Bernhard von Clairvaux - Aus Predigten über das Hohelied

Predigt über das Hohe Lied. (III).

Er küsse mich, spricht Christus1), mit dem Kusse seines Mundes. - Doch hebe sich die Seele nicht verwegen zu dem Munde des freundlichen Bräutigams, sondern zitternd liege sie mit mir zu den Füßen des strengen Herrn und blicke mit dem Zöllner2) zur Erde, nicht zum Himmel, daß nicht das Antlitz, das gewöhnt ist an Finsternis, geblendet durch das himmlische Licht, nachher in die Blindheit um so dickerer Finsternis geworfen werde. Nicht scheine dir, o Seele, dieser Ort verächtlich, wo die heilige Sünderin ihre Sünden abtat und Heiligkeit anzog3). Beuge dich bis zur Erde, umfange seine Füße, küsse sie und benetze sie mit Tränen, mit denen du nicht ihn, aber dich selbst abwaschen wirst; so jedoch, daß du dein von Scham und Trauer überströmtes Antlitz nicht eher aufzuheben wagst, als du jene Worte vernimmst: Deine Sünden sind dir vergeben. - Wenn du aber so den ersten Kuß auf die Füße getan hast, so wird dein nächster Schritt sein, daß du ihm die Hand küssest. Durch die Hand geht es aufwärts; die richte dich auf, indem sie dir das schenkt, womit du es wagen kannst; den Schmuck des guten Gewissens und würdige Früchte der Buße, nämlich die Werke der Frömmigkeit. - Zuletzt erst wagen wir es, zu dem heiligen Munde das Haupt zu erheben; doch zitternd, weil vor unserm Angesicht Christus, der Herr, ist, durch dessen Gnade wir, wenn wir im heiligen Kusse mit ihm verbunden sind, zu einem Geiste mit ihm geschaffen werden.


(XV 6)

Woher ist das Licht gekommen als von der Predigt von Jesus? Deshalb sagt Paulus: Ihr waret weiland Finsternis; jetzt seid ihr ein Licht in dem Herrn. 4) Und er wies allen das Licht, indem er allenthalben Jesus den Gekreuzigten predigte. - Aber Jesus ist uns auch Speise. Was erquickt in gleicher Weise den Geist, stärkt die Tugend, läßt gute und ehrbare Sitten wachsen, nährt die Liebe zur Keuschheit? Dürre ist jede Speise der Seele, wenn sie nicht mit jenem Öl begossen wird, unschmackhaft, wenn sie nicht mit diesem Salze gewürzt wird. Jesus ist Honig für den Mund, Musik für das Ohr, Jubelklang für das Herz. - Und Jesus ist unser Heilmittel. Trauert einer von euch, so ziehe Jesus ein in sein Herz, und siehe, wenn das Licht seines Namens erstrahlt, so flieht jegliche Wolke, und Heiterkeit kehrt zurück. Fühlt jemand Schuld, rennt er wohl gar in Verzweiflung in die Schlinge des Todes; wir er nicht, wenn er den Namen des Lebens anruft, sogleich zum Leben erwachen? Und wem der Tränenquell vielleicht schon vertrocknet ist, strömt er dem nicht, wenn er Jesus anruft, plötzlich in reichen und wilden Zähren vom Auge? Jesu Bild dämpft den Zorn, demütigt den Übermut, heilt die Wunden des Neides, schränkt die Üppigkeit ein, löscht die Flamme der Begierde aus, stillt den Durst der Habsucht und schlägt das ganze gemeine Treiben des Menschen in die Flucht. Wenn ich aber Jesus nenne, so stelle ich mir einen Menschen vor, sanftmütigen Herzens und in Niedrigkeit, voll Güte, Nüchternheit, Keuschheit, Mitleid, kurz, leuchtend in aller Ehrbarkeit und Heiligkeit und gleichzeitig den allmächtigen Gott, der mich durch sein Vorbild heilt und durch seine Hilfe stärkt. Das alles tönt mir entgegen, wenn der Name Jesu ertönt.

Quelle: Neukauf-Heyn - Evangelisches Religionsbuch

1)
Hohes Lied 1,1
2)
Luk. 18, 13
3)
Luk. 7, 36-50
4)
Eph. 5, 6
autoren/b/bernhard_von_clairvaux/bernhard-hohelied.txt · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)