein aufrichtiger Zweifler, so nimmt er jetzt auch immer deutlicher dessen Züge an. Längst kann er nicht mehr zweifeln, um zu zweifeln. Längst sind ihm seine Zweifel eine Last geworden, die er los sein möchte. Deshalb ist er nun auch bereit geworden, sich von seinen Zweifeln lösen zu lassen. Er ist willig geworden, zu kommen und zu sehen. Das Wort Gottes zündet bei ihm. Allerdings entstehen nun ganz neue Zweifel in ihm, nicht mehr Zweifel am Worte Gottes, wohl aber Zweifel an sich selbst. Der früher so Selbstgewisse zweifelt nun ernstlich am Werte seines Denkens, Fühlens und Tuns vor dem Heiligen Gott und seinem Wort. Er lernt das große Umdenken, das die Bibel Buße nennt. Die alte, stolze Selbstgerechtigkeit geht in Fetzen, die Selbstweisheit bricht immer mehr zusammen. Ja, der alte Trotz wandelt sich nun in Verzagtheit. Zweifel entstehen, ob nicht die Sünde zu groß sei, um vergeben werden zu können, Zweifel, ob die Gnade Gottes wirklich noch ergriffen werden und zu einer Erneuerung des Lebens ausreichen könne. Neue, gewaltige, innere Kämpfe toben; aber währenddem schreitet doch die Loslösung vom Alten fort und geht es immer merklicher Jesus entgegen. Immer gnaden- und heilsbedürftiger wird das aufrichtig gewordene Herz. Immer unbezweifelter wird die Erkenntnis:

Wir armen Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder,
Und wissen gar nicht viel.
Wir suchen viele Künste
Und spinnen Luftgespinste,
Und kommen weiter von dem Ziel.

Das treibt gewaltig zum Sünderheiland hin. Immer unbezweifelter steht er als der alleinige Helfer, als der allein Gerechte, Reine und Heilige da. Immer mehr sterben die vernunftgemäßen Fragen und Zweifel ab, die früher wie zischende Schlangen an seinem Bilde emporzüngelten. Ohne daß man sich logisch darüber Rechenschaft geben kann, vollzieht sich eine Umformung des Denkens als Wirkung des Geistes Gottes an uns, die uns immer glaubenswilliger, glaubensfähiger macht und zu Jesus hinzieht. Immer durchsichtiger wird der Schleier vor dem Geheimnis des Glaubens; denn immer geklärter, einfacher und einfältiger wird der Sinn und Gedankengang des aufrichtig gewordenen Menschen. Das Verlassen der eigenen Tugend und Weisheit löst von immer mehr Ballast, macht immer leichter und freier zum Hinschreiten und Hinfinden zu Jesus. Immer spürbarer lösen sich die Bande der Ehrliebe, der Geldliebe, der Sündenliebe, in denen man so lange als ein Betrogener gefangen lag. Immer weniger erwartet und will man von Welt und Menschen, immer mehr von Jesus. So wird der innerlich erweckte, aufrichtig suchend gewordene Mensch reif zur entscheidenden Begegnung mit Jesus und zum glaubensvollen Erfassen des Geheimnisses des Kreuzes. Je „gebildeter“ der Suchende ist, das heißt, je verwickelter und gekünstelter sein bisheriges Denken war, desto schwerer wird ihm das Erfassen des Kreuzgeheimnisses, d. h. das Verständnis für den Opfertod Christi ankommen. Immer wieder wird dabei der Versuch gewagt, mit der armseligen Ellenlänge des vernünftigen Denkens das Geheimnis der heimlichen Weisheit Gottes in der Hingabe des Sohnes der Liebe für unsere Sünden ausmessen zu wollen, um so auf dem Wege der Vernunft die Torheit des Wortes vom Kreuz (1. Kor. 1,18) zu überwinden, bis man endlich erkennt, daß das Geheimnis des Kreuzes über alles Denken ist und sich nur dem ganz demütig unmündig und einfältig Gewordenen erschließt (Matth. 11,25). Das Sichhinabführenlassen zu diesem Nullpunkt unseres Könnens und Wissens ist gewöhnlich der Inhalt des letzten Kampfes vor der eigentlichen Hingabe an den für uns gekreuzigten Gottessohn; der Glaube an seine Auferstehung ergibt sich dann von selbst. Die letzten Zweifel sterben dann tatsächlich in der Gegenwart Jesu Christi wie die Bazillen in der Sonne.

Und fragst du: Was ist Wahrheit?

Weil du im Zweifel bist,
So bitte den um Klarheit,
Der selbst die Wahrheit ist.

Irgendein Philippus mag dir, dem aufrichtig gewordenen Nathanael, bei solchem Fragen und Bitten helfen. Da mag es denn oft schwerer hergehen, als es bei dem Israeliten ohne Falsch herging. Ich kann nicht vergessen, wie einmal ein gebildeter Zweifler als aufrichtig gewordener Zweifler zu mir kam und Philippusdienst bedurfte. Ihm war bange geworden um seine Sünden, und die ehrliche Sündennot hatte ihn aufrichtig suchend gemacht. Aber er war auch so bange um seine Bildung, daß er nun müsse „das Opfer des Verstandes“ bringen, wenn er im Glauben die Gewißheit der Vergebung seiner Sünden im Sühnopfer Christi glauben wolle. Sein „wissenschaftliches Denken“ krümmte sich wie ein getretener Wurm. Unbedingt wollte er erst begrifflich-logisch verstehen und dann glauben lernen. Ich mußte ihm sagen, daß sein Bemühen gänzlich vergeblich sei; auf wissenschaftlichem Wege habe sich noch nie ein Mensch bekehrt. Bekehrung sei nur möglich auf dem Wege des Bankrotts als Durchgang eines armen, verlorenen Sünders durch die „enge Pforte“, wo man allem absagen müsse, auch dem eigenem Denken. Er solle aber nicht bange sein um seinen kostbaren Verstand; denn in Wahrheit brauche er gar nicht „das Opfer seines Verstandes“, sondern nur das Opfer seines Unverstandes, nämlich seiner eigenen Weisheit, die ja in Wirklichkeit nur Torheit vor Gott sei, zu bringen. Er werde aber dabei durchaus nicht dummer, sondern in jeder Beziehung nur wahrhaft weiser; denn er vertausche beim Durchgang durch „die enge Pforte“ seine begrenzte Verstandesklugheit gegen die in Christo uns geoffenbarten und geschenkten Schätze der Weisheit und Erkenntnis Gottes. Auch bemühte ich mich, ihm den Erlösungsplan und das Erlösungswerk Gottes im Opfer Christi am Kreuze auf Golgatha biblisch klarzulegen und seinem suchenden Geiste faßbar zu machen. Endlich nach einer Stunde mühevollster Aussprache, die er durch einen Wust von mit Fremdwörtern gespickten philosophischen Einwänden sich und mir erschwert hatte, zerriß durch einströmendes, mit innerlichem Seufzen von mir erflehtes Geisteslicht von oben her, endlich die irdische Dunsthülle, und mein Nathanael sah sonnenklar das Gotteswunder von Golgatha und vermochte zu glauben. Als er sich nassen Auges und befreiten Herzens von den Knien erhoben, wo er sich betend seinem gefundenen Retter und Herrn hingegeben hatte, und nun bedauerte, mir so viel Mühe gemacht zu haben, konnte ich doch nicht unterlassen, ihm zu sagen: „Ja, hätte ich es jetzt an Ihrer Statt mit einem einfachen Menschen zu tun gehabt, so wäre vielleicht alles in fünf Minuten getan gewesen; aber der Segen der Bildung ist, daß es zwölfmal länger gedauert hat, ehe Sie als ein Armer im Geiste in Christo reich zu werden vermochten!“ Da sah er mich ganz bedenklich an und meinte zaghaft: „Ja, demnach wäre ich ja zwölfmal dümmer hierhergekommen als sonstige Leute!“ „Es wird nicht viel darum gefehlt haben, Herr Doktor!“ war meine Antwort. Als ein fröhlich Entlasteter ging er. Er sah den offenen Himmel. –

Und du? Willst nicht auch du an deinen Zweifeln verzweifeln und befreit von Sündenschuld, Sündenknechtschaft und Wissenstorheit deine fernere Lebensstraße fröhlich ziehen? Komm, laß los, was dich gebunden hält! Gib auf, worin du noch unaufrichtig bist! Werde Jesu-willig wie Nathanael! Zweifle nicht mehr, um zu zweifeln! Bleibe nicht länger bei deinen Zweifeln stehen! Fliehe nicht länger die alle Zweifel tötende Jesusnähe! Komm und sieh! Schaue den Menschen- und Gottessohn, den Unvergleichlichen! Schaue das sonnige Gotteswunder auf Golgatha, wo der einzig Zahlungsfähige unter uns Bankrotteuren sein reines, heiliges, kostbares Leben in namenloser Liebe zur Vergebung unserer Sünden hingab, damit uns neues Leben, Gottes Leben, Christi Leben durch den Heiligen Geist geschenkt werde in ihm, als Loslösung von uns selbst und glückselige Verbindung mit ihm, unter dem geöffneten Gnadenhimmel des Reiches Gottes, aus dem die Kräfte der höheren Welt auch auf dich herabsteigen wollen, auch auf dich, den aufrichtigen, bekehrten Zweifler!

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