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Des heiligen Augustins Soliloquien oder stille Stunden vor dem HErrn

Nebst seinem Manuale oder Handbüchlein zur heilsamen Betrachtung der Liebe des HErrn

Zwei Betbüchlein dem evangelischen Volke dargereicht von Christian Müller, Pfarrer zu Beerfelden

Stuttgart. Verlag von Samuel Gottlieb Liesching. 1857

Augustinus, Aurelius - Manuale - Vorrede.

Weil wir mitten unter des Satans Schlingen wohnen, so erkalten wir bald in den himmlischen Begierden. Darum bedürfen wir zur frischen Ermunterung und im Falle des Abweichens von unserm GOtt, dem wahren und höchsten Gute zur möglichst schnellen Wiederkehr eines steten Gedenkzeichens. Deshalb habe ich dies Büchlein zusammengetragen, nicht aus hochmütigem Fürwitz, sondern aus großer Liebe zu meinem GOtte und Ihm zu Lob. Ich wollte gerne über meinen GOtt in den schönsten auserlesenen Sprüchen der heiligen Väter kurze handliche Nachricht allezeit bei mir haben, um aus ihrer Betrachtung mich zu Seiner Liebe, so oft ich darin zu erkalten begänne, durch neues Feuer wieder zu entzünden.

So stehe mir nun bei, o mein GOtt, den ich suche, den ich liebe, den ich mit Herz und Mund und allen meinen Kräften lobe und anbete. Es gibt für mein Gemüt, welches sich Dir ergeben und mit Deiner Liebe entzündet ist, welches nach Dir seufzt, nach Dir trachtet und Dich allein zu schauen begehrt, nichts Süßeres und Angenehmeres, denn allein von Dir zu reden, von Dir zu hören, von Dir zu schreiben, von Dir zu handeln, Deine Herrlichkeit ohn' Unterlass im Herzen zu betrachten und immer wieder zu betrachten, auf dass mitten in der Unruhe dieser Welt Dein liebliches Gedächtnis mir doch irgend ein erquicklicher Ruheplatz werde. Darum rufe ich Dich an, o Du mein Allerliebster, zu Dir schreie ich laut von Grund meines Herzens. Wenn ich Dich aber anrufe, so rufe ich Dich zuversichtlich an, der Du in mir selbst bist; denn ich wäre ganz und gar nicht, wenn Du nicht in mir wärst, und wenn ich nicht in Dir wäre, so wärst Du nicht in mir. Du bist in mir; denn Du bleibest in meinem Gedächtnis. Daraus hab ich Dich erkannt und darin finde ich Dich, sobald ich Deiner gedenke und mich in Dir ergötze; und das kommt von Dir, von welchem, in welchem und durch welchen alle Dinge sind, Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - I. Von GOttes wunderbarem Wesen.

Du, HErr, erfüllst Himmel und Erde; Du trägst Alles ohne Last; Du erfüllst Alles unbeschlossen; Du wirkst immer und bist doch immer ruhig; Du sammelst und bedarfst doch nichts; Du suchst, ob Dir gleich nichts fehlt; Du liebst ohne Leidenschaft; Du eiferst ohne Aufwallung; es reuet Dich ohne Schmerz; Du zürnst und bleibst ruhig; Du wandelst die Werke, aber nicht Deinen Vorsatz; Du nimmst auf, was Du findest und hattest es doch nie verloren; Du bist niemals bedürftig und freust Dich doch des Gewinns; Du bist niemals geizig und heischt Zins; Du zahlst reichlich aus, dem Du nichts schuldest, oder lässt Dir stets vorlegen, damit Du Dich zum Schuldner machst. Und doch, wer hat etwas, was nicht Dein ist? Du bezahlst Schulden, ob Du gleich Niemand etwas schuldest; Du erlässt Schulden und verlierst nichts. Du bist allenthalben und allenthalben ganz; wir können Dich empfinden, aber nicht sehen; nirgends bist Du nicht und Du bist doch ferne von den Gedanken der Sünder. Ja, Du fehlst auch Da nicht, wo Du fern bist; denn wo Du nicht bist mit Gnade, da bist Du mit Strafe. Du bist überall gegenwärtig und wir können Dich kaum finden; Du stehst still, wir folgen nach und können Dich nicht ergreifen. Du hältst Alles, Du erfüllst Alles, Du umspannst Alles, Du übersteigst Alles, Du trägst Alles. Du unterweist die Herzen der Gläubigen ohne Klang der Worte; Du erweiterst Dich nicht im Raum, noch änderst Du Dich in der Zeit; Du nimmst weder zu noch ab. Du wohnst in einem unzugänglichen Licht, welches kein Mensch gesehen hat, noch sehen kann. Du bleibst in Dir selbst stille und umwallst doch Alles; Du bist unzertrennlich und unteilbar; denn Du bist wahrhaftig der Eine; Du kannst nicht zerteilt werden, sondern fasst Alles in Allem; Du erfüllst Alles; Du erleuchtest und besitzt Alles, Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - II. Von GOttes Unbegreiflichkeit.

Wenn die ganze Welt mit Büchern erfüllt wäre, so wäre damit noch nicht Dein unaussprechliches Wissen ausgesprochen. Denn weil Du unaussprechlich bist, so kannst Du auf keine Weise beschrieben oder umfasst werden. Du bist die Quelle des göttlichen Lichts und das Licht der ewigen Klarheit. Du bist groß ohne Maß und deshalb unermesslich; Du bist gut ohne Vergleichung und deshalb wahrhaftig und im höchsten Maß gut, und Niemand ist gut, denn Du allein. Dein Wille ist Werk, Dein Wollen Vermögen; denn Du hast Alles, was Du aus Nichts geschaffen, allein durch Deinen Willen gemacht. Du besitzt alle Deine Geschöpfe ohn irgend welche Ungenügsamkeit, und regierst sie ohne Mühe und leitest sie ohne Überdruss, und nichts kann Dir die Ordnung Deines Reiches verwirren, es sei im Himmel, es sei auf Erden.

Wir haben Dich aller Orten ohne Ort, und Du umfasst Alles ohne sonderliches Mühen; Du bist allenthalben gegenwärtig ohne Ruhe und Bewegung. Du bist weder der Urheber der Sünde, weil Du nichts Böses tun kannst; noch hat Dich, der Du sonst Alles zu tun vermagst, je etwas gereut, was Du getan hast. Durch Deine Güte sind wir geschaffen; durch Deine Gerechtigkeit leiden wir; durch Deine Gnade werden wir erlöst. Deine Allmacht regiert, leitet und erfüllt Alles, was sie geschaffen hat. Wir behaupten aber nicht, dass Du deshalb alle Dinge erfüllst, als ob sie Dich umfassen oder zusammenhalten könnten, sondern sie werden vielmehr von Dir zusammengehalten; auch erfüllst Du nicht Alles etwa nur stückweise. Keineswegs, dürfen wir dafürhalten, als ob Dich irgend ein Ding nach seiner ihm zugeteilten Größe fassen könnte; das hieße: es gäbe neben dem Größten noch ein Größeres, außer dem Kleinsten noch ein kleineres. Vielmehr bist Du selbst Alles in Allem und Alles ist in Dir; Deine Allmacht beschließt Alles, und Niemand kann einen Ausweg finden, um Deiner Gewalt zu entrinnen. Denn wer Dich nicht zum Freunde hat, der wird Dir als einem Schrecklichen nicht entrinnen, Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - III. Von dem Verlangen der Seele nach GOtt.

Du allergnädigster GOtt, Dich rufe ich darum an, kehre ein in meine Seele, bereite sie Dir, dass sie Dich fassen möge mit dem begierlichen Verlangen, das Du ihr einflößt. Ich bitte Dich, tritt zu ihr ein und richte sie also Dir zu, damit Du sie besitzt, welche Du geschaffen und wieder geschaffen hast, damit ich Dich wie ein Siegel auf mein Herz drücken möge. Ich bitte Dich, wolle mich, der ich Dich aufs Herzlichste anrufe, nicht verlassen, sintemal ehe ich Dich anrief, Du mich schon gerufen und gesucht hast zu dem Ende, dass ich Dein Knecht Dich suchen, durch Suchen finden, und Dich den Gefundenen lieben sollte. Nun habe ich Dich gesucht und auch gefunden, o Herr, und begehre sehr, Dich zu lieben! Vermehre nun in mir mein begehrliches Verlangen und gib mir, was ich begehre; denn wenn Du gleich Alles, was Du gemacht hast, mir geben wolltest, so würde dies Deinem Knecht doch nicht genügen, wenn Du mir nicht Dich selbst gäbest. Gib mir also Dich selbst, o mein GOtt, gib Dich mir hin! Siehe, ich liebe Dich, und wenn es nur wenig ist, so will ich Dich stärker lieben. So bin ich nun von Deiner Liebe gefesselt, ich brenne vor Verlangen nach Dir, ich ergötze mich in Deinem süßen Gedächtnis.

Siehe, indem meine Seele nach Dir seufzt, und Deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit gedenkt, beschwert sie die Bürde meines Fleisches nicht so hart, es legt sich die Unruhe der Gedanken, es lähmt mich die Last der Sterblichkeit und des Elends nicht wie sonst. Alles schweigt. Alles wird still. Das Herz glüht, das Gemüt jauchzt, das Gedächtnis grünt, und der vom Verlangen nach Deinem Anschauen entzündete Geist erfährt es, wie er von der Liebe zu den unsichtbaren Dingen entzückt wird. O dass mein Geist könnte an sich nehmen Flügel, wie Adlersflügel, dass er flöge und nicht matt würde und gelangte bis zur Zierde Deines Hauses und zum Thron Deiner Herrlichkeit, dass er allda zu Tische mit allen Himmelsbürgern auf der grünen Aue bei dem Strom des lebendigen Wassers gespeist und erquickt würde. Sei Du unser Frohlocken, der Du unsere Hoffnung, unser Heil und unsere Erlösung bist. Sei Du unsere Freude, der Du unser zukünftiger Lohn bist. Lass meine Seele Dich immer suchen und verleihe, dass sie des Suchens nicht müde werde. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - IV. Von der Armseligkeit der GOtt nicht liebenden Seele.

Ach, wehe der armen Seele, welche Christum nicht sucht, noch liebt; sie bleibt dürre und elend. Der verliert seine Lebenszeit, welcher Dich, GOtt, nicht liebt. Wer zu leben sucht nicht um Deinetwillen, o HErr, der ist nichts und für nichts zu achten. Wer Dir zu leben sich weigert, der ist tot und wer in Dir nicht weise ist, der ist ein Narr. O Du Allerbarmherzigster, ich befehle mich Dir, ich ergebe mich Dir, ich stelle mich gänzlich Dir anheim, durch welchen ich bin, lebe und weise bin. Auf Dich traue ich, hoffe ich, setze ich all meine Hoffnung, durch welchen ich wieder auferstehe, lebe und ruhe. Dich ersehne ich, Dich liebe ich und bete Dich an, mit welchem ich bleiben, herrschen und selig sein werde.

Die Seele, welche Dich nicht sucht noch liebt, liebt die Welt, dient den Sünden und ist den Lastern unterworfen; sie ist niemals ruhig, niemals sicher. O Allgütigster, lass Dir meine Seele allezeit dienen, lass mich in dieser meiner Pilgerschaft allezeit nach Dir seufzen, lass mein Herz in Deiner Liebe glühen, lass meine Seele in Dir, mein GOtt, ruhen, lass sie Dich beschauen in geistlicher Verzückung, lass sie Dir Dein Lob singen in Jubilieren und lass dies meinen Trost sein in dieser meiner Verbannung. Lass meine Seele unter dem Schatten Deiner Flügel Zuflucht finden vor der Glut dieser weltlichen Gedanken, lass mein Herz in Dir Rast halten, das Herz, welches gleich dem großen Meere von Fluten schwellt. O GOtt, der Du reich bist an allen köstlichen Speisen himmlischer Sättigung, o Du allerreichster Gnadenspender, gib dem Müden Speise, sammle den Zerstreuten, befreie den Gefangenen und heile den Zerrissenen. Siehe, er steht vor der Tür und klopft an. Ich bitte Dich durch Deine herzliche Barmherzigkeit, nach der Du uns besucht hast, Du Aufgang aus der Höhe, lass dem armen Pocher doch auftun, dass er mit freien Tritten zu Dir eingehe und in Dir ruhe und von Dir erquickt werde mit dem Himmelsbrot. Denn Du bist das Brot und die Lebensquelle, Du Licht der ewigen Klarheit, Du bist Alles, davon Deine Liebhaber ihr rechtes Leben schöpfen. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - V. Von der Seele himmlischem Verlangen.

O GOtt, der Du das Licht bist der Herzen, die Dich schauen und das Leben der Seelen, die Dich lieben und die Kraft, der Gedanken, die Dich suchen, gib, dass ich Deiner heiligen Liebe anhange. Komme doch in mein Herz und mache es trunken mit der Fülle Deiner Wollust, dass ich dies Zeitliche vergesse. Ich schäme mich und scheue mich, solche Dinge mir gefallen zu lassen, wie sie diese Welt treibt. Traurig macht mich, was ich von den vergänglichen Dingen sehe, schwer fällt auf mich, was ich davon höre. Hilf mir, o HErr mein GOtt, und schenke meinem Herzen Freude, komme zu mir, dass ich Dich sehen möge. Aber so lange ist mir das Haus meiner Seele enge, als Du nicht in dasselbe kommst und es erweiterst; es ist baufällig, richte es auf. Es sind vielerlei Dinge darin, welche Deine Augen beleidigen, das bekenne und weiß ich; aber wer wird es reinigen und wem sonst kann ich es klagen denn Dir allein? Reinige mich, o HErr, von den verborgenen Fehlen und bewahre Deinen Knecht vor den Stolzen.

Du süßer Christe, Du gütigster JEsu, hilf, ich bitte Dich, hilf mir durch Deine Liebe und sehnliches Verlangen abwerfen die Last der fleischlichen Lüste und irdischen Begierden. Lass über das Fleisch die Seele, über die Seele, die Vernunft, über die Vernunft Deine Gnade herrschen und unterwirf mich innerlich und äußerlich Deinem Willen. Verleihe mir, dass Dich mein Herz und meine Zunge und alle meine Gebeine loben! Erweitre mein Gemüt, und erhöhe den Anblick meines Herzens, dass mein Geist sogar mit einem schnell fliegenden Gedanken Dich, die ewige Weisheit, die da über Alles bleibt, erreiche. Ich bitte Dich, löse mich von den Banden, mit welchen ich umstrickt bin, dass ich dies Alles verlasse und Dir nacheile, Dir allein anhange und auf Dich allein achte. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - VI. Von der Seligkeit der erlösten Seele.

Selig die Seele, welche, aus diesem irdischen Kerker erlöst, frei gen Himmel fährt, welche Dich, den holdseligsten HErrn von Angesicht zu Angesicht schaut, welche fürder von keiner Todesfurcht mehr befallen wird, sondern sich in der Unvergänglichkeit der ewigen Herrlichkeit erfreut. Stille und ruhig ist sie, fürchtet nunmehr weder Feind noch Tod. Denn sie hat nun Dich, den gnädigen HErrn, den sie lange suchte und immer liebte. Sie ist zugesellt den lobsingenden Chören und singt honigfließende Lieder bei ewigen Festen zum Lobe Deiner Herrlichkeit, o Christe, Du König, Du gütigster JEsu in Ewigkeit! Denn sie ist trunken von den reichen Gütern Deines Hauses und Du tränkest sie mit Wollust wie mit einem Strom. Welch eine selige Gemeinschaft der oberen Bürger und welch ein herrlich Freudenfest haben alle die, welche von Dir zurückkehren, aus viel Trübsal und großem Leid zu der allerlieblichsten Freude, zu der Schönheit Deiner Glanzesfülle und zu der Würde Deiner anmutigen Zierde, da Dich, o HErr, Deine Bürger ohn Aufhören anschauen. Dort kommt ja gar nichts zu den Ohren, damit das Herz irgendwie betrübt werden möge.

Welche Gesänge, welch Saitenspiel, welche Liedlein, welche Melodien hört man da ohn' Ende klingen! Allda tönen unaufhörlich die honigfließenden Instrumente von Lobgesängen, die allerlieblichsten Melodien der Engel, die wunderbaren hohen Lieder, welche von den Himmelsbürgern Dir zu Lob und Ehren gesungen werden. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn haben in Deinen Grenzen keinen Raum; denn daselbst ist kein Boshaftiger noch Bosheit, kein Widersacher und Gewalttätiger, noch irgend eine Verlockung zur Sünde; daselbst ist kein Mangel, keine Schande, kein Streit, keine Schmach, keine Ausrede, keine Furcht, keine Unruhe, keine Strafe, kein Zweifel, kein Zwang, keine Zwietracht, sondern daselbst ist der höchste Friede, die volle Liebe, das ewige Jauchzen und Loben Gottes, die endlose stolze Ruhe und die immerwährende Freude im Heiligen Geiste.

O wie glückselig werde ich sein, wenn ich die allerlieblichsten Gesänge Deiner Bürger hören werde, die honigfließenden Lieder, die erzählen das der höchsten Dreieinigkeit gebührende Lob. Ja, überselig werde ich sein, wenn ich selbst würdig erfunden werde, das hohe Lied dem HErrn JEsu Christo zu singen mit den süßen Klängen aus Zion. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - VII. Von der Freude des Paradieses.

Du belebendes Leben, Du ewiges und ewig seliges Leben, bei Dir ist Freude ohne Trauer, Ruhe ohne Arbeit, Würde ohne Schrecken, Reichtum ohne Verlust, Gesundheit ohne Krankheit, Überfluss ohne Mangel, Leben ohne Tod, ewiger Bestand ohne Verderben, Seligkeit ohne Unglück. Bei Dir ist alles Gute in vollkommener Liebe, bei Dir Gestalt und Anschauen von Angesicht zu Angesicht, bei Dir völlige Erkenntnis in Allem und durch Alles; bei Dir wird die höchste göttliche Güte gesehen und das erleuchtende Licht von den Heiligen gefeiert; bei Dir wird die gegenwärtige Majestät GOttes erblickt und mit dieser Lebensspeise ohne Aufhören das Gemüt der Beschauenden gesättigt. Sie schauen immer und begehren immer zu schauen, sie begehren ohne alle Beängstigung und werden gesättigt ohne Überdruss. Bei Dir ist die wahre Sonne der Gerechtigkeit, welche mit dem wunderbaren Anblick ihrer Schönheit Alle erquickt und die gesamte Bürgerschaft des himmlischen Vaterlandes also erleuchtet, dass sie selbst leuchtet. Das durch das göttliche Licht selbst erleuchtete Licht erleuchtet weit über allen Glanz unserer Sonne und die Klarheit aller Sterne die, welche an der unsterblichen Gottheit hangen, und sie sind durch dies Licht unsterblich und unverweslich geworden nach der Verheißung unseres HErrn und Seligmachers: Vater, Ich will, dass, wo Ich bin, auch die bei Mir seien, die Du Mir gegeben hast, dass sie Meine Herrlichkeit sehen, die Du Mir gegeben hast, auf dass sie alle eins seien, gleichwie Du, Vater, in Mir und Ich in Dir.

Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - VIII. Vom Himmelreich.

Du Reich der Himmel, Du höchstseliges Reich, Du Reich ohne Tod, und sonder Ende, dem keine Zeit mehr folgt in Ewigkeit: in Dir ist ewiger Tag ohne Nacht, ein Tag, der von keiner Zeit mehr weiß; in Dir wird der obsiegende Held mit unaussprechlichen Gnaden überschüttet, und

Sein edles Haupt wird zieren
Die Siegesehrenkron,
Wird herrlich triumphieren
Auf ewig schönem Thron!

O möchte die göttliche Güte mich den geringsten Knecht Christi nach Vergebung aller meiner schweren Sünden diese Fleischesbürde ablegen heißen, damit ich hinziehen könnte und rasten in den ewigen Freuden ihrer Stadt! O, dass ich wandelte in den heiligsten oberen Chören und stünde mit den seligsten Geistern in der Herrlichkeit meines Schöpfers und anschaute das gegenwärtige Antlitz GOttes, unberührt von aller Todesfurcht, hocherfreut ohne Kummer über die ewige unvergängliche Unsterblichkeit, und also ganz vereint mit dem Allwissenden, aller Unwissenheit und Blindheit ledig, auch alle irdischen Dinge gering achtete und dies Jammertal nicht ferner des Anschauens würdig schätzte oder daran gedächte! Denn hier ist ein mühevolles Leben, ein vergänglich Leben, ein Leben voll Bitterkeit, ein Leben, das ein Herrscher ist über das Böse und ein Dienstknecht der Hölle, ein Leben, das Feuchtigkeit aufbläht, Schmerzen austrocknen, Hitze ausdörrt, unreine Lust krank macht, Speise aufbläst, Fasten abmagert, Scherze leichtfertig machen, Traurigkeit verzehrt, Kummer presst, Sorglosigkeit abstumpft, Reichtum stolz, Armut niedrig macht, Jugend aufrichtet, Alter niederbeugt, Schwachheit zerbricht, Trauer erdrückt, der Teufel verfolgt, die Welt schmeichelnd ehrt, das Fleisch kitzelt, die Seele verblendet, den ganzen Menschen verwirrt, und auf alle diese und so zahlreiche Übel folgt der grimmige Tod und macht den eitlen Freuden ein solches Ende, dass, sobald sie aufgehört, wir dafür halten, sie seien nie gewesen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - IX. Von der traurigen Seele Trost aus GOtt.

Du unser GOtt, was vermögen wir aber für Lob und Dank dagegen zu vergelten Dir, der Du nicht aufhörst, uns auch unter diesen so großen Bekümmernissen unserer Sterblichkeit mit Deiner wunderbaren Gnadenheimsuchung zu trösten? Siehe mich Elenden, der aller Trübsal voll ist! Wenn ich das Ende meines Lebens befürchte, wenn ich meine Sünden erwäge, wenn ich vor Deinem Gericht bebe, wenn ich die Todesstunde bedenke, wenn ich vor der Höllenpein erschrecke, wenn ich nicht weiß, mit welchem Ernst und genauer Ergründung meine Taten von Dir erwogen werden, wenn mir unbewusst ist, mit welchem Ende ich sie beschließen werde, und wenn ich dies und vieles Andre bei mir im Herzen hin und her überlege: so bist Du, mein HErr und GOtt, bereit mit Deiner gewohnten Gnade mich zu trösten und hebst mitten unter diesen Klagen, übermäßigem Weinen und tiefen Herzensseufzern, mein trauriges und ängstliches Gemüt hinauf weit über alle Bergeshöhen in Deine Würzgärtlein und stellst mich auf die grüne Aue an die Bächlein der süßen Wasser; daselbst bereitest Du vor mir einen reichlich und köstlich besetzten Tisch, daran mein müder Geist rasten und mein traurig Herz sich erfreuen möge. Bin ich dann mit solch reichlichen Freuden wiedererquickt, so vergesse ich meines vielfachen Elends, so werde ich über die Erdenhöhen erhoben und ruhe in Dir, dem wahren Frieden. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - X. Von der Süßigkeit der göttlichen Liebe.

Ich liebe Dich, o mein GOtt, ich liebe Dich und will Dich je länger, je mehr lieben. Gib mir, o HErr, mein GOtt, Du Schönster unter den Menschenkindern, dass ich nach Dir herzlich verlange, dass ich Dich liebe, soviel ich will und soviel ich soll. Du bist unermesslich und sollst ohne alles Maß geliebt werden; vor Allem von uns, welche Du so sehr geliebt, so teuer erlöst, für welche Du so Vieles und so Großes getan hast.

Du stets brennende und unauslöschliche Liebe, Du süßer Christe, Du gütigster JEsu, Du werte Liebe, Du mein GOtt, entzünde mich mit all Deinem Feuer, Deiner Liebe, Deiner Süßigkeit, Deiner Inbrunst, Deiner Sehnsucht, Deiner hohen Liebe, Deiner Lust und Wonne, Deiner Güte und Freundlichkeit, Deiner Wollust und Begierde; denn solche Wollust und Begierde ist heilig und gut, keusch und rein! So werde ich ganz und gar mit Deiner süßen Liebe erfüllt, mit Deiner Liebesflamme ganz entzündet und liebe Dich meinen allersüßesten und allerschönsten HErrn von ganzem Herzen, von ganzer Seele und aus allen meinen Kräften und mit allem meinem Sinnen, mit tiefer Zerknirschung meines Herzens und mit reichem Strom von Tränen, mit tiefer Furcht und Zittern, und habe Dich im Herzen und in meinem Munde und vor meinen Augen immer und überall, also dass für fremde und falsche Liebe keine Stätte in mir erfunden wird. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XI. Von der rechten Bereitung zum heiligen Dienst, besonders auf das Sakrament des Altars.

Du schönster HErr JEsu Christe, ich bitte Dich um des allerheiligsten Vergießens Deines köstlichen Blutes willen, damit wir erlöst sind, schenke mir Zerknirschung des Herzens und eine reichliche Tränenquelle, besonders wenn ich vor Dir flehe und bete, wenn ich Dir die Psalmlieder zu Deinem Lob singe, wenn ich das Geheimnis unserer Erlösung, das offenkundige Anzeichen Deiner Barmherzigkeit überdenke und kund tue, wenn ich als ein Unwürdiger an Deinen Altären stehe und Dir verwalten will das wunderbare und himmlische Opfer, das aller Ehrerbietung und Anbetung würdig ist, das Opfer, welches Du, HErr, mein GOtt, Du unbefleckter Hoherpriester eingesetzt und zu tun befohlen hast zum Gedächtnis Deiner Liebe, nämlich Deines Todes und Leidens, uns zum Heil und zu täglicher Stärkung unserer Hinfälligkeit! Stärke mein Gemüt während solch großer Geheimnisse durch die Süßigkeit Deiner Gegenwart, lass mich Deine Gegenwart fühlen und mich vor Dir fröhlich sein. Du allezeit leuchtendes Feuer, Du allezeit glühende Liebe, o Du süßer Christe, o Du gütiger JEsu, Du ewiges und unvergängliches Licht, Du Brot des Lebens, das Du uns erquickst, ohne abzunehmen, das Du täglich genossen wirst, und doch immer ganz bleibst, leuchte mir, entzünde, mich, bestrahle und heilige Dein Gefäß, mache es frei von der Bosheit, erfülle es mit Gnade; damit ich zum Heil meiner Seele die Speise Deines Fleisches genießen und in Deinem Genuss von Dir leben, durch Dich leben, zu Dir gelangen und in Dir ruhen möge. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XII. Von der geistlichen Freude.

Du süße Liebe und Du liebe Süße, lass meinen Leib Dich genießen und meine Seele mit dem Wein Deiner Liebe getränkt werden; dann soll mein Herz eine feine Rede von sich geben. O Du Liebe, Du mein GOtt, Du süßer Honig, Du schneeweiße Milch, Du bist eine Speise der Starken! Lass mich in Dir erstarken, dass ich Dein mit gesundem Munde genießen könne. Du bist mein Leben, durch welches ich lebe, meine Hoffnung, der ich anhange, meine Ehre, die ich zu erlangen trachte, Halte Du mir mein Herz, regiere Du mein Gemüt, lenke Du den Sinn, richte Du meine Liebe an, erhebe meinen Geist und ziehe den Mund meines nach Dir dürstenden Geistes zu den droben fließenden Wassern. Stille doch die Unruhe des Fleisches. Lass verstummen die Phantasien über Erde, Wasser, Lust und Himmelslauf; lass vergehen die Träume und eingebildeten Offenbarungen, alle Zungen, alle Zeichen und was nur vergänglicher Art ist. Lass die Seele selbst in sich stille sein und an ihr selbst vorbeigehen, also dass sie nicht ihrer, sondern Deiner, o mein GOtt gedenkt; denn Du bist fürwahr meine völlige Hoffnung und Zuversicht. Denn in Dir, meinem GOtte und unserm süßesten, gütigsten und gnädigsten HErrn JEsu Christo hat ein Jeder unter uns sein Teil, sowohl Fleisch als Blut. Wo daher mein Teil herrscht, da hoffe ich auch zu herrschen; wo mein Blut regiert, da glaube ich auch zu regieren; wo mein Fleisch herrlich verklärt ist, da muss ich auch verherrlicht werden. Bin ich gleich ein Sünder, so setze ich doch durchaus keinen Zweifel in diese Gnadengemeinschaft. Weisen mich auch meine Sünden ab, meines JEsu Wesen erfordert sie; und schließen mich auch meine Missetaten aus, so verwirft mich doch die Gemeinschaft der beiden Naturen nicht. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XIII. Von der Menschwerdung GOttes, dem Grund unsrer Hoffnung.

Der HErr ist nicht so hart, dass Er nicht Sein Fleisch liebe, Seine Glieder und Sein Herz. Ich könnte verzagen wegen meiner allzuvielen Sünden und Laster, meiner Schulden und unendlichen Fahrlässigkeiten, die ich getan habe und noch täglich tue ohne Aufhören mit Herz, Mund und Hand und auf allerlei Weise, damit menschliche. Hinfälligkeit sündigen kann, wenn nicht Dein Wort, o mein GOtt, Fleisch geworden wäre und unter uns wohnte. Aber nun, HErr, darf ich nicht verzweifeln, weil Er, Dein Sohn Dir gehorsam ward bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz, weil Er die Handschrift unsrer Sünden ausgetilgt hat und an das Kreuz geheftet, damit aber die Sünde samt dem Tod gekreuzigt hat. In Ihm aber raste ich um so kummerfreier, als Er sitzt zu Deiner Rechten und vertritt uns. Auf Ihn stell' ich mein Vertrauen und begehre sehnlich zu Dir zu kommen, in welchem wir schon auferstanden sind und wieder lebendig geworden sind, in welchem wir schon gen Himmel gefahren sind und uns gesetzt haben ins himmlische Land. Dir sei Lob, Preis, Ehr und Dank, Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XIV. Von der süßen Betrachtung GOttes.

Du gnädigster HErr, der Du uns also geliebt und beseligt, also lebendig gemacht und erhöht hast, o Du gnädigster HErr, wie süß ist Dein Gedächtnis! Je mehr ich Dich betrachte, desto süßer und holdseliger wirst Du mir. Deshalb ergötzen mich so sehr Deine Güter, wenn ich sie mit reinem Herzen und mit ganz süßer gottseliger Liebe anschaue im Land meiner Wallfahrt nach meinem Vermögen. So lange ich indessen in diesen meinen schwachen Gliedern bin, will ich Deine wunderbare Liebe und Schönheit unaufhörlich herzlich suchen und erwägen. Denn ich bin mit dem Pfeil Deiner Liebe verwundet, ich brenne von heftigem Verlangen zu Dir, ich wünsche zu Dir zu gelangen, ich begehre Dich zu schauen. Darum will ich auf meinem Wachtposten stehen und mit wachsamen Augen im Geiste singen, ich will Dir lobsingen aus dem Herzen und all meinen Kräften, ich will Dich, meinen Schöpfer und Erlöser zugleich loben, ich will mit meinem Herzen zum Himmel dringen, und mit sehnlichem Verlangen bei Dir sein. Also werde ich wohl in diesem gegenwärtigen Elend von dem Leib allein gefesselt, aber mit all meinen Gedanken, meiner Begierde und Sehnsucht bin ich stets bei Dir; denn da soll mein Herz sein, wo Du mein ersehnter, unvergleichlicher und vielgeliebter Schatz bist.

Aber siehe, mein allergnädigster und allbarmherziger GOtt, wenn ich die Herrlichkeit Deiner unermesslichen Güte und Gnade betrachten will, so ist mein Herz viel zu gering dazu; denn Deine Zierde, Deine Schöne, Deine Stärke, Deine Herrlichkeit, Deine Pracht, Deine Majestät und Deine Liebe übersteigt alles menschliche Sinnen. Gleichwie der Glanz Deiner Herrlichkeit nicht zu schätzen ist, also ist auch die Mildigkeit Deiner ewigen Liebe unaussprechlich, danach Du die, welche Du aus Nichts geschaffen hast, zu Deinen Kindern annimmst und mit Dir vereinigst, Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XV. Von dem Wunsch, um Christi willen alles zu leiden.

O meine Seele, wenn wir täglich große Martern leiden, wenn wir selbst die Hölle geraume Zeit aushalten müssten, um Christum in Seiner Herrlichkeit schauen zu können und Genossen Seiner Heiligen zu werden: sollten wir nicht billig Alles leiden, was uns hart ankommt, um eines solchen Gutes und einer solchen Herrlichkeit teilhaftig zu werden? Wohlan, so mögen uns die bösen Geister nachstellen, so mögen sie ihre Versuchungen anrichten, so mag der Leib durch Fasten hinfallen, so mögen Kleider den Leib beschweren, so mag die Arbeit schwer auf dem Nacken liegen, die Wachen ausdörren, es mag der Eine wider mich schreien, der und jener mich beunruhigen, die Kälte mich krümmen, das Gewissen mich verklagen, die Hitze brennen, der Kopf schmerzen, die Brust sich entzünden, der Magen aufschwellen, das Angesicht bleich, der ganze Leib hinfällig werden, mein Leben unter Schmerzen abnehmen und meine Jahre unter Seufzen, meine Gebeine mögen faulen und unter mir verwesen wenn ich nur Ruhe habe am Tag der Trübsal und aufsteigen kann zu unserm gerüsteten Volke!

Denn was wird das für eine Herrlichkeit der Gerechten sein und welche große Freude der Heiligen, wann ein jedes Antlitz leuchten wird, wie die Sonne; wann in geordneter Reihenfolge der HErr Sein Volk im Reich Seines Vaters zu zählen anheben und einem jeden nach Verdienst und Werken den verheißenen Gnadenlohn zustellen wird, für das Irdische das Himmlische, für das Zeitliche das Ewige, für das Geringe das Große? Fürwahr, das wird eine Freudenfülle sein, wenn der HErr Seine Heiligen zum Anschauen der väterlichen Herrlichkeit herzuführen und in die himmlischen Güter einsetzen wird, dass Er sei Alles in Allem. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XVI. Von dem Erlangen des Himmels.

Du selige Freude und Du freudige Seligkeit, die Heiligen zu schauen, bei den Heiligen zu weilen und heilig zu sein, GOtt zu schauen und GOtt zu haben in alle Ewigkeit! Das wollen wir fleißig im Geist erwägen, das wollen wir mit allem herzlichen Verlangen suchen, dass wir zu Ihnen bald kommen mögen. Fragst Du, wie das geschehen könne, mit welchen Verdiensten und mit welcher Hilfe, so höre! Dieses steht in der Gewalt des Wirkenden; denn das Himmelreich leidet Gewalt. Das Himmelreich, o Mensch, sucht keinen andern Preis als Dich selbst! Denn es gilt ebenso viel, als Du bist: gib Dich ihm hin und Du wirst es haben. Was bekümmerst Du Dich um den Preis? Christus hat sich selbst für Dich gegeben, auf dass Er Dich erwürbe zum Reich GOtt dem Vater! Darum gib Du Dich nur selbst dar, so wirst Du Sein Reich sein, und die Sünde kann nicht herrschen, in Deinem sterblichen Leibe, sondern der Geist zur Erlangung des Lebens! Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XVII. Von dem Himmel.

O meine Seele, kehre wieder zu der himmlischen Stadt, darin wir als Bürger eingeschrieben und angenommen sind. Denn als Bürger mit den Heiligen und GOttes Hausgenossen, als Erben GOttes und Miterben Christi sollen wir die hochberühmte Seligkeit unsrer Stadt betrachten, so weit eine Betrachtung möglich ist. Lasst uns also mit dem Propheten sagen: Herrliche Dinge werden in Dir gepredigt, Du Stadt GOttes. Darum haben alle, die in Dir wohnen, eitel Freude. Denn Dein Grund ist gelegt unter dem Jauchzen der ganzen Welt. In Dir gibt es kein Alter, noch Elend des Alters. In Dir gibt es keinen Bresthaften, noch Lahmen, noch Höckrichten, noch Ungestalteten; denn sie alle stellen sich als ein vollkommener Mann dar, der da ist in der Maße des vollkommenen Alters Christi.

Gibt es etwas Seligeres als dieses Leben? Da ist keine Furcht der Armut, da ist keine Schwäche der Krankheit; da wird Niemand verletzt, Niemand erzürnt, Niemand beneidet; da brennt keine unreine Begierde, da ist kein Verlangen nach Speise, da pocht kein Ehrgeiz noch Machtverlangen; da ist keine Furcht vor dem Teufel, da sind keine Nachstellungen der bösen Geister, ferne ist der Schrecken des höllischen Feuers, ferne der Tod Leibes und der Seelen, wohl aber ein freudenreiches Leben mit dem Gnadengeschenk der Unsterblichkeit; da werden keine Leiden sein noch Streitigkeiten; wohl aber Alles einmütig, Alles übereinstimmend; da wird aller Heiligen vollkommenste Eintracht sein; Friede und Freude umfangen Alles; Alles ist ruhig und stille. Da ist ein steter Glanz, nicht wie der Sonne Glanz, sondern um so viel heller, als er seliger ist; denn diese Stadt darf, wie wir lesen, keiner Sonne, noch des Mondes, dass sie ihr scheinen, denn die Herrlichkeit GOttes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm. Darin werden die Heiligen scheinen wie die Sterne immer und ewiglich und die, so viele zur Gerechtigkeit führen, werden leuchten wie des Himmels Glanz. Darum ist daselbst keine Nacht, keine Finsternis, kein Wolkendrang, keine Plage von Kälte oder Hitze, sondern eine solch geordnete Verbindung aller Dinge, welche kein Auge gesehen, und kein Ohr gehört hat, noch in eines Menschen Herz gekommen ist, denn nur in derer Herz, welche ihres Genusses würdig befunden wurden und deren Namen geschrieben sind im Buch des Lebens. Aber alle diese Dinge werden noch weit überboten dadurch, dass wir zugesellt sind den Chören der Engel, Erzengel und aller himmlischen Heerscharen; dass wir anschauen die Patriarchen und Propheten, sehen die Aposteln und alle Heiligen, und dazu unsre Eltern. Dies sind herrliche Dinge; aber weit herrlicher ists, zu schauen das gegenwärtige Angesicht GOttes, zu sehen das unumschränkte Licht. Das wird eine Alles übertreffende Herrlichkeit sein, wenn wir sehen werden GOtt in Ihm selbst, wenn wir Ihn sehen und in uns haben werden, und dieses Sehens kein Ende sein wird. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XVIII. Von der Wiedervergeltung gegen GOtt allein durch die Liebe.

Die Seele, ausgezeichnet durch GOttes Bild, herrlich in Seinem Gleichnis findet durch GOtt in sich selbst das, wodurch sie fort und fort ermahnt wird, entweder bei Ihm festzustehen oder zu Ihm zurückzukehren, wenn sie etwa durch ihre Begierden oder vielmehr Gebrechen weichen wollte oder gewichen wäre. Und sie findet nicht nur das, wodurch sie sich wieder erholen kann in Hoffnung der Vergebung und Barmherzigkeit, sondern auch das, wodurch sie hoffen darf, zur Hochzeit des Wortes und zur innigsten Verbindung mit GOtt einzugehen und mit dem Könige der Engel das süße Liebesjoch zu ziehen.

Solches Alles tut die Liebe, nachdem die Seele ihrem GOtt gleichförmig ist nach dem Willen, wie sie ihm gleich ist nach der Natur, und gesinnt ist, wie Er gesinnt ist. Denn die Liebe allein ist unter allen Seelenbewegungen, Seelenempfindungen und Seelenbegierden die, durch welche das Geschöpf, wenn auch nicht durchaus, doch teilweise dem Schöpfer Gleiches tun oder geziemende Wiedervergeltung erweisen kann. Wo die Liebe hinkommt, da zieht sie alle andern Seelenbegierden an sich und nimmt sie gefangen. Die Liebe ist an und für sich genug, sie gefällt an und für sich und um ihrer selbst willen. Sie ist das Verdienst, sie ist der Lohn, sie ist der Grund, sie ist die Frucht, sie ist der Nutzen. Denn durch die Liebe werden wir mit GOtt verbunden. Die Liebe macht aus zweien Einen Geist; die Liebe macht einhelliges Wollen und einhelliges Nichtwollen.

Die Liebe bewirkt zuerst sittliche Zucht, sodann eine solche Betrachtung aller vorhandenen Dinge, als wären sie nicht vorhanden, zum Dritten die Erwägung der himmlischen und innerlichen Dinge mit reiner Schärfe des Herzens. Durch die Liebe werden zuerst die ehrlichen zeitlichen Dinge recht ausgeführt, sodann die ehrlichen zeitlichen Dinge für gering geachtet; zuletzt werden auch die innerlichsten göttlichen Dinge durch sie erwogen. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XIX. Von der Forderung göttlicher Liebe an uns.

GOtt der Vater ist die Liebe, GOtt der Sohn ist die Liebe, der Heilige Geist ist die Liebe des Vaters und des Sohnes. Diese Liebe fordert etwas in uns, was dieser Liebe gleich ist, nämlich Gegenliebe, dadurch wir als durch eine Sippe und Verwandtschaft mit GOtt vereinigt und verbunden werden. Die Liebe kennt keine hohe Würde, noch Ehrerbietung. Der Liebende tritt selbst vertrauensvoll zu seinem GOtt herzu und redet mit Ihm ganz zutraulich; er fürchtet nichts, er zögert auch nicht. Wer nicht liebt, verliert seine Lebenszeit; des Liebenden Augen aber sind stets zu GOtt gerichtet, den er liebt, den er sehnlich begehrt, den er betrachtet, daran er sich ergötzt, daran er sich weidet und darin er stark wird.

Eine solche GOtt andächtig ergebene Seele singt, liest und ist in allen Stücken so vorsichtig und achtsam, als ob GOtt selbst vor ihren Augen stünde, wie es denn wirklich ist. Sie betet so, als wäre sie aufgenommen und dargestellt vor dem Angesicht der Majestät auf dem hohen und erhabenen Thron, wo Tausend mal Tausend Ihm dienen und zehnmal hundert Tausend Ihm aufwarten. Welche Seele von dieser Liebe heimgesucht wird, die wird aufgeweckt, wenn sie schläft, die wird vermahnt, erweicht und ihr Herz verwundet, was darin finster ist, erleuchtet, was verschlossen ist, geöffnet, was kalt ist, erwärmt, der raue, unversöhnliche und ungeduldige Sinn gemindert, die Laster verscheucht, die fleischlichen Begierden gedämpft und die Sitten gebessert, der Geist wiederhergestellt und erneuert, die schlüpfrigen jugendlichen Anfechtungen und alle leichtfertigen Handlungen im Zaum gehalten.

Dies Alles tut die Liebe, wo sie vorhanden ist; wo sie aber gewichen ist, da hebt die Seele an krank darniederzuliegen, wie wenn einem wallenden Kessel das Feuer entzogen wird. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XX. Von der Zuversicht der GOtt liebenden Seele.

Es ist ein großes Geheimnis um die Liebe, kraft welcher die Seele durch sich vertraulich zu GOtt naht, GOtte beständig anhängt, GOtt freundlich befragt und bei GOtt für alle Dinge Rat sucht. Die GOtt liebende Seele kann nichts Anderes denken noch reden; alles Andre verachtet sie, ist ihr zum Ekel. Was sie denkt und redet, das schmeckt nach himmlischer Liebe, das riecht nach himmlischer Liebe; so ganz ist sie von der Liebe GOttes eingenommen und besessen. Wer GOtt kennen lernen will, muss lieben. Der geht vergeblich ans Lesen, ans Betrachten, ans Predigen, ans Beten, wer nicht liebt. GOttes Liebe erzeugt der Seelen Liebe und GOttes Liebe richtet der Seelen Liebe ganz zu Seiner Liebe. Er liebt, um geliebt zu werden; und indem Er liebt, will Er nur wieder geliebt werden, weil Er die Seligkeit derer kennet, die Ihn lieben.

Eine liebende Seele entsagt allen ihren bösen Neigungen und legt sich einzig aufs Lieben, um Liebe mit Liebe zu vergelten. Und wenn sie sich schon ganz in die himmlische Liebe ergossen hat, was ist dies gegen jenen ewig fließenden Liebesborn? Im Überflusse halten beide keinerlei Vergleichung aus, nämlich die Liebe und der Liebende, die Seele und GOtt, der Schöpfer und das Geschöpf. Wenn aber dieses Ihn gänzlich liebt, so fehlt nichts; weil er das Ganze ist, da auch der Teil sein muss. Eine liebende Seele soll sich nicht fürchten, die aber nicht liebt, mag sich nur fürchten!

Eine liebende Seele gelobt gerne, trägt herzliches Verlangen in sich, lässt es gar nicht merken, dass sie bei GOtt in Gnaden stehe, sie schließt der Hoheit die Augen zu und öffnet sie himmlischer Wollust; sie richtet sich in ihrem Heil auf und handelt getrost darauf hin. Durch die Liebe weicht die Seele von und aus den himmlischen Gefühlen, also dass sie sich selbst nicht fühlt, weil sie GOtt fühlt. Dies geschieht wenn das Gemüt von der unaussprechlichen Süßigkeit GOttes gelockt und gewissermaßen sich selbst entwendet wird; ja es wird von sich selbst weg also dahin gerissen und gezogen, dass es GOtt zu seiner Freude und Lust genieße. Nichts wäre so angenehm, wenn es nicht so kurze Zeit nur währte. Die Liebe gibt die Vertraulichkeit mit GOtt, die Vertraulichkeit die Kühnheit, die Kühnheit den Geschmack, der Geschmack den Hunger. Die von der Liebe GOttes berührte Seele kann nichts anders mehr denken noch sehnlich wünschen; vielmehr erseufzt sie häufig und spricht: Wie ein Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele GOtt zu Dir! Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXI. Von GOttes Gnadentaten um des Menschen willen.

GOtt kam aus Liebe zu den Menschen, Er kam in die Menschen, Er ward Mensch. Aus Liebe ward der unsichtbare GOtt Seinen Knechten gleich; aus Liebe ward er verwundet um unserer Sünden willen. Eine sichere und feste Ruhe ist geworden den Schwachen und Sündern in den Wunden ihres Seligmachers. Darin wohne ich sicher, offen steht mir Sein innerstes Herz durch Seine Wunden. Was durch mich in mir mangelt, das ziehe ich aus dem innersten Herzen meines HErrn an mich, weil reichliche Barmherzigkeit vorhanden ist, auch die Röhren nicht fehlen, durch welche sie mir zufließt. Durch die offenen Wunden Seines Leibes stehen mir offen die Geheimnisse Seines Herzens. Kündlich groß ist das gottselige Geheimnis; offenbar ist die herzliche Barmherzigkeit unseres GOttes, durch welche uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe.

Die Wunden JEsu Christi sind eitel Barmherzigkeit, eitel Gottseligkeit, eitel Süßigkeit und Liebe. Sie haben Seine Hände und Füße durchgraben und Seine Seite mit einem Speer durchstochen. Durch diese Ritze darf ich schmecken, wie lieblich der Herr mein GOtt ist; denn fürwahr, Er ist lieblich und freundlich und reich an Barmherzigkeit über Alle, die ihn ernstlich anrufen, über Alle, die Ihn suchen und Ihn über Alles lieben. Eine völlige Erlösung ist uns gegeben in den Wunden JEsu Christi, unseres Heilands, ja eine große Menge von Süßigkeit, eine Fülle von Gnade und die Vollkommenheit aller Tugenden! Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXII. Vom Gedächtnis der Wunden und des Todes Christi.

Wenn mich irgend ein sündlicher Gedanke plagt, so fliehe ich zu den Wunden Christi. Wenn mich mein Fleisch niederbeugt, so richte ich mich wieder auf durch das Gedächtnis der Wunden meines HErrn. Wenn der Teufel mir listig nachstellt, so fliehe ich zu der herzlichen Barmherzigkeit meines Herrn und der Teufel weicht. Wenn die unkeusche Lust meine Glieder durchtobt, so wird sie durch das Gedächtnis der Wunden meines HErrn, des Sohnes GOttes ausgelöscht. In allem Kreuz habe ich keine Arznei so kräftig gesunden als die Wunden Christi; darin schlafe ich sicher und ruhe ganz im Frieden.

Christus ist für uns gestorben. Nichts ist so todesbitter, das durch den Tod Christi nicht geheilt werde. Meine ganze Hoffnung ruht in dem Tod meines HErrn. Sein Tod ist mein Verdienst, meine Zuflucht, mein Heil, mein Leben und meine Auferstehung; mein Verdienst ist des HErrn Erbarmung. So lange bin ich keines andern Verdienstes bedürftig, als Er nicht aufhört, ein HErr der Erbarmung zu sein. Und wenn des HErrn Erbarmung groß ist, so ist auch mein Verdienst groß. Je mächtiger Er ist im Beseligen, je sicherer bin ich. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXIII. Christi Leiden ist unser Hoffen.

Ich habe schwer gesündigt und bin mir vieler Missetat bewusst. Dennoch verzweifle ich nicht, denn wo die Sünde ist mächtig worden, da ist die Gnade noch viel mächtiger worden. Wer an der Vergebung seiner Sünden verzweifelt, der leugnet, dass GOtt barmherzig sei. Der tut GOtte ein groß Unrecht, der in Seine Barmherzigkeit Misstrauen setzt. An seinem Teile leugnet er GOttes Vollkommenheiten, Seine Liebe, Seine Wahrheit, Seine Macht, darauf all mein Hoffen beruht; denn in der Liebe ruht die Kindschaft, in der Wahrheit die Verheißung und in der Macht die Versöhnung. Nun mag mein törichter Kopf immerhin nach Belieben murren und sagen: Ei, wer bist du denn, und wie groß ist jene Herrlichkeit!? Mit welchen Verdiensten hoffst du sie denn zu erlangen?! Da will ich getrost antworten: Ich weiß, an wen ich glaube! Denn in überschwänglicher Liebe hat Er mich zu seinem Kind angenommen; treu und wahrhaftig ist Er in Seiner Verheißung; groß von Rat und mächtig von Tat ist Er.

So kann mich denn die Menge meiner Sünden nicht erschrecken, wenn ich an den Tod des HErrn wieder gedenke; denn meine Sünden können den Schrecken nicht überwinden. Die Nägel und der Speer rufen mir zu, dass ich Christo wahrhaft versöhnt sei, wenn ich nur lieben werde. Longinus, der Kriegsknecht, hat mir die Seite Christi geöffnet mit dem Speer. Da bin ich eingegangen und habe da meine sichere Ruhe gefunden. Wer fürchtet, der fange an zu lieben; denn die Liebe treibt die Furcht aus. Keine Arznei ist so kräftig und wirksam gegen die unkeuschen Begierden als der Tod meines Erlösers. Er breitet seine Arme aus am Kreuz und hält seine Hände ausgespannt, bereit die Sünder herzlich zu umfahen. Zwischen den Armen meines Seligmachers will ich leben, und darin wünsche ich zu sterben. Da will ich getrost singen: „Ich preise Dich, HErr, denn Du hast mich erhöht, und lässt meine Feinde sich nicht über mich freuen!“ Unser HEiland hat sein Haupt im Tod geneigt, dass Er Seinen Geliebten den Kuss darreiche. So oft aber küssen wir GOtt, als unser Herz von Seiner Liebe durchstochen wird! Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXIV. Sporn der Seele zur Liebe Christi.

Du meine Seele, die du ausgezeichnet bist durch das Bild GOttes, erlöst durch das Blut Christi, Ihm verlobt durch den Glauben, beschenkt mit dem heiligen Geist, geschmückt mit Seinen Tugenden, zugesellt den Engeln, o liebe den, von welchem du so sehr geliebt bist; strebe nach dem, der nach dir strebt; suche den, der dich sucht; liebe deinen Liebhaber, von dem du geliebt wirst, der dir mit Seiner Liebe zuvorgekommen, der der Grund deiner Liebe, selbst dein Verdienst, selbst dein Lohn, selbst dein Genuss, selbst dein Nutzen, selbst dein Ziel ist. Mit dem Besorgten sei auch du besorgt, mit dem Sorgenfreien sorgenfrei, mit dem Reinen rein und mit dem Heiligen heilig. Wie du vor Gott erscheinst, so erscheint Er auch wiederum dir. Der freundliche und milde und erbarmungsreiche GOtt will auch wieder freundliche, milde, liebreiche, demütige und barmherzige Herzen haben. O liebe den, der dich aus der Tiefe des Elends und aus dem Kot der Träber herausgezogen hat!

Erwähle Ihn zu Deinem Freund vor allen Deinen Freunden. Wenn Alles dir unter den Füßen gewichen sein wird, wird Er dir Glauben halten. Wenn mit dem Tage deines Begräbnisses alle deine Freunde von dir scheiden werden, wird Er dich nicht verlassen. Vielmehr wird Er dich beschützen vor dem Brüllen derer, die auf dein Fleisch lauern und dich leiten durch das unbekannte Land und hinführen zu den Straßen des himmlischen Zions und dich dort mit den Engeln stellen vor das Angesicht Seiner Majestät, wo du hören wirft jene Engelsmelodie: Heilig, heilig, heilig! Dort ist der rechte Freudensang, die Stimme des Frohlockens und des Heils, da ist Danksagung und die Stimme des Lobs und das Halleluja klingen in Ewigkeit. Da ist die überschwängliche Seligkeit, die Alles überragende Herrlichkeit, die Fülle der Freude und alle Güter.

O meine Seele, erseufze inbrünstiglich, verlange sehnlich danach, zu kommen in die himmlische Stadt, von welcher so herrliche Dinge gepredigt werden, in der sich alle erfreuen, so darin wohnen. Durch die Liebe vermagst Du hinaufzusteigen; einem Liebenden ist nichts zu schwer, nichts unmöglich. Eine liebende Seele steigt fleißig hinauf und lauft zutraulich durch die Gassen des himmlischen Jerusalems, besucht die Patriarchen und Propheten, grüßt die Apostel, verwundert sich über die Heerscharen der Märtyrer und Bekenner und beschaut die Chöre der Jungfrauen. Himmel und Erde und Alles was darinnen ist, sagen zu mir ohn' Unterlass, dass ich den HErrn meinen GOtt lieben soll. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXV. Von der Befriedigung der Seele allein in dem höchsten Gute.

Haftet das Menschenherz nicht mit sehnlichem Verlangen an der Ewigkeit, so bekommt es nie festen Bestand, ist vielmehr wankender als irgend ein andres Ding, Lauft nur von einem Ding zum andern, sucht Ruhe, wo keine Ruhe ist. In diesen hinfälligen und vergänglichen Dingen, darin seine Begierden gefesselt sind, kann es die wahre Ruhe nicht finden; denn es steht keiner in solch hoher Würde, dass irgend ein Gut ihm volle Genüge zu geben vermöge, es habe denn das höchste Gut. Es besitzt so viel Freiheit, dass es zu keinem Laster gezwungen werden kann. Darum ist der eigne Wille eines jeden Menschen die Ursache entweder seiner Verdammnis oder seiner Seligkeit und deshalb wird von GOtt nichts reichlicher angeboten als der gute Wille. Dieser gute Wille bringt GOtt den HErrn selbst zu uns und weist uns auf Ihn hin. Durch den guten Willen lieben wir Gott, erwählen wir Gott, laufen wir zu Gott, gelangen wir zu Ihm und besitzen Ihn.

O du guter Wille, durch welchen wir zum Ebenbild GOttes wiedergebracht und Ihm sogar gleich werden. So liebenswürdig erscheint der gute Wille vor GOtt, dass Er in keinem Herzen wohnen will, in welchem der gute Wille nicht gesunden wird. Der gute Wille zieht zu sich herein die Dreieinigkeit der allerhöchstens Majestät; denn die Weisheit erleuchtet ihn zur Erkenntnis der Wahrheit; die Liebe entflammt ihn zum Verlangen nach der Güte; die väterliche Natur bewahrt an ihm, was sie erschaffen hat, dass es nicht zu Grunde gehe. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXVI. Von der Erkenntnis der Wahrheit.

Was ist die Erkenntnis der Wahrheit? Zuerst erkenne dich selbst, damit du allen Fleiß anwendest, das zu sein, was du sein sollst, und das verbesserst, was notwendig zu verbessern ist. Sodann sollst du auch deinen Schöpfer erkennen und lieben, denn das gehört allen Menschen als Gesamtgut. Siehe also, wie unaussprechlich die Liebe der göttlichen Huld gegen uns sei. Aus Nichts hat Er uns erschaffen und was wir haben, geschenkt. Aber weil wir die Gabe mehr liebten, als den Geber, das Geschöpf mehr als den Schöpfer, fielen wir in des Teufels Strick und sind seine Knechte geworden. GOtt aber, durch Barmherzigkeit bewogen, sandte seinen Sohn, um die Knechte zu erlösen; Er sandte auch den Heiligen Geist, um die Knechte zu Kindern anzunehmen. Den Sohn gab Er zum Lösegeld, den Heiligen Geist zum Pfand der Liebe; sich endlich behielt er das ganze Kindeserbe vor.

Also hat Er als der grundgütige und allbarmherzige GOtt aus herzlichem Verlangen und Liebe zu uns Menschenkindern nicht nur das Seine, sondern auch sich selbst dahingegeben, auf dass Er sie wiederbringe, nicht weniger zu sich als zu ihnen selbst. Und damit die Menschen aus sich geboren würden, ward GOtt zuerst aus ihnen selbst geboren. Wer ist so hart, dass ihn nicht diese dem Menschen also zuvorkommende Gnade GOttes erweichen sollte, eine solch heftige Liebe, dass Er um des Menschen willen Mensch hat werden wollen! Wer kann einen Menschen hassen, dessen Natur und Ebenbild Er sieht in der Menschheit GOttes? Fürwahr, wer ihn hasst, der hasst GOtt und verderbt somit Alles, was Er tut.

Denn Gott ist um des Menschen willen Mensch geworden, damit der, welcher der Schöpfer ist, auch der Erlöser wäre und der Mensch also gleichsam von Seinesgleichen erlöst würde; und damit GOtt von den Menschen desto inniger geliebt werden möge, erschien Gott in der Gestalt eines Menschen, auch dazu, damit beide, der äußerliche und innerliche Sinn in Ihm beseligt würden, indem das Auge des Herzens in Seiner Gottheit und das Auge des Leibes in Seiner Menschheit Erquickung fände und die menschliche von Ihm selbst erschaffene Natur für ihren Eingang und Ausgang in Ihm ihre Weide hätte. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXVII. Von der Wirkung der Sendung des Heiligen Geistes in uns.

Ja, unser Heiland ist uns geboren, gekreuzigt und für uns gestorben, damit Er durch Seinen Tod unsern Tod zerstöre. Und weil Er die Weintraube Seines Fleisches zur Kelter des Kreuzes getragen und auf das Pressen der Wein Seiner Gottheit zu fließen begonnen hatte, so ward der Heilige Geist gesandt, auf dass die Gefäße der Herzen zubereitet und der neue Wein in neue Schläuche gefasst würde. Erst mussten die Herzen gereinigt werden, damit nicht der eingegossene Wein wieder unrein würde; sodann mussten sie fest zugemacht werden, damit er nicht verschüttet würde. Gereinigt mussten sie werden von der Freude an der Ungerechtigkeit, zugemacht. mussten sie werden gegen die Freude an weltlicher Üppigkeit. Denn ehe das Böse gewichen war, konnte das Gute nicht kommen. Die Freude an der Ungerechtigkeit verunreinigt und die Freude an der eitlen Weltüppigkeit verschüttet den Wein. Die Freude an der Ungerechtigkeit macht das Gefäß unsauber, die Freude an der eitlen Weltlust macht es rinnend.

Die Freude an der Ungerechtigkeit ist das, wenn wir die Sünde lieben, und Freude an der Weltüppigkeit, wenn wir die vergänglichen Dinge lieben. Fege deshalb aus, was böse ist, damit du das Gute aufnehmen könnest. Schütte die Bitterkeit aus, damit du mit Süßigkeit erfüllet werdest. Der Heilige Geist ist Freude und Liebe. Treibe den Geist des Teufels von dir aus, dazu den Geist dieser Welt, damit du den Geist GOttes empfängst. Der Geist des Teufels wirkt die Freude an der Ungerechtigkeit und der Geist der Welt die Freude an der Weltüppigkeit. Und diese Freuden sind böse Freuden; denn die eine ist Sünde an sich, die andere gibt Gelegenheit zur Sünde. Der Geist Gottes wird aber kommen, wenn die bösen Geister werden ausgetrieben sein, und er zieht dann ein zum Heiligtum des Herzens und wirkt heilige Freude und heilige Liebe, wodurch die Liebe dieser Welt und die Liebe zur Sünde hinausgejagt werden. Die Weltliebe lockt und täuscht, die Liebe zur Sünde befleckt und wirket den Tod. Die Liebe GOttes erleuchtet das Gemüt, reinigt das Gewissen, macht die Seele fröhlich und zeigt uns GOtt, Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXVIII. Von der Wirkung der göttlichen Liebe.

Ein mit GOttes Liebe erfülltes Herz denkt allewege: Wann werde ich einmal zu GOtt kommen? Wann werde ich die Welt verlassen? wann werde ich einmal von meiner sterblichen Hütte erlöst werden, dass ich den wahren Frieden finden möge? Dies Herz und sein Verlangen ist immer auf die himmlischen Dinge gerichtet. Ein solcher Mensch mag sitzen oder gehen oder ruhen oder sonst etwas tun, so ist doch sein Herz nimmer von GOtt abgewandt. Er vermahnt alle. Menschen zu der Liebe GOttes, er empfiehlt allen Menschen diese Liebe und erweist allen Menschen mit Herz, Hand und Mund, wie süß die Liebe GOttes sei, wie die Liebe dieser Welt aber bitter und schädlich sei.

Er verachtet alle weltliche Pracht und schilt die zeitliche Bauchsorge und beweiset, wie närrisch es sei, wenn man das Vertrauen auf vergängliche Dinge sehe. Er verwundert sich über der Menschen Blindheit, die solche Dinge lieben, verwundert sich auch darob, dass nicht alle Menschen diese vergänglichen und unbeständigen Güter verlassen wollen. Er meint, es sollte Jedermann süß achten, was ihm schmeckt, Jedermann gefallen, was ihm lieb ist, allen Menschen bewusst und kund sein, was er erkennet. Er sieht stets den HErrn seinen Gott an mit Augen des Glaubens und von solch geistlicher Betrachtung wird er lieblich erquickt, je länger, je lieblicher. Denn wie ihm GOtt das liebenswürdigste und lobenswürdigste Gut ist, also ist Er ihm auch das Süßeste; und dies betrachtet er allezeit. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXIX. Von der wahren Ruhe des Herzens.

Fürwahr, das ist die wahre Ruhe des Herzens, wenn es sich ganz einsenkt und einlässt in die Liebe GOttes mit sehnlichem Verlangen und nichts anderes mehr begehrt, sondern seine selige süße Lust und lustige Freude hat an dem, das es fasst und findet. Wenn es aber durch eitle Gedanken oder sonst durch andere Geschäfte ein wenig von solcher Liebe abgezogen wird, so eilt es, so viel es eilen kann, wieder zurück, und hält es für ein Elend, wenn es sich anderswo verweilen soll. Denn wie der Mensch der göttlichen Gütigkeit jeden Augenblick genießt und ihrer gebraucht, also soll auch kein Augenblick vergehen, darin er nicht den lieben Gott in seinem Gedächtnis haben sollte.

Darum fällt der in keine geringe Missetat, er sei auch, wer er wolle, welcher, wenn er mit GOtt im Gebet redet, sich geschwind von Seinem Angesicht abziehen lässt, als stände er vor Jemandes Augen und Ohren, die nicht sehen noch hörten. Dies geschieht aber, wenn der Mensch seinen bösen und ungestümen Gedanken nachhängt und vielleicht eine ganz geringe Kreatur GOtt dem HErrn vorzieht, indem er jene vielfältig hin und her betrachtet oder öfter an sie gedenkt, als an Gott, den er doch stets sollte bei sich betrachten als seinen Schöpfer, anbeten als seinen Erlöser, erharren als seinen Seligmacher, fürchten als seinen Richter. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXX. Fliehe, was dich von GOtt abführt!

Hab Acht auf deinen Gang,
Der Du liebst diese Welt!
Der Weg, darauf Du gehst,
Ist ganz mit Sünd verstellt!

Darum, o Mensch, fliehe zuweilen ein wenig von deinen Geschäften hinweg, und verbirg dich eine Weile vor deinen stürmischen Gedanken. Wirf einmal die beschwerliche Sorgenlast von dir ab und lass die mühseligen Streitsachen dahinten; nimm dir ein wenig Zeit für deinen GOtt und ruhe eine Weile in Ihm. Gehe ins Kämmerlein deines Herzens, schließe Alles hinaus außer Gott und was du brauchst, um Ihn zu suchen; schließe dann die Tür hinter dir zu und suche Ihn: Mein Herz hält dir vor dein Wort: Ihr sollt Mein Antlitz suchen. Darum suche ich auch, HErr, Dein Antlitz!

Wohlan nun, o HErr, mein Gott, unterweise Du mein Herz, wo und wie es Dich suchen, wo und wie es Dich finden soll. O HErr, wenn Du nicht hier bist, wo soll ich Dich denn sonst suchen? Wenn Du aber allenthalben bist, warum sehe ich Dich denn hier nicht vor mir? Aber Du wohnst gewiss in einem Licht, da Niemand zukommen kann! Aber wie soll ich zu diesem Licht gelangen, da Niemand zukommen kann? Oder wer wird mich dahin geleiten und zu ihm einführen, dass ich Dich darin sehen möge? Ferner, durch welche Zeichen, in welcher Gestalt soll ich Dich suchen? O HErr, mein GOtt, ich habe Dich nie gesehen, habe Dein Angesicht nie erkannt. Was soll denn tun, allerhöchster HErr, was soll denn tun Dein so lange ins Elend verbannter Mensch? Was soll Dein in Liebe zu Dir bresthafter1) und von Deinem Angesicht doch so weit verworfener Knecht tun? Siehe, er keucht dahin, um Dich zu sehen, und Dein Antlitz ist so ferne von ihm? Er begehrt, Dir zu nahen und Niemand kann zu Deiner Wohnung nahen! Er begehrt, Dich zu finden, und kennt Deinen Ort nicht. Er wollte Dich gerne suchen und kennt Dein Angesicht nicht. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXXI. Von der Sünde als dem Grund alles Elends.

O HErr, Du bist mein Gott und mein HErr, und ich habe Dich nie gesehen. Du hast mich geschaffen und erlöst und hast mir alle Deine Güter mitgeteilt, und doch habe ich Dich nicht gesehen noch erkannt. Endlich bin ich erschaffen worden, um Dich zu sehen und bin noch nicht dazu gelangt, wozu ich doch erschaffen bin. O, elendes Loos des Menschen, da er das verloren hat, wozu er erschaffen ist! Das ist ein grauenhafter und harter Fall! Ach, was hat er verloren und was hat er gefunden? Was ist von ihm gewichen und was hat er behalten? Er hat die Seligkeit verloren, dazu er erschaffen ist und das Elend gesunden, dazu er nicht erschaffen ist. Von ihm ist das gewichen, ohne das es keine Seligkeit gibt und geblieben ist nur das, was an sich nichts als lauter Elend ist. Damals aß der Mensch das Engelsbrot, danach ihn jetzt hungert. Nun isst er Tränenbrot, das er damals nicht kannte.

Ach Du HErr, wie so lange? Wie lange willst Du denn unser vergessen, o HErr? wie lange wendest Du Dein Antlitz gar ab von uns? Wann wirst Du uns wieder ansehen in Gnaden und erhören? Wann wirst Du unsere Augen erleuchten und uns Dein Antlitz zeigen? Wann wirst Du Dich uns wieder zustellen? Schaue doch, HErr, darein, erhöre und erleuchte uns und zeige uns Dich selbst: stelle Dich wieder bei uns ein, dass es uns wohl werde; denn ohne Dich ist uns gar wehe! Nimm Dich an unserer Mühe und Not, die wir nichts ohne Dich vermögen. Komm zu uns und hilf uns. Ich flehe Dich an, o HErr, lass mich nicht in meinem Seufzen untergehen, sondern im Hoffen auferstehen! Ich bitte Dich flehentlich, o HErr; durch seine Trostlosigkeit ist mein Herz so bitter geworden, o versüße es wieder mit Deinen Tröstungen. Ich flehe Dich an, o HErr, hungernd habe ich Dich zu suchen angefangen, lass mich nicht nüchtern von Dir weggehen; hungrig bin ich zu Dir getreten, lass mich nicht ungesättigt von Dir wegziehen! Ich Armer kam zu Dir, dem Reichen, ich Erbärmlicher zu Dir, dem Barmherzigen: lass mich nicht leer und verachtet von Dir wegziehen!

HErr, ich bin krumm geworden und kann einzig unter mich sehen. O richte mich auf, dass ich hinaufsehen könne und dort hintrachten. Meine Missetaten gehen über mein Haupt, sie verwickeln und verwirren mich, wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer geworden. O wickle mich heraus und hilf mir von der Last, dass die Lache nicht über mir zusammengehe. Unterweise mich, wie ich Dich suchen soll und stelle Dich mir dar, wann ich Dich suche; denn ich kann Dich nicht suchen, Du lehrst mich denn, kann Dich auch nicht finden, Du stellst dich denn mir dar! O lass mich Dich suchen mit herzlicher Begier, lass mich nach Dir verlangen mit herzlichem Suchen, lass mich Dich finden durch Lieben; lass mich Dich lieben durch Finden! Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXXII. Von der Güte GOttes.

Ich bekenne es, o HErr, und sage Dir Dank, dass Du mich zu Deinem Bild erschaffen hast, damit ich Deiner gedenken, Dich betrachten, Dich lieben möge. Aber dies Dein Bild ist durch das Sündenverderben ausgetilgt, ist auch durch den Rauch der Sünden ganz schwarz geworden, dass ich nicht mehr tun kann, dazu ich erschaffen bin, es sei denn, dass das Bild von Dir erneuert und wiedergebracht werde. Ich versuche nicht, o HErr, Deine Tiefe zu durchdringen, weil ich ihr keineswegs meinen Verstand gleichstelle. Ich begehre nur einigermaßen Deine Wahrheit zu verstehen, welche mein Herz glaubt und liebt; denn ich suche nicht zu verstehen, um zu glauben, sondern ich glaube, um zu verstehen. O HErr, so bitte ich Dich, der Du dem Verstande zum Glauben verhilfst, gib mir zu verstehen, so viel mir nach Deiner Weisheit nütze ist; denn Du bist so beschaffen, wie wir glauben. und bist der Gegenstand unsres Glaubens und wir glauben, dass über Dich hinaus nichts Größeres oder Besseres mag gedacht werden. Was bist Du nun anders, o HErr, mein GOtt, über welchen hinaus nichts Größeres oder Besseres mag gedacht werden, als eben das höchste Gut, welches allein in sich selbst über Alles hinaus besteht und alle andern Dinge aus Nichts gemacht hat? Was das höchste Gut nicht ist, das ist desto geringer, als nichts Größeres kann gedacht werden; aber dies kann eben von Dir nicht gedacht werden! Was mangelt also dem höchsten Gut, durch welches alles Gute herkommt? Deshalb bist Du gerecht, wahrhaftig, selig, kurz Alles, wovon es gilt besser sein, als nicht sein!

Aber wie kommt es, dass Du der Bösen verschonst, wenn Du ganz und im höchsten Grade gerecht bist? Geschieht es darum, weil Deine Güte unbegreiflich ist? Solches ist verborgen in dem Licht, darin Du wohnst, da Niemand zukommen kann. Fürwahr in der tiefsten und geheimsten Tiefe Deiner Güte ist die Quelle verborgen, daraus der Strom Deiner Erbarmung fließt. Und weil Du ganz und im höchsten Grade gerecht bist, darum bist Du auch den Bösen gütig, weil Du ganz und im höchsten Grade gut bist. Denn fehlte nur ein Weniges an Dir, dem Guten, so würdest Du gegen keinen Bösen gütig sein. Denn besser ist der, welcher ebenso wohl gegen die Guten wie die Bösen gut ist, als der allein den Guten gut ist. Und besser ist auch der, welcher gegen die Bösen mit Verschonen und Strafen gut ist, als der, welcher es mit Strafen allein ist. Darum bist Du denn also barmherzig, weil Du ganz und im höchsten Grade gut bist. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXXIII. Dass alle Freude im Genusse GOttes gelegen sei.

Du unermessene Güte, die alles Denken übersteigt, lass Deine Barmherzigkeit, welche aus solcher Fülle herfleußt, über mich kommen: lass sie in mich einströmen, wie sie von Dir ausströmt. Verschone meiner nach Deiner Gnade und strafe mich nicht nach Deiner Gerechtigkeit. So wache nun auf, meine Seele und werde munter, Du und all Dein Sinnen und erwäge, so weit Du es vermagst, wie fein und wie groß das Gut ist, welches GOtt heißt.

Denn wenn schon ein einzelnes gutes Ding gar lieblich ist, so erwäge mit Sorgfalt, wie lieblich erst jenes Gut sein muss, das die Lieblichkeit aller Dinge in sich schließt und keineswegs eine solche, wie wir sie in den erschaffenen Dingen gefunden haben, sondern soweit davon unterschieden, als der Unterschied ist zwischen Schöpfer und Geschöpf. Denn so das erschaffene Leben gut ist, wie gut ist erst das schöpferische Leben? Wenn das an uns vollbrachte Heil lieblich ist, wie lieblich muss erst das Heil sein, welches Aller Heil vollbringt? Wenn schon die Weisheit in Erwägung der bestehenden Dinge so wonnig ist, wie wonnig muss erst die Weisheit sein, welche Alles bereitet und aus nichts gemacht hat? Wenn sich endlich viele und große Ergötzungen in den ergötzlichen Dingen finden, wie fein und wie groß muss erst die Ergötzung in dem sein, der alles Ergötzliche selbst gemacht hat? O was wird der besitzen, was wird der nicht besitzen, welcher eines solchen Gutes genießt? Gewiss, er wird besitzen, was er nur immer will, und nicht besitzen, was er nur immer nicht will. Denn dort werden sich alle Güter Leibes und der Seelen finden, welche kein Auge gesehen, und kein Ohr gehört, noch in eines Menschen Herz gekommen ist. Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXXIV. Von dem alleinigen Streben nach dem höchsten Gut.

Warum schweifst Du elender Mensch durch so viele und mancherlei Dinge und suchst die Güter deines Leibes und deiner Seele? Liebe das Eine Gut, in dem alle Güter gelegen sind und du wirst genug haben. Begehre sehnlich das einige Gut, welches alles Gut in sich begreift und du hast genug. Denn was liebst du, mein Fleisch? Was begehrst du, meine Seele? Dort, dort in jenem Gute ist Alles, was du liebst, was du sehnlich begehrst. Hast du Lust zur Schönheit: dort werden die Gerechten leuchten wie die Sonne. Begehrst du Schnelle oder Stärke oder Freiheit des Leibes ohne alles Hindernis und Aufenthalt: dort werden sie den Engeln gleich sein. Denn es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib, nicht geistlich am Wesen, sondern nach der Kraft. Verlangt dich nach langem und gesundem Leben, dort wird sein eine gesunde Ewigkeit und eine ewige Gesundheit. Denn die Gerechten werden ewiglich leben und das Heil der Gerechten steht bei dem HErrn. Wolltest du gerne satt sein: dort sollen sie gesättigt werden, wann die Herrlichkeit des HErrn erscheinen wird. Wolltest du gerne trunken sein: dort sollen sie trunken werden von den reichen Gütern des Hauses GOttes. Gefällt dir eine wohlklingende Melodie, dort werden die lieben Engel unserem GOtt ohne Unterlass singen. Willst du keine unreine, sondern eitel reine Wollust; dort wird sie der Herr tränken mit Wollust als mit einem Strom.

Verlangt dich nach Weisheit: dort wird GOttes Weisheit sich ihnen erzeigen, als die wahre Weisheit. Verlangt dich nach Freundschaft: dort werden sie GOtt lieben mehr als sich selbst und einer den andern als sich selbst; denn GOtt wird sie mehr lieben, als sie sich selbst lieben und sie werden Ihn in Ihm lieben und werden sich unter einander durch Ihn lieben und da Er sich liebt, so wird Er durch sich selbst auch sie lieben. Verlangt dich nach Einigkeit: dort werden sie Alle Einen Willen haben, sintemal ihrer Aller Wille nichts sein wird, denn der allerhöchste Wille GOttes. Verlangt dich nach Gewalt: dort werden sie allmächtig sein nach ihrem Willen, wie GOtt allmächtig ist nach Seinem Willen. Denn gleichwie GOtt Alles durch sich selbst kann, was Er will, also werden sie auch Alles können, was sie durch GOtt wollen. Denn gleichwie sie nichts wollen werden, denn nur, was Er will, also wird Er wollen Alles, was sie wollen, und Alles, was Er will, das muss geschehen.

Verlangt dich nach Ehre und Reichtum: dort wird GOtt seine fromme und getreue Knechte über viel Güter setzen, ja sie sollen Kinder GOttes und Götter heißen und werden Seine Erben sein, nämlich Erben GOttes und Miterben Christi. Verlangt dich nach völliger Sicherheit: dort werden sie des sicher und gewiss sein, dass dieses Gut ihnen nie mehr fehlen wird, gleichwie sie sicher und gewiss sind, dass sie es nimmer verlieren werden und dass der leutselige GOtt eben solches Gut Seinen Liebhabern wider ihren Willen nimmer nehmen wird, auch dass Niemand stärker ist als GOtt und sie von einander trennen möge. Ist nun dieses Gut so fein und groß, wie fein und groß muss dann wohl die Freude sein?

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXXV. Von der Liebe unter den Heiligen im Himmel.

Du menschliches Herz, du dürftiges Herz, du armes Herz, das eitel Trübsal und Elend schmilzt und mit Elend beladen ist, wie hoch würdest du dich freuen, wenn du in der Fülle aller dieser Güter wärst. Frage deine innersten und allertiefsten. Gedanken, ob sie die Freude einer solchen Seligkeit zu erfassen vermögen? Nun denke, wenn Jemand aus deinen allerliebsten Freunden, der dir so lieb wäre, als du dir selbst bist, dergleichen Seligkeit hätte, so würde deine Freude verdoppelt; denn du würdest dich für ihn nicht weniger erfreuen als für dich selbst. Ebenso wenn zwei oder drei oder noch viel mehr von deinen besten Freunden eben desselben Gutes auch teilhaftig wären, so würdest du dich über einen jeden Einzeln eben so sehr erfreuen, als über dich selbst, weil du einen jeden so lieb hättest, als dich selbst.

Was muss nun dies für eine Herrlichkeit sein in der vollkommenen Liebe so viel heiliger Engel und Menschen, wo Keiner den Andern weniger lieben wird als sich selbst! Denn ein Jeder wird über eines jeden Andern Freude sich nicht anders freuen als für sich selbst. Wenn nun das Menschenherz über sein eigen so großes Gut sich nicht genugsam erfreuen kann, wie wird es denn im Stande sein, die Menge und die Größe so vieler Freuden Andrer zu fassen? Und doch ists gewiss, so viel ein Jeder Jeden liebt, so viel erfreut er sich des Guten und der Wohlfahrt des Andern. Nun aber wird in jenem seligen Leben ein Jeder den lieben GOtt ohne alles Maß mehr lieben, als sich selbst und mehr als er alle seine Nächsten liebt. Daraus folgt, dass er sich auch über GOttes Seligkeit ohne alles Maß mehr erfreuen wird als über seine eigne und die aller seiner andern Mitgenossen. Und wenn diese GOtt also lieben werden von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt, doch so, dass das ganze Herz, die ganze Seele und das ganze Gemüt für die Herrlichkeit solcher Liebe nicht ausreicht: so werden Sie sich in der Tat also von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte erfreuen, dass dennoch das ganze Herz, die ganze Seele und das ganze Gemüt nicht ausreicht für die Fülle solcher Freude! Amen.

Augustinus, Aurelius - Manuale - XXXVI. Von der vollkommenen Freude des ewigen Lebens.

Mein GOtt und mein HErr, meine Hoffnung und Freude meines Herzens, sprich zu meiner Seele, ob dies die Freude sei, von der Du uns durch Deinen Sohn sagst: Bittet, so werdet ihr nehmen, auf dass eure Freude vollkommen sei. Denn ich habe eine vollkommene Freude gesunden, ja eine mehr als vollkommene Freude, und zwar mit ganzem Herzen, mit ganzem Gemüt, mit ganzer Seele, mit meinem ganzen Menschen. Und dennoch wird über diese Freude noch eine andere über alle Maßen große Freude vorhanden sein. Daher wird jene völlige Freude noch nicht einführen in die Schar der Fröhlichen; sondern die durchaus Fröhlichen werden zu der Freude ihres HErrn eingehen.

Sprich, o HErr, sprich zu Deinem Knecht drinnen im Herzen, ob das die Freude ist, in welche Deine Knechte, welchen die Freude ihres HErrn verheißen ist, eingehen werden? Aber gewiss, die Freude, in welcher Deine Auserwählten sich erfreuen werden, hat kein Auge gesehen und kein Ohr gehört, noch ist sie je in eines Menschen Herz gekommen. Darum hab ich es noch nie gedacht oder ausgesprochen, o HErr, wie sehr sich Deine Auserwählten erfreuen werden. Doch, sie werden sich so sehr erfreuen, wie sehr sie lieben werden; sie werden so sehr lieben, als sie erkennen werden. Und wie sehr werden sie Dich, o HErr, erkennen und lieben? Ja, das hat wiederum kein Auge gesehen, und kein Ohr gehört, noch ists in eines Menschen Herz gekommen in diesem Leben, wie sehr sie Dich erkennen und lieben werden in jenem Leben. Ich bitte Dich, mein GOtt, lass mich Dich erkennen, lass mich Dich lieben, dass ich mich Deiner erfreuen möge, und wenn ich es in diesem Leben nicht völlig vermag, so lass mich doch von Tag zu Tag zunehmen, bis dass kommen wird das Vollkommene. Lass in mir hier zunehmen Deine Erkenntnis, damit sie dort vollkommen werde; lass in mir hier Deine Liebe wachsen, damit sie dort vollkommen sei, also dass meine Freude hier groß sei in Hoffnung und dort vollkommen in der Tat. O Du wahrhaftiger GOtt, ich bitte darum, lass mich nehmen, was Du verheißen, auf dass meine Freude vollkommen sei. Lass sich mein Gemüt indes darin üben, meine Zunge davon reden, mein Herz sie lieben, meinen Mund davon übergehen, meine Seele danach hungern, mein Fleisch danach dürsten, mein ganzes Wesen danach sehnlich verlangen, bis ich zuletzt eingehe in die Freude meines HErrn, der da ist der Dreieinige und doch einige GOtt, hochgelobet in Ewigkeit. Amen.

Augustinus, Aurelius - Perlenschnur aus dem Psalter, zusammengereiht für seine Mutter

HErr, allmächtiger GOtt, König der ewigen Herrlichkeit, der Du den für selig achtest, der nicht tritt auf den Weg der Sünder, sondern von Deinem Gesetz redet Tag und Nacht (Psalm 1,1.2), unterweise mich, dass ich Dir diene mit völliger Furcht und Zittern des Herzens. (2,10.11.) Ich rufe Dich an mit meiner Stimme, (3,5), sei mir gnädig und erhöre mich. (4,2.) HErr, höre auf meine Worte, merke auf meine Rede. (5,1.) Strafe mich nicht in Deinem Zorn und züchtige mich nicht in Deinem Grimm. (6,2.) Hilf mir von allen meinen Verfolgern und errette mich, dass sie nicht, wie Löwen meine Seele erhaschen und zerreißen, weil kein Erretter da ist. (7,2.3.) HErr, unser Herrscher, wie herrlich ist Dein Name in allen Landen, da man Dir dankt im Himmel! (8,2.) So treibe denn meine Feinde hinter sich, dass sie fallen und umkommen vor Dir! (9,4.) Lass sie meine Seele nicht in ihr Netz ziehen, (10,9), noch lass über mich regnen Blitz, Feuer und Schwefel. (11,6.) Weil denn die Elenden verstört werden und die Armen seufzen, (12,6), so schaue doch und erhöre mich, HErr, mein GOtt (13,4); denn Du bist des Armen Rat und seine Zuversicht! (14,6.) So lass mich nur ohne Wandel einhergehen und recht tun (15,2); denn Du bist mein Gut und mein Teil und erhältst mein Erbteil! (16,5.) Behüte mich wie einen Augapfel im Auge, beschirme mich unter dem Schatten Deiner Flügel (17,8); denn Du bist meine Stärke, mein Hort und mein Schutz! (18,2.3.) So verzeihe mir die verborgenen Fehle und bewahre auch Deinen Knecht vor den Stolzen! (19,13.) Sende mir Hilfe von Deinem Heiligtum und gib mir meines Herzens Wunsch! (21,3.) Hilf mir aus dem Rachen des Löwen (22,22) und führe mich auf rechter Straße (23,3), dass ich auf Deinen Berg gehen und stehen möge an Deiner heiligen Stätte, unschuldige Hände habe und reines Herzens sei. (24,3.4.) Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretung. (25,7.) Raffe meine Seele nicht hin mit den Sündern (26,9) und gib mich nicht in den Willen meiner Feinde. (27,12.) Höre die Stimme meines Flehens, wenn ich zu Dir schreie (28,2), und wenn ich Dir Ehre Deines Namens bringe (29,2), so höre und sei mir gnädig! (30,11.) HErr, auf Dich traue ich, lass mich nimmermehr zu Schanden werden! (31,2.) Vergib mir die Missetat meiner Sünde! (32,5.) Deine Güte, HErr, sei über mir, wie ich auf Dich hoffe! (33,22.) Errette mich aus aller meiner Not! (34,18.) Sprich zu meiner Seele: Ich bin Deine Hilfe! (35,3.) Und weil ich Menschenkind unter dem Schatten Deiner Flügel traue (36,8), so gib mir, was mein Herz wünscht (37,4), und eile mir beizustehen, HErr, meine Hilfe! (38,23.) HErr, lehre mich, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss! (39,5.) Höre mein Gebet und vernimm mein Schreien und ziehe mich aus der grausamen Grube und aus dem Schlamm. Stelle meine Füße auf einen Fels, dass ich gewiss treten kann! (40,2.3.) Errette mich, HErr, zur bösen Zeit (41,2), dass ich wallen möge zum Haus GOttes mit Frohlocken und Danken, unter dem Haufen, die da feiern (42,5); denn Du bist der Gott meiner Stärke! (43,2.) Lass meinen Gang nicht abweichen von Deinem Weg (44,19), dass ich Gerechtigkeit liebe und gottloses Leben hasse. (45,8.) Sei meine Zuversicht und Stärke (46,2); denn Du, HErr, bist ein großer König auf dem ganzen Erdboden (47,3); Du regierst Deine Stadt ewiglich. (48,9.) So erlöse meine Seele aus der Hölle Gewalt; denn Du hast mich angenommen! (49,16.) Du aber, wenn Du kommst, dass Du Dein Volk richtest (50,3.4), sei mir gnädig nach Deiner Güte und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von mir; verbirg Dein Antlitz von meinen Sünden und tilge alle meine Missetat. Schaffe in mir, GOtt, ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist (51,3.13.17), dass ich bleiben möge wie ein grüner Ölbaum im Hause GOttes (52,10) und mich mit Jakob freuen und mit Israel fröhlich sein möge. (53,7.) Hilf mir, GOtt durch Deinen Namen und schaffe mir Recht durch Deine Gewalt. (54,3.) Verbirg Dich nicht vor meinem Flehen (55,2), sondern sei mir gnädig (56,1); sende vom Himmel und hilf mir von der Schmach meiner Versenker! (57,4.) GOtt, zerbrich ihre Zähne in ihrem Maul, zerstoße, HErr, die Backenzähne der jungen Löwen (58,7); denn Du, GOtt, bist mein Schutz und mein gnädiger GOtt! (59,18.) Hilf nun mit Deiner Rechten (60,7); ich will trauen unter Deinen Fittigen (61,5), wenn Du bezahlen wirst einen Jeglichen, wie ers verdient. (62,13.) Wenn meine Seele nach Dir dürstet (63,2), so verbirg mich vor der Versammlung der Bösen (64,3); wenn alles Fleisch zu Dir kommt (65,3), so wende Deine Güte nicht von mir! (66,20.) GOtt, sei mir gnädig und segne mich, lass Dein Antlitz leuchten über mir! (67,2.) Mache Bahn Dir, der Du sanft herabfährst, o HErr, (68,5), dass mich die Wasserflut nicht ersäufe und die Tiefe nicht verschlinge, noch das Loch der Grube über mir zusammengehe. (69,16.) Du bist mein Helfer und Erretter; mein GOtt verziehe nicht! (70,6.) HErr, ich traue auf Dich; lass mich nimmermehr zu Schanden werden (71,1), wenn Du Dein Volk bringst zur Gerechtigkeit (72,2); denn siehe, die von Dir welchen, werden umkommen. (73,27.) Lass mich Geringen nicht mit Schanden davon gehen! (74,21.) Denn Du, GOtt, bist ein Richter, der diesen erniedrigt und jenen erhöht (75,8); Du bist erschrecklich. Wer kann vor Dir fliehen, wenn Du zürnst? (76,8.) Du bist der GOtt, der Wunder tut! (77,15.) Wie Du Deinem Volk einen Tisch bereitest in der Wüste und sie ihre Lust büßten (78,19.29), so lass auch mich Dein Schäflein Deine Weide finden und erbarme Dich meiner bald! (79,13.8.) Und Du, mein Hüter, der Du mich speist mit Tränenbrot und tränkst mit großem Maß voll Tränen am Tage Deines Zorns (80,2.6), sättige mich auch aus dem Felsen mit dem Honig süßer Erquickung! (81,17.) GOtt, Du bist Richter unter den Göttern und schaffst Recht (82,1.4), Du bist HErr allein und der Höchste in aller Welt (83,19): erbarm Dich mein! Schmücke mich mit viel Segen Deiner Lehrer! (84,7.) Vergib mir meine Missetaten, bedecke alle meine Sünde (85,3), hilf Du, mein GOtt, Deinem Knecht, der sich verlässt auf Dich! (86,2) GOtt, der Du Deine Kirche fest gegründet hast auf den heiligen Bergen (87,2), neige Deine Ohren zu meinem Geschrei (88,3); Deine Hand wolle mich erhalten (89,22), dass ich nicht so plötzlich dahin muss (90,7); vielmehr errette mich vom Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz und der Seuche, die im Mittag verderbt. (91,3.6.) Lass mich grünen wie ein Palmbaum, der gepflanzt ist im Haus GOttes, und wachsen wie eine Zeder (92,13.14) in der Zierde Deines Hauses ewiglich. (93,14.) Sei Du mir, HErr, der Schutz, Du GOtt der Hort meiner Zuversicht (94,22); denn Du, HErr, bist ein großer GOtt und ein großer König über alle Götter! (95,3.) Wenn Du kommst zu richten den Erdboden mit Gerechtigkeit und die Völker mit Deiner Wahrheit (96,13), so lass mir mit den Gerechten das Licht aufgehen und mit den frommen Herzen die Freude. (97,11.) Stehe für mich mit Deiner Rechten und mit Deinem heiligen Arm! (98,1.) Der Du sitzt auf Cherubim (99,1), lass mich kommen vor Dein Angesicht mit Frohlocken. (100,2.) Lass mich treulich wandeln in meinem Haus; lass das verkehrte Herz von mir weichen, aber meine Augen nach den Treuen sehen im Lande und gerne fromme Diener haben, dass sie bei mir wohnen, wenn Du alle Übeltäter ausrottest aus Deiner Stadt! (101,2-4; 6.8.) HErr, höre mein Gebet und lass mein Schreien zu Dir kommen. Verbirg Dein Antlitz nicht vor mir in der Not, neige Deine Ohren zu mir (102,2), vergib mir alle meine Sünde, und erlöse mein Leben vom Verderben. (103,3.4.) Sättige meine Sehnsucht mit Deinem Gut, der Du die Erde ansiehst und sie erbebt (104,28.32), der du Dein Volk ausführtest mit Freuden und Deine Auserwählten mit Wonne! (105,43.) Lass mich Dein Gebot halten und immerdar recht tun (106,3), führe mich aus der Finsternis und Dunkel (107,14), so ist es mein rechter Ernst, ich will Dir singen und dichten! (108,2.) Aber Du, HErr, HErr, sei Du mit mir um Deines Namens willen (109,21), dass im heiligen Schmuck (110,3), im Rat der Frommen meine Gerechtigkeit bleibe ewiglich (112,3) und mein Horn erhöht werde mit Ehren. (112,9.) Und wenn Du aufrichtest den Geringen aus dem Staub und den Armen erhöhst aus dem Kot (113,7), so will ich Dich, HErr, loben von nun an bis in Ewigkeit (115,18), so will ich wandeln vor Dir im Lande der Lebendigen! (116,9.) Zerreiße meine Bande (116,16) und lass walten über mir Deine Gnade! (117,2.) Wenn ich in der Angst Dich, HErr, anrufe, so erhöre mich und tröste mich! (118,5.) Tue wohl Deinem Knecht, dass ich lebe, lehre mich heilsame Sitten und Erkenntnis, lass mich halten von ganzem Herzen Deine Befehle. Ich war wie ein verirrtes und verlorenes Schaf. (119,17.66.69.176.) Suche Deinen Knecht und errette meine Seele (119,176; 120,2), behüte meinen Ausgang und meinen Eingang (121,8), dass ich gehen möge in Dein Haus und meine Füße stehen mögen in Deinen Toren, Jerusalem! (122,1.2.) Ich hebe meine Augen auf zu Dir, der Du im Himmel sitzt (123,1.) Lass meine Seele entrinnen dem Strick des Voglers (124,7), dass ich meine Hand nicht ausstrecke zur Ungerechtigkeit! (125,3.) Mache meinen Mund voll Lachens und meine Zunge voll Rühmens! (126,2.) Lass mich mein Brot essen ohne Sorgen (127,2) und segne mich aus Zion, dass ich sehe das Glück Jerusalems mein Lebenlang (128,5), erlöst von allen meinen Sünden. (130,8.) HErr, lass Deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens (130,2), lass mein Herz nicht hoffärtig sein und meine Augen nicht stolz; lass mich nicht wandeln in großen Dingen, die mir zu hoch sind; (131,1), bis ich eine Stätte finde für den HErrn, zur Wohnung des Mächtigen Jakobs. (132,5.) Daselbst hast Du verheißen Segen und Leben immer und ewiglich (133,3); daselbst will ich aufheben meine Hände im Heiligtum und Dich loben (134,2), der Du Dein Volk richten und Deinen Knechten gnädig sein wirst! (135,14.) GOtt aller Götter und HErr aller Herren (136,2.3), ich weine (137,1) und bete an zu Deinem heiligen Tempel! (138,1.) Erforsche mich und erfahre mein Herz und siehe, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege! (139,23.24.) Bewahre mich, HErr, vor der Hand der Gottlosen, behüte mich vor den frevelhaften Leuten! (140,5.) Mein Gebet müsse vor Dir taugen wie ein Rauchopfer! (141,2.) Führe meine Seele aus dem Kerker, dass ich danke Deinem Namen! (142,8.) Erhöre mich um Deiner Gerechtigkeit willen und gehe nicht ins Gericht mit Deinem Knecht. HErr, erhöre mich bald, mein Geist vergeht (143,1.2.7); denn Du bist meine Güte und mein Schutz und mein Erretter (144,1), und Du, HErr, bist groß und sehr löblich und Deine Größe ist unaussprechlich! (145,3.) Schaffe Recht dem, der Gewalt leidet, löse die Gefangenen, mache sehend die Blinden (146,7), der Du Jerusalem baust! (147,2.) Wenn Du festgemacht hast die Riegel Deiner Tore, so lass mich mit Deinen Kindern darinnen gesegnet sein! (147,13.) Wie Dich alle Deine Engel loben und alles Dein Heer, also lass mich auch loben mit Deinen Heiligen (148,2.14), lass mich auch preisen und rühmen im Reigen mit hellen Cymbeln Deinen Namen, der allein hoch und heilig ist (149; 150; 145,21; 148,13) und herrscht immer und ewiglich. Amen.


Riggenbach, Bernhard - Frauengestalten aus der Geschichte des Reiches Gottes - Vorwort

Diese Vorträge haben in einem engeren Kreise von Töchtern unserer Stadt eine so freundliche Aufnahme gefunden, dass ich hoffen darf, durch die Veröffentlichung nun auch einem weiteren Kreis Freude zu bereiten. Auf Vollständigkeit erhebt der Inhalt keinen Anspruch, wohl aber auf historische Treue, wenn gleich die gelehrten Anmerkungen fehlen.

Als Motto gebe ich dem Büchlein das schöne Wort des Dichters mit:

„Es sei der Frauen Leben so wie ein geistlich Lied,
Das nicht mit eitlem Brausen am Ohr vorüberzieht,
Das sich in festem Takte nur langsam fortbewegt
Und doch der Herzen viele mit sich zum Himmel trägt.“

Basel, den 25. Oktober 1883.

Bernhard Riggenbach.

Riggenbach, Bernhard - Frauengestalten aus der Geschichte des Reiches Gottes - I. Die Mütter und Töchter des Volkes Israel.

Es ist selbstverständlich, dass in Geschichte, Literatur und Kunst sich namentlich die Darstellungen von Frauengestalten und Frauenleben des weiblichen Interesses zu erfreuen haben. Freilich ist nicht jedes Interesse ein reines, und es gibt auch beim sogenannten schönen Geschlechte sehr unschöne, von Gefallsucht, Eifersucht und Tadelsucht entstellte Interessen. Auch fehlt es nicht an Geschichtsschreibern, Schriftstellern und Künstlern ersten, zweiten und dritten Ranges, welche, um Anklang und Absatz zu finden, mit kluger Berechnung der Einbildung und Eitelkeit schmeicheln und für den guten Geschmack, mit dem sie „das ewig Weibliche“ ins rechte Licht zu stellen wissen, denn auch richtig von zarter Hand gewundene Kränze ernten. Goethe, der die weibliche Natur auf Grund langjähriger Studien sehr genau kannte, hat in seinem hohen Alter in den Gesprächen mit Eckermann das bezeichnende Bekenntnis abgelegt: „Meine dargestellten Frauencharaktere sind alle gut weggekommen; sie sind alle besser, als sie in der Wirklichkeit anzutreffen sind.“ Und damit hat der psychologisch so feinsinnige und scharfsinnige Goethe keineswegs bloß sich selbst, sondern mehr oder weniger alle Poeten des klassischen Altertums und der klassischen Neuzeit treffend charakterisiert und zugleich Alles, was unter der klassischen Linie steht, gebührend verurteilt. Es besteht ja - von dem absolut Gemeinen gar nicht zu reden - zwischen Goethes Frauengestalten und denen eines Paul Heyse, zwischen Titians Venus und Gleyres Charmeuse, zwischen der Maria Stuart von Walter Scott und der Maria Theresia von Henriette Paalzow, zwischen Beethovens Fidelio und den Donnen des Don Juan ein gewaltiger Unterschied, aber vorwurfsfrei und vorurteilslos sind weder die Einen noch die Anderen, die Einen sind im Widerspruch mit der Wahrheit von Natur und Geschichte idealisiert, die Anderen, wenn auch nicht mit unlauterer, so doch mit unverkennbar pikanter Absicht realisiert.

Im Gegensatz zu all diesen Einseitigkeiten und Unvollständigkeiten menschlicher Darstellung und zu all diesen Schwachheiten und Torheiten menschlicher Absicht legitimiert sich die Bibel auch in Beziehung auf das weibliche Geschlecht als das Wort der Wahrheit, als das, wofür sie sich selbst ausgibt, wenn es im Brief an die Hebräer, Kap. 4, Vers 12 und 13, heißt: „Lebendig ist das Wort Gottes und kräftig und schneidender als ein zweischneidiges Messer und eindringend bis in die Fuge von Seele und Geist, Gelenk und Mark und kritisch für Gesinnungen und Gedanken des Herzens, und es gibt kein Geschöpf, das vor ihm verborgen wäre, alles ist bloß und offen gelegt für seine Augen.“ In der heiligen Schrift finden Sie weder eine schaumgeborene Venus umgeben von Amoretten, noch eine streitbare Pallas Athene mit ihrer Eule, dieser herrlichen Insignie des Blaustrumpfs, weder eine Kleopatra, der ein römischer Feldherr nach dem andern huldigt, noch eine Leonore von Este, welcher ein Tasso vorliest, weder Grazien noch Amazonen, dagegen enthält sowohl das alte als das neue Testament eine Reihe von herrlichen Frauengestalten und eine Fülle der anmutigsten Schilderungen weiblichen Wesens und Wirkens. Während die dichtenden und bildenden Künstler mit ihren reizenden Schilderungen das höhere oder niedrigere Triebleben des natürlichen Menschen in Anspruch nehmen, wird in der Bibel überall an Ihr edelstes Interesse appelliert, an das Sehnen des Geistes emporzukommen aus der Schwachheit in die Kraft, aus dem Verweslichen ins Unverwesliche, aus der Sünde in die Heiligkeit, aus der Welt ins Himmelreich. In der Schrift soll nichts dienen zu bloßer Unterhaltung und Belustigung oder gar zu falscher Beruhigung und Entschuldigung, sondern, was sie darbietet an weiblichen Typen, seien es Lichtbilder oder Nachtstücke, und an speziell den Frauen geltenden, zum Teil recht unliebsamen Weisungen oder Mahnungen, das ist Alles, wie der Apostel dem Timotheus (II. 3,16) so treffend schreibt: „nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung,“ mit einem Wort: zur „Erziehung in der Gerechtigkeit.“

Wenn wir daher die Ihnen Allen aus der biblischen Geschichte wohl bekannten Frauengestalten der heiligen Schrift zum Ausgangspunkt einer Reihe von Betrachtungen über den Anteil der Frauen am Bau des Reiches Gottes machen, so geschieht das nicht sowohl wegen der chronologischen Reihenfolge, sondern vornehmlich um an der für alle Geschichtsschreibung mustergültigen biblischen Darstellung unsern Geschmack und unser Urteil zu bilden und so das richtige Maß und Feingefühl zu gewinnen für die Auswahl und Behandlung des übrigen Stoffes und für die wahre Würdigung der Frauen, welche in der Geschichte der christlichen Kirche eine hervorragendere. Stellung eingenommen haben.

Es ist soeben von einem Anteil der Frauen an dem Bau des Reiches Gottes geredet worden. Steht diese Behauptung nicht im Widerspruch mit jenem bekannten Worte Pauli (1 Kor. 14,34): „Eure Weiber sollen schweigen in der Gemeinde; es soll ihnen nicht zugelassen werden, dass sie reden, sondern sie sollen untertan sein, wie auch das Gesetz sagt.“ Werden hier nicht die Frauen von aller direkten Mitarbeit für das Reich Gottes ausgeschlossen? Keineswegs! In dem nämlichen ersten Korintherbrief finden wir (Kap. 4, V. 20) die köstliche Aussage: „Das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Kraft.“ Und von dem Empfang dieser Kraft sagt eben Paulus (Gal. 3,28): „Hier ist kein Mann noch Weib,“ d. h. die Kraft, um deren Ausübung es sich im Reich Gottes handelt, kann von dem Weib so gut erlangt und verwertet werden als vom Mann. Zum Reden und Lehren hat Gott von Anfang an vorzugsweise den Mann auserkoren, und warum, das liegt am Tag. Wo Rede und Lehre ist, da ist auch Gegenrede und Gegenlehre, und es sind mithin zur Verantwortung Wehr und Waffen erforderlich. Streitkraft aber ist dem Weibe nicht verliehen. Eine streitbare Frau wird im besten Falle mit dem beim Mann nicht unrühmlichen Namen eines Haudegens verpönt. Und das mit Recht, denn die natürliche Kraft der Frau ist nicht die Wehrkraft, sondern die Tragkraft. Und da das Reich Gottes auf Erden neben seiner aktiven jeweilen auch eine passive Form hat annehmen müssen, so sind ihm von jeher neben tatkräftigen Männern die tragkräftigen Frauen sehr gut zu Statten gekommen.

Zur Gehilfin des Mannes bestimmte Gott das Weib, ehe es erschaffen war (1. Mose 2, 18). Als Gehilfin sollte Adam, zu deutsch: der Mensch oder, wie die Wissenschaft zu sagen liebt: der Urmensch das ihm von Gott zugeführte Weib betrachten und für seine doppelte Bestimmung der Bevölkerung und Beherrschung der Erde (1. Mose 1,28) gebrauchen und respektieren, also nicht zur lastbaren Sklavin, zum Gegenstand der Lust oder zum Spielwerk der Laune herabwürdigen. In der biblischen Schöpfungsurkunde ist aber noch ein weiteres, lehrreiches Moment enthalten. Das Weib wird nicht besonders erschaffen, sondern dem Mann entnommen und daher zunächst Männin genannt (1 Mose 2,22. und 23); es soll also nur als Gehilfin des Mannes in Aktion treten und nicht unabhängig schalten und walten, nicht für sich, sondern an der Seite des Mannes sein (1 Mose 2,18). An der Seite des Mannes ist die Frau stark, um an ein neutestamentliches Gleichnis anzuknüpfen: wie die Gemeinde stark ist, wenn sie beim Herrn bleibt. Wie aber die Gemeinde der Verführung und dem Verberben anheimfällt, sobald sie ohne den Herrn, emanzipiert von seiner Autorität, von seinem Rat und Willen und also auch von seinem Beistand und Segen, einherschreitet, so wird auch die Frau beim ersten selbstständigen Auftreten betrogen und von der Arglist überwältigt. Es liegt nach dieser Richtung in der Geschichte des Sündenfalles ein unverkennbarer Wink für das weibliche Geschlecht und seine ihm von Gott angewiesene Stellung. Sowie das Weib, uneingedenk seines Abhängigkeitsverhältnisses, selbstredend und selbsttätig mit der Außenwelt sich einließ, musste es eine schmerzliche, und verhängnisvolle Erfahrung der ihm von Natur eigenen, geringeren Widerstandsfähigkeit machen. Der Mann aber, welcher die ihm anerschaffene Selbstständigkeit preisgab und gegen die göttliche Ordnung der Stimme des Weibes gehorchte, er und nicht das Weib wird mit Recht von Paulus (Römer 5,14 und 1 Kor. 15,22) für die Folgen verantwortlich gemacht. Ihm wird auch von Gott die härtere Strafe zuerkannt: die ganze kummervolle und mühselige Nahrungssorge. Freilich geht auch das Weib keineswegs frei aus: es muss sich die Demütigung gefallen lassen wegen des Missbrauchs der freieren Stellung einer Gehilfin hinfort das Joch der Unterwerfung zu tragen. Doch ist immerhin in der Prophezeiung besonderer Leibesplagen auch die tröstliche Hinweisung auf die bevorstehenden Mutterfreuden enthalten.

Als Eva, d. h. als Mutter aller Lebendigen soll sie, so lange menschliches Leben besteht, geehrt werden. Als Solche wird sie auch von Paulus selig gepriesen (1 Mose 3; vgl. 2 Kor. 11,4 und 1 Tim. 2, 13-15).

Ungleich höhere Ehre als die Menschenmutter Eva erfährt aber in der heiligen Schrift, welche immer das Natürliche dem Geistlichen unterordnet, Sara, die Mutter des Volkes Israel. „Schaut den Felsen an,“ ruft Jesaja (51,1 und 2), „davon ihr gehauen seid, und des Brunnens Gruft, daraus ihr gegraben seid, schaut Abraham an, euern Vater, und Sara, von welcher ihr geboren seid.“ Allein die große Verehrung, welche der Ahnmutter als solcher und wegen ihrer persönlichen Vorzüge gebührte, sie hinderte die israelitischen Geschichtsschreiber nicht, ein vollständig unbefangenes Lebensbild derselben zu zeichnen. Obgleich es nach dem mosaischen Gesetz (3 Mose 18,9) durchaus unzulässig war, dass Einer seine Schwester oder Halbschwester heiratete, wird dennoch (1 Mos. 20,2) ausdrücklich berichtet, Sara sei Abrahams Stiefschwester, eine Tochter, wenn auch nicht seiner Mutter, so doch seines Vaters Thara gewesen. Und mit der wiederholten Hervorhebung ihrer ungewöhnlichen Schönheit wird zugleich (1 Mose 12 und 26) die Erzählung verbunden, dass nur Gottes gnädige Leitung schwere Schmach von ihr abgehalten habe. Zweimal waren nämlich Abraham und Sara einig geworden, sich als bloße Geschwister auszugeben, damit nicht Abraham um seiner schönen Gattin willen von heidnischen Fürsten ermordet würde. Beide Male brachte Gott die Wahrheit zur rechten Zeit an den Tag, ohne dass Sara ein Opfer ihrer Menschenfurcht werden musste. Dagegen rächte sich eine spätere Machenschaft der Eheleute hart an Beiden. Weil ihnen die göttliche Verheißung nach ihrem Wortlaut unwahrscheinlich geworden war, hatte Sara eine Nebenehe Abrahams mit ihrer ägyptischen Sklavin Hagar gestiftet. Die nächste Folge davon war, dass Sara sich selbst zurückgesetzt fühlte (1 Mose 16) und später, als ihr eigener Sohn heranwuchs, auch für diesen wegen des gewandten Ismael Eifersucht empfand (1 Mose 21). Abraham aber musste (wiederum ein Mann, welcher für Nachgiebigkeit gegen seine Frau gestraft wird) schweren Herzens Hagar und Ismael verstoßen. Zwar verwandelte sich das spöttisch-ungläubige Lächeln der Sara noch in ihrem 90. Jahre in ein Lachen der Freude, aber der Name Isaak, zu deutsch: das Lachen, wird sie lebenslang an ihres Herzens Härtigkeit erinnert haben (1 Mose 18,12 und 21,6). Rührend ist es, welche Mühe Abraham sich gibt, seiner Sara d. h. Fürstin eine ihres Namens würdige Begräbnisstätte zu erwirken (1 Mose 23).

So wenig Sara, so wenig erscheint auch die zweite Patriarchin im Nimbus einer Idealfigur. Von Rebekka ist uns kein Lebenslauf in aufsteigender Linie überliefert, sondern es werden bei ihr mit zunehmenden Jahren die Schatten in bedenklicher Weise länger. Zuerst tritt sie vor uns in dem poetischen Duft vollendeter Liebenswürdigkeit. Nicht umsonst ist „die sehr schöne Dirne“ mit dem „Krug auf ihrer Achsel“ (1 Mos. 24) ein Liebling der Künstler. Lässt sich doch in der Tat nicht leicht ein anmutigeres Bild denken als eben diese „Rebekka am Brunnen“. Es ist ein wahrer Genuss, sich jene Szene zu vergegenwärtigen. Ahnungslos steigt sie vom Brunnen herauf und beeilt sich, dem greisen Fremdling den Labetrunk zu reichen; doch begnügt sie sich echt weiblich nicht damit, zu tun, was Elteser gebeten, und ihm wird nun, während er ihrer dienstfertig zuvorkommenden Geschäftigkeit zusieht, mit steigender Gewissheit klar: diese und keine Andere hat Gott dem Sohne meines Herrn bestimmt. Auch der fernere Verlauf der Erzählung ist äußerst reizvoll. An der schmutzigen Habgier ihres Bruders Laban, der nicht nach Gottes Willen frägt, sondern nur das Diadem an seiner Schwester Stirn und die schweren Spangen an ihren Armen in Erwägung zieht, hat Rebekka keinen Anteil. Bei der Verhandlung der Männer über die Heirat hat sie nach orientalischem Brauch, der noch heute bei den Juden zu Kraft besteht, nicht mitzureden. Und auch nachher wird sie aus ihrer Mutter Haus, d. h. aus Betuels Frauenzelt oder Frauengemach, nicht deshalb herbeigeholt, um zu entscheiden, ob sie Isaaks Frau werden wolle oder nicht, sondern nur, weil ihre Angehörigen wissen wollen, was sie zu der sofortigen Abreise sagen werde. So rasch sie sich hierzu entschließt, so gemessen benimmt sie sich bei dem Zusammentreffen mit Isaak. Aus Luthers Übersetzung (1 Mos. 24, 64: „und Rebekka hob ihre Augen auf und sah Isaak, da fiel sie vom Kamel“) könnte man ohne Kenntnis der morgenländischen Sitte und nach Analogie der Nervenschwäche moderner Bräute zu der Annahme verleitet werden, Rebekka sei vor Emotion in Ohnmacht gefallen. Solches gehörte in jener Zeit noch nicht zum guten Ton. Rebekka hatte übrigens Isaak noch gar nicht als Solchen, sondern bloß als vornehmen Mann erkannt, als sie, wie es die orientalische Höflichkeit noch heute von den Reisenden verlangt, zum Zeichen ihrer Ehrerbietung rasch von ihrem Reittier herabstieg. Und als Elieser auf ihr Befragen (V. 65) sie darüber belehrt hatte, wer der Herannahende sei, da „nahm sie den Mantel und verhüllte sich“, d. h. sie verschleierte sich, und Isaak bekam ihr Angesicht erst zu sehen, nachdem er sie in die Hütte seiner Mutter Sara geführt hatte. Soweit ist Rebekka eine sehr sympathische Erscheinung. Im weiteren Verlauf der Geschichte dagegen lernen wir sie als parteiische Mutter und als eine Frau kennen, die ihren Willen nicht nur mit resoluter Unliebenswürdigkeit, sondern auch durch Anwendung eigentlich schlechter Mittel durchsetzt. Den alten Mann hintergeht sie, indem sie mit seinem Gebrechen schnöden Missbrauch treibt, den eigenen Sohn bringt sie um sein Recht und seinen Segen und den Liebling ihres Herzens verführt sie zur Sünde gegen Vater und Bruder und häuft dadurch der Fluch solch sittlich korrumpierender Mutterschwäche unendlich viel Leid auf sich und ihn.

Rebekkas Vorliebe für den durch seine stillere und zahmere Art zum Muttersöhnchen geeigneten Jakob (1 Mos. 25,27 u. 28) wurde dadurch noch erhöht, dass der ohnehin unbändige Esau ihr auch noch zwei unbotmäßige kanaanitische Schwiegertöchter und damit viel Herzeleid ins Haus brachte (1 Mos. 26,34 u. 35). Dennoch lässt sich ihr Benehmen in keiner Weise rechtfertigen. Die Bibel versucht das auch gar nicht. Rebekka muss, gerade wie die ersten Sünder, die buchstäbliche Wahrheit des Wortes fühlen: „welchen Tages (Gott hätte auch sagen können: zu welcher Stunde) du davon isst, wirst du des Todes sterben“. Darauf deuten auch als feine Beobachter die beiden bekannten Bibel-Illustratoren, Schnorr und Doré, hin; sie lassen nämlich die Rebekka, voll Furcht, ihre schlaue Intrige möchte durch unvermutet schnelle Rückkehr Esaus noch im letzten Augenblick vereitelt werden, während Jakob den erschlichenen Segen empfängt, ängstlich Wache stehen. Bei Schnorr blickt sie scheu um sich, indem sie Jakob einen Wink gibt, es sei keine Zeit zu verlieren; bei Doré steht sie unter der Tür und hält die Hand auf das klopfende Herz. Das Gewissen reagiert sofort, und die Strafe folgt der Sünde auf dem Fuß. Den geliebten Jakob muss die Mutter selbst, um ihn vor Esaus Rache zu sichern, auffordern: „mache dich auf und fliehe zu meinem Bruder Laban in Saran.“ Sie tröstet sich zwar mit der süßen Hoffnung, dass sie ihn bald wieder werde heimrufen können und versucht die innere Unruhe mit dem Gedanken zu beschwichtigen, es sei besser, Jakob wandere aus, als wenn er bei ihr bliebe und ihr etwa auch durch eine Missheirat mit einer unartigen Hethiterin das Leben sauer mache (1 Mos. 27,43-46). Allein Jakob kam zu ihren Lebzeiten nicht mehr zurück. Fern von ihm, den nagenden Wurm im Herzen, dass sie die Ursache seiner Missgeschicke sei, musste sie ihre Tage bei den beiden von ihr so arglistig Hintergangenen, Isaak und Esau, beschließen und hat wohl noch oft seufzen müssen: „mich verdrießt zu leben mit den Töchtern Heths“, zu welchen Esau überdies später noch zwei Ismaelitinnen hinzufügte.

Für Jakob aber kamen als bittere Frucht seiner Hinterlist lange und prüfungsvolle Dienstjahre, wo nun er überlistet wurde. Zwar hatte er das Glück, noch bevor er Haran erreichte, seine Base Rahel anzutreffen, welche sämtliche Erfordernisse der Schönheit an sich vereinigte: einen schönen Wuchs und ein schönes Antlitz. Luther übersetzt: „Rahel war hübsch und schön“ (1. Mos. 29,17). Sofort verliebte Jakob sich in sie, und als Laban nach kurzer Frist einen Dienstvertrag mit ihm schloss, versprach ihm Jakob, sieben Jahre um sie zu dienen. Von ihrer älteren Schwester, der Lea, wollte er nichts wissen, dieselbe hatte nämlich, wenn auch vielleicht nicht, wie es bei Luther heißt, „ein blödes Gesicht“, so doch nach dem Grundtext jedenfalls glanzlose Augen, mithin einen im Orient, wo das Publikum nichts als eben die Augen zu sehen bekommt, besonders großen Mangel. Die sieben Jahre, nach heutigen Begriffen eine grausam lange Zeit, wurden dem Jakob durch seine Liebe zu Rahel und wohl auch durch ihre Liebe zu ihm so versüßt, dass es ihn dünkte, es seien nur sieben Tage (1 Mos. 29,20). Als sie aber im waren, bekam er nicht Rahel, sondern musste sich zunächst, freilich nur für eine Woche, mit Lea begnügen. Und auch dann gab ihm Laban die geliebte Rahel nur unter der Bedingung, dass er weitere sieben Jahre sein Knecht sei.

Das Verhältnis, in welchem nun die beiden Schwestern als Gattinnen des Patriarchen zu einander standen, war das der gewöhnlichsten Eifersucht. Zwar verlieh Gott der Lea als Entschädigung dafür, dass Jakob die Rahel lieber hatte, reicheren Kindersegen. Sie schenkte ihrem Manne sechs Söhne, Rahel nur zwei; und wenn auch Jakob den beiden Rahelssöhnen den Vorzug gab, so befanden sich dagegen unter denen der Lea die beiden, deren Nachkommen später unter dem Volk Gottes die größte Bedeutung gewonnen haben: Levi und Juda. Nicht die schöne Rahel, sondern die zurückgesetzte, aber gottesfürchtige Lea ist die Ahnmutter des großen Königs David und des noch viel größeren Davidssohnes, „aus Juda aufgegangen.“ Bei Gott ist kein Ansehen der Person, er brachte Lea zu Ehren, weil sie sich auf ihn verließ und nie vergaß, ihm auch dadurch zu danken, dass sie allen ihren Söhnen Namen von frommer Bedeutung gab (1 Mos. 29,32-35). Rahel dagegen mit ihren bloß äußeren Vorzügen wurde für die abergläubische Anhänglichkeit an die Hausgötzen ihres Vaters und für die unsaubere List, mit welcher sie bei deren Entwendung ihren listigen Vater noch überlistete (1 Mos. 31), schließlich auf die für sie empfindlichste Weise gestraft: sie musste erfahren, dass der von einem schwachen Jakob zum Israel erstarkte Mann die Unreinheit abgöttischen Wesens auch an ihr nicht duldete; höher als die liebende Treue, die Jakob seiner Rahel während sieben Jahren bewies, stellen wir mit der Schrift den Mannesmut, mit dem er auch dem. „Weibe in seinen Armen“ (5 Mos. 13,6) die Götzenbilder und die heidnischen Ohrenringe wegnahm und unter der Eiche bei Sichem vergrub (1 Mos. 35,4). Rahel starb bei Benjamins Geburt und wurde bei Bethlehem begraben. Lea dagegen wurde in der Patriarchengruft bei Hebron beigesetzt (1. Mos. 49,31).

Durch die merkwürdigen Schicksale von Rahels älterem Sohne Joseph kam Israel nach Ägypten, und durch einen Nachkommen der Lea, den durch Vater und Mutter von Levi stammenden Mose, wurde die zum Volk angewachsene Familie nach Kanaan zurückgeführt. Bei beiden Ereignissen brauchte Gott ägyptische Frauen zu Werkzeugen: dort die frivole Frau des Potiphar, hier die menschenfreundliche Tochter Pharaos. Dieser Letzteren sind wir schon darum eine dankbare Erwähnung schuldig, weil wir ihrem warmen Interesse für ein wimmerndes Kindlein die ältesten Stücke der heil. Schrift zu verdanken haben. Sie nämlich war es, die den glücklich geretteten und in ihrem Auftrag von der Mutter Jochebed und der Schwester Mirjam während der ersten Lebensjahre selbstverständlich treu besorgten Mose als ihren Adoptivsohn (2 Mos. 2,10) erziehen ließ und so unter providentieller Leitung diesen Sohn Israels weit über das Niveau seines in sklavischer Unwissenheit gehaltenen Volkes zu „aller Weisheit der Ägypter“ (Apostelg. 7,22), d. h. zur höchsten Höhe damaliger Bildung emporhob. Diese ägyptische Weisheit hat einerseits als der nicht zu unterschätzende menschliche Teil der Ausrüstung Moses ihn fähig gemacht, sein ganzes Volk auf die Dauer zu beherrschen. Und andererseits ermöglichte sie ihn, schriftliche Aufzeichnungen zu machen, welche ohne Zweifel einen ansehnlichen Bruchteil des Pentateuchs ausmachen, und um welcher willen derselbe den Namen der fünf Bücher Mose erhielt.

Unter den Töchtern Israels aus der Zeit des Auszugs ragt nur eine hervor: Moses Schwester Mirjam. Seine Frau, die Zippora, die nicht einmal seinem Volk entsprossen war, ist eigentlich erst in Folge ganz moderner Dichtungen überhaupt wieder genannt worden. Mose teilt in diesem Stück das Los vieler großer Männer. Unbeansprucht von geistigen Bedürfnissen in der eigenen Häuslichkeit, sollen solche Männer offenbar gänzlich dem großen Ganzen angehören. So ist es denn auch gewiss nicht von ungefähr, dass Mose eine höchst unbedeutende Frau hatte. Seine selbstständige Schwester Mirjam dagegen nahm teils als kräftige Hilfe, teils als heilsames Gegengewicht eine namhafte Stellung neben ihm ein. In ersterer Hinsicht sehen wir sie gleich nach dem Zuge durchs rote Meer mit der Pauke in der Hand den Reigen der Frauen ihres Volkes anführen und hören sie den Lobgesang anstimmen: „Lasst uns dem Herrn singen, denn Er hat eine herrliche Tat getan, Mann und Ross hat Er ins Meer gestürzt“ (2 Mos. 15,20.21). Aus diesem Vorgang bildete sich dann später ein im Alten Testament mehrfach erwähnter regelmäßiger Anteil der Frauen und Jungfrauen aus dem Stamme Levi am Tempeldienst und bei Volksfesten heraus, und es ist Mirjam somit als Begründerin dieses weiblichen Levitentums anzusehen. Um der begeisternden Wirkung willen, die sie in solcher Weise auf das oft sehr gedrückte Volk ausübte, wird sie (2 Mos. 15,20) eine Prophetin genannt und von Micha (6,4) in ehrender Weise neben Mose und Aaron als eine von Gott zur Erlösung des Volkes Gesandte bezeichnet. Als sie aber einmal auch in anderer Weise Prophetin sein und in törichter Selbstüberschätzung sich gegen Mose auflehnen und ihm gleichstellen wollte, da ließ zwar Gott Solches zu, um seinen treuen Knecht zu prüfen und zu läutern, über sie aber ergrimmte der Zorn des Herrn, und sie ward aussätzig wie Schnee. Welch große Liebe Mose dennoch zu ihr hatte, zeigte seine innige Fürbitte für sie. Und der Umstand, dass das Volk nicht weiter zog, bis die geheilte Mirjam mitreisen konnte, beweist am besten, wie sehr sie geschätzt war (4 Mos. 12).

Das mosaische Gesetz enthält zum Schutz des weiblichen Geschlechtes die schärfsten Strafbestimmungen. In Anlehnung an das fünfte Gebot und in unmittelbarem Anschluss an die zehn Gebote heißt es 2 Mos. 21,15 u. 17: „Wer seinen Vater oder seine Mutter schlägt, der soll des Todes sterben“, und „wer Vater oder Mutter flucht, der soll des Todes sterben“. Neben der allgemeinen Einschärfung unbedingter Ehrerbietung gegen Vater und Mutter finden wir im ganzen Alten Testament die gehorsame und zärtliche Liebe zur Mutter mit besonderem Nachdruck gefordert. David z. B. weiß, um die Tiefe seiner Betrübnis und die Größe seines Elendes vor Gott zu bringen, in dem Gebet Ps. 35, V. 14 keinen plastischeren Ausdruck als den: „Ich ging traurig, wie Einer der Leid trägt über seine Mutter“; und Hesekiel (22,7) führt unter den ärgsten Gräueln der Vornehmen von Jerusalem mit größter Entrüstung auch den an: „Vater und Mutter verachten sie“. Den modernen Juden aber darf man das Ehrenzeugnis nicht versagen, dass sie in dieser Beziehung noch immer streng nach Gesetz und Propheten leben. Der großmächtigste israelitische Geldfürst unternimmt nichts von irgend welcher Wichtigkeit ohne den Segen seiner Mutter dazu geholt zu haben; die Mutter, und wenn sie das einfältigste Krämerweiblein wäre, sie und nicht die Frau, auch nicht die distinguierteste2) Fremde führt er zum Ehrenplatz an seinem Tisch und begrüßt sie vor Jedermann beim Kommen und beim Gehen mit unterwürfigem Handkuss. Wenn auch einige Ostentation3) dabei ist, was schadets? Vielleicht hat gerade diese Ostentation einen pädagogischen Wert, um die kindliche Ehrerbietung von Geschlecht zu Geschlecht fortzupflanzen. Mich wenigstens hat, als ich Solches im Hause eines Nürnberger Handelsherrn zum ersten Mal näher zu beobachten Gelegenheit hatte, beim Gedanken an manche sogenannte christliche Familien tiefe Beschämung ergriffen.

Auch zu Gunsten der Witwen finden sich im mosaischen Gesetz und bei den dasselbe bestätigenden Propheten eine Reihe schöner Bestimmungen. Den Witwen zu ihrem Recht zu verhelfen gilt im ganzen Alten Testament als eine Gott besonders wohlgefällige und auch in den Augen der Gemeinde ehrenvolle Sache, das Gegenteil aber, namentlich das Bedrücken und Auspfänden von Witwen, als entsetzliche Versündigung, welche Gott, der Richter der Witwen, rächen werde. Den Witwen kam auch die Einführung der Leviratsehe zu gut. Durch das diesbezügliche Gesetz (5 Mos. 25,5 ff.) verfügte nämlich Mose, dass wenn Einer ohne Kinder sterbe, sein Bruder die Witwe heiraten solle.

Was aber die mosaische Ehegesetzgebung anbetrifft, so wird darin die Frau unverhältnismäßig strenger behandelt als der Mann; jedenfalls wird die Sittenreinheit der Ehefrau aufs Unerbittlichste gefordert. Jedoch wird unleugbar schon im Alten Testament die Ehe Eines Mannes mit Einer Frau als das Richtige betont und auch im Allgemeinen innegehalten, auch wird der Familie, beziehungsweise dem Besitzer eines in seiner Ehre verletzten Mädchens das Recht eingeräumt, Entschädigung zu fordern.

Manches, was uns Christen und besonders dem christlichen Zartgefühl der Frau höchst anstößig ist, kommt im Alten Testament ohne Rüge davon; doch wird nirgends der Zuchtlosigkeit irgendwie das Wort geredet, und unter den vielen hervorragenden Frauengestalten der ganzen alttestamentlichen Theokratie ist nur eine Einzige, deren guter Ruf mit Recht kann angegriffen werden: jene Buhlerin von Jericho, Namens Rahab. Von ihr berichtet das Buch Josua (Kap. 2), dass sie durch die Kunde von den Machttaten Jehovas zur Überzeugung gekommen sei, der Gott Himmels und der Erde habe das Land Kanaan den Israeliten zu eigen gegeben, dass sie diesen Glauben durch ihre Mitwirkung bei der Eroberung betätigt habe und dass sie samt ihrer ganzen Familie zum Lohn dafür bei der Zerstörung Jerichos und der Vertilgung seiner Einwohner verschont worden sei. Das Neue Testament führt sie deswegen wiederholt (Hebr. 11,31 u. Jak. 2,25) als Beispiel dafür an, dass und in wiefern der wahre, durch Werke tätige Glaube eine rettende, seligmachende Kraft besitzen könne.

Aus der bewegten Zeit der Richter ist natürlich vor allen Anderen Debora hervorzuheben, welche sich selbst den Ehrennamen der „Mutter in Israel“ verleiht. Sie ist die einzige Frau, die wir als Führerin des Volkes Gottes auftreten sehen. An ihr ist zunächst das der Beachtung wert, dass sie nicht wie die Heldenweiber anderer Nationen, nicht wie die ihr wohl am ehesten vergleichbare Jungfrau von Orléans und Andere eine vestalische Jungfrau4), sondern eine verheiratete Frau war. Auch darf nicht übersehen werden, dass sie sich nicht selbst an die Spitze des israelitischen Heeres stellte, sondern sie berief, nachdem sie durch ihre prophetischen Gaben zum richterlichen Ansehen gelangt war, den Barak als Feldherrn. Erst, als sie sah, dass es diesem an Glaubens-Mut fehle, gegen die gewaltige Heeresmacht des neugekräftigten kanaanitischen Königreichs im gläubigen Vertrauen auf die Hilfe des HErrn auszuziehen, entschloss sie sich den Kriegszug mitzumachen (Richter 4). Als es ihrem geistesmächtigen Anregen, Anfeuern und Anordnen gelungen war, die gegnerische Macht zu Boden zu werfen, da sang sie jenes herrliche Siegeslied (Richter 5), dessen glühender Patriotismus und schwungvolles Pathos noch heute die Bewunderung des einfachsten Volks-Mannes wie der größten Poesie-Kenner ausmachen. Der Gegensatz zwischen den tapferen Frauen und den erbärmlichen Männern jener Tage, welche sich sogar - man denke an Simson - von schönen Weibern der Philister überwinden ließen, dieser Gegensatz wird in der Geschichte der Debora dadurch noch verschärft, dass Debora nicht an Barak oder einem andern israelitischen Helden, sondern an einer nichtisraelitischen Frau Namens Jael die beste Hilfe hatte. Diese nämlich lud den kanaanitischen Feldhauptmann Sissera mit listiger Zutraulichkeit ein, in ihrem Zelte Rast zu halten, und schlug ihm dann während des Schlafs mit dem Hammer den Zeltpflock in die Schläfe. Es kommt im weiteren Verlauf des Richterbuches noch eine solche weibliche Figur wie Jael vor: jenes Weib, das Israel von dem Tyrannen Abimelech, dem Sohne und Nachfolger Gideons, befreite, indem es ihm von einem Turm herab die Hälfte eines Mühlsteins auf den Schädel warf (Richter 9,53). Wir spätgeborenen Menschenkinder mögen ob solchen alttestamentlichen Schreckenstaten schaudern, zumal wenn Frauen sie zu tun berufen werden. Allein, wenn wir dann am Ende einer solchen Erzählung Worte lesen von der Inhaltsschwere der Einen Zeile, mit welcher die Geschichte der Debora schließt: „und das Land war stille (hatte Frieden) vierzig Jahre“, so spricht der Erfolg so laut für diese gewaltigen Weiber, dass uns nichts Anderes übrig bleibt, als schweigend zu staunen.

Nicht so schrecklich dagegen, als Luther gemeint hat und als auch noch manche Zeitgenossen glauben annehmen zu müssen, ist die Geschichte von Jephtas Tochter (Richter 11). Da dieselbe auch ihnen vielleicht schon Mühe gemacht hat, so erlauben Sie mir mit einigen Worten darauf einzugehen. Jephta, einer der späteren Richter, hatte im Krieg gegen die Ammoniter das Gelübde getan: „wenn Gott gibt die Söhne Ammons in meine Hand, so wird Alles, was aus den Türen meines Hauses mir entgegenkommt, wenn ich als Sieger heimkehre, Gott angehören, ihm werde ich es darbringen als Opfer“. Jephta siegte; als er aber heimkehrte, wurden ihm nicht, wie gewöhnlich einem solchen Triumphator, die besten Beutestücke in feierlichem Zuge zuerst entgegengebracht, sondern gegen die Sitte der Zeit trat seine eigene Tochter voll Freude, den Vater wiederzusehen, zuerst heraus. „O meine Tochter“, ruft er da, „du hast mich tief gebeugt, du allein bist mein Bedränger; denn ich habe meinen Mund Gott geöffnet, ich kann nicht umkehren“. Und die Tochter ist nicht kleiner als der Vater, sie spricht: „so möge diese Sache mir geschehen, nur lass mich noch auf die Berge wandeln und weinen über meine Jungfrauschaft“. Dies Letztere zeigt deutlich, dass Jephta sie nicht getötet, sondern nur um seines Gelübdes willen zur Ehelosigkeit verurteilt hat. Die Ehelosigkeit aber galt der Tochter Jephtas als einer Tochter ihrer Zeit und ihres Volkes ärger als der Tod.

Sind die Frauengestalten, die wir bisher aus der Zeit der Richter an uns haben vorüberziehen lassen, als Vorbilder heutzutage kaum in entferntester Weise anwendbar, so zeichnet uns dagegen ein besonderes biblisches Buch, das kleine Büchlein Ruth, ein Frauenleben jener Tage, wie wir es uns lieblicher und erbaulicher nicht denken könnten. Übrigens ist in diesem israelitischen Familien-Idyll Ruth keineswegs die einzige anmutende weibliche Figur. Darauf hat mich, dass ich es nur gleich gestehe, eine schlichte Baselbieterin5) mit köstlicher Naivität hingewiesen. Derselben hatte ich nämlich nicht ohne guten Grund die fromme Ruth als eine exemplarische Schwiegertochter ins Gedächtnis zurückgerufen und sie namentlich auf den bei ihr gerade besonders gut zutreffenden Umstand aufmerksam gemacht, dass die in der Religion, den Sitten und Gebräuchen des Moabiterlandes aufgewachsene Ruth ihre ganze Art, alle Familientraditionen, alle Anschauungen und Angewöhnungen, der Schwiegermutter zu lieb aufgegeben und sich derselben in allen Teilen angepasst habe, so dass in Bethlehem nichts, aber auch gar nichts mehr von ihrem moabitischen Wesen sei zu bemerken gewesen. Darauf erhielt ich die kurze Antwort: „sälli Schwieger isch aber au derno gsi, Herr Pfarrer!“ Und in der Tat, Naemi war eine Schwiegermutter, die es der Ruth leicht machte, ihr zu folgen. Vor Allem war sie eine verständige Frau, die der Jugendlichkeit ihrer Schwiegertöchter Rechnung trug und ihnen kein Joch auflegen wollte. Als Arpa daraufhin von dannen ging und zu ihren väterlichen Hütten zurückkehrte, zeigte sich Naemi auch als eine wohlwollende Frau; sie zürnte der Heimkehrenden nicht, sondern ließ sie unbescholten ziehen. Was aber das Wichtigste ist, Naemi war eine fromme Frau, sie hatte einen Gott, und Ruth war offenbar im Verkehr mit ihr inne geworden, dass Naemi ihren Jehova nicht nur auf dem Heimatschein, sondern im Herzen trug. Und darum hat meine gescheite Baselbieterin Recht gehabt, als sie der ehrwürdigen Naemi ein Kränzlein wand; denn einer verständigen, wohlwollenden und frommen Schwiegermutter ist leichter gehorchen als einer eigensinnigen und arglistigen Rebekka, die eben an dem Missverhältnis mit den zwei Hethiterinnen auch wird schuld gewesen sein. Immerhin wird Naemi von der allgemeinen Regel keine Ausnahme gemacht und auch ihre „Mucken“ gehabt haben; und es bleibt das Lob der selbstverleugnenden, gehorsamen und dienstfertigen Ruth somit ungeschmälert. Bis ins Kleine und Kleinste richtet sie sich nach den Wünschen der Schwieger und nicht nur ihr, sondern ihrem ganzen Volk bis hinab zu den Schnittern, welche bei Boas im Taglohn arbeiteten, sucht sie sich angenehm zu machen. Und auch als sie sich mit genauer Befolgung der schwiegermütterlichen Vorschriften dem Boas auf eine, nach unsern heutigen, etwas gespannten Begriffen, unweibliche Art näherte und sich ihm zur Ehe anbot, tat sie es nur mit Hinweisung auf die mit den obenerwähnten Bestimmungen der Leviratsehe zusammenhängende damalige Sitte, ohne Prüderie, aber auch ohne die Grenzen der Zucht irgendwie zu überschreiten. Freilich ist auch Boas ein Muster von Zartgefühl, von Takt und weltmännischer Lebensart. Das sind die Urgroßeltern Davids. Kein Wunder, dass aus solch wahrhaft edlem Stammbaum ein Hirtenknabe wie er hervorgewachsen ist!

Davids geistlicher Vater aber, der reichgesegnete Samuel, bei dessen Tode Niemand in Israel sich dem Eindruck verschließen konnte, er sei ein großer Prophet gewesen, stand auf dem nämlichen festen Grund, auf dem so viele Säulen des Tempels Gottes ältester und neuester Zeit aufgebaut sind: auf den Gebeten einer frommen Mutter. Saul dagegen, auf welchen man das englische Sprichwort last not least in umgekehrter Weise anwenden kann, der erste und doch mitnichten der beste König in Israel, nahm seine letzte Zuflucht zu einer jener Mephistonaturen, die in weiblicher Gestalt doppelt garstig sind, trotzdem aber nicht aussterben wollen, weder in Höhlen wie jene zu Endor, noch in den Prunkgemächern der Spiritistenklubs. Auch Sauls Tochter war ein zweifelhafter Siegespreis für den jugendlichen Helden, auf den die Weiber in allen Städten Israels das Triumphlied von dem Überwinder der Zehntausend sangen. Michal war keiner tieferen Empfindung fähig. Dass ihre anfängliche Verliebtheit in David von ferne nicht wahre Liebe war, beweist der Umstand, dass sie das Schicksal der Verbannung nicht mit ihm teilen wollte und gleich nach seiner Flucht einen Andern heiratete. Man kann es nur bedauern, dass David sie nach seiner Erhebung auf den Thron, diesem, der sie so gern behalten hätte, nicht gelassen hat. Sie hatte für sein Bestes, die kindliche Freude an seinem Gott, nicht das mindeste Verständnis; aus einfältigem Stolz verbitterte sie ihm einen der erhebendsten Augenblicke seines Lebens, die Heimkehr mit der Bundeslade, durch frivolen Spott. David hatte überhaupt mit den Frauen kein Glück; die verhältnismäßig beste unter seinen vielen Gattinnen war Abigail, der nicht nur außerordentliche Schönheit und seltene Klugheit, sondern namentlich die Krone der weiblichen Tugenden, eine große Aufopferungsfähigkeit, nachgerühmt wird. Der traurige Roman mit Bathseba zeigt uns übrigens deutlich genug, dass David an allem Jammer, den er in seiner eigenen Familie erleben musste, selbst schuld war. So sehr er übrigens der orientalischen Schwachheit für schöne Frauen huldigte bis in sein hohes Alter, ja bis zu seinem Sterbebett, an das er noch eine sunamitische Schönheit namens Abisag berief, so blieb David doch stets nicht nur der männlich tapfere Kriegsheld, sondern der gottesfürchtige und aufrichtig fromme Mann. Der prachtliebende Salomo dagegen brachte in Israel den gegen alles Andere, auch gegen Gottes Gebot blinden Kultus der weiblichen Schönheit in Schwang und stieg bekanntlich, besonders in vorgerückten Jahren, in dieser Beziehung noch viel mehr als sein Vater auf die Stufe eines gewöhnlichen morgenländischen Fürsten hinab. Beide, David und Salomo, waren im Gegensatz zu dem gewöhnlichen Lauf der Welt in ihrer Jugend entschiedenere Gottesmänner als in ihrem das Sprichwort bestätigenden Alter. Auch das Beste und Kraftvollste, was an poetischen Erzeugnissen von ihnen in der Bibel überliefert ist, stammt offenbar aus ihren früheren Tagen.

In Hinsicht auf Frauenliebe und Frauenleben war bekanntlich das Zeitalter Salomos dichterisch besonders fruchtbar, zum Teil ein Beweis, wie die Menschen ihrem eigenen Leben zum Trotz die besten Einsichten haben können, zum Teil offenbar hervorgerufen durch den Gegensatz der Wirklichkeit und durch das Gefühl der Leere, das jeder bloß sinnliche Genuss zurücklässt. Doch liegt, wie gesagt, die Annahme sehr nahe, dass die Sprüche und das hohe Lied aus Salomos besserer Zeit stammen, jene mit ihren scharfen Sentenzen gegen schöne Frauen ohne Zucht und mit dem klassischen Lob eines tugendsamen Weibes, dieses das schönste und zarteste Minnelied aller Völker und aller Zeiten. Hoffentlich hat auch der vortreffliche Aufsatz unseres Herrn Prof. von Orelli, der Ihnen leider (weil in Herzogs theol. Encyklop. VI. 245 ff.) nicht zugänglich ist, etwas dazu beigetragen, dass der alte orthodoxe Wahn bald gänzlich verschwindet, als ob man das Lied der Lieder, um sein Dasein in der Bibel zu rechtfertigen, mit erkünstelter Allegorie auf Christum und die Gemeinde anwenden müsse. In dem hohen Lied wird kein Anderer als Salomo besungen, wie er eine reinere und heiligere Liebe sucht, als er sie in seinem Hofstaat fand und wie er eben deshalb sich herablässt, eine schlichte Tochter aus dem Volk, die Sulamith, zur höchsten Ehre zu erheben, weil sie ihm die weibliche Liebe in vollkommener Reinheit bietet. „Es ist“, sagt Orelli, „die bräutliche Liebe mit ihrem Sehnen und Hoffen, ihrem Suchen und Finden, ihren Enttäuschungen und Überraschungen, mit ihrer seligen Hingebung und Selbstentsagung, die keusche Minne, welche als Gottesflamme nichts Unreines an sich duldet und durch ihre Macht alle Kluft der Erde überwindet, was uns hier dargestellt wird. Dieser Gegenstand ist an sich der Bibel durchaus nicht unwürdig, zumal der Gegensatz zur bloß sinnlichen unechten Liebe (6,8 f.; 8,8 f.) dem Gedicht eine sittliche Wirkung sichert.“

Leider waren diese edleren Regungen der salomonischen Zeit nur das letzte Aufflackern vor dem gänzlichen Erlöschen. Die späteren Blätter der israelitischen Geschichte bringen neben den Schreckensgestalten von Königinnen wie Isebel und Athalia, nur noch sehr vereinzelte liebliche Bilder weiblichen Lebens: die frommen Frauen, mit denen Elias und Elisa verkehrten, das gottesfürchtige, israelitische Mägdlein im Hause des Naeman, die ernste Prophetin Hulda. Kein Wunder, dass in den Propheten wenig Aufhebens von den Frauen gemacht wird, und dass namentlich Jesaja, abgesehen von der ergreifenden Frage (49,15) „kann auch ein Weib ihres Kindlein vergessen?“ nicht gut auf die Frauen zu sprechen ist. Die ausführliche Schilderung, die er Kap. 3 von dem übertriebenen Luxus der Töchter Zions entwirft, hat für uns insofern etwas Tröstliches, als wir sagen können: es gibt nichts Neues unter der Sonne!

Dasjenige Buch, das den Übergang zwischen Kanon und Apokryphen bildet, das Buch Esther, lehrt uns nach langer Unterbrechung wieder eine hochgestellte Frau kennen, welche andere Interessen hat als die der Üppigkeit. Schon der Mut, mit welchem Esther der höfischen Etikette Trotz bietet, erhebt sie zum Rang einer seltenen Frau. Ohne auf ihre eigene Sicherheit Rücksicht zu nehmen, wagt sie es, sich offen zu ihren schon dem Untergang geweihten Volksgenossen zu stellen und den Kampf mit dem allmächtigen Minister aufzunehmen, was Alles in Anbetracht der Abgeschlossenheit eines orientalischen Fürstenharems doppelt rühmlich ist. Israel hat ihr denn auch ihre Befreiungstat nicht vergessen.

Was schließlich die Frauengestalten der Apokryphen anbetrifft, so erinnert die Erzählung von der tapferen Judith, welche den Holofernes meuchlings enthauptete, in fast auffälliger Weise an die ähnliche blutige Episode aus der Richterzeit. Anmutend sind die beiden Frauen aus der Familie des Tobias: die fleißige Hanna, die ihren blinden Mann mit Spinnen ernährte, und die gottesfürchtige Sara, die ihr Vertrauen unentwegt auf den HErrn setzte und zum Lohn dafür von ihrer Schmach erlöst wurde. Mit Befriedigung lesen wir auch, wie die hart angefochtene Unschuld der Susanna um ihres standhaften Glaubens willen an den Tag kommt.

Auch ein leuchtendes Vorbild hehren Märtyrertums ist in den Apokryphen enthalten: jene Mutter mit ihren sieben Söhnen, von denen uns das zweite Makkabäerbuch (Kap. 7) erzählt. Dass die glaubensstarke Mutter mit ihren sieben Knaben gerade deshalb so qualvoll sterben muss, weil sie das Speisegebot des mosaischen Gesetzes nicht übertreten und kein Schweinefleisch essen wollte, berührt uns dagegen fast komisch.

In dem viel zu wenig gelesenen Buche Sirach endlich, das den salomonischen Sprüchen an markiger Kraft nicht immer gleichkommt, dennoch aber durchgängig und in oft überraschend treffender Weise praktische Lebensweisheit darbietet, wird die Frau durchaus nicht vergessen und besonders bösen Weibern übel mitgespielt. In den kanonischen Büchern des Alten Testaments ist die böse Sieben des guten Hiob die einzige Repräsentantin dieser Gattung. Dass sie ihm blieb, als Gott ihm sonst Alles nahm, war gewiss nicht sein kleinstes Leiden. Erklärt doch der tapfere Siracide6), er wolle lieber bei Löwen und Drachen wohnen als bei einem zänkischen Weib; „wenn die böse wird, so verstellt sie ihre Gebärde und wird so scheußlich wie ein Sack. Ihr Mann muss sich ihrer schämen, und wenn man es ihm vorwirft, so tut es ihm im Herzen weh. Ale Bosheit ist gering gegen der Weiber Bosheit; es geschehe ihr, was den Gottlosen geschieht. Ein schwatzhaftes Weib ist einem stillen Mann, wie ein sandiger Weg aufwärts einem alten Mann. Lass dich nicht betrügen, dass sie schön ist und begehre ihrer nicht darum“ (25,22-27). So wird am Schluss des Alten Testaments noch einmal und zwar mit aller nur wünschbaren Deutlichkeit Zeugnis abgelegt gegen die bloß äußerliche Anschauungsweise, welche die alten Väter von Israel den Frauen entgegenbrachten, gegen das einseitige Hervorheben der weiblichen Schönheit, das uns bei den Büchern des alten Bundes oft etwas zurückstößt, das aber eben zu der niedrigeren Stufe desselben gehört.

Riggenbach, Bernhard - Frauengestalten aus der Geschichte des Reiches Gottes - II. Die Frauen im Leben Jesu.

„Selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören. Wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt zu sehen, das ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, das ihr hört, und haben es nicht gehört“ (Matth. 13,16 und 17): so redet unser Herr und Heiland selbst von seinen Zeitgenossen und weist damit namentlich seiner näheren Umgebung und also auch den Frauen derselben eine bedeutungsvolle Stellung an. Wie aus dem Zusammenhang (V. 18) hervorgeht, so ist jene Seligpreisung aufzufassen als eine ernste Mahnung an seine Jünger und Jüngerinnen, mit sehenden Augen und hörenden Ohren auch wirklich zu sehen und zu hören. Jesus will sie zu einem mehr als bloß äußerlichen Anschauen und Anhören, zu einem eigentlichen Einsehen und innerlichen Erfassen seiner selbst, seines Wandels und seiner Lehre anregen, indem er ihnen zu Gemüte führt: was ihr jetzt als Augen- und Ohrenzeugen miterlebt, das zu sehen und zu hören ist der höchste Wunsch und das tiefste Sehnen der geistreichsten und frömmsten Männer und Frauen der Vergangenheit gewesen. Allein, nicht genug, in solcher Weise den Genossen seines Lebens im Vergleich zu den bedeutendsten Menschen der Vergangenheit einen bevorzugten Rang eingeräumt zu haben, weissagt er seinen eigentlichen Anhängern auch für die fernste Zukunft geradezu bleibenden Ruhm. Und zwar ist das bezügliche Verheißungswort, wie Sie wohl wissen, gerade im Blick auf eine Frau aus Jesu Mund hervorgegangen. Die opferfreudige Maria von Bethanien war es, deren sinniges Verständnis für seine Situation ihm das große Wort entlockte: „Wahrlich, ich sage euch: wo dies Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird auch von dem, was diese getan hat, geredet werden zu ihrem Gedächtnis“ (Mark. 14,9).

Jesus Christus ragt auch in der Hinsicht über alle anderen Berühmtheiten weit hinaus, dass er seine Umgebung nicht despotisch bei Seite geschoben und selbstgefällig verdunkelt, sondern im Gegenteil zur Mitwirkung an seiner großen Lebensaufgabe herbeigezogen und nach Maßgabe ihrer Treue sogar öffentlich anerkannt hat. Dies gilt namentlich auch von den Frauen, die ihm nahe standen, von seiner Mutter und seinen Jüngerinnen, die er mit rücksichtsvollstem Zartsinn behandelte. Dabei ist aber Eines wohl zu beachten: wo immer Jesus Frauen ans Licht gezogen, belobt, bevorzugt und in Schutz genommen hat, da geschah es doch nie wegen ihrer äußeren Beziehungen zu ihm, sondern nur wegen ihrer völligen Hingebung an seines Vaters Willen. Es war dem Franzosen Renan vorbehalten, den Verkehr Jesu mit seinen Jüngerinnen, zwar nicht geradezu frivol, aber doch sehr romanhaft so darzustellen, als ob Jesus sie um äußerer Vorzüge willen in seinen Kreis gezogen hätte. Trefflich erklärt ein anderer Franzose, Mr. de Pressensé (Jésus-Christ p. 448), es sei unnötig, Jesum gegen solchen Verdacht in Schutz zu nehmen: „La justification à elle seule serait déjà une impiété.“ Zwar erwähnt das Evangelium (Luk. 8,3), dass Johanna, die Gattin des vornehmen herodianischen Beamten Chusa, ferner Susanna und noch andere wohlhabende Frauen ihm Handreichung getan von ihrer Habe und es ihm so ermöglicht hätten, gänzlich seinem prophetischen Beruf zu leben, ohne weiter in der Wertstätte Josephs arbeiten zu müssen. Allein zunächst wird an jenen galiläischen Weibern nicht diese Fürsorge für Jesu Lebensunterhalt, sondern das rühmlich hervorgehoben, dass sie ihm nachfolgten durch Städte und Märkte, um seiner Verkündigung des Evangeliums vom Reiche Gottes zu lauschen (Luk. 8,1), und dass sie ihm mit Überwindung der natürlichen weiblichen Zaghaftigkeit auch dann treu blieben, als die große Katastrophe hereinbrach, und starke Männer Mut und Zuversicht verloren (Luk. 24,10). Das Beispiel der Martha zeigt uns deutlich, wie wenig Wert in Jesu Augen der bloße äußere Dienst selbst dann hatte, wenn er viel Sorge und Mühe in sich schloss (Luk. 10,41). Und als ein Weib aus dem Volk, hingerissen von einem Ihnen allen gewiss sehr verständlichen Enthusiasmus, um Jesu willen auch für seine Mutter zu schwärmen anfing und jenen bekannten, pathetischen Ausruf tat (Luk. 11,27), da ließ es der HErr an dem nötigen „Dämpfer“ nicht fehlen und wies der Begeisterung den richtigen Weg mit den nüchternen Worten: „Ja selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren“ (Luk. 11,28). Trotzdem hat aber jenes Weib, eben weil seine Art eine volkstümliche, dem ans Äußerliche sich haltenden, natürlichen Menschenwesen sympathische war, in der Folgezeit unzählige Gesinnungsgenossen erhalten, und es ist besonders die römisch-katholische Kirche, welche bis auf diesen Tag den dort vom HErrn verurteilten Marienkultus hegt und pflegt und sich damit, wie sie es auch beabsichtigt, namentlich beim weiblichen Geschlecht einschmeichelt und populär macht.

Während sich die Apostel und ihre Schüler, wie wir nachher aus der Betrachtung der evangelischen Berichte deutlich sehen werden, in dieser Beziehung durchaus nüchtern verhielten, finden wir schon am Ende des zweiten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung die Tendenz, die Mutter Jesu ihrem Sohne gleichzustellen und ihr einen wesentlichen Anteil an dem Erlösungswerk zuzuschreiben. Es entstanden apokryphische Evangelien mit genauen Details über die ganze Lebensgeschichte der Maria, meist solchen, die den einzelnen Begebenheiten des Lebens Jesu in greifbarster Weise nachgedichtet sind. Dieselben haben namentlich insofern ein allgemeineres Interesse, weil sie von den hervorragendsten Künstlern des Mittelalters und der Renaissance zum Gegenstande von teilweise mit Recht berühmten Darstellungen gemacht worden sind.7)

Der Gang der vielfach illustrierten Erzählung ist kurz folgender: Marias in den Evangelien ebenfalls nicht genannter Vater Joachim will im Tempel zu Jerusalem ein Opfer darbringen, wird aber vom Hohenpriester zurückgewiesen, weil seine Ehe nicht mit Kindern gesegnet sei. Traurig ob dieser Schmach wagt der Abgewiesene nicht in sein Haus zurückzukehren, sondern geht hinaus in die Einöde zu seinen Hirten und Herden. Während er hier einsam trauert, lebt Anna, seine Frau, zu Hause in großer Sorge um ihn, da sie nicht weiß, wo sie ihn suchen soll. Doch nach einigen Monaten wird beiden an ihrem Ort die Erscheinung eines Engels zu Teil, der ihnen die Geburt der Maria verheißt und sie auffordert, zum goldenen Tor beim Tempel zu gehen, wo sie sich begegnen werden. Dies geschieht, und bald darauf wird Maria geboren. Durch ein Gelübde der Eltern dem Dienst des Tempels geweiht, wird sie als dreijähriges, aber frühreifes Kind feierlich dem Hohenpriester übergeben und ersteigt bei diesem Anlass, zu Jedermanns Erstaunen, ganz allein die fünfzehn hohen Stufen, welche zum Tempel hinaufführen. Im Tempel wächst sie heran, einer Taube gleich, und empfängt ihre Speise aus Engels Hand. Bis zu ihrer Verheiratung mit Joseph beschäftigt sie sich nebst sechs andern Jungfrauen mit dem Weben eines neuen Tempelvorhangs. Bei dieser Arbeit empfängt sie den englischen Gruß. So weit hat diese apokryphische Lebensgeschichte der Maria den Charakter einer ziemlich harmlosen Sagendichtung. Der weitere Verlauf der Legende dagegen ist unverkennbar aus der in weit bedenklicherer Weise von dem Heidentum herübergenommenen Tendenz hervorgegangen, Maria zu einer Göttin mit den besten Attributen aller olympischen Frauen herauszustaffieren. Da in den Evangelien von Geschwistern Jesu die Rede ist, Maria aber durchaus den Nimbus ewiger Jungfräulichkeit erhalten sollte, so wurde folgende Heiratsgeschichte erfunden: Marias Vetter, der Priester Zacharias, erhält von einem Engel den Befehl, sämtliche Witwer Jerusalems zusammenzurufen und ihre Stäbe im Tempel zu weihen. Er tut dies, und siehe da - aus dem Stab des greisen Zimmermanns Joseph fliegt eine Taube hervor und setzt sich diesem aufs Haupt, zum Zeichen, dass er es sei, unter dessen frommem Schutz der Sohn Gottes geboren werden und aufwachsen solle. Auch den Schluss der Legende bilden eine Reihe von Wundern, und zuletzt wird berichtet, Maria sei wie ihr Sohn nach drei Tagen auferstanden und gen Himmel gefahren. Als der mithin von seinem Unglauben immer noch nicht geheilte Thomas ihre Gruft geöffnet habe, sei dieselbe mit duftenden Rosen angefüllt gewesen.

Zwar fehlte es nicht an einzelnen Stimmen, welche gegen diesen Unfug, von den ich immerhin hier aus Rücksicht auf Ihr Zartgefühl verhältnismäßig nur sehr Weniges mitgeteilt habe, Einsprache erhoben. Allein dieselben wurden am Schlusse des vierten Jahrhunderts von der Gesamtkirche unter dem Namen der Antidikomarianiten8), d. h. derjenigen, welche der Maria die schuldige Ehrerbietung versagen, als Ketzer gebrandmarkt. Und am Anfang des fünften Jahrhunderts erledigte das Konzil von Ephesus, 431, bei Weihrauchduft und Fackelschein, die unter den Theologen jener Zeit entstandene Streitfrage, ob Maria bloß Christusmutter oder Gottesmutter zu nennen sei, im Sinne der letzteren Ansicht. Auf die Verhandlungen, welche dieser Entscheidung vorangingen, ist man versucht, ein treffendes Witzwort des seligen Dr. Luther anzuwenden. Als dieser nämlich einst gefragt wurde, was denn der liebe Gott vor Erschaffung der Welt getan habe, gab er die kurze Antwort: „er saß in einem Birkenwäldchen und schnitt Ruten für Leute, die unnütze Fragen tun.“ Im späteren Mittelalter wiederholte sich der theologische Skandal noch mehrere Male, und es erhitzte die Gemüter namentlich die Frage, ob auch Maria gleich ihrem Sohn auf übernatürliche Weise entstanden sei. Zwar wurde die heikle Frage hier zu Basel, was unserer Stadt in den Augen der Römlinge jedenfalls zu großer Ehre gereicht, von der berühmten Kirchenversammlung am 17. September 1439 dadurch entschieden, dass die Väter des Konzils die Blasphemie von Marias vollkommener Sündlosigkeit dekretierten9); allein dieser Entscheid wurde später wieder angefochten, und erst in unseren Tagen, am 8. Dezember 1854, machte der glühende Verehrer der Jungfrau Maria, Papst Pius IX., allen Zweifeln der katholischen Christenheit ein Ende, indem er die abgöttische Lehre zum ewig gültigen Glaubenssatz erhob.

Inzwischen hatte aber die kirchliche Sitte der langsam fortschreitenden theologischen Entwicklung längst vorgegriffen, Maria zur Himmelskönigin erhoben und die ihr zu Ehren eingeführten Feste immer mehr auf die gleiche Stufe mit den Gedächtnistagen der großen evangelischen Heilstatsachen gestellt. Schon zu den Zeiten der Kreuzzüge feierte die Kirche mit größtem Pomp alle Stationen des durch die Legende so sehr bereicherten Lebens, nämlich: Mariä Empfängnis, Mariä Geburt, Mariä Opferung, Mariä Verkündigung, Mariä Heimsuchung, Maria Reinigung, Mariä Schmerzen und Mariä Himmelfahrt10).

Die Unsitte, Maria um ihre Fürbitte anzurufen, wurde natürlich durch die gewaltige Aufregung, in welche die Kreuzzüge die ganze Christenheit versetzten, sehr begünstigt. Hat doch einer der edelsten Geister jener Tage, der Abt Bernhard von Clairvaux, erklärt, wer sich durch Christi hohe Majestät eingeschüchtert fühle, der solle getrost zur Jungfrau Maria beten; dann werde er sicher erhört; denn Maria nehme bei ihrem Sohne die gleiche hohepriesterliche Stellung ein, wie dieser beim Vater. Aus der Zeit der Kreuzzüge stammt auch der Gebrauch des Rosenkranzes. Nach dem bei den Mohammedanern gefundenen Vorbild der Gebetsschnüre verfertigten sich die Kreuzfahrer ähnliche, um mit deren Hilfe täglich eine gewisse Anzahl andächtiger Gebete als duftenden Rosengarten der Mutter Gottes zu weihen. Der regelrechte Rosenkranz, der noch jetzt von jedem echten Katholiken täglich zweimal absolviert wird, nämlich bei der Frühglocke und zur Vesperzeit, besteht aus 165 Perlen, fünfzehn großen für das Unservater und dazwischen jedesmal zehn, also im Ganzen 150 kleinen für das Ave Maria. Dieses bei den Katholiken weitaus populärste Gebet ist eine Erweiterung des sogenannten englischen Grußes (Luk. 1, 28) und der Worte, mit denen Elisabeth die Maria bei sich bewillkommte (Luk. 1, 42), und lautet in seiner vollständigen Form: „Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum, benedicta tu in mulieribus et benedictus fructus ventris tui Jesus Christus; Sancta Maria, Dei genitrix, ora pro nobis peccatoribus nunc et in hora mortis, Amen.“ Zu deutsch: „Sei gegrüßt, Maria, Du Holdselige, der HErr ist mit Dir; gebenedeit, d. h. gesegnet bist Du unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus Christus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unsres Todes, Amen.“

So wurde Maria durch kirchliche Lehre und kirchliche Sitte immer mehr zwischen den HErrn und seine Gemeinde hineingeschoben. Dem gemeinen Mann ward sie zur „Gnadenmutter“, zur Henne, unter deren Fittige er in aller leiblichen und geistlichen Not zutrauensvoll sich flüchtete. Zartbesaitete Romantiker und empfindsame Seelen aber weihten „der lieben Frau“. einen förmlichen Minnedienst, um nicht zu sagen Venuskult. Wilhelm Grimm, einer der beiden berühmten Erforscher der deutschen Literatur, braucht in einem seiner Werke sechzehn Druckseiten, um alle die süßen Liebesnamen und überschwänglichen Ehrentitel aufzuzählen, welche nur die deutschen Dichter ihr beilegen. Auch die Franzosen ließen es ihrer notre dame an devotester Huldigung nicht fehlen. Und wie vollends die sämtlichen bildenden Künste aller Nationen, vom früheren Mittelalter bis zur Gegenwart, diesem Marien-Kultus der katholischen Kirche Vorschub geleistet haben, das weiß Jedermann.

In den rußigen Spelunken des inneren Sizilien fand ich zwar weder Teller noch Löffel, wohl aber überall eine Madonna mit dem ewigen Licht, dem schönen Symbol immerwährender Andacht, und unsere Urkantönler bauen keine Sennhütte ohne den Talisman eines - und oft was für eines - Muttergottesbildes anzubringen. Aber schätzen denn nicht auch wir uns glücklich im Besitz der Nachbildungen von Meisterwerken, wie Rafaels Sixtina, Holbeins Madonna, Michel Angelos Pietà? Gewiss! und zwar ohne im Geringsten unser protestantisches Bewusstsein zu verleugnen; denn der Missbrauch hebt den guten Gebrauch nicht auf. So wenig wir evangelische Christen die Mutter Jesu als Himmelskönigin verherrlichen und ihr eine Verehrung zollen, welche den Heiland verkürzt in seiner einzigartigen hohepriesterlichen Würde, in seinem heiligen und wahrlich wohlerworbenen Recht, der Eine Mittler zu sein zwischen Gott und den Menschen, so wenig entziehen wir uns der Christenpflicht, welche die Überlieferung der evangelischen Geschichte uns auferlegt, die Maria zu preisen als die Gebenedeite unter den Weibern, als die Krone ihres Geschlechtes; und so laut wir gegen den vielgestaltigen Missbrauch der römischen Kirche mit unseren in Gott ruhenden Reformatoren protestieren, so laut stimmen wir ein in das Bekenntnis der Väter und Begründer unserer evangelischen Kirchen. Diese haben sich über den wahren Dienst der Heiligen zu Augsburg vor Kaiser Karl V. also ausgesprochen: „Der Heiligen soll man gedenken, auf dass wir unsern Glauben stärken, so wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren, auch wie ihnen durch Glauben geholfen ist, dazu, dass man Exempel nehme von ihren guten Werken, ein Jeder nach seinem Beruf, gleichwie Ew. Kaiserliche Majestät seliglich und göttlich dem Exempel Davids folgen mag.“ Und nicht weniger schön und richtig lautet das Bekenntnis der reformirten Kirche in der helvetischen Konfession: „Wir lieben die Heiligen als Brüder, auch ehren wir sie, doch nicht mit göttlicher Ehre, sondern mit Hochachtung und verdientem Lob. Wir folgen ihnen nach und wünschen nichts sehnlicher, als ihres Glaubens und ihrer Tugend Nachfolger zu sein, damit wir auch als Mitgenossen der ewigen Seligkeit samt ihnen bei Gott sein und uns mit ihnen in Christo freuen mögen.“

Wenn wir mit solch echt evangelischer Absicht die einzelnen aus dem Rahmen des Neuen Testamentes hervorragenden Frauengestalten näher ins Auge fassen, so fällt unser Blick allerdings in erster Linie auf Maria von Nazareth, die gewürdigt wurde, von der Kraft des Höchsten überschattet, die Mutter des allein Heiligen unter den Menschenfindern, des Sohnes Gottes, zu werden. Aber weit davon entfernt, sie vor uns hinzustellen im Heiligenschein eines unerreichbaren Ideals, an dem sich bloß die Phantasie erfreuen könnte, zeigt uns die heilige Schrift in ihr eine demütige Magd Gottes und bringt die herrlichsten wie die schwächsten Stunden ihres Lebens, nicht für die Einbildungskraft, sondern für die Willenskraft anregend und erbaulich zur Darstellung. Die Art und Weise, wie die in den Geboten und Verheißungen Israels aufgewachsene und mit denselben wohlvertraute Jungfrau die Botschaft des Engels entgegennimmt und dann mit überströmenden Lippen ihrer Verwandten, der frommen Aaronitin Elisabeth in dem schönen „Lobgesang“ (Luk. 1,46-55) mitteilt, ist ein herrlicher Beleg zu dem Worte: „Den Demütigen gibt Gott Gnade.“ Dass Maria von David abgestammt, lässt sich aus dem Neuen Testament nicht mit Sicherheit schließen; doch macht die Verschiedenheit der beiden Stammtafeln (Matth. 1 u. Luk. 3) es sehr wahrscheinlich. Jedenfalls war Joseph ein Nachkomme des israelitischen Königshauses und in Folge dieses Umstandes mussten die jungen Eheleute zur Volkszählung nach Bethlehem reisen. Dort begann Maria ihre Laufbahn als mater dolorosa, als schmerzensreiche Mutter.

Wäre sie einigermaßen bemittelt gewesen, der bethlehemitische Herbergsvater würde gewiss auch das Unmögliche möglich gemacht und ihr gegen entsprechende Bezahlung ein menschenwürdiges Unterkommen bereitet haben. Wie aber noch heute die reichen Bauern den armen Übernachter in den Stall weisen, so geschah es auch dort. Freilich sorgte Gott dafür, dass dieser ärmsten Mutter auch in ihrem armseligen Stallwinkel das Bewusstsein, das reichste Mutterglück zu besitzen, nicht verloren gehe: er sandte ihr die heimeligen Hirten, deren einfacher Bericht ihr Herz tief bewegte (Luk. 2,19), und die fremdländischen Weisen (Matth. 2), deren Huldigungen ihr die Berechtigung königlichen Mutterstolzes als inneren Gegenwert der äußeren Bettelhaftigkeit in Erinnerung rufen sollten. Freilich wurde ihr dann von Simeon bei der Darstellung Jesu geweissagt, dass sie noch lange nicht am Ende ihres dornenreichen Weges angelangt sei, und auf der mühevollen Flucht nach Ägypten hatte sie alsobald reichlich Gelegenheit, sich mit der Wahrheit jenes Wortes vertraut zu machen: „und es wird ein Schwert durch deine Seele gehen“ (Luk. 2,35). Als eine uneigentliche Märtyrerin wird uns aber Maria, nach Dr. Luthers treffendem Ausdruck, in der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus vorgestellt; jede Mutter kann Ihnen erklären, was Alles in den kurzen Worten enthalten ist: „Mit Schmerzen habe ich dich gesucht“ (Luk. 2,48). Doch wird uns auch hier berichtet, wie Maria für diese tiefe Seelenangst wiederum entschädigt worden ist durch die für das Mutterherz doppelt hohe Befriedigung: „und Jesus nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen“ (Luk. 2,52). Gott schickt wohl Kreuze, aber er schickt immer auch einen Joseph von Arimathia, der tragen hilft.

Im Laufe der Jahre musste Maria die schmerzliche Erfahrung jeder Mutter, zumal jeder Knabenmutter machen: der Sohn entwächst ihr; und da jener Sohn noch in einem ganz andern Maßstab wuchs und sich entwickelte als andere Söhne, so musste auch Maria ungleich empfindlicher von diesem Wachstum berührt werden als gewöhnliche Mütter. Für sie galt es nicht nur, den natürlichen Konservativismus der Mutterliebe zu überwinden, die das Kind in beständiger Abhängigkeit erhalten möchte; ihr bereitete auch der weitere, bei der Mehrzahl des weiblichen Geschlechts ebenfalls noch heute bemerkbare politische und religiöse Konservativismus im Verhältnis zu dem herangereiften Sohn viele und schwere Kämpfe. Als Kind ihrer Zeit teilte sie das Vorurteil derselben in Beziehung auf die messianischen Erwartungen, und das Reich, das der Knecht Jehovas aufrichten sollte, sie konnte es sich nicht anders denken, denn als Weltreich mit äußerlichen Gebärden: gewaltigem Machtaufwand und staunenerregenden Wundern.

Dass diese nationale Befangenheit es war, welche das ganze Verhalten der Maria gegenüber von Jesu öffentlichem Wirken bestimmt hat, zeigt am Besten das durchaus gleiche Benehmen ihrer Schwester Salome. Es kann nämlich, wenn man die evangelischen Berichte (Matth. 27,56; Mark. 15,46 u. Joh. 19,25) mit einander vergleicht, keinem Zweifel mehr unterliegen, dass Salome, die Gattin des Zebedäus, die Schwester der Maria war. Im Vertrauen auf diese nahe Verwandtschaft, welche die anmutende natürliche Grundlage der Beziehungen Jesu zu den Söhnen Zebedäi und seines besonders innigen Verhältnisses zu Johannes bildete, trat Salome ungescheut mit ihrem mütterlichen Egoismus und ihren messianischen Machthoffnungen hervor und bat den HErrn (Matth. 20,20 u. 21): „Lass diese meine zwei Söhne sitzen in deinem Reich, Einen zu deiner Rechten, den Andern zu deiner Linken.“ Aber Jesus antwortete und sprach: „ihr wisst nicht, was ihr bittet“; d. h. mit andern Worten: würdet ihr die Bedeutung meiner göttlichen Mission verstehen, ihr könntet nicht solch selbstische Wünsche tun. Übrigens geht aus dem Umstand, dass Jesus sich mit seiner Antwort nicht an die Mutter, sondern direkt an die Söhne wendet, ziemlich deutlich hervor, dass Salome bei dieser Gelegenheit zu einem guten Teil auch als die „gute Mutter“ aufzufassen ist, welche sich von den Söhnen als exponierten Vorposten und rührende Bittstellerin gebrauchen lässt; eine dem selbstlosen Mutterherzen von Söhnen und Töchtern nicht selten zugemutete Rolle! Salome ist wohl auch die äußere Veranlassung gewesen, um derentwillen Jesus mit seiner Mutter von Nazareth nach Kapernaum übersiedelte (Matth. 4,13). Als Joseph, offenbar vor dem dreißigsten Lebensjahr Jesu, gestorben war, da war es für Maria das Natürlichste, den Wohnort ihrer Schwester, die an den kapernaitischen Fischer Zebedäus verheiratet war, und wohl auch das Haus dieses Letzteren zu ihrem gewöhnlichen Aufenthalt zu wählen und von Kapernaum aus den Sohn wenigstens zum Teil auf seinen Wanderungen zu begleiten.

So finden wir die Beiden miteinander als Hochzeitsgäste in dem kleinen galiläischen Flecken Kana, und bei dieser Gelegenheit eben musste auch Maria eine ernste Abweisung mütterlicher Eitelkeit und damit eine erste, aber sehr entschiedene Abfertigung mütterlicher Einmischung erfahren. Sie hatte längst und immer sehnlicher geharrt auf eine Offenbarung der Wundermacht ihres Sohnes, und ein feines, vielleicht durch Andeutungen Jesu (wie Joh. 1,51) gewecktes Ahnungsvermögen hatte ihr gesagt: jetzt ist die Stunde des ersten Zeichens gekommen. Aber anstatt nun demütig zu warten, lässt sie sich von echt weiblicher oder, wenn Sie lieber wollen, echt menschlicher Ungeduld zu der vorwitzigen Bemerkung verleiten: „es ist kein Wein mehr da“. Die Situation ist so naturwahr, dass es Einem ist, man sehe sie dem Sohn bei diesen Worten mit dem Ellenbogen einen sanften Stoß geben; und es kommt unserem natürlichen Gefühl vor, sie als seine Mutter habe sich einen solch ermutigenden, vorwärtstreibenden leisen Wink schon erlauben dürfen. Nicht so Jesus. Er erklärt es seiner Mutter gleich bei diesem ersten Anlass ein- für allemal, dass, soweit er als Gottes Sohn redend oder handelnd auftrete, sie nichts dreinzureden, ja nicht einmal dreinzuwinken habe. Bei der Hochzeit zu Kana hat der HErr der Kirche von vornherein mit einem schneidigen Wort all dem künftigen Mariendienst derselben jedwede Existenzberechtigung ohne Weiteres abgesprochen. Und es ist fast unerklärlich, wie Angesichts einer so klaren Aussage des HErrn die Kirchenlehre von einem Anteil der Maria an Jesu himmlischem Hohepriesteramte hat können aufgestellt werden. Zwar ist jenes Wort Jesu (Joh. 2,4) nicht so scharf und wegwerfend gesprochen worden, wie es die Übersetzung Luthers erscheinen lässt. Statt des harten deutschen Ausdrucks: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?“ sollte die Übersetzung vielmehr lauten: „was hast du mit mir, Frau? noch ist meine Stunde nicht gekommen.“ Wo es sich um die Offenbarung und Ausführung des Willens meines Vaters im Himmel handelt, da kann ich auch auf die leibliche Mutter keine Rücksicht nehmen, sondern da habe ich es einzig und allein mit ihm zu tun und nach den Vorschriften und Gesichtspunkten Seiner Weisheit mich zu richten: das wollte er ihr erklären, und sie verstand ihn wohl, sonst hätte sie sich nicht umgewandt und zu den Aufwärtern des Mahles gesprochen: „Was er euch sagen wird, das tut.“ Dieses auf den ersten Blick etwas befremdliche Benehmen der Maria ist keineswegs als Ausdruck trotziger Rechthaberei aufzufassen; vielmehr wollte Maria ihrem Sohn zeigen, sie wisse genau, wohin seine energische Rede gespielt habe, dass er nämlich damit durchaus nicht das Wunder abgelehnt, sondern nur ihre Einmischung in sein berufliches Wirken sich verbeten habe. Und dabei blieb es zwischen Mutter und Sohn; ohne dass es weiterer Erörterungen von Seite des Letzteren bedurft hätte, beschied sich Maria, und nur noch einmal kam es zu einem kleinen Konflikt.

Die betreffende Begebenheit, die uns von drei Evangelisten überliefert ist (Matth. 12,16 ff.; Mark. 3,20 u. 21 ff.; Luk. 8,19 ff.), bildet ein vollständiges Gegenstück zu der eben besprochenen. Diesmal wollte Maria ihren Sohn nicht aus mütterlicher Eitelkeit anspornen, sondern im Gegenteil aus mütterlicher Besorgnis zurückhalten. Jesus hatte, vom Volk umdrängt, in heiligem Eifer für seines Vaters Reich geredet und weiter geredet und darüber weder Zeit noch Raum zum Essen gefunden. Dies schien nun namentlich seinen ungläubigen Brüdern, den jüngeren Söhnen der Maria, welche überhaupt der ganzen Lehr- und Lebensweise des Erstgebornen keinen Geschmack abgewinnen konnten und wohl bis zu seinem Tode in ihrer offenbar etwas materiellen Gesinnung verharrten, zu weit zu gehen; sie fanden, er tue zu viel, vergesse alle Mäßigung, mit Einem Wort: er sei außer sich, und es sei die höchste Zeit ihm mit allem Nachdruck Einhalt zu tun. Begreiflicherweise wurde es den von ihrem Standpunkt aus nicht unrichtig räsonierenden11) Brüdern leicht, die ohnehin als Mutter zärtlich besorgte Maria für sich zu gewinnen. Und so lässt sie sich zum zweiten Mal beikommen, in Jesu öffentliche Wirksamkeit eingreifen zu wollen. Mitten in einer Rede wird er auf ihr Geheiß durch die Anmeldung ihres Besuches unterbrochen. Dieses Mal hatte sie ihn nicht verstohlen am Ärmel gezupft wie dort zu Kana, sondern vor einer großen Volksmenge hatte sie den Versuch gemacht, ihre mütterlichen Rechte zur Geltung zu bringen und mit ihrer mütterlichen Kummerhaftigkeit seinen Geist zu dämpfen. So konnte auch Jesus sie hier nicht kurz und privatim abfertigen, sondern er musste die zudringliche familiäre Einmischung öffentlich zurückweisen. Allein wie rücksichtsvoll und zartfühlend tut er das! Ohne den offenbar unter der Tür stehenden Angehörigen im Mindesten persönlich zu nahe zu treten, tritt er ihnen doch sachlich mit aller Entschiedenheit gegenüber. Er blamiert sie durchaus nicht, er verwahrt sich nur gegen sie, indem er mit der Frage: „Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?“ die Erklärung abgibt: an dem Platz, wo ich stehe, gibt es für mich weder eine Mutter, die mahnen oder bitten darf, noch Brüder, die Ratschläge erteilen oder Einwendungen machen können; hier kann nur der Wille meines Vaters im Himmel maßgebend sein für mich. Aber diesem ernst abweisenden Wort folgt alsbald nicht nur die freundliche Anerkennung der Jünger: „Siehe, das ist meine Mutter und meine Brüder“, sondern auch ein die Mutter jetzt schon in sich fassendes, die Brüder wenigstens freundlich einladendes Schlusswort: „wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter.“

So erfüllte Jesus, dessen Speise es war, d. h. dem es Lebensbedürfnis war, den Willen Gottes zu tun, das Gesetz Moses, wo es heißt (5 Mos. 33,9): „Wer zu seinem Vater und zu seiner Mutter spricht: ich sehe ihn nicht; und zu seinem Bruder: ich kenne ihn nicht; und zu seinem Sohne: ich weiß nicht, - die halten Gottes Gebot und bewahren seinen Bund.“ Indessen gab er seiner Gemeinde im Verhalten zu seiner Mutter durchaus nicht nur ein Vorbild, wie man die zartesten Bande des Fleisches um Gottes willen müsse verleugnen können, sondern sterbend hinterließ er uns noch ein herrliches Beispiel umfassendster und zartfühlendster Erfüllung des fünften Gebotes. Mit wahrem Heldenmut war seine Mutter bis auf Golgatha ihm nachgefolgt. „Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn. Danach spricht er zu dem Jünger: siehe, das ist deine Mutter.“ Und Johannes bewies, dass er seinen Meister verstand auch ohne viele Worte; er spürte: nicht sowohl für die Zukunft seiner Mutter will Jesus hier sorgen; er will mich vielmehr auffordern, ihrem so schwerverwundeten Mutterherzen den qualvollsten Anblick des letzten Kampfes zu ersparen. Darum führte er Maria sofort von der Richtstätte weg (Joh. 19,26 u. 27). Bei Johannes, im Kreis der treuesten Jünger ihres Sohnes, beschloss Maria nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte (1,14) ihre Tage, und die Künstler haben gewiss Recht, wenn sie bei den Darstellungen der Ausgießung des Heiligen Geistes die Mutter des Heilandes mit den Aposteln des großen „Trösters“ (Joh. 15,26) lassen teilhaftig werden.

Während diese dem Heiland äußerlich am nächsten stehende Maria von Nazareth in der aufs äußerliche besonderen Nachdruck legenden katholischen Kirche, wie wir oben gesehen haben, immer mehr zu teilweise sehr unverdienten und jedenfalls ihrem eigenen Sinn durchaus widerwärtigen Ehren gekommen ist, hat die evangelische Kirche, entsprechend ihrer Betonung der innerlichen Stellung zum HErrn, von jeher eine andere Maria mit einer gewissen Vorliebe ans Licht gezogen, und es pflegt namentlich die württembergische Kirche beim alljährlichen Reformationsfest die Lichtgestalt der Maria von Bethanien auf den Leuchter zu stellen. Dabei kommt dann freilich die geschäftige Martha als das Urbild der werkheiligen katholischen Kirche jeweilen noch viel schlechter weg als in dem Bericht des Evangeliums: Luk. 10,38-42.

Dieser führt uns in eine dem HErrn besonders innig befreundete Familie von Bethanien, dem stillen Weiler vor den Toren von Jerusalem, wohin sich Jesus gern am Abend zurückzog, nachdem er den Tag über in dem geräuschvollen Leben der Stadt seines Amtes gewartet hatte. Er fand dort in dem gastlichen Hause eines Mannes, Namens Simon, welcher früher einmal den Aussatz gehabt hatte und deshalb unter dem Namen Simon der Aussätzige bekannt war, drei Geschwister, welche, jedes in seiner Weise, bemüht waren, ihm nach des Tages Last und Hitze freundliche Aufnahme zu bereiten: Martha, die Frau, vielleicht auch die Witwe Simons, Maria und Lazarus. Die hausmütterliche Martha, voll Freude, dieses Gastes Wirtin sein zu dürfen, lief hin und her und machte sich bald da, bald dort zu schaffen, damit der teuerwerte Gast ja nichts entbehre. Auch sie hätte eigentlich lieber als Jesu Schülerin zu seinen Füßen sich gesetzt, ließ sich aber diesen richtigen Trieb des Geistes verderben durch das Schicklichkeitsgefühl, durch die noch heute gang und gäbe Anstandsregel, die Hausfrau müsse dem Gast den hohen Grad ihrer Wertschätzung dadurch beweisen, dass sie Allem aufbiete, ihn möglichst bequem zu logieren und möglichst reichlich zu traktieren. Und dabei quälte sie nur das Eine, dass ihre Schwester nicht auch treppauf, treppab sprang, sondern ruhig und äußerlich untätig bei Jesu saß und ihm zuhörte. Ihre Aufforderung, die Schwester solle auch Hand anlegen, ging durchaus nicht nur aus dem Gedanken hervor: ich muss allein dienen, sondern ebensowohl aus der zwar etwas eifersüchtigen, im Grunde aber für ihr geistiges Bedürfnis ehrenvollen Erwägung: Maria hat von unserem Freund viel mehr wie ich. Deswegen ist auch Jesu Gegenrede durchaus nicht als herber Tadel, sondern als freundliche Zurechtweisung aufzufassen: Du meinst, ich sei hierher gekommen, um der Ruhe zu pflegen und sorgst und mühst dich, um mir zu dienen. Maria kennt mein Wesen besser, indem sie von mir sich dienen lässt; denn mir gewährt ein aufmerksames und williges Herz weit mehr Befriedigung als die herrlichste Aufwartung. Und auch auf deinen eigenen Vorteil verstehst du dich nicht; deine Genugtuung, mich sattsam gespeist, getränkt und beherbergt zu haben, ist eine sehr vorübergehende; deiner Schwester aber kann das, was sie derweil von mir empfangen hat, Herzensfreude und Seelenfrieden, nie entrissen werden12).

Übrigens bilden die weiteren Züge, welche das Evangelium aus dem Leben der Maria von Bethanien überliefert, ein heilsames Gegengewicht gegen die irrige Meinung, als ob untätige Beschaulichkeit, Quietismus13), wie es die Kirchengeschichte heißt, der gepriesene Mariensinn wäre. Als der geliebte Bruder gestorben war, da bewies gerade sie, die geduldig daheim sitzen blieb und Jesu Ankunft erwartete, dass sie seine Worte nicht nur passiv gehört, sondern aktiv verarbeitet hatte (Joh. 11). Und als sie ahnte, dass des Meisters Verweilen hienieden von keiner langen Dauer mehr sein könne, da säumte sie nicht, ihm mit Aufbietung aller ihr zu Gebote stehenden Mittel den von ihm so laut gepriesenen letzten Liebesdienst zu erweisen. Von ihr, nicht von der regsamen Martha, steht das schöne Ehrenzeugnis geschrieben: „sie hat getan, was sie konnte“ (Mark. 14,3 ff.; Matth. 26,6 ff.; Joh. 12,1 ff.).

Eine ähnliche Anerkennung wie diese ward einer andern, uns dem Namen nach unbekannten Frau aus Jesu Munde zu Teil: der Witwe am Gotteskasten. Auch bei dieser Gelegenheit zeigte es sich, dass der Sohn mit dem gleichen Maß richtete wie der Vater: ohne Ansehen der Person, d. h., ohne vom äußeren Schein sich blenden zu lassen. Die Reichen gaben wohl viel, Etliche Gold, Etliche Silber, aber ihrer Keiner gab so viel er geben konnte. Ein armes Weib aus dem Volk, eine Witwe, der es an besten Ausreden nicht gefehlt hätte, übertraf sie Ale: sie allein opferte ohne Bedenklichkeit Alles, was sie hatte, ihren ganzen Lebensunterhalt (Mark. 12,42 f.; Luk. 21,2 ff.).

Und wie Jesus hier die arme Frau über die Reichsten in Israel hinaushob, so hat er andererseits der bußfertigen Sünderin weitaus den Vorzug gegeben vor den unbußfertigen „Gerechten“. Ja, er liebte es sogar, solche Kontraste wirkungsvoll hervortreten zu lassen, freilich nicht, um ein für das bloße Gefühl oder gar für die Sentimentalität effektvolles Bild herzustellen, sondern um eine für sein Reich fruchtbare Erschütterung von Vorurteilen und Einbildungen hervorzubringen. Diese heilsame Absicht Jesu trat deutlich zu Tage bei jenem Gastmahl im Hause des Pharisäers, wo er die tiefgefallene Sünderin so hoch begnadigte. „Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt; welchem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig,“ mit diesen Worten nahm Jesus das Weib, das gekommen war, nicht achtend des Hohnes und Spottes, ihm Dank und Ehre zu erweisen, gegenüber den verächtlichen Mienen der Gäste aufs Anerkennendste und so ausdrücklich in Schutz, dass den Pharisäern alle Lust zu weiteren Angriffen verging. Um Jesu Rede zu verstehen, müssen wir uns Vergangenheit und Gegenwart jener Person genau vergegenwärtigen. Wie kam sie, die stadtbekannte, groben Lastern anheimgefallene Sünderin dazu, dem Heiligen und Gerechten sich zu nähern? Sie war wohl einmal oder öfter schon unter der Menge Volkes gewesen, die überall um den Propheten aus Nazareth sich drängte. Da hatte Jesu Ruf zur Buße ihr Ohr erreicht und ihr Herz um so tiefer bewegt, weil seine Predigt mit ihrem warmen Herzton viel gewaltiger wirkte als die vielleicht formell durchaus untadeligen, trockenen Moralreden der Schriftgelehrten und Pharisäer. Zum ersten Mal lernte sie einen Freund der Sünder kennen und mit dem Glauben, dass er dies sei, hatte sie auch schon jenes unbedingte Vertrauen zu ihm gefasst, das aller wahren Liebe zu ihm Grund und Ursache sein muss. Allein mit alledem hätte sie ungetröstet bleiben können; denn zwischen dem HErrn, von dem sie das lösende, beseligende Wort der Vergebung empfangen konnte, und ihrem Herzen türmten sich noch Berge auf, und gerade als Jesus in der vornehmen Gesellschaft in des Pharisäers Hause saß, war er ihr scheinbar am fernsten. Wie groß musste ihr Vertrauen zu ihm sein, dass sie die bei ihr so begründete Scheu vor dem Urteil der Menschen niederzukämpfen, allen Bedenken zum Trotz gerade dort ihn aufzusuchen und ihm eine so augenfällige Huldigung darzubringen vermochte. Ja, der HErr hat: Recht: sie hat viel geliebt, und allein solch große Liebe, solch glorreicher Sieg über Fleisch und Blut, solcher in der Liebe tätige Glaube verdient die Krone der Vergebung. Diesen Preis dürfen die nicht erwarten, die sich kleinmütig mit ihrem bisschen Glauben in ihre vier Wände verkriechen und nicht auch der göttlichen Liebe gegenüber aufs Geratewohl den Schritt wagen, den sie zu einem geliebten Menschen zu tun im Stande sind, den entscheidenden Schritt vollständiger Hingabe. Warum so Viele es nicht über sich bringen, diesen entscheidenden Schritt zu Jesu zu tun, und warum eben deshalb so Viele von den Seligkeiten des Reiches Gottes fern bleiben, das zeigt Jesus dem selbstgerechten Pharisäer deutlich mit den paar Worten: „Wem wenig vergeben wird, der liebt wenig.“ Dieselben ergänzen zugleich in bezeichnender Weise das Lob des Weibes zu seinen Füßen. Nicht um des schwärmerischen Liebesdienstes willen, sondern wegen der Gesinnung, die sie dazu getrieben, wird die große Sünderin selig gepriesen. Weil sie arm war im Geist, weil sie Leid trug und weil sie hungerte und dürstete nach der Gerechtigkeit, darum ward ihr das Himmelreich erschlossen.

Viel Ähnlichkeit mit der großen Sünderin hat Maria von Magdala, und es wäre möglich, dass eben sie, die vom Heiland nicht nur für das Reich Gottes bekehrt, sondern auch auf die wunderbarste Weise von schrecklichen Körper- und Seelenzuständen geheilt worden war, es gewesen ist, welche ihrer überströmenden Dankbarkeit durch jene Fußwaschung Ausdruck verliehen hat. In Folge alter Tradition ist es sogar zur allgemeinen Ansicht geworden, dass Maria von Magdala und die große Sünderin eine und dieselbe Person seien. Ja diese Annahme hat sich durch Kunst und Sprachgebrauch so fest eingewurzelt, dass man für Mädchen, welche mit der großen Sünderin zusammengestellt werden können und auf den Buß- und Glaubensweg derselben gebracht werden sollen, Rettungshäuser errichtet hat unter dem Namen von Magdalenenstiften. Ich selbst war höchlich erstaunt, bei näherem Zusehen die Entdeckung zu machen, dass im Neuen Testament nicht der mindeste Anhaltspunkt dafür zu finden sei. Von der Magdalena ist außer der allgemeinen Bemerkung, dass und warum sie eine begeisterte Jüngerin des HErrn geworden und ihm als solche nachgefolgt sei, im Evangelium bloß jenes liebliche Erlebnis am Ostermorgen überliefert. Als echter Typus eines leicht erregbaren weiblichen Temperamentes ist Maria nach der Erkennung des Auferstandenen ebenso himmelhoch jauchzend, als sie vorher in ihrem dumpfen Schmerz an dem selbstquälerisch noch vor Tagesanbruch aufgesuchten Grab zum Tode betrübt war. Insofern kann dem Bild, welches der in seinen Empfindungen selbst so maßlose Böcklin von ihr entworfen hat, eine gewisse Naturwahrheit nicht abgesprochen werden. Den Jüngern aber, welche sie früher schon gekannt hatten, musste der Gedanke an einen durch Leiden und Tod des geliebten Meisters verursachten Rückfall in ihr altes, offenbar hochgradig nervöses Leiden sehr nahe liegen, und es ist ihnen nicht zu verargen, dass sie dem exaltierten Weib die Botschaft von der Auferstehung Jesu zuerst nicht glauben wollten (Mark. 16,11).

Lehrreiche Beiträge zur Kenntnis der weiblichen Natur und ihrer besondern Anlagen und Bedürfnisse geben uns auch die beiden Erzählungen von Jesu Zusammentreffen mit der Samariterin und mit dem phönizischen Weib. Die Samariterin wird nicht auf dem Wege des verstandesmäßigen Räsonnements14), sondern durch den Einen Schuss ins Schwarze ihres Gewissens zu der Überzeugung gebracht, dass Jesus der Messias sei, und kaum hat sie ihn gefunden und die große Offenbarung von ihm empfangen, so treibt ihr liebendes Herz sie schon nach Sichem zurück, damit die für das verachtete Samaritervolk doppelt gnadenreiche Botschaft sofort auch Andere beglücke. Für Jesum aber war der rasche Erfolg, den er bei diesem Weib errungen, eine solche Herzensfreude, dass er sich vollkommen gesättigt fühlte (Joh. 4). Auch das Erlebnis mit der kanaanäischen Mutter, die sich durch keine theoretische Auseinandersetzung und durch kein praktisch ausweichendes Stilschweigen von ihm abweisen ließ, bewegte den HErrn tief. Nicht ihrer Zudringlichkeit und Schlagfertigkeit, sondern der Mutterliebe, welche das heidnische Weiblein so zäh und kühn gemacht, gab er sich gefangen (Matth. 15).

Es darf überhaupt mit Fug und Recht einen erhebenden Eindruck auf Sie machen, dass an den so mannigfaltigen und schweren Leiden des Heilandes keine Frau auch nur die mindeste Schuld getragen hat. Der alttestamentliche Elias bekam die tödliche Feindschaft einer Isebel zu fühlen, und der neutestamentliche Elias musste der grimmigen Rache einer entmenschten Herodias und der frivolen Üppigkeit ihres Töchterleins zum Opfer fallen; Jesus hatte keine Feindin. Die Evangelisten durften bei der Zeichnung der in seinem Leben auftretenden Frauengestalten ihren Pinsel durchgängig in harmonische Farben tauchen. Zwar den vom Dichter für die Frauen in Anspruch genommenen Ruhm, himmlische Rosen ins irdische Leben zu bringen, erkennt das Evangelium ausschließlich dem HErrn selbst zu. Aber es verhehlt nicht, dass Jesus auf seinem dornenvollen Lebensweg immer wieder von weiblicher Hingebung und Treue Erquickung empfangen habe. Freilich war solch dienstfertige Handreichung in der Regel nur der Ausdruck des Dankes für empfangene leibliche oder geistliche Wohltat. Wenn wir bedenken, wie Jesus sich überall der Frauen und ihrer speziellen Körper- und Seelenleiden angenommen und sogar der mit formalem Recht verfolgten Schuld seinen Schutz gewährt hat, so verwundern wir uns nicht darüber, dass ihn noch auf seinem letzten Gang die Töchter von Jerusalem mit lautem Wehklagen begleitet haben (Luk. 23,27).

Auch wo in den Gleichnissen Jesu Frauen vorkommen, sind es in der Regel vorbildliche Gestalten, z. B. die sparsame Hausfrau, die um des Einen Groschens willen, den sie verloren hat, im ganzen Hause das Unterste zu Oberst kehrt (Luk. 15,8.9). Doch zeigt uns gerade auch wieder ein Gleichnis, wie weit der HErr von allem Frauendienst und von aller Schönrednerei gegenüber den Frauen entfernt war, ich meine das Gleichnis von den zehn Jungfrauen, von denen eben nur Fünfe klug gewesen sind (Matth. 25,1-10).

Riggenbach, Bernhard - Frauengestalten aus der Geschichte des Reiches Gottes - III. Die Frauen der ältesten christlichen Kirche.

„Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässt: gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke!“: diese Worte der Offenbarung (2,4 und 5) drängen sich uns unwillkürlich immer und immer wieder auf, wenn wir uns zurückversetzen in die Tage der ältesten christlichen Kirche; und je näher wir mit den einzelnen Erscheinungen derselben bekannt werden, um so schneidender kommt uns der Gegensatz zum Bewusstsein zwischen Einst und Jetzt. Während wir sonst die Rede von der „guten, alten Zeit“ im Ganzen und Großen als Muhmenweisheit15) belächeln dürfen, sind wir gezwungen, das apostolische Zeitalter, das in so überwältigender Weise den Stempel des goldenen trägt, für das Reich Gottes so zu sagen schlechthin als ideales Urbild gelten zu lassen. Warum nicht die Zeit Jesu Christi selbst? werden Sie fragen und werden diese Einwendung mit dem Hinweis darauf begründen, dass jener kleine galiläische Kreis, bestehend aus dem Heiland und den ihn umgebenden Jüngern und Jüngerinnen, doch wohl am Ehesten den Anspruch erheben könnte als Mustergemeinde für alle Zeiten hingestellt zu werden. Und doch geht das aus einem sehr einfachen Grunde nicht an. Jeder Hinweisung nämlich auf die Treue von Jesu Lebensgefährten würde ohne Zweifel von dem trotzigen und verzagten Menschenherzen sofort die Spitze abgebrochen mit dem Einwurf: Jene hatten es leicht; denn unter ihnen leibte und lebte mit seinem alle Kräfte stets neu belebenden, alle Flammen des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung täglich aufs Neue anfachenden Geiste Christus, der HErr! Nun ist aber gerade das an jenen ersten Christen das Großartigste und Bewundernswerteste, dass ihre Begeisterung mit dem Entschwinden des HErrn aus der Sichtbarkeit nicht, wie eine gewöhnliche Schwärmerei, erlahmt, verblasst oder gar zergangen ist, sondern im Gegenteil sich gesteigert und zum sieghaften, weltüberwindenden Glauben verklärt hat. Und dieser Umstand ist es, der uns nötigt, die Anfänge der christlichen Kirche als dasjenige Stadium ihrer ganzen bisherigen Geschichte anzuerkennen, welches der Vollendung am Nächsten gekommen ist. Nie und nirgends ist seither in der Kirche Christi eine solche Energie des Glaubens und der Liebe zu Tage getreten wie in der ersten christlichen Gemeinde zu Jerusalem. Was von den Evangelien als unvergleichliche Darstellungen eines menschlichen Einzellebens gilt, das konnte der selige Professor Beck mit vollstem Recht von der Apostelgeschichte als Beschreibung einer Gemeinschaft sagen: „schon als Dichtung oder als bloße Idee wäre eine solche Einsenkung des Jenseits ins Diesseits, des Geistigen in das Materielle eine Wundertat des kühnsten Denkvermögens.“ (Pastorallehren S. 204 f.)

Von der Apostelgeschichte hat schon der württembergische Reformator Brenz erklärt, sie sollte eigentlich nicht die Überschrift tragen: „Acta apostolorum, Taten der Apostel,“ sondern den genaueren Titel: „Taten Jesu Christi durch die Apostel.“ Die Kraft, vermöge welcher die ersten Christen so erstaunlich viel geleistet und gelitten haben, ist ja keineswegs ihre eigene Kraft, sondern die Kraft dessen gewesen, der sein Kind Jesum (Apostelg. 3,13) verklären wollte vor aller Welt.

Und je größer die natürliche Schwachheit des menschlichen Organs, um so größer ist auch die Verklärung der göttlichen Kraft. Daher ist es denn auch nicht zu verwundern, dass die Kirchengeschichte gerne bei Frauen verweilt, in deren Tun oder Leiden die Kraft Christi sich mächtig erwiesen hat.

Die erste Frau, der wir in der Apostelgeschichte (5,1-10) begegnen, ist freilich kein erhebendes Beispiel der göttlichen Kraft, sondern ein ergreifendes Exempel der sündigen Schwachheit. Das göttliche Strafgericht, welches nicht nur den Ananias sondern auch die Sapphira traf, bringt zugleich in tragischer Weise die veränderten Grundsätze des Christentums über das Wesen der Ehe und die Stellung der Frau zur Anschauung. So sehr nämlich auch das Evangelium von der Frau Unterwerfung unter den Willen des Mannes verlangt, so entschieden stellt es doch auch an sie die Forderung: „ihr sollt Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Und wenn es einerseits der Frau hinsichtlich der Heilsgüter und der Rechte des Himmelreichs die vollkommenste Gleichberechtigung mit dem Mann zuerkennt und sie in sittlich-geistlicher Beziehung gänzlich aus der niedrigern Stufe des schwächeren Geschlechtes emporhebt, so macht es sie dafür anderseits auch in gleichem Maß verantwortlich wie den Mann. Ananias und Sapphira bieten das traurige Zerrbild einer christlichen Ehe dar; wohl sind sie Ein Herz und Eine Seele, aber nicht, um dem Geist Gottes zu gehorchen, sondern um ihn zu betrüben. Und da die Sünde der Beiden nicht in unrechtmäßigem Gewinn bestand, sondern in der Liebe zum bisherigen Besitz ihre Quelle hatte, so ist es sehr wahrscheinlich, dass Sapphira nicht den kleineren Teil der Schuld trug. Für den Mann liegt die größere Gefahr in der Gier, zu erwerben, für die Frau in der Zähigkeit festzuhalten. Jedenfalls hatte Sapphira von ihrer Christen-Selbständigkeit keinen Gebrauch gemacht; vom gleichen Geiz wie Ananias und von der gleichen Sucht beseelt wie er, einen Schein der Wohltätigkeit zu besitzen, hatte sie an seinem gleißnerischen Lügenwerke sich beteiligt. Und darum fiel auch sie dem strafenden Eifer des HErrn für die unbefleckte Reinheit seiner ersten Gemeinde anheim.

Ein vollständiges Gegenstück zu dieser so schrecklich endenden Erzählung bildet die anmutige Geschichte der Jüngerin zu Joppe (Apostelg. 9,36-42). Auch hier tritt Petrus auf, aber nicht um ein göttliches Todesurteil zu verkündigen, sondern um sich als Apostel des großen Todesüberwinders zu erweisen. Schon der Name dieser Frau ist vielsagend. Darum fügt Lukas seiner Nennung die Notiz bei: „welches verdolmetscht heißt eine Gazelle“, oder wie Luther, um es dem gemeinen Manne fasslicher zu machen, übersetzt hat: „ein Reh.“ Die im Morgenland vorkommende Gazelle ist, wie ja auch das einheimische Reh, ein gar anmutiges und zierliches Geschöpf, bei dessen Anblick Große und Kleine gern verweilen. Es ist somit der Name dieses niedlichen und zarten, arglosen und schüchternen Tierchens ein sehr passender Frauenname, und die kurze Bemerkung der Apostelgeschichte gestaltet sich zu einer rechten Strafpredigt für Eltern, die an dem ganzen Reichtum sinniger und bedeutungsvoller Namen in Sprache und Geschichte blind vorübergehen und ihren Kindern als eigentliches Brandmal möglichst geschmacklose oder doch nichtssagende Namen anhängen. Ihrem Namen entsprechend waltete jene Tabitha in scheuer Geräuschlosigkeit. Wie äußerlich unbedeutend ist doch der Lebenslauf, den die Apostelgeschichte von ihr entwirft; „sie war voll guter Werke und Almosen, die sie tat.“ Von einer ansehnlichen Trauerversammlung und großartigen Schenkungen ad pias causas (zu frommen Zwecken) wird uns nichts berichtet, dagegen findet Petrus an ihrer Leiche die sämtlichen Witwen der Stadt, und deren Jede zeigt ihm unter Tränen ein Kleidungsstück, das ihr Tabitha angefertigt. So gewähren uns die wenigen Zeilen, indem sie echt biblisch mit knappen Worten viel sagen, klaren Einblick in eine Fülle christlicher Liebestätigkeit. Es ist nicht gesagt, ob Tabitha reich war oder arm; in beiden Fällen ist sie das Musterbild einer Jüngerin des HErrn. War sie reich, so ist an ihr zu loben, dass sie sich nicht damit begnügte, bloß Almosen zu geben und dabei einem nobleren oder unnobleren, frommen oder unfrommen Müßiggang sich zu überlassen, sondern selbst Hand anlegte, um den Armen wohl zu tun. War sie arm und den Tag über mit dem eigenen Broterwerb beschäftigt, so ist es doppelt rühmlich, dass sie aus ihrer Not keine Tugend machte, sondern Zeit und Lust übrig hatte, in die Nacht hinein für noch Ärmere die fleißige Hand zu regen. Als Petrus später (1 Petri 3,1-6) seine berühmte Schilderung des wahren Schmuckes einer christlichen Frau niederschrieb, da hat ihm ohne Zweifel die Erinnerung an jenen Söller zu Joppe und an die Tränen jener Armen die Feder geführt.

In Petri Lebensgeschichte, so weit uns dieselbe aus den Aufzeichnungen des Lukas bekannt ist, kommt außer dieser Tabitha nur noch Eine und zwar eine etwas komische Frauengestalt vor: die Magd Rhode (Apostelg. 12,13-15), welche aus lauter Freude am Evangelium eine rechte Dummheit begangen hat. Über dem wohlgemeinten Eifer, die frohe Botschaft von des Apostels Befreiung ihrer Herrschaft und deren Gästen möglichst schnell zu überbringen, vergaß sie ihre nächstliegende Pflicht, ihm die Türe zu öffnen und ließ ihn auf der Gasse stehen. So verdiente sie in der Tat den Vorwurf der Unsinnigkeit, den sie wegen der Meldung der unglaublichen Kunde erhielt, wenn auch in ganz anderer Weise. Ein origineller Pfarrer aber hat wohl mit Recht einst den Ausspruch getan, solch unvernünftige Kinder Gottes gebe es auch noch heutzutage. Und so ist auch diese untergeordnete Figur in ihrer Art charakteristisch.

Ein allgemeines Interesse dagegen erweckt eine Frau, welcher im Leben des Apostels Paulus Erwähnung getan wird: Lydia, die Purpurkrämerin von Philippi (Apostelg. 16,14.15). Zwar was speziell von ihr erzählt wird, dass sie nämlich eine andächtige und heilsbegierige Zuhörerin des Apostels gewesen, dass sie von ihm getauft worden sei und hernach ihm und seinen Gefährten gastfreundliche Aufnahme angeboten und gewährt habe, das Alles, so erfreulich und erbaulich es ist, würde an sich von keinem weiteren Belang für die Geschichte des Reiches Gottes sein. Allein der Umstand, dass Lydia das erste Glied der christlichen Gemeinde auf europäischem Boden, und ihr Haus die erste Missionsstation unsers Erdteils war, sichert ihr für alle Zeiten eine ehrenvolle Erinnerung in der Kirchengeschichte. Auch in den beiden großen Hauptstädten der alten Welt, in Athen und Rom, waren Frauen unter den Ersten, die von der apostolischen Predigt gewonnen wurden: In Athen die Damaris (Apostelg. 17,34), in Rom die Priscilla (Apostelg. 18,2.18.26; Röm. 16,3; 1 Kor. 16,19 und 2 Tim. 4,19).

Die letztgenannte Priscilla, welche in der Apostelgeschichte und in den paulinischen Briefen mehrfach erwähnt wird, verdient auch hier ausführlicher behandelt zu werden, ist sie doch gewürdigt worden, während achtzehn Monaten, also nicht nur vorübergehend wie Lydia, die Hauswirtin Pauli zu sein. Freilich nicht in Rom, wo Paulus ja nur als Gefangener geweilt hat, sondern in Korinth. Nach Korinth aber war Priscilla mit ihrem Manne, dem Zeltfabrikanten Aquila, von Rom aus gekommen, als eine um Christi willen Verfolgte. Die Eheleute hatten ursprünglich zur römischen Judenschaft gehört. In das römische Judenviertel aber, dessen Bewohner, wie alle Juden, mit der heiligen Stadt Jerusalem beständig Fühlung unterhielten, war mit den übrigen Nachrichten aus Zion durch die zurückehrenden Pilger auch die Kunde von dem Bestehen und Glauben der Christengemeinde gebracht worden. Begreiflicherweise rief diese Mähr auch in Rom gewaltige Aufregung hervor, und es bildeten sich sofort zwei Parteien: Eine für, die Andere wider Christum. Ja es kam zu einer förmlichen Revolution. Und da der Ghetto mit seinen 30.000 Einwohnern und vier Synagogen immerhin einen beachtenswerten Teil der großen Stadt bildete, so sah sich die Staatsgewalt veranlasst, einzugreifen und dem Tumult ein Ende zu machen. Die Hauptanhänger des Christentums wurden mitsamt den leidenschaftlichsten Kämpfern der altjüdischen Partei aus Rom verbannt. Das geschah im Jahre 52 nach Christi Geburt, und wir wissen es aus dem Berichte des römischen Geschichtsschreibers Suetonius, der, oberflächlich unterrichtet, von einem Chrestus erzählt, welcher die römischen Juden aufgewiegelt und deren teilweise Vertreibung verschuldet habe. Die Apostelgeschichte erzählt bloß im Allgemeinen von einer Judenhetze des Kaisers Claudius, in Folge welcher Aquila und Priscilla von Rom nach Korinth gekommen seien, und berichtet dann weiter, wie die Gemeinsamkeit des Glaubens und des Handwerks eine Art geschäftlicher Assoziation zwischen Paulus und Aquila veranlasst habe. Renan malt in seinem Buche St. Paul (S. 215) das gemeinsame Arbeiten des Apostels mit dem Ehepaare ansprechend aus, indem er sagt: „tous les trois établirent un petit magasin, qu'ils fournissaient d'articles confectionnés par eux.“ Jedenfalls war das Zusammenleben der Drei, auch wenn sie es, was sehr wahrscheinlich ist, in kommerzieller Beziehung nicht weiter als zum petit magasin gebracht haben, ein reich gesegnetes. Und zwar nicht nur für die beiden Eheleute, welche im Verkehr mit dem erleuchteten Botschafter Christi erstarkten im Glauben des Sohnes Gottes und reich wurden an christlicher Erkenntnis, sondern auch für den Apostel selbst und durch ihn für die gesamte christliche Kirche bis auf den heutigen Tag. Von Aquila und Priscilla erhielt nämlich Paulus zum ersten Mal eingehende Nachrichten über die Christen in Rom und zwar sowohl über die aus dem Judentum stammenden, als auch über einzelne zum Teil hochgestellte Heiden, die den HErrn Jesum lieb gewonnen hatten. Sofort erfasste er die Bedeutung einer Christengemeinde in Rom, dem Mittelpunkt aller Welt, und während er über die einzelnen Verhältnisse der dortigen Christen von seinen Arbeits- und Tischgenossen unterrichtet wurde, entstand in ihm der Plan jenes majestätischen Sendschreibens, dessen nächste Wirkung ein herrliches Aufblühen der römischen Gemeinde war, Als Paulus nach wenigen Jahren, anders freilich als er selbst gedacht, nach Rom kam, war dieselbe schon ziemlich bedeutend geworden. Der Römerbrief aber ist später unter der Hand Luthers in verhängnisvollster Weise ein Bannbrief gegen Rom geworden, so dass wir protestantische Christen mit besonderer Andacht an jene Werkstätte von Korinth denken müssen, in der nicht nur Zelttuch für vergängliche Hütten, sondern einer der herrlichsten Strebepfeiler der evangelischen Kirche entstanden ist. Übrigens wurde der Brief damals wohl erst geplant. Abgefasst und abgesandt hat ihn Paulus erst während eines späteren Aufenthaltes zu Korinth, als Aquila und Priscilla schon wieder nach Rom zurückgekehrt waren; finden wir doch am Schluss der Epistel (16,3 und 5) ausdrücklich Grüße des Apostels an sie und ihre ganze Hausgemeinde. Bei dieser Gelegenheit vernehmen wir auch aus Pauli eigenem Munde, dass die beiden um seinetwillen große Gefahren ausgestanden hätten. Auch ist nicht zu übersehen, dass Priscilla vor Aquila genannt wird. Paulus, der sonst so energisch darauf dringt, die Frau müsse im Haus Nummer 2, oder, wenn Sie lieber wollen, Nummer 1 b sein, hat sich zu einer so auffallenden Hervorhebung der Frau nicht durch jene einfältige, weichliche Courtoisie16), die heutigen Tages in den Verlobungsanzeigen die gottgewollte Reihenfolge auf den Kopf stellt, sondern nur durch triftige Gründe bestimmen lassen. Priscilla hat offenbar bei den verschiedenen Verfolgungen und Anfechtungen, denen das Ehepaar, teils um seines eigenen Glaubens, teils um des Hausgenossen willen ausgesetzt war, in hervorragender Weise Glaubensstärke und Liebesmut bewiesen. Und zwar nicht nur in Korinth, sondern auch in Ephesus, wohin Aquila und Priscilla den Apostel begleiteten, and wo sie, als Paulus weiter reiste, noch längere Zeit verweilten. Aus der Zeit dieses ephesinischen Aufenthalts berichtet uns die Apostelgeschichte (18,19-26) noch einen charakteristischen Zug aus dem Leben dieser Freunde Pauli, einen tatsächlichen Beweis dafür, dass sie sich den Umgang mit dem Apostel für ihr inneres Leben recht zu Nutze gemacht hatten. Als nämlich der beredte alexandrinische Judenchrist Apollo nach Ephesus kam, da waren es Aquila und Priscilla, welche ihn in ihren näheren Privatumgang zogen und durch fleißige Belehrung wesentliche Lücken in der christlichen Erkenntnis dieses geistvollen Mannes auszufüllen vermochten. Demnach müssen wir jedenfalls Priscilla noch höher stellen als Tabitha, da sie nicht nur der leiblichen Notdurft der Heiligen, sondern auch dem geistlichen Leben Handreichung getan hat. Auch dadurch leisteten Aquila und Priscilla der Sache des Evangeliums wesentliche Dienste, dass sie der Gemeinde von Ephesus ihre dortige Wohnung für die regelmäßigen Gemeindeversammlungen zur Verfügung stellten (1 Kor. 16,19). So hat denn Paulus vollkommen Recht, wenn er den Römern (16,4) schreibt, dass diesem christlichen Mäcenas-Paare nicht nur er, sondern die ganze Christenheit zum Dank verpflichtet sei, und ebenso Renan, wenn er sie (a. a. O. S. 217) bezeichnet als presque passés au rang d'apôtres. Leider wissen wir von ihren weiteren Lebensschicksalen nichts Sicheres. Dagegen haben wir keinen Grund, in die Angabe des römischen Märtyrer-Katalogs, sie hätten Beide ihren Glauben mit dem Zeugentod besiegelt, irgend einen Zweifel zu setzen.

Über andere einzelne Frauen des apostolischen Zeitalters bietet uns das Neue Testament nur sehr spärliche Angaben; doch lassen uns dieselben immerhin Blicke tun in die spezifische Bedeutung der Frau für das christliche Familien- und Gemeindeleben. In ersterer Hinsicht ist die schöne Anerkennung hervorzuheben, welche Paulus (2 Tim. 1,5) zwei christlichen Matronen zollt. Er erinnert seinen Timotheus an die Verpflichtung, Gott dafür zu danken, dass ungefärbter Glaube bei ihm von seiner Mutter Eunike und von seiner Großmutter Lois her Familientradition gewesen sei. Einer diesen Beiden ebenbürtigen christlichen Familienmutter hat auch Johannes in seinem 2. Briefe ein schönes Denkmal gesetzt. Es freut ihn, derselben die höchste Ehrenmeldung tun zu können, die eine christliche Mutter sich wünschen kann, dass nämlich auch etliche ihrer Kinder in der Wahrheit wandeln.

Allein nicht nur bei der stillen privaten Tätigkeit für die Fortpflanzung evangelischen Glaubens und Lebens in den Familien treffen wir die frommen Frauen jener Zeit; wir gewinnen vielmehr, wenn wir eine Reihe vereinzelter Notizen aus den paulinischen Briefen zusammenstellen, ein klares Bild von dreierlei amtlicher, offizieller oder wenigstens halboffizieller Mitwirkung des weiblichen Geschlechts an dem christlichen Gemeindeleben. Immerhin muss vorausgeschickt werden, dass gerade Paulus, so rühmlich er die derartigen Dienste der Frauen gelegentlich hervorhebt, auf der andern Seite auch vor den Weiblein warnt, „die sich in vielerlei Gelüsten umtreiben“ (2 Tim. 3,6), und bei diesen „Gelüsten“ ist, wie der selige Beck (Pastoral-Lehren S. 112) richtig bemerkt, weder an die Stricklust noch an die Flicklust zu denken; die oft eben nicht sehr groß ist, wohl aber an die Lust, „sich in christlichen Werken“ wichtig zu machen, sich an die Spitze von großartigen Unternehmungen und geräuschvollen Vereinen zu stellen. Solchen Weibleins-Gelüsten dürfe, so schreibt Paulus wiederholt an den Timotheus, durchaus kein Vorschub geleistet werden. Der nüchternen apostolischen Methode im Werben für das Reich Gottes liegt das neuerdings so beliebte, wie man es zu nennen pflegt, „liebevolle Eingehen“ in das Weibische des Frauenwesens, in die Leichtgläubigkeit, Sentimentalität, Phantasterei und Vieltuerei gänzlich ferne. Im Gegenteil, Paulus will (1 Tim. 1,9 ff.) an die Frauen die zwei für sie schwersten Gebote gerichtet wissen, das der Stille, dass sie ihre Gottseligkeit nicht durch schöne Worte, sondern durch gute Werke beweisen sollen; und das der Unscheinbarkeit, dass sie weder durch lüsternen Putz, noch durch eine falsch idealistische Vernachlässigung ihres Äußern je trachten sollen, die Augen auf sich zu ziehen.

Von dem, wenn Sie wollen, dunklen Grund dieser strengen Forderungen heben sich die kurzen Lobsprüche um so glänzender ab, welche Paulus einigen in öffentlichen Gemeindediensten stehenden Frauen (Röm. 16,6 u. 12) erteilt. Von einer uns sonst nicht weiter bekannten Maria sagt er, sie habe viel Mühe und Arbeit mit ihm gehabt, von einer Tryphäna und Tryphosa, sie hätten in dem HErrn gearbeitet, von einer Persis sogar, sie habe viel gearbeitet in dem HErrn, und von einer Phöbe (Röm. 16,1 u. 2), sie habe Vielen und auch ihm selbst Beistand getan. Zwar gibt er nur der Letztgenannten ausdrücklich den Namen Diakone (das Wort Diakonisse kommt im Neuen Testament gar nicht vor), allein wir dürfen annehmen, dass auch die Anderen in der Eigenschaft bestalter Gemeindedienerinnen da und dort den bekanntermaßen kränklichen und oft schwerleidenden Paulus gepflegt und auch wohl in seiner Missionsarbeit, namentlich unter den Frauen, ihn unterstützt haben. Auch die im Briefe an die Philipper (4,2) erwähnten zwei Frauen - Euodia und Syntyche sind (nach V. 3) höchstwahrscheinlich Diakonissen gewesen, jedenfalls steht dieser Annahme der Umstand, dass sie vom Apostel zum Frieden ermahnt werden, nicht hinderlich entgegen; „Es menschelet so überall“, wie der Basler sagt, warum nicht auch im Diakonissenhause von Philippi? Jedenfalls aber bleibt Phöbe, die Diakone der Gemeinde von Kenchreä bei Korinth, das Urbild des gesamten Diakonissenwesens der alten Kirche sowohl, wie der an jene anknüpfenden Neuzeit. Phöbe wird den römischen Christen von Paulus aufs Wärmste empfohlen; sie auch hat offenbar den Römerbrief an seine Adresse überbracht, was wiederum Niemand anschaulicher wird schildern können als Renan (a. a. D.): „Kenchrées eut une diaconesse admirable, qui un jour cacha sous les plis de son vôtement de femme tout l'avenir de la théologie chrétienne, l'écrit qui devait régler la foi du monde“.

Über die Bestellung der Diakonissen und den Umfang ihres Dienstes lässt sich dem neuen Testament nichts Bestimmtes entnehmen; dagegen gibt Paulus dem Timotheus (I. 3,11) die notwendigsten, persönlichen Erfordernisse an: sie sollen ehrbar, mäßig, gewissenhaft und nicht klatschsüchtig sein. In dem ersten Timotheusbrief (5,3 ff.) wird auch einer weiteren Verwendung von Frauen für den Gemeindedienst Erwähnung getan, des Institutes der Witwen. Die Witwen zwar, welche eigene oder verwandte Kinder auferzogen hatten, mussten im Alter von diesen (als billige Gegenleistung) erhalten werden. Verlassener Witwen dagegen nahm sich die Gemeinde an. Sie wurden aus den allgemeinen Mitteln unterstützt und überdies, wenn sie sechzig Jahre alt waren und in jeder Hinsicht einen guten Ruf genossen, in den Katalog der Ehren-Witwen aufgenommen. Im apostolischen Zeitalter scheinen diese Ehren-Witwen zum Teil ähnliche Obliegenheiten gehabt zu haben wie die Diakonissen. Freilich trug damals Alles noch einen sehr freiheitlichen Charakter; die amtlichen Abstufungen und sorgfältigen Ausscheidungen der Pflichten und Rechte jedes einzelnen Gemeindedieners entstanden erst in späterer Zeit. Doch finden wir auch zu einer bei den Kirchenvätern öfter erwähnten dritten Klasse von offiziellen weiblichen Personen, den sogenannten heiligen Jungfrauen, im neuen Testament einen Reim. Die Apostelgeschichte berichtet uns nämlich (21,9) ausdrücklich, dass einer der ersten sieben Diakone, der aus der Erzählung vom Kämmerer aus Mohrenland bekannte Philippus, vier jungfräuliche Töchter gehabt habe, die geweissagt hätten.

Sämtliche drei Erscheinungsformen, unter denen die Frau, abgesehen vom Familienleben, uns im Neuen Testament als christliche Frau entgegentritt, kommen nun, bis sie in der mittelalterlichen Nonne zusammenfließen, in der Geschichte der alten Kirche häufig vor; und zwar tritt bald mehr die Eine, bald mehr die Andere in den Vordergrund. Bald wird uns von Witwen erzählt, welche Frauen und Kindern den Taufunterricht erteilten, bei Eheschließungen ein entscheidendes Wort mitredeten, die Waisenerziehung leiteten, in der Kirche einen Ehrenplatz einnahmen und wohl auch ein besonderes Witwenhaus in der Gemeinde bewohnten. Dann wieder ist von Diakonissen die Rede, welche bei der Seelsorge unter den Frauen dem Priester als Mittelglied dienten und dies in dreifacher Weise: zunächst hatten sie bei den weiblichen Katechumenen nach vollendeter Taufe die vorgeschriebene Salbung statt des Geistlichen vorzunehmen; sodann lag ihnen ob, die Armenpflege unter den Frauen zu besorgen, und schließlich musste, so oft eine Frau mit dem Bischof reden wollte, des Anstandeswegen immer eine Diakonisse mitgehen. Auch diese Diakonissen hatten wie die Ehren-Witwen besondere Plätze in den Kirchen; es lag ihnen sogar die doppelte Pflicht ob, einmal beim Eingang für die Frauen Wache zu stehen und dafür zu sorgen, dass keine Unberufene ins Heiligtum der getauften Christen eindringe, und sodann, was auch heute noch nützlich sein könnte, alle die Frauen, welche zu spät zur Kirche kamen, zu ermahnen und mit ihnen zu beten, dass sie eifriger würden.

Im Allgemeinen wiegen im Abendlande die Witwen, in der orientalischen Kirche die Diakonissen vor. Jedenfalls hat das Abendland nie ein so förmliches Diakonissenwesen gekannt wie das Morgenland, wo die weibliche Diakonie der männlichen vollkommen an die Seite gestellt war. Die Diakonisse wurde wie der Diakon vom Bischof mit Handauflegung geweiht. Mit dem Schleier trat sie vor den Altar, wo die feierliche Weihe stattfand mit dem schönen Gebet: „Ewiger Gott, Vater unseres HErrn Jesu Christi, der Du Mann und Weib geschaffen, der Du mit dem heiligen Geist erfüllt hast Mirjam und Debora und Hanna und Hulda, der Du es nicht für unwert geachtet hast, Deinen eingeborenen Sohn von einem Weibe geboren werden zu lassen, der Du auch in der Hütte des Zeugnisses und im Tempel Hüterinnen Deiner heiligen Pforten bestellt hast, sieh nun auf diese Deine Magd, die zum Dienste erwählt ist, gib ihr den heiligen Geist und reinige sie von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes, würdig zu vollbringen das ihr aufgetragene Werk zu Deiner Ehre und zur Ehre Deines Christus, mit welchem Dir sei Ehre und Anbetung samt dem heiligen Geist in Ewigkeit. Amen“. Trotzdem so die Diakonisse großer Ehre gewürdigt wurde, gewann dennoch immer mehr die dritte Klasse der zur Ehelosigkeit und einer immerhin mit Wohltun verbundenen Beschaulichkeit sich verpflichtenden sogenannten „heiligen Jungfrauen“ den Vorrang und zuletzt dermaßen die Alleinherrschaft, dass die Ehren-Witwen und die amtlichen Diakonissen vollständig verschwinden. Näheres erfahren wir übrigens aus den literarischen Quellen der ersten christlichen Jahrhunderte nur von sehr wenigen solcher Diakonissen, Witwen oder heiligen Jungfrauen.

Das lebensvollste und ein wirklich schönes Bild christlicher Liebestätigkeit tritt uns in Olympias, der Freundin des Chrysostomus, entgegen. Reich, geistvoll und schön, zog sie es als sie schon im achtzehnten Jahr ihres Lebens Witwe wurde, dennoch vor, sich nicht wieder zu verheiraten, sondern ausschließlich Gott und den Brüdern zu leben. Herrlich ist die Antwort, die sie dem Kaiser Theodosius gab, als er, um sie zur Wiederverehelichung zu zwingen, ihr die Verwaltung ihrer sämtlichen Güter entzog. „Ihr habt“, schrieb sie ihm, „gegen eure demütige Dienerin nicht nur die Weisheit und Güte eines Herrschers, sondern vielmehr eines Bischofs an den Tag gelegt, indem ihr die schwere Last der Güter, die ich besitze, einem Beamten aufludet und mich dadurch von der Sorge und Unruhe befreitet, welche mir die Notwendigkeit, sie gut zu verwalten, auferlegt hätte. Um Eines bitte ich nun noch, und dadurch würdet ihr meine Freude sehr vergrößern: gebt den Befehl, meine Besitztümer unter die Kirche und die Armen zu verteilen. Schon lange fühle ich die Regung der Eitelkeit, welche die eigene Austeilung gewöhnlich begleitet, und ich fürchte stets, die mit den zeitlichen Gütern verbundenen Störungen möchten mich die wahren, die göttlichen und geistlichen Güter vernachlässigen lassen“. Als Theodosius ihr dann die Verwaltung zurückgab, verteilte sie in der Tat Alles zu kirchlichen und wohltätigen Zwecken; und was nicht als das Geringste hervorgehoben zu werden verdient: als ihr bisher so hochgestellter Bischof Chrysostomus auf Anstiften der üppigen und launenhaften Kaiserin Eudoria in Ungnade fiel und verbannt wurde, blieb Olympias ihm treu zur Seite und bewies damit am besten, dass es ihr wirklich um keinen Nimbus vor den Menschen zu tun war.

Während aus der Nähe des Chrysostomus bloß von dieser Einen hervorragenden Frau Kenntnis auf uns gekommen ist, wissen wir dagegen von einem andern, ebenfalls dem vierten Jahrhundert angehörenden Kirchenvater, vom hl. Hieronymus, dass er eine ganze Reihe von Frauen für den hingebenden Dienst an den Armen und Kranken zu entflammen gewusst hat. Von der berühmtesten derselben, der vornehmen Paula, ruft Hieronymus selbst aus: „Welcher Arme ist nicht in ihren Kleidern bestattet, welcher Kranke nicht von ihr erquickt?“ und erzählt von ihr, dass ihr höchster Wunsch gewesen sei, als Bettlerin zu sterben und in einem geschenkten Leichentuch begraben zu werden. Trotz diesen uns übertrieben scheinenden Äußerungen finden wir doch bei diesen frommen Frauen der alten Kirche weder die ausschließliche Beschaulichkeit, noch die abstoßende Scheinheiligkeit des späteren Nonnentums. Wohl siedelte Paula am Ende ihres Lebens mit ihren gleichgesinnten Töchtern und einigen Freundinnen nach Jerusalem über und gründete dort einen klösterlichen Verein, aber eben mit der Absicht, ohne Dienerinnen alle, auch die geringsten Geschäfte selbst zu besorgen und den schmutzigsten Kranken, ja selbst den Aussätzigen persönlich zu dienen.

Mit solch großartiger Selbstverleugnung haben denn auch jene christlichen Frauen der alten Kirche nach dem einstimmigen Zeugnis der Kirchenväter einen gewaltigen Eindruck hervorgebracht und der Ausbreitung des Christentums um so mehr Vorschub geleistet, weil diese hingebende Liebe dem unzugänglichsten Heiden imponieren musste. Auch an den Ehren der großen Blutsaat der ersten drei Jahrhunderte, aus welcher das erstaunliche Wachstum der christlichen Kirche von jeher und gewiss mit Recht ist hergeleitet worden, haben die Frauen einen schönen Anteil. Im Anschluss an das Vorherige seien hier in erster Linie jene zwei kleinasiatischen Diakonissen genannt, welche der nach seinen Begriffen nur gerechtigkeitsliebende Plinius als Statthalter des Kaisers Trajan durch die grausamste Folter zwingen wollte, die vermeintlichen Scheußlichkeiten der christlichen Gemeinde-Zusammenkünfte zu bekennen. Trotz allen Qualen erzählten die tapferen Mädchen nichts als die Wahrheit, die dann der vornehme Römer mit ärgerlichem Spott seinem Kaiser berichtete: dass die Christen an einem bestimmten Tag zusammenzukommen pflegten, um ein Lied zum Lob ihres Gottes Christus miteinander zu singen und sich gegenseitig zu verpflichten, aber nicht zu irgend einem Verbrechen, sondern dazu, sie wollten keinen Diebstahl, keinen Ehebruch begehen, das gegebene Wort nicht brechen, anvertrautes Gut keinem vorenthalten; darauf pflegten sie auseinander zu gehen und erst Abends zu einem einfachen und schuldlosen Mahl sich wieder zu vereinigen.

Fünfzig Jahre später sollten unter Mark Aurel, ca. 180 nach Christo, zwei andere Frauen in Gallien, Biblias und Blandina, ebenfalls durch die Folter gezwungen werden, gegen ihre Glaubensgenossen falsches Zeugnis abzulegen. Beide wurden in ausgesuchtester Weise zu Tode gemartert. Blandina wurde zuerst an einen Pfahl gehängt und so den wilden Tieren preisgegeben. Als sie halb zerfleischt war, band man sie in ein Netz und ließ einen wütenden Stier mit diesem Ball spielen; und erst dann gab man ihr den tödlichen Stich.

Eine besonders lebendige und ergreifende Anschauung gewähren uns die Akten von dem Märtyrertum dreier Afrikanerinnen: der Potamiana von Alexandrien und der Perpetua und Felicitas von Karthago, zur Zeit des Kaisers Septimius Severus, ca. 200 nach Christo. Potamiana (vgl. Eusebius, Kirchengeschichte VI, 5), ebenso ausgezeichnet durch ihre unentwegte Tugend wie durch ihre blühende Schönheit, wurde, nachdem sie weder durch Drohung, noch durch Verspottung, noch auch durch die schreckliche Geißelung zur Untreue gegen ihren Heiland und dessen Gebot hatte bewogen werden können, zum Feuertod verurteilt. Ihr Körper wurde nach und nach von den Fußsohlen bis zum Scheitel in siedendes Pech getaucht. Ein gewöhnlicher Profoss, Namens Basilides, der das schreckliche Urteil des Richters ausführen musste, empfing einen solchen Eindruck von der Standhaftigkeit der Märtyrerin, dass er schon während der Exekution sie vor Misshandlungen des Pöbels schützte und auch nachher Tag und Nacht von dem Gedanken an sie verfolgt wurde. Einst sah er sie im Traum ihm eine Krone aufsetzen und hörte, wie sie ihm zurief: „ich habe für dich zum HErrn gebetet und Erlösung erlangt, bald wirst auch du in sein Reich aufgenommen werden.“ Basilides meldete sich in der Tat zur Aufnahme in die Gemeinde und wurde Katechumene. Und als er bald darauf von einem seiner Kameraden zu einem Eid bei den Göttern aufgefordert wurde, weigerte er sich dessen und bekannte offen, sein christlicher Glaube sei es, der ihm zu schwören verbiete. Man glaubte anfänglich, er scherze nur; da er aber auf seiner Aussage beharrte, ward er vor den Richter geführt und ins Gefängnis geworfen. Dort erhielt er noch die Taufe und wurde dann enthauptet. Auch vielen Anderen soll Potamiana damals erschienen sein, und es soll auf diesem Weg das Märtyrertum der Potamiana eine eigentliche Massenerweckung in Alexandrien zur Folge gehabt haben. Und wir haben gewiss keinen Grund, hieran zu zweifeln. Im Gegenteil, es wäre merkwürdig, wenn die heldenmütige Gelassenheit, womit selbst zarte Jungfrauen den Tod erduldeten, nicht tiefe Spuren bei den Augenzeugen zurückgelassen hätte. Kein Wunder, dass Szenen, wie die eben geschilderte, sich jedermann tief einprägten, in den lebhaftesten Traumbildern wieder auftauchten und alle auch nur einigermaßen für die Macht der Wahrheit zugänglichen Seelen anspornten, ihr Heil bei Christo zu suchen!

Im Jahre 202 nach Christo, also ungefähr zur gleichen Zeit wie Potamtäna, wurden in Karthago die beiden jungen Frauen Perpetua und Felicitas um ihres Glaubens willen hingerichtet.

Vivia Perpetua, eine junge Frau von 21 Jahren, war die Tochter einer christlichen Mutter, aber eines heidnischen Vaters. Um sie zum Abfall vom Christentum und zur Rückkehr an die Altäre der Götter ihres Vaters zu bewegen, warf man sie in einen finstern, dumpfen Kerker. Dort war ihr neugebornes Kind, das sie stillte, ihr Trost, zugleich aber auch ihr Kummer. Vergeblich kam ihr Vater, um sie zu bitten, sie solle den Christenglauben abschwören, um sich selbst die Qual, ihm die Schande der öffentlichen Hinrichtung zu ersparen. Sie wies auf ein vor ihr stehendes Gefäß und fragte: „Kann ich dies Gefäß etwas anderes nennen als was es ist?“. Und als der Vater hierauf mit Nein antworten musste, erwiderte sie: „Ebensowenig kann ich sagen, ich sei keine Christin, da ich in Wirklichkeit eine bin.“ Statt nachzugeben, ließ sie sich von einem christlichen Diakon, der sich Zutritt zum Gefängnis verschafft hatte, taufen und später das Abendmahl reichen. Dadurch fühlte sie sich so gestärkt und erquickt, dass es ihr vorkam, der Kerker sei in einen Palast verwandelt. Auch liebliche Träume, in welchen der gute Hirte ihr mit seinem Trost erschien, befestigten ihren Glaubensmut. Und Festigkeit hatte sie nötig; denn als ihr Vater vernahm, dass es nun zum endgültigen Verhöre kommen sollte, eilte er nochmals zu ihr und beschwor sie aufs Dringlichste: „Meine Tochter, habe doch Mitleid mit meinen grauen Haaren, habe Mitleid mit deinem Vater, wenn ich noch wert bin, dein Vater zu heißen. Ich habe dich bis zu der Blüte deines Alters erzogen, ich habe dich mehr geliebt als alle deine Brüder, o gib mich nicht solcher Schande unter den Menschen preis. Siehe deine Mutter, siehe deine Verwandten, siehe deinen Sohn an, der, wenn du stirbst, dich nicht überleben wird. Lass den hohen Sinn fahren, womit du uns alle ins Verderben stürzt.“ Dabei warf sich der Greis ihr zu Füßen und nannte sie unter Tränen seine Gebieterin. Allein auch bei diesem herzzerreißenden Auftritt behielt Perpetua die Gegenwart des göttlichen Geistes. Wohl verschleierte sich ihr leibliches Auge und sie weinte, dass ihr Vater sich allein in ihrer Familie nicht über ihre Leiden zu freuten vermöge. Aber ihr innerer Blick, die Einsicht in den Willen des himmlischen Vaters und ihre Christenpflicht, blieb ungetrübt. Ruhig erklärte sie dem Vater: „Wenn ich vor dem Richterstuhl stehe, wird geschehen, was Gott will, denn wisse, dass wir uns nicht in unserer, sondern in Gottes Gewalt befinden.“ Auch als ihr Richter, der Statthalter Hilarianus, gerührt von ihrer Jugend, von dem Anblick des zitternden Vaters und des zarten Kindleins, durch einen Appell an ihr menschliches Gefühl sie zu retten versuchte und für das Wohlsein des Kaisers zu opfern aufforderte, blieb sie standhaft und antwortete auf die letzte entscheidende Frage: bist du eine Christin? mit fester Stimme: ja. Ihre Freundin Felicitas wurde im Kerker eines Kindes entbunden. Während der Geburt seufzte sie tief; da stellte man ihr vor, welch ungleich schwerere Leiden ihrer im Zirkus17) warteten, beim Kampf mit den wilden Tieren, zu dem sie und Perpetua verurteilt worden. Sie aber gab die großartige Antwort: Jetzt leide ich, was ich leide, dann aber wird es ein Anderer sein, der für mich leiden wird, weil auch ich für ihn leiden werde.“ Selbst den Kampfrichtern der Arena imponierte diese Seelenstärke. Bei einem zu Ehren des Prinzen Geta veranstalteten Feste sollten die beiden jungen Frauen den Bestien vorgeworfen werden; und zwar sollten sie, damit die Sache für den schaulustigen Pöbel einen neuen Reiz bekäme, im Gewande von Ceres-Priesterinnen erscheinen. Allein dagegen sträubten sie sich mit solcher Entrüstung und erinnerten so inständig: „wir gehen ja gerade deshalb freiwillig in den Tod, um nichts Heidnisches tun zu müssen,“ dass nach Aussage der Akten sogar die Ungerechtigkeit das gute Recht dieser Weigerung anerkennen musste und ihnen die Vermummung erließ. Als die wütenden Tiere sie schon zerfleischt hatten, konnten die beiden Freundinnen noch zu einander gelangen und sich umarmen, ehe sie von Henkershand den Gnadenstoß erhielten. Anderen ähnlichen Märtyrerinnen brachte wohl, wie Gabriel Max es so schön dargestellt hat, ein ihnen persönlich Nahestehender oder durch ihren Heldenmut Begeisterter mitten aus dem Zuschauerkreise eine letzte Huldigung dar, eine Rose, oder den Ruf: have pia anima, lebewohl, fromme Seele!

Wir besitzen von den wenigsten der übrigen Märtyrerinnen ausführliche und zugleich glaubwürdige Nachrichten. Die Todesschicksale der in den schrecklichen diokletianischen Christenverfolgungen massenweise dahingeschlachteten Frauen und Jungfrauen sind so legendenhaft überliefert, dass es schwer halten würde, den wahren und erbaulichen Kern aus der oft recht plumpen, abergläubischen Schale zu befreien. Welche Unmasse von Christen allein in Rom selbst von dem neronischen Blutbad bis zur Anerkennung des Christentums als Staatsreligion durch Kaiser Konstantin, also in den 260 Jahren von 64 bis 324 nach Chr. um ihres Glaubens willen auf alle nur erdenkliche Arten getötet worden sind, zeigt am besten die glaubwürdige Überlieferung von den zwei uralten römischen Kirchen der heil. Praxedis und der heil. Bibiana. Die Erstere rühmt sich auf dem Grabe von 2300 namhaften Blutzeugen zu stehen, von den Vielen, deren Name Gott allein wisse, nicht zu reden; und in S. Bibiana, welche offenbar auf dem Grund und Boden einer Arena sich erhebt, kann man gar eine alte Inschrift lesen, laut welcher an diesem Ort 11.266 Männer mit mindestens ebenso viel Weibern und Kindern den Märtyrertod erlitten hätten.

Dass den Gräueln durch Konstantin ein entschiedenes Ende gemacht und das Christentum, freilich nicht zu seinem inneren Vorteil, auf den Thron erhoben wurde, ist nicht zum Mindesten das Verdienst einer Frau, und zwar der Mutter Konstantins, der vom geringen Stande einer Gastwirtin zur höchsten Fürstenwürde gelangten Helena. Ihr Einfluss war es, der den höchst unentschlossenen Kaiser bewog, dem Christentum nicht nur Schutz zu gewähren, sondern Macht einzuräumen. Freilich vermochte sie nicht, ihrem oberflächlichen, nur nach den Eingebungen der Staatsraison handelnden Sohne den Blick in das wahre Wesen des Christentums zu erschließen; denn sie selbst war eine äußerst leichtgläubige und wundersüchtige Frau, welche den Reliquiendienst nach Kräften beförderte. Dafür genießt sie denn auch in den Legenden der römischen Kirche großes Ansehen. Eben darum soll aber nicht sie, sondern eine für das wirkliche Gedeihen des Reiches Gottes ungleich bedeutendere Mutter des christlichen Altertums diese Reihe von Frauen aus der Geschichte der alten Kirche abschließen: Monika, die Mutter des großen Kirchenvaters Augustinus. In ihr sind zu einem harmonischen Bild echten Seelenadels alle die Züge vereinigt, welche uns heute zerstreut begegnet sind: kontemplative18) Frömmigkeit und sittlicher Ernst, dienende Liebe und duldender Glaube. Monika war schon von Geburt her christlich und hatte daheim, namentlich von einer alten Magd, die schon ihren Vater auf den Armen gewiegt hatte und darum besonderes Ansehen im Hause genoss, treffliche Anleitung zu christlicher Lebensweisheit empfangen. In ihrer Ehe konnte sie ihr Christentum bewähren; denn sie teilte das Los so vieler damaliger christlicher Frauen, welche, an heidnische Männer verheiratet, tagtäglich die gröbsten Schmähungen und jedenfalls vielfache Hinderung in der Ausübung ihres Glaubens sich mussten gefallen lassen. Patricius, der Mann der Monika, war nun zwar kein unedler, aber ein besonders heftiger und aufbrausender Mensch. Da bedurfte es großer Selbstüberwindung von Seiten der frommen Frau, und nur dadurch, dass sie es über sich brachte zu schweigen, wenn er ihr im Zorn Unrecht tat, gelang es ihr, den häuslichen Frieden aufrecht zu erhalten. Durch ihren keuschen, gottesfürchtigen Wandel gewann sie denn schließlich auch ohne Worte den Patricius für ihren Glauben, und es bewahrheitete sich so auch in dieser Beziehung das schöne Zeugnis, das ihr Sohn ihr ausgestellt hat19): „Jedermann, der sie kannte, musste dich selbst, O HErr, lieb gewinnen, weil ihr Umgang bewies, dass du in ihrem Herzen lebtest.“ Freilich hatte das fromme Beispiel der Mutter nicht vermocht, den jugendlichen Augustin vor groben Ausschweifungen zu bewahren. Wohl brachten ihre Erzählungen von der Herablassung des Heilandes, das Zeichen des Kreuzes, das sie ihn machen lehrte, und die Gebete, die sie ihm vorbetete, einen feierlichen Eindruck bei ihm hervor, allein die Verführungen wurden immer stärker, und zuletzt kam es so weit mit ihm, dass er die treubesorgte Mutterliebe als „Weibergeschwätz“ verachtete. Da trennte sich Monika, die unterdessen Witwe geworden, in stummem Schmerz von ihm; sie wollte nicht länger über Tisch seine lästerlichen Reden hören müssen. Doch brach ihr der geistliche Tod des geliebten Sohnes fast das Herz, und sie flehte Tag und Nacht unter Tränen für ihn. Ein christlicher Bischof, dem sie ihre Not klagte und den sie - echt mütterlich - veranlassen wollte, Bekehrungsversuche bei ihrem Sohn zu machen, sah als kluger Mann wohl ein, dass mit plumpem Dreinfahren bei einem wissenschaftlich so gebildeten jungen Manne viel könnte verdorben werden, und versprach deswegen nichts, gab ihr aber zum Abschied den schönen Trost: „Gib dich zufrieden, es ist unmöglich, dass ein Sohn verloren gehe, um den solche Muttertränen geweint werden.“ Auch durch einen merkwürdigen Traum wurde die Hoffnung ihres Mutterherzens neu belebt. Es träumte ihr nämlich, sie stehe auf einem Richtscheit und weine um ihren Sohn; auf einmal werde sie von einem freudestrahlenden Jüngling nach der Ursache ihres Kummers gefragt und empfange schließlich von ihm den Trost: „sieh doch um dich, wo du stehest, da steht er auch;“ und wie sie umgesehen habe, sei richtig Augustin mit ihr auf demselben Richtscheit gestanden. Als sie bei Gelegenheit diesen Traum dem Sohn erzählte, versuchte er es, denselben zu seinen Gunsten zu deuten, indem er die Hoffnung aussprach, dass sie zu seiner Lehre sich bekennen werde. Augustin war nämlich mittlerweile in die Sekte der Manichäer20) eingetreten, welche schöne Worte und Formen vom Christentum entlehnte, um die Öde und Leere ihres heidnischen Unglaubens damit zu drapieren. Monika ließ sich aber von der listigen Wendung, mit welcher Augustin dem Ernst ihres Traumes auszuweichen suchte, nicht verblüffen, sondern antwortete mit großer Geistesgegenwart: nein, nicht wurde mir gesagt: „wo er steht, da bist auch du,“ sondern: „wo du stehst, da steht auch er.“ Zwar fühlte sich der damals von der Dialektik ganz bezauberte Augustin durch diese überraschende Gewandtheit seiner Mutter momentan betroffen, allein an seinem inneren Leben oder auch nur an seinem Verhältnis zur Mutter änderte das nichts. Zwar so viel war von dem ernsten Einfluss der mütterlichen Erziehung bei ihm haften geblieben, dass er die Heuchelei verabscheute und darum trat er, als er bei den Manichäern unter dem frommen Gewand eigentliche Schändlichkeiten entdeckte, aus dieser Sekte aus. Zugleich aber fasste er den Entschluss, nach Rom zu gehen, um dort, wie er der Mutter gegenüber vorgab, ungestört den Studien zu leben, in der Tat aber, um sich, ungehindert von ihren Bitten und Mahnungen, den Genüssen hingeben zu können. Als die Mutter sah, dass sie ihn nicht zurückhalten konnte, wollte sie ihn wenigstens als guter Engel begleiten. Augustin aber, der sich gerade ihrer Gegenwart entziehen wollte, reiste verstohlener Weise ab, während Monika eben in einer Kapelle am Meer für das Heil seiner Seele betete. Er gedachte es böse zu machen und ihren frommen Zumutungen für immer zu entrinnen, Gott aber gedachte es gut zu machen und führte gerade durch diese Reise und den Aufenthalt Augustins in Italien die Erhörung der frommen mütterlichen Gebete herbei. Als Monika, ohne von den Gefahren der weiten Reise zurückzuschrecken, den Sohn in Italien aufsuchte, fand sie ihn zu Mailand als Lehrer der Rhetorik, aber zugleich als Schüler des Bischofs Ambrosius. Zu diesem hatte ihn nicht etwa die Heilsbegierde, sondern der große Ruf seiner Beredsamkeit getrieben. Augustin wollte als Lehrer der Beredsamkeit die Predigten des Ambrosius prüfen, bald aber kehrte sich das Verhältnis um: die Redegewalt des Ambrosius drang dem bisher so leichtlebigen jungen Manne ins Herz und nötigte ihn, sich selbst zu prüfen und dabei zu dem richtigen Ergebnis zu gelangen, dass Gott den Menschen für eine ewige Bestimmung geschaffen habe, und dass des Menschen Herz ruhelos sei, bis es ruhe in Gott. Diese Anfänge der inneren Umwandlung wurden natürlich von Monika mit Freuden begrüßt; sie hing fortan als dankbarste Zuhörerin an dem Munde des Ambrosius, den sie wie einen Engel Gottes verehrte. Es vergingen indessen noch mehrere Jahre, bis sie den Sohn als wirklich gerettet ansehen konnte und an Ostern des Jahres 387 seiner Taufe durch Ambrosius beiwohnen durfte. Damit war aber auch ihre Lebensaufgabe vollendet. Auf der Rückreise nach Afrika starb sie zu Ostia bei Rom. Dort, wo sie einige Zeit auf günstigen Wind zur Überfahrt warten mussten, bewohnten sie am Ausfluss des Tiber ins Meer ein ländliches Haus und verkürzten sich das Warten mit frommen Gesprächen. In dieser Situation findet man wohl Monika und Augustin am meisten abgebildet, und es ruht auf der schönen Gruppe der Morgenglanz der Ewigkeit. Es ist uns, wir hörten die fromme Mutter jene schönen Worte sprechen, welche Augustin uns in seinen Bekenntnissen aufbewahrt hat: Ein Einziges wars, warum ich ehemals noch gerne länger lebte: dich nämlich als einen Christen zu sehen, ehe ich stürbe. Gott hat meine Hoffnung über Erwarten erfüllt, da ich dich als seinen Diener sehe. Warum sollt' ich nun länger hier bleiben?“ Augustin aber blickt zu ihr auf mit jener Verehrung, welcher er in den Eingangsworten zu ihrer Lebensbeschreibung Ausdruck gegeben hat: „Diese treue Dienerin Gottes hat mich nicht nur in das zeitliche Leben, sondern mit ihrer Liebe hat sie mich zum ewigen Leben geboren.“

Als Monika gestorben war, wehrte Augustin den lauten Klagen der Seinigen. Es schien ihm nicht billig, sie mit Geschrei und Tränen zu betrauern; „Sie ist,“ sprach er, „weder elend gestorben, noch überhaupt gänzlich gestorben. Mit Recht mag man an den Gräbern derer heulen, die unselig dahingefahren sind, oder deren gänzliche Vernichtung man beklagt. An dem Grab unserer Mutter, für deren Seligkeit ihre Tugend und ihr ungeheuchelter Glaube uns bürgen, lasst uns den Psalm anstimmen: Von Gnade und Gericht will ich singen und dir, HErr, Lob sagen.“

Riggenbach, Bernhard - Frauengestalten aus der Geschichte des Reiches Gottes - IV. Die Heiligen des Mittelalters.

Das Mittelalter, d. h. die große Periode von 500 bis 1500 nach Christo, gilt im Allgemeinen als ein tausendjähriges Reich der finstersten Finsternis; und namentlich in Zeiten und Zeitrichtungen, welche wie die gegenwärtige die Signatur der herrschenden Aufklärung tragen, hat sich das Mittelalter immer müssen zum Gespött machen und als sprichwörtlichen Inbegriff von Despotismus, Dummheit und Aberglauben gebrauchen lassen. Kulturkampffreudige Feuilletonisten laufen einander in drastischen Beschreibungen des mittelalterlichen Verderbens den Rang ab; das Durchschnitts-Publikum kommt zum Gruseln, sobald nur Einer das Wort „Mittelalter“ über die Lippen bringt; und der moderne Bildungsphilister meint für den hohen Grad seiner geistigen Entwicklung keinen durchschlagenderen Beweis erbringen zu können als einen möglichst deutlich ausgesprochenen Widerwillen gegen Alles, was Mittelalter heißt. Diese Tendenz entspringt, wenn wir genauer zusehen, geradezu aus der Unwissenheit, aus gänzlich mangelnder oder doch bloß einseitiger Bekanntschaft mit der Geschichte des Mittelalters und mündet aus, wie es am Tag liegt, in der rücksichtslosesten Barbarei gegen die Kulturdenkmäler jener Zeit. Dagegen gibt es ein nicht minder verwerfliches anderes Extrem, einen abgöttischen Kultus des Mittelalters und dieser ist namentlich dem Ultramontanismus aus naheliegenden Gründen eigen. Doch hat diese Richtung auch innerhalb der evangelischen Christenheit je und je ihre Vertreter gehabt. Zu den zielbewussten Romanisten gesellen sich gefühlvolle Romantiker, für deren schwärmerische Liebhabereien das mystische Halbdunkel der mittelalterlichen Dome und Kreuzgänge den richtigen Hintergrund bildet, oder kunstbegeisterte Ästhetiker, welche sich keine Erhabenheit ohne den gotischen Spitzbogen denken können. Vor beiden Abwegen, vor der Verketzerung wie vor der Vergötterung des Mittelalters, bewahrt uns eine ruhige Betrachtung seiner Geschichte und namentlich eine unbefangene Beleuchtung einzelner hervorragender Äußerungen des sittlichen und religiösen Lebens jener Zeit. Dabei werden wir inne, dass sowohl das Böse wie das Gute im Mittelalter riesige Dimensionen annahm. Die Selbstsucht wurde auf die Spitze getrieben, Menschen - und oft was für welche! - nahmen das Gottesreich in Pacht und betrogen den Nächsten um sein Bestes, indem sie den Satz aufstellten, von christlichem Leben könne nur da die Rede sein, wo für die Kirche, d. h. für die Pläne und Bestrebungen Roms gearbeitet werde. Aber, wenn wir nun diese Arbeit, für welche in Rom die Tagesordnung immer strammer festgestellt wurde, näher ins Auge fassen, welch staunenerregende Arbeitskräfte, welch glanzvolle Arbeitsprodukte treten uns da entgegen! Neben der schrankenlosesten Selbstsucht und Herrschsucht die tiefste Tiefe der Selbsterniedrigung und die völligste Hingabe an die von Jesu Christo gestellten Aufgaben. Für Beides finden wir in allen drei Epochen des Mittelalters auch weibliche Beispiele.

Die mittelalterliche Kirchengeschichte wird nämlich am richtigsten in drei Perioden zerlegt. Den ersten Abschnitt bildet die Zeit des Aufschwungs der päpstlichen Gewalt bis zu Gregor VII., den zweiten die Zeit der größten Macht und Herrlichkeit des Papsttums bis zu Bonifacius VIII. und den dritten die Zeit der Korruption der päpstlichen Kirche, wo einerseits die Notwendigkeit, anderseits die Möglichkeit der Reformation sich anbahnte. Da wir es jedoch hier nicht mit einer Geschichte des Papsttums, sondern mit dem Anteil der Frauen an der Geschichte des Reiches Gottes zu tun haben, so werden wir natürlich der Frauen unsere Aufmerksamkeit nicht schenken, welche für die Kirche Christi keine Bedeutung hatten, sondern nur am Hofe des „Antichrists“ in Rom eine Rolle gespielt haben. Wir brauchen uns also glücklicherweise auch mit den schamlosen Buhlerinnen nicht zu befassen, welche zweimal, am Anfang und am Ausgang des Mittelalters, die sogenannten Statthalter Christi beherrscht und das Zerrbild der Theokratie vollends zur Pornokratie herabgewürdigt haben. Wir können uns aber überhaupt für unsern Stoff an die vorhin erwähnte Dreiteilung nicht halten, sondern müssen die von unserem Gesichtspunkt aus hervorragenden mittelalterlichen Frauen anders zusammenordnen. Wenn wir die sämtlichen, für das allgemeine kirchengeschichtliche Interesse besonders fesselnden Frauengestalten jener tausend Jahre heraussuchen, so treten uns ungesucht zwei große Gruppen entgegen: Fürstinnen und Klosterfrauen. Natürlich können wir nicht jede Einzelne näher ins Auge fassen. Viele sind uns ohnehin nur dem Namen nach bekannt, bei Anderen wieder vermögen wir nicht zu unterscheiden, ob das uns von ihnen überlieferte Wahrheit oder Dichtung, Geschichte oder Legende, gesunde Naturfarbe oder geschminkter Heiligenschein ist. Und so müssen wir uns begnügen, die große Menge nur flüchtig zu grüßen, damit wir bei denen umso länger verweilen können, welche mit vollem historischem Recht als „Heilige“ und als Perlen des weiblichen Geschlechtes gelten, und denen auch der nüchternste Protestant ihren Platz in der Walhalla des Reiches Gottes nicht streitig machen kann.

Dass Fürstinnen im Mittelalter entscheidenden Einfluss auf die Geschicke der Kirche ausgeübt haben, darf uns nicht verwundern; wurde doch zu jener Zeit alles öffentliche Leben von den Höfen aus in allein maßgebender Weise bestimmt. So sind die beiden intriganten byzantinischen Kaiserinnen Irene und Theodora es gewesen, welche am Ende des achten und am Anfang des neunten Jahrhunderts durch allerlei wenig rühmliche Weiberlist dem langen Streit wegen des Bilderdienstes ein Ende gemacht und den Bilderfreunden von oben herab zum verhängnisvollen Sieg geholfen haben. Dagegen haben zwei edle deutsche Kaiserinnen ihre hohe Stellung zu Besserem benützt. Die heilige Mathildis (+ 968), das hehre Vorbild einer christlichen Familienmutter, milderte mehr als einmal durch sanfte Fürbitte die Strenge ihres Gemahls, Kaisers Heinrich des Ersten. Sterbend gab er ihr das Zeugnis: „Kein Mann hat je eine treuere und gottesfürchtigere Gattin gehabt. Ich danke meinem Erlöser, dass ich dich nicht überlebe. Habe Dank, dass du oft meinen Zorn besänftigt, mir nützlichen Rat erteilt, mich von der Unbilligkeit zur Gerechtigkeit geführt und zur Barmherzigkeit gegen die Unterdrückten ermahnt hast.“ Als Witwe übte Mathildis eine solche Freigebigkeit, dass ihre Söhne der angeblichen Verschwendung mit Gewalt in den Weg traten und den Boten, deren sich die Kaiserin zur Verteilung ihrer milden Spenden bediente, dies Geschäft bei schwerer Strafe untersagten. Tief gekränkt zog sie sich in die Verborgenheit zurück, und als sie auf Vermittlung ihrer Schwiegertochter, der gleichfalls durch Wohltätigkeit ausgezeichneten Edgitha, von Kaiser Otto reumütig wieder an den Hof berufen wurde, krönte sie ihr Alter mit erneuter, fast leidenschaftlicher Fürsorge für die Armen. Anderer Art als die Tätigkeit dieser beiden ersten sächsischen Kaiserinnen war hundert Jahre später die der letzten: der heiligen Kunigunde (+ 1040), welche mit ihrem Gemahl, dem kirchenfreundlichen Heinrich II., eine stattliche Reihe von Kathedralen und Klöstern gründete und als Mitstifterin unseres Münsters auch in hiesiger Stadt von Alters her besondere Verehrung genießt. So sehr die römischen Päpste solche Verdienste zu schätzen wussten, so hat doch selbst Gregor VII. in seiner Korrespondenz mit den Gräfinnen Beatrice und Mathilde von Toskana wiederholt daran erinnert, dass die guten Werke nur als Kinder zu betrachten seien der Mutter aller Tugenden, jener wahren Liebe, die vom Himmel auf Erden gekommen, um unser Elend zu tragen, und der gewaltige Papst ist offenbar von seinen frommen und gelehrten Freundinnen nicht missverstanden worden; hat sich doch die Mutter - Beatrice - die schöne Grabschrift gedichtet, welche noch heute auf dem campo santo in Pisa zu lesen ist: „Quamvis peccatrix, vocata sum domna Beatrix - In tumulo missa jaceo quae comitissa,“ zu Deutsch: „Obgleich eine arme Sünderin, heiße ich dennoch die Selige, und obgleich eine vornehme Gräfin, liege ich doch hier begraben.“

Von demütiger menschlicher Nachahmung jener wahren göttlichen Liebe gibt es aber in der ganzen reichen Geschichte der christlichen Kirche kaum ein ergreifenderes Beispiel als das, welches eine deutsche Fürstin des Mittelalters gegeben hat: die in Wort und Bild seit 650 Jahren mit Recht vielgepriesene, thüringische Landgräfin Elisabeth. In ihr tritt uns mitten im Mittelalter, also in der Zeit, wo die Verzerrung des ursprünglichen Christentums am größten war, die Lichtgestalt einer echten Jüngerin des HErrn entgegen. Kein Wunder, dass sich ihr die Sagendichtung von ihrem Todestag bis hinab in unser Jahrhundert mit vollem Enthusiasmus zugewendet hat. Die Geschichte aber darf sich von dem Parfüm der Dichtkunst nicht betäuben und auch von der glühenden Rhetorik des geistreichen Grafen Montalembert nicht hinreißen lassen. Es ist auch gar kein Grund dazu vorhanden; denn Elisabeth steht auch vor dem Forum der unbestochensten wissenschaftlichen Forschung in der ganzen Glorie einer außerordentlichen Demut, Entsagung, Selbstverleugnung und Selbstentäußerung da. Und das ist doch gewiss mehr wert als alles Flittergold der lieblichsten, bloß angedichteten Wunder.

Elisabeth war die Tochter eines Kreuzfahrers, des ungarischen Königs Andreas II., und geboren zu Preßburg im Jahre 1207. Als sie vier Jahre alt war, erschien am Hof ihres Vaters eine glänzende Gesandtschaft des Landgrafen Hermann I. von Thüringen, um die ungarische Prinzessin als Verlobte des thüringischen Thronfolgers Ludwig nach der Wartburg mitzunehmen. Nach damaliger Sitte sollte sie an dem Ort ihres zukünftigen Wirkens erzogen werden. Und so verbrachte sie denn ihre Kindheit in der geistig regsamsten Umgebung jener Zeit, an dem genuss- und prachtliebenden Hof von Thüringen. Bald aber zeigte es sich, dass ihr ganzer Sinn mit der lebensfrohen und wohl auch etwas leicht geschürzten Stimmung, die am Hof ihres zukünftigen Schwiegervaters herrschte, in entschiedenstem Widerspruch stand, und dass auch Ludwig einer ernsteren Auffassung des Lebens sich zuneigte. Das schien den frohgesinnten Hofschranzen, welchen das buntbewegte Leben mit den verschiedenen geistigen und leiblichen Genüssen gar wohl behagte, für die Zukunft gefahrdrohend, und es bildete sich unter der Anführung der eigenen Mutter Ludwigs, der bairischen Prinzessin Sophie, eine sogenannte Camarilla mit der Absicht, durch allerlei Intrigen dahin zu wirken, dass die Heirat unter irgendeinem Vorwand vereitelt werde. Da starb 1216 der Landgraf Hermann, und der Kaiser nahm keinen Anstand, den erst sechszehnjährigen Ludwig um seiner allgemein bekannten Gediegenheit willen volljährig zu erklären. Nun änderte sich mit einem Mal das Leben auf der Wartburg. Die Minnesänger zogen betrübt von dannen, und die Widersacher der frommen Elisabeth mussten einsehen, dass ihre Pläne, sie entweder in ein Kloster zu verweisen oder ihrem Vater zurückzuschicken, nicht die mindeste Aussicht auf Erfolg hätten. Zwar am Anfang setzten sie ihre Machinationen fort, allein der Landgraf erklärte offen: „und wenn die Berge Thüringens vom Gipfel bis zur Talsohle aus lauter Gold bestünden, doch wollt ich lieber und leichter auf sie verzichten als auf die Ehe mit Elisabeth.“ Diese aber, als ihr die liebliche Rede ihres Bräutigams gemeldet wurde, geriet in große Freude und zeigte gern ein Geschenk, das sie von Ludwig erhalten, einen kostbar gefassten Spiegel mit dem Bilde des gekreuzigten Christus, ein sprechendes Symbol der gemeinsamen Anschauung. „Sie liebte“ so wird mit Recht von ihr gesagt - „in der ganzen Innigkeit und Demut ihrer Seele, wie ein reines, edles, jungfräuliches Herz nur lieben kann.“

Die Ehe wurde 1221 vollzogen, als Ludwig 20, Elisabeth 14 Jahre zählte und erreichte in jeder Hinsicht das Ideal eines innigen, anmutigen Verhältnisses. Beide hatten eine untadelhafte Jugend hinter sich und blieben einander mit unwandelbarer Treue ergeben. Als zärtliches Weib begleitete Elisabeth ihren Gemahl auf allen seinen oft sehr beschwerlichen Reisen. Und wenn er in den Krieg zog, wohin sie ihm nicht folgen konnte, so legte sie allen Schmuck ab und kleidete sich wie eine Witwe. Erwartete sie ihn aber zurück, so schmückte sie sich wieder, nicht aus Prachtliebe, sondern um dem heimkehrenden Mann Freude zu bereiten und ihre Freude zu bezeugen. Drei Kinder gebar sie ihm, einen Knaben und zwei Töchter; und wenn sie dann zum ersten Mal das Haus Gottes besuchte, legte sie jeweilen ein schlichtes, wollenes Kleid an, nahm das neugeborene Kind in den Arm und ging barfuß den steilen, steinigen Weg von der Burg hinab zur Kirche. Nach Hause zurückgekehrt, schenkte sie die ganze Kleidung, die sie auf solchem Gang getragen, den Armen. In ihrer ausgesprochenen Vorliebe für Werke der Mildtätigkeit wurde sie von dem Landgrafen nicht nur nicht gehindert, sondern im Gegenteil unbedingt gebilligt und gegen wiederholte Anklagen der stetsfort regsamen Gegenpartei kräftig beschützt. Als sie während einer längeren Abwesenheit Ludwigs zur Stillung der großen Hungersnot von 1226 die sämtlichen seit Jahren gesammelten landesherrlichen Vorräte unter die Armen hatte verteilen lassen, wurde sie von ihren Feinden nachher bei dem Gemahl umsonst wegen Verschwendung angeklagt. Auch hatte Ludwig durchaus nichts dagegen, dass Elisabeth dem sogenannten Tertiarierorden beitrat. Um nämlich auch Verheirateten Gelegenheit zu geben im Kreis der Familie und des bürgerlichen Lebens dem armen, selbstverleugnenden Leben Christi nachzufolgen, hatte gerade damals, etwa im Jahre 1222, der heilige Franz von Assisi, dem wir später wieder begegnen werden, einen großen Verein ins Leben gerufen, dessen Mitglieder, ohne zu den Gelübden der Ehelosigkeit und der vollständigen Entäußerung von allem Besitz genötigt zu sein, versprechen mussten, alle Gebote Gottes zu halten, namentlich allem unrechtmäßigen Erwerb und aller geräuschvollen Weltlust zu entsagen, sich mit dem Nächsten auszusöhnen, ihre kirchlichen Pflichten eifrig zu erfüllen, sich größter Mäßigkeit in Kleidung, Speise und Trank zu befleißen und die guten Werke zu ihrer vornehmsten Lebensaufgabe zu machen. Mit diesen Regeln des heiligen Franz nahm es Elisabeth, welche auch in Eisenach eines der ersten deutschen Franziskanerklöster gegründet hat, sehr ernst. Nicht nur stiftete sie, ebenfalls in Eisenach, ein Hospital für 24 durch Alter und Krankheit Gebrechliche, sondern sie nahm sich selbst der Pflege der Kranken, auch der sonst ängstlich gemiedenen Aussätzigen an. Einst legte sie sogar einen solchen Kranken, dessen Verstoßenheit ihr Herz besonders gerührt hatte, nachdem sie ihn gewaschen und gereinigt, in das Bett des Landgrafen. Natürlich benutzte ihre feindselige Schwiegermutter diesen Anlass und führte ihren Sohn in sein Schlafgemach, um ihm zu zeigen, wie seine Frau sein eigenes Bett missbrauche und ihn dadurch der Gefahr aussetze von der hässlichen Krankheit angesteckt zu werden. Der Chronist, Ludwigs Biograph, fährt fort: „Da öffnete aber Gott die inneren Augen des frommen Fürsten, er schaute den Gekreuzigten in seinem Bett liegend und bat nun seine Gemahlin auch ferner öfter solche Gäste in sein Bett zu legen.“ Diesen rührenden Vorgang mit der durch Gottes Geist in Ludwig hervorgebrachten rechtzeitigen Erinnerung an Jesu Wort: „Was ihr getan habt einem dieser geringsten unter meinen Brüdern, das habt ihr mir getan“ hat natürlich die Legende zu einem Wunder umgestaltet. Uns ist er in seiner einfachen geschichtlichen Wahrheit ein neuer Beweis dafür, dass Elisabeths zärtliche Liebe zu Ludwig nicht sowohl in den vortrefflichen übrigen Eigenschaften des Landgrafen, sondern namentlich in der Gleichheit der christlichen Denk- und Handlungsweise ihren tieferen Grund hatte. Jedenfalls wurde ihr das eheliche Glück nicht zu einem Hindernis der Gottseligkeit, und als sie sich einmal darüber ertappte, dass sie während der Messe ihre Augen mit Wohlgefallen auf ihrem Gemahl hatte ruhen lassen, wurde ihr das zum Gegenstand bittersten Seelenschmerzes und reuigster Zerknirschung.

Eine übertrieben asketische Richtung entwickelte sich das gegen bei Elisabeth in den letzten Abschnitt ihres Lebens und zwar unter dem Einfluss des düstern Ketzermeisters Konrad von Marburg. Dieser, vom Papst zum Inquisitor Deutschlands ernannt, hatte seit Ende 1225 am Hof des so eminent kirchlich gesinnten Landgrafen einen geeigneten Mittelpunkt für seine schreckenerregende Tätigkeit und an der für religiöse Einwirkungen besonders empfänglichen Landgräfin ein leider nur zu fügsames Beichtkind gefunden. Meister Konrad war ohne Zweifel ein ungewöhnlicher Mann, der mit seltener Gelehrsamkeit, Beredsamkeit und sittlicher Unsträflichkeit den finstersten Fanatismus verband. In ihm steht der gewissermaßen vollendetste Vertreter jener mittelalterlichen Richtung vor uns, welche in der raffiniertesten Selbsttötung die edelste Blüte des Glaubens erkannte. Getreu seinem Wahlspruch: „lieber viele Unschuldige opfern als eines Schuldigen schonen“ hat er seines schrecklichen Amtes gewartet. Es hieß, wer vor ihm angeklagt werde, der sei unrettbar verloren. Er hat den traurigen Ruhm, in seinem Eifer gegen die Ketzer einen ganzen edlen Volksstamm in Norden Deutschlands vernichtet zu haben, aber auch das hohe Verdienst, durch seinen Terrorismus dem deutschen Volk einen unauslöschlichen Abscheu vor der Inquisition eingepflanzt zu haben. Die Geschichte des Reiches Gottes bedeckt aber seinen Namen nicht zum Mindesten auch deshalb mit Schmach, weil er in die edle Seele der heiligen Elisabeth von Thüringen einen bösen Zwiespalt geworfen und die schöne Harmonie ihres Lebens zunächst gestört und allmählich zerstört hat. Die leuchtenden Tugenden der Demut und der Barmherzigkeit, um derentwillen sie mit Recht zu allen Zeiten verehrt wird, hatte sie im höchsten Grade geübt, ehe Konrad ihr Beichtvater wurde. Sein Wert dagegen ists, dass sie die natürlichste und heiligste aller menschlichen Empfindungen, die Mutterliebe, vergessen und geringschätzen lernte.

Schon zu Lebzeiten ihres Gemahls wusste Konrad es dahin zu bringen, dass Elisabeth ihm förmlich und feierlich Obedienz gelobte und das Versprechen ablegte, falls sie den Landgrafen überleben sollte, nicht wieder zu heiraten. Beides hat sie gewiss gerne versprochen. War es doch immer ihr Bestreben gewesen, Gott in möglichst vollkommener Weise zu dienen; dass sie dazu eines Gewissensrates bedurfte, war nach den Anschauungen ihrer Zeit im Allgemeinen und ihrer Kirche im Besondern selbstverständlich. Wie hätte sie nun einen bessern finden können als den vom heiligen Vater selbst der höchsten Aufträge gewürdigten Meister Konrad? Und dass sie niemals einem Andern als ihrem teuren Landgrafen angehören könnte, verstand sich bei ihrer Verehrung für diesen ebenso von selbst. Hingegen hat Elisabeth jedenfalls erst nach dem Tod Ludwigs und als sie ihre persönliche Selbständigkeit schon gänzlich dem eifernden Mönchsgeist Konrads preisgegeben hatte, in einer schwachen Stunde die überspannte Äußerung getan, sie bedaure, dass sie überhaupt je verheiratet gewesen sei und ihr Leben nicht als gottgeweihte Jungfrau habe beschließen können.

So lange der Landgraf lebte, blieb sie ihm mit ganzer Liebe zugetan und zwar offenbarte sich diese ansprechende natürliche Seite ihres Wesens noch einmal in besonders ergreifender Weise. Ludwig hatte bei seinem Aufenthalt in Italien 1226, teils aus Eifer für das Reich Gottes, teils aus Anhänglichkeit an die Person des Kaisers Friedrich II., diesem versprochen, an einem 1227 auszuführenden Kreuzzug teilzunehmen. Aus liebevoller Rücksicht für seine eben damals der Schonung besonders bedürftige Gemahlin, setzte er sie nach seiner Rückkehr von diesem Entschluss nicht sofort in Kenntnis, trug auch das Kreuz nicht, wie es die Sitte von einem angehenden Kreuzfahrer verlangte, auf seinem Oberkleid angeheftet, sondern verbarg es sorgfältig. Dennoch entdeckte es Elisabeth und erschrak so heftig darüber, dass sie in Ohnmacht sank. Obgleich sie sich unter der Zusprache des frommen Gemahls bald beruhigen konnte, fiel ihr doch der Abschied unendlich schwer, und sie ließ es sich nicht nehmen im Frühling 1227 den von Todesahnungen Erfüllten weit über die Grenzen Thüringens hinaus zu begleiten. Mehrere Male erlangte sie auf inständige Bitten die Erlaubnis, ihm noch eine Tagereise weiter das Geleite geben zu können. Schließlich konnte sie sich aber dem Unabänderlichen nicht länger widersetzen und kehrte mit blutendem Herzen auf die Wartburg zurück. In dieser trüben Stimmung gebar sie ihr drittes Kind und noch leidend empfing sie die Schreckenskunde, dass ihr edler Gemahl am 11. Sept. 1227 zu Otranto in Apulien einer unter den dort zusammentreffenden Kreuzfahrern ausgebrochenen Krankheit erlegen sei. Außer sich vor Schmerz irrte sie im Zimmer hin und her und klammerte sich im ersten Ungestüm der Klage an den Wänden an. Meister Konrad, den der Landgraf für die Dauer seiner Abwesenheit mit weitgehenden Vollmachten ausgerüstet hatte, war, da eine solche Eventualität in keiner Weise war vorauszusehen gewesen, gerade auch nicht zugegen. Und so fiel Elisabeth wehrlos und schutzlos dem Hass ihrer alten Gegner anheim und wurde mitten im Winter wie eine Bettlerin roh und mitleidslos mit ihren Kindern aus der Wartburg verstoßen. Aus Furcht vor den neuen Gewalthabern, der bösen Mutter und den übelgearteten beiden Brüdern des verstorbenen Landgrafen, gewährte ihr selbst Eisenach kein Unterkommen, obgleich sie dort so viel Barmherzigkeit gesät. Bei ihrem mütterlichen Oheim, dem Bischof Ekbert von Bamberg, der einst ihre frühe Verlobung mit Ludwig von Thüringen eingeleitet, fand sie zwar freundliche Aufnahme, aber zugleich die ihr entsetzliche Zumutung, sich wieder zu verheiraten. Mit ungebeugtem Sinn erklärte sie, dass sie diese Gefahr, wenn kein anderer Ausweg ihr bleibe, selbst durch die äußersten Mittel von sich abzuwenden entschlossen sei. Im Notfall würde sie, um sich jedem Manne widerwärtig zu machen, sich selbst die Nase abschneiden. Als Ludwigs Gebeine von seinen heimkehrenden Begleitern im Dom zu Bamberg ausgestellt wurden, da eilte auch Elisabeth herbei und betete bei den sterblichen Überresten des Geliebten: „HErr, du weißt wohl, dass ich, falls es dein heiliger Wille gewesen wäre, sein Leben und sein liebliches, fröhliches Angesicht aller Freude und Wonne dieser Erde vorgezogen hätte. Gerne würde ich die ganze Zeit meines Lebens in Armut und Dürftigkeit hinbringen, wenn ich mit Deinem Willen seinen Umgang hätte genießen können. Nun aber befehle ich ihn und mich Deiner Gnade und möchte ihn gegen Deinen Willen auch nicht mit dem kleinsten Haar meines Hauptes ins Leben zurückrufen.“ Diese von Ohrenzeugen berichteten schönen Worte führe ich nicht nur als rührenden Ausdruck frommer Gottergebenheit, sondern namentlich deshalb an, weil wir auch aus diesem Gebet deutlich sehen, wie der strenge Meister Konrad ihre treue Liebe zu dem Gemahl durchaus nicht auszulöschen vermochte, und wie eben die vorhin angeführte Äußerung Elisabeths über die Ehe nur als eine durch den Eiferer erst lange nach dem Tod Ludwigs und im Gegensatz zu ihren normalen Gefühlen von ihr erpresste aufzufassen ist.

Auf die inständigen Bitten des Geleites, das die Leiche Ludwigs. nach Thüringen zurückbrachte, zog Elisabeth mit, und ihr Schwager Heinrich Raspe nahm sie, wenigstens vorübergehend, wieder in die Wartburg auf; und zwar nicht nur den Getreuen Ludwigs zu Liebe, sondern aus Rücksicht für den Papst, der sich, offenbar aus Anstiften von Meister Konrad, mittlerweile in die Sache gemischt und diesen Letzteren offiziell zu Elisabeths Vormund bestellt hatte. Mit Konrad siedelte Elisabeth im Laufe des Jahres 1229 nach Marburg über, welches ihr als Witwensitz bestimmt worden. Dort hat sie ihr Leben beschlossen, indem sie teils aufopfernde Nächstenliebe wie früher, ja womöglich in noch gesteigerter Weise übte, teils unter Meister Konrads Anleitung Bußübungen anstellte. Zu diesem Behufe musste sie es sich gefallen lassen, dass Konrad ihre wahrhaft leidenschaftliche Neigung zur Wohltätigkeit mit rauer Hand eindämmte. Sie musste ihre Kinder fremden Leuten übergeben, sie bloß wie andere Menschen lieben und ihre mütterliche Vorsorge auf die Fürbitte beschränken lernen. Sie musste ihr ganzes früheres Leben als ein verfehltes ansehen und für jede in Konrads Augen unfromme Handlung mit Backenstreichen und Geißelhieben auf den entblößten Rücken sich strafen lassen. Die letztere Züchtigung vollzog nicht er selbst, sondern ein dienender Bruder, und Meister Konrad sang das Miserere („Erbarme dich“) dazu. Um ihr vollends jede Erinnerung an die Vergangenheit zu nehmen, entließ Konrad die beiden treuen Dienerinnen, welche sie seit Jahren umgeben hatten, und ersetzte sie durch zwei widerwärtige Personen, welche ihre Geduld auf alle erdenklichen Proben stellten. Dennoch verlor Elisabeth weder die Heiterkeit ihres Gemüts noch die Klarheit ihres Verstandes. Als sie kurz vor ihrem Tod in einer Franziskaner-Kirche auf die schönen Bilder aufmerksam gemacht wurde, erwiderte sie: „ihr hättet besser getan, das Geld für Nahrung und Kleidung zu verwenden; den Gegenstand dieser Bilder müsst ihr im Herzen tragen“.

Aber im Großen und Ganzen war Konrads Absicht erreicht; er hatte aus ihr, wohl in geheimem Einverständnis mit der römischen Kurie, ein Meisterstück der christlichen Vollkommenheit im Sinn der päpstlichen Kirche gemacht. Als solches wurde sie noch bei ihren Lebzeiten von Nah und Fern bewundert und, nachdem sie im November 1231, erst vierundzwanzig Jahre alt, gestorben war, schon 1235 von Gregor IX. heilig gesprochen. Als Heilige soll sie auch uns gelten, aber nicht wegen ihrer grenzenlosen Fügsamkeit gegen die Tendenzen Roms, sondern wegen ihrer beispiellosen Energie in Demut und Barmherzigkeit. Lehrreich ist immerhin auch der letzte Abschnitt ihres Lebens, weil der Ketzermeister Konrad und die büßende Elisabeth äußerst charakteristisch sind für das ganze Mittelalter.

Wenn schon eine Frau von dem äußeren Rang und der persönlichen Bedeutung einer Landgräfin Elisabeth zum willenlosen Werkzeug in der Hand des Klerus werden konnte, wie leicht mag da den zahllosen Geistlichen und Mönchen des Mittelalters die unbegrenzte Herrschaft über die große Menge der Weiber geworden sein! Der schwärmerische Zug der Zeit war ohnehin dem weiblichen Wesen ansprechend, und so ist es kein Wunder, dass Nonnenklöster in Masse gegründet wurden und dass aus hohem und niederem Stande Jungfrauen scharenweise sich zu denselben herbeidrängten, um an der Arbeit und der Askese der Männer Teil zu nehmen.

Unter diesen Klosterfrauen treffen wir wiederum manche sehr bedeutende an. Schon Bonifacius (+ 755), der Apostel der Deutschen, hatte unter dem angelsächsischen Generalstab, mit dessen Hilfe er so große Eroberungen vollbrachte, auch zwei Mitarbeiterinnen, die beiden Äbtissinnen Gadburga und Lioba; die Erstere schrieb ihm mit kunstgeübter Hand die Episteln Petri in Goldbuchstaben ab, damit er durch ein solches Prachtexemplar beim Predigen in den Augen der fleischlich gesinnten Menge Ehre und Scheu vor der Heiligen Schrift erwecken und zugleich selbst die Worte desjenigen Apostels, für dessen Reich er arbeite, immer am Meisten vor Augen habe. Lioba machte aus dem Kloster Bischofsheim a./d. Tauber das Urbild eines zu glühender Andachtsübung und fleißiger Arbeit vereinigten Verbandes von Frauen und warb auf Missionsreisen bis an den Rhein überall neuen Zuwachs für ihr Haus. In einem andern deutschen Kloster, zu Gandersheim in Braunschweig finden wir hundert Jahre später die gelehrte Nonne Roswitha, welche um den niedriggesinnten römischen Schriftsteller Terenz aus den Klosterschulen zu verdrängen, christliche Legenden und vaterländische Geschichten in lateinische Verse brachte und dabei, zum Teil nicht ohne Geschick, die Form terenz'scher Lustspiele beibehielt.

Ebenso vertraut mit den alten römischen Autoren wie diese deutsche Nonne des zehnten Jahrhunderts war eine französische des zwölften, welche sich überdies mit den tiefsten philosophischen Problemen der scholastischen Theologie eingehend beschäftigte. Doch hatte sich die schöne und geistvolle Heloise in den Tagen der Rosen auch mit andrem abgegeben und das Denken des gelehrten Abelard auf bedenkliche Abwege gebracht. In den Unterrichtsstunden, die der berühmte Theologe der wissensdurstigen jungen Pariserin erteilte, soll bei offenen Büchern mehr von der Liebe als von der Wissenschaft die Rede gewesen, und es sollen mehr Zärtlichkeiten als Lehrsätze gemacht worden sein. Beide mussten den kurzen Roman schwer und lange büßen. Kaum getraut, wurden sie durch die Rache von Heloises Vater wieder getrennt, und darauf trat Jedes in ein Kloster. Erst viele Jahre später konnte Abelard den Verkehr mit der Geliebten wieder aufnehmen, wobei dann eben ernstere Fragen als früher von den Beiden erörtert wurden.

Auch mit Abelards größtem theologischen Gegner, dem heiligen Bernhard von Clairvaux, stand eine merkwürdige Frau in Verbindung, freilich in durchaus anderer Weise. Hatte dort die gegenseitige Zuneigung die Grundlage des Verhältnisses gebildet, so war es hier der gemeinsame Zug zum Übernatürlichen, was zwei der bedeutendsten Menschen ihrer Zeit, den edlen Abt aus Frankreich und die fromme Äbtissin aus Deutschland, in freundschaftlichen Verkehr brachte. Hildegard von Böckelheim, geboren am Anfang, gestorben in hohem Alter am Ende des zwölften Jahrhunderts, war als Kind körperlich zurückgeblieben, dafür aber geistig umso entwickelter. Frühe schon erkannte sie die Verweltlichung der Kirche, und zugleich tauchte immer deutlicher die Ahnung in ihr auf, es stehe ein großes Strafgericht bevor, und durch dieses werde eine großartige Erneuerung der Kirche vorbereitet werden. Bald wurde sie von allen Zeitgenossen als Prophetin angesehen und in den schwierigsten inneren und äußeren Fragen um ihren Rat ersucht. Bernhard von Clairvaux, der sie in ihrem Kloster auf dem Rupertusberg bei Bingen besuchte, fand sich genötigt zu erklären, in dieser frommen Jungfrau sei der Geist, der die Propheten erfüllt habe, wieder mächtig geworden. Und wirklich hatte Hildegard die beiden Eigentümlichkeiten der alten Propheten in hohem Grade an sich, nicht nur stellte sie gleich jenen allerlei teils sehr bestimmte, teils mystisch verhüllte Weissagungen für ferne Zeiten auf, sondern sie trat auch - und das nötigt uns weit mehr zur Ehrfurcht vor ihr - mit prophetischen Ernst mahnend und strafend gegen Papst und Bischöfe, Priester und Mönche, Kaiser und Ritter auf. Hoch und Niedrig hielt sie die Grundschäden der Zeit, Gewalttätigkeit und Heuchelei, mit solch heiligem Ernst vor, dass die Stimme der unansehnlichen Nonne bald sehr gefürchtet ward. Von Hildegard heilsam erschreckt kam, wie wir schon im Leben der heiligen Elisabeth zu bemerken Gelegenheit hatten, auch der Norden Europas im Anfang des 13. Jahrhunderts in jene ernste Bewegung, zu welcher im Süden der heilige Franz von Assisi nach der Richtung der Weltflucht und Selbstertötung den Anstoß gegeben.

Was die Frauen betrifft, so hatte der fromme Mann von Assisi zuerst durchaus nicht beabsichtigt, auch auf sie in bestimmtem Sinn einzuwirken. Er erklärte, der Mann Gottes habe mit dem Weib nichts zu sprechen, außer wenn es bußfertig beichtend den Rat eines bessern Lebenswandels von ihm begehre. Noch 1211 konnte er seiner Behauptung, es sei gefährlich auch nur ein Weib anzusehen, das Bekenntnis beifügen, er kenne kein Weib auch nur dem Gesicht nach. Bald nachher aber wandte sich die Tochter eines angesehenen Ritters in Assisi, Clara Scissi, mit der Bitte an ihn, unter ihrem Geschlecht ebenfalls für die Nachfolge des armen Lebens Christi wirken zu dürfen. Dieses bei einem schönen achtzehnjährigen Mädchen ungewöhnliche Verlangen scheint Francesco gerührt zu haben. Er bestärkte sie in ihrer Verachtung der Welt und entflammte eine solche Liebe zu Christus in ihr, dass sie dem Elternhaus heimlich entwich und sich zum Zeichen, dass es ihr heiliger Ernst sei, in seiner Kirche und in Gegenwart der Ordensbrüder von ihm das schöne, lange Haar glatt abschneiden ließ. Als ihre Eltern sie zurückholen wollten, zeigte sie ihr kahlgeschornes Haupt, und da sich bald einige ihrer Gespielinnen, ebenfalls ergriffen von dem Beispiel des selbstlosen Francesco, trotz den Einwendungen ihrer Angehörigen im Clara sammelten, so wies ihnen Franz bei der Kirche des Heil. Damian einen Wohnsitz an und gab ihnen den Namen Damianistinnen. Später, als der männliche Orden den Namen der Minoriten mit dem der Franziskaner vertauschte, wurde auch dieser weibliche Orden mit dem Namen der Stifterin benannt; er hat sich als Clarissenorden bis in die Gegenwart erhalten. Die Regel, welche der heilige Franz dieser weiblichen Gesellschaft gab, war mindestens ebenso streng als die der Minoriten selbst. Und die Vermutung liegt nahe, Franz habe um jeden Preis den Schein der weichlichen Nachsicht gegen das weibliche Geschlecht vermeiden wollen. Um ihren Gehorsam auf die härteste Probe zu stellen, gebot er ihnen das vollständigste Stillschweigen, und dieses hielten - man höre! - die frommen Töchter Evas so gewissenhaft, dass Manche, wenn sie in Angelegenheiten des Ordens zu reden veranlasst wurden, kaum noch einen zusammenhängenden Satz zu brachten. Clara selbst wurde mit der Zeit eine getreue Kopie ihres gestrengen Vorbildes. Als Papst Gregor IX. sie des Gelübdes, keinen Grundbesitz für ihren Orden zu erwerben, entbinden wollte, gab sie ihm die königliche Antwort: „Von meinen Sünden möchte ich losgesprochen werden, nie aber von meinen Pflichten“!

Wie Franz von Assisi, so hat auch der andere große Ordensstifter des Mittelalters, der heilige Dominikus, einen afilierten21) Frauenorden gegründet. Doch wissen wir von den ersten Dominikanerinnen nichts Näheres. Hingegen bietet uns die Geschichte von einer Dominikanerin, welche hundert Jahre nach jenen beiden großen Heiligen gelebt hat, ein höchst anschauliches und lebensvolles Bild. Die heilige Katharina von Siena war einem schlichten Bürger jener Stadt, Giacomo Benincasa, als das 23. Kind im Jahr 1347 geboren worden. Zwölf Jahre alt, sollte sie sich auf das Geheiß ihrer Eltern verloben, sie schnitt sich aber, um von dergleichen Zumutungen unbelästigt zu bleiben, in Nachahmung der hl. Clara, die Haare ab; und als vollends eine Blatternkrankheit ihre Schönheit scheinbar für immer zerstörte, durfte sie ungehindert als „Bußschwester“, d. h. ohne in den klösterlichen Verband einzutreten, dem Dominikanerorden sich einverleiben. Sie fing nun an, ihr Leben nach einem förmlichen Selbsttötungs-Regime einzurichten. Ungekochtes Kraut, Obst und Brot war ihre einzige Nahrung; nach der strengsten Observanz ihres Ordens pflegte sie sich alltäglich dreimal zu geißeln: einmal für sich selbst, einmal für die Lebenden und einmal für die Toten. Nicht selten rann ihr das Blut vom entblößten Nacken bis zu den Füßen. Auf bloßem Leib trug sie ein härenes Hemd, und als ihr das Unreinliche daran widerlich wurde, vertauschte sie es mit einer fest um die Hüften geschlungenen eisernen Kette. Bis zu der Frühmette der Dominikaner wachte sie, um für die schlafenden Brüder zu beten; und erst wenn diese in die Kirche zogen, um ihre Morgenandacht zu verrichten, legte sie sich nieder, freilich ohne sich zu entkleiden, auf ein hölzernes Kopfkissen und einige Bretter. Ihre enge Kammer im väterlichen Haus verließ sie während einer langen Reihe von Jahren nur, wenn die Glocke der Dominikanerkirche zur Messe rief. Als aber die Pest 1374 zu Siena wütete, da trat Katharina gern ins öffentliche Leben hinaus, um in Häusern und Spitälern Wunder der todesverachtenden Liebe zu verrichten. Dabei sammelte sie eine Art geistlicher Familie um sich, Männer und Frauen, meist Angehörige ihres Ordens, welche nun auch ihr Leben in Werken der Barmherzigkeit aufzehrten. Katharina selbst verfiel jetzt in anhaltend ekstatische Zustände. Und das darf uns wahrlich nicht wundern; der von Haus aus nicht starke, durch die härtesten Kasteiungen zerrüttete Organismus bildete die natürliche Grundlage, auf welcher sich das ohnehin beständig mit Christo und seinem Heil beschäftigte Seelenleben zu einem visionären Verkehr mit dem erhöhten HErrn steigerte. Fast jeden Abend sah sie ihn in ihrer Zelle einkehren. Einmal kam er in Begleitung seiner Mutter, des Johannes, des Paulus, des Dominikus und des David, um sich feierlich mit ihr zu verloben. Maria hielt ihr die rechte Hand, und an diese steckte Christus, während David der Harfe liebliche Melodien entlockte, einen goldenen Ring mit einem Diamant und vier Perlen. Ein andermal betete Katharina mit den Worten der Schrift: „schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, festen Geist;“ da erschien ihr himmlischer Bräutigam, öffnete ihre linke Seite, nahm das Herz heraus und setzte das seinige an dessen Stelle. Auch seine Wundmale soll ihr, wie dem hl. Franz, der HErr zu ihrer Läuterung unter den empfindlichsten Schmerzen eingeprägt haben. Sie bekannte ihrem Beichtvater, dem sie alle diese und noch unendlich viele andere Visionen ausführlich berichtete, dass sie diese fünf Wundzeichen beständig an sich sehe, wenn auch andere Menschen nichts davon wahrnehmen könnten. Übrigens hat Katharina in dem ekstatischen Zustande nicht nur förmliche Protokolle über ihre visionären Erlebnisse und Gespräche mit Christo, sondern auch eine ganze Reihe von erbaulichen Abhandlungen und Gebeten ihrer Umgebung diktiert; darunter Briefe an Päpste und Fürsten, Kardinäle und Edelleute. diesen Briefen führt Katharina eine außerordentlich freimütige Sprache, und es versetzt namentlich in Erstaunen, wenn wir die streng hierarchisch gesinnte Dominikanerin ungescheut über die Verdorbenheit des hohen und niederen Priestertums reden hören. Dennoch wagte Niemand ihr zu widersprechen. Kardinäle mussten zugestehen: „hier redet nicht ein Weib, sondern der Heilige Geist,“ und selbst der Papst stand nicht an zu erklären: „ihre Lehre ist eingegossen, nicht erworben;“ d. h. von Gott inspiriert, nicht von den Menschen erlernt. Und diesem Eindruck können auch wir uns nicht entziehen, zumal wenn wir an den Boden denken, aus dem Katharina hervorgewachsen, und an die Atmosphäre, welche sie eingeatmet. Oder was sollen wir sagen zu Aussprüchen eines unwissenden Mädchens wie die folgenden: „Nicht die Nägel hielten den Erlöser fest am Kreuz, sondern die Liebe.“ – „Von dem göttlichen Meister fehlt uns so viel, als wir von uns selbst zurückbehalten.“

„Wenn diejenigen, die dem Gekreuzigten zu dienen begehren, dies tun wollen nach eigenem Belieben und nicht nach Gottes Art, und wenn sie ungeduldig werden, dass Gott an ihren selbsterwählten Entsagungen kein Wohlgefallen hat, so ist das eben nur der sinnliche Wille, eingehüllt in den geistlichen Mantel.“ - „ Törichte Demut, wegzubleiben vom heiligen Mahl, sagend: ich bin dessen nicht würdig! wie lange willst du warten, um würdig zu sein? Mit all unserer Gerechtigkeit werden wir dessen nie würdig! Aber Gott ist es, der würdig ist, und mit seiner Würde macht Er uns würdig. Was denn sollen wir tun? Uns bereit machen unsern Teils und sein süßes Gebot: kommt! befolgen.“ Solche Sätze sind doch wahrlich lebendige Zeugnisse von Genie, und zwar von dem religiösen Genie, das Hase in seiner Lebensbeschreibung der hl. Katharina so schön bezeichnet als „eingepflanzt vom Schöpfer und getränkt mit dem Wasser, das Christus auch einem Weib am Jakobsbrunnen darbot.“

Übrigens hat die arme Färberstochter von Siena, welche so mystisch und innerlich lebte, so viel mit dem übersinnlichen Reich Gottes beschäftigt war und so intim mit dem Himmel verkehrte, doch nicht nur brieflich, sondern persönlich, und zwar in sehr energischer Weise auch in die politisch-kirchlichen Welthändel eingegriffen. Als die Adeligen Toskanas sich blutig befehdeten, mahnte sie nicht nur aus der Ferne zur Versöhnung, sondern sie reiste selbst nach Pisa und ruhte nicht, bis ihr das Friedenswerk gelungen war. Und als die florentinische Republik mit dem Papst in einen Streit verwickelt war, begab sie sich sogar nach Avignon, um Gregor XI. milder zu stimmen. Bei dieser Gelegenheit drang sie beim Papst mit mächtigen Reden darauf, er solle das schmachvolle Exil verlassen, um wieder römischer Pontifex zu werden. Sie erreichte Beides, zunächst die Rückkehr des Papstes nach Rom und dann auch die Aussöhnung mit Florenz. Der Pöbel von Florenz wusste ihr freilich wenig Dank; als sie dort für den Frieden warb, suchte ein Volkshaufen sich ihrer zu bemächtigen und die schändliche päpstliche Gesandte, wie die Gegner des Friedens sie hießen, zu verbrennen. Sie aber trat voll hohen Mutes der Meute entgegen und sprach: „Ich bin Katharina, tut, was der HErr euch erlaubt über mich, aber bei dem Allmächtigen gebiete ich euch, dass ihr keines der Meinigen verletzt.“ Ihre geistliche Familie nämlich begleitete sie auf all ihren Reisen. Durch solche Ruhe betroffen, stob der Pöbel auseinander, während Katharina jammerte, dass ihr die schon gehoffte Märtyrerkrone nicht verliehen worden sei.

Als die Verworrenheit jener Tage den Höhepunkt erreichte, und zwei Päpste einander als Rivalen gegenüberstanden, da versuchte Katharina auch diesen Knoten zu lösen durch ihr auf Visionen sich berufendes und eben darum bei ihren Zeitgenossen so wirkungsvolles Dazwischentreten. Den italienischen Kardinälen, welche sich zu Clemens VII. hielten, schrieb sie: „Kehrt zurück, ihr gefallenen Engel, die ihr euch dem Dienst Christi entgegen in den Dienst des Antichrists begeben habt, kehrt um, und ich will eure Buße mit euch tragen,“ und die neapolitanische Königin Johanna beschwor sie, nicht ferner ihr Volk zu trennen vom Christus im Himmel und auf Erden und zu binden an den Antichrist. „Wie mögt ihr glauben, dass eure Untertanen euch treu sein werden, wenn sie sehen, dass ihr die Ursache seid, sie aus dem Leben zum Tod zu führen. Gott wird sie zu Henkern machen, dass sie die Gerechtigkeit vollziehen an seinem Feinde.“ Um Urban VI. beizustehen, reiste Katharina nach Rom. Und der Papst empfing sie mit allen Ehren und schenkte auch ihren Ratschlägen ein williges Gehör. Sie starb aber, ehe die Verwicklung ein Ende erreicht hatte, noch in Rom am 29. April 1380, im 33. Lebensjahr, mithin in dem nämlichen Alter, in dem auch ihr himmlischer Bräutigam vom irdischen Schauplatz abgetreten ist. In Siena wird ihr Andenken bis auf diesen Tag mit besonderer Liebe gepflegt; ihr elterliches Haus ist in ein kleines Oratorium verwandelt worden. Heilig gesprochen wurde Katharina 1461 durch ihren Landsmann, den ebenfalls aus Siena gebürtigen Pius II., den Stifter unserer Universität, Enea Silvio dei Piccolomini.

Vielfache Ähnlichkeit mit Katharina hat die nordische Prophetin aus der nämlichen Zeit: die heilige Birgitta von Schweden; doch ist dieselbe, schon weil sie nicht so viele und handgreifliche Visionen hatte, sondern eine ehrbare germanische Familienmutter war, uns ungleich sympathischer. Wie wir in der heil. Elisabeth die echteste Repräsentantin des eigentlichen mittelalterlichen Geistes und damaligen religiösen Lebens glauben erkennen zu dürfen, so ist uns die heil. Birgitta nicht nur die ansprechendste, sondern auch die glaubwürdigste Vertreterin jener Übergangszeit, wo die Reformation sich anbahnte und die sogenannten Reformatoren vor der Reformation, zu welchen eben auch St. Birgitta zu zählen ist, die Besserung der Kirche an Haupt und Gliedern immer energischer verlangten.

Birgitta (so und nicht Brigitta lautet der Name ursprünglich) ist in dem schwedischen Hochland auf Finstad, einem Herrenhofe bei Upsala, im Jahre 1302 geboren, von väterlicher und mütterlicher Seite aus königlichem Blut stammend. Die Eltern waren beide, Birger und Ingeborg, von ernster und frommer Gesinnung, in dem Kind aber wurde besonders durch eine Schwester der Mutter der Zug zur Selbstbetrachtung, sowie ein Ideal klösterlicher Gottesgemeinschaft geweckt und wach erhalten. So glaubte Birgitta schon in ihrem achten Jahr die Stimme des HErrn zu hören und gewöhnte sich allmählich, die Phantasiebilder, welche in der Stille der heimatlichen Wälder ihre Seele belebten, als Gottesoffenbarungen zu betrachten. Sehr jung wurde sie mit dem erst achtzehnjährigen, gleich gesinnten Lagman (Landrichter) Ulf Gudmarson verehelicht und hatte nun bei großem Grundbesitz ein sehr bewegtes Leben. Dabei entwickelte sich bei ihr eine ungewöhnliche Verständigkeit und Lebensklugheit, sowie eine Willenskraft, welche sie drängte, in weiten Kreisen nach außen zu wirken. Ebenso tüchtig, wie sie sich als Hausfrau, als Mutter ihrer acht Kinder bewährte, ebenso gewandt bewegte sie sich am königlichen Hof, wo sie mehrere Jahre das Amt einer Oberhofmeisterin bekleidete. Doch blieb immer ihr und auch ihres Mannes Ideal ein gänzlich heiligen Zwecken geweihtes Leben. Am liebsten dachten es sich die beiden gleichgestimmten Ehegatten aus, wie schön es wäre, wenn Ulf einen großen, sieghaften Kreuzzug mitmachen und Birgitta daheim in der Burg, umgeben von den Kindern, mit süßem Beben für ihn flehen und beten könnte. Allein es ging diesen Träumen nicht besser als so manchen anderen auch: sie zerrannen und mussten der gewöhnlichen Wirklichkeit mit ihren prosaischen Anforderungen Platz machen. Immerhin konnten Ulf und Birgitta außer häufigen kleineren auch zwei große Pilgerfahrten miteinander unternehmen: die beschwerliche Fußwanderung zum Heiligtum von St. Olaf nach Drontheim in Norwegen und die weite Reise nach San Iago da Compostela in Spanien. Auf beiden Wallfahrten legten sich die frommen Eheleute noch besondere Entbehrungen auf. Völlig übereinstimmend mit dem Geist der früheren mittelalterlichen Heiligen erklärte Birgitta: „Der Leib ist ein Esel, er bedarf knappen Futters, vieler Arbeit, täglicher Schläge.“ Nach der Rückkehr aus Spanien nahm Ulf Wohnung in einem Zisterzienser Kloster, wo er bald darauf, 1344, starb. Und nun wollte Birgitta ausschließlich dem Himmel angehören; sie wusste sich eine schwedische Bibel zu verschaffen, lernte auch Latein und forschte nun eifrig in den großen Offenbarungen Gottes. Dabei behielt sie jedoch ein offenes Auge für die Zustände ihres Landes und der Kirche und trat gelegentlich mit freimütiger Rede für deren gedeihliche Entwicklung auf. Ihr Lieblingswunsch war die Stiftung eines Ordens, welcher die Wiedergeburt der Kirche in ihrem Vaterland herbeiführen sollte. Und da der König Magnus gerade zu Wadstena am Weternsee ein größeres Kloster gründen wollte, so setzte sich Birgitta mit ihm in Verbindung und reiste, als er beigestimmt hatte, mit ihrem Sohne Birger und mit der später in jeder Hinsicht ihre Nachfolgerin gewordenen und ebenfalls heilig gesprochenen Tochter Katharina nach Rom, um für ihre Ordensregel die päpstliche Bestätigung zu gewinnen. Auf der Reise kam sie, vielleicht hier in Basel, mit den sogenannten Gottesfreunden, einer ebenfalls für die Hebung der tiefgesunkenen Kirche arbeitenden Bruderschaft, in Berührung und eignete sich manche Ideen derselben an. Ihren bleibenden Aufenthalt aber nahm sie nun in Rom. In Rom gründete sie die noch heute unter ihrem Namen bestehende Herberge für schwedische Studenten und Pilgrime. Von Rom aus entsandte sie mit dem Ansehen einer Prophetin Botschaften und Mahnungen an Könige und Fürsten. Mit heiligem Eifer strafte sie die Sünden der Geistlichkeit und verschonte am wenigsten die Päpste in Avignon, welche sie im Namen Jesu und seiner Mutter beschwor, nach Rom zurückzukehren. Da, wie wir oben gesehen haben, auch Andere darauf drangen, so ließ sich endlich Urban V. dazu bewegen; und dieser war es auch, welcher, überwältigt von dem Glaubenseifer und der Seelenstärke der nordischen Prophetin, die von ihr vorgeschlagene, ihr, wie sie behauptete, vom HErrn selbst geoffenbarte Regel eines Erlöser-Ordens 1370 genehmigte. Es war dies der erste Fall, dass ein größerer, zum allgemeinen Zweck der Kirchenverbesserung bestimmter Orden von einer Frau gestiftet wurde. Die Grundzüge der Ordensregel sind folgende: „Die Äbtissin oder „Mutter“ repräsentiert die heilige Jungfrau, die zwölf Priestermönche mit dem allgemeinen Beichtvater die zwölf Apostel und Paulus, die 60 Nonnen endlich mit den 4 Ministranten und 8 Laienbrüdern die 72 Jünger des HErrn. Jedes der beiden Geschlechter soll für sich wohnen, auch in der Kirche soll jedes sein besonderes Chor haben. Zunächst sollen die Töchter des schwedischen Adels hier eine Freistätte finden und ein Zentrum bilden, von dem aus eine nationale Wiedergeburt angebahnt werde. Zu diesem Zwecke sollen die Schwestern nicht nur in Werken der Barmherzigkeit Martha-Dienste tun, sondern sie sollen, so gut wie die Brüder, mit frommem Mariensinn fleißigem Studium obliegen, um befähigt zu werden, die Bibel und andere gottselige Schriften ins Schwedische zu übersetzen. Die Brüder sollen lernen schriftgemäß predigen, ohne Wortschwall und Redekunst, nach dem Bedürfnisse des einfachen Hörers; ihr Absehen dürfe nicht darauf gerichtet sein, des Volkes Staunen zu erregen, sondern das Volk zu erbauen.“

Uns kann dieser Orden namentlich deshalb interessieren, weil unser in Gott ruhender Reformator Dr. Joh. Oecolampad ihm zu Altenmünster bei Augsburg eine Zeitlang angehört hat.

Birgitta selbst pilgerte nach Erfüllung ihres größten Wunsches mit mehreren ihrer Kinder über Zypern nach Jerusalem. Doch war die Reise, verbunden mit den ihr überall dargebrachten großartigen Huldigungen, für ihr Alter zu beschwerlich gewesen; kaum nach Rom zurückgekehrt, starb sie am 23. Juli 1373. Das Bezeichnendste, was sie selbst je gesagt hat, ist wohl das echt evangelische Wort: „Ohne Christum vermag ich nichts, als zu sündigen.“ Über Birgitta aber hat ein protestantischer Theologe des 16. Jahrhunderts das treffende, sie als Typus für alle besseren Elemente aus der Zeit unmittelbar vor der Reformation hinstellende Wort ausgesprochen: „Die Päpstlichen betrachten sie als eine Prophetin, und der Papst hat sie unter die Heiligen versetzt. Und doch rügt sie oft und viel die Unwürdigkeit des Papstes und seiner Geistlichkeit. Von seinem Stuhl aber behauptet sie, er müsse in den Abgrund versenkt werden.“ Es gab denn auch beim Kanonisationsprozess der heiligen Birgitta allerlei Schwierigkeiten., Pflegten doch die Päpste keineswegs alle frommen Heldinnen, sondern eben nur die heilig zu sprechen, welche für Macht und Ansehen des römischen Stuhles gewirkt. Die Heilige Frankreichs aus dem 15. Jahrhundert wurde, weil sie nur das Vaterland gerettet und der Kirche keinen weiteren Nutzen gebracht hatte, nicht als Heilige verehrt, sondern als Hexe verbrannt.

Riggenbach, Bernhard - Frauengestalten aus der Geschichte des Reiches Gottes - V. Die Gehilfinnen der Reformatoren

Für die Stimmung, in der sich die besten Elemente der Christenheit zu Ende des 15. Jahrhunderts befanden, weiß ich keinen bessern als den biblischen Ausdruck des Römerbriefes Kap. 8, V. 19, den Luther unrichtig als „ängstliches Harren“ aufgefasst hat, der vielmehr verstanden sein will als erwartungsvolles Ausschauen. Ja, in die Zukunft blickten sie hinaus all jene strebsamen Geister am Ausgang des Mittelalters, welche sich sehnten frei zu werden von dem Dienst des vergänglichen Wesens und hinanzugelangen zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes (Römer 8,21); von naher, teilweise sogar von nächster Zukunft erwarteten sie Erlösung und Befriedigung al ihres Sehnens, die Einen erfüllt von kühner Hoffnung, die Andern wenigstens von unbestimmten Ahnungen.

Schon früher hatten Einige das Verderbnis der Kirche erkannt, und im 14. Jahrhundert hatte sich ziemlich allgemein das klare Bewusstsein geltend gemacht, dass eine Erneuerung von Nöten sei. Allein wir haben an dem Beispiel der beiden Prophetinnen Katharina und Brigitta am besten sehen können, wie überall, im Norden und im Süden, auch die tiefste Einsicht der Schäden und Gebrechen in dem Wahn gefangen war, es könne die Heilung nirgends anders woher kommen als vom heiligen Vater zu. Rom. Erst als die wohlgemeinten Versuche, die päpstliche Kurie zu entscheidender Initiative zu treiben, an der phlegmatischen Apathie der besseren und an der entschiedenen Antipathie der geradezu schlechten Päpste gescheitert war, hatte man angefangen von der persönlichen Spitze an die allgemeine Vertretung der Kirche, an ökumenische Konzilien zu appellieren. Auch diese Instanz erwies sich als unzuverlässig und unfähig. Das Konzil zu Konstanz suchte das Sehnen aller derer, welche sich als Gottes zur Freiheit berufene Kinder fühlten und nicht bloße Kreaturen der Kirche sein wollten, in dem qualmenden Rauch zweier Scheiterhaufen zu ersticken, und das Konzil von Basel raffte sich aus seinen vielen schönen und langen Reden nur selten zu Taten auf und auch dann nur zu törichten und unheilvollen. So musste langsam die für jene Zeit schreckliche Überzeugung ausreifen, welche auch bei Luther nur allmählich die Oberhand gewonnen hat, dass es vergeblich sei, auf eine von den offiziellen Organen der Kirche selbst ausgehende Verbesserung zu hoffen, dass vielmehr eine große Umwälzung kommen müsse, welche auch vor einem Bruch mit Rom nicht zurückschrecke. Nur wenn wir diesen Umstand recht in Erwägung ziehen und daran denken, dass in allen Kreisen eine sehnsüchtige Spannung sich der Gemüter bemächtigt hatte, können wir begreifen, warum gleich die ersten Heroldsrufe Luthers so allgemeines Verständnis und so ungeheuren Anklang fanden. Überall, wo seine Schriften eindrangen, wurde mit Erleichterung empfunden, dass der Bann gehoben und jetzt endlich das lösende Wort, das längst Vielen auf der Zunge gelegen hatte, ausgesprochen sei. Kein Wunder, dass nun auch aller Orten der Frühlingsjubel laut wurde: „unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Stricke des Voglers; der Strick ist zerrissen, und wir sind los!“ (Ps. 124,7). Und je gehemmter und eingeengter ein Einzelner oder eine ganze Klasse von Menschen gewesen, je schmerzlicher irgendwo der Druck des römischen Joches empfunden worden, um so freudiger war die Zustimmung zu Luthers Vorgehen, um so unbedingter die Bereitwilligkeit ihm Heeresfolge zu leisten in dem gegen Rom eröffneten Kriegszug.

Wo die Stimme der Reformatoren ein besonders williges Gehör und ein besonders lebhaftes Echo fand, das war sehr erklärlicher Weise in den Klöstern und zwar mindestens ebenso sehr in den Frauenklöstern als bei den Mönchen. Unter den Nonnen nämlich trieb der von Rom aus über den ganzen Erdkreis hin systematisch verbreitete geistliche Despotismus schon deshalb üppigere Blüten, weil er sich die eigentümliche natürliche Schwachheit und das Bedürfnis des weiblichen Geschlechtes, sich irgendwo anzulehnen und anzuschmiegen, zu Nutze machen konnte. Wohl gab es auch einzelne Ausnahmen, Klöster, wo die Nonnen unter der freundlichen mütterlichen Leitung einer frommen Priorin in schönem schwesterlichem Vereine christlichem Leben und häuslicher Arbeit, echter Askese und barmherziger Liebe sich widmen lernten. In. Allgemeinen aber werden die Schilderungen des Joh. Eberlin von Günzburg, welcher selbst Franziskaner gewesen war und als solcher die Clarissenklöster wenigstens in Schwaben und in der Schweiz und auch das baslerische Gnadental (jetziges Kornhaus) genau kennen lernte, nicht können übertrieben genannt werden. Er sagt: „Nur auserwählte Menschen können den Jammer und die Versuchungen des Klosterlebens aushalten, und die Eltern sollen es deshalb wohl überlegen, ehe sie ihre Töchter, etwa nur aus Scheu vor einem armen Mann, ins Kloster stecken. Viele Eltern bereuen es genug, dass sie ihre Tochter, anstatt sie einem Bauern in die Ehe zu geben, an den Bratspieß des Klosterlebens geliefert und so die Hölle an ihr verdient haben. Wenn ärmere Eltern ihre Töchter bis zum heiratsfähigen Alter in ein Kloster tun wollen, ohne deren Freiheit in ewige Ketten zu schlagen, kann ich nicht widerraten; denn das Kloster kann für Manche eine gute Schule der Zucht werden. Freilich wissen die meisten Klosterfrauen nichts von der Bibel, deren Lektüre doch ihre erste Beschäftigung sein sollte, sondern nichts als die Tandmähre der Legenden und anderes Pfaffengeschwätz. Der Unverstand aber zieht alle Laster nach sich; denn wie die Speise, so wird auch das Fleisch. Darum behalte deine Tochter lieber bei dir, lass sie mäßig arbeiten, Gottes Wort hören, beten. Dein Kind selbst zu erziehen ist deine Pflicht, deren Erfüllung dir Gott, auch wenn du arm bist, so du nur zu ihm betest, schon wird gelingen lassen. Soll es aber im Kloster können selig werden, so darf es die drei Gelübde (des unbedingten Gehorsams gegen die geistlichen Oberen, der vollständigen Enthaltung von allem irdischen Besitz und der Ehelosigkeit) nicht ablegen. Die Hebefenster (d. h. die Gitter, durch welche allein die Nonnen mit der Außenwelt verkehren durften) soll man aufreißen, damit man die Nonnen sehen, und ein etwaiger Freier sie begrüßen kann. Einlass ins Kloster soll jedoch kein Mann bekommen. Wird aber einem eine solche ehrbare Klosterjungfrau zur Ehe, so soll er das für eine besondere Gnade ansehen und sie gut halten. Die Andachtsübungen in den Klöstern sollen kurz und leicht sein, die gegenwärtigen Statuten der Frauenklöster sind überhaupt zu hart, ja sie sind - widersinnig genug - härter als die der Mönchsorden. Müssen doch die armen Nönnlein oft für die Mönche sieden und braten, selbst aber fasten, und während die Mönche als Neuigkeitskrämer überall herumlaufen, dürfen die Nonnen nicht einmal zu ihren Eltern.“ - Soweit Eberlin in einem Reformationstraktat vom Jahre 1521, betitelt: Die fünfzehn Bundesgenossen. Ich hätte auch Sätze aus Luthers Schriften anführen können; doch finden wir in den Schriften Luthers aus jener früheren Zeit, um welche es sich hier handelt, neben allgemeinen Erörterungen über den verderblichen Einfluss der Mönchsgelübde und über die babylonische Gefangenschaft des Klosterlebens wirklich nur sehr vereinzelte Sätze über die eigentümlichen Übelstände der Frauenklöster. Dagegen ist es Eberlins besonderes Verdienst, Einer der Ersten gewesen zu sein, welche Luthers allgemeine Gedanken spezialisiert, in Gestalt von Flugschriften unter das Volk gebracht und so ungemein viel dazu beigetragen haben, dass die Reformation so rasch und ausgedehnt Wurzel fasste.

Eberlins soeben im Auszug mitgeteilte „Vermahnung aller Christen, dass sie sich erbarmen über die Klosterfrauen,“ wird es denn auch gewesen sein, die in Verbindung mit ähnlichen literarischen Kundgebungen in vielen geistig regsamen, vielleicht zum Teil auch lebens- und liebesdurstigen, zum Teil aber jedenfalls in ihrem Gewissen hartbedrängten Nonnen den Entschluss zur Reife brachte, ihrer Knechtschaft so bald als möglich loszuwerden. So wandten sich denn auch zu Anfang des Jahres 1523 neun Ordensschwestern aus dem Kloster Niemtzsch bei Grimma, unter ihnen die Schwester von Luthers väterlichem Freunde Staupitz, an ihre Eltern und Angehörigen mit der demütigen Bitte, ihnen aus einem Leben heraus zu helfen, das sie Gewissens Halber nicht länger erdulden könnten. Trotzdem sie sich erboten, daheim zu tun und zu leiden, was irgend fromme Kinder tun und leiden sollen, erhielten sie Alle abschlägigen Bescheid. Dem Adel, dem die Mehrzahl angehörte, war es am Allerwenigsten um Aufhebung der Klöster zu tun; denn für überzählige Töchter war, in Ermanglung einer passenden Heirat, das Kloster immerhin noch eine sehr standesgemäße Versorgung, und es gereichte einem adeligen Stammbaum nur zur Ehre, wenn er, neben etlichen zum Bischofsstuhl hinangelangten jüngeren Söhnen, auch einige Äbtissinnen aufweisen konnte. Allein jene Neun gaben sich mit den Antworten ihrer selbstsüchtigen Sippen durchaus nicht zufrieden, sondern wendeten sich, wohl eben durch Vermittlung der Magdalena Staupitz, direkt an Luther. Und dieser fand an dem Freiheitsdrang der gequälten Nonnen so wenig Strafbares, dass er vielmehr den Torgauer Ratsherrn Leonhard Koppe veranlasste, ihnen zur Entweichung aus dem Kloster behilflich zu sein und sie nach Wittenberg zu bringen. Diese ziemlich schwierige und gefahrvolle Expedition führte der kühne Koppe denn auch wirklich in der Nacht vor dem Osterfest 1523 so glücklich aus, dass bald auch in anderen Klöstern Fluchtversuche gemacht wurden; freilich nicht überall mit dem nämlichen Glück wie dort in Niemtzsch oder in dem Mansfeldischen Kloster Widerstetten, wo sechzehn Nonnen auf einmal entrannen. Luther selbst erzählt uns in einem besonderen kleinen Traktat die Geschichte einer Nonne aus Eisleben, Namens Florentine, welche schon im elften Jahr eingesegnet worden, später aber zur Erkenntnis gekommen war, das Klosterleben tauge nicht für sie. Mit größter Aufrichtigkeit wandte sie sich an die Ordensobern und bat entlassen zu werden. Von Stund an wurde sie als Gefangene betrachtet. Als sie von Luther und der durch ihn verkündigten Lehre von der evangelischen Freiheit hörte, schrieb sie an ihn um Trost und Rat, wurde aber verraten und darauf hin förmlich eingekerkert. Nur zu den Gottesdiensten durfte sie ihr kaltes Gefängnis verlassen und dann musste sie sich in der Kirche auf den Boden legen und ihre Genossinnen über sich hinschreiten lassen. Es gelang ihr zum zweiten Mal eine Klageschrift an ihre Verwandten gelangen zu lassen; aber wieder wurde sie verraten und bestraft. Und zwar wurde sie diesmal von der Oberin eigenhändig gestäupt, eine Zeit lang in Ketten gelegt und schließlich zu lebenslänglicher Zellenhaft verurteilt. Doch beging die Schließerin einmal das Versehen die Türe offen zu lassen, und Florentine entkam! So sah sich Luther bald von entlaufenen Klosterleuten beiderlei Geschlechts aus allen möglichen Orden umringt und finanziell um ihretwillen sehr bedrängt. Für die Mönche zwar fand sich jeweilen schnell ein Unterkommen, hingegen machte ihm die Frage viel zu schaffen, was er mit den gewesenen Nonnen anfangen solle. Wegen jener neun Niemptzscher Flüchtlinge schrieb er sofort nach ihrer Ankunft an seinen einflussreichen Freund, den kursächsischen Hofprediger Spalatin, und bat ihn dringend, bei den reichen Leuten des Hofes eine Sammlung zu veranstalten, damit das arme Häuflein einstweilen könne ernährt werden. Nach und nach zeigte sich für jede ein Plätzchen, die Einen heirateten, die Andern konnten zu Verwandten ziehen, in Wittenberg blieb keine als Katharina von Bora. Geboren am 29. Januar 1499 und früh Waise geworden, war die aus altem sächsischem Adel stammende Katharina schon als Kind in das Zisterzienser Kloster Niemtzsch eingetreten. Dort befand sich seit Jahren auch eine Tante von ihr, Magdalena von Bora, Luthers nachmalige Hausgenossin, die auch uns aus Königs Lutherbildern von Kindheit auf heimelige Muhme Lene. Nachdem Katharina auf die obenerwähnte Art aus dem Kloster entwichen war, war es für sie, die keine nahen Verwandten hatte, ein besonderes Glück, im Hause des wittenbergischen Stadtschreibers und nachmaligen Bürgermeisters Philipp Reichenbach eine wirkliche Heimat zu finden. Die Bereitwilligkeit der Reichenbachschen Eheleute, die entlaufene Nonne bei sich aufzunehmen, war ohne Zweifel eine Folge von Luthers Fürsprache, doch gibt uns das durchaus kein Recht zu der Annahme, er habe für sie mehr getan als für jene Niemtzscher Nonnen alle. Und wenn wir Katharinas später als Hausfrau bewährte Umsicht erwägen, so können wir es auch sehr wohl begreifen, dass ihre Gastfreunde sie gerne bei sich festhielten. Von einer Absicht Luthers, sie zu heiraten, war jedenfalls 1523 noch keine Spur vorhanden. Er selbst hat später in Katharinas Gegenwart das Geständnis abgelegt, wenn er schon damals hätte freien wollen, würde er wohl eher eine Andere jener Neun, die Ave von Schönfeld, genommen haben, Katharina habe ihm auf den ersten Blick eines hochfahrenden Sinnes geschienen. Äußere Vorzüge hatte sie, wenn wir Cranachs Bildern dürfen Glauben schenken, ohnehin keine. Dagegen deuten auch ihre Gesichtszüge auf den klaren Verstand und die gesunde Offenherzigkeit, Schlagfertigkeit und Derbheit, wovon ihr späteres Leben Zeugnis ablegt. Übrigens dachte Katharina während der ersten Zeit ihres Wittenberger Aufenthaltes von Ferne nicht an eine Verbindung mit dem ernsthaften Dr. Luther, sondern liebäugelte im Gegenteil lebhaft mit einem in Wittenberg studierenden galanten, jungen Nürnberger Patrizier Hieronymus Baumgärtner und war tiefbetrübt, als derselbe von seinem vorsichtigen Vater heimgerufen und zur Ehe mit einer reichen Erbin veranlasst wurde. Luther aber konnte noch zwanzig Jahre später, als er einmal einen Brief von ihm erhielt, seine Hausfrau mit ihrem alten Feuer necken. Damals, als sie aus dem Kloster kam, hätte er sie wie all die Nonnen, welche sich zu ihm flüchteten, am liebsten sofort an den Mann gebracht und noch zu Anfang 1525 wollte er sie mit dem Prediger Glatz von Orlamünde verheiraten. Sie aber sträubte sich entschieden hiergegen und tat bei diesem Anlass gegenüber von Luthers Freund Amsdorf den höchst naiven Ausspruch, wenn Luther oder er sie haben wolle, so sei sie bereit, mit dem Einen oder Andern eine ehrsame Ehe einzugehen, mit Glass aber nimmermehr. Ob gerade dieses etwas stark prosaische Wort, welches manchen Andern wohl eher stutzig gemacht hätte, den großen Reformator vorwärts getrieben hat, lassen wir dahingestellt. Jedenfalls machte der Erfolg Katharina zur Prophetin. Glatz nämlich bewährte sich gar nicht und musste abgelegt werden, sie aber wurde in der Tat im Sommer 1525 wieder alles Erwarten von Luther zur Ehe begehrt.

Zwar hatte Luther im Oktober 1524 Gott zu Ehren, Vielen zur Freude, dem Satan zum Trotz die Kutte abgelegt, allein von der weiteren Konsequenz, welche von seinen Freunden daraus gezogen wurde, dass er nun auch zur Ehe schreiten werde, wollte er durchaus nichts wissen. Wohl stand auch ihm das Recht der Priesterehe unerschütterlich fest, und er gab jenem starken Wort Eberlins gewiss vollkommenen Beifall: „Wer das Verbot der Priesterehe so oder anders fordert, der sündigt mehr, als der ein Kruzifix verspeit“. Und so war es denn sehr natürlich, dass er von allen Seiten her aufgefordert wurde, das selbst zu tun, wozu er mit so vielen Gründen Andere getrieben.

Mit besonderer Energie hatte eine Frau - man weiß ja, wie gerne die Frauen Ehen stiften! - in Luther gedrungen, und zwar eine Frau, die es wohl verdient, dass wir sie wenigstens vorübergehend ins Auge fassen: die bairische Edelfrau Argula von Grumbach geb. von Stauffen. Dieselbe stand seit geraumer Zeit mit Luther in Korrespondenz und war eine sehr tapfere Frau. Als z. B. die Universität Ingolstadt unter Ecks Anführung im Jahr 1523 einen armen Magister wegen seiner Hinneigung zu Luthers Lehre verfolgte, da protestierte Argula öffentlich gegen ein solches Verfahren. Dr. Johann Eck freilich sandte ihr als Antwort einen Spinnrocken und bedeutete ihr in einem höhnischen Begleitschreiben, sie solle sich lieber mit weiblicher Handarbeit als mit theologisch-kirchlichen Streitfragen abgeben. Eberlin dagegen preist sie in einem seiner Traktate als eine der Besten ihres Geschlechts und lobt ihr öffentliches Auftreten mit den für die damaligen Frauen überhaupt sehr schmeichelhaften Worten: „Ein großer Teil der barteten, großmütigen, weisen, gelehrten Männer zeigt sich schwächlich, verzaglich, töricht, schriftlos. Die Weiber aber, Junge und Alte, Edle und Unedle, werden von Gott gelehrt und gewiesen, christlich und mutiglich zu handeln in Worten und Werken. Ja sie bemühen sich so sehr mit Lesen heiliger Schrift und werden so gar erleuchtet und erhitzt in Gottes Wort, dass sie lieber in große Gefahr sich begeben als Gottes Wort leugnen oder verschweigen“. In der Tat ruhte der giftgeschwollene Gegner der Reformation zu Ingolstadt nicht, bis der Landesfürst die verhasste „Grumbacherin“ ernstlich bedrohte. Ihr feiger Gatte, der nicht zum Mindesten Christum in ihr verfolgte, war zum Widerruf zu bewegen. Argula aber ließ sich von ihrem Glauben nicht abwendig machen und erklärte: „Meine Kindlein wird der HErr schon versorgen, sie speisen, wie er die Vögel in der Luft speist, und sie kleiden, wie er die Blümlein des Feldes kleidet, er hat es gesagt, er kann nicht lügen.“ Wirklich wurde sie des Landes verwiesen. Luther, der stets gern mit ihr verkehrte, nannte sie eine „Jüngerin Christi“. Als solche hatte sie nun eben 1524 geglaubt, den großen Wittenberger an seine, wie es ihr schien, heilige Pflicht zu erinnern und ihn ernstlich mahnen zu müssen, er solle nun endlich auch ehelich werden. Und Luther verkannte ihre gute Meinung durchaus nicht; er ließ ihr herzlich dafür danken, zugleich aber bemerkte er, dass er zwar dem andern Geschlecht gegenüber weder von Holz noch von Stein sei, dennoch aber gegenwärtig nicht ans Heiraten denken könne, weil sein Leben stündlich der Gefahr eines wohlverdienten Ketzergerichts ausgesetzt sei.

Als nun aber mitten in den Aufregungen, welche die Gräuel des Bauernkrieges und der Tod seines Landesherrn ihm verursachten, im Frühling 1525, seine Gegner ihn beschuldigten, es fehle ihm der nötige Mut zu dem entscheidenden Schritt, und anderseits ängstliche Freunde ihn zurückhalten wollten und die Befürchtung aussprachen, seine Heirat würde ihn vor der Welt zu Schanden und sein ganzes bisheriges Werk zunichte machen, da war sein Entschluss gefasst. Dem Kardinal Albrecht von Mainz ließ er sagen: wo meine Ehe Sr. kurfürstlichen Gnaden eine Stärkung sein möchte, wollt ich gar bald bereit sein, Sr. kurfürstlichen Gnaden zum Exempel voranzutraben. Trutziglich erklärte er, dass er ganz und gar beschlossen habe, ehe er aus diesem Leben scheide, in dem Ehestand sich finden zu lassen, den er von Gott gefordert achte. Ja, er behauptete sogar später, wenn er damals unversehens aufs Sterbebett gelegt worden wäre, er würde sich noch ein frommes Mägdlein haben antrauen lassen und ihm als Morgengabe zwei silberne Becher gegeben haben. Nun, dazu kam es nicht, dagegen führte er, mitten in dem stürmisch bewegten Sommer 1525, als man es gerade am Wenigsten von ihm erwartete, allen Freunden und Feinden, ja dem Teufel selbst zum Trotz, seine Käthe heim. Ohne einen seiner Freunde ins Vertrauen gezogen zu haben, verständigte er sich mit Katharina, machte dann aber den Rat sofort zur Tat. „Es ist“, pflegte er später in Heiratsangelegenheiten Anderen zu raten, „nicht gut viel dazu zu reden, man muss Gott um Rat fragen und beten und darnach bald fortfahren“. So lud er denn auf den Abend des 13. Juni seine nichtsahnenden treuen Freunde, den Stadtpfarrer Bugenhagen, den Professor der Theologie Jonas, den Juristen Apel und den Ratsherrn Lukas Cranach, in seine Wohnung ein, und als sie versammelt waren, setzte er sie von seinem Vorhaben in Kenntnis. Sofort musste Bugenhagen die Verlobten „zusammensprechen“, und damit war nach damaligem Brauch die Ehe geschlossen, und Katharina blieb bei Luther als sein Weib. Eine größere öffentliche Hochzeitsfeier fand erst am 17. Juni statt. Bei derselben erschienen auch auswärtige Freunde mit reichen Geschenken. Am meisten freute es Luther, dass er bei diesem Anlass seine greisen Eltern, deren längst gehegter Wunsch nun erfüllt war, gänzlich ausgesöhnt wiedersehen durfte. Im Allgemeinen war der 41jährige junge Ehemann, ohne geradezu verliebt zu sein, doch voll Freude.

An Katharina aber bewährten sich die Worte Eberlins über die Ehen der Pfaffen: „ es ist ein Zeichen trefflicher Gesinnung, wenn Eine sich um die Nachrede der Narren nicht bekümmert, und die Ehe wird gewiss wohl geraten, wenn sie ohne andere Ursachen, allein aus persönlicher Liebe geschlossen wird. Ich habe es jetzt an vieler Pfaffen Ehen erfahren, dass Gott mit ihnen ist.“ Luther sollte nie Anlass haben, jenen raschen Entschluss zu bereuen. Seine „liebe treue Hausfrau“ hat ihn, wie er in seinem Testament bezeugt, „als ein fromm, treu, ehelich Gemahl allezeit lieb, wert und schön gehalten“. Die Prophezeiungen der Feinde, die große Tragödie der Reformation sei eine bloße Komödie, an deren Ende Alle heiraten, haben sich ebenso wenig erfüllt, wie die Befürchtungen der Freunde, sogar eines Melanchthon, Luthers hoher, männlicher Geist werde in der Ehe zu weich werden. Zwar hat ohne Zweifel Käthe hie und da den weiblich besänftigenden Einfluss geltend gemacht; allein dass Luther als Ehemann irgendwie an Tatkraft und Schneidigkeit eingebüßt hätte, wird Niemand zu behaupten wagen.

Wenn er unter Freunden scherzweise von seinem Herrn und seinem Moses Käthe redete oder Briefe an sie mit den Worten anfing: „Lieber Herr Rat“, so wollte er damit allerdings andeuten, dass Versuche zum Pantoffelregiment gemacht würden, allein auch diese betrafen gewiss nicht Luthers reformatorisches Wirken, sondern wohl nur seine grenzenlose Freigebigkeit, welcher sie zu Zeiten Einhalt zu gebieten versuchte. Und dazu hatte sie als umsichtige Hausfrau wahrlich einiges Recht. Während nämlich Melanchthons brave, aber unbedeutende und kränkliche Frau die Sorgenlast ihres Mannes nur noch vermehrte, war die kerngesunde und energische Lutherin ihrem Manne eine wirkliche Gehilfin. Sie besaß körperliche und moralische Kraft genug, um unter den vielfachen physischen und psychischen Leiden ihres Gatten und unter den heftigen Aufwallungen seines Temperaments fest und ruhig auszuhalten und ihm für Leib und Seele gerade das zu bieten, was er bedurfte, um stets mit neuer Frische und Elastizität, neuem Kampfesmut und neuer Arbeitskraft in seinen aufregenden und aufreibenden Beruf zurückzukehren.

Die Sorgen des Hausstandes, für welche Luther weder Zeit noch Geschick besaß, zog sie mit einer oft mehr festen als zarten Hand an sich. Da Luthers Besoldung nur sehr bescheiden, seine Gastfreundschaft dagegen die eines Fürsten war, so musste Katharina sich der Ökonomie mit allem Ernst annehmen und sich dabei gefallen lassen, dass Luther sie für all ihre Hingebung mit derbem Humor ziemlich schonungslos an den Pranger stellte. Weil sie eine ausgedehnte Viehzucht trieb, an der er oft selber seine königliche Freude hatte, konnte er einen Brief an sie adressieren: „Meiner lieben Hausfrauen, Katherin Lütherin Doktorin Säumarkterin zu Wittenberg meiner gnedigen Frauen zu Handen und Füßen“. Ein ander Mal witzelt er über ihre landwirtschaftlichen Liebhabereien und nennt sie wegen des Gütleins Zulsdorf, das sie gekauft hatte und eifrigst bewirtschaftete, „Euer Gnaden von Zulsdorf“. Wie froh ist er aber dann auch wieder, am Abend mit den Freunden hinauspilgern zu können in den wohlgepflegten Garten vor dem Elstertor und bei einem Trunk von dem Bier, das seine Hausehre in einem eigens erbauten Brauhaus selbst fabriziert hatte, des Tages Last und Hitze zu vergessen. Dort draußen oder auch in den Räumen des Klosters, das der Kurfürst ihm geschenkt hatte, und an dem die unternehmungslustige Käthe stets neue Verbesserungen anbrachte, konnte er des traulichsten Verkehrs mit Weib und Kind sich freuen und ein so einfacher Mensch werden, dass, wie er sich äußerte, die Engel im Himmel lachen und alle Teufel weinen müssen. In solchen Stunden pries er sich glücklich, seine Käthe zu besitzen und rühmte laut, er achte sie teurer als das Königreich Frankreich oder der Venediger Herrschaft. Daneben versäumte er nicht auf das Heil ihrer Seele und auf das Wachstum ihrer Erkenntnis sorgfältig Bedacht zu nehmen. Und als er fand, sie tue nach dieser Richtung zu wenig, so wandte er List an und stellte ihren ausgesprochenen Erwerbsgeist in den Dienst der Seelsorge, er versprach ihr im Herbst 1535, sie bekomme fünfzig Gulden, wenn sie bis Ostern die ganze Bibel durchlese. Bekannt ist, welch treue Stütze Katharina an dem glaubensstarken Mann hatte, als von den sechs Kindern ihrer Ehe zwei, darunter das vielversprechende Lenchen, heimgerufen wurden. An Magdalenens Sterbebett zog er sie an sich mit den Trostworten: „Liebe Käthe, bedenke doch, wo sie hin kommt, sie kommt ja wohl“. Es darf nicht übersehen werden, dass in einer solchen Hinweisung auf die Wahrheit des Evangeliums ein ehrenvolles Zeugnis für den Glaubensstand derjenigen Person enthalten ist, an welche der Appell sich richtet. So verstanden ist auch der köstliche Humor, womit Luther sich noch in den letzten Tagen seines Lebens bei Käthe für ihre zärtliche Sorge um seine Gesundheit bedankt hat, ein Ehrendenkmal für sie. „Meine alte, arme Liebe und wie ich weiß Unkräftige“, schreibt er, „du willst sorgen für deinen Gott, als wenn Er nicht allmächtig, der da könnte zehn Doktor Martinus schaffen, wo der eine alte ersöffe in der Saale oder im Ofenloch; lass mich in Frieden mit deiner Sorge, ich hab einen bessern Sorger, denn du und alle Engel sind. Allerheiligste Frau Doktorin, dieweil ihr so gut für mich gesorgt und darob den Schlaf verloren habt, wollte uns das Feuer verzehren in unserer Herberge hart vor unserer Stubentür, und gestern, ohne Zweifel aus Kraft eurer Sorge, fiel uns schier ein Stein auf den Kopf, uns zu zerquetschen wie in einer Mausfalle. So sorge, wo du nicht aufhörest zu sorgen, es möchte uns zuletzt die Erde verschlingen. Bete du und lass Gott sorgen! Lass uns sagen und singen: wir wollen warten, was Gott tun wird, hiermit Gott befohlen“. Luther, der wohl selbst fühlte, dass die Sorge seiner Käthe nicht unbegründet sei, wollte ihr offenbar mit den letzten Briefen, aus denen wir hier einige Proben mitgeteilt haben, nochmals die ganze Fülle seiner zärtlichen Liebe zu fühlen geben. Und als dann an 22. Feb. 1546 statt des geliebten Gatten nur ein unabsehbarer Leichenzug von Eisleben her den Toren Wittenbergs nahte, da bewies Katharina, dass sie zwanzig Jahre lang an des großen Gottesmannes Seite gestanden hatte, und dass die Worte, die sie schon im dritten Jahr ihrer Ehe an den schwerkranken Luther gerichtet hatte, ein Ausdruck lebendigen Glaubens gewesen waren: „Mein liebster Herr Doktor, ists Gottes Wille, so will ich Euch bei unserm lieben Gott lieber denn bei mir wissen“.

Während der sieben Jahre ihrer Witwenzeit bot sich ihr reichlich Gelegenheit, solche Gottergebenheit zu beweisen und dem Zeugnis Ehre zu machen, welches Luther ihr einst für ihre Gattentreue und Nächstenliebe während der Pestzeit ausgestellt hat: „noch ist meine Käthe stark im Glauben.“ Außer Bugenhagen und Melanchthon verwandte sich Niemand für sie. Ihre treueste Freundin, die anmutige und gottselige erste Frau des Justus Jonas, mit der sie während langen Jahren Freud und Leid hatte teilen dürfen, war schon 1542 gestorben. Andere Verbindungen anzuknüpfen hatte sie zu Luthers Lebzeiten nicht Muße gefunden. Und die Vielen, die früher gastliche Aufnahme bei ihr gefunden, handelten nach dem alten Grundsatz: Undank ist der Welt Lohn. Während des schmalkaldischen Krieges und der darauf folgenden unruhigen Zeiten finden wir Katharina mit ihren Kindern bald da, bald dort, unstet und flüchtig, oft kämpfend mit der bittersten Not. Schließlich gewährte ihr der dänische König einen Jahrgehalt, wohl auf die Fürsprache der edlen, aus dem dänischen Herrscherhaus stammenden Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg. Diese nämlich war, von ihrem rauen Gatten um ihres evangelischen Glaubens willen verstoßen, 1528 zu Luther geflohen und hatte längere Zeit mit Katharina zusammen, fast möchte ich sagen als Stütze der Hausfrau, geschaltet. Doch sollte Luthers Witwe die ihr 1552 bewilligte dänische Unterstützung nicht lange genießen. Als sie, um der abermals mit besonderer Heftigkeit in Wittenberg auftretenden Pest zu entfliehen, der Universität nach Torgau folgte, wurden unterwegs die Pferde scheu, Katharina, besorgt um die Kinder, sprang aus dem Wagen, fiel in den Graben und zog sich dabei eine Krankheit zu, der sie am 20. Dez. 1552 erlag. Ihre letzten Worte waren ein Gebet für den Sieg der guten Sache, über deren Anfang und Fortgang sie einst so genau unterrichtet gewesen und für die sie mit ihrem teuren Helden so oft um Gottes Segen gefleht hatte.

Es wäre interessant zu wissen, ob Katharina von Bora, welche ohne Zweifel ihren Eheherrn oft und viel von den schweizerischen Reformatoren, von den bösen Sakramentiereren, wie er sie zu nennen pflegte, hat reden hören, auch nach deren Frauen sich erkundigt und was für eine Meinung sie von denselben bekommen hat. Uns kann es zur Befriedigung gereichen, dass die Frauen der Väter und Begründer unserer reformirten Kirche der tapfern Räte als vollkommen ebenbürtige Gehilfinnen der Reformation dürfen an die Seite gestellt werden. Unter ihnen nimmt billigerweise die Frau des größten die erste Stelle ein. Nicht dass Zwingli der Erste gewesen wäre, der unter den schweizerischen Reformatoren den Schritt aus dem ehelosen und darum gar oft auch ehrlosen Priesterstand in einen Gott wohlgefälligen und eben deshalb für den wahren Diener Gottes ehrenvollen Ehestand gewagt hätte. Zwar hatte er sich, von seinem Gewissen geängstigt, sowohl an den Bischof, als an die Eidgenossen um Bewilligung der Priesterehe gewendet. Allein in der öffentlichen Ausführung dessen, was durch das Evangelium erlaubt, durch die offiziellen kirchlichen und staatlichen Gesetze aber verboten war, hatten ihm mehrere Freunde den Rang abgelaufen. Leo Jud z. B. hatte schon 1523 eine Beghine aus dem Kanton Schwyz heimgeführt, welche bald in Zürich von den Armen den Ehrennamen „Mutter Leuin“ erhielt. Zwingli dagegen musste seine Ehe geraume Zeit geheim halten. Er hatte durch einen seiner Schüler, den ungemein begabten Gerold Meyer, Zutritt zu dessen Mutter erhalten und sich in der Folge mit der durch viele Leiden geprüften Frau verehelicht. Anna Reinhart aber, die Witwe des vornehmen Zürchers Hans Meyer von Knonau, war durch Rücksichten auf die Familie ihres ersten Mannes gebunden. Und so konnte die öffentliche Trauung erst am 5. April 1524 stattfinden. Durch diese Heirat trat Anna aus den glänzendsten Verhältnissen heraus; um nun zu zeigen, dass sie ihre zukünftige Stellung als Gattin eines evangelischen Predigers vollkommen verstehe, war ihr Erstes, ihre sämtlichen Kleinodien abzulegen und sich zu kleiden wie gewöhnliche ehrbare Bürgersfrauen. Doch scheint sie, wohl aus ähnlichen guten Gründen wie Luthers Käthe, überhaupt der Sparsamkeit gehuldigt und auch ihren Mann dazu angehalten zu haben. Wenigstens schrieb Zwingli, als er bei der Disputation zu Bern war und länger als beabsichtigt dort verweilen musste, ihr ausdrücklich, sie solle ihm umgehend den tintenfleckigen Hausrock „Tolggenrock“ übersenden.

Sonst erfahren wir von dem nüchternen Zwingli über sein häusliches Leben ungleich weniger als von dem poesievollen Luther. Übrigens war Zwinglis Ehe auch eine sehr kurze; der unglückselige Tag von Rappel machte schon 1531 dem glücklichen Bündnis ein jähes Ende. Den besten Einblick in Anna Reinharts Seelenleben gewährt uns das auf geschichtlichen Aufzeichnungen über Zwinglis Auszug zur Schlacht und über den mörderischen Ausgang derselben beruhende Gedicht von Martin Usteri: „Der armen Frow Zwinglin Klag.“ Zum Verständnis desselben muss vorausgeschickt werden, dass kurz vor der Schlacht bei Kappel in Zürich ein Komet war gesehen worden, dass ferner Zwinglis Pferd im Augenblick, da er von seiner Frau und seinen drei Kindern Regula, Wilhelm und Ulrich Abschied nahm, sich bäumte, und dass Frau Anna an jenem verhängnisvollen Tag außer dem Gatten auch den einzigen Sohn erster Ehe, zwei Tochtermänner, einen Schwager und einen Bruder verlor. Das ergreifende Gedicht, das wegen seiner vollendeten Nachahmung der damaligen Redeweise lange für ein echtes Produkt der Anna Reinhart gehalten wurde, lautet:

O Herre Gott, wie heftig schluog
Mich dines Zornes Ruten!
Du armes Herz, ists nit genuog,
Kannst du noch nit verbluoten?
Ich ring die Händ: käm doch myn End!
Wer mag myn Elend fassen?
Wer misst die Not? Myn Gott, myn Gott,
Hast du mich gar verlassen?

Ich fürcht die Nacht, ich fürcht den Tag,
Ich schüch mich vor den Lüten;
Ich hör nur Jammer, Angst und Klag,
Nur Bschuldigen und Stryten,
Man ficht mich an: Dyn Mann hats than!
Les ich in vielen Ougen;
Es bocht der Hohn: das Alt muoß koh'n!
Bald offenbar, bald tougen.

Was klagt ihr mir der Üwern Todt?
Hab ich nicht gnuog ze tragen?
Ach, üwer Not ist ouch myn Not,
Vnd meeret myne Klagen!
Wer suocht das Korn am Schleyendorn?
Bym steinin Bild Erbarmen?
Was suocht denn Ihr Trost, Hilf by mir?
Ich bin die ärmst der Armen.

Vnd kumbt die lange Abendzyt,
Wo Kopf vnd Oug ermatten,
Erschreckt mich in der Einsamkeit
Ein jeglich Ton und Schatten.
Ich süftz: o Nacht, wärst du verbracht,
Möcht doch dyn Dunkel wychen!
Entschlafen koum, plagt mich der Troum
Mit ytel Bluot und Lychen.

Ich renn in Stryt, ich suoch und kann
Durch Spieß und Schwerter dringen,
Find Mann, Sün, Bruoder, Schwestermann
In Bluot und Tode ringen.
Man zeigt mir ouch den schwarzen Rouch
Sich hoch zum Himmel schwingen.
Ich seh die Rott mit Hohn vnd Spott
Ihr Greweltat vollbringen.

Es gellet ouch das Jammergschrey
Mir stäticklich in Oren:
Uf, Waffen, Waffen, Als herby!
Ach Gott, wir hand verloren!
Auf, Wyb vnd Mann! louf, louf wer kann!
Der Feynd ist vor den Thoren.
So helf vns Gott, Alls, Alls ist todt!
Louft, louft zu Mur vnd Toren!

Ich rannt hinus, fragt wen ich sach;
Vnd fürchtet doch die Märe.
Ich Thörin, ach ich wusst es ja,
Dass er nit widerkehre!
Des Sternes Ruoth, die Luft in Bluot
So grusamcklich entzündet,
Die klag der Ewl, das Nachtgehewl
Hatts sattsam schon verkündet.

Er wusst es ouch, doch wollt er mich -
Ich wollt ihn nit erweichen.
Doch da syn Ross so rücklings wich,
Thät er wie wir erbleichen.
Die Kind vnd mich, wie brünstiglich
Hat er vns noch umbfangen!
Sah stets zurück, syn letzter Blick
Ist mir durchs Herz gegangen.

So schwinget sich wie ein Gekett
Um mich nur Angst vnd Jammer.
Entflüch ich dann der Lagerstett,
Ze süfzen in der Kammer,
So schlycht mir ach! das Regli nach,
Vnd weint: kannst du nit schlafen?
Zwingt mich ze Bett. - So bluoten stett
Die Wunden, die mich trafen.

Hör ich das erste Hahnengschrey,
So prys ich mynen Herren:
Gottlob die Nacht ist bald vorby,
Der Tag will widerkehren!
Er zeigt mir doch die Kindlein noch,
Sy mindern doch die Läre.
Wie oft voll Forcht hab ich gehorcht,
Ob ich s‘ noch atmen höre!

Ein Engelskuss hat s‘ aufgeweckt,
Drum sy so fründlich lachen.
Ein jegklichs dann syn Köpflin streckt,
Vnd spächt, ob ich erwachen.
Dann henken s‘ sich mit Bitt an mich:
Ach, hör doch uf ze schreyen!
O Mutterherz, du armes Herz,
Kann dich noch was erfrewen?

Du bindest mich ans Leben noch,
Du trybst den Tod zerücke,
Du lüpfst des Kumbers ysin Joch,
Dass es mich nit erdrücke!
Du ruofst: fortan luog d' Waislin an!
Was soll us jnen werden?
Sy sind ein Brand us Huldrychs Hand,
Vnd hand nur dich uf Erden!

Ja, diesen Schatz, mir anvertruwt,
Ich will in trüw verwalten!
Den Tempel, den er ufgebuwt,
Den sollend sy erhalten.
Uf syner Bahn führ ich sie an,
Daß er durch sie sich neuwe,
Vnd Hulderych im Himmelrych
Sich ihr und myner freuwe.

Komm du, o Buoch, du warst syn Hort,
Syn Trost in allem Uebel.
Ward er verfolgt mit Tat vnd Wort,
So griff er nach der Bibel,
Fand Hilf by ihr. - Herr, zeig ouch mir
Die Hilf in Jesu Namen!
Gib Muoth vnd Stärk zum schweren Werk
Dem schwachen Wybe! Amen.

Übrigens erging es, was uns Schweizer auch freuen darf, der Witwe unseres großen Reformators, die auch sieben Witwenjahre durchzuleben hatte, bei Weitem besser als der Witwe Luthers. Zwinglis würdiger Nachfolger, der edle Bullinger, zögerte keinen Augenblick, seiner Verehrung für den geliebten Toten dadurch Ausdruck zu verleihen, dass er dessen vermögenslos hinterlassene Familie in sein Haus aufnahm. Dort verbrachte Anna ihre übrigen Tage in tiefster Stille, und als 1538 ihr Stündlein kam, konnte sie umso ruhiger sterben, weil sie ihre Kinder bei dem treuen väterlichen Freunde und dessen gleichgesinnter Gattin wohl geborgen wusste. In Bullingers Haus herrschte ein echt patriarchalischer Geist. So finden wir z. B. unter den Taufpaten eines seiner Kinder auch eine langjährige Dienerin seines Hauses, deren Jahrlohn, beiläufig bemerkt, in vier Gulden und einem Paar Schuhe bestand!

Eine in seltenem Maß begehrenswerte Frau muss die Gattin Oekolampads gewesen sein; denn als dieser sie heiratete, war sie schon Witwe, und doch haben auch nach Oekolampad noch zwei andere Reformatoren sich glücklich geschätzt, sie als Ehefrau besitzen zu dürfen. Der Basler Chronist Wurstisen sieht diesen Umstand als ein ganz besonderes Glück dieser Frau an. Ich glaube kaum, dass diese Anschauung die richtige ist. Jedenfalls aber besitzen wir von keiner andern Frau der Vergangenheit eine so sichere Bezeugung ihrer Vorzüge wie von ihr, welche nacheinander von vier der besten Männer ihrer Zeit nicht nur begehrt, sondern wirklich geheiratet worden ist.

Vibrandis Rosenblatt war die Tochter eines Ritters und Feldobersten Kaiser Maximilians I. und verehelichte sich, wie es scheint in früher Jugend, zum ersten Mal mit dem Basler Gelehrten Cellarius. Derselbe war kränklich, und so wurde sie bei Zeiten im Kreuztragen geübt. Als Oekolampad, durch den Tod seiner Mutter veranlasst, sich zur Ehe mit ihr entschloss, fand er sie trotz ihrer Jugend sehr verständig. Er schrieb an Farel: „Gott hat mir eine Frau zugeführt, die den Herrn Jesum kennt und liebt und fleißig für mein Hauswesen sorgt,“ und an Capito: „Sie ist gerade so, wie ich mir eine Frau gewünscht habe, und ich wollte nicht, dass sie anders wäre; denn sie ist weder streitsüchtig noch klatschsüchtig, läuft auch nicht in den Häusern umher, sondern tut daheim ihre Pflicht; klug hält sie die Mitte zwischen prunkendem Aufwand und anstößiger Dürftigkeit.“ Doch war es dem edlen Manne nicht lange vergönnt, seines ehelichen Glückes und der drei Kinder sich zu freuen, die Vibrandis ihm geboren. Diesen Kindern hatte Oekolampad die sinnigen Namen gegeben: Eusebius, Aletheia und Irene: Frömmigkeit, Wahrheit und Friede. Als er 1531 starb, war sein letztes Wort an die Gattin: „Sorge, dass sie werden, wie sie heißen, fromm, friedfertig und wahr.“ In ihrem Schmerz um den frühvollendeten zweiten Gatten wurde Vibrandis einigermaßen aufgerichtet durch die vielen Beweise von Verehrung, die dem Basler Reformator über Tod und Grab hinaus nachfolgten. Und namentlich war es der greise Wolfgang Capito, der sich nicht nur brieflich in Lobeserhebungen des Freundes erging, sondern selbst von Straßburg herbeieilte, um der Witwe und den Waisen Oekolampads seinen Beistand anzubieten. Gerührt von solcher Freundestreue, folgte ihm Vibrandis nach Straßburg und pflegte den beständig kränkelnden Mann als treue Ehefrau zehn Jahre lang. In dieser Zeit erlebte sie auch den Schmerz, ihren Knaben Eusebius sterben zu sehen, und im Jahre 1541 machte sie die Pest zum dritten Male zur Witwe. In den gleichen Tagen wie Capito starb auch die Frau des andern Straßburger Reformators Martin Bucer, und so trat Vibrandis im Jahre darauf zum vierten Mal in die Ehe. Butzer aber wurde den Töchtern Oekolampads und den Kindern Capitos aus dessen erster Ehe der zärtlichste Vater und bekümmerte sich trotz seiner vielfachen Amtsgeschäfte und trotz den tausendfachen Verbindungen, die er mit Nah und Fern unterhielt, um sein Hauswesen wie wohl kein anderer der namhafteren Zeitgenossen. Vibrandis, die damals höchstens vierzig Jahre alt, nahm die große Last, mit Butzer für die vielen angetretenen und eigenen Kinder zu sorgen, rüstig auf sich. Als aber Butzer 1548 einem Ruf an die ferne englische Universität Cambridge folgte und sie allein mitten in ihrem zahlreichen Kreis zurückließ, da wollte ihr doch oft bange werden, und sie war froh, an Katharina Zell, der tapfern Tabitha Straßburgs, eine treue Hilfe zu haben. Die Zellin, die einzige unter den Gattinnen der Reformatoren, welche zur Not auch die Feder ergriff, um für die Sache des Evangeliums einzustehen, ist neuerdings durch die elsässischen Lebensbilder wieder bekannter geworden. Vibrandis folgte übrigens nach einem Jahre ihrem Dr. Butzer, der in England zu hohen Ehren gelangt war. Doch sollte auch dort ihres Bleibens nicht sein; denn Butzer starb schon 1551, nicht ohne dass er, der sein Lebenlang gern Ehen gestiftet, in seinem Testament ausdrücklich bemerkt hätte: „Ich will keineswegs, dass meine liebe Hausfrau sich im Witwenstande halten müsse, wo ihr der HErr einen gottesfürchtigen, frommen Gemahl zufügen täte.“

Allein Vibrandis hat von dieser Freiheit keinen Gebrauch gemacht; auch nicht von den Gnaden des englischen Erzbischofs. Sie zog nach Basel, um bei dem Grab Oekolampads ihr wechselvolles Leben zu beschließen. Zwar musste sie im Jahr 1554 hören, dass die kirchliche Reaktion in England die Oberhand bekommen habe, und dass die blutige Maria selbst die Gebeine des frommen, friedliebenden Butzer aus ihrer Grabesruhe habe hervorreißen und verbrennen lassen. Vibrandis durfte aber auch noch erleben, dass Königin Elisabeth den englischen Thron bestieg, die Reformation wieder einführte und 1560 das Andenken des von König Eduard so sehr geliebten Butzer in ehrenvollster Weise erneuerte. Elisabeth von England ist überhaupt unverdientermaßen so sehr verpönt; sie hatte ohne Zweifel ihre großen Schwächen und hat namentlich ihre Eifersucht gegen die Schönheit der Maria Stuart auf die äußerste Spitze getrieben. Allein das berechtigt noch keineswegs, sie neben der frivolen und bigotten Maria Stuart in den Schatten zu stellen. Und namentlich darf die evangelische Christenheit sich nicht etwa durch Schillers ästhetische Sympathie für die schöne Gestalt und das tragische Geschick der schottischen Königin verleiten lassen, ihrer in der Einsamkeit einer freudelosen Jugend verbitterten Gegnerin die großen Verdienste um den englischen Protestantismus zu vergessen. Vibrandis Rosenblatt hat die englische Fürstin gewiss dankbar gesegnet für jenen Akt der Pietät, dessen Kunde ein Lichtstrahl war am Abend ihres vielgeprüften Lebens. Eine andere große Freude war für sie die Verheiratung ihrer zweiten Tochter, Irene Oekolampad, mit einem angesehenen Bürger Basels, Lukas Eselin. Vibrandis starb 1564 und wurde im Kreuzgang des Münsters in dem Grab unseres Reformators beigesetzt. Butzer hatte mit Recht in seinem Testament von ihr sagen können: „Sie ist seit vielen Jahren der Kirchen zu dienen fast hart geübt.“

Wie wenig zu jener Zeit, wo überhaupt die Häuslichkeit mehr in den Hintergrund treten musste, wo die treibenden und bewegenden Führer von ihrer öffentlichen Tätigkeit vollauf in Anspruch genommen waren, wie wenig damals beim Heiraten nach den Bedürfnissen des Herzens gefragt wurde, zeigt uns am besten das Beispiel Calvins. Als er während seines Aufenthaltes in Straßburg zur Überzeugung kam, dass er sich nun verehelichen sollte, da sah nicht er selbst sich um, sondern er überließ es den Freunden, Eine ausfindig zu machen, die für ihn passe. Calvin, welcher offenbar mehr Sinn hatte für Freundschaft mit Männern als für das Verhältnis zu Frauen, das man gewöhnlich „Liebe“ nennt, wollte nur ehelich werden, um mit den Äußerlichkeiten des Lebens sich nicht befassen zu müssen und mehr Ruhe für seine Studien zu gewinnen. Er betrieb deshalb die Angelegenheit ohne alles Feuer, ja so kühl, dass es uns nicht wundern darf, wenn nacheinander drei Versuche scheiterten. Die Erste schreckte zurück, weil ihr ein Brief Calvins gezeigt wurde, worin es hieß: „ich bin keiner von den verliebten Toren, die über einem hübschen Gesicht alles Andere vergessen und am Ende auch die Fehler ihrer Geliebten anbeten. Die einzige Schönheit die Eindruck auf mich macht, ist die, wenn eine Frau sanft sich zeigt, keusch, bescheiden, haushälterisch, geduldig, und die Pflege ihres Mannes ihr die Hauptsache ist.“ Die Zweite erbat sich Bedenkzeit, weil Calvin, ohne sich von ihrem Reichtum und ihrer hohen Herkunft bestechen zu lassen, im Hinblick auf die ihm als Lebensaufgabe vorschwebende Reformation von Frankreich von dem vornehmen deutschen Edelfräulein kategorisch die Erlernung der französischen Sprache verlangte. Von einer dritten wurde ihm, als das Versprechen schon gegeben war, berichtet, sie habe Hang zum Leichtsinn. Ohne einen Augenblick zu zögern, löste Calvin das kaum geknüpfte Band unverzüglich wieder und schrieb seinen Freunden, es werde das Beste sein, wenn er die Bemühungen dieser Art überhaupt aufgebe. Während er diesem Vorsatz nachkam, führte Gott ihm diejenige zu, die für ihn bestimmt war, und um derentwillen eben die Vorsehung alle jene menschlichen Heiratsprojekte hatte zu Wasser werden lassen. Es war Calvin schon einige Zeit vorher gelungen, eine Anzahl Wiedertäufer zur Kirche zurückzubringen. Unter diesen befand sich auch ein junges Ehepaar aus Lüttich, Johannes Storcker und Idelette von Büren. Nun starb der Mann an der Pest, und da der jungen Witwe die Rückkehr in die täuferischen Kreise der Heimat verschlossen war, so blieb sie mit ihren Kindern in Straßburg und hatte sich der Fürsorge der dortigen Reformatoren zu erfreuen. Butzer, der öfter mit ihr verkehrte, wurde überrascht von ihrer feinen Geistesbildung und frommen Demut und machte in seinem edlen Eifer für Ehestiftung Calvin sofort auf diese Perle aufmerksam. Weiter wissen wir nichts, als dass im September 1540 mit ziemlichem Gepränge die Hochzeit stattfand. Auch über die Ehe der Beiden erfahren wir sehr wenig. Als bald nach der Hochzeit Calvin von einem heftigen Unwohlsein befallen wurde, schrieb er an Farel, Gott habe ohne Zweifel durch diese Widerwärtigkeit die Freude der Honigwochen auf das rechte Maß zurückführen wollen. Und in dieser ernsten Stimmung blieb Calvins Familienleben. Beide Gatten kränkelten fortwährend, und die Kinder, die sie bekamen, starben jeweilen schon nach wenigen Tagen. Für Calvin freilich waren diese häuslichen Beschwernisse bei Weitem nicht die drückendsten. Ihm war Gottes Werk und Gottes Reich so wichtig, dass die Verhältnisse, Neigungen und Schicksale der eigenen Person ihm daneben ohne alle Bedeutung erschienen. Als einmal das junge Leben eines Söhnleins erlosch, indem es das Licht der Welt erblickte, da konnte er den Freunden schreiben: „ja, der HErr hat mir einen Sohn gegeben und ihn wieder genommen; mögen die Feinde mir das nun zur Schmach machen, wenn es ihnen gefällt! Zähle ich denn nicht meine Söhne zu Zehntausenden auf dem ganzen christlichen Erdkreis?“ Der viel geprüften Idelette mag wohl der tröstende Blick ins Große nicht so leicht geworden sein. Für sie ist der rücksichtslose Eifer, der ihren Gatten im Dienst des HErrn beseelte, so sehr sie denselben im Grund ihres Herzens geteilt hat, doch gewiss oft und viel eine Veranlassung zu schmerzlichster Selbstverleugnung gewesen, zumal sie mit zunehmender Kränklichkeit zu kämpfen hatte. Doch fand sie immer wieder bei der treuen Freundin ihres Herzens, der frommen Gattin Virets in Lausanne, Trost und Erquickung. Und wie sehr sie allmählich an der Seite Calvins zur gleichen Höhe des selbstvergessenden Glaubens hinangelangt war, erhellt deutlich aus dem Bericht, den Calvin im April 1549 über ihren Heimgang an Viret gesandt hat: „wie sie nie ängstlich gesorgt hatte um irdische Dinge, so vermied sie auch während der ganzen Krankheit, mir die Sorge zu zeigen, die ihr allein noch am Herzen liegen konnte, die Sorge für ihre Kinder aus erster Ehe. Indessen fürchtete ich, dass dies zarte Verschweigen sie doch innerlich quäle und fing somit von selber drei Tage vor ihrem Tod von der Sache zu sprechen an, indem ich sie versicherte, dass ich für die Hinterlassenen tun werde, was in meinen Kräften stehe. Sie antwortete sogleich, sie habe ihre Kinder schon Gott empfohlen; und auf meine Erwiderung, dies verhindere nicht, dass ich Sorge für sie trage, sagte sie: das bin ich von vornherein überzeugt, dass du nicht Kinder verlassen wirst, die Gott anbefohlen sind.“ Den Freundinnen aber, welche sie aufforderten, mit Calvin über ihre Kinder zu sprechen, gab sie eine Antwort, die, als sie dem Witwer nachher mitgeteilt wurde, einen überwältigenden Eindruck auf denselben machte. Die betreffenden Worte legen in gleicher Weise von Idelettes echt calvinischer Seelenstärke und von ihrem tiefen Verständnis für das ganze Wesen ihres Mannes Zeugnis ab. Sie lauten: „es ist nicht vonnöten, meinen Mann versprechen zu lassen, dass er die Kinder in keuscher Zucht und in der Furcht Gottes erziehe. Wenn sie fromm sind, wird er ihnen unaufgefordert Vater sein; wenn sie es nicht sind, so verdienen sie nicht, dass ich für sie bitte. „

Calvin hat sich nicht wieder verehelicht. Ungehindert von irgend welcher familiären Rücksicht, die ohnehin bei ihm dem Interesse für Gottes Reich nie Eintrag getan, lag er bei zunehmenden Jahren mit immer intensiverem Ernste seiner Lebensaufgabe ob: Genf zu einem christlichen Musterstaat und zugleich zu einem Herzpunkt zu machen, aus dem allen Ländern romanischer Zunge stets neue Impulse zur Reformation zuströmten.

Der Kreis von Frauen, welche „Gehilfinnen der Reformatoren“ genannt zu werden verdienen, ließe sich noch weit ausdehnen. Gott gab den treuen Herolden seines Wortes nicht nur geistig und geistlich ebenbürtige Gefährtinnen des persönlichen Lebens, sondern er ließ sie unter allen Schichten ihrer Zeitgenossen treue Glaubens- und Arbeits-Genossinnen finden. Und die Reformatoren ihrerseits wussten das hoch zu schätzen. Zwar für fade Courtoisie fehlte ihnen sowohl Geschmack als Zeit vollständig, sie konnten im Gegenteil gelegentlich, „the monstrous regiment of women“, wie John Knox sich ausdrückt, recht unhöflich perhorreszieren22). Dagegen wanden sie frommen Frauen in ihrer Weise freundlich einen Ehrenfranz. Mit der treuen Bekennerin des Evangeliums, welche neun Tage den Thron von England geziert, der ebenso heilsbegierigen als wissbegierigen Jane Grey hat unser schweizerischer Reformator Bullinger trotz ihrer zarten Jugend einen ernsthaften Briefwechsel unterhalten, und die Handschuhe, welche sie ihm vom Blutgerüst als Andenken hatte übersenden lassen, hat er Zeitlebens sorgsam aufbewahrt. Der tapfern Zellin (Katharina Schütz, Ehefrau des Straßburger Reformators Mathias Zell), welche bald für durchreisende Reformatoren und evangelische Flüchtlinge am Herde, bald für die große Sache der Reformation am Pulte tätig war, schrieb Luther wiederholt die freundlichsten Briefe. Uns mutet an ihr nicht nur die sprichwörtlich gewordene Wohltätigkeit an, sondern nicht minder die kraftvolle Verteidigungsschrift, mit der sie aus ihrem Witwenstübchen dem Angriff eines jungen Eiferers auf ihres „seligen Mathis“ Ehre als ein „Stück von seiner Ripp“ nach Gebühr heimleuchtete! Große Achtung genoss im Kreis der Reformatoren auch die konstanzische Diakonissen-Mutter Margaretha Blaurer. In echt evangelischer Weise hatte dieselbe die guten Bestrebungen der Nonnenklöster auf dem Boden der Reformation fortgeführt und umgestaltet und einen bald herrlich blühenden Verein von Frauen und Jungfrauen ihrer Stadt begründet zur Pflege von Kranken, Armen und Waisen.

Riggenbach, Bernhard - Frauengestalten aus der Geschichte des Reiches Gottes - VI. Die Stillen im Lande.

Der Reformation folgte auf dem Fuße die Gegenreformation. Durch unzählige geheime oder offene Gewaltakte suchte die römische Kirche die ihr entrissenen Gebiete zurückzuerobern, und bei diesem Bestreben hatte sie zum Teil die beklagenswertesten Erfolge. Es ist ungemein schmerzlich, diesen geschichtlichen Prozess zu verfolgen und sehen zu müssen, wie Rom und seine Verbündeten überall, wo nur irgend evangelischer Glaube Wurzel gefasst hatte oder Wurzel fassen wollte, den Vertilgungskrieg eröffneten und mit grauenerregender Beharrlichkeit durchführten. Unwillkürlich drängt sich dem denkenden Beobachter die Frage auf: warum das? Warum musste die kaum ins Leben getretene segensreiche Aktion durch diese schreckliche Reaktion in ihrem ganz Europa heilverkündenden Siegeslauf sofort aufgehalten werden? Dies große Warum? werden wir wie so viele andere ähnliche Fragen wohl erst dort genügend beantworten können, wo wir im Licht erkennen werden, was wir auf Erden bloß dunkel sahen. Immerhin wissen wir aus Natur und Geschichte, dass solche bedauerliche Gegenwirkungen unleugbar zu den Gesetzen gehören, nach denen Gott die Welt im Großen und im Kleinen regiert, zu dem unerforschlichen Ratschluss, den nur der kindliche Glaube stille verwinden, ja siegreich überwinden kann. Und soviel kann uns ja wohl klar sein, dass die Frühlingsstürme, die mit den Blüten auch tausende von jungen Früchten hinwegnehmen, und dass die Trübsale, die nicht nur Strohfeuer ausblasen, sondern auch manche wirklich verheißungsvolle Anlage zerstören, zur gedeihlichen Entwicklung, dort des Baumes, hier des Reiches Gottes notwendig sind. Die Kirchengeschichte hat in der Tat allen Grund, mit St. Paulo sich der Trübsale zu rühmen; denn aus den größten Trübsalen sind je und je auch die herrlichsten Früchte für die Kirche Christi hervorgegangen, namentlich Lichtgestalten, an denen es sich immer aufs Neue zeigte, wie richtig der Apostel behauptet hatte: „Trübsal bringt Geduld, Geduld aber bringt Bewährung, Bewährung aber bringt Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zu Schanden werden.“

So hat denn auch die Gegenreformation in dieser Weise eine ganze Wolke von Zeugen für Christum hervorgebracht. Und gerade da, wo sie zuerst und mit dem meisten Erfolg ihre ganze Schreckensmacht entfaltete, in Frankreich und Italien, treten uns glänzende Beispiele von Frauen entgegen, welche um ihres evangelischen Glaubens willen die größten Anfechtungen zu bestehen hatten. Es ist wahrlich ein erhebender Anblick zu sehen, wie aus der französischen Herrscherfamilie, mithin aus dem Königshaus, welchem der Papst für große Verdienste um die Mehrung römischer Macht und Herrlichkeit den Ehrentitel des allerchristlichsten gegeben hat, mehrere große Fürstinnen es sich zur höchsten Ehre anrechneten, die Leiden der verachteten Hugenotten teilen zu dürfen. Schon das Morgengrauen der Reformation war von einer französischen Königstochter, der Königin Margaretha von Navarra, freudig begrüßt worden. Nachher fand dieselbe freilich den Reformator von Genf zu sittenstreng, auch wagte sie, obgleich sie die Reformation begünstigte, keinen förmlichen Bruch mit Rom, sondern begnügte sich, ähnlich wie die gelehrte Italienerin Vittoria Colonna, mit der altmodischen Weise des 15. Jahrhunderts, einzelne Verbesserungen im Gottesdienst einzuführen und fromme Wünsche für die Hebung des priesterlichen Standes auszusprechen.

Ganz anders ihre Tochter, die Heilige des französischen Protestantismus, Johanna d'Albret. Dieselbe schwur an Weihnachten 1560 den Katholizismus feierlich ab und bekannte sich mit Wort und Sakrament zur reformirten Kirche. Voll Eifer nahm sie an den reformirten Synoden Teil und wirkte bei politischen Vereinbarungen durch ihre energische Fürsprache alle nur möglichen Vergünstigungen für ihre Glaubensgenossen aus. Unter diesen selbst verdiente sie den Namen „die Debora der Hugenotten“ dadurch, dass sie mit warmer Begeisterung stets aufs Neue den sinkenden Mut der so hart Angefochtenen zu beleben verstand. Nach dem Tod ihres in jeder Hinsicht schwachen Gemahls führte sie von 1562 an die Reformation förmlich in Navarra ein und zwar mit der ganzen Konsequenz calvinischer Sittenstrenge. Daraufhin gelang es aber auch der Königin-Mutter von Frankreich, der bigotten und üppigen Katharina de Medici, ihren Sohn zum Religionskrieg gegen die eigensinnige Hugenottin zu bewegen. Allein weit entfernt, dass die blutigen Feldzüge Johanna weich gemacht und zum Rücktritt bewogen hätten, wurde sie durch jede neue Gräueltat des französischen Hofes in ihrem Glauben bestärkt, und als ihr Schwager Condé 1569 bei Jarnac ermordet wurde, schwur sie vor versammeltem Hugenottenheere, „eine so heilige, gute und gerechte Sache nie zu verlassen.“ Als der Frieden wieder hergestellt war, fingen die Unterhandlungen wegen der Heirat ihres Sohnes Heinrich mit Margaretha von Valois, der Tochter Katharinas, an. Es ging selbstverständlich lange, bis Johanna ihre Abneigung gegen eine solche Verbindung überwunden hatte. Und der spätere Übertritt ihres Sohnes, der freilich für eine Messe die französische Krone erhielt, hat die Befürchtungen, unter denen Johanna während ihrer letzten Lebensjahre mehr als unter allen Strapazen und Aufregungen der Kriegszeit litt, nur zu sehr bestätigt. Ihr selbst wurde es erspart, diese Schmach zu erleben. Mitten in den Vorbereitungen zur Hochzeit Heinrichs erkrankte sie und starb am 9. Juni 1572. Sie hatte sich auch in Paris unter den Augen des Hofes aufs Energischste zu ihrem Glauben bekannt, mit einer Menge Glaubensgenossen das heiligen Abendmahl gefeiert und für ihren Sohn die Bedingung erreicht, dass er der Hochzeitsmesse nicht beiwohnen müsse. Nach ihrem Tod verbreitete sich denn auch sofort das Gerücht, sie sei durch Handschuhe vergiftet worden. Die Obduktion der Leiche erwies aber, dass sie eines natürlichen Todes gestorben war.

Gleichwie Johanna hatte auch die Tochter König Ludwigs XII., die Prinzessin Renata, in ihrer Jugend unter dem heilsamen Einfluss der vorhin erwähnten Königin Margaretha gestanden. An Herkules von Este, Herzog von Ferrara, verheiratet, lebte sie mit ihrem Gemahl ausschließlich den Künsten und Wissenschaften, bis 1535 Calvin in Ferrara erschien und während eines halbjährigen Aufenthaltes am dortigen Hof ihre von Hause mitgebrachte allgemeine Religiosität in die Zucht der evangelischen Heilswahrheit stellte. Sie schloss sich nun unverhohlen der Reformation an und unternahm nichts mehr ohne den Rat Calvins, der bis zu seinem Tod eifrigst mit ihr korrespondierte. Seine Briefe, die oft sehr strenge Mahnungen enthielten, immer aber den Stempel treuster Fürbitte trugen, halfen der um ihres Glaubens willen hart bedrängten Fürstin standhaft bleiben. Die grausamsten Versuche, sie in den Schoß der römischen Kirche zurückzubringen, schlugen fehl. Ja, es gelang ihr sogar in Ferrara allmählich eine kleine evangelische Gemeinde zu sammeln. Aus dieser ist die fromme und gelehrte Olympia Morata hervorgegangen, deren anziehendes Lebensbild von Jules Bonnet nicht genugsam empfohlen werden kann.

Als Renatas strengkatholischer Gatte starb, mussten die Inquisitionen zwar aufhören, allein in Frankreich, wohin sie zurückkehrte, warteten ihrer nicht minder schwere Prüfungen anderer Art. Sie musste es mitansehen, dass ihr Schwiegersohn, der Herzog von Guise, die Hugenotten blutig verfolgte, und musste Zeuge der schrecklichen Bartholomäusnacht sein. Doch konnte sie vermöge ihrer hohen Stellung, um deretwillen sie auch im Allgemeinen in freier Religionsübung nicht gehindert wurde, gerade in jener Zeit der Verfolgung vielen Glaubensgenossen Zuflucht bieten und Manchen vom Tod erretten. Ihre Liebestätigkeit erwarb ihr auch unter den Gegnern ihres Glaubens die größte Verehrung; das Volk nannte ihr Schloss nur Hôtel-Dieu.

Renata hatte sich während jener Bedrängnis ihres Glaubens zu Lebzeiten ihres Gemahls namentlich dadurch als echte Märtyrerin erwiesen, dass sie sich auch dann nicht beugte, als man die raffinierteste Repressalie gegen sie anzuwenden wagte und ihr die eigenen Kinder wegnahm.

Das gleiche Mittel wollte zur gleichen Zeit der Kardinal Riverta gegen jene vornehmen Tessinerinnen zur Anwendung bringen, von welchen die Orelli, Pestalozzi und Muralto in Zürich herstammen. Doch muss zu Ehren der damaligen Eidgenossen gesagt werden, dass sie trotz aller Gefügigkeit gegen den päpstlichen Legaten zu dieser Barbarei nicht Hand boten. Als der schlaue Prälat, um den zur Reformation übergetretenen Tessiner Adel zurückzugewinnen, bei den, wie er meinte, schwächeren Frauen den Anfang machen wollte und die als Bittstellerinnen zu ihm gesandten drei Damen unschwer glaubte des Irrtums überführen zu können, zogen sie die Bibel hervor und erklärten, dass sie trotz der Lebensgefahr ihrer Männer und Kinder nicht zu der geringsten Konzession gegen das Wort der Wahrheit sich herbeilassen könnten. Die katholischen Eidgenossen waren so ergriffen von der Glaubensstärke dieser Frauen, dass der Legat dem freien Abzug der betreffenden Familien in die reformirten Kantone kein Hindernis in den Weg legen konnte.

Außer den vorhin erwähnten wenigen edlen Fürstinnen waren die Regentenhäuser im Süden und Westen Europas dem Katholizismus völlig zugetan, und eben deshalb hatte auch die Gegenreformation dort leichtes Spiel. Ganz anders in der Mitte, im Norden und im Osten unseres Erdteils. Da hatten ganze große Völkerschaften samt ihren Fürstenfamilien der Reformation sich angeschlossen und diese waren nun durchaus nicht gesonnen, sich die Segnungen des evangelischen Glaubens wieder entreißen zu lassen, sondern erwehrten sich der Angriffe einer von Österreich und Bayern im Interesse der römischen Kirche organisierten Liga mit größter Beharrlichkeit und führten schließlich in Verbindung mit dem großen Schwedenkönig für ihre Glaubens- und Gewissens-Freiheit einen dreißigjährigen Krieg. Unter solchen Umständen war natürlich die ganze Stellung und Aufgabe der deutschen protestantischen Fürstinnen eine ganz andere. Sie hinderte Niemand ihres Glaubens zu leben, sie hatten auch nicht nötig unter ihren Landeskindern für die Ausbreitung der reinen evangelischen Lehre tätig zu sein. Auf eine stillere Wirksamkeit angewiesen, haben sich aber dennoch Viele unter ihnen in ausgezeichneter Weise um das Reich Gottes verdient gemacht.

Zunächst begegnen wir einer Urenkelin jener um ihres Glaubens willen von ihrem Gemahl verstoßenen, von Luther und seiner Käthe gastlich aufgenommenen Brandenburgischen Kurfürstin Elisabeth, der schlesischen Herzogin Dorothea Sybilla. Dieselbe ist das Muster einer Landesmutter jener Zeit. Während der lange dauernde Krieg fast überall eine entsetzliche Verwilderung der Sitten nach sich zog, wusste sie das Völklein ihres Herzogtums mit freundlichem Ernst in den Schranken christlicher Zucht zu halten. Die rührende Liebe, welche sie jedem ihrer Untertanen bewies, und der liebenswürdige Humor, von dem sie sich im Verkehr mit dem Volk leiten ließ, trugen ihr die allgemeinste Verehrung und den Beinamen der „lieben Dorel“ ein. Geboren in Berlin den 19. Okt. 1590 und äußerst einfach erzogen, schlug sie schon als ganz junge Tochter wegen des schlechten Rufes des Bewerbers sogar eine Königskrone aus und vermählte sich im Jahre 1611 mit dem gottesfürchtigen und milden Herzog Christian zu Liegnitz und Brieg. Ihre Leutseligkeit und Anspruchslosigkeit gewann sofort alle Herzen. Damit ihr Gemahl große Schulden, welche das Land drückten, abzahlen könne, vereinfachte sie den fürstlichen Haushalt und beschränkte insbesondere die Ausgaben für die Tafel und für die Dienerschaft. Um namentlich unter den höheren Ständen einfachere Sitten zu pflanzen, zog sie die heranwachsenden Töchter des Adels an ihren Hof und errichtete eine Art von hoher Schule für alle Zweige des Hauswesens. Diese Hoffräulein mussten nämlich mit den Mägden kochen, backen, die Gemächer reinigen und waschen. Sowie Eine ankam, wurde sie zur Herzogin beschieden und also angeredet: „Meine liebe Tochter! Solcher Arbeit musst du dich unterfangen und sie gründlich erlernen; das wird dir frommen, so du selbst eine ehrliche Hausfrau sein wirst; denn wie willst du dein Gesinde strafen und tadeln ob böser Arbeit, so du sie selbst nicht verstehst und zeigen kannst. Siehe ich bin aus kurfürstlichem Stamm, habs aber bei meiner Frau Mutter selig zu meinem großen Nutz und Frommen, wie ich jetzt verspüre, auch verrichten müssen; darum wird es dir an deiner adeligen Ehre nicht schaden; denn Arbeit schändet nicht, sondern ehrt und krönt. Darum lass es sich nicht ärgern und verdrießen, das sollte mir leid sein!“ Allein nicht nur über den Adel, sondern auch über die Bürgerschaft erstreckte sich ihre landesmütterliche Obsorge. Jeder Bürgerstochter, welche sich als Jungfrau gottesfürchtig, züchtig, arbeitsam und den Eltern gehorsam erwiesen, schickte sie am Hochzeitstag eine Viertelstunde vor dem Kirchgang ein Sträußchen selbstverfertigter Blumen; ja es kann sogar vor, dass die Herzogin einer besonders tugendhaften Braut dieses Ehrenzeichen in eigener Person ans Mieder heftete. War dann die junge Frau eingehaust, so konnte sie sicher sein, dass die „liebe Dorel“ einmal ganz unvermutet, vielleicht schon am frühen Morgen, bei ihr eintrat, und man wusste gut, dass die Herzogin an einen Ort nicht wiederkam, wo sie bei solchen Visitationen Unordnung und Unreinlichkeit vorgefunden hatte. Sie selbst hielt sich frei von allem Prunk und begab sich gewöhnlich zu Fuß zum Gottesdienst. Doch war sie auch frei von allem Geiz. Alljährlich veranstaltete sie in ihrem Schloss zu Brieg ein großes Jugendfest, an dessen Schluss sie die Kinder mit einigen Segensworten beschwor, in der Furcht Gottes und zu seinem Lob und Preis zu leben.

Wenn ihr Gemahl in Kriegsfällen oder in diplomatischen Angelegenheiten außer Landes gehen musste, so ernannte er jeweilen für die Zeit seiner Abwesenheit die Herzogin zu seiner Stellvertreterin. Und diese benützte solche Regierungsgewalt jedesmal zu einer von echt evangelischem Geist getragenen Verordnung. So schrieb sie, als sie bemerkte, wie widersinnig die Kranken behandelt wurden, einen gemeinnützigen Traktat, enthaltend Verhaltungsmaßregeln in gesunden und kranken Tagen, und ließ das Büchlein unentgeltlich verteilen. Sie erklärte, freilich zu geringer Erbauung der damaligen Ärzte und zum Teil auch noch der heutigen medizinischen Zunft, durch Gottvertrauen, ruhiges Verhalten, frische Luft und Mäßigkeit werde vielen Krankheiten vorgebeugt, und das sei auch bei den meisten Krankheiten zur Genesung genügend. Den Branntwein nannte sie mit Recht und, wie die Chronisten berichten, auch mit großem Erfolg einen Teufelstrank und die Branntweinbrenner des Teufels Apotheker.

Hauptsächlich aber ist hier zu erwähnen das von Dorothea Sybilla im Jahre 1618 erlassene musterhafte und mit einer für jene Zeit geradezu staunenswerten Kühnheit an die betreffenden Pläne und Wünsche der Reformation anknüpfende Armengesetz. Um dem lästigen und schädlichen Unfug des Gassenbettels zu steuern, wies sie den Rat von Brieg an, aus jedem Stadtviertel zwei oder drei Bürger zu wählen, welche die Umstände der Armen untersuchen und solche Leute, die der Almosen bedürftig, auch wegen Siechheit, Altersschwachheit und sonstiger Gebrechen für sich selbst nicht zu sorgen vermögen, von dem gesunden, aber liederlichen, losen und faulen Bettelvolk absondern sollten. Für die wirklich Bedürftigen soll ein allgemeiner Almosenfasten sorgen, in den jeder Bürger nach seinem Vermögen wöchentlich oder monatlich ein Gewisses einlegen müsse, und zu dem sie selbst aus ihren Sparpfennigen quatemberlich ein Erkleckliches beitragen werde. Auch könne dieses Armengut aus dem Stadtvermögen sehr wohl geäufnet23) werden, zumal es jedenfalls mehr im Sinne der Vorfahren und Stifter dieses Vermögens sei, wenn dasselbe auf ein löblich und christlich Werk verwendet werde, als wenn es alljährlich bei Abnahme der Rechnung (also bei Zunftessen!) in Üppigkeit und Wohlleben draufgehe. „Die gottlosen Leute aber, so nicht arbeiten mögen, sondern sich in Faulheit aus dem Bettelsack nähren, soll ein Rat mit Almosen in keiner Weise bedenken, sondern mit Dräuen und scharfen Mitteln zur Arbeit halten und sie ihr täglich Brot und den zum Unterhalt der Ihrigen notwendigen Lohn verdienen lassen bei allerlei öffentlichen Arbeiten: beim Pfahlstoßen, Dammschütten, Gassensäubern… und weil ein Rat in seinem Stadthofe etliche Gemache hat, sollen die, so widerspenstig und trotzig sind, daselbst eingelegt, auch zu gelegener Zeit, wenn Arbeit nicht vorhanden, durch einen Prediger im christlichen Glauben unterrichtet werden. So aber solches Remedium auch nicht helfen wollte, wollen wir es nach unseres herzliebsten Eheherrn Heimkehr dahin zu richten wissen, dass solch loses Gesindel zu Staupen und in Eisen gelegt oder, so sie in das Land nicht gehörig, über des Fürstentums Grenze getrieben werden.“ Besonders schön ist die Stelle dieser Verordnung, welche die Grundlinien des großen Werkes der Armenerziehung enthält: „Die Bettelkinder absonderlich anlangend, ist es Gott fast weinend zu klagen, die Stadtobrigkeit aber zu schelten, dass selbige beim Betteln aufwachsen wie das Vieh, zur Schule nicht gehalten werden, vom Grund christlichen Glaubens und einem ehrbaren Wandel nichts erfahren und von Predigern zur Beichte und heiligen Kommunion zugelassen werden, so sie nur den Katechismus dürftig und ohne der Worte Verständnis herplappern können. Dieweil sich nun auch nachher, so sie bei Jahren sind, Niemand um sie härmt und Keiner sorgt, dass sie auf einen Dienst oder auf ein Handwerk gehen, so werden sie Diebe, Mörder, Landstreicher, liederliche Dirnen, sterben dahin wie das Vieh oder zieren den Galgen. Ein Rat wolle um Gottwillen solches Ding wohl bedenken und erwägen, was für Unheil in Zeit und Ewigkeit daraus kommen muss, auch an die Verantwortung, so er solchen Unfug als die von Gott eingesetzte Obrigkeit nicht noch in Zeiten ändert. Denn die Ermahnung der Prediger von der Kanzel und in der Katechismuslehre will bei solchem harten Volk nicht allein fruchten; der weltliche Arm muss dreinschlagen und, wie unser HErr und Heiland Jesus Christus in seinem Gleichnis (Luk. 14,23) lehrt, das halsstarrige Volk zwingen, heran zu kommen, d. i. frömmer zu werden und Sünde und Laster meiden zu lernen. Weil wir nun glaublich berichtet worden, wie die Schulmeister in der Stadt nur solche Kinder einschreiben, so das Wochengeld erlegen, die Kinder der armen Leute aber nicht zulassen, wird ein Rat es also zu schaffen wissen, dass das Schulgeld für solche arme Schäflein aus dem Almosenkasten den Schulmeistern gereicht, die Eltern aber angehalten werden, dass die Kinder zur Schule gehen und nicht auf den Bettel, sonderlich auf die Dorfschaften, und werden die Türhüter die Kinder weder aus- noch einzulassen haben.“

Diese Mitteilungen aus dem Armengesetz der „lieben Dorel“ zeigen deutlich, dass ihre Fürsorge für die Armen von dem nämlichen Grundsatz getragen war, den 200 Jahre später die edle Elisabeth Fry aufgestellt hat, indem sie aller christlichen Liebestätigkeit das schöne Motto gab: „Die Liebe zur Seele ist die Seele der Liebe.“ Von solcher Christenliebe durchdrungen, hat Dorothea Sybilla auch die erste Bibelgesellschaft gegründet, von der wir überhaupt etwas wissen. Im Jahre 1619 konnte der Herzog hierüber folgendes Reskript erlassen: ,Den ehrwürdigen Pfarrherren Briegschen Fürstentums zu wissen, dass unsere herzliebste Frau und Landesmutter, die hochgeborne und durchlauchtige Herzogin Dorothea Sybilla, mit etlichen Frauen einen Pakt und Gelöbnis geschlossen, quatemberlich eine Kollekte zu halten und das gesammelte Geld auf den Kauf der heiligen Schrift zu verwenden, solchermaßen dass die gekauften Bibeln sollen unentgeltlich ausgespendet werden an solch arme Leute in den Dörfern, die es nicht vermögen, solch hochköstliches Buch und Kleinod sich selber zu verschaffen.“ Zu diesem Zweck sollen die Pfarrer Verzeichnisse einsenden, damit kein Bedürftiger übergangen werde. Durch die möglichst große Verbreitung der Bibel hoffte die fromme Fürstin mit Recht, allen sozialen Übelständen am wirksamsten entgegentreten zu können. Und dabei hatte sie nächst der Verwilderung und Verarmung namentlich eine Kalamität im Auge, unter welcher besonders die Alten, Einsamen und Krüppelhaften ihres Geschlechts damals schwer leiden mussten, nämlich die Hexenepidemie. Zahllose Scharen alter und junger Frauen wurden im 17. Jahrhundert auf die Folter und auf den Scheiterhaufen geschleppt, bald weil man aus einem Triefauge, einem Muttermal oder einem Höcker Anlass nahm, sie als Zauberinnen zu verdächtigen, bald weil man aus besonderem Witz oder Liebreiz auf einen Bund der Betreffenden mit dem Teufel schloss. Diesem Würgengel des Aberglaubens trat Dorothea Sybilla mit aller Energie entgegen. Als während einer Abwesenheit des Herzogs das Volk den Ausbruch einer Viehseuche der alten Witwe Eva Jarausch Schuld gab, und deren Ortsgeistlicher (wie damals leider viele Pfarrer taten) dem Unverstand des großen Haufens Vorschub leistete, da sandte die Herzogin dem geistlichen Herrn einen Hirtenbrief, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Sie schrieb ihm unter Anderem: „Wir hätten uns zu euch wohl versehen mögen, dass ihr als ein gelehrter und verständiger Mann aus Gottes reinem und lauterem Wort unterrichtet sein würdet, wie unser Herr und Heiland Jesus Christus durch sein bitteres Leiden und Sterben dem Tod und Teufel die Macht genommen, uns aus des Satans Gewalt erlöst und uns zu Kindern Gottes berufen hat. Ihr wollt bei euch selbst bedenken, was Unheil ihr von dem Predigtstuhl bei dem einfältigen und abergläubischen Volk angerichtet habt, anstatt dass ihr nach unseres HErrn und Meisters Testament und Befehl hättet Liebe predigen sollen gegen alle Menschen und Scheu und Ehrfurcht gegen das Alter, nicht aber Hexerei und Teufelsspuck, womit die heilige Dreieinigkeit gröblich beschimpft, maßen mit Gottes Liebe und Barmherzigkeit auch Versöhnung seines Sohnes und dem Trost des heiligen Geistes in seine Wege zu reimen, dass er sollte durch den Teufel einem alten Weib Macht geben, solches Unheil auszuüben und sein eigenes Strafamt zu verrichten. Ihr werdet auch aus den Historien kein Exempel aufbringen von einer wahren Hexe, sondern bei verständiger Überlegung finden, dass solche arme Weiber durch Folter und allerlei Pein zum Geständnis sind gedrängt und getrieben, auch auf falsches Zeugnis hin zum Tod gebracht worden. Dieweil nun landkundig, dass der viele Regen dieses Sommers und auch das böse und verderbte Futter der eigentliche Grund und Ursache dieser Seuche ist, ergeht euch in Abwesung unseres herzliebsten Eheherrn und fürstlichen Gemahls, auch in seiner Vollmächtigkeit unser Befehl, dass ihr die euch zur geistigen Weide anvertrauten Schäflein eines bessern sollt lehren vom Predigtstuhl, auch die alte Witwe Eva zu euch fordern und aus Gottes Wort trösten über ihre Verleumdung. Den Schuljungen aber, so das arme Weib mit Steinen und Unflat geschmissen und übel traktiert, soll der Schulmeister mit tüchtigen Ochsenziemern und scharfen Ruten die Hexenlust austreiben. Hierin werdet ihr eure Pflicht und Schuldigkeit zeigen und eures Amtes warten; so ihr aber in eurem Irrtum beharren und unsern Befehl nicht achten würdet, sollt ihr durch dieses unser Handbrieflein verwarnt sein, dass ihr nach unseres herzliebsten Eheherrn und fürstlichen Gemahls bevorstehender Heimkehr sicherlich eures Amtes werdet entledigt und ohne Attestat aus dem Fürstentum an solche Orte gewiesen werdet, wo man der Hexenprediger annoch begehrt. Wollt euer hohes Alter und eure Verantwortung bei Gott bedenken, dazu gebe Er euch seine Gnade. Dorothea Sybilla.“

Diese echt protestantische Freimütigkeit gegenüber der Hexensucht erscheint um so glorreicher, weil nicht nur das Proletariat, sondern eben so sehr gerade auch die Aristokratie ihrer Zeit diesem Aberglauben huldigte. Die fromme reformierte Frau stellte sich einem der mächtigsten Ströme ihrer Tage als Zeugin des evangelischen Glaubens entgegen, während die Mehrzahl der lutherischen Schriftgelehrten zu den Hexenprozessen mithalfen; an ihrer Spitze der eifrige Jurist Carpzov, der sich rühmen konnte, die Bibel 53 Mal durchgelesen zu haben, der jeden Sonntag in die Kirche und alle 14 Tage zum heiligen Abendmahl ging! Kein Wunder, dass die „liebe Dorel“ beim armen Volk die Verehrung einer Heiligen genoss, und dass, als sie, erst 35 Jahre alt, im Jahre 1625 starb, ein schlesischer Priester den Ausspruch tat: „Hätten die Reformirten einen Papst, er würde die verstorbene Herzogin eiligst unter die Heiligen versetzen.“

Die offizielle Rechtgläubigkeit des 17. Jahrhunderts, zu welcher eine Dorothea Sybilla, wie wir soeben sahen, in entschiedenem Gegensatz steht, bietet überhaupt im Allgemeinen keinen sehr erquicklichen Anblick dar. Und es ist sehr begreiflich, dass von dorther noch heute das Wort „Orthodoxie“ einen so üblen Klang hat. Aus diesem Umstand ist auch unschwer zu erklären, warum gerade tiefer angelegte Frauen jener Zeit, kalt gelassen, ja sogar abgestoßen von der Glaubensstarrheit der Kirchenmänner, ihre religiöse Befriedigung teils in stiller Beschäftigung mit ihrer Bibel, teils in den Kreisen von Schwärmern und Separatisten suchten und schließlich das Auftreten des Pietismus freudig begrüßten.

Derjenigen Reihe von Frauen, welche der kirchlichen Lehre ihres Landes treu blieben und nur daneben noch für sich andächtige Betrachtung des göttlichen Wortes, méditation, wie der Franzose es nennt, zu pflegen liebten, verdanken eine stattliche Anzahl von Kirchenliedern ihren Ursprung. Freilich beabsichtigten die betreffenden Dichterinnen von ferne nicht, Lieder für den kirchlichen Gebrauch niederzuschreiben; und zumal in der reformirten Kirche hatte der brave Ambrosius Lobwasser die Psalmen so prosaisch in Reime gebracht und für diese Leistung, die Bibel singbar zu machen, ein so ungeteiltes Lob und eine so unbedingte Anerkennung geerntet, dass es auch Fürstinnen nicht im Traum einfallen konnte, die zu ihrer „personnellen Übung“ erklungenen Verse könnten jemals zu kirchlicher Geltung gelangen. Fürstinnen aber sind es, die uns auch auf diesem Gebiet zunächst begegnen. Wir können jedoch hier nur von den vier bedeutendsten derselben reden; und von diesen allein sind ja auch in unser Basler Gesangbuch Lieder aufgenommen worden.

Die Älteste ist Luise Henriette, Kurfürstin von Brandenburg, die Verfasserin des bekanntesten Liedes, das der evangelischen Kirche aus einem Frauenherzen zugeflossen, des herrlichen Ostergesanges: „Jesus meine Zuversicht!“. Wie sie die Ahnfrau geworden ist von gewaltigen Männern, wie Friedrich der Große und der gegenwärtige Kaiser Wilhelm, so ist sie auch die Enkelin großer Helden gewesen, die Großtochter Wilhelms von Oranien und die Urgroßtochter des bei der Pariser Bluthochzeit zum Märtyrer des evangelischen Glaubens gewordenen Admirals von Coligny. Geboren 1627, genoss sie an dem väterlichen Hof im Haag eine christliche und zugleich fast bürgerlich einfache Erziehung. Ihr Religionslehrer, ein milder reformirter Theologe, leitete sie zu selbstständigem Forschen in der heiligen Schrift an, und übertrug auf sie seine Vorliebe für die poetischen Stücke des Propheten Jesaja. Erst 19 Jahre alt, vermählte sie sich mit Friedrich Wilhelm von Brandenburg, in der Geschichte bekannt unter dem Namen des großen Kurfürsten, erklärte ihm jedoch sofort, erst dann mit ihm ziehen zu können, wenn sie ihren an der Auszehrung leidenden Vater vollends gepflegt und ihm die Augen zugedrückt habe. 1647 starb der Vater, und nun siedelte die junge Kurfürstin nach Kleve über, wo ihr Gemahl, um dem westfälischen Friedenskongress näher zu sein, damals residierte. Noch ehe das junge Paar seinen Einzug in Berlin halten konnte, musste es den Schmerz erleben, das erstgeborene Kind sterben zu sehen. Und eben unter dem Eindruck dieses Verlustes entstand in Luise der uns Allen von Kind auf vertraute Triumphgesang des Auferstehungsglaubens. In Berlin, das während des großen Krieges zu einer sehr kleinen Stadt mit einigen tausend verarmten Einwohnern herabgesunken war, fand die junge Fürstin reichliche Gelegenheit zum Wohltun. Sie teilte auch ihre freie Zeit nur eben zwischen ihre Bibel und ihre hilfsbedürftigen Untertanen und erfreute sich bald der innigsten Liebe des Volkes. So oft die Prediger der ganzen Umgegend die Eltern eines Töchterleins fragten, was demselben bei der Taufe für ein Name beizulegen sei, bekamen sie immer die freudige Antwort: „Luise“. Wie ernst sie es mit dem Christentum nahm, davon zeugt die strenge Weisung, die sie ihrem Hofprediger Stosch erteilte: „Ich wiederhole, dass Ihr mir alle meine Sünden und Fehler vorhaltet, auch wenn nur ein Schein hievon da wäre. Vergesst nicht, dass Ihr mein Seelsorger seid, ich beschwöre Euch bei Gott, Eurem und meinem zukünftigen Richter.“ Ihrem demütigen Bußlied: „Ich will von meiner Missetat mich zu dem HErrn bekehren“, spürt man es an, wie viel und sorgfältig sie an der Hand des göttlichen Wortes mit ihrem Gewissen zu Rate gegangen. Ihr Gemahl schätzte sie hoch. Als sie nach dem Tod ihres Erstgebornen längere Zeit kinderlos blieb, da glaubte sie dem Staat das große Opfer schuldig zu sein, förmlich auf Ehescheidung anzutragen. Allein der Kurfürst erwies sich auch in dieser Sache groß. Er nahm ihr Anerbieten nicht an, sondern erklärte, was ihn betreffe, so werde er den ihr vor Gott geleisteten Eid halten, und wenn es Gott gefalle, ihn und das Land zu strafen, so werde er das müssen über sich ergehen lassen; was Gott zusammengefügt, das solle der Mensch nicht scheiden. Luise durfte denn auch in der Tat noch mehrere Kinder erleben. Doch blieb sie kränklich, und da sie sich vom Kurfürsten nur in Fällen höchster Not trennen wollte, so hatte sie während seiner Kriege mit den Schweden auf den winterlichen Zügen an den Küsten der Ostsee höchst unruhige und leidensvolle Tage. Am 18. Juni 1667 starb sie im vierzigsten Jahre ihres Lebens. Ihr treuer Hofprediger, dem sie für die Leichenrede ausdrücklich „alle Flattereien“ untersagt hatte, wandte sich, als sie verschieden war, an den Kurfürsten mit den Worten: „Sie ist Euer Durchlaucht wie eine Garde auf Wegen und Stegen gewesen; aber der Trost bleibt, dass die letzten Seufzer dieser frommen Seele künftig um Christi willen die Kraft einer täglichen Fürbitte haben werden.“. Noch lange nach ihrem Tode soll Friedrich Wilhelm in entscheidungsvollen Augenblicken seines Lebens sich vor ihr Bild gestellt und ausgerufen haben: „O Luise, wie sehr vermisse ich Euern Rat!“ Von diesem Rat geleitet, hatte der Kurfürst noch in der letzten Zeit von Luises Leben dem frommen Dichter Paulus Gerhardt gegenüber gehandelt. Gerhardt war bekanntlich strenger Lutheraner, der Kurfürst und sein Haus dagegen bekannten sich mit aller Entschiedenheit zur reformirten Lehre. Nun glaubte der Kurfürst verlangen zu dürfen, dass die lutherischen Geistlichen seines Landes sich aller Schmähungen gegen sein Bekenntnis enthalten sollten. Zu diesen Zweck wurde Jedem von ihnen ein Revers zur Interschrift vorgelegt. Die Meisten fügten sich, wie der boshafte Volksmund behauptete, aus Rücksicht auf ihre Frauen, die ängstlich sollen gemahnt haben: „Schreibt, schreibt, lieber Herre schreibt, auf dass ihr bei der Pfarre bleibt.“ Paul Gerhardt nun hatte keine solch verzagte Pfarrfrau hinter sich, sondern eine tapfere Jüngerin Christi, die im Leiden geübt war und bereits vier ihrer fünf Kinder hatte zurückgeben müssen. So konnte er ungehindert tun, was sein Gewissen ihm befahl. Er hatte aber ein enges Gewissen und glaubte als lutherischer Geistlicher nicht zum Voraus versprechen zu dürfen, er werde sich aller Angriffe gegen die reformirte Lehre enthalten. Demnach unterschrieb er den Revers nicht, sondern empfing das Absetzungsdekret. Seine kränkliche und schon so vielfach geprüfte Frau aber trug, fern davon kleinmütig zu werden, an jenem Tag in die noch erhaltene Familienbibel die heldenhaften Worte ein, welchen der himmlische Vater gewiss mindestens ebensoviel Wert beilegte als der Bekenntnistreue ihres Mannes: „Am 6. Februar 1666. Mein lieber Herr ist heute seines Amtes entsetzt worden. Auch diese Prüfung noch! Meine Kraft ist schwach, aber der HErr weiß ja, wie viel ich noch tragen kann. Halte du aus, mein Gerhardt, schäme sich des Evangelii von Christo nicht und lege immerdar ein gutes Bekenntnis ab vor vielen Zeugen. Ich folge dir ins Elend, in die Wüste, in Not und Tod. Fürchte dich nicht vor denen, die wohl den Leib, aber die Seele nicht töten mögen. Gerhardt, ich weiß, du rühmst dich nie, denn du bist sanftmütig und von Herzen demütig; aber jetzt rühme dich laut und treu, rühme dich des Herrn Jesu Christi. Bleibe treu, sieh nicht auf mich und unser Kind, ohne Gottes Willen fällt ja kein Sperling vom Dach, wir werden nicht Hungers sterben. Halt aus, mein Gerhardt, bis du gekommen bist zu dem Berg Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Jerusalem und zu der Menge vieler tausend Engel und zu der Gemeinde der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über Alle, und zu den Geistern der vollkommenen Gerechten und zu dein Mittler des neuen Testaments, Jesu! Gott segne dich, mein Gerhardt! Jetzt erst fühle ich, wie groß du bist, und wie gering ich bin, deine arme Magd!“ Die ebenfalls kranke Kurfürstin aber stellte ihrem nicht minder bekenntniseifrigen Gemahl zu Gunsten Gerhardts vor, derselbe habe sich jederzeit gegen die Reformirten friedlich gehalten und gewiss nicht aus Ungehorsam, sondern nur aus Ängstlichkeit seine Unterschrift verweigert. Hierauf wurde Gerhardt wirklich wieder in sein Amt eingesetzt, immerhin mit der Bemerkung, man erwarte auch ohne Revers Gehorsam von ihm. Durch diesen Beisatz fühlte sich aber der gewissenhafte Mann so belastet, dass er dem Kurfürsten erklärte, er könne seine Funktionen einstweilen noch nicht wieder aufnehmen, und erst daraufhin erteilte ihm der in seiner Geduld erschöpfte Fürst den endgültigen Abschied.

Neben diesem großen Sänger der lutherischen Kirche und neben seiner Beschützerin, der großen Sängerin der reformirten Kirche, nehmen sich die drei lutherischen Dichterinnen, von denen unser Gesangbuch Lieder enthält, ob sie gleich auch fürstlichen Geschlechtes waren, ziemlich epigonenhaft aus.

Anna Sophia, Tochter des Hessischen Landgrafen Georg, geb. 1638, ließ zwar an Gelehrsamkeit nichts zu wünschen übrig. Es wird von ihr bezeugt, sie habe in der heiligen Schrift, in den morgenländischen Sprachen und in den Kirchenvätern so viel Kenntnisse gehabt, dass sie manchen Theologen hätte beschämen können; schon in ihrem 14. Jahre hatte sie die 7 Bußpsalmen in hochdeutsche Verse gebracht. Da sie an einem „kontinuierlichen Husten“ litt, so wurde sie bei Zeiten in das kaiserliche Stift Quedlinburg versorgt, wo für evangelische Fürstentöchter bald nach der Reformation eine Stätte des Gebets gegründet worden war. Hier hatte sie nicht nur mit ihren Leibesbeschwerden, sondern namentlich auch lange Zeit mit einem bedenklichen Hang zum Katholizismus zu kämpfen. Das Beispiel der Tochter Gustav Adolfs, der geistreichen und gelehrten Königin Christina, zog damals manche Tochter aus reformatorischen Fürstenhaus in die „alleinseligmachende“ römische Kirche. Die päpstliche Kurie sorgte durch allen erdenklichen Pomp, mit dem Christinas Übertritt gefeiert wurde, zur Genüge dafür, Andere nach ähnlicher Verherrlichung lüstern zu machen. Eine Schwester unserer Dichterin ließ sich gewinnen; Anna Sophia selbst überwand die vorübergehende Schwäche mit Hilfe des Stiftspredigers Röser und erklärte in reumütiger Zerknirschung: „Hiemit bekenne ich, dass leider Gottes ich durch des Satans Verblendung in Irrtum geraten und in Holzwege gegangen bin, indem ich die päpstliche Lehre für recht erkannte, welches ich auch von Herzen bedaure und wie Manasse bete: ich habe gesündigt, vergib mir! auch mit dem offenen Sünder: Gott sei mir Sünder gnädig! Jedoch durch Gottes Gnade und Herrn Hofpredigers guten Unterricht aus Gottes Wort und der Väter Schriften habe ich die Wahrheit der evangelischen Lehre erkannt und angenommen, gedenke auch mit Gottes Beistand dabei zu leben und zu sterben, Amen.“ Aus dieser Zeit ihrer ersten Siegesfreude an dem wiedergewonnenen evangelischen Glauben stammen auch ihre Lieder und unter diesen die beiden uns bekannten: der Preis des göttlichen Wortes: „Wohl dem, der Jesum liebt und Jesu Himmelswort,“ und die Verherrlichung des Abendmahls: „Ach Gnad' über alle Gnaden! heißet das nicht Gütigkeit?“ Anna Sophia starb 1683 als Äbtissin des Stiftes Quedlinburg.

Ebenso gelehrt wie diese war die ältere der beiden Dichterinnen aus dem Schwarzburg-Rudolstädtischen Grafenhause: Ludämilia Elisabeth, geb. 1640, gest. 1672. Sie konnte als junge Tochter mit dem berühmten Jenaer Professor Johann Gerhard einen lateinischen Briefwechsel über theologische Gegenstände führen. Zur Dichterin wurde sie unter dem Einfluss von Ahasverus Fritsch, dem Herausgeber der Sammlung: „Himmelsüße Jesuslieder“. Immerhin blieb die Schülerin in ihren Ausdrücken maßvoller als der Lehrer. Dafür liefert gerade unser Himmelfahrtslied „Zeuch uns nach dir“, den besten Beweis. Das andere Lied, das wir von dieser Ludämilia besitzen, legt auf die rührendste Weise Zeugnis ab von der Gesinnung, mit der sie als glückliche Braut gestorben ist. Als sie spürte, dass sie bei der Pflege ihrer Schwester deren tückische Krankheit geerbt habe und nun wohl auch sterben werde, sang sie: „Ich bin vergnügt und halte stille.“

Auch ihre Pflegeschwester und nachmalige Schwägerin, die Gräfin Ämilia Juliana, geb. 1637, gest. 1706, war eine solch gottergebene Seele. In den letzten Jahren ihres trotz vieljähriger Kränklichkeit reich gesegneten Lebens hielt sie jeden Tag eine besondere Sterbebetstunde, wobei jeweilen das von ihr gedichtete Lied gesungen werden musste: „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende“, ein Lied, unter dessen Worten gewiss schon Tausende von evangelischen Christen ihre arme Seele getröstet und gestärkt haben aushauchen dürfen. Ihre übrigen Lieder sind bei Weitem nicht so bekannt. Es sollen deren 586 sein, was sehr wohl möglich ist, da sie die Gespräche ihrer Seele mit dem HErrn in Gestalt eines poetischen Tagebuchs niederzuschreiben pflegte. So viel ich weiß, haben nicht einmal die Zwei derselben, welche in unser Gesangbuch aufgenommen worden sind, rechten Eingang in den Gemeinden gefunden, das Abendmahlslied: „Ach Jesus lebt in mir“ und die Fürbitte für die Obrigkeit: „Erhalt uns Herr der Herrlichkeit, halt uns unsre Obrigkeit.“

Eine andere deutsche Fürstentochter, die Pfalzgräfin Elisabeth (geb. 1618, gest. 1680), fand in solch stiller Andachtsübung kein Genügen, sondern suchte ihre Befriedigung in der Gemeinschaft. Wie sie aus gelehrtem Wissenstrieb in Korrespondenz mit den großen Philosophen Leibnitz und Cartesius trat, so verband sie sich aus religiösem Bedürfnis mit den Erweckungsgemeinden der Quäker und der Labadisten. Elisabeth, die wahrhaft fromm war und die, um nicht katholisch werden zu müssen, sogar die Ehe mit dem Polenkönig ausgeschlagen hatte, trat zwar der Gemeinde des französischen Schwärmers Labadie, eines Pearsall Smith jener Tage, nie förmlich bei, doch gewährte sie in ihrer souveränen Stellung als Äbtissin des reichsfreien adeligen Frauenstiftes zu Herford den aus Holland vertriebenen Separatisten gastfreundliche Aufnahme und auch als sie vom Reichskammergericht zur Ausweisung derselben genötigt wurde, ging sie nicht davon ab, dass Labadie und seine Anhänger eine wahrhafte Gemeinde der Heiligen bildeten. William Penn, der berühmte Quäker, mit dem sie ebenfalls in Verbindung getreten war, hat ihrer Frömmigkeit und Tugend in einer seiner Schriften ein schönes Denkmal gelegt und namentlich auch ihre mustergültige, mütterliche Regierungsweise hervorgehoben. Sie war auch von ihren Untertanen allgemein verehrt und steht noch heute in jenen Gegenden in gesegneter Erinnerung.

Während Elisabeth wohl eben aus Rücksicht auf ihre Untertanen der Sekte nicht beitrat, schloss sich dagegen ihre Jugendfreundin, die nicht minder gelehrte Anna Maria von Schürmann, feierlich an Labadie an und fand an dem von ihm je und je in seinen Gemeindeversammlungen in Szene gesetzten „christlichen Jauchzen,“ einer exaltierten Form schwärmerischer Freude, großes Wohlgefallen. Auch zwei französische Damen, Antoinette Burignon und Jeanne Marie Bouvieres de la Mothe Guyon, machten im 17. Jahrhundert wegen ihres Hangs zur Schwärmerei viel von sich reden. Heutigen Tages ist die Vorliebe der Frauen für das in exaltierter Weise auftretende religiöse Leben so allgemein, dass wir gar nicht begreifen können, wie die Kirchengeschichte jemals von jenen überspannten, in übertriebener Jesusverliebtheit befangenen Weibern so viel Aufhebens hat machen mögen. Uns liegt weder zu einer Schilderung ihres frommen Lebens, noch zu einer Darstellung ihrer närrischen Schwärmerei der mindeste Grund vor. Es ist die nämliche, aller christlichen Nüchternheit spottende und eben darum im besten Fall bedenkliche Erscheinungsform des Christentums, welche wir z. B. an der Oxforder Bewegung zu beobachten Gelegenheit hatten.

Im vollsten Gegensatz zu all diesen frommen Singetänzen des 17. und des 18. Jahrhunderts steht der nüchterne biblische Pietismus, wie ihn der ernste Spener und der eifrige Francke begründet haben. Dieser eigentliche Pietismus, der durchaus ehrwürdig und in seinen Grundzügen für alle Zeiten vorbildlich ist, tat und tut noch heute nichts Anderes, als dass er kräftig gegen die Meinung protestiert, als ob die Zugehörigkeit und äußere Anhänglichkeit an die Kirche dem Menschen das Heil vermitteln könne, und dass er in Folge davon auf persönliche Bekehrung und lebendiges Christentum des Einzelnen dringt. Allein eben weil der Pietismus so trocken auftrat und nichts als einfaches Christentum verlangte, fühlten sich gerade die Frauen, die gern etwas Pikantes haben, auf die Dauer nicht sehr sympathisch von ihm berührt. Immerhin fehlte es nicht an vielen frommen Pietistinnen, und wie Spener naiv erklärt: „selbst Mägde wurden erweckt und trieben Andere zum tätigen Christentum.“ Der württembergische Pietismus besitzt sogar aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts eine berühmte Vertreterin in der Tabitha von Stuttgart, Beate Sturm, von deren Gebets- und Liebes-Leben ihr Biograph Georg Konrad Rieger schöne Schilderungen gibt.

„Ihr ganzes Leben bestand in Gebet und nützlichen Verrichtungen. Manche Stunde der Nacht brachte sie auf ihren Knien liegend zu, ja sie tat hierin so viel, dass ihre Angehörigen glaubten Einhalt tun zu müssen. Sie fand den Tag über tausenderlei Veranlassungen zum Gebet. Wollte sie in der Bibel lesen, so begann sie mit Gebet, so verwandelte sie, was sie las, in Gebete, so schloss sie mit Gebet. Wollte sie in die Kirche gehen oder in eine Erbauungsstunde, so bereitete sie sich mit Gebet darauf vor; kam sie nach Hause, so betete sie, dass der HErr das Gehörte an ihr und Anderen segnen wolle. Sollte sie einen Rat geben, so bat sie den HErrn um das, was sie reden sollte; hörte sie aufs Rathaus oder in die Ständekammer läuten, so betete sie für das Wohl der Stadt und des Vaterlandes. Ereignete sich irgend etwas Neues in der Familie, so war es ihr ein Anlass zum Gebet; oft trieb sie schon das Vorübergehen an einem Haus oder an einer bekannten Person zur Fürbitte. Durch dieses fleißige Beten erlangte sie eine ungemeine Übung im Gebet. Sie konnte stundenlang fortbeten, ohne unnütze Wiederholungen oder fremdartige Gedanken vorzubringen, ja selbst ihr schwächlicher Leib hielt länger dabei aus als Andere, wiewohl sie aus allen Kräften Leibes und der Seele betete. Oft vergaß sie über dem Beten Essen und Trinken und wusste nicht mehr, wie lange sie gebetet hatte, denn das Gebet war ihr oft mehr ein genussreiches Empfangen als ein ermüdendes Suchen und Verlangen.“

„Nächst ihren Anverwandten genossen ihre unermüdet treue Dienstfertigkeit insbesondere die verschämten Frauen, die kümmerlich sich nährend in Schulden steckten, die Angefochtenen, die Witwen und Waisen, überhaupt die Armen und Kranken und unter den Letzteren namentlich die in Spitälern, in Lazaretten, in einsamen Hütten liegenden Leute, bei denen nicht gern Jedermann einzukehren pflegte. Diese suchte sie auf, diesen brachte sie Essen und Trinken, für diese verwendete sie sich, diesen suchte sie dadurch ans Herz zu kommen, dass sie sich zuerst durch leibliche Wohltaten den Weg bahnte, nicht selten mit Aufopferung ihrer eigenen, fast unentbehrlichen Lebensbedürfnisse.“

Von der Macht ihrer christlichen Persönlichkeit zeugt am Besten folgendes Beispiel. Ein neunjähriges Mädchen ihrer Bekanntschaft war während heftiger Krankheit zugleich in große Seelenangst wegen seiner Sünden geraten und wollte sich auf keine Weise beruhigen lassen. In gesunden Tagen hatte dieses nämliche Kind oft, wenn ihm etwas Auffallendes war mitgeteilt worden, erklärt: „erst wenn es die Jungfer Sturm auch sagt, dann will ich es glauben, denn sie lügt nicht.“ Als nun Beate von der Seelennot des kranken Töchterleins hörte, und wie seine Leibesschwäche in Folge davon stets überhand nehme, so eilte sie hin, trat zu dem Bett des Kindes und sprach: „Ich bin gesandt, dir etwas zu sagen, was dich sehr freuen wird, aber du musst es nun auch glauben.“. Sofort erwiderte das Mädchen: Ihnen glaube ich alles, ich weiß, dass Sie nicht lügen.“ „Nun denn,“ fuhr die fromme „Sturmin“ fort, „so sage ich dir: die Sünden, die du so herzlich bereust, dein Ungehorsam, deine Trägheit und deine Eitelkeit, sind dir alle verziehen und vergeben; du bist Gottes begnadigtes Kind und sollst es bleiben in Ewigkeit.“ Von Stund an gab sich die Kleine vollkommen zufrieden, erholte sich auch in kurzer Zeit gänzlich.

Übrigens leuchtete dem württembergischen Volk in den Tagen der „Sturmin“ auch vom Throne her das Vorbild einer wahren Jüngerin des HErrn: die Herzogin Magdalena Sibylla, geboren als hessische Prinzessin 1652, gestorben 1712. Und auch als Witwe hat diese treffliche Frau, die nach bloß vierjährigem Ehestand im Alter von 26 Jahren wieder vom Thron hinabsteigen musste, unendlich viel Gutes gewirkt und Proben der herrlichsten Tapferkeit abgelegt. Als der für ihren unmündigen Sohn regierende Administrator beim Eindringen der Franzosen im Jahre 1688 feig entfloh, nahm sie die Zügel der Regierung wieder zur Hand, erreichte vom Marquis von Feuquieres gelindere Maßregeln für das Land und teilte die Not ihrer Untertanen. Auf ihrem Witwensitz zu Kirchheim u./T. verfasste sie Andachts-, Gebet- und Liederbücher, um nicht nur der Leiblichen, sondern auch der geistlichen Not des württembergischen Volkes zu Hilfe zu kommen. Jeden Tag versammelte sie Morgens und Abends das gesamte Hofpersonal bis auf den geringsten Bediensteten um sich, wobei sie kniend mit aufgehobenen Händen das Gebet vorsprach und ließ sich davon auch in ihrer letzten Krankheit nicht zurückhalten. Dass ihr Sohn trotz ihren Bitten in die Sklaverei der schamlosen Maitresse Grävenitz geriet, war ihr größter Kummer, und sie suchte der tiefgekränkten Schwiegertochter durch verdoppelte Liebe und Zärtlichkeit zum Trost zu gereichen. Als sie ihr Ende herannahen fühlte, verordnete sie, dass an ihrem Grab ein von ihr selbst verfasstes Lied sollte gesungen werden; darin heißt es u. A.:

„Es bleibt in meinem Sarg verschlossen und begraben,
Was heimlich in der Seel mich mag gequälet haben;
Die Welt war meiner müd, ich vielmehr dein, o Welt!
Dir war ich eine Last, - und du hast mich gequält.“

Solche „Stille im Lande“ ließen sich den gesetzlichen Ernst der pietistischen Schule gefallen und führten dabei mitten unter der Aufklärung des 18. Jahrhunderts ein frieden- und segensreiches Leben, verborgen mit Christo in Gott, gleich jener herzoglichen Tabitha Schlesiens und jenen frommen fürstlichen Dichterinnen. Ein großartiger, zu kühnerem Flug geneigter Geist wie Zinzendorf fühlte sich in dem stillen Wesen der kleinen Pflichterfüllung beengt und schrieb deshalb die Spottverse:

„Ein einzig Volk auf Erden
Will mir anstößig werden
Und ist mir ärgerlich:
Die miserabeln Christen,
Die kein Mensch Pietisten
Betitelt, als sie selber sich!

Trotzdem gleichen seine heute noch bestehenden Gemeinden, nachdem Zinzendorfs kühnste Absonderlichkeiten und tatendurstige Unternehmungsgelüste in den Hintergrund geschoben, um nicht zu sagen aufgegeben worden sind, den wahren pietistischen Kreisen wie ein Ei dem andern. So lässt sich eben die Entwicklung des Reiches Gottes, deren Fäden der Fürst des Lebens in den Händen hat, auch von dem frömmsten sächsischen Grafen nicht maßregeln. Übrigens ist Zinzendorf in seiner Gemeinde von seiner edlen Gemahlin, Erdmut Dorothea, einer gebornen Gräfin Reuß, welche glücklicherweise mehr Sinn für die Aufgaben der gemeinen Alltäglichkeit hatte und welche unter den vielen Reisen des Grafen unendlich litt, aufs Schönste ergänzt worden.

Riggenbach, Bernhard - Frauengestalten aus der Geschichte des Reiches Gottes - VII. Die Arbeiterinnen der inneren Mission.

„Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt; ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt; ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich bekleidet; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht; ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen“ (Matth. 25, 35 und 36). An dieses Wort des HErrn werden wir erinnert, wenn wir die reiche Fülle von Lebensäußerungen des christlichen Geistes überblicken, welchen der selige Wichern vor nun bald 35 Jahren den Namen der „inneren Mission“ gegeben hat. Und es ist unzweifelhaft, dass Alles, was wir unter der einen Bezeichnung „innere Mission“ zusammenfassen, sich jenes Heilandswort aneignen und sich der großen Verheißung freuen darf, der HErr betrachte jedes Wert der erbarmenden Liebe als einen ihm selbst erwiesenen Dienst. Doch wäre es nicht richtig, wenn die angeführte Rede Christi in dem Sinne als eigentlicher Missionsbefehl für die innere Mission aufgefasst würde, wie das Wort: „geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur“ (Mark. 16,15) als Missionsbefehl für die äußere Mission gelten muss, denn einerseits beschränkt sich die innere Mission keineswegs auf die dort von Jesu bezeichneten Zweige der Liebestätigkeit und andererseits verfolgt sie einen dort vom Heiland nicht angegebenen speziellen Zweck. Dieser Letztere ist es, der ihr den Namen gegeben hat. Wie nämlich die äußere Mission unter Juden und Heiden ein Neues pflügen und die Grenzen des Reiches Christi erweitern will, so geht die innere Mission darauf aus, innerhalb dieser Grenzen erkaltetes, erloschenes, entartetes, verblasstes Christentum nach dem Urbild der Person Jesu Christi und seiner Apostel neu zu beleben. Im Unterschied zu der pflegenden Tätigkeit des amtlichen Gemeindedienstes mit seiner Predigt und Seelsorge hat die innere Mission mit ihren Impulsen und Operationen da einzusetzen, wo und soweit das natürliche Heidentum, sei es für sich oder im Bund mit kirchlich-pharisäischem Judentum, das christliche Leben in einzelnen Gemeindegliedern oder in Zuständen der Christenheit ertötet hat. In diesem Sinne haben wir die Heiligen des Mittelalters, die Reformatoren und die Väter des Pietismus als gewaltige Arbeiter der inneren Mission zu betrachten. Und diese Alle haben es wahrlich nicht daran fehlen lassen, neben Glaubensreinigung auch eine Erneuerung der ersten Liebe zu fordern und selbst zu üben! Man darf nur an eine heilige Elisabeth von Thüringen, an das Waisenhaus von August Hermann Francke oder an jene schöne Stelle unserer Basler Reformationsordnung von 1529 denken: „deshalb wir fürohin mit Gottes hilff kein bilder uffrichten lassen, aber ernstlich nachgedenkens haben werden, wie wir die armen dörfftigen, so die ware und lebendige bilder Gottes seind, tröstlich versehen mögen.“

Es ist aber nicht zu leugnen, dass jene aus dem eigenen Prinzip heraus sich vollziehende Neubelebung des Christentums sich nach der Richtung der Liebestätigkeit in unserm Jahrhundert ungleich intensiver und extensiver als irgend früher entwickelt hat. Und in dieser Beziehung haben wir keinen Grund unsere Zeit anzuklagen. Es fließt durch unsere Tage durchaus nicht nur ein breiter, reißender und zerstörender Strom des Unglaubens und der materiellen Selbstsucht, sondern auch eine herrliche, befruchtende und reichgesegnete Gegenströmung des Glaubens, der in der Liebe tätig ist, Angesichts welcher wir nur über unsere eigene Sünde und Trägheit murren können und murren sollten.

Im achtzehnten Jahrhundert hatte der Rationalismus geherrscht, welcher aber keineswegs mit der heutigen, revolutionären Freisinnigkeit darf zusammengeworfen werden. Der alte Rationalismus hielt fest an den drei großen Wahrheiten: Gott, Tugend und Unsterblichkeit, verlangte aber von dem einzelnen Menschen nicht eben viel. Wenn wir das Leben und Streben unserer Ahnen vor 100 und mehr Jahren näher betrachten, so finden wir im Großen und Ganzen jene gemütliche Ehrbarkeit und selbstzufriedene Behaglichkeit, jenes im Genießen maßvolle, aber auch in seinen sittlichen Forderungen genügsame Spießbürgertum, das Voß in seiner Luise, Goethe in Hermann und Dorothea zur allgemeinen Anschauung gebracht haben. Dieses patriarchalische Brachfeld wurde aber durch die Stürme der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege gewaltig durchfurcht. Und nun erwachte in Kraft des wieder gepredigten göttlichen Wortes in immer weiteren Kreisen der christliche Glaube und mit ihm lebendige Liebe. Die Männer, die bei diesem Erwachen der Christenheit aus langem Schlaf als Werkzeuge Gottes mitgewirkt haben, kennt Jedermann, sie nur aufzuzählen würde uns hier zu weit führen. Weniger bekannt dagegen ist eine Frau, die damals auf dem großen Welttheater und zwar gerade in diesem Akt religiöser Erweckung eine bedeutende Rolle gespielt und die überdies auch eine Weile hier in Basel die Gemüter in Spannung gehalten hat. Es ist dies die Baronin von Krüdener; Barbara Juliana von Wietinghoff, geb. zu Riga den 21. November 1764, hatte als schöne und reiche Erbin eine nur aufs Äußere gerichtete Erziehung erhalten und lernte früh schon in Paris die frivole Herabwürdigung des aus Gott stammenden Geistes zum bloßen witzelnden Esprit. Doch regte sich ihr Gewissen immer wieder aufs heftigste, und als sie einmal nach durchtanzter Nacht ohne Gebet eingeschlafen war, konnte sie sich darüber lange nicht beruhigen. Gegen ihre Neigung wurde sie als 18jährige Tochter mit dem bereits zweimal geschiedenen russischen Diplomaten, Baron von Krüdener, vermählt, lebte aber nur kurze Zeit mit ihm zusammen und führte dann während einer Reihe von Jahren ein unstetes und auch ziemlich unschönes Leben. Als ihr Gatte starb, kehrte sie in die Ostseeprovinzen zurück, doch nur um sich dort aufs Neue in einen Strudel weltlicher Lust zu stürzen. Erst als mitten in einem prunkenden Fest einer ihrer Anbeter, vom plötzlichen Tod erreicht, vor ihren Augen zu Boden sank, fand sie, um mich ihres eigenen Ausdrucks zu bedienen, „Buße zu Gott“; und bald darauf durch die Verbindung mit herrnhutischen Christen auch jene glühende „Liebe zu Jesus“, welche fortan der Herzschlag ihres ganzen Lebens und Treibens war. Zunächst verkündigte sie mit dem gewöhnlichen, in der Regel vorzeitigen und eben darum sehr bald erlahmenden Eifer der Neubekehrten ihrer Umgebung den Heiland der Sünder durch Wort und Tat. Doch hatte sie keine Ruhe im engern Kreis, sondern wir finden bei ihr bereits die moderne Wanderlust in ausgesprochenster Weise. War sie vor ihrer Bekehrung der Schöngeistern und den Genüssen nach gereist, so zog sie jetzt, völlig nach der Art neuester Reiseprediger, durch halb Europa, um zu werben, aber nicht für eine Kirche oder Sekte, sondern für eine interkonfessionelle Liebe zu Jesus, der uns zuerst geliebt, und zu den Brüdern, die er uns in reiner, selbstloser Weise lieben gelehrt. Ihre mystische Glaubensrichtung fand im Verkehr mit dem Propheten des himmlischen Heimwehs, dem edlen Jung-Stilling, reichliche Nahrung. Bei ihm und bei dem Heiligen der protestantischen Kirche, bei Oberlin, der durch sein praktisches Christentum das Steinthal aus einer Wüste in einen Garten verwandelt hatte, wurde die Krüdener in ihrer Hingebung an die Ärmsten nur bestärkt. Und so finden wir sie denn in den letzten zehn Jahren ihres Lebens als eine selbstlose Dienerin Jesu unter Hoch und Niedrig. Den Armen, Kranken und Gefangenen spendet sie mit beredtem Mund und (was wohl noch wirksamer war) mit offener Hand den Trost des Evangeliums, den Weisen dieser Welt öffnet sie die Augen über die tiefsten Geheimnisse der göttlichen Liebe, den Königen der Welt sagt sie, dass Alles nichts sei ohne den König der Könige. Verspottet, verleumdet, verfolgt, wird sie von der Polizei wie ein Wild von einem Land ins andere gehegt, aber dennoch nicht müde, mitten in der „Wüste der Zivilisation“, wie sie ihre Zeit nannte, Buße zu predigen, Heil zu verkündigen den Gläubigen und das Wehe zu rufen über die Ungläubigen. Von dem Allem nur einige Beispiele!

Als Kaiser Alexander I. von Russland auf dem Zug nach Frankreich 1815 nach Heilbronn kam, wusste sich die Baronin, die ja sein Landeskind war, Zutritt zu ihm zu verschaffen. Die Unterredung, welche sie mit ihm hatte, machte auf den durch die großen Ereignisse jener Tage ohnehin in gehobene Stimmung versetzten Monarchen einen so tiefen Eindruck, dass er die Krüdener aufforderte, ihn zu begleiten. Und als sie dann in Paris in ihrem zum Betsaal eingerichteten Salon Erbauungsstunden eröffnete, war er mit der Bibel in der Hand ihr täglicher Gast. In den Besprechungen, die er damals mit ihr als der Beraterin seines Gewissens hielt, reifte der Entschluss in ihm, die Fürsten Europas zu einem Bund aufzufordern, mit dem Zweck, sie wollten als eine große christliche Familie, abgesehen vom Zwiespalt der Kirchen, das Gesetz des Christentums zum höchsten Gesetz des Völkerlebens machen. Die Krüdener war es, die diesem immerhin großartigen Projekt den Namen „der heiligen Allianz“ beilegte. Unter ihrem Einfluss entstand auch der Aufruf dazu, der mit solchem Feuer die Heiligung der Welt und Politik verlangte, dass alle Welt zur Begeisterung fortgerissen wurde. Außer dem römischen Papst und dem türkischen Sultan, welche in der europäischen Politik jeweilen Arm in Arm gehen, lehnte nur als würdiger Dritter außer des Bundes, Georg, das berühmte Scheusal von England, den Beitritt ab. Im Verlauf ihrer geschichtlichen Erscheinung erwies sich „die heilige Allianz“ als eine nicht durchführbare Utopie. Betrachten wir sie dagegen als Theorie, so können wir Goethe begreifen, der in den Gesprächen mit Eckermann erklärte, es sei nie etwas Größeres und für die Menschheit Wohltätigeres erfunden worden. Jedenfalls dürfen wir dem Manifest eines heiligen Gottesfriedens der Fürsten und Völker, wie es Alexander, inspiriert von der Krüdener, erließ, den Wert der ewigen Wahrheit und Weissagung nicht absprechen. Und in diesem Sinn ist die „heilige Allianz“ ein Ehrendenkmal für die Baronin. Übrigens teilte diese bei aller Begeisterung für Alexander, den sie im Gegensatz zu dem schwarzen Antichristen Napoleon den weißen Friedensengel nannte, dennoch ihres Kaisers hochfliegende Hoffnungen nicht, sondern wies immer wieder auf eine bevorstehende Läuterung durch ernste Gerichte hin.

Als Alexander nach Russland zurückkehrte, begleitete sie ihn nicht, sondern wandte sich nach Basel, wo ihre Versammlungen großes Aufsehen erregten. Da, wohin die Damen heutigen Tages aus ganz anderen Beweggründen wallfahrten, im wilden Mann24), lauschte zu Anfang des Jahres 1817 eine große Menge von Leuten aus der sogenannten besseren Gesellschaft den Worten der frommen Baronin wie einem Orakel. Spittler gründete mit ihr die hiesige Traktatgesellschaft. Doch geht die Lebensbeschreibung, die wir von Planter besitzen, leider nur bis 1812, so dass wir nichts Näheres über die Beziehungen der beiden seltenen Menschen erfahren. Ein anderer hervorragender Mann des damaligen Basel, der Professor Lachenal, der Zeitlebens eine Vorliebe für erleuchtete Damen hatte und später auch die Versammlungen einer Miss Blackwell begünstigte, gab damals um der Krüdener willen seinem Lehrstuhl der Philosophie, seiner Bücherweisheit, seinen Familienverbindungen den Abschied, um als ihr ständiger Begleiter an den Bestrebungen der Baronin Teil zu nehmen. Dagegen trat auf der Kanzel zu St. Theodor der Hauptpfarrer Johann Jakob Fäsch als Verkündiger der gesunden Gotteslehre mit dem ihm eigenen Pathos, „im Namen Jehovahs“ dem überspannten Frauenzimmer energisch entgegen, und der hiesige Vorkämpfer des politischen und kirchlichen Liberalismus, der bekannte Staatsrat Ochs, säuberte die Stadt von diesem „ausländischen Gewächs“ durch polizeiliche Ausweisung. Freilich war wenig damit geholfen; denn die Baronin schlug ihr Zelt unmittelbar vor den Toren Basels im „Grenzacher Hörnlein“ auf. Auch dieser Ort, der jetzt nur zu materiellem Genuss aufgesucht wird, wurde durch ihre Anwesenheit zu einem Sammelplatz strebsamer Geister. Doch kamen auch andere Gäste in großen Scharen. Es war damals teure Zeit, ja eigentliche Hungersnot. Und da zeigte denn die Krüdener, dass Selbstverleugnung bei ihr nicht Phrase, sondern Tat und Wahrheit sei. Die überspannte Ausländerin opferte mehr für die Armen der Gegend als alle die aufgeklärten geistlichen und weltlichen Herren der Stadt Basel miteinander. Tag und Nacht war sie tätig; ihr Vermögen, ihre letzten Juwelen, ihre Gesundheit opferte sie mit Freuden. Als ein Engel der Rettung und ein Bote des Friedens wurde sie verehrt, und das ernste oder milde Wort, das sie der leiblichen Gabe beifügte, fand guten Eingang. Tausende hat sie vor leiblichem, Hunderte vor geistlichem Hungertod bewahrt. Ihrer unermüdlichen Liebestätigkeit und Liebespredigt fielen die rohesten Herzen zu, ihre Sanftmut, ihre Demut, ihre Anmut machten selbst auf die Häscher, von denen sie überall verfolgt wurde, den tiefsten Eindruck. Kein Wunder, dass sie sich selbst für eine Prophetin hielt und ihren Absonderlichkeiten großen Wert beilegte. Sie verwarf alle bestehenden Konfessionen, dagegen verlangte sie von ihren Anhängern doch auch wieder äußerliche Erkennungszeichen: das Gebet sollte nur kniend verrichtet, unter Christen nur der schöne, noch heute unter katholischen Priestern übliche Gruß ausgewechselt werden, wobei auf die Anrede: „Gelobt sei Jesus Christus“, geantwortet wird: „in Ewigkeit, Amen“. Vor den Kreuzen am Weg sollte man niederknien. Doch darf man wahrlich zu einem so großartigen Wirken, wie es Juliane von Krüdener entfaltet hat, solche Kleinigkeiten stillschweigend in den Kauf nehmen, um so mehr, als die Verschiedenartigsten ihrer Zeitgenossen, ein Kaiser Alexander, ein Pestalozzi, ein Spittler, ein David Spleiß darüber wegsahen. Übrigens wurde sie nicht wegen dieser Schrullen oder wegen ihrer schwärmerischen Lehren, sondern wegen des Zuströmens der Armen an keinem Ort lang geduldet. Die argwöhnische Polizei der metternichschen Reaktion fürchtete, die großartige Wohltätigkeit dieser Frau könnte sozialistischen Umsturztheorien Vorschub leisten. So wurde sie 1818, von einer Grenze zur anderen durch Gendarmen begleitet, buchstäblich auf dem Schub in ihre Heimat befördert. Dort begnügte sie sich in der Tat eine Zeitlang damit, in der Stille auf einen kleinen Kreis einzuwirken. Als dann aber Griechenlands Erhebung erfolgte; da konnte sie nicht länger an sich halten. Als Prophetin wollte sie abermals ihren „gotterkornen“ Kaiser Alexander zu großen Taten entflammen, indem sie bei den Diplomaten Russlands laut über die Untätigkeit dessen klagte, dem die Vorsehung die Befreiung Griechenlands, diese, wie sie meinte, wichtigste Angelegenheit des Reiches Gottes, in die Hände gelegt habe. Allein der Kaiser hatte nicht wie seine ehemalige Freundin das Feuer jugendlicher Begeisterung bis ins Alter bewahrt, sondern war ein fügsames Werkzeug der reaktionären Politik des österreichischen Reichskanzlers geworden. In einem freundlichen, aber entschiedenen, eigenhändigen Brief hieß er die Baronin schweigen und gehen. Sie schwieg und ging, doch knickte diese Enttäuschung ihre letzte Kraft. Ai Weihnachtstag des Jahres 1824 starb sie mit dem demütigen Bekenntnis, dass sie oft für die Stimme Gottes gehalten habe, was nur die Frucht ihrer Einbildung und ihres Stolzes gewesen sei, aber auch mit dem Trost des Glaubens: „was ich Gutes getan habe, das wird bleiben; was ich übel getan, das wird Gottes Barmherzigkeit austilgen.“

In der Schweiz hinterließ ihr Aufenthalt im Allgemeinen nur segensreiche Spuren. Hier in Basel, wo ihr Bild noch in manchem alten Haus zu finden ist, muss namentlich auch die Gründung der Armenanstalt von Beuggen zu einem großen Teil auf den gewaltigen Eindruck zurückgeführt werden, den ihre grenzenlose Wohltätigkeit hinterlassen. Aus den ostschweizerischen Kreisen, in denen sie Eingang gefunden, ist u. A. die geistreiche Anna Schlatter hervorgegangen, die dann freilich in ihrer bürgerlichen Weise ungleich milder und stiller gewirkt hat als die schon durch ihre vornehme Geburt großartig angelegte Russin. Auf Anna Schlatter, welche übrigens mehr zu „den Stillen im Land“ gehört, können wir hier nicht näher eingehen. Das Wesen dieser geistig und geistlich hervorragenden Frau lässt sich am Besten aus ihren Briefen erkennen, welche Dr. Zahn unter dem Titel „Frauenbriefe“, leider nur ohne die nötige Sichtung, veröffentlicht hat.

In der Ostschweiz hatte die Erscheinung der Krüdener auch eine schreckliche Nachwirkung. In der Nähe von Schaffhausen, im zürcherischen Dörflein Wildenspuch, lebte eine von Kindheit an zu Visionen geneigte junge Tochter, Margaretha Peter. Dieselbe lernte im Herbst 1817 die Frau von Krüdener kennen, welche sich nach ihrer Vertreibung von Grenzach einige Zeit in dem ebenfalls bei Schaffhausen gelegenen Dorf Lotstetten aufhielt. Von dem Beispiel der Krüdener begeistert, fing nun Margaretha an sich einzubilden, auch sie sei zur Reisepredigerin und, als die Krüdener vertrieben worden, sie sei zur Fortsetzung ihres Werkes berufen. Allmählich ging sie so weit, sich für ein Wesen zu halten, in dem der Sohn Gottes auf ganz besondere Weise Wohnung genommen habe. Und zuletzt erklärte sie im März 1823, dass zu wiederholter Besiegung des aufs Neue mächtig gewordenen Teufels der Opfertod Christi zum zweiten Mal an ihr und ihrer Schwester vollzogen werden müsse. Sie selbst schlug ihre Schwester tot und ließ sich dann von einer Freundin förmlich kreuzigen. Mit der größten Standhaftigkeit und unter der Versicherung, dass sie durchaus keinen Schmerz empfinde, ließ sie, auf ihr Bett ausgestreckt, sich Hände, Füße, Ellbogen und Brust auf Holzblöcke festnageln. Sie starb, während man ihr ein Messer in den Kopf trieb, unter dem Ruf: „Freut euch mit mir, Gott im Himmel freut sich auch mit Euch!“ Mit Recht ließ die Regierung von Zürich, nachdem die Beteiligten, darunter Margarethas eigener Vater, vom Malefizgericht zu schwerer Zuchthausstrafe waren verurteilt worden, die Stätte dieser Gräuelszenen niederreißen und verordnete, dass nie mehr ein Haus dort dürfe gebaut werden.

Zur gleichen Zeit, wo an der armen Margaretha von Wildenspuch solch arge Verirrung vom wahren Christentum und ein solch heilloses Verkennen dessen, was Gott von den Menschen verlangt, zu Tage trat, lebten und wirkten zwei edle Frauen, die auf gänzlich verschiedenem Boden aufgewachsen und in durchaus ungleicher gesellschaftlicher Stellung doch Beide, den Willen Gottes richtig auffassend, die Selbsthingabe im Sinn Christi übten und als leuchtende Vorbilder Bahn brachen für die innere Mission des 19. Jahrhunderts: Elisabeth Fry, durch welche die Buße und der Trost des Evangeliums in tausend Kerker gedrungen ist, und Amalie Sieveking, deren Lebensarbeit unzähligen Frauenvereinen zur Armen- und Krankenpflege das Dasein gegeben und eben damit unzählige Tränen getrocknet hat.

Elisabeth Gurney, geb. zu Norwich den 21. Mai 1780, gehörte einer milden englischen Quäkerfamilie an. Die Eltern zogen sich zwar nicht von den heiteren Genüssen der Geselligkeit zurück, strebten aber doch ernstlich danach, in der Freude an den irdischen Gütern die ewigen nicht zu verlieren und den Sinn dafür bei ihren Kindern rege zu erhalten. So kam es, dass Elisabeth, ein durch Schönheit, Anmut und Talente ausgezeichnetes junges Mädchen, in dessen Leben viele Tage nur eben von Musik, Geselligkeit, kühnem Reiten, Theaterbesuchen und Tanzen ausgefüllt waren, und dessen pikante, von feinem Witz gewürzte Unterhaltung von den jungen Männern der Gesellschaft mit besonderer Vorliebe gesucht wurde, schon in ihrem 17. Jahr doch in ihr Tagebuch schreiben konnte: „ich habe in mir und Anderen Manches gesehen, was früher meiner Wahrnehmung entging, dennoch habe ich nicht versucht, mich zu besseren. Ich habe meinen Leidenschaften nachgegeben und ihnen gestattet, mich zu beherrschen. Meine Fehler waren mir wohl bekannt, ohne dass ich mich bemühte, sie abzulegen. Ich muss den Schmeichlern mein Ohr verschließen, darf bei den Kindern die Geduld nicht verlieren, nicht ohne Grund widersprechen, nicht maulen, wenn man mit meinen Schwestern zufrieden ist und mit mir nicht; ich darf nicht übertreiben, was. ich so gern tue; ich darf nicht den Putz frönen; ich muss jedem guten Eindruck Raum geben und jeden schlechten bekämpfen. Hätte ich nur Ausdauer, so könnte ich Alles tun, was ich wünsche; doch den Versuch will ich machen.“ Allein die redlichen Versuche misslangen. Elisabeth konnte es, bei aller ernsten Selbsterkenntnis und bei dem aufrichtigsten Streben, den Kummer Anderer zu lindern, zu keiner nachhaltigen Gottseligkeit bringen, bis ein eifriger Prediger ihrer Gemeinde sie auf ihren Grundfehler, die Zwiespältigkeit ihres Herzens, aufmerksam machte und anregte, ihr Leben ungeteilt dem Dienst Gottes zu weihen. Von Stund an war sie eine Andere. Nicht mehr um in Selbstgefälligkeit schwelgen zu können, sondern um wirklich Gott wohl zu gefallen und seines Friedens sich getrösten zu dürfen, betätigte sie sich jetzt für die Armen und Kranken. Auch errichtete sie im Haus ihres Vaters eine Schule und erprobte dabei ihre ungewöhnliche pädagogische Begabung, indem es ihr ohne alle Mithilfe gelang, eine Zahl von 70 Kindern zu regieren und zu unterrichten. Ihre Heirat mit dem reichen Londoner Handelsherrn Joseph Fry, einem Quäker von der strengsten Observanz, begünstigte den Sieg über ihre früheren Gewohnheiten. Dabei ist es uns zum Voraus eine Bürgschaft für die Solidität ihrer Umwandlung, wenn wir sehen, dass sie nicht, von augenblicklichem Enthusiasmus hingerissen, dem ernsten Quäkertum sich in die Arme wirft, sondern dass sich in ihrem Gewissen und Willen eine langsame, aber sichere Klärung vollzieht. Schritt für Schritt entsagt sie den früher für edel gehaltenen Genüssen; nach und nach gibt sie ihren Kleidern den schlichten Schnitt des Quäkeranzuges und zuletzt versteckt sie auch das reiche blonde Haar in der eng anschließenden Mütze. Mit kostbarer Naivität gesteht die junge Frau, das Du, mit dem der Quäker Hohe und Niedere als Brüder anredet, sei ihr Anfangs so schwer geworden, dass sie sich zuweilen der Begegnung eines alten Bekannten durch schleunige Flucht entzogen habe. Auch die ihr frühe schon zuerkannte, bei den Quäkern an Mann und Weib hochgeschätzte Gabe der geistlichen Beredsamkeit wollte sie lange nicht ausüben. Als sie aber an zwei Sterbebetten, beim Tod ihres Vaters und beim Hinschied eines besonders hoffnungsvollen ihrer elf Kinder die Erfahrung gemacht hatte, dass ihr wirklich ohne Besinnen und Schwanken die Gabe überwältigender Rede verliehen sei, zögerte sie nicht länger, dieselbe auch da anzuwenden, wohin ein besonderer Zug der Liebe sie schon öfter geführt: in der Weiberabteilung der Gefängnisse von Newgate. Schon öfter hatte Elisabeth seit 1813 dieses sogenannte Straf- und Korrektionshaus betreten, einmal auch hatte sie mit den verwahrlosten Geschöpfen gebetet, und die Elenden waren auf ihre Knie niedergesunken und hatten nichts als leises Schluchzen hören lassen. Allein, sei es, dass der Schmutz, die Stickluft und die entmenschten Sitten, von welchen sie sich dort umgeben sah, sie zurückschreckten, sei es, dass sie an dem Erfolg einer Tätigkeit unter dem Abschaum ihres Geschlechtes verzweifelte, erst vom Dez. 1816 an finden wir sie in eigentlich reformatorischer Wirksamkeit an jenen Orten. Sie traf in dem engen Raum von wenigen Gemächern 300 Frauen mit ihren Kindern in einem Zustand physischen und moralischen Elendes, den die lebhafteste Phantasie nicht übler hätte ausdenken können. Um die wilde Horde halbnackter, brüllender, fluchender, spielender, raufender, singender, tanzender und allerlei schändliche Szenen aufführender Weiber, welche eher reißenden Tieren als Menschen ähnlich sahen, anzufassen, verlangte Elisabeth, dass man sie mit denselben allein lassen solle. Allgemeines Staunen! Solches Zutrauen hatte diesen Hyänen noch keine ihres Geschlechtes bewiesen. Die Stille, die eintrat, benutzte Elisabeth sofort, um an dasjenige Gefühl zu appellieren, das auch bei dem gesunkensten Weib empfänglich ist: an die Mutterliebe. Und der Vorschlag, für die Kinder im Gefängnis eine Schule zu errichten, wurde mit Freudentränen aufgenommen. Zunächst sollten nur die Gefangenen unter 25 Jahren Unterricht erhalten, und zwar benutzte Elisabeth als ihre Gehilfin dabei ein wegen Diebstahls ebenfalls im Gefängnis sitzendes junges Mädchen. Doch drängten sich bald auch ältere Sträflinge heran, so dass Mrs. Fry die Aufgabe nicht mehr ohne weitere Hilfe bemeistern konnte. Im April 1817 gründete sie mit 11 andern Quäkerinnen und der Gattin des Anstaltsgeistlichen eine Gesellschaft mit dem Zweck: „für Bekleidung, Unterricht und Beschäftigung der zu Newgate in Haft gehaltenen Frauen zu sorgen, dieselben mit der heiligen Schrift bekannt zu machen und sie so viel als möglich an Ordnung, Nüchternheit und Fleiß zu gewöhnen, damit sie während ihrer Gefangenschaft gelehrig und friedsam würden und dieselbe als achtbare Menschen verlassen könnten.“

Von diesem Moment an gehörte ein großer Teil der Zeit und Kraft von Elisabeth den Gefangenen; und doch hatte sie daneben als Gattin und als Mutter von 9 Kindern (zwei waren gestorben) Pflichten, welche einer andern Frau genügend erschienen wären, sich von jeder Tätigkeit für das öffentliche Wohl fernzuhalten. Freilich erlaubte ihr der Reichtum ihres Mannes, für manche häusliche Besorgung fremde Kräfte in Anspruch zu nehmen; auch ist das zu beachten, dass das Quäkertum überhaupt die Gemeindeinteressen den Familienrücksichten überordnet. Zudem besaß Mrs. Fry ein ungewöhnliches Organisationstalent, und dieses kam nicht nur ihrer öffentlichen Tätigkeit, sondern auch ihrem Hauswesen zu gut, wo sie mit raschem Blick alles Nötige erkannte und mit sicherer Hand anordnete. Übrigens traten auch Fälle ein, wo die pflichttreue Mutter um eines kranken Kindes willen in den Gefängnissen einmal nur das Allernötigste besorgte und dann ohne Rast heimeilte.

Welche Arbeitslast sie als Vorsteherin des neuen Gefängnisvereins zu bewältigen hatte, ersehen wir am besten aus dem ersten Bericht, den sie über den Erfolg ihres Verfahrens dem erstaunten Unterhaus Großbritanniens vorlegte: 20,000 Bekleidungsgegenstände hatten beschafft werden müssen. Dem nämlichen Bericht entnehmen wir mit Interesse die Notiz, dass Mrs. Fry es war, die zum ersten Mal den Versuch eines sogenannten konfessionslosen Religionsunterrichts wagte, indem sie in der Gefängnisschule sich auf die Lehren Jesu beschränkte, ohne die Auffassung irgend einer Kirche oder Sekte hineinzutragen. Die Stimme der Überzeugung aber, mit der sie diese Lehren vortrug, machte ihren einfachen, dogmenfreien Unterricht so ergreifend und wohltuend, dass die armen Unmündigen mit Zärtlichkeit an ihrem Mund hingen. Als bald nach der Eröffnung ihrer Tätigkeit ein vornehmer Engländer die Anstalt besuchte, war er eigentlich betroffen von der Veränderung, und Elisabeth selbst verwunderte sich, als nach Jahresfrist von jenen 20.000 gelieferten Kleidungsstücken bloß 3 vermisst wurden, und das an dem gleichen Ort, an dem der Aufseher ihr bei dem ersten Besuch ihre Uhr vor der Tür glaubte abnehmen zu müssen!

Da viele der in Newgate Eingeschlossenen zur Deportation nach den englischen Kolonien verurteilt wurden, so sorgte Mrs. Fry auch dafür, dass die Früchte ihrer Einwirkung während der Überfahrt nicht verloren gingen. Sie veranlasste die Verurteilten, sich Aufseher zu wählen und denselben für die Zeit der Reise Gehorsam zu geloben. Auch verschaffte sie ihnen Bibeln und andere gute Lektüre für die Sonntage und Material zu Arbeiten für die Werktage; dies Letztere mit der ausdrücklichen Bestimmung, dass die betreffenden Arbeiten von denen, die sie verfertigt hätten, in der Kolonie zu ihrem eigenen Vorteil verkauft werden dürften. War ein Deportationsschiff zur Abfahrt bereit, so begab sie sich noch an Bord, kniete mit sämtlichen Gefangenen auf dem Verdeck nieder und flehte den, der allein Wachstum zu menschlichem Säen und Begießen geben kann, um seinen Segen an für das Werk christlicher Liebe. Selten wurde der Wink, der darin auch für das rohe Matrosenvolk lag, unbeachtet gelassen. Die verurteilten Weiber aber folgten dem Boot, das ihre treueste Freundin ans Land zurückbrachte, so lange als möglich mit tränenden Augen.

Doch beschränkte Elisabeth ihre Tätigkeit nicht auf die weiblichen Gefangenen von Newgate, sie zog die Verbesserung des Loses aller Sträflinge und namentlich aller jugendlichen Verbrecher in den Kreis ihrer Bestrebungen. Und weiter gründete sie Bibliotheken für die vielen in der Einsamkeit und Eintönigkeit ihres Berufs an ihrer Seele vielfach Schaden Nehmenden, für die Schiffleute, für die Schafhirten, für die Küstenwächter. Ihre Liebe hörte wirklich nimmer auf und war stets von jenem früher erwähnten Grundsatz getragen: Die Liebe zur Seele ist die Seele der Liebe.

Diese staunenswerte Tätigkeit hatte nun aber zur natürlichen Folge, dass Mrs. Fry mit der Zeit nicht nur in ihrem engern Vaterland eine Autorität, sondern geradezu eine europäische Berühmtheit wurde. Und dazu trug ohne Zweifel ihre äußere Erscheinung ein Wesentliches bei. Gewiss würde ihre Hingebung auch dann, schon der Kuriosität wegen, Anerkennung und Bewunderung gefunden haben, wenn sie bucklicht und unbeholfen gewesen wäre und wie Moses eine schwere Zunge gehabt hätte. Nun sie aber schön und anmutig, beredt und schlagfertig, gewandt und lebhaft war, so wurde sie förmlich Mode, und es galt sowohl in England als auf dem Kontinent für fashionabel, eine Unterredung mit ihr gehabt oder doch einem ihrer Vorträge in den Gefängnissen von Newgate beigewohnt zu haben. Ihre Reisen, die sich bis in die Schweiz erstreckten, und auf denen sie überall die Gefängnisse besuchte, gestalteten sich zu Triumphzügen, nicht nur für ihre edlen Bestrebungen, sondern auch für ihre liebenswürdige Person. Und da sie mit zunehmenden Jahren immer liebevoller auch von Andersdenkenden und Andersgläubigen urteilte, so wurde ihr Einfluss ein universeller. Die auf dem Gebiet der inneren Mission hervorragendsten Männer Deutschlands, Bunsen, Wichern, Fliedner, schämten sich nicht, bei Elisabeth Fry in die Schule zu gehen. Selbst König Friedrich Wilhelm IV. und seine edle Gemahlin, die im Trieb der inneren Mission unermüdliche Königin Elisabeth, bereiteten der englischen Kaufmannsfrau zu Berlin den liebevollsten Empfang und statteten ihr ungesäumt in Newgate einen ehrenvollen Gegenbesuch ab, wobei sie sich aufs Eingehendste von ihr über die betreffenden Einrichtungen unterrichten ließen.

Alle diese Huldigungen aber verdarben Elisabeth Fry nicht. Ihre eigene, oft geäußerte Besorgnis, der Beifall der Menschen könnte ihr zu lieb werden und könnte die reine Lust, Gott zu dienen, in ihrem Herzen beeinträchtigen, ging nicht in Erfüllung. Auch hielt sie Gott durch ernste Erlebnisse im engern Kreise: den Verlust ihres Vermögens, den Tod geliebter Kinder und Kindeskinder, bis zuletzt in seiner Schule. Fern von aller Selbstgerechtigkeit und pharisäischer Sicherheit sah sie dem Tod, als dessen Vorboten sich einstellten, mit einer gewissen, übrigens vielen energischen Menschen eigenen Bangigkeit entgegen. Die letzten Worte, die man am 13. Oktober 1845 von ihren erblassenden Lippen vernahm, war die Bitte: „O mein geliebter HErr, hilf deiner Dienerin und bewahre sie!“ Und ähnlich hat ja auch Vinet sein tatenreiches Leben beschlossen, nicht mit einem siegesfrohen Glaubenswort, sondern mit der demütigen Bitte: „Seigneur, aie pitié de moi!“

Eine ganz andere Physiognomie als das Leben dieser kinderreichen Tochter Albions trägt das Bild des deutschen Fräuleins, des Ideals einer alten Jungfer, auf welche mit bestem Recht im Hinblick auf Tausende von Kindermüttern das Wort des Propheten angewendet werden kann: „Die Einsame hat mehr Kinder, als die den Mann hat“ (Jes. 54,1). Doch finden wir auch bei ihr einen großen Kontrast zwischen der Jugend und der späteren Entwicklung: einer freudelosen Kindheit folgt ein seliges Alter, auf nüchternem Verstandesboden entwickelt sich ein reiches Gemütsleben, und an die Stelle trübsinniger Verschlossenheit und Vereinsamung tritt ein mächtiges Wirken auf immer weitere Kreise.

Amalie Wilhelmine Sieveking wurde geboren zu Hamburg im Jahre 1794. In ihrer angesehenen Familie war seit langem Tatkraft und Selbstbewusstsein, daneben aber auch ein vollkommener Rationalismus zu Hause. Frühe verwaist und ohne irgendwelche empfehlenswerte äußere Eigenschaft, ließ sich das Kind, welches übrigens durchaus keinen Mangel leiden musste, von dem Gefühl beherrschen: Niemand hat mich lieb, kein Mensch nennt mich: „liebes Malchen“. Zur jungen Tochter herangewachsen, fand sich Amalie von den kleinen häuslichen Pflichten, der Lektüre, der Handarbeit und der Geselligkeit nicht befriedigt. Sie sehnte sich nach einem bestimmten, Geist und Herz befriedigenden Beruf, und ihre Liebe zu Kindern ließ sie diesen finden. Zunächst unterrichtete sie bloß Eine Schülerin, ein im gleichen Haus wohnendes Töchterlein. Allmählich aber wurde ihr Talent bekannt, und als sie 19 Jahre alt war, zählte sie schon eine sechsköpfige Schule, dabei blühte ihr Herz so auf in Liebe, dass sie sich nicht entschließen konnte, von den Eltern ihrer Schülerinnen eine Bezahlung anzunehmen, sondern im Gegenteil neben ihrer eigenen Schule, welche aus den gebildeten Ständen stets neuen Zuwachs erhielt, auch noch bei einer Armenschule mitwirkte. Mitten in jenen ersten Anfängen selbstständigen Wirkens wurden ihr auch durch den seligen Heimgang eines heißgeliebten Bruders die Augen für das Eine Notwendige geöffnet, für den Frieden mit Gott durch Jesum Christum. Und von nun an hieß es bei ihr: „Alle Erziehung, die nicht vorzugsweise darauf ausgeht, dass dem Kind dieser Glaube das Leben des Lebens werde, ist nichts als elendes Flick- und Pfuschwerk!“. Mit ganz anderer Freudigkeit als bisher erteilte sie jetzt den Religionsunterricht in ihrer Schule, und auch ein anderer, schon früher gefasster Plan tauchte nun mit neuer Lebendigkeit in ihr auf.

Es hatte sie nämlich schon in ihrer frühen Jugend der Gedanke oft beschäftigt, ob nicht die evangelische Kirche die Pflicht hätte, dem katholischen Institut der barmherzigen Schwestern etwas Ähnliches gegenüber zu stellen, und in ihrem dunkeln Trieb, sie müsse ein großes Werk vollbringen, hatte ihr dies Ziel lange vor Augen geschwebt. Damals war ihre Schule in den Vordergrund getreten. Aber jetzt, wo nicht mehr der natürliche Tatendrang, sondern der göttliche Trieb der Liebe sie beseelte, prüfte sie den Gedanken aufs Neue, legte ihn auch einigen Freunden vor, die als Genossen desselben liebenden Glaubens ihr als zuverlässige Berater erschienen: Gossner, Wichern und Neander. Trotzdem diese zustimmten, würde sie doch aus natürlicher Schüchternheit und auch aus zarter Rücksicht auf die greise Pflegemutter, der sie sich zunächst zu dienender Liebe verpflichtet fühlte, nicht gewagt haben, zur Ausführung zu schreiten, wenn nicht ein besonderes Ereignis eingetreten wäre. Es war im Sommer 1831, da erschien in Hamburg die Cholera, und mit ihr als unvermeidlicher Begleiter ein panischer Schrecken. Niemand wollte in den Dienst des für die Cholerakranken errichteten St. Enricus-Hospitals treten. Ohne Zögern stellte sich Amalie Sieveking, begleitet von den Segenswünschen ihrer Pflegemutter, den Behörden zur Verfügung. Viele schüttelten zwar den Kopf und namentlich die Ärzte zweifelten sehr daran, ob die „Schwärmerin“ den Anstrengungen des Wachens und der ekelhaften Pflege werde gewachsen sein. Bald aber zeigte es sich, dass die Kraft ihrer Selbstverleugnung die Abhärtung der geübtesten Krankenwärterin übertreffe. Sie wurde zur Vorsteherin des gesamten Pflegepersonals ernannt. Doch verbat sie sich alle Vorteile besserer Beköstigung, die man ihr anerbot, und zwar durchaus nicht, um sich selbst zu kasteien, sondern um durch das Beispiel der Entbehrung ihre Untergebenen für die Beschwerden ihres Berufs desto williger zu machen.

Dennoch ward es ihr nicht vergönnt, aus dieser glänzenden Prüfung ihrer eigenen Tüchtigkeit auch mit dem Entschluss hervorzugehen, dass ihr geliebtes Ideal: die Gründung einer protestantischen barmherzigen Schwesterschaft, nun verwirklicht werden könne, sondern im Gegenteil mit der Überzeugung, dass es ihr nicht beschieden sei, gerade in dieser Weise sich um das christliche Gemeindeleben verdient zu machen. Sie hatte bei ihrem Eintritt in das Cholerahospital durch öffentliche Blätter die Aufforderung ergehen lassen, dass während der Dauer der Seuche andere Frauen sich mit ihr zu freiwilligem Dienst verbinden möchten, aber keine Meldung war eingegangen. Diesen Misserfolg sah sie als einen Wink an, dass sie, obgleich schweren Herzens, ihr Ziel beschränken müsse. Und so gründete sie 1832 einen Verein von Frauen, welche sich zu häufigem, regelmäßigem Besuch der armen Kranken in ihrer Wohnung verpflichteten. Dieser Verein fand sofort großen Anklang. Zahlreiche tätige Mitglieder stellten sich ein und sorgten unter Amaliens Leitung in den Kammern der armen Kranken für leibliche und geistliche Nahrung, Ordnung und Reinlichkeit. Andere erboten sich, an bestimmten Tagen für die Armen zu kochen, ein wohlhabender Schlächter schickte eine Anweisung auf wöchentlich 4 Pfund Fleisch, und bald sah Amaliens Wohnung einem Magazin von Bettwerk und Kleidern gleich. Es ging nicht lange, so konnte ein Kinderspital mit 30 Betten errichtet und eine Anzahl Wohnungen für arme Familien erbaut werden. Und ehe sie sichs versah, war Amalie Sieveking das Zentrum mehrerer hundert Zweigvereine, die Beraterin von Gründungen ähnlicher Art wie die ihrige in ganz Deutschland, ja in halb Europa. Daneben blieb sie ihrem ursprünglichen Beruf der Kindererziehung treu, ja sie betrachtete denselben bis zuletzt als ihren schönsten und lieblichsten.

Welchen Grad von Arbeitskraft sie entwickeln musste, um diesem vielseitigen Berufsleben genügen zu können, das wird uns durch einen Blick auf ihre Tagesordnung anschaulich gemacht. Sie selbst berichtet einer Freundin: „Am Dienstag stehe ich um 1/2 5 Uhr auf und habe dann bis gegen 6 Uhr für die Kinder zu arbeiten. Das Frühstück wird bei der Arbeit eingenommen. Um 6 Uhr gehe ich von dem Landhaus zur Stadt und komme etwa ein Viertel nach 7 im Stadthaus an. Hier warten schon Viele auf mich, bisweilen wohl 20 und darüber, die mich zu sprechen wünschen. Das dauert in der Regel bis 1/2 9, wo ich dann nach unserm Haus gehe, die eingegangenen Briefe durchsehe, Einiges für den Unterricht vorbereite und auch, wenn es die Zeit erlaubt, noch einen Gang für die Armen, zum Arzt, in die Apotheke oder zu den Armen selbst mache. Um 10 Uhr kommen meine Kleinen zu mir und bleiben bis gegen 1 Uhr. Von 1/2 3-1/2 4 erteile ich Religionsunterricht in der Armenschule. Die Zeit von 1/2 4-5 Uhr ist entweder durch Gänge oder schriftliche Arbeiten für den Verein ausgefüllt. Im 5 Uhr versammeln sich bei mir einige frühere Schülerinnen, und ich halte mit ihnen erst eine förmliche Bibelstunde, nachher trinken wir zusammen Tee und unterhalten uns; zuletzt pflege ich noch eine sie interessierende Mitteilung aus dem Gebiet der Literatur zu machen. Um 8 Uhr gehen sie auseinander. Inzwischen sind bei mir die Berichte über die von den Damen des Vereins gemachten Armenbesuche eingelaufen. Diese Berichte, weit über 100 an der Zahl, müssen nun von mir durchgesehen werden. Diese Arbeit beschäftigt mich, so lange ich mich wach erhalten kann, doch beendigen kann ich sie vor Schlafengehen nie. Am Mittwoch Morgen wird um 1/2 5 aufgestanden und dann sogleich ans Korrigieren der mir von den Kindern gelieferten Arbeiten gegangen. Ein Viertel nach 7 Uhr wieder nach dem Stadthaus, um den Armen Audienz zu geben. Von 1/2 9-12 Schule; von 12-3 Uhr Arbeit für den Verein; 3-5 Uhr wöchentliche Versammlung des Vereins im Stadthaus; 5-6 Uhr Religionsunterricht armer, der Schule entlassener Kinder. Nachdem ich diese um 6 Uhr entlassen, habe ich bis gegen 9 Uhr Armenbesuche zu machen. Dann aber pflege ich für die letzte Stunde dieses Tages zu guten Freunden zu gehen, um in ihrer Gesellschaft und Unterhaltung mich ein wenig abzuspannen.“ In ähnlicher Weise beschreibt Amalie, die bald von ganz Hamburg nur „Malchen“ genannt wurde, die Arbeiten des Donnerstag und des Freitag. „Du findest,“ fährt sie fort, „in dein Bericht dieser Tage keine Zeit zum Mittagessen erwähnt, und die nehme ich mir auch wirklich nicht. Zwischendurch wird etwas Butterbrot, dabei vielleicht etwas kaltes Fleisch oder ein hartgekochtes Ei, gewöhnlich nur im Stehen, genossen. Das finde ich für mich vollkommen ausreichend. Auch an den drei Tagen, die ich ruhig hier außen in Othmarsen zubringe, bin ich in den Stunden, da ich mich nicht bei der Mutter befinde, mit Vorbereitungen für den Unterricht, Korrespondenz u. dgl. so vollauf beschäftigt, dass ich, obgleich in der Regel immer schon um 5 Uhr bei der Arbeit, doch manchen Tag nicht dazu komme, einen Fuß in den Garten zu setzen.“

Es war ihr vergönnt, schon im Jahre 1836 auch ihren ursprünglichen Gedanken eines förmlichen Ordens von Pflegerinnen durch die Gründung der Diakonissen-Anstalt in Kaiserswerth verwirklicht zu sehen. Auch die verwandten Bestrebungen der opferfreudigen Miss Florence Nightingale während des Krimkrieges 1855 begleitete sie mit freudiger Teilnahme. Als ihr eigener Verein im Mai 1857 sein 25jähriges Jubiläum feierte, war sie schon eine gebrochene Kraft, doch legte sie in ihrer einfach ergreifenden Weise nochmals Zeugnis ab des Glaubens und der Hoffnung, darauf sich ihr Liebeswerk erbaut und darauf es allein Bestand haben könne. Und ihr stilles Tagewerk setzte sie bis zum Winter 1858 fort; schleichend, erschöpft, oft so müde, dass sie auf den steinernen Stufen vor den Häusern ausruhen musste, ging sie der Armut nach und scheute für ihre kranke Brust weder die steilsten Treppen, noch die feuchtesten Keller. Als sie schließlich nicht mehr konnte, durfte sie auf dem Krankenlager ernten, was sie gesät hatte. Eine ihrer Armen war ihre Pflegerin; Schülerinnen und Freundinnen sorgten dafür, dass ein immer erneuter Frühling von Blumen ihr Krankenzimmer schmückte. Doch konnte auch die treuste Liebe ihr die schwersten Leiden nicht ersparen. Mit den bezeichnenden Worten: „ach HErr, ich kann nicht mehr,“ hauchte sie am 1. April 1859 ihre Seele aus. Ich erinnere mich noch lebhaft, welche Bewegung auch durch unsere Stadt Basel ging, als es hieß, diese Vorkämpferin der Armen- und Krankenpflege habe ihren Lauf vollendet, und als man erfuhr, wie sie auch durch die Anordnungen für ihr Begräbnis den Armen einen Liebesdienst habe erweisen wollen. Weil in Hamburg den armen Sterbenden die Vorstellung des Todes dadurch besonders verdüstert wurde, dass sie in schmucklosem, flachem Sarg in früher Morgenstunde hinausgetragen wurden, befahl Amalie Sieveking, man solle auch sie „arm“ begraben. Und so geschah es. Auf der Armenleichenbahre wurde in einem schmucklosen Sarg die große Armenfreundin von den gewöhnlichen Armenträgern zu der Familiengruft der Sieveking gebracht.

Solch zarte persönliche Liebe, wie sie uns aus dem Leben der edlen Amalie Sieveking entgegenstrahlt, haben auch seither noch viele Frauen in dieser oder jener Weise geübt. Welch unermessliche Dienste an Kranken- und Sterbebetten und auf anderen Gebieten der christlichen Liebestätigkeit haben allein schon nicht Alle, aber doch Viele der 4000 bisher aus den verschiedenen Diakonissen-Anstalten hervorgegangenen Schwestern dem Reich Gottes geleistet. Auch in anderen Stellungen haben Frauen unseres Jahrhunderts eine reichgesegnete Wirksamkeit entfaltet. Wie manche Pfarrfrau hat in der Gemeinde ihres Mannes durch ihre Samariter-Dienste reichere Früchte hervorgebracht als der Prediger selbst mit seinem pharisäischen Formalismus. Und wie oft ist einem ausgezeichneten Mann Gottes das Wirken auf weite Kreise wesentlicher erleichtert worden durch den Frieden, den die verständnisinnige Liebe seiner Frau in seine Seele gesenkt hatte. Blättern Sie z. B. im Leben Vinets, so wird Ihnen fast auf jeder Seite jene eminent liebenswürdige Frau entgegentreten, welche erst lange Jahre nach ihrem Manne und ihren Kindern sterben durfte und dennoch bis ins höchste Alter die Krone ihrer Jugend, die Anmut echten christlichen Liebreizes behielt. Auf dem Angesicht der freundlichen Matrone, die sich mit berechtigtem Stolz nie anders als „Veuve Vinet“ unterschrieb, war das Leuchten der ersten Liebe noch unverwischt zu erkennen. Ein Blick genügte, um zu sehen: diese Frau hat die innerste Mission, die es für ein weibliches Leben gibt, vollständig erfüllt, sie hat Glück und Behagen, Segen und Frieden verbreitet in ihrem Haus.

Für diesen göttlichen Beruf des weiblichen Geschlechts Junge und Alte anzuwerben, das haben sich in unserm Jahrhundert manche Schriftstellerinnen zur schönen Aufgabe gemacht. Diese gehören wahrlich auch zu den Arbeiterinnen der inneren Mission. Mit aller Anstrengung des Geistes haben edle Frauen die Schmach zu tilgen gesucht, welche eine frivole weibliche Büchermacherei auf ihr Geschlecht gehäuft. Von den Vielen, die hier zu nennen wären, will ich nur an Eine erinnern, bei welcher Wahrheit und Dichtung, Leben und Schriftstellerei in seltener Harmonie standen, an Ottilie Wildermuth, eine der besten und wohl auch die Bekannteste der deutschen Schriftstellerinnen.

Ottilie Nooschütz, geb. 1817, gest. 1877 als viel betrauerte Gattin des Tübinger Professors David Wildermuth, hat vor Allem eine schöne Jugendzeit gehabt. Sie sagt selbst in ihren Jugenderinnerungen, ihr sei es nicht gegangen wie jenem armen Tagelöhner, der zu erzählen pflegte, wie er nach seiner Geburt die Augen aufgemacht und die rußige Stube mit den trübseligen Leuten drin gesehen habe, da sei sein erster Gedanke gewesen: „holah, da bist lez abgstiegen.“ Ihre trefflichen Eltern handelten bei der Erziehung nach dem guten Grundsatz: „viel gewehrt macht viel verkehrt.“ Alles mögliche Nützliche musste die Tochter lernen, im Übrigen aber ließ man ihr die harmlose Freude der Jugend, die nicht nur schöne Erinnerungen zurücklässt, sondern Einem für sein ganzes Leben ein freundliches Gepräge gibt. Und wer in späteren Jahren in dem Haus der Vollendeten deren hochbetagte und doch allezeit muntere und geistesfrische Mutter gesehen hat, der weiß, woher unsere reichbegabte Freundin ihre gesunden, gutschwäbischen, frommen und fröhlichen Lebensanschauungen geerbt hatte. Dass diese auch in Leid und Krankheit stets ungetrübt blieben, ist natürlich nicht zum Mindesten dem Umstand zuzuschreiben, dass ihr als Gattin und Mutter ein glückliches und gesegnetes Los beschieden war. Auf ihren ganzen höchst einfachen Lebensweg wandte sie den Spruch an: „der HErr hat alles wohl gemacht.“

Damit hat sie zugleich selbst die Grundfarbe ihrer zahlreichen Schriften angegeben. Ihr war mit ihrer ganzen Schriftstellerei bloß darum zu tun, die höchste Freude zu bereiten, die man Anderen bereiten kann, ihnen nämlich zu zeigen, wie man mit Gottes Hilfe seine Verhältnisse zu glücklichen gestalten könne. In diesem Fach war die selige Wildermuth mit ihren prächtig erzählten „Geschichten“ und ihren lebenswarm gemalten „Bildern“ eine wahre Lehrmeisterin. Bald leistet sie an einem traurigen Beispiel den besten Beweis, wie töricht es ist, dem lieben Gott aus der Schule zu laufen, sich selbst und Anderen durch unfügsames, selbstisches Wesen das Leben zu verbittern; bald führt sie mit warmer Hand an ein bescheidenes Plätzchen, in ein Witwenstübchen, zu einer alten Jungfer oder in ein geldarmes, aber kinderreiches Pfarrhaus, um zu zeigen, dass stiller Glaube und stille Liebe auch das engste Haus zu einem freundlichen Asyl für seine Bewohner und für seine Besucher machen können. Und was die berühmte Schriftstellerin als Ideal, sei es in höherem oder tieferem Ton, hier ergötzlich, dort ergreifend in die weite Welt hinausgeschrieben hat, das hat die schlichte Hausfrau in der kleinen Welt ihrer eigenen Häuslichkeit mit seltenem Geschick verwirklicht.

Lebhaft bin ich an das Wildermuthsche Haus erinnert worden, als ich in einem Aufsatz über die Bedeutung des christlichen Hauses für die innere Mission folgende schöne Beschreibung der wahren Gastfreundschaft las: „Jesus ermahnt, mit Einladungen nicht zu markten, nicht zu geben, damit man wieder empfange, sondern Liebe an den Hilfsbedürftigen zu üben. Krüppel und Lahme finden zwar jetzt ein Gastrecht in dem Staatshaushalt. Doch gibt es noch allerwege Einsame, Fremdlinge und Schutzbedürftige genug, für welche die Einladung in ein gastliches Haus eine Barmherzigkeit ist. Da wohnt der Segen Gottes bei offenen Türen, wo arme alte Seelen den Fluch der Einsamkeit vergessen; wo verkühlte und verknöcherte Herzen sich erinnern, dass sie auch einst Kinder waren und Liebe genossen und darum auch immer noch Liebe schuldig sind; wo Witwen und Waisen merken, dass mit ihrer Häuslichkeit das Heimatsgefühl nicht zu Grab gegangen ist; wo die fremde Jugend das Heimweh nicht nur bekommt, sondern überwindet; wo die Unerfahrenheit belehrt und die Schwachheit freundlich ermutigt wird; wo Recht, Zucht und Wahrheit sich stark fühlen, aber Lüge und Unsauberkeit sich fürchten müssen, wo Jeder aufgenommen wird, als brächte er viel mit, und jeder Abschied nimmt als Einer, der viel empfangen hat. Welche reiche Segensströme können ganz im Stillen aus einem gastlichen Hause fließen, wo man die Eintracht von Christentum und Geselligkeit versteht und vollzieht.“

Um solche Gastfreundschaft ausüben zu können, bedarf es keiner reichen Mittel, sondern nur eben des guten Willens, Anderen zu dienen und ihnen Freude zu bereiten. Wie viel eine einzelne Frau, von diesem Wollen beseelt, erreichen kann, das haben wir Alle an dem Beispiel einer erst vor wenigen Jahren aus unserer Mitte Hinweggenommenen sehen können. Sie wissen wohl Alle, wen ich meine: Trinette Bindschedler, die Gründerin und langjährige Vorsteherin unserer Diakonissenanstalt. Ihr hatte ein schmerzliches Erlebnis in der Jugend das Herz nicht gebrochen, noch viel weniger verengert oder verknöchert. Sieben und zwanzig Jahre lang ist sie den zahlreichen Schwestern eine Mutter im besten Sinne des Wortes, den Kranken Arzt und Pflegerin in Einer Person und Allen, die in den Tagen der Trüb al mit Bitte um Hilfe bei ihr vorsprachen, Trost und Erquickung gewesen. In ihrer ungeheuchelten Demut lag das Geheimnis ihrer Arbeitskraft und ihrer Anziehungskraft. Ihre Demut war der Grund, warum das kleinste Gespräch mit ihr erbaulich war, ohne es sein zu wollen, und warum Niemand sie verließ ohne das Gefühl, etwas empfangen zu haben.

Und so sind wir denn von unserer Kirchengeschichtlichen Reise durch alle Zeiten und durch alle Länder in die Gegenwart und vor die Tore unserer Stadt zurückgekehrt. Wir haben von jenem Schöpfungs-Tage, da es hieß: „ich will dem Manne eine Gehilfin machen“, bis zum heutigen Tag, wo auch den Frauen die Losung der Emanzipation ausgeteilt wird, an den verschiedensten Frauengestalten beobachten können, dass es für die Frau wie für den Mann bei dem Wort Jesu sein Bewenden hat: „es sei denn, dass Jemand von Neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Zutritt zu Gottes Reich und Wert für Gottes Reich hat auch die Frau, nur wenn und nur insoweit sie ihren natürlichen Willen dahingibt und Gottes Willen lässt leben in sich.


Die Ruhestätten des Menschensohnes.

Sieben biblische Betrachtungen für sinnende Gemüter

von

E. Quandt, Pastor der deutsch-evangelischen Gemeinde im Haag.

Herausgegeben und verlegt von dem Haupt-Verein für christliche Erbauungsschriften in den Preußischen Staaten.

Berlin 1868. Zu haben im Magazin des Haupt-Vereins, Klosterstraße Nr. 67.

Quandt, Emil - Die Ruhestätten des Menschensohnes - Vorwort.

Des Menschen Sohn ist uns in allen Stücken, außer in der Sünde, gleich gewesen in den Tagen seines Fleisches, auch darin, dass er ein Gast und Fremdling gewesen ist auf Erden. Auch sein Leben war ein Pilgersstand und was für einer! Auch er hat hier keine bleibende Stadt gehabt, sondern die zukünftige gesucht; auch er ist ein Wanderer gewesen im Tal dieser Tränen; auch auf ihn passt das Verslein: Ich bin ein Gast auf Erden und hab' hier keinen Stand. O ihr Wanderer der Erde, wird euch die Pilgrimschaft hin und wieder schwer, so seht auf Jesum Christ, den Anfänger und Vollender unseres Glaubens, der, ob er wohl Gottes Sohn war, es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an und ward ein Mensch und ein Pilger auf Erden, gleich wie wir, und zog uns siegreich voran durch Wüstensand auf rauer Bahn nach Kanaan! Denn Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Er wurde geboren von einem Weib, aber er fand keinen Raum in der Herberge, sondern musste mit der Krippe eines Stalles vorlieb nehmen. Er ging zu sterben für die Erlösung der Welt, aber er fand kein Sterbekissen für sein Haupt voll Blut und Wunden, sondern angenagelt an ein Holz hat er sein Haupt geneigt und ist verschieden. Und auch zwischen Krippe und Kreuz ist er heimatlos auf dieser armen Erde umhergewandelt und hat klagen müssen: Die Füchse haben ihre Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben ihre Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege. Er ist umher gegangen von Dan bis Bersaba, alles Verlorene zu suchen und selig zu machen; er hat selbst Samaria und die Grenzen von Tyrus und Sidon nicht ausgeschlossen von seiner Segen spendenden Gegenwart: er hat bei alle dem für sich selbst keine Heimat gehabt auf Erden, er ist ein Pilgrim gewesen hienieden, ein Wanderer nach der Stadt mit den goldenen Gassen. „Meines Jesu Pilgerbahn durch das dunkle Tal der Tränen schau ich mit Verwundern an und mit großem Herzenssehnen. Selig, wer zum Himmel an wandeln geht auf Jesu Bahn.“

Dennoch gleichwie gewöhnliche Menschenkinder während ihres Pilgerlaufes auf Erden hie und da einige Rast- und Bleib-Stätten finden, wo sie für kürzere oder längere Zeit ihr Haupt hinlegen können, so hat es auch für den großen himmlischen Wanderer auf Erden zwischen Krippe und Kreuz, zwischen Bethlehem und Golgatha hin und her einige Häuser gegeben, in denen seines Bleibens länger war, als anderswo, Stätten der Ruhe und Rast, Reifestationen des Menschensohnes, die auf ewig geweiht sind durch seinen Aufenthalt. In diesen seinen Ruhestätten, wenigstens in den vorzüglichsten, den Heiland aufzusuchen, an denselben Ihm nahe zu treten, Ihn anzubeten, von Ihm zu lernen, ist die Aufgabe der folgenden Betrachtungen. Wir wollen sein Vaterhaus in Nazareth und dann sein Vaterhaus in Jerusalem besuchen; wir wollen darauf das Hochzeitshaus in Kana, das Fischerhaus in Kapernaum, das Pharisäerhaus in Nain, das Zöllnerhaus in Jericho und zuletzt das Freundeshaus in Bethanien mit einander betreten, in allen diesen sieben Häusern uns sonnend in dem Lichte der Herrlichkeit unsers Mittlers.

Der Herr, unser Gott, wolle zu diesen Betrachtungen uns in Gnaden seinen Segen verleihen, dass von den Ruhestätten des Menschensohnes auf Erden Weihe ausströme für die Herbergen, die uns selber der himmlische Vater für unser Wanderleben hienieden geschenkt hat.

Quandt, Emil - Die Ruhestätten des Menschensohnes - 1. Das Vaterhaus in Nazareth.

Ev. Lukas 2,39.40.
Und da sie Alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie wieder in Galiläa zu ihrer Stadt Nazareth. Aber das Kind wuchs und ward stark im Geist voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm.

Nach Nazareth wandern wir zuerst, in dasjenige Haus, in welchem unser Heiland nach seiner Geburt in Bethlehem und nach seiner Flucht gen Ägypten die erste und die längste gastliche Aufnahme gefunden hat. Es ist das Haus Josephs, des frommen Zimmermanns. Es bedarf vielleicht vorweg der Verteidigung, wenn wir das Haus Josephs in Nazareth das Vaterhaus des Menschensohnes nennen; es könnte scheinen, als ob dieser Name zu hoch gegriffen sei. Denn wenn der Heiland selbst von seinem Vaterhaus spricht, so hat er gar andre Stätten im Sinne als das Häuslein des Zimmermanns in Nazareth. Von dem Himmel spricht er, wenn er sagt: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“; und auf Erden hat nur der Tempel zu Jerusalem, dem unsere nächstfolgende Betrachtung gelten soll, die große Ehre, von ihm ausgezeichnet zu werden durch das Wort: „Muss ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist?“ Allein so wahr es ist, dass Jesus Christus wahrhaftiger Gott ist, vom Vater in Ewigkeit geboren, von dem Vater geboren, dessen Thron im Himmel ist und dessen Tempel in Jerusalem stand; so hat doch nicht bloß die blinde, ungläubige Welt den Herrn der Herrlichkeit als einen Sohn Josephs von Nazareth bezeichnet und darum dem Mittler noch über sein Kreuz auf Golgatha geschrieben: Jesus Nazarenus; sondern es ist auch für gläubige Gottesmenschen unverfänglich, dem Gatten der Gebenedeiten unter den Weibern, dem männlichen Pfleger des göttlichen Kindes, den Ehrennamen eines Vaters des Menschensohnes zu geben. Denn Maria selbst spricht zu ihrem Kind: „Mein Sohn, warum hast Du uns das getan? Siehe Dein Vater - damit meint sie Joseph und ich haben Dich mit Schmerzen gesucht!“ Das Geheimnis der göttlichen Geburt des Menschensohnes war Maria und Joseph bekannt, aber dem Knaben blieb es verborgen in heiliger Zartheit, bis es sich selber ihm offenbarte beim Tempelgang. Bis dahin wuchs er auf als Josephs und Mariens Sohn, und Josephs Haus war ihm das Vaterhaus.

Es ist nicht viel, was uns die Heilige Schrift über dasjenige Haus mitteilt, in welchem des Menschen Sohn die längste Zeit seiner irdischen Wallfahrt hindurch gewohnt und geweilt hat. Menschlicher Vorwitz hat mit allerlei Legenden den geheimnisvollen Zeitraum der Kindheits- und Jugendgeschichte des Herrn ausgefüllt. Die Schrift aber führt uns diese Zeit fast wie einen verschlossenen Garten vor, und es sind nur wenige und kleine Öffnungen, die die Evangelisten brechen. Der Evangelist Lukas berichtet verhältnismäßig noch das Meiste über Nazareth, die andern Evangelisten ergänzen ihn nur hie und da. Es wird zu den Beschäftigungen der Heiligen im Lichte gehören, das ganze reiche Gewebe des Lebens des Sohnes Gottes im Fleisch auch in seinen ersten, zartesten Goldfäden anzuschauen, bewundernd zu betrachten, ehrfurchtsvoll anzubeten; so lange wir unter dieser Sonne wallen, ist alle unsere Erkenntnis Stückwerk, auch unsre Erkenntnis von dem Leben Jesu Christi auf Erden und sonderlich die von seinem jugendlichen Leben. Immerhin aber erfahren wir durch die beiden an die Spitze dieser Betrachtung gestellten Lukasverse und durch die wenigen andern zerstreuten Nachrichten der Evangelisten über das Vaterhaus des Menschensohnes in Nazareth genug, um in der andächtigen Betrachtung desselben Erbauung für unsere inwendigen Menschen unter Gottes Gnade zu gewinnen. Sowohl das Haus des Kindes als auch das Kind im Hause gibt uns mancherlei zu denken und zu bedenken.

Da Maria und Joseph Alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, das heißt, da sie als fromme und gottesfürchtige Israeliten das wunderbare Kind am achten Tage beschnitten und am vierzigsten dem Herrn, der es gegeben, geweiht hatten; und da so ergänzen wir aus dem Evangelium Matthäi sie mit dem Kinde um Herodis willen nach Ägyptenland entwichen und als Herodes gestorben war, auf Gottes Befehl wieder in das Land Israel gekommen waren, da kehrten sie wieder in Galiläa zu ihrer Stadt Nazareth, auf dass, so lesen wir wieder bei Matthäus, erfüllt würde, das da gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazarenus heißen. „Er soll Nazarenus heißen“ so hatten die heiligen Seher Israels, die Aussager der göttlichen Ratschlüsse, geweissagt von dem, der da kommen sollte ein Licht zu erleuchten die Heiden und zum Preise seines Volkes Israel. Aber das steht gar nicht im Alten Testament, so witzelt frech und spöttisch der gelehrte Unglaube; wohl redet Micha von Bethlehem Ephrata, dass dort geboren werden sollte der Christus seines Volks; aber dass er dreißig Jahre lang sein irdisches Vaterhaus in Nazareth haben sollte, davon redet auch nicht ein einziger der Propheten. O was muss doch die Heilige Schrift sich für Unbilden gefallen lassen von den klugen Söhnen dieser Zeit, die statt der Besserung zu Gott im Glauben allerlei törichte Fragen aufbringen, wollen der Schrift Meister sein und wissen nicht, was sie sagen oder was sie sehen. Allerdings der Name des Städtleins Nazareth wird im Alten Testament an keiner einzigen Stelle genannt; das Städtlein hieß mit Recht Nazareth d. i. schwaches Reislein, denn es war ganz klein und namenlos und unbedeutend, so tief verachtet bei den Juden, dass auch ein Nathanael fragen konnte: Was kann von Nazareth Gutes kommen? Aber eben das hatten alle Propheten geweissagt, dass das Leben des Messias auf Erden von Anfang an in die tiefste Niedrigkeit werde gehüllt sein. Davon hatte Jeremias gezeugt, dass der große Davidssohn als ein armes Gewächs aufsprießen werde; so hatte auch Sacharia gesprochen: „Siehe, der Mann, der des Herrn Tempel bauen wird, heißt Zemah, das ist, ein armes Reislein; und der Prophet Jesaias Kap. 11,1. hatte verkündigt, dass der Messias als ein kleiner Wurzelsprössling hebräisch Nezer, dasselbe Wort wie Nazareth, als ein Nezer aus dem abgehauenen Stamme Isais aufschießen würde. So hatten ja denn die Propheten allerdings nach Geist und Buchstaben geweissagt: „Er soll Nazarenus heißen;“ und der unscheinbare Lebenslauf des Menschensohnes in dem verborgenen Zimmermannshaus in seiner verachteten Vaterstadt Nazareth war die wunderbare Erfüllung dieser uralten Weissagungen.

Ein Trost und eine Weisung in Beziehung auf die unscheinbaren Existenzen auf Erden. Wohl mögen die Sprossen hochadliger Geschlechter es als eine Gnade preisen, wenn sich mit ihren Jugenderinnerungen das Andenken an hohe väterliche Hallen und der Rückblick auf eine glorreiche Ahnenreihe verwebt; und wenn die Gewaltigen und gnädigen Herren dieser Welt mit solchen Erinnerungen im Herzen denken und sprechen, wie jener deutsche Kaiser Maximilian, so ist es wohlgetan. Demselben schrieb nämlich einst ein Spötter an eine Wand seines Schlosses: Als Adam hackt' und Eva spann, wo war damals der Edelmann?“ Der Kaiser las es und schrieb darunter: „Ich bin ein Mann wie ein andrer Mann, nur dass mir Gott der Ehren gann25).“ Aber so unverwehrt es ist, sich dankbar zu freuen hohen und edlen Ursprungs, so widerchristlich und widerwärtig ist jede hoffärtige Erhebung über Menschen dunkler und niedriger Existenz. Seitdem der Sohn Gottes, der Herr aller Herren, ein Nazarener geworden ist, ist auch die Armut geweiht, auch die Niedrigkeit geadelt. Hast du deine Kinderträume nicht im Ahnensaale eines väterlichen Schlosses geträumt, sondern in einem Bürgerhaus oder in einer Tagelöhnerhütte; hast du deine Jugendspiele nicht im Schatten uralter Stammbäume gespielt, sondern im namenlosen Gärtlein unbekannter Eltern: auch du bist ein Mann, wie ein andrer Mann, und wenn du an das Kind von Nazareth glaubst, bist du vor Gott und seinen Engeln sogar ein sehr vornehmer Mann, ein Heiliger und Geliebter Gottes, ein Auserwählter des Herrn. Es hatte vor Menschen nicht großen Glanz das schwache Reislein Nezer in dem verachteten Nazareth, der Reisleinstadt und doch war dieses Reislein das Kind, dem alle Engel dienen, der Sohn, der alle Dinge trägt mit seinem kräftigen Wort. So leben Manche ihre Jugendzeit, ihre Lebenszeit dahin, ungenannt und unbekannt, ohne Glanz und ohne Schein; und doch wenn sie durch das Blut des Nazareners mit dem großen Gott versöhnt und in einfältigem Glauben an seinen Namen Kinder des Höchsten geworden sind, dann sind sie Adlige der Ewigkeit, auf denen das Wohlgefallen des Allmächtigen ruht, an denen die Engel Gottes ihre Lust und Freude haben. Nazarener wohl ist das ein Name der Niedrigkeit auf Erden, aber es ist zugleich ein Name der Herrlichkeit im Himmel. In den Himmel kommen nur solche Erdensöhne, die Nazarener sind, voran der große Nazarener Jesus Christ, Ihm nach die an ihn glauben und in aller seiner Niedrigkeit seine Herrlichkeit erkennen. Auch die Fürsten und Gewaltigen dieser Erde, wenn sie an die Himmelstür klopfen, erhalten nur dann Einlass, wenn sie alle ihre menschliche Herrlichkeit draußen lassen und als arme Nazarener kommen. Was kann aus Nazareth Gutes kommen? Der ewig gute Sohn Gottes und die Schar der durch sein Blut Erlösten.

In Nazareth stand Jesu Elternhaus. Es war ein armes Haus, das ist wahr, aber nimmermehr ein Bettlerhaus; es ist ebenso unschicklich, als unbiblisch, wenn man des Menschen Sohn einen Bettler nennt. Es ist unschicklich; hatte Gott selbst den Israeliten durch das Gesetz Mosis geboten: „Es soll allerdings kein Bettler unter euch sein“ 5 Mose 15,7., so wäre es gegen alle göttliche Würde gewesen, wenn Gott seinen eigenen eingeborenen Sohn als Bettler unter Israel hätte auftreten und wandeln lassen; wir aber dürfen Christum nicht ärmer machen, als Gott selbst ihn gemacht hat. Es ist unbiblisch; denn Joseph war ein Zimmermann, also ein ehrsamer Handwerker, der mit der Arbeit seiner Hände sich und seine Hausgenossen redlich ernährte und versorgte. Der Betrieb eines Handwerks aber war unter Israel nicht einmal etwas Erniedrigendes; die angesehensten Schriftgelehrten trieben damals zu ihrem Lebensunterhalt ein Handwerk. dass Alle, denen von der Stirne heiß rinnen muss der Schweiß, die mit ihrer Hände Arbeit sich und die Ihrigen durch die Welt bringen, bedächten, welche Glorie Gott der Herr über den ganzen Handwerkerstand ausgegossen hat, da er seinen eingeborenen Sohn im Fleisch für die Zeit seiner Zurüstung zu seinem Mittleramt gerade einem Handwerkerhaus anvertraut hat! Wie wunderbar ist das doch: gerade an demselben Stand, an welchem sich das bittere Wort von 1 Mose 3 am buchstäblichsten erfüllt hat: „Im Schweiß deines Angesichtes sollst du dein Brot essen!“ gerade an diesem Stande hat sich auch das süße Wort von 1 Mose 3, das Wort vom Weibessamen, der der Schlange den Kopf zertreten sollte, am buchstäblichsten erfüllt; von einem Weib aus dem Handwerkerstande ist Christus geboren, und in einem Handwerkerhaus ist der erhabene Zögling Gottes auferzogen, ja wohl selbst zum Handwerk angehalten worden. Wahrlich es ist wahr, was einmal ein alter Gottesgelehrter gesagt hat: Es gibt keinen besseren Beweis für die Göttlichkeit der Heiligen Schrift als den, dass Alles so schön zusammenstimmt.

Wir gedachten der Stadt, in der das Vaterhaus des Menschensohnes stand, und des Standes, in dem seine Eltern lebten; aber wie sehr Umgebung und Lebensverhältnisse für die Entwicklung des Kindes von Einfluss sind, so ist doch das, was im Wesentlichen das Vaterhaus zum Vaterhaus macht, nicht die Lage, weder die äußere, noch die innere, sondern das sind die Eltern selbst, das sind Vater und Mutter nach ihren persönlichen Eigentümlichkeiten, vor Allem nach ihrer persönlichen Stellung zum ewigen Gott. Ob Vater und Mutter Glauben haben oder Unglauben, Liebe oder gleichgültiges Wesen, Hoffnung oder Resignation; ob sie nach den Geboten Gottes oder nur nach den Geboten des Anstandes leben, das gibt dem Vaterhaus seine besonderste Eigentümlichkeit, die sich dem Kinde als Erbteil aufprägt. Das ist die ärmste Armut auf Erden, und ich weiß kein schmerzlicheres Leid, als wenn ein Menschenkind ein Vaterhaus hat, in dem das Heilige verleugnet oder gar verlästert wird, in dem niemals die Bibel gelesen, in dem niemals ein Psalm gesungen wird, in dem sich nie die Knie beugen zum Gebet und nie die Hände sich falten zum Dank. Solch ein Vaterhaus ist, wenn es auch eine noch so lächelnde Außenseite hätte, ein Räuberhaus, in dem das arme junge Blut bestohlen wird, betrogen wird um Gefühle und Eindrücke von unersetzlichem Werte. Verheiratet zu sein, eine Familie zu haben, ist eine sehr ernste und heilige Sache, und es ruht auf denen, die den Vater- und Mutternamen führen, eine Verantwortung von ewiger Bedeutung. Die es nicht um ihrer selbst willen wähnen nötig zu haben, sollten um ihrer Kinder willen die Bibel, den Heiland, die Frömmigkeit ins Hauswesen aufnehmen; sonst möchten einst ihre Kinder im Gefühl ihres Elends ihnen über ihrem Grab fluchen und sprechen: Man hat mich in meinem Vaterhaus viel Dinge gelehrt, aber nicht das Eine, was not ist; man hat mir Gold und Silber mitgegeben, eine Hand voller Sand, Kummer der Gemüter, aber nicht den Schatz der Gottseligkeit; man hat mich schon in den Morgenstunden meines Lebens um meinen Glauben gebracht, wo soll ich ihn nun finden? Allen christlichen Eltern zum leuchtenden Vorbild steht das Haus Josephs und Marias da. Das Vaterhaus des Menschensohnes war ein frommes Haus. Es hat ja, ganz abgesehen von biblischen Nachrichten über Joseph und Maria, der Schluss seine gute Berechtigung: Das Haus, dem Gott der Herr seinen Sohn anvertraute, muss das gottseligste und gottvertrauendste Haus gewesen sein von allen Häusern in der weiten Welt; die Hütte, in welcher die Knospe des Messias sich zur Blume entfaltete, muss diejenige Hütte gewesen sein, in der sich alle messianische Sehnsucht und Ahnung, die je durch israelitische Herzen rauschte, wie in ihren Brennpunkt zusammenfasste. Aber wir haben auch das unmittelbare Zeugnis der Schrift für die Frömmigkeit Josephs und Marias. Dass sie Alles nach dem Gesetz vollendeten, ist ein Lob, jenem ähnlich klingend, das die Schrift über das priesterliche Ehepaar Zacharias und Elisabeth ausspricht, wenn sie von demselben sagt: Sie wandelten in allen Geboten und Satzungen, nämlich der alttestamentlichen Gerechtigkeit, untadelig. Joseph gehört zu denjenigen Gestalten der heiligen Geschichte, die etwas Henochartiges haben: geräuschlos treten sie auf, führen ein gottseliges Leben in aller Stille und Ehrbarkeit und geräuschlos verschwinden sie wieder. Wie jener berühmtere Joseph des Alten Testamentes, so erhält auch dieser neutestamentliche Joseph seine Offenbarungen durchweg in Träumen, ein Zeichen eines in Einfalt, Demut und Lauterkeit zu Gott gewandten Gemüts. Was in den Träumen ihm durch Gott und seinen Engel gesagt wird, das führt er aus mit hohem Glaubensmut; der Grundsatz seines Lebens war: Was Gott gebeut, das muss geschehn; das Andre wird der Herr versehn. Die Hochachtung und zarte Fürsorge für den Ruf seiner Verlobten, die heilige Schonung des Weibes, die er übte, kennzeichnen ihn nicht nur als einen gerechten, sondern auch als einen milden Mann. Dass er später in Jerusalem den Jesusknaben mit Schmerzen sucht, beweist große Liebe und herzliche Sorge, die er für das wunderbare Kind seines Hauses hatte: Wollte Gott, die christlichen Männer unserer Tage wandelten in den Fußtapfen dieses gerechten, dieses milden, dieses zärtlich liebenden Mannes! Wir haben in der heutigen Christenheit genug berühmte Männer, genug gelehrte Männer, mehr als genug geistreiche Männer; aber der Männer, die voll heiliger Ehrfurcht vor dem allmächtigen Gott, voll geweihter Milde gegen ihre Gattinnen, voll echter Liebe zu ihren Kindern ihre Tage verleben, sind nicht allzu viele und doch gibt der eigne Weinstock und Feigenbaum, so klein er auch fein mag, dem Mann viel labenderen Schatten, als die vielgerühmten Lorbeerbäume der Außenwelt.

Von größerem Einfluss noch auf das kindliche Herz, als der Vater, ist die Mutter. Wir kennen die Frömmigkeit der Mutter Immanuels aus ihren eigenen Herzensergießungen. Und wenn sie weiter nichts gesagt hätte und wir weiter nichts von ihr wüssten als jenes Wort, das sie zu dem Engel sprach: „Ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast“, wir würden genug von ihr kennen, um sie als eine fromme, Gott fürchtende und gottinnige Seele zu preisen; dies Eine Wort aus ihrem Mund: „Ich bin des Herrn Magd“, es kennzeichnet sie hinlänglich als Protestantin gegen all die römische Vergötterung, die mit ihr getrieben wird. Es ist ihr nicht im Traume eingefallen, dass man sie je im Wahne zu einer Königin des Himmels, zu einer gefeierten Gnadenspenderin machen. könnte; sie ist des Herrn arme, demütige Magd. Aber wir haben außer diesem Wort noch ihren herrlichen Lobgesang, in den sich auf den Gruß ihrer Freundin Elisabeth ihr volles Herz ergoss; er zeigt uns in ihr eine hochbegabte Dichterin und Prophetin, die den Sehern und Psalmensängern des alten Bundes ebenbürtig zur Seite steht, zeigt uns zugleich, dass sie die goldne Kunst, den Herrn der Herrlichkeit auf Psalter und Harfe zu preisen, aus der andächtigen Versenkung in die Heilige Schrift gelernt hat. Noch größer aber als dieser ihr volltönender Lobgesang ist ihr Schweigen in der Heiligen Nacht; während die Engel jauchzen und die Hirten jubeln, behält und bewegt die Mutter des Welterlösers schweigend, was von ihm gesagt wird. Wir werden ihr im Tempel von Jerusalem und im Hochzeitshaus von Cana wieder begegnen und sie dort auch als eine arme Sünderin voller Gebrechen und Schwächen kennen lernen, aber wir werden ihr auch nach Allem, was die Schrift von ihr berichtet, das Zeugnis nimmermehr verwehren können, dass unter allen Sünderinnen dieser armen Erde keine aufgekommen, die so fromm und gottinnig gewesen ist, als Maria von Nazareth. Ach, dass die Mütter in der Christenheit unsrer Tage sich so in die Bibel hineinlesen und hineinleben möchten, wie Maria; dass sie sich bei Gnadenerweisungen in ihrem Familienleben so tief unter die Hand des Allbarmherzigen beugen möchten, wie Maria; dass sie dem Herrn singen und spielen möchten, wie Maria, und es, auch wenn sie hochgeborne Frauen find, wie sie ihren höchsten Ehrentitel sein ließen: „Ich bin des Herrn Magd“, so würden von ihnen Ströme des lebendigen Wassers fließen auf ihre Kinderstube und damit auf die Welt; denn aus der Kinderstube wird die Welt regiert, und gläubige Mütter sind die Fürstinnen der Erde! ein seliges Haus, das Zimmermannshaus von Nazareth, das unter allen Häusern des gelobten Landes als das erste des Menschen Sohn aufgenommen hat! Wo das Evangelium von Christo in aller Welt gepredigt wird, da soll man auch predigen von dem Vaterhause Jesu Christi, von dem Hause des frommen Joseph und der gottinnigen Maria.

Aber das Kind - so fährt der Evangelist Lukas fort, nachdem er von Nazareth geredet hat. Wir haben das Haus des Kindes betrachtet, betrachten wir nun das Kind des Hauses. Gilt es schon von den Kindern im Allgemeinen, dass sie kleine Majestäten sind, nun was sollen wir von dem Kind des Hauses in Nazareth sagen, von dem Kind, zu dem wir sprechen: Du bist ja nicht ein Sünder, wie wir und unsre Kinder, von Missetaten weißt Du nicht!? Wahrlich dieses Kind in Nazareth ist nicht eine kleine, sondern eine große Majestät; und ehe wir die Majestät dieses Kindes mit unserm andächtigen Geist näher betrachten, wird es geboten sein, vor derselben im Staub anzubeten und zu sprechen: O Majestät, wir fallen nieder; zwar Du bedarfst nicht unsrer. Lieder, uns ziemt und nutzt Dein Lob so sehr. Zu Deinem Lob sind wir geboren, so teu'r erkauft, so hoch erkoren, o Seligkeit, Dir geben Ehr'! Zu Deinem Lobe nur ist alle Kreatur. Seligs Wesen, wir kommen dann und beten an, in Geist und Wahrheit sei's getan!

Aber das Kind - so sagt Lukas. Alle andern Kinder, wie und wo auch immer sie aufwachsen mögen, sei es als Rosen in berühmten Gärten, sei es als Veilchen in unbeachteten Tälern, entwickeln sich nach Leib und Seele von Stufe zu Stufe, in allmähligem Fortschritt; da ich ein Kind war, sagt Paulus, und es gilt für Alle, redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und machte mir Gedanken wie ein Kind; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was eines Kindes war. Aber dies Kind!? Dürfen wir auch dieses einzigartige Kind, das wir bekennen als das Ebenbild des göttlichen Wesens und den Abglanz ewiger Herrlichkeit, dürfen wir auch dieses Kind uns denken als ein wahres Kind nach Kinderart? Gewiss wir dürfen es, wir müssen es, nur dass wir alle Hemmungen der Sünde von diesem Kindesleben meilenweit wegzudenken haben; denn die Schrift schreibt nicht nur von dem Leben Christi im Allgemeinen, dass er gleichwie ein andrer Mensch ward und an Gebärden d. i. an seiner ganzen äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden ward, sondern auch insbesondere von seinem Kindheitsleben, dass das heilige Kind wuchs, stark im Geiste ward voller Weisheit, den Eltern untertan war und Gottes Gnade bei sich hatte.

Das Kindlein, das empfangen war von dem heiligen Geist und geboren von der Jungfrau Maria, wuchs. Der unmündige Säugling, in dem die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte, nahm zu an Größe und Kräften des Leibes; aus dem Säugling wurde ein Knabe, aus dem Knaben ein Jüngling, bis dann aus dem Jüngling der Mann wurde, der da auftrat und predigte: Kommt her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Als wahrhaftiger Mensch vom Weib geboren ist er nicht bloß unter das Gesetz Mosis, sondern auch unter das Gesetz des leiblichen Werdens und Wachsens getan, nach dem aus den Keimen, die in der kindlichen Hilflosigkeit verborgen liegen, in stetiger Zunahme die Jünglingsstärke und Manneskraft hervorblüht. In solche Tiefe stieg der Sohn, Gott Lob, wir leben jetzt davon. Wir sollen aber also davon leben, dass, so wenig der Herr Jesus ein Kind geblieben ist, so wenig wir selber Kinder bleiben, sondern vielmehr wachsen im Glauben, bis wir mit allen Heiligen ein vollkommener Mann werden, der da sei in dem Maß des vollkommenen Alters unsers Heilandes Jesus Christus.

Das heilige Kind wuchs nicht nur, es ward auch stark im Geist, voller Weisheit. Es ist eine unklare und unbiblische Frömmigkeit, die den Herrn Jesum zwar dem Leib nach, aber nicht dem Geist nach das Kindes- und Knabenalter durchleben lässt. Es ist ja wahr, in ihm lagen verborgen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis; er hatte sie mitgebracht aus jener Herrlichkeit, die er bei dem Vater hatte, ehe denn die Welt war. Dennoch hat Er sich also entäußert und erniedrigt, dass er in wahrhaftiger Wirklichkeit den Traum der ersten schlummernden Kindheit auch geträumt hat und aus diesem zarten Schlummer des Geistes nach aller Menschen Weise langsam und allmählig erwacht ist. Der Glanz der Herrlichkeit Gottes verlor sich in das geheimnisvolle Dunkel der Keime des menschlichen Geisteslebens, um aus diesem Dunkel schrittweise herauszuknospen, hinanzublühen zu gottmenschlicher Geistesklarheit. Das Kind des Hauses von Nazareth hat auch das „Abba, lieber Vater“, müssen stammeln lernen, wie wir und unsre Kinder; es hat auch müssen auf seiner Mutter Schoß sitzen und ihren Erzählungen lauschen von alle dem, was Gott im Alten Testament manchmal und mancherlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten. Und vielleicht - wenn die Mutter einmal dem heiligen Kind erzählte von dem Opfer Isaaks, wie sie den Berg Morija hinaufstiegen, der Erzvater und sein einiger Sohn, den er lieb hatte, und wie Abraham das Holz auf den Altar legte und seinen Sohn Isaak band und denselben oben auf das Holz legte; und wenn dann die Stimme der Mutter etwa mitten im Erzählen stockte, und sie ihren einigen Sohn, den sie lieb hatte, mit tränenumflortem Auge wie forschend anschaute: dann hat das wunderbare Kind etwa mit seinem quellenklaren, himmelstiefen Auge die Mutter wieder angeschaut und in heiliger Einfalt gesprochen: Mutter, ich würde dem Vater auch zum Opfer stille halten! Oder das Kind ist mit seiner Mutter auch am Sabbat Nachmittag durch die sprossenden Gefilde Nazareths gewandelt, und wenn Maria ihm dann etwa die schönen Lilien auf dem Feld zeigte, dann hat das Kind vielleicht seine Hände gefaltet und gesprochen: Meine Mutter, auch Salomo, von dem du mir so viel erzählt hast, auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit kann nicht bekleidet gewesen sein, wie dieser Lilien eine. Doch wer will das kündlich große Geheimnis des geistigen Wachsens und Reifens des Menschensohnes ausreden? So viel lehrt der bedeutungsvolle Ausdruck der Schrift: „Das Kind ward voll Weisheit“ allerdings, dass aus dem heiligen Kind ein ganz besonderes Sinnen und Ahnen hervorgeleuchtet hat. Spricht doch auch schon aus frommen Kindern sündiger Abstammung eine Stimme der Wahrheit und der Klarheit, dass es uns berührt wie der Klang einer anderen Welt und die tiefsten Seiten unserer inwendigen Menschen unter solchem Kindeswort erzittern. Denn es gibt noch heute Inspirationen des Heiligen Geistes, nicht zwar bei sogenannten neuen Aposteln, wohl aber bei frommen, evangelischen Kindern; was nicht der Verstand der Verständigen sieht, das ahnt in Einfalt ein kindlich Gemüt. Wie mag doch nun in der Seele des Kindes von Nazareth das Ahnen des Höchsten und Tiefsten in Wort und Wandel hindurchgeklungen sein! Vor allem und in Allem musste aus seinem kindlichen Wesen hervorblitzen, dass er ohne Sünde war; ach trägt bei uns Sündern durch die Sünde auch der Himmel der Kindheit ein nächtliches Gewand, so erhebt sich das Kind Jesus an diesem nächtlichen Himmel wie eine stille Leuchtkugel in lichter Pracht.

Das Kind war den Eltern untertan, so berichtet uns die Heilige Schrift weiter von dem Jesusknaben. Die Demut des kindlichen Gehorsams, hat Einer irgendwo gesagt, war der Boden, aus dem die Himmelsblüte dieses einzigen Lebens erwuchs. Trotz aller seiner Ahnungen, trotz aller seiner Sehnsucht bewegte sich das Kind von Nazareth in den gemessenen Schranken demütiger Kindespflicht und ließ darin allen Kindern der Christenheit ein Vorbild, dass sie sollen nachfolgen seinen Fußtapfen und das große Gebot lieben und üben lernen, das so selige Verheißung hat: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Es sollen aber nicht bloß die kleinen Kinder von dem Jesuskind lernen, sondern auch die großen Kinder: erwachsene Söhne und Töchter, die das Glück genießen, noch ein Vaterhaus zu haben, wenn sie auch in der Welt schon Männer wären und Frauen, im Vaterhaus dürfen sie doch nichts als Kinder sein. Denn im Vaterhaus darf es nur Eltern geben und Kinder; im himmlischen Vaterhaus wird es ebenso sein, Ein Vater über Alles, was da Kinder heißt, und um seinen Thron geschart Alle, die da Kinder sind durch Jesum Christ.

Gottes Gnade war bei dem Kind Jesus; so bezeugt endlich noch die Schrift. Was Gott der Herr später in wunderbarer Weise vom Himmel herab zu dreien Malen über seinen Sohn ausgesprochen hat: „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe,“ das offenbarte sich schon zuvor in stillerer Weise im Vaterhaus an dem Herrn Jesu. Es ruhte auf dem Haupte des Kindes von Nazareth Gottes Wohlgefallen und Gottes Segen von Tag zu Tage in immer herrlicherer Entfaltung. Es steht auch geschrieben, dass der holde Knabe Gnade bei den Menschen fand; er war in ihren Augen lieblich anzuschauen, und sie freuten sich an ihm. Es wird uns von alten Schriftstellern berichtet, und es klingt sehr glaubwürdig, dass die Einwohner von Nazareth, wenn sie gegangen wären, das Kind Marias zu besuchen, die Rede geführt hätten: „Lasst uns zur Freundlichkeit gehn!“ Im Abbild wiederholt sich das noch heute; jedes Haus, in welchem Jesus Christus wohnt, wird durchweht von Gnade und Friede, Freude und Freundlichkeit. dass es alle Menschen wüssten, wie unzertrennlich Jesus und die Gnade, die Gnade und der Herr Jesus sind! Vielen unsrer Häuser fehlt der Herr Jesus, und darum fehlt ihnen auch die Gnade; in andern Häusern ist er zwar ein Gast, aber ein seltner, darum kann auch die Gnade in ihnen nicht festen Fuß fassen; Jesus muss in unsern Häusern wohnen, wohnen und wachsen, dann wird in ihnen, gleichwie in jenem Zimmermannshaus in Nazareth auch die Gnade wohnen und wachsen und mit der Gnade der Friede und die Freude. Ach bleib mit Deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ, dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List!

Längst ist das Haus des Kindes dahin. Wohl ist das Städtlein Nazareth noch vorhanden, ein von Türken26) und Christen bewohnter Flecken, Juden gibt es keinen einzigen in Nazareth; und wo sich jetzt dort eine sehr ärmliche, zwischen Türkenhäusern liegende Kapelle befindet, da, so sagt man, soll einst Josephs Wohnhaus gestanden haben. Aber eben es steht nicht mehr, das Haus des Kindes ist dahin. Aber das Kind des Hauses lebt noch heute. Denn Jesus Christus gestern und heute und derselbe in Ewigkeit, und Niemand kann seines Lebens Länge ausreden. Und wo man das Christkind aufnimmt in aller Stille einfältigen Glaubens ins Haus hinein und ins Herz hinein, da erblüht aufs Neue ein Nazareth für Christen und Türken und auch für Juden, für Alle, die sich bekehren von dem eitlen Wandel nach väterlicher Weise und die Herrlichkeit des Nazareners anbeten, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit. „Jesus ein Nazarener“, so schrieb die Welt am Todestag des Heilandes ihm über sein Kreuz. Möchten einst Gottes Engel auf unsern Leichenstein die Inschrift graben können: „Hier ruht ein Nazarener.“

Quandt, Emil - Die Ruhestätten des Menschensohnes - 2. Das Vaterhaus in Jerusalem.

Ev. Lukas 2,49.50.
Und Er sprach zu ihnen: Was ist es, dass ihr mich gesucht habt? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er mit ihnen redete.

Aus dem schlichten, stillen Zimmermannshaus zu Nazareth tritt das heilige Kind heraus, um an der Hand seiner Eltern ferne weg nach Jerusalem zu pilgern in dasjenige Haus, das das schönste und herrlichste war unter Israel, ja in der ganzen Welt, in den Tempel Jehovas. Das Osterfest ist nahe. Das Gesetz fordert von allen Männern in Israel, dass sie zum Osterfest gen Jerusalem in den Tempel hinaufziehen müssen, deswegen zieht Joseph, der gerechte Israeliter hinauf. Die Knaben werden vom zwölften Jahre an mitgenommen, Jesus ist jetzt 12 Jahre alt, so zieht auch er hinauf, zum ersten Mal: als er später zum letzten Mal nach Jerusalem kommt, ist es wieder eine Osterreise, er ist das rechte Osterlamm. Frauen und Mütter sind zur Festreise nicht verpflichtet; Maria hätte darum wohl mögen ruhig daheim bleiben; aber auch sie zieht mit, ihren Sohn, den großen Schatz ihres Lebens, zum Tempel zu geleiten. Schon der erste Tempelgang unsrer eignen Kinder; die doch Fleisch sind geboren vom Fleisch, hat so viel Rührendes, Erhebendes, Ergreifendes; manchem Kind klopft das Herz so laut, wenn es seine Füße zum ersten Mal in das Haus des Herrn setzt, und seine kleinen Hände zittern, wenn es sie zum ersten Mal faltet inmitten der feiernden Gemeinde, und die junge Seele jauchzt, wenn sie zum ersten Mal an der Stätte, da Gottes Ehre wohnt, mitgesegnet wird durch das Wort: Der Herr segne dich und behüte dich! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig! Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden! Wer kann sich würdig und treffend ausmalen, mit welchen Gefühlen und Gedanken dieses Kind, der Knabe aus dem Hause von Nazareth, dem Tempel seines Gottes nahe getreten ist, und mit welcher innerlichen Herzensbewegung ihn seine Eltern zum Tempel hinaufgeleitet haben mögen! Wir aber schließen uns mit andächtigem Sinnen ihrem Geleit an und wandern im Geist und Wahrheit mit aus dem Vaterhaus des Menschensohnes in Nazareth in sein Vaterhaus in Jerusalem.

Die Geschichte, die uns Lukas aus Eingeben des Heiligen Geistes von diesem Gang erzählt, hat eine Breite und Länge, eine Tiefe und Höhe, dass sie in hundert verschiedenen Betrachtungen nimmermehr ausbetrachtet werden kann. Was gibt allein der Zwiespalt in der heiligen Familie uns zu denken und zu bedenken, von dem sie uns erzählt! Wie befremdlich ist das doch, dass Maria ihren Sohn in Jerusalem aus den Augen verliert; wie viel befremdlicher noch, dass sie ihn, statt ihn sofort, da sie ihres Verlustes inne wird, im Tempel zu suchen, erst unter den Reisegefährten sucht; am allerbefremdlichsten aber, dass die Mutter die Schuld auf den Sohn, die Schuldige auf den, der keine Schuld hatte, schiebt und fragt: Mein Sohn, warum hast Du uns das getan? Dein Vater und ich haben Dich mit Schmerzen gesucht! Wir erkennen, auch die beste der Mütter war eine arme, sündige Frau; Gott aber hat auch ihren Fehler zum Guten gelenkt. Der Knabe erfuhr in Folge dieses Fehlers der Mutter das Wort der Schrift an sich: „Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf.“ Da die irdische Mutterhand ihn losließ, ergriff ihn die himmlische Vaterhand. Dass es sich merken möchten alle Väter und Mütter und Alle, denen die Pflege von jungen Menschenseelen anvertraut ist, wenn sie traurig zurücksehn auf so manche Schwäche, auf so manche Sünde, auf so manche Vernachlässigung und Versäumnis, deren sie sich bei der Erziehung ihrer Kinder schuldig gemacht haben: Der große Gott im Himmel kann auch unsre Fehler, wenn wir sie nur erkennen und bußfertig bereuen, noch zum Guten lenken; der tiefsinnige Haman, einer der wenigen Weisen aus dem Abendland, die mit den Weisen aus dem Morgenland vor der Krippe Jesu Christi ihr Gold, Weihrauch und Myrrhen niederlegen, hat einmal kühn, aber wahr gesagt, ein Fehler in der Erziehung tue manchmal unter Gottes Gnade besseren Dienst, als die ganze, eingebildete Kunst, unsterbliche Menschenseelen nach festen Grundsätzen zu leiten. Gott verzeihe uns unsre Fehler und sehe in Gnaden darein, dass wenn die Hand, mit welcher wir unsre Kinder halten, einst im Tode erlahmt, unsre Kinder die Hand des himmlischen Vaters mögen gefunden haben, die allmächtige, barmherzige, treue Gotteshand, die nie ermattet und nie erlahmt.

Maria und Joseph brachten das Kind des Allerhöchsten mit nach Jerusalem, dort verloren sie dasselbe. Eine Anwendung auf uns liegt da sehr nah. Wie Mancher von denen, die den Herrn Jesum Christ und das Heil in ihm längst gefunden haben, verliert ihn hinterher wieder, namentlich wenn er aus einem Nazareth in ein Jerusalem, aus engen Verhältnissen in weite großstädtische Beziehungen, aus Armut in Reichtum, aus Knechtschaft in Herrschaft, aus der Stille in den lauten Lärm der Welt versetzt wird. Darum ist es ein sehr beherzigenswertes Wort, namentlich auch für diejenigen, die ihr Christentum durch die Gefahren eines vornehmen Lebens hindurch retten wollen, das einmal der alte, fromme Minister von Pfeil gesagt hat: Jesus ist ein Kind, man verlierts geschwind an den Ecken, an den Straßen, wo mans aus der Acht gelassen, wo man sorglos ist um den heil'gen Christ.

Nicht minder bemerkenswert erscheint die Tatsache, dass Maria und Joseph, nachdem sie Jesum verloren hatten, ihn nach vielem schmerzlichen Hin- und Hersuchen gerade im Tempel Jehovas wiederfanden. So sucht Mancher, dem der Herr Jesus abhanden gekommen ist, lange und weit umher und findet nicht, was ihm die Seele füllt - so Viele gehn umher und suchen mit wildverzerrtem Angesicht, sie heißen immer sich die Klugen und finden diesen Schatz doch nicht, singt Novalis -: da tritt er einmal durch die Hand des Herrn geführt (zufällig, sagt die Welt, aber es gibt keinen Zufall) in eine geöffnete Kirche, und siehe hier unter den Gebeten und Gesängen der andächtigen Gemeinde, unter dem evangelischen Zeugnis eines schlichten Dieners am Wort findet er Jesum wieder, und seine Seele wird voll Dankes und still und fröhlich.

Doch es sei genug der Andeutungen darüber, wie wundertief und beziehungsreich die scheinbar so einfache biblische Geschichte von dem ersten Tempelgang des Jesuskindes ist. Wir nach unserm Plan, die Ruhestätten des Menschensohnes im Geist mit einander zu besuchen, heben aus dieser Geschichte besonders das an die Spitze dieser Betrachtung gestellte Wort des Herrn heraus: Muss ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist? Wir betrachten auf Grund dieses Wortes als zweite der Ruhestätten des Menschensohnes auf Erden sein Vaterhaus in Jerusalem, sowohl in seiner alttestamentlichen Herrlichkeit als in seiner neutestamentlichen Verklärung.

Muss ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist? Es ist das eine Gegenfrage, mit welcher der wunderbare Knabe im Tempel zu Jerusalem Antwort gibt auf die wie Vorwurf klingende Frage seiner Mutter: Mein Sohn, warum hast Du uns das getan? Siehe, Dein Vater und ich haben Dich mit Schmerzen gesucht. Maria nennt den Zimmermann von Nazareth seinen Vater, Jesus redet von dem großen Gott im Himmel und spricht: Das ist mein Vater! Maria hatte gemeint, ihr Kind würde mit den Genossen etwa vorangeeilt sein nach dem irdischen Vaterhaus zu Nazareth; aber das Kind hatte ein besseres Vaterhaus gefunden, als jenes, das Maria im Sinne hatte; „der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ihr Nest, nämlich Deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott“; der heilige Knabe hatte gefunden das Haus des großen Gottes, das Heiligtum, den Tempel; hier war sein rechter Platz; hier bis dahin, wo die Mutter rufen würde, zu verharren, war ihm so natürlich erschienen. Muss nicht das Lämmlein auf der Aue weiden? Muss nicht das Fischlein sich ins Wasser tauchen? Muss nicht der Adler in den Lüften schweben? Muss ich nicht sein, so sprach der göttliche Knabe, in dem, was meines Vaters ist?

In dem, was meines Vaters ist - können wir auch nur einen Augenblick zweifelhaft sein darüber, was der Herr mit diesem Ausdruck meint? Sicherlich er meint damit den Tempel, in welchem er sich befand, als Maria ihn suchte; der Tempel ist ihm das Vaterhaus. Aber eine flügelnde, schillernde Schriftauslegung sagt, man dürfe nicht also auf Tempelmauern den reichen Sinn dieses geistvollen Ausspruchs beschränken: es sei vielmehr Alles des Vaters. Berg und Tal und Flur und Wald, die ganze, große, weite, gottbeseelte Natur, es sei Alles des Vaters; darum seien gerade die Tempel, die Kirchen und Kapellen ziemlich überflüssig; man könne sich in der freien, frischen Gottesnatur ebenso gut und besser erbauen, als in der Kirchenluft, die nicht Jeder ertragen könne, als in geschlossenen Tempelräumen, die für große Geister zu eng seien. Ei, ja freilich, Gottes ist Alles, das soll wahr sein; Gott gehört die weite, weite Welt, seine Hand hat Alles gemacht, und sein Odem weht durch die ganze Natur, und wo wir auch gehen und stehen, liegen und sitzen, in Ihm leben, weben und sind wir. Führe ich gen Himmel, so bist Du da, Du großer Gott; bettete ich mir in die Hölle, siehe so bist Du auch da! Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch Deine Hand daselbst führen und Deine Rechte mich halten! Aber wenn auch Alles Gottes ist, so ist doch nicht Alles des Vaters. Siehe, ein, ganzes Land ist eines Königs Land, und zieht er hindurch, so siehst du seine königliche Pracht; und ist eine öffentliche Vorstellung, so hörst du von ihm majestätische Rede; und hat er mit Missetätern zu tun, so ist er Herr über ihren Tod und ihr Leben und kann als das letzte Wort über sie schreiben: Sie sind des Todes schuldig! Doch willst du den König sehen nicht mit Krone und Zepter und Richtschwert, nicht im blendenden Glanze der Majestät, sondern in väterlicher Liebe zu den Seinigen, im schlichten Kleid der Herzlichkeit und Vertraulichkeit, ja dann müsstest du Einlass haben in sein Haus und seine Kammer. Ein Land ist eines Königs Land, und die weite Welt ist unsers Gottes Welt, und du kannst seine Majestät bewundern, wenn die Bäume des Waldes flimmern und schimmern im Winterfrost, wenn die Wogen und Wellen brausen im wallenden Meer, wenn er den Tag erhellt mit flammendem Sonnenschein, wenn er in stiller Nacht den silbernen Mond und die goldenen Sterne am Firmament heraufführt; du kannst die Donner seiner Gerichte rollen hören, wenn das Gewitter über deinen Häupten murrt und grollt und die Blitze zucken, und einer dieser Blitze kann dich selber treffen. O ja, Alles ist Gottes, du kannst überall deinen Schöpfer finden und überall deinen Richter. Aber wenn du das Herz deines Gottes finden willst und willst es väterlich schlagen hören; wenn deine Seele nicht nach Majestät, nicht nach Gericht und Urteil verlangt, sondern nach Liebe und nach Gnade, nach Erbarmen und nach Herzlichkeit; ja dann musst du aus der großen Natur in das kleine Haus deines Gottes flüchten. Denn des Vaters ist alleine das, was der Vater sich selbst zur Stätte bereitet hat, was er den Menschen bezeichnet hat als das Heiligtum, das er mit seiner Gnadengegenwart erfüllt. Und unter Israel gab es nur Ein solches Heiligtum, das war der Tempel. Diesem Tempel galten die Lieder: Wie lieblich sind Deine Wohnungen, Herr Zebaoth; meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. Vom Tempel, nicht von der Natur hat der heilige Knabe gesprochen: Muss ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist?

Es hatte zwar Israel auch außer dem Tempel gottesdienstliche Häuser. Seit der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft finden sich in allen Städten und Flecken der Juden Synagogen zu gemeinschaftlicher Andacht, zum Lesen und Hören des Gesetzes und der Propheten. Eine solche Synagoge war auch in Nazareth, und die Schrift berichtet uns ausdrücklich, dass es Jesu Gewohnheit war, an den Sabbaten diese Schule, diese Synagoge zu besuchen. Noch heute wird in Nazareth der Ort gezeigt und von den Reisenden besucht, wo jene Synagoge gestanden haben soll. Allein nie hat der Herr die Synagoge sein Vaterhaus genannt, wie hier den Tempel. Wohl war die Synagoge ein Haus Gottes, aber nicht alle Gotteshäuser sind Häuser des Vaters; und es ist ein moderner Wahn, den das Reich der Finsternis geboren hat, wenn die Leute meinen, es sei Alles gleich, ob man Gott anbete in einer katholischen Kathedrale oder in einer indischen Pagode oder in einer evangelischen Kapelle. Die Synagoge hatte nur das Gesetz und die Propheten, nichts minder, aber auch nichts mehr. Die Offenbarung Gottes aber im Gesetz und in den Propheten war eine Offenbarung des Dreimal-Heiligen in Gericht und Gerechtigkeit und eine Vertröstung auf eine messianische Zukunft, in welcher sich Gott als Vater offenbaren werde; aber sie war keine Offenbarung des versöhnten, väterlichen Gottes für die Gegenwart. In der Synagoge wurde die Kluft zwischen dem heiligen Gott und den sündigen Menschen nicht überbrückt, sondern anerkannt und befestigt. Israel hat nach der Verwerfung dessen, der gekommen war, diese Kluft zu überbrücken und der sie allein überbrücken konnte, nach der Verwerfung seines Messias, die Synagoge mitgenommen in die Lande seiner Zerstreuung. Aber heute noch viel weniger als damals ist eine jüdische Synagoge ein Vaterhaus, wohl ein Gotteshaus, in welchem der heilige Gott mit Furcht und Zittern verehrt und angebetet wird, aber kein Vaterhaus, in welchem auch nur ein einziges Vaterunser im Geist und in der Wahrheit möglich wäre. Auch der gottesfürchtigste Israelit kann in seiner Synagoge nicht zur Versöhnung mit dem starken und eifrigen Gott, nicht zum Frieden, nicht zur Ruhe seiner Seele kommen. Die Synagoge mit dem Gesetz und den Propheten weist weit über sich selbst hinaus, und wohl dem Israeliten, der sich über die Synagoge hinausweisen lässt, nicht hinaus in die Emanzipation und das Reformerwesen - da hinaus liegt der Tod Israels -, sondern hinein in ein Gotteshaus, das zugleich ein Vaterhaus ist, in ein Haus, in welchem Gott gepredigt wird und. angebetet als der versöhnte Gott in Christo Jesu, der unsre Sünden bedeckt, weil für unsre Sünden sein heiliges und vollgültiges Opferblut geflossen ist.

Vor dem Herrn der Herrlichkeit
Wirst auch du dich, Juda, beugen;
Und versäumst du deine Zeit,
Wirds die Ewigkeit bezeugen,
Dass sich auch der steifste Fuß
Beugen muss.

Vor dem Herrn der Herrlichkeit,
O Du Volk der alten Liebe,
Neige dich zu dieser Zeit;
Folg' dem heimeligsten Triebe,
So freust du der Liebe dich
Ewiglich.

Wenn das Kind des Allmächtigen sprach: „Muss ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist?“ so hat es das weder von der Natur noch von der Synagoge, sondern von dem Tempel in Jerusalem gesprochen. Auch der Tempel zeigte Gottes Majestät, gleichwie die Natur; er war ein wunderbares Riesengebäude voll Pracht und Kostbarkeiten, welches vom Fundament bis zu den Firsten des Daches an den mahnte, der in ewigem Licht und unvergänglicher Herrlichkeit wohnt. Auch der Tempel hatte Mosen und die Propheten, gleichwie die Synagoge; die Lehrer, denen der Jesusknabe im Tempel zuhörte, es waren Lehrer des Gesetzes und Prediger und Ausleger des prophetischen Wortes. Aber der Tempel hatte noch mehr. Der Tempel hatte Opferaltäre, auf denen im Vorbild und in der Abschattung die Sünde gesühnt wurde, die das Volk Israel von seinem Gott und König schieden, dass er nicht ihr Vater sein konnte; Opferaltäre, deren Opfer versinnbildeten und vorbereiteten das Eine, große, wahrhaftige, endgültige Opfer, das der Sohn Gottes auf Golgatha für die Sünden Israels und der Welt vollbringen sollte und wollte. Und der Tempel hatte ein Allerheiligstes, da hinter dem Vorhang in geheimnisreichem Dunkel Gott auf Cherubim thronte als der Barmherzige und Getreue, und da hinein allein der Hohepriester als der Vertreter Israels am großen Versöhnungstage jährlich einmal zu Gott einging. So war im ganzen alttestamentlichen Gottesreich der Tempel zu Jerusalem der einzige Ort, da Gott wohnte, nicht bloß. nach seiner ewigen Kraft und Gottheit, sondern auch nach seiner väterlichen Herablassung in Liebe und Treue. An diese Stätte hatte Gott damals die Menschen, die den rechten Gott wollten treffen und anbeten, angebunden, wie Dr. Luther irgendwo einmal in seiner körnigen Weise sagt. Auch der eingeborne Sohn, der unter das Gesetz getan war, war, wenn er Gott als seinen Vater treffen sollte, an diese heilige Stätte gewiesen. Er hat sich nicht eher dieser Stätte genaht, als das Gesetz es erlaubte, in seinem zwölften Lebensjahre; aber als er nun, Gottes Sohn ein Knabe von zwölf Jahren, an diese Stätte tritt gemäß dem Gesetze, siehe da weht es ihn heimatlich an, tausendmal heimatlicher, als in jenem Vaterhaus, aus dem er hergekommen war, als in dem Haus des Zimmermannes Joseph. O das Kind, dieses Kind, es hat ja wahrlich vom frühesten Erwachen seiner Seele an nach Gott gefragt und an Gott gehangen Psalm 71,6: „Auf dich habe ich mich verlassen von Mutterleibe an“, ist auch eine messianische Weissagung, und Gottes Liebe hat dies Kind vom ersten Atemzuge an reichlich umfangen. Aber was bisher in dem Knaben und um ihn nur geknospet hatte, das blühte jetzt im Tempel herrlich auf. Noch ehe es ihm erklärt wurde, musste ihm ja das Heiligtum Gottes wunderbare Erinnerungen und Ahnungen seines vorweltlichen, göttlichen Daseins in der Seele wachrufen; denn der Tempel spiegelte in Grundriss, Form und Inhalt die Stiftshütte ab, und die Stiftshütte war nach dem himmlischen Originalbilde gebaut, das Gott selber dem Manne Mosis einst gezeigt hatte; so musste ja dem Sohne vom Himmel her trotz der menschlichen, trotz der kindlichen Hülle, die um seinen Geist gelegt war, im Tempel zu Mute sein, als wäre er da längst gewesen; es musste durch seine Seele zittern wie ein Strahl der Erkenntnis von der Klarheit, die er bei dem Vater gehabt hatte, ehe denn Abraham war, ehe denn die Welt war. Wenn dann nun die Schriftgelehrten des Volkes Israel den jungen Nazarener bemerkten, wie er im Tempel so sinnend und nachdenklich war, wie er das Allerheiligste und das Opfer so ganz anders, als andre Kinder, so innig und so feierlich anschaute, gewiss sie haben einen solchen Schüler gerne unterwiesen in der Deutung und Bedeutung des Ganzen und des Einzelnen; und wenn sie ihm nun das Allerheiligste deuteten, als wohin nicht das Volk, sondern nur der Hohepriester und auch dieser nur ein einziges Mal im Jahre Gott nahen dürfe, sollte da der heilige Knabe nicht ergriffen worden sein von dem Bewusstsein, wenigstens nach Kindesmaßen, dass das Alles auf ihn gehe, dass er der rechte Hohepriester sei, aus dem Allerheiligsten des Himmels auf die Erde gekommen, um die Menschen der Erde ins Allerheiligste ihres Gottes zu führen? Wenn sie ihm dann weiter erzählten von dem Opfer, sonderlich von dem Osterlamm, gewiss er hat es gefühlt, dass ihm das Alles gelte, dass er das Lamm sein sollte, das sich zur Schlachtbank müsste führen lassen als Opfer für die Versöhnung der Welt. So fand der Sohn unter den Geistesgrüßen des Vaters sich selbst im Tempel, sich selbst als den Sohn des Vaters, darum auch sich selbst als den rechten Hohenpriester, sich selbst als das rechte Osterlamm. Als nun Maria kam und sich verwunderte, dass er im Tempel saß, wahrlich Er verwunderte sich noch mehr und sprach: Was ist es, dass ihr mich gesucht habt, wie konntet ihr mich irgendwo anders suchen, als hier? Muss ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist? Als Sohn des Zimmermanns von Nazareth war er in den Tempel gekommen, und er verließ den Tempel als der Sohn des Zimmermanns, der Himmel und Erde gezimmert hat. Aber auch als Sohn Gottes ging er wieder mit nach Nazareth, es nicht für einen Raub haltend, Gott gleich sein, sondern die entscheidende Erkenntnis der Tempelstunden achtzehn Jahre lang still in sich verarbeitend, bis er dann im dreißigsten Jahr nach Gottes Ruf und Rat hervortrat frei öffentlich vor allem Volk als der Sohn des lebendigen Gottes, eine ewige Erlösung in seinem eignen Blut zu erfinden und zu verkündigen. Das ist die Herrlichkeit des Tempels von Jerusalem: er war die Stätte der Offenbarung des Barmherzigen, der sich durch der Böcke und der Lämmer Blut versöhnen ließ, weil dieses Blut das teuerbare Blut des Eingebornen abschattete, und darum auch die Stätte, wo der Eingeborne seinen Vater fand, sich selber fand und das Werk seines Lebens fand.

Die Herrlichkeit des Tempels von Jerusalem, der Tempel selbst, ist längst dahin. Als aus dem heiligen Knaben der heilige Mann geworden war, da traten einst seine Jünger zu ihm und zeigten ihm des Tempels Gebäude und wie er geschmückt war mit Steinen und Kleinodien und sagten: Meister, siehe welche Steine und welch ein Bau ist das! Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich ich sage euch, es wird hier nicht ein Stein auf dem andren bleiben, der nicht zerbrochen würde. Wie er gesagt, so ists geschehen; denn sowohl zu Christi Verheißungen, als zu seinen Drohungen muss die Weltgeschichte Ja und Amen sagen: der Tempel liegt seit achtzehn Jahrhunderten in Trümmern; an seiner Stelle steht jetzt eine Moschee der Türken mit dem düsteren Zeichen des Halbmonds, wie eine breite, feiste Distelstaude auf einem verlassenen, verödeten Feld, wo einst das schönste Getreide der Erde wuchs. Nicht weit von dieser Moschee, in die hineinzugehn allen Nicht-Muhamedanern bei Todesstrafe verboten ist, liegt der große Klageplatz Israels, der niemals leer sein soll von Juden, und auf dem gleichsam wie ein ewiges Licht die Klage niemals ausgeht. Hier im Angesicht der kümmerlichen Reste der untergegangenen Herrlichkeit ihres Tempels sitzen die Juden mit entblößten Füßen, küssen den Boden und lesen Psalmen und Propheten und sonstige Schriftstellen, welche sprechen von dem Glanz und der Zerstörung des großen Heiligtumes des alten Bundes.

Aber ist auch der Tempel dahin, so ist doch die Klage über seinen Untergang eine eitle. Denn das Wort ist nicht dahin, das große Wort, das der Herr im Tempel sprach: Muss ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist? Der Herr opferte als Hoherpriester und Opferlamm in Einer Person sein eignes, heiliges Leben am Holz des Fluches für Israel und die Völker, um die ganze große Sünderwelt als eine Welt versöhnter Kinder vor das Angesicht seines Vaters stellen zu können. Nach diesem Opfer des Sohnes sind nunmehr alle Tempelopfer unnötig, Er hat mit Einem Opfer in Ewigkeit vollendet, die da geheiligt werden. Als er dies Opfer darbrachte, zerriss der Vorhang im Tempel - zu guter Stunde, denn nun bedürfen wir keines menschlichen Hohenpriesters mehr, nun haben wir im Glauben an Jesum Christum selber allezeit Zugang zu der unverdeckten Gnade Gottes. Israel als Volk hat nicht geglaubt, hat die Gnade Gottes in Jesu Christo nicht angenommen, so ist sein Tempel zusammengestürzt, und sie haben nur die Synagoge behalten. Wie Viele aber aus Israel und den Völkern geglaubt haben und glauben an Jesum Christ, die haben die Macht erhalten, Gottes Kinder zu werden, und auf alle diese Kinder des Vaters in der Höhe hat sich das Wort des Sohnes vererbt: Muss ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist? Wohl ist für uns Christen das schönste Vaterhaus dort droben, wohin uns Jesus Christus vorangegangen ist, uns die Stätte zu bereiten, und wir singen es ja oft mit Wallen und Bewegen des Herzens: Jerusalem, du hochgebaute Stadt, wollt' Gott, ich wär' in dir! Mein sehnlich Herz so groß Verlangen hat und ist nicht mehr bei mir; weit über Berg und Tal, weit über blaches Feld schwingt es sich über alle und eilt aus dieser Welt. Allein auch für die Pilgrimschaft hienieden fühlen Christen das Bedürfnis ein Vaterhaus zu haben, ein Haus, in welchem sie gemeinsam den großen Gott als ihren Vater in Christo anbeten, ein Haus, in welchem sie als Kinder des himmlischen Vaters sich über alle Schranken des Alters, des Standes, des Wissens hinaus brüderlich die Hände reichen. Daher sind überall in der Christenheit, wo nur immer die Christen sich öffentlich versammeln durften, Kirchen und Kapellen gebaut, Häuser, in denen die Liebe des Vaters gepriesen und angebetet wird, dessen Kinder wir sind durch die Gnade Jesu Christi in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Statt des Einen längst zertrümmerten Tempels in Jerusalem sind Tausende und Abertausende von Tempeln entstanden in allen fünf Weltteilen und auf den Inseln des Meeres, Tempel zu Ehren Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Die Menge der christlichen Kirchen auf Erden, siehe da die Ruhestätten der Jünger und Jüngerinnen des Menschensohnes auf Erden, siehe da das Vaterhaus von Jerusalem in seiner neutestamentlichen Verklärung.

Es gibt ja zwar unter den christlichen Kirchen nicht wenige, die nur von einem sehr, sehr matten Glanz der Verklärung beleuchtet sind. Es gibt prächtige Dome und Kathedralen, die an äußerlicher Herrlichkeit den Tempel von Jerusalem noch bei Weitem übertreffen - als Kaiser Justinian den Prachtbau der Sophienkirche27) in Konstantinopel vollendet hatte, sprach er: Ich habe dich besiegt, o Salomo! und die dazu das Kreuz auf ihren Zinnen haben, aber Marienbilder und Heiligenbilder drinnen und verstümmelte Lehre, als ob zu Christi heiligem Verdienst noch das eingebildete Verdienst der Menschen hinzutreten müsse. Nun, es können ja auch das noch einigermaßen Häuser des Vaters sein, soweit mitten in dem Aberglauben dem Glauben noch einiger Raum gelassen wird; aber ganz heimisch kann die nach Vergebung und Frieden dürstende Seele in solchen Kirchen doch nicht werden, und unsre Väter haben um des Gewissens willen die römischen Dome verlassen und sich evangelische Kirchen gebaut. Aber es gibt nun dermalen auch evangelische Gotteshäuser, die sich so nennen, und in denen zwar der Vater gepredigt wird, aber nicht der Sohn; o es können auch das noch einigermaßen Häuser des Vaters sein, so lange der Unglaube nicht allen Glauben erstickt hat; aber einem Kind Gottes und Jedem, der gerne ein Kind Gottes werden möchte, wird in den Stunden der Andacht eines rationalistischen Tempels immer etwas fehlen, die Heimatsluft, der Heimatsfriede. Gott sei gelobt, dass es auch in unsern Tagen noch evangelische Gotteshäuser gibt, die es sind und nicht bloß heißen, Häuser des Vaters, darin der Vater angebetet wird im Geist und in der Wahrheit! Gesegnet sei jedes Gotteshaus in der evangelischen Christenheit, von dem ärmsten Dorfkirchlein an bis zur stattlichsten Schlosskirche hin, in welchem durch treuer Zeugen Mund gepredigt, von andächtigen Hörern zu Herzen genommen wird das alte und doch ewig neue Evangelium, dass Jesus Christus gekommen ist, die Sünder selig zu machen.

Der selige Spitta sang einmal: „Mir ist so wohl in Gottes Haus, ich kann es gar nicht sagen; es bricht mein Aug' in Tränen aus, das Herz fängt an zu schlagen.“ Jeder glaubensvolle Christ wird dies Verslein als sein eignes unterschreiben. Wenn wir uns rüsten am Sonntag Morgen zum Tempelgang, und die Welt fragt uns gutmütig oder hohnlachend: Was soll das Kirchengehn? o dann antworten wir: Was ist es, das ihr fragt? Muss ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist? Im Namen Gottes des Vaters beginnt dann unsre Feier, und wir getrösten uns in kindlicher Zuversicht, dass unsre Hilfe steht in seinem Namen als in dem Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Aber wir wissen wohl, wir sind zwar Kinder, aber sehr schwache, sehr sündige Kinder; darum bekennen wir ihm alle unsre Sünden und bitten ihn in Demut um seine Vergebung um Jesu Christi willen, der genug für uns getan hat und unser Mittler geworden ist. Unser lieber himmlischer Vater aber gibt uns aus seinem Wort heraus die trostreiche Antwort: Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen. Ei, wie uns das die Seele leicht macht, dass wir ihm fröhlich singen und spielen, ihm von Herzen unser Glaubensgelübde erneuern, ihm brünstig danken für alle seine Güte und ihm um ferneren Segen beten für uns und alle Menschen, für die Könige und alle Obrigkeit, auf dass wir ein geruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Und wenn wir dann unsre Gedanken und Sinne sammeln um eines seiner Worte, die der Herr nach seiner Barmherzigkeit im Bibelbuch für uns hat zuvor schreiben lassen; der, der es uns auslegt, dem hat Gottes Engel mit glühender Kohle die Lippen geweiht, dass er wie mit anderen Zungen zeugt von den Geheimnissen unserer Erlösung; uns aber hat der Heilige Geist Ohren und Herzen geöffnet, dass wir mit herzlicher Begierde lauschen auf die süßen Himmelslehren: o welch' ein Vorschmack der Kräfte einer anderen Welt, welch' ein süßer Genuss der gütigen Gabe Gottes, welch' eine Fülle von Grüßen aus der himmlischen Stadt, welch' eine Erhebung aus dem Staube dieser Erdenwelt in lichte Höhen, welch' eine Verscheuchung der Sorgen, welch' eine Kräftigung für den Gang auf der nächsten Wegesstrecke, welch' eine Tröstung für den letzten Gang durch das letzte dunkle Tal! Und dann beten wir wieder zu Ihm, der so überaus gütig ist, und fassen Alles, das wir sonst noch auf dem Herzen haben, zusammen in das Gebet, das uns der Sohn gelehrt hat, dass wir es zum Vater beten sollten. Ist dann noch eine Sakramentsfeier, eine Tauf- oder Abendmahlsfeier, siehe, so umrauschen uns noch wallender die Fluten des Heils, und wenn wir dann mit dem Segen des Dreieinigen gesegnet heimgehen: nein, du arme, blinde Welt, das war niemals eine verlorne Stunde, wie du wähnst, das war, das ist vielmehr, wie geschrieben steht: Ein Tag in Gottes Vorhöfen ist besser, denn sonst tausend.

Ach, warum öffnet man uns in der evangelischen Christenheit nur am Sonntag die Kirche, warum verschließt man sie uns in der Woche? Nicht die Reformation hat bei uns an den Wochentagen die Kirchen verschlossen, sondern erst der Rationalismus; bis zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts haben in den größeren und auch in vielen kleineren Städten der deutschen evangelischen Christenheit die Kirchen auch in der Woche offen gestanden. Freilich wer für die Gegenwart und für das beladene Geschlecht dieser Tage die Rückkehr zur frommen Sitte der Väter anbahnen will, darf nicht außer Acht lassen, dass vormals auch an den Wochentagen gottesdienstliche Feiern in unsern Kirchen stattfanden. Bei allen größeren Kirchen war täglich liturgischer Morgendienst und Vesper und Mittwochs und Freitags Predigt, nach der Freitagspredigt aber die Litanei zum Andenken des Todes Christi mit Glockengeläut; die Predigten verwandelten sich gegen die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts teilweise in Betstunden. Wir haben heutzutage in der Woche weder offne Kirchen, noch, mit geringen Ausnahmen, kirchliche Feiern. So leicht es gewesen sein mag, die Kirchen zu verschließen, so schwer erscheint es heutzutage, sie wieder zu öffnen. Aber es ist doch ein frommer Wunsch, den Viele teilen, namentlich auch arme Christen, denen die Kirche zugleich das Kämmerlein ist: Tut mir auf die schöne Pforte!

Unterdessen aber wollen wir Gott danken für die süßen Ruhestätten, die er uns in unsern Kirchen geschenkt hat, so oft wir sie betreten, so oft wir an ihnen mit der feiernden Gemeinde vor seinem Angesichte anbeten können. Und wie sollen wir allezeit von diesen Stätten heimkehren? Der Sohn Gottes kehrte aus dem Tempel zu Jerusalem zurück nach Nazareth und war seinen Eltern untertan und nahm zu an Weisheit und Gnade. Und das ist denn die Probe für den Segen frommen Kirchgangs: Die Gnaden, die uns im Haufe des Vaters zu Teil werden, sollen uns für das Leben in unsern Häusern goldne Tugenden mitgeben, sonderlich die der Demut und der Weisheit. Dass wir durch die Gottesdienste in den Kirchen für unsre Häuser und für unser häusliches Leben immermehr ein demütiges und ein weises Christentum gewinnen, dafür rufe ein Jeder den Herrn an, der Liebe hat zu seinem Gott und zu seinem Geschlecht.

Quandt, Emil - Die Ruhestätten des Menschensohnes - 3. Das Hochzeitshaus zu Kana.

Ev. Joh. 2,1.2.
Und am dritten Tage ward eine Hochzeit zu Kana in Galiläa; und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger wurden auch auf die Hochzeit geladen.

Der Knabe ist ein Mann geworden, der Mann, über dessen Haupt im Jordan der Vater seinen Himmel auftat und sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“; der Mann, der in der Wüste die Versuchungen des Teufels siegreich abwehrte mit dem dreimaligen: „Es steht geschrieben!“ der Mann, auf den der letzte der Propheten mit Fingern wies und sprach: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ Dieser Mann, der Mann ohne Gleichen, der Mann, in dem die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt, welchem unter den Häusern der Erde wird er bei seinem öffentlichen Auftreten zuerst seine gnädige Gegenwart schenken? Die Schrift antwortet uns: dem Hochzeitshaus zu Kana.

Kana war ein armes Landstädtchen in Galiläa, drei Stunden von Nazareth gelegen. Einer der zwölf Jünger, Nathanael, war von hier gebürtig, vielleicht auch noch ein anderer, nämlich der jüngere Simon; denn der Beiname, den derselbe führt, Kanaaniter, heißt sowohl „Eiferer“, als auch „Mann von Kana“: es ist früherhin sogar oft vermutet worden, dass dieser Simon der Bräutigam auf der Hochzeit zu Kana gewesen sei. Ob ers nun war oder ein Anderer, jedenfalls war das Hochzeitshaus zu Kana ein armes Haus. Denn wenn es in dem Hause auch einen eignen Speisemeister gab, so ist zu bedenken, dass das Amt eines Speisemeisters ein Ehrenamt war, das irgend ein guter Freund des Hauses verwalten mochte; und auch die Diener, die die Krüge füllten, sind sicherlich jüngere Freunde der Familie gewesen. Denn es konnte wahrlich nicht ein Küchenmeister und nicht ein Tross von wohlgekleideten Dienern angestellt und bezahlt werden in einem Haus, wo obenan unter den Gästen die Gattin eines schlichten Handwerkers geladen war, und wo nicht einmal die Mittel hinreichten, um so viel Wein, der doch im Morgenland so äußerst billig ist, zu beschaffen, dass alle Hochzeitsgäste genügend ihren Durst hätten stillen können. Es war ein armes Haus das Hochzeitshaus zu Kana.

In ein Haus der Armut setzt der Sohn Gottes auf seinen öffentlichen Wanderungen zuerst seinen Wanderstab, ein Haus der Armut wählt des Menschen Sohn zu seiner ersten Ruhestätte, da er angehoben hat die große, dreijährige Propheten-Wanderung. So besucht der holde Lenz, wenn er erscheint, zuerst nicht die stolze Eiche und die ragende Pappel, sondern das kleine Gesträuch, was unscheinbar zu ihren Füßen wächst, dass es tief unten im Wald grün und duftig wird, wenn die Äste und Zweige der hohen Bäume noch kahl und winterlich sind. Die Armut und die Niedrigkeit, sie haben allewege für unsern Heiland magnetische Anziehungskraft gehabt. Weil die ganze Welt so arm geworden war durch den Sündenfall, weil diese kleine Erde, auf der wir Menschenkinder leben, durch den Fall der allerärmste Stern geworden war, darum zog diese Welt Ihn so an, dass er, der da reich war von Ewigkeit, arm geworden ist um unsertwillen und arm in unsre Armut stieg, auf dass wir durch seine Armut reich würden. Bei armen Zimmerleuten verlebt er seine Jugend, aus armen Fischern nimmt er seine Jünger, und als er nachmals am Kreuze stirbt, stirbt er, der Allerreichste, so arm, dass die rohen, römischen Erben des Mittlers nur ein paar Kleider und einen ungenähten Rock gewannen. O dazu reimt sich das so wunderschön, dass er das erste Zeichen seiner Heilandsherrlichkeit nicht im Palaste des Herodes, nicht in den Gemächern eines der Herren vom hohen Rat, sondern in dem armen Hochzeitshaus zu Kana offenbart! Es ist zweimal wahr, was einmal der gottselige Scriver sagte: Die Armen gehören unter die privilegierten Personen des Reiches Gottes; Gott hat ein sonderliches Auge auf sie, und Jesus ist ihr Gesellschafter, Vorgänger und Helfer. Wir aber, wollen wir nicht bloß Christen heißen, sondern sein, müssen auch gesinnt sein, wie Jesus Christus gesinnt war, der die Blöden und die Armen seine lieben Brüder hieß. Auch für uns sollen die Hütten der Armut eine magnetische Anziehungskraft haben. Gott sei Dank, es gehört mit zu den schönsten Zeichen dieser vielverschrienen Zeit, dass die Christen unter den Christen der Armen gedenken und die Armen bedenken. Der dies schreibt, erinnert sich einer gar köstlichen Hochzeitsfeier, an deren Segen Teil zu nehmen ihm der Herr vergönnte; es war die Feier der goldenen Hochzeit eines armen Stundenhalters in der Hauptstadt eines großen Landes. Da waren Gäste aus allerlei Stand, aber alle eins in Jesu Christo, die das einfache Mahl einnahmen unter dem Leuchten des Transparentes: „Selig sind die zu dem Abendmahl des Lammes berufen sind“, unter dem Singen frommer Lieder, die ein blinder Harfenspieler begleitete, unter köstlichen Wechselreden von dem Einen, was not ist. Ein Minister ließ dem ehrwürdigen Jubelpaare ein paar Rosen überreichen, und eine fromme Königin ein gutes Büchlein, das von Hand zu Hand wanderte; und als nun zum Schluss der Jubelbräutigam, nachdem so Manches erzählt worden war, was Gottes Gnade an ihm und durch ihn getan, sich erhob, um auch etwas zu sprechen, vermochte er doch weiter nichts zu sagen, als: „Ach Gott, hier steh' ich Armer, der Zorn verdient hat.“ Es war auf jener Hochzeit so ähnlich wie auf jener zu Kana, arme Hochzeitsleute, aber Jesus und seine Jünger waren auch auf der Hochzeit. Es darf doch aber auch nicht verschwiegen werden, dass noch immer viele von den begüterten Christen die Armut nur vom Hörensagen kennen oder in dem Zerrbild, das der zerlumpte Bettler an ihrer Tür ihnen zeigt. O dass die reichen und gnädigen Herren dieser Welt, wenn sie gläubig geworden sind, nun auch bedenken möchten, wie Er, der der Allerreichste war und der Allervornehmste, der Herr vom Himmel, der Sohn Gottes aus der Höhe, sich nicht geschämt hat, seinen Fuß in die Häuser der Armen zu sehen, ja wie sein allererster öffentlicher Besuch dem armen Hochzeitshaus von Kana galt! Je mehr Armenbesuche die Reichen machen, desto weniger Bettlerbesuche werden sie empfangen. Sollte aber Jemand fürchten, dass Armenbesuche nicht - standesgemäß wären, ja, was ist denn standesgemäß? Alles, was schriftgemäß ist, das ist auch standesgemäß.

Es war ein armes Haus, das Haus zu Kana, aber es wurde reich durch Jesum Christum, reich im besten Sinne des Worts, reich in geistlichem Sinne, der Glaube an die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus wie angenehmer Duft wohlriechender Narde und machte die Gemüter froh; reich auch im ordinären Sinn, denn durch die Güte und Freundlichkeit des Heilandes wandelte sich das Wasser in Wein, der Mangel in Überfluss, die Sorge in überschwänglichen Jubel. Noch heute, wo in den Häusern und Kammern unserer ärmeren Brüder Jesus Christus gebeten, geladen, aufgenommen wird, wiederholt sich das Wunder von Kana! Während ein Weltmensch auch in goldenen Palästen die Wolken des Unmuts um sich schweben sieht; während er, selbst mit dem fürstlichen Diadem um seine Stirn, doch niemals im Grunde seines Lebens wahrhaft froh wird, zieht ein armer Handarbeiter, dem in seines Herzens Grunde der Name Christi funkelt, fröhlich seine Straße und singt: Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, ist voller Freud' und Singen, sieht lauter Sonnenschein; die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ; das, was mich singend machet, ist was im Himmel ist. O es ist nimmermehr wahr, dass Vieles dazu gehöre, um glücklich zu sein - nicht in dem Vielen besteht das wahrhaftige Glück; man kann Alles haben auf Erden, Geld und Gut, Geist und Gesundheit, Ehre und Ruhm, und doch wenn man Eines nicht hat, hat man nicht genug, muss man klagen, wie der große Dichter Goethe: „Ach, ich bin des Treibens müde; was soll all' der Schmerz und Lust? Süßer Friede, komm, ach komm in meine Brust!“ Eines nur gehört zum Glücklichwerden, zum Glücklichsein, Jesum zu haben im Hause und im Herzen, mit Ihm zieht heller Sonnenschein ins arme Leben ein, Vergebung der Sünden und gewisse Hoffnung des ewigen Lebens. Nicht als ob die Gottseligkeit nur die Verheißung jenes Lebens hätte, o nein, sie hat vielmehr auch die Verheißung dieses Lebens. Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch auch alles Andere zufallen; Er kann's den Seinen schlafend geben. Der Herr lässt seine armen Diener und Dienerinnen auch für des Leibes Nahrung und Notdurft nicht unversorgt; „Habt ihr auch je Mangel gehabt?“ fragte er beim Abschied seine Jünger, und sie antworteten ihm einstimmig: Herr, nie keinen! Wohl lässt er ihnen oft den Wein auf die Neige gehen, aber nicht um sie zu ängstigen, sondern um sie zu prüfen; wenn sie in solchen Prüfungsstunden nur auf ihn sehen und ihn anflehen, so ist er alsobald mit seiner Hilfe da. Er erweckt immer noch Menschen, die den Armen Arbeit geben, wenn Arbeit fehlt, und Nahrung, wenn Nahrung fehlt; und ist einmal eine Teuerung im Land und würden Menschen hart wie die Steine, dann kann er sich auch aus Steinen Jünger erwecken, die offene Hände haben zu helfen; und überdies sind noch immer Raben da, wie zu der Propheten Zeiten. Ist ein armes Haus nur ein Haus, das Jesum beherbergt, dann kann und darf und wird es ihm nimmermehr fehlen weder an himmlischem, noch an irdischem Segen. Warum herrscht heutzutage in so vielen armen Häusern die Sorge und der Mangel und die Sünde? Weil sie den Heiland nicht zu sich bitten, weil sie den Sohn Gottes verachten, weil sie einer gewissen roten Fahne folgen, die die Inschrift trägt: „Was fragen wir nach dem Himmel, wenn wir nur auf Erden Brot und Vergnügen haben!“ Ach wem es im Ernst darum zu tun ist, den Armen zu helfen, gründlich zu helfen, der speise sie um Gotteswillen nicht mit Brot ab, der gebe ihnen auch das Evangelium! Staatsmänner und Gelehrte zerbrechen sich heutzutage den Kopf, wie sich das alternde Europa gegen das Schreckgespenst des Pauperismus, gegen den Unhold des Proletariats waffnen und wehren soll. Aber diese Art fährt nicht aus, denn durch Fasten und Beten, d. h. durch geistliche Mittel, durch Frömmigkeit und Gottseligkeit. Das Evangelium von Jesu Christo ist die beste, ist die einzig siegreiche Wehr und Waffe gegen den Pauperismus. Arme Leute, die ihren Heiland kennen, kennen keine soziale Revolution. Arme Leute, die den Heiland kennen, gehen mit reichen Leuten, die den Heiland kennen, Hand in Hand; denn sie sind selber reich, reich im Glauben an Jesum Christum, der ihr Hausfreund ist.

Das arme Haus zu Kana war ein Hochzeitshaus und als ein solches ein fröhliches Haus. Eine eigentlich religiöse Feierlichkeit, eine priesterliche Einsegnung, war unter Israel mit der Hochzeit nicht verbunden; man feierte die Schließung des heiligen Ehebundes nur als ein Familienfest im Haus. In festlichem Zug unter Gesang, Musik und Tanz wurden die Brautleute, die Kränze auf dem Haupte trugen, ins Haus geleitet, und hier pflegten dann die Festlichkeiten sieben Tage lang zu währen. Die Hochzeitsleute von Kana haben als arme Leute wohl nur einen Tag lang gefeiert, aber gefeiert haben doch auch sie; auch sie hatten sich Gäste geladen und saßen beim Wein, so wenig sie auch hatten, doch fröhlich mit ihnen zusammen; auch das Scherzwort des Speisemeisters beweist, dass ein fröhlicher Ton bei dem Hochzeitsmahle herrschte. Und in ein solches fröhliches Haus wird des Menschen Sohn geladen, und er nimmt die Einladung wirklich an und geht hinein und ist und trinkt mit den Hochzeitsleuten. Ob das Johannes der Täufer auch wohl getan haben möchte? O nein, ihn hätten die Leutlein von Kana schon gar nicht einmal das Herz gehabt zu Gast zu bitten; und hätten sie ihn auch gebeten, er wäre nimmer gekommen; wenn er aber erschienen wäre, wahrlich so wäre er nicht eingetreten, um fröhlich zu sein mit den Fröhlichen, sondern um ihnen eine Bußpredigt zu halten. Denn er war der Prediger der Buße, sein Platz war in der rauen Wüste, seine Eigentümlichkeit war Abgezogenheit von der Welt und von der Freude in der Welt. Er hat sich darum die unwillige Rede des Volks zugezogen: „Er isst nicht und trinkt nicht, er hat den Teufel“ - er ist ein Finsterling, ein Fanatiker. Des Menschen Sohn schilt Johannes nicht so, aber er lebt auch nicht so wie Johannes. Er schilt ihn nicht. Denn Johannes war die zur Persönlichkeit gewordene bußfertige Sündenerkenntnis; und wo einem Menschen die Sünden über das Haupt gehen, wo er zur Erkenntnis kommt, dass seiner Missetaten so viel sind wie der Sand am Meer, da ziemt sich allerdings nicht ein Hochzeitskleid, sondern Sack und Asche, da passt nicht Wein und Reigen, sondern Weinen und Sichneigen. Wer eben erst aufgewacht ist aus dem Schlaf eines Lebens ohne Gott und sich nun mit Entsetzen erkennt als einen schnöden Übertreter der heiligen Gebote Gottes, als ein Kind des Zornes und des Verderbens: ja der soll wohl wegbleiben von einem Hochzeitshaus, dem soll wohl Essen und Trinken vergehen und Heiterkeit und Freude, der soll sich nur in seine Kammer einschließen und den Bußpsalm beten:

Aus tiefer Not schrei ich zu Dir;
Herr Gott, erhör' mein Rufen;
Dein gnädig Ohr neig' her zu mir
und meiner Bitt' sie öffne;
denn so Du willst das sehen an,
was Sünd' und Unrecht ist getan,
wer kann, Herr, vor Dir bleiben?

Aber Jesus Christus lebte nicht wie Johannes, denn des Menschen Sohn hatte keine Sünde, stellte vielmehr in sich selber dar die Vergebung der Sünden, das Himmelreich, die Gerechtigkeit, den Frieden, die Freude. Das eben zeigte er denn gleich zu Anfang seiner öffentlichen messianischen Laufbahn dadurch, dass er in ein fröhliches Hochzeitshaus eintrat und die Freude vermehrte und die Fröhlichkeit verlängerte durch seine Verwandlung des Wassers in Wein. Eben dasselbe hat des Menschen Sohn während seines ganzen Wandels auf Erden bewährt, da er sich oft zu Gastmählern laden ließ und fröhlich war mit den Fröhlichen. Ja das war so sehr seine Art, dass seine Feinde davon Anlass nahmen ihn zu verlästern. „Des Menschen Sohn“, so berichtet er selber einmal das Gerede der Leute über sich“, isst und trinkt; so sprechen die Leute: wie ist der Mensch doch ein Fresser und Weinsäufer und der Zöllner und Sünder Geselle!“ Der Welt kann es eben der Fromme niemals recht machen: ist er traurig über seine Sünde, so nennt man ihn einen Kopfhänger; ist er im Gefühl der Gnade seines Gottes fröhlich mit den Fröhlichen, so nennt man ihn einen Lebemann. Aber man kann es auch niemals Allen recht machen; es kommt nur darauf an, dass man es Gott recht mache. Vor dem großen Gott aber ist die Methode des Johannes zwar der Weg zum Christentum, aber nicht das Christentum selbst; das Christentum selbst hat nicht in Johannes, sondern in Jesu Christo seinen Mittelpunkt und sein Vorbild; Er hat uns das Vorbild gelassen, dass wir sollen nachfolgen seinen Fußtapfen. Wahrlich es geht nur durch die Buße des Johannes ins Himmelreich, nur durch den bitteren Ernst der Sündenerkenntnis und die große, göttliche Traurigkeit des Schuldgefühls: wer einen andern, leichteren Weg zum Leben lehrt, der verfälscht die Schrift. Aber dennoch ist der Kleinste im Himmelreich größer als Johannes, denn er hat die Freude in Christo. Solche Christen, die immer so traurig drein schauen, wenn andre Leute sich freuen, und die immerwährende Melancholie für die Reife der Heiligung ausgeben, sind irrende Brüder, sind im Wüstensand des Johannes liegen geblieben, sind nicht durchgedrungen zu dem Heilsbrunnen, aus welchem man mit Freuden Wasser schöpft. Bei jedem Sonnenstrahl, der freundlich in dies arme Leben scheint, immer auf die Wolken weisen, die möglicherweise die Freude bald überschatten können; bei jedem Blümchen, das am Wege sprosst, gepflanzt von der gütigen Hand des himmlischen Vaters, sofort die Bemerkung machen, dass es bald verblüht sein wird: das ist, ja, ich weiß nicht, was das ist, ich glaube, das ist eine schwere Sünde. Heißt denn Evangelium traurige Botschaft? Nein, Evangelium heißt fröhliche Botschaft! Oder hat der Engel, als er den Eintritt des Sohnes Gottes uns zu Gute in unser Fleisch und Blut verkündete, gesagt: Siehe, ich verkündige euch große Traurigkeit!? Nein, er hat gesagt: Siehe, ich verkündige euch große Freude! Freut euch alle Wege, ruft der Apostel, und abermal sage ich, freut euch!

Allerdings er setzt hinzu: „in dem Herrn“; und diesen Zusatz macht die heilige Schrift immer, wenn nicht dem Buchstaben, so doch dem Geist nach, so oft sie von der Freude der Glieder des Himmelreichs redet. Das Hochzeitshaus zu Kana war ein solches Haus, das da fröhlich war in dem Herrn, es war ein Haus geweihter Freude. Jesus war bei der Freude. Seine Gegenwart war den Hochzeitsleuten nicht lästig, sondern lieb; sie hatten ihn doch wohl selber eingeladen. Seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit des eingebornen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit, durchglänzte und verklärte ihre hochzeitliche Fröhlichkeit. Also aber soll es immer sein, wo Christen sich freuen. Jene weltliche Ausgelassenheit, da man sich freut ohne Jesum, wider Jesum, trotz Jesu hat in Christenhäusern, bei christlichen Mahlzeiten, bei geselligen Vereinigungen von Christen nichts zu suchen: die Zeiten sind vorüber, Gott sei Dank vorüber, da das arme Herz sich verführen ließ, Freuden zu suchen ohne Jesum Christ. Zwischen jenen Freuden, die doch seine waren, und unsrer jetzigen Freude liegt eben jene große göttliche Traurigkeit, die zur Seligkeit eine Reue gebiert, die Niemand gereut. Wenn wir jetzt uns freuen, einsam oder gemeinsam, so muss Jesus Christ dabei sein; wo Er uns fehlt, da fehlt uns auch die Freude. Darum laden wir ihn ein, so oft wir uns zum Mahl niedersetzen, und beten: Komm, Herr Jesu, sei unser Gast; segne, was Du uns bescheret hast! Wo dies Gebet gebetet wird, da kommt er auch; wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen, unsichtbar, aber spürbar; man hört das Rauschen seiner Füße, das Flüstern seiner Stimme, das Klopfen seines Herzens. Wenn aber Jesus Christ als das Haupt unserer Gäste unter uns weilt, dann verbieten sich gewisse Dinge und Reden dieser Welt ganz von selbst: man wird doch nicht einen teuren Gast zu sich einladen, um ihn hinterher durch Worte und Handlungen, von denen man weiß, dass sie ihm die Seele verwunden, schnöde zu beleidigen. Er aber offenbart bei jedem solchen fröhlichen Zusammensein in Ihm seine Herrlichkeit heute noch ebenso gut, wie ehedem: seine Weihe liegt da auf unsern Gesprächen, sein Segen auf unserm Gedankenaustausch; und wär' es ein Mahl, so arm, wie jenes zu Kana, ist Jesus nur dabei, dann schmeckt auch ein Trunk frischen Wassers, wie perlender Wein. Darum freue dich, du Menschenkind, immerhin in deinem Hause mit deinem Gatten, mit deinen Kindern, mit deinen Anverwandten, mit deinen Freunden; Gottes Wort verwehrt's dir nicht. Aber freue dich in dem Herrn, vor seinem Angesicht, unter seiner Weihe, mit seinem Segen. Freut im Herrn euch allewege, so singt ein gottseliger Sänger: Freut im Herrn euch allerwege, freut euch seiner Gnad' und Gunst; seid zu solcher Freud' nicht träge, übt euch recht in dieser Kunst. Soll die Fülle seiner Freuden ungenossen Er vergeuden? Freude, so wie Er sie beut, das ist wahre Herzensfreud'!

Wir nannten das Hochzeitshaus zu Kana ein armes Haus, das reich wurde durch des Menschen Sohn, ein fröhliches Haus, das geweiht wurde durch des Menschen Sohn; wir dürfen dem Häuslein seinen besten Ruhm nicht vorenthalten: es war auch ein frommes Haus. Wir wissen zwar wenig von den Hochzeitsleuten zu Kana, aber wir können jedenfalls mit vollem Recht auf sie das Sprichwort anwenden: Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist. Sie hatten Maria und den Sohn Marias und seine Anhänger eingeladen, aufgenommen; Weltleute hätten sich wohl gehütet, solcher frommen Gesellschaft Tür und Tore zu öffnen; der Schluss kann nicht unrichtig sein: ein Haus, das sich so frommer Gäste erfreut, muss selbst ein frommes Haus sein. Aber wir dürfen uns andrerseits auch nicht zu hohe Begriffe machen von der Frömmigkeit der lieben Leute in Kana. Maria, die gebenedeite Mutter, verstand den Heiland noch nicht recht, wie aus dem Zwiegespräch hervorgeht, das sie mit ihm führt; viel weniger haben Bräutigam und Braut ein volles Verständnis gehabt dessen, das er war und das er wollte; sie haben in ihm wohl nur einen frommen Rabbi, einen Lehrer von Gott gekommen, gesehen, aber noch nicht den Sohn des lebendigen Gottes. Die Jünger, die mit anwesend waren, nun der Heiland hatte sie eben erst vom Fischernetz und aus dem Schatten ihres Feigenbaums zur Nachfolge gerufen, es waren auch noch keine großen Glaubenshelden, viel weniger sind es Bräutigam und Braut gewesen. Das Hochzeitshaus zu Kana war wohl ein frommes Haus, aber die Frömmigkeit war noch ziemlich unklar und unreif. Solcher frommen Häuser aber gibt es auch dermalen hie und da im Land. Man hat eine gewisse Ehrfurcht vor dem Heiland, eine gewisse Anhänglichkeit an ihn. Man ahnt, dass das Heil unsrer Seelen irgendwie mit dem Namen Jesu Christi verknüpft ist. Man hat eine aufrichtige Achtung vor gläubigen Predigern Christi; es sind doch gebildete Leute, und sie sprechen doch so warm und so überzeugt von den Geheimnissen und Wundern der Religion des Kreuzes; es muss also doch möglich sein, die moderne Bildung mit dem alten Bibelglauben zusammenzufassen; wenn sie das Alles glauben, was in der Bibel steht, warum sollte man das nicht auch glauben können? Überdem die gläubigen Verkündiger des Evangeliums sind immer zugleich voll Ehrfurcht vor den Majestäten und Mächten dieser Erde; dahingegen was rationalistisch und freigeisterisch ist, ist meist immer zugleich revolutionär; es ist darum tausendmal verständiger, es mit den Gläubigen, als es mit den Ungläubigen zu halten. Das ist der Standpunkt mancher Seele heutzutage, die sich zu den Frommen rechnet, namentlich in den höheren Ständen. Er ist schwach, sehr gering, liegt sehr nach den Grenzen des Unglaubens zu, und es ließe sich viel gegen ihn sagen. Wir wollen hier nur so viel gegen ihn sagen: Selig wird man bei diesem Standpunkt nicht! Aber wir wollen auch das für ihn sagen: Man kann von diesem Standpunkt aus weiter kommen; der Herr in seiner unendlichen Barmherzigkeit und Langmut knüpft gern an an diesen Standpunkt und heilt und heiligt die Frömmigkeit.

Denn so hat Er's in Kana getan. Er hat ein großes Wunder dort im Hochzeitshaus getan, ein Doppelwunder: er hat das Wasser in Wein verwandelt, und er hat die Frömmigkeit in Gläubigkeit verwandelt. Wir dürfen dem ersten Wunder der Verwandlung des Wassers in Wein doch nicht ganz vorbeigehen. Wir wollen hier nicht wiederholen, was zur Erklärung dieses Wunders nun schon so oft gesagt ist, dass Jesus Christ hier in einem Moment getan habe, was er als Gott von Gott in Ewigkeit geboren sonst alle Jahre tue; jeder Weinstock sei ein Wasserkrug, in welchem sich das Wasser alljährlich in Wein verwandle, und jede Traube sei ein Becher, in welchem es aus dem Weinstock geschöpft werde. Wir halten es für misslich, Wunder zu erklären; man erklärt so leicht das Wunder weg. Doch soll einmal das Wunder von Kana erklärt werden, nun dann wird Alles, was schriftkundige Denker und Ausleger je über das Evangelium von der Hochzeit zu Kana geschrieben und gepredigt haben, doch überboten durch die süße Auslegung, die ihm einmal ein kleines Kind gegeben hat. Ein Hausvater saß in der geräumigen Halle im Kreise der Kinder und Hausgenossen und las ihnen nach vollbrachtem Tagewerk, der alten frommen Sitte gemäß, das Wort des Herrn aus dem Buch der Bücher. Und als er die Worte des Evangeliums las, wie der Heiland in milder Freundlichkeit am Hochzeitsmahl zu Kana das Wasser in Wein verwandelte und dergestalt die staunenden Jünger im Glauben befestigte, da erhob sich einer der Knaben und sprach kindischen Sinnes: Vater, wie deute ich das? Wie vermochte sich das Wasser in Wein zu gestalten? Das jüngste der Kinder aber rief in freudiger Ahnung: „Vater, das Wasser erschaute die Herrlichkeit des Heilandes und erglühte! Strahlt doch der Spiegel des Sees in rosigem Glanz, wenn die Sonne aus den Nebeln des Morgens taucht.“ Da herzte und küsste der Vater freundlich das errötende Kind und sprach die Worte: „Wahrlich, ich sage euch, wer das Reich Gottes nicht empfängt als ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Ach, dass wir so wie jenes Kind diesem und allen Wundern unsers Herrn begegneten; was geschrieben steht von des Menschen Sohn und seiner Herrlichkeit, es ist ja nicht geschrieben für den flügelnden Verstand der Weisen, sondern für das ahnende und suchende Herz der Unmündigen. Es hat ja auch das Wissen und Begreifen an seinem Ort seinen großen Wert; aber vor der aufgeschlagnen Bibel, vor dem Wort, in dem der große Gott zu seinen Kindern spricht, hat alle Weisheit dieser Welt zu schweigen, ist alles Klügeln und Anzweifeln eine Majestätsbeleidigung. Gottes Wort will nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen gelesen und bewegt werden, nicht mit dem Wissen, sondern von dem Glauben gefasst werden - nicht von einem Köhlerglauben, aber von einem kindlichen Glauben.

Doch wir wenden unsre Gedanken von dem äußerlichen Wunder der Verwandlung des Wassers in Wein auf das innerliche Wunder der Verwandlung des frommen Hauses in ein geheiligtes Haus. Dass Maria still und demütig von ihrem Sohn den Verweis hinnahm: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? dass die Diener willig und eifrig taten, was der Herr befahl, dass die Jünger die Herrlichkeit ihres Meisters erkannten, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater voll Gnade und Wahrheit, dass sie im Glauben an ihn befestigt wurden; das war das größere Wunder im Hochzeitshause zu Kana. Denn so groß es ist, die Natur zu beherrschen, größer ist es, Seelen zu bezwingen; so groß es ist, den Elementen zu gebieten, größer ist es, den Geistern zu befehlen; so groß es ist, Wasser in Wein zu verwandeln, größer ist es, Menschenherzen zu lenken, wie Wasserbäche. Jeder aber, der Jesum Christ als Gast zu sich ruft und bei sich aufnimmt, erfährt dies Große noch heute: fromme Häuser, die Ihn zu Gaste laden, werden durch Ihn geheiligte Häuser.

Wie schwach, wie unklar, wie gebrechlich auch unsre Frömmigkeit sein möge, gönnen wir nur unserm Heilande ein Plätzlein im Haus, so wird er uns und unser Hauswesen heiligen in seiner Wahrheit, und wir werden ihm nahen und von ihm nehmen Gnade um Gnade. Es traten einst zwei Leute in den heiligen Ehestand, die zwar sich untereinander herzlich lieb hatten, die aber von wahrhaftiger Liebe zum Herrn wenig oder nichts in sich verspürten. Sie hatten während ihres Brautstandes nach der Welt Weise gelebt und gedachten solche Weise auch im Ehestand fortzuführen. Der Vater der jungen Frau aber war ein frommer Mann; derselbe hatte nicht eher seine Einwilligung zur Heirat gegeben, als bis ihm die jungen Leute das feierliche Versprechen abgelegt hatten, alle Morgen beim Aufstehen niederzuknien und gemeinsam den kurzen Seufzer zu beten: O Herr Jesu, schenke uns Deinen heiligen Geist, Amen. Das taten sie denn auch, zuerst fast spöttisch, bald ernst und immer ernster, und siehe, ehe sie sichs versahen, war der Herr Jesus mit seinem heiligen Geist Gast in ihrem Haus, und der heilige Geist, nachdem er sie zuvor gestraft um ihrer Sünden willen, führte sie zur Versicherung der Vergebung der Sünden in Christi Blut und Wunden, und ihr Haus ward eine Hütte Gottes unter den Menschen. In einem solchen Haus nimmt man es dann demütig hin, wie Maria, wenn er uns durch sein Wort verweist alle unsere Ungeduld, all' unser Dreinsprechen in die Pläne Gottes mit uns; denn es nimmt von Tag zu Tage die Erkenntnis zu, dass wenn lauter Nein, erscheint, doch lauter Ja gemeint ist, dass Gottes Uhr anders, aber richtiger geht, als unsre Uhr, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen. Wir nehmen dann ohne alle Frage Alles an, was er uns gibt, sei's ein Glas Wein, sei's ein Verweis. Was er uns sagt, das tun wir dann in seiner Kraft, und in solchem gehorsamen Tun wird das Verslein uns immer klarer und immer wahrer: Was Er gebeut, das muss geschehen; das Andre wird Er selbst versehen! Er offenbart alsdann seine Herrlichkeit in unserm Haus immer heller, immer großartiger, dass wir anbeten vor ihm und sprechen: Wir glauben hinfort nicht mehr um der Rede der gläubigen Prediger willen, sondern wir haben selbst gehört und erkannt, dass Jesus ist wahrlich Christus, der Welt und unser Heiland!

Liest diese Zeilen ein Armer, o er soll gebeten sein, Jesum in sein Haus aufzunehmen, so wird er reich werden und Schätze erlangen, nach denen die Diebe nicht graben und die die Motten und der Rost nicht verzehren können; wer Jesum hat, hat Alles; der uns seinen einigen Sohn gegeben, sollte uns der mit ihm nicht Alles geben? Liest diese Zeilen ein fröhliches Herz, o es soll gebeten sein, Jesum ins Haus zu nehmen, so wird er ihm die Freude weihen und verklären, dass sie ins ewige Leben währt. Fällt dieses Blatt einem Frommen in die Hände, o dass er sich sagen lasse, dass alle Frömmigkeit ohne Christentum eitel ist, dass auch alles Christentum ohne den persönlichen Jesus Christus eitel ist; Jesus muss einziehen in die frommen Häuser, dass er sie heilige zu Stätten seiner Ruhe. Amen.

Quandt, Emil - Die Ruhestätten des Menschensohnes - 4. Das Fischerhaus in Kapernaum.

Ev. Marci 2,1. Und über etliche Tage ging er wieder nach Kapernaum; und es ward ruchbar, dass er im Haus war.

Osten oder Westen, daheim ist's am besten, sagt ein niederdeutsches Sprichwort. Der wunderbare Mann, der in Nazareth und Jerusalem seine Vaterhäuser hatte und der im Hochzeitshaus zu Kana ein freundlicher Gast war, hat denn auch er in den Tagen seiner männlichen Jahre ein Daheim gehabt auf Erden, ein Wohnhaus, darin er schaltete und waltete als in seinem eigenen, wie andere Bürger dieser Erde? Ja, so antwortet uns das zweite Kapitel des Evangeliums Marci, auch des Menschen Sohn hat einen Ort gehabt auf Erden, da er wohnte und zu Haus war, so oft er von seinen Wanderungen der Liebe und des Erbarmens ermüdet heimkehrte. Kapernaum hat von allen Städten der Erde die einzigartige Ehre, seine Stadt, die Stadt des Menschensohnes, zu heißen. „Du Kapernaum“, so redet der Herr Matth. 11,23 die Stadt um dieser ihr geschenkten Ehre willen selber an „O, du Kapernaum, die du bist erhaben bis an den Himmel!“ In dies Kapernaum und zwar in das Wohnhaus, das der Herr dort hatte, führt uns Marcus, wenn er sagt: „Und über etliche Tage ging er wiederum nach Kapernaum, und es ward ruchbar, dass er im Hause war.“ Und wenn Marcus dann fortfährt: „Und alsobald versammelten sich Viele, also dass sie auch nicht Raum hatten draußen vor der Tür“, und wenn er uns dann weiter erzählt, dass sogar Manche, die nicht mehr durch die Tür in das Haus gelangen konnten, das platte Dach abdeckten und durch das Dach einstiegen, so nehmen wir wahr, dass das Haus, in welchem der Heiland wohnte, eine ganz erstaunliche Anziehungskraft ausübte. Diese Anziehungskraft des Wohnhauses des Menschensohnes in Kapernaum besteht noch heute. Denn wenn es uns doch immer eine große Freude ist, unsere guten Freunde in ihrer eigenen Häuslichkeit zu besuchen und zwischen ihren vier Wänden mit ihnen Gemeinschaft zu pflegen, wie vielmehr wird unsere Seele sich gezogen fühlen, dem allerbesten unserer guten Freunde, den wir schon kennen von unseren frühsten Kinderjahren her, unserm Heiland, unserm Mittler, unserm Erlöser einen Besuch zu machen in seinem eigenen Haus, dem Haus, das der Sohn Gottes würdigte zur Wohnstätte zu erwählen, als er unter dieser Sonne wandelte, ein Mensch wie andere Menschen, nur ohne Sünde!

Freilich das Haus tut es nicht und tut es uns auch nicht an, sondern der Mann in dem Haus. Denn nicht das Haus macht den Mann, sondern der Mann macht das Haus. Ein Bauersmann bleibt doch ein Bauersmann, wenn er auch in einem Herrenhaus wohnt; aber ein hölzernes Schiffsbauerhäuschen wird zur Residenz, wenn ein Fürst es bewohnt. Das Haus von Kapernaum war ein Haus wie ein andres Haus, aber weil Jesus Christus darin wohnte, war es ein Könighaus. Denn Jesus Christus ist ein König, der König der Menschheit, der König der Welt.

Von einer Wanderung war des Menschen Sohn so eben zu Haus gekommen. Wandern, predigend und heilend umherziehen, das war des Heilands Lebensweise während seiner messianischen Laufbahn; er ist umhergezogen und hat wohlgetan. So still und ruhig seine ersten dreißig Lebensjahre in der Verborgenheit von Nazareth dahin geflossen waren, so voll Unruhe waren die drei Jahre seines öffentlichen Lebens; kaum hatte er in Kana das erste große Zeichen seiner Herrlichkeit gegeben, als er auch anfing, das jüdische Land zu durchziehen von Dan bis Bersaba als der große göttliche Wanderer, der sich selbst der zeitlichen Ruhe beraubte, um den Andern, um den Sündern die ewige Ruhe zu vermitteln. Doch je und je war es auch ihm nach seiner Menschheit ein unabweisliches Bedürfnis, zu Haus zu sein, und er stillte dasselbe in Kapernaum. Das stille Vaterhaus in Nazareth war wohl nicht mehr vorhanden; Joseph, der liebe, fromme Zimmermann, war wohl nicht mehr im Land der Lebendigen, sondern schon vor der Hochzeit von Kana zu seinen Vätern versammelt worden; wir hören schon seit dem Tempelgang nichts mehr von ihm. Eins geht hier, das Andre dort in die ew'ge Heimat fort, ungefragt, ob die und der uns noch weiter nützlich wär'. Die Stadt Nazareth aber verachtete den großen Nazarener, der Prophet galt nichts in seinem Vaterland; so zog der Herr mit seiner Mutter Maria nach Kapernaum, einer Stadt, die an der großen Handelsstraße lag, auf der der Weltverkehr aus Vorderasien sich nach den Ländern des Mittelmeeres bewegte; einer Stadt, in der nicht nur viele Juden, sondern auch eine Menge handeltreibender Fremden wohnten, und in welcher auch eine römische Besatzung lag. Jüdische Schriftsteller brandmarken Kapernaum als eine Wohnung der Ketzer und der Freigeister, der Herr aber, der gekommen war, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, auch die Ketzer, auch die Freigeister, schämte sich nicht, gerade in dieser Stadt, wo das Heidentum stark in Israel hineinragte, seinen Aufenthalt zu nehmen, auf dass, wie es Ev. Matth. 4 heißt, erfüllt würde, was geschrieben stand: Das Volk, das im Finstern saß, hat ein großes Licht gesehen, und die da saßen am Ort und Schatten des Todes, denen ist ein Licht aufgegangen. Was für ein Haus des Menschen Sohn in Kapernaum bezog, steht nicht ganz fest. Viele halten dafür, dass es ein eignes Mietshaus war, in welchem der Herr mit der Maria und etwa einigen. Freunden allein wohnte. Aber es ist bei Weitem wahrscheinlicher, dass es das Fischerhaus Simons, das Haus des Jüngers Petrus war, in dem der Herr wohnte; denn an Petrus, als den Wirt des Hauses, wenden sich die Leute, die den Zinsgroschen einnehmen. In jedem Falle war das Haus des Menschensohnes in Kapernaum ein Haus, wie die andern Häuser dort, kein Marmorpalast, sondern eine Fischerhütte.

Doch was strömen denn die Leute so zu diesem Haus? Kaum wird es ruchbar, dass Jesus wieder zu Haus ist, als sich auch alsobald ganze Scharen in dem Haus versammeln; Viele finden nicht mehr Raum und müssen draußen stehen; Einige decken das Dach ab und verschaffen sich dadurch Eingang. Ei, nicht das Haus als solches, sondern der Mann im Haus zog die Leute an. Es gab in der weiten Welt nicht einen Mann wie diesen, der in diesem Haus wohnte. Und was war denn das Sonderliche an diesem eben von einer Reise heimgekehrten Bürger Kapernaums? Dass er so rastlos tätig war; dass er, obwohl sicherlich ermüdet von der Reise, doch alsobald weiter wirkte nach dem von ihm selbst ausgesprochenen großartigen Grundsatz: Ich muss wirken, so lange es Tag ist; es kommt die Nacht, da Niemand wirken kann!? O gewiss, das ist etwas Großes; das beschämt Tausende seiner Diener, die die Zeit nicht auskaufen und in den Tag hineinleben, als wenn er ewig währte und keine Nacht im Anzuge wäre; allein das erklärt uns den Zusammenlauf der Leute nicht. Er sagte ihnen das Wort und gab dem Gichtbrüchigen den Gebrauch seiner Glieder wieder; o ja, das ist bedeutungsvoll genug - es soll nachher für sich noch näher von uns betrachtet werden, doch Prediger und Wundertäter hat es auch sonst noch gegeben. Aber der Bewohner des Hauses zu Kapernaum, in das die Leute zusammenströmten, tat noch mehr! Er sprach zu dem Gichtbrüchigen, als er seinen Glauben sah: „Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ Es hatten sich auch Feinde in das Haus hineingedrängt; wie, so brausten sie auf in ihrem Denken und Dichten, wer kann Sünde vergeben, denn allein Gott? Wahrhaftig, sie hatten darin Recht: Sünden vergeben, das kann allein Gott, und wir sehen hinzu: Glauben sehen, das schwache Fünklein der Gläubigkeit in der Herzenskammer des Gichtbrüchigen sehen und weiter auch die bösen Gedanken der Feinde sehen - das kann allein Gott. Wenn also der Mann im Haus zu Kapernaum sich die Macht zueignet, die Sünden auf Erden zu vergeben, dann, ja dann ist eins von beiden nur möglich: entweder die Pharisäer und Schriftgelehrten hatten ganz und gar Recht, wenn sie sagten: „dieser Mensch ist ein Gotteslästerer“, oder die Kirche hat Recht, die da sagt: „Dieser Mensch ist zwar ein wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, aber er ist auch wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren.“ Das ist die große Alternative, vor der wir stehen in dem Wohnhaus des Menschensohnes zu Kapernaum. Der wundersame Hausherr steht uns Aug' in Auge an und spricht zu uns: „Wofür haltet ihr mich? Für einen Lästerer Gottes oder für den ewigen Sohn Gottes, für die zweite Person der allerheiligsten Dreieinigkeit? Ich lasse euch nicht aus meinem Haus, ehe ihr mir nicht Rede und Antwort gebt!“ Bedenken wir das einmal alles Ernstes, was das für törichte Leute, halbe, inkonsequente Denker, arme Träumer sind, die da sagen: Dass Jesus Christus Gottes Sohn ist, können und mögen wir nicht glauben, ist überdem auch gar nicht nötig zu glauben; aber wir glauben von ganzem Herzen, dass Jesus ein sehr weiser Mann, ein sehr großer Tugendheld, ein sehr erhabenes, sittliches Vorbild ist. Ei, was ist das für eine Erhabenheit, wenn Jemand, der eine Kreatur wie andere war, nur begabter als andere, sich untersteht zu beten: Und nun verkläre mich, Du Vater, mit der Klarheit, die ich bei Dir hatte, ehe denn die Welt war! Das wäre nicht Erhabenheit, das wäre Gemeinheit. Wie kann man das eine Tugend nennen, wenn Jemand, der nur dreißig Jahre dieser Zeit und keine Ewigkeit hinter sich hatte, spricht: Ehe denn Abraham war, bin ich? Das wäre ja doch eine Lüge und zwar eine der allerfrechsten und abenteuerlichsten Art. Weisheit sollte das sein, wenn Einer es wagt mir die Sünden zu vergeben, der weder Recht noch Macht dazu hat? Torheit wäre das, Torheit der Torheiten; ich würde dem armen Träumer ja bald sagen müssen: Mensch, ich fühle nichts von deiner Vergebung, meine Sünden brennen nach wie vor. O nein und dreimal nein! ist Jesus Christus nicht Gott, dann ist er auch nicht ein weiser, nicht ein tugendhafter, nicht ein vorbildlicher Mensch, sondern ein Tor und ein Träumer und der größte Majestätsverbrecher, den es je gegeben hat. Und nun sage, meine Seele, wie dünkt dich um diesen Jesus, den Bewohner des Hauses, das du betreten? Eins von beiden kann er nur sein, entweder der Lästerer Gottes oder der Sohn Gottes, was ist er dir? O, mein Herr Jesu, Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Bei Deinem Namen haben seit achtzehnhundert Jahren Millionen Herzen höher geschlagen! Durch Deinen Namen hat eine ganze Wolke von Zeugen das schwere Leid des Lebens und alle Schrecken des Todes siegreich überwunden! Von Deinem Namen bezeugen noch heute Tausende und aber Tausende in allen Landen, dass sie in ihm empfangen haben Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit! In meines Herzens Grunde Dein Nam', Herr Christ, allein funkelt allzeit und Stunde, des kann ich fröhlich sein! Des Menschen Sohn ist Gottes Sohn und der König der Menschheit. Als der Erzvater Jacob zu Bethel seinen Gott gesehen, sprach er: Wie heilig ist diese Stätte; hier ist nichts anders, denn Gottes Haus und hier ist die Pforte des Himmels. Wir stehen im Geist zu Kapernaum im Haus des Menschensohnes, wir erkennen in ihm den Sohn des allerhöchsten Gottes und den König der Welt; wie heilig ist dies Haus, wahrlich auch hier ist nichts anders, denn Gottes Haus und die Pforte des Himmels.

Ist es aber also, ist dies Haus zu Kapernaum ein Königshaus, ist es das Haus des Sohnes Gottes, dann weilen wir gerne noch länger in demselben und sprechen wie Petrus auf dem Berg: Herr, hier ist gut sein! Marcus berichtet uns, dass der Herr den vielen Leuten, die in und bei seinem Haus waren, das Wort sagt, eine Predigt hält. So ist der König des Himmelreichs also zugleich der Prophet des Himmelreichs. Wem geläng' es, wem, ohne Ihn Ihn zu verstehen? O dass es ihm gefallen möchte, auch uns, wie jenen Leuten, Sich Selber zu deuten! Wenn wir auch glauben und erkennen, dass er der Sohn Gottes ist, wir haben doch noch so viel zu fragen: Warum hat sich denn doch der ewige Gott seinen Sohn vom Herzen gerissen? Und wenn er ihn auf die Erde sandte, warum doch so arm und so gering; warum nicht reich und groß und majestätisch, dass ihm gleich alle Welt hätte zu Füßen fallen müssen? Warum? warum? Ach, wer kann die Fragen alle zählen, mit denen sich so ein armer Mensch trägt, wenn er einen Eindruck, aber eben auch noch weiter nichts als einen Eindruck hat von der Hoheit des Menschensohnes? Gott sei Dank, des Menschen Sohn antwortet als sein eigner Prophet auf alle diese Fragen. Wenn er den Leuten in Kapernaum das Wort sagt, so wissen wir zwar nicht die Worte, die er in diesem Fall redete, aber das Wort, das er redete, wissen wir doch. Das Wort des Menschensohnes steht geschrieben auf den Blättern der Heiligen Schrift. Das Wort, das Jesus als Prophet geredet hat, ist das biblische Wort. In diesem Wort, dem Bibelwort, muss jede Seele suchen und forschen, der es darum zu tun ist, befriedigende Antwort auf ihre religiöse Fragen zu erhalten. O die Menschen, die Jesu Wort verachten, sie wissen nicht, was sie tun; sie haben Hunger und verachten das Brot, sie haben eine dürstende Seele und sie verachten das Wasser, sie haben ein krankes Herz und sie verachten die heilende Medizin. Du, meine Seele, sollst das Wort deines Heilandes nicht verachten, du sollst suchen und forschen in der Schrift, die von ihm zeuget; du sollst sein Wort behalten und bewegen, wie die Jungfrau Maria es behielt und bewegte.

Sieh, wir sitzen Dir zu Füßen,
Großer Meister, rede Du;
Sieh, wir hören Deiner süßen
Rede heilsbegierig zu.
Lehr' uns, wie wir selig werden,
Lehr uns, wie wir unsere Zeit,
Diese kurze Zeit auf Erden,
Nützen für die Ewigkeit.

Das aber ist des Menschensohnes Wort und Lehre, das hat er überall gepredigt, wo er seine holdseligen Lippen öffnete, das hat er auch in seinem Haus zu Kapernaum gesagt, das sagt er auch uns: Alle Menschen sind arg von Natur und Knechte der Sünde, Alle von unten her, Fleisch geboren vom Fleisch, die da sterben müssen in ihren Sünden, wenn keine Rettung kommt. Der ewige Gott aber hat eine Rettung für die Sünder bereitet in seinem Sohn; also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn gab, auf dass Alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Mose und die Propheten haben davon zuvor gezeugt, dass das Heil kommen sollte von den Juden. Als aber die Zeit erfüllt war, ist der Heiland gekommen, nicht dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn selig werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet, denn der große Bürge hat für Alle die Schrecken des Gerichtes auf sich genommen; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingebornen Sohnes Gottes. Wer aber an den Sünderheiland glauben will, der muss zuvor seine Sünden erkennen; denn die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Darum tue Buße und glaube an Jesum Christ, wer frei werden will von der Knechtschaft der Sünde und des Todes; und wer also kommt, in Buße und Glauben, den wird der Sohn Gottes nicht hinausstoßen, sondern ihm Ruhe geben für seine Seele und die Anwartschaft auf ein Plätzlein in den Hütten des ewigen Friedens. Das ist der Stern und Kern alles dessen, was des Menschen Sohn als Prophet gelehrt hat und lehrt. Und das nennen sie nun eine ungereimte Lehre, die man unbesehens verwerfen müsse, die nur für vergangene Zeiten mittelalterlichen Aberglaubens gepasst habe, die unvereinbar wäre mit der Bildung und Aufklärung dieses fortgeschrittenen Jahrhunderts! O die Menschen dieser Tage prüfen doch sonst allerlei Ratschläge, die ihnen für ihr zeitliches Wohl, für ihr irdisches Glück gegeben werden, prüfen Alles und behalten das Beste; wie ist es doch nur möglich, dass gerade in denjenigen Dingen, die die Seligkeit ihrer Seele betreffen, so Viele leichtsinnig die erste, beste Theorie eines Weisen dieser Welt annehmen und lebenslang darauf schwören als auf ein unumstößliches Evangelium, während sie das einzige Evangelium, das es gibt und so heißen, darf, die Lehre des großen Propheten von Kapernaum, gar nicht einmal der Beachtung, geschweige der Prüfung für wert erachten? Wie Viele zucken heutzutage die Achseln über die alte Lehre Christi von Christo und haben sich seit ihren Kinderjahren gar nicht um sie bekümmert, gar nicht über sie nachgedacht! Welch' eine grenzenlose Leichtfertigkeit in der allergewichtigsten Angelegenheit des menschlichen Lebens! Dazu welch' ein Treubruch, welch' eine Verletzung des Gelübdes der Konfirmation! O über die unverständigen Galater unserer Tage; wer hat sie doch nur so bezaubert, dass sie das Wort des Menschensohnes nicht einmal zu lesen, viel weniger zu bedenken für würdig, für nötig halten? Das hat der Feind getan! Der alte, böse Feind, mit Ernst ers jetzt meint; groß Macht und viele List sein grausam Rüstung ist; auf Erden ist nicht seins Gleichen. Diesem Feind muss ewige Fehde schwören, wer den himmlischen König ehren und seinem Worte glauben und die eigne, arme Seele retten will. Wohlan so seid zum Kampf bereit! Ergreift die Waffen des Lichts und leistet Widerstand für das Wort Jesu Christi mit dem Wort Jesu Christi.

Herr, öffne mir die Herzenstür,
Zeuch mein Herz durch Dein Wort zu Dir;
Lass mich Dein Wort bewahren rein,
Lass mich Dein Kind und Erbe sein.
Dein Wort bewegt des Herzens Grund,
Dein Wort macht Leib und Seel gesund;
Dein Wort ist das mein Herz erfreut;
Dein Wort gibt Trost und Seligkeit.

Wenn des Menschen Sohn im Haus von Kapernaum seinen Feinden sich kund tut als Gottessohn in königlicher Würde, wenn er der Volksmenge gegenüber tritt als der Prophet ohne Gleichen, der da predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten: so ist er dem armen Gichtbrüchigen, von dem uns Marcus erzählt, der barmherzige Hohepriester, der ihm noch Köstlicheres schenkt, als leibliche Heilung, der ihm den Bann von seinem beladenen Herzen nimmt und ihm Vergebung seiner Sünden schenkt durch sein heiliges Wort und Verdienst. So ist das Haus des Menschensohnes in Kapernaum nicht nur ein königlicher Palast, auch nicht nur eine Prophetenhütte, sondern auch ein hohepriesterliches Heiligtum, in welches man mit Wehmut und Verlangen eintritt, aus welchem man scheidet mit Friede und Freude im heiligen Geist. Mit Wehmut und Verlangen, nicht wahr, mein unbekannter Leser, so stehst du in dem Augenblick, da dein Auge auf diese Zeilen blickt, im Geist in dem Haus zu Kapernaum. Wenn auch ein ewiges Lächeln um deine Lippen spielte, du wirst, du kannst, du magst nicht leugnen, dass durch die tiefsten Saiten deiner Seele ein Gefühl unendlicher Bangigkeit zittert. Die Jahre fliehen schnell dahin; die Sonne neigt sich je länger, je mehr zum Untergang; die Schatten werden immer länger; ein Tag geht nach dem andern hin, und unser Werk bleibt liegen; wie bald werden alle Tage verronnen sein, dann kommt der Abend aller Abende, der Abend und dann die Nacht und dann? Rasch tritt der Tod den Menschen an, der Tod und dann? Es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben, danach ja danach das Gericht! Das Gericht?

Zorntag, schrecklichster der Tage,
Der Propheten ernste Sage,
Füllst die Welt mit Angst und Klage! Welch' ein Zittern, welch' ein Schrecken,
Wenn, was Finsternisse decken,
Einst der Richter wird entdecken!

Wird das Schuldbuch aufgeschlagen,
Die Verbrecher anzuklagen
Aus den allerältsten Tagen,
Dann erscheint vor dem Gerichte
Alle Schuld in grellem Lichte,
Wehe jedem Bösewichte!

Wer uns da helfen könnte, wer unser armes Herz von der Furcht vor dem Gerichte heilen könnte, wer unseren mit Recht erschrockenen Geist von dem tiefen, ernsten, übermannenden Schmerz der Schuld, der Schuld, der großen Schuld des Lebens heilen könnte! Nicht wahr, wer das könnte, der sollte unser Heiland sein, und wenn die ganze Welt ihn verachtete. Ja, wer das könnte, dem wollten wir zu Füßen fallen und sprechen: Du sollst mein Herr sein und mein Gott! Kann es denn Einer? Ja Einer und nur Einer! Des Menschen Sohn kann es! Wir heben unsere Augen auf zu dem Mann im Haus von Kapernaum. Wie ist das? Er hat da auch so eine arme, traurige, kranke Seele vor sich. Er legt ihr die Hände auf das Haupt und spricht: Mein Sohn, sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben! Vergeben, welch' ein hohepriesterliches Wort! O mein Herr Jesu, wir sind auch da; wir haben auch so eine arme, sündige, bangende, verlangende, zitternde Seele; wir sehnen uns auch nach Vergebung, nach Trost, nach Hoffnung; wir befehlen uns auch Deinem hohepriesterlichen Erbarmen; vergib uns auch die Sünden, Du großer, wunderbarer, barmherziger Menschensohn! Seufzt du so zu Ihm, lieber Leser, teurer, unbekannter Freund? Dann lass dies Blatt, das du in deinen Händen hast, dir deine Absolution sein! Denn Jesus Christus gestern und heute und derselbige in Ewigkeit. Ob deine Sünde gleich blutrot ist, so soll sie doch schneeweiß werden, und ob sie gleich ist wie Rosinfarbe, so soll sie doch wie Wolle werden! O Lamm, wir müssen niederfallen, denn Dein Erbarmen ist ein Meer; und was soll so ein Würmlein lallen, das Dich erst liebt von gestern her? Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen; lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat; der dir alle deine Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst und dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit. Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert; das zähl' ich zu dem Wunderbaren, mein stolzes Herz hat's nie begehrt; nun weiß ich das und bin erfreut und rühme die Barmherzigkeit.

Aber eine Liebe ist der andern wert. Wenn uns selber im Haus des Menschensohnes solches Heil widerfahren ist, dass durch sein hohepriesterliches Erbarmen in unsere Seele gezogen ist der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft: dann gilt es wohl zu bedenken, dass noch so viele Gichtbrüchige sind in unserer Freundschaft und Verwandtschaft, vielleicht noch in unsers Vaters Haus, so müssen wir ihre Träger sein und sie auf betenden Händen und Herzen alle, alle hintragen zu unserm großen, barmherzigen Hohenpriester, dass er heile die klaffenden, blutenden Wunden unserer Zeit. Aber nicht nur durch unsere Gebete, auch durch Wort und Wandel müssen wir unsere gichtbrüchigen Freunde zum Heiland tragen. Dies Tragen ist allerdings eine Kunst, aber man lernt sie in der Schule des Heiligen Geistes. Worte lehren, Beispiele ziehen; ich will hier zwei Beispiele erzählen von christlichen Trägern, wie sie andere Seelen zu Christo getragen haben. Eine gläubige Frau war besorgt um ihren Mann, der sehr lieb und freundlich und fleißig war, aber die Wege der Welt ging und nach des Tages Last und Hitze Abend für Abend im Wirtshaus saß. Sie klagte ihre Sorge und ihr Leid einem gläubigen Freunde des Hauses. Da kam derselbe Abends, den Mann zu besuchen; der Mann ließ aber den Freund bei seiner Familie sitzen und ging zu Biere. Der Freund blieb Abend für Abend, las der Familie aus Gottes Wort und guten Büchern etwas vor, wartete jedesmal, bis der Mann nach Haus kam, reichte dann demselben freundlich die Hand und sagte: „Nun kann ich gehen, denn der Vater und Gatte ist wieder bei den Seinen.“ Nicht lange konnte der Mann das ertragen; so viel Liebe beschämte ihn: er blieb bald weg von dem Wirtshaus, las auch die Bibel mit den Seinen und ward gläubig mit den Seinen. Da hat ein Freund den andern auf sehr einfache Weise zu Christo getragen. Ein wenig kunstvoller machte es ein Anderer. Das war ein frommer Prediger, der bei der Welt verschrien war als ein Pietist vom reinsten Wasser. Er war so eben bei einer neuen Gemeinde angestellt und predigte das lautere Wort des Herrn unter Beweisung des Geistes und der Kraft. Eine alte, siebzigjährige, aber sehr muntere Matrone gehörte zu dieser Gemeinde; sie war nicht zu bewegen, in die Kirche zu gehen, denn nichts war ihr schrecklicher, als Orthodoxie und Pietismus. Der Prediger hört das und geht zu ihr. Er besucht sie, da er gerade einen Spaziergang vorhat, und bittet, nachdem er sie begrüßt hat, sich Feuer aus für seine Zigarre, redet auch noch Einiges mit ihr von Wetter und Wind und dergleichen, aber keine Silbe vom Worte Gottes, und verabschiedet sich dann. „Seltsam“, spricht die Frau, „ich hatte mir die Pietisten anders vorgestellt; sie rauchen auch ihre Zigarre und reden auch über Wind und Wetter, das hätte ich nicht für möglich gehalten.“ Nach einiger Zeit kommt der Prediger wieder und trifft die Alte, wie sie in unverwüstlichem Humor ein Liedchen trillert. „Ei, das ist schön“, sagt er, „so lieb' ich meine Leute, namentlich wenn sie alt und wohlbetagt sind, fröhlich und singend.“ „Ja“, sagte die Alte, „warum sollte man nicht singen, wenn's Einem so um's Herz ist?“ „Gewiss“, antwortete der Pfarrer, „sollt' ich meinem Gott nicht singen? Sollt' ich ihm nicht fröhlich sein? Es eilt ja das zeitliche Leben rasch zu Ende, aber für unser Einen ist der Tod nicht traurig; denn wer da glaubt an Jesum Christ und in ihm Vergebung der Sünden hat, der lebt, ob er gleich stürbe! Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, ist voller Freud' und Singen, sieht lauter Sonnenschein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ; das, was mich singend machet, ist was im Himmel ist.“ Damit empfiehlt er sich und geht. Als er nach einiger Zeit wieder kommt, findet er die Frau sehr traurig. „Ei, ei“, spricht er „was ist das? Wo sind denn Ihre Lieder? Sie singen ja nicht mehr!“ „Ja“, sagt die Frau und sieht ihn wehmütig an, „Sie haben gut reden, Sie können wohl singen; aber wie soll ich noch singen, ich armes, sündiges Weib mit 70 Jahren, dem so spät die Augen aufgehen darüber, dass es bald ein Ende sein wird und dann der Tod kommt und dann das Gericht.“ „So“, sagt der Prediger, „ist das so gemeint? Ei nun, das ist eine gute Traurigkeit und gebiert eine Reue, die Niemand gereut. Gott segne Ihnen diese Traurigkeit; aus ihr wird große Freude geboren, die Freude in Jesu Christo.“ „Ja“, spricht die Frau, „das sagen Sie wohl; aber wie kann ich dazu noch gelangen? Die bekehrten Leute, die mich unterdessen besucht haben, haben mir gesagt, dass es bei Manchem wohl neun ganze Jahre währen könne, ehe er durch die Traurigkeit des Herzens zur Bekehrung des Herzens gelange; und nachdem ich siebzig Jahre unbekehrt gelebt habe, wird's wohl bei mir noch länger dauern, ehe ich mich zu unserem Herrn Jesu bekehrt habe.“ „Da sei Gott vor“, entgegnet der Prediger, „die guten Leute wissen nicht, was sie sagen; bei denen es neun Jahre mit der Bekehrung gewährt hat, das sind sicherlich Leute gewesen, die viel jünger waren, als Sie; unser Heiland weiß alle Dinge, der weiß auch ganz genau, dass Sie viel zu alt sind, um noch neun ganze Jahre mit der Bekehrung warten zu können; aber damit Sie ganz sicher gehen, bitten Sie nur den lieben Heiland: Herr, nimm mich wie ich bin; ich bin zwar eine alte, arme, noch unbekehrte Sünderin, aber, lieber Herr, nimm mich doch, wie ich bin!“ Als der Prediger wieder kam, da sang die Alte wieder, viel fröhlicher noch als früher. Der Herr hatte sie genommen, wie sie war; und unser Freund hatte die Alte wirklich zu Christo getragen. Das sind nun allerdings keine Geschichten zum Nachmachen (nur nichts Gemachtes im Reiche Gottes, auch nichts Nachgemachtes!), aber doch zum Nachdenken für Alle, die gerne auf das Verslein hören:

O geht hinaus auf allen Wegen
Und holt die Irrenden herein;
Streckt Jedem eure Hand entgegen
Und ladet froh sie zu uns ein.
Der Himmel ist bei uns auf Erden,
Im Glauben schauen wir ihn an;
Die mit uns Eines Glaubens werden,
Auch ihnen ist er aufgetan.

Wir sind am Ende. Wir verlassen nun das Haus des Menschensohnes zu Kapernaum. Welch' ein Haus ist dies Haus! Ein Königshaus, ja wahrlich ein Königshaus, denn wir sahen die Herrlichkeit des Herrn dieses Hauses, eine Herrlichkeit als des Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit. Ein Prophetenhaus, wahrlich ein Prophetenhaus: denn so hat nie ein Mensch geredet, wie dieser Mensch, der auch mehr ist als ein Mensch; wohin sollen wir gehen? Er allein hat Worte des ewigen Lebens. Ein hohepriesterliches Haus endlich ist dies Haus zu Kapernaum, denn es wird bewohnt von dem, der Sünde vergibt durch sein heiliges Verdienst. Dreifacher Glanz erfüllt dies Haus; ist auch ein Haus, wie dieses Haus? Ei, jedes gläubige Christenhaus ist ein solches Haus! In jedem Haus, wo der Heiland wohnt, offenbart er sich auch immer als König, Prophet und Hoherpriester.

Quandt, Emil - Die Ruhestätten des Menschensohnes - 5. Das Pharisäerhaus zu Nain.

Ev. Lukas 7,14.
Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sage an.

Wenn es aller Wahrscheinlichkeit nach das Haus Simons war, in welchem des Menschen Sohn zu Kapernaum wohnte, so treffen wir nach dem Bericht des Evangelisten Lukas in seinem siebenten Kapitel den Herrn zwar wieder in dem Haus eines Simon an, aber eines andern Simon, der nicht zu Kapernaum, sondern in einer andern galiläischen Stadt - es scheint Nain gewesen zu sein, wo der Herr den Jüngling von den Toten auferweckt hatte - seinen Wohnsitz hatte. Dort ein Simonshaus und hier ein Simonshaus, aber wie verschieden beide Häuser! Dort ein Jünger, hier ein Pharisäer; dort wohnte der Heiland, hier war er nur zu Gast. Ja, man kann denselben Namen führen und denselben Heiland im Haus haben, und doch es kann ein Unterschied sein wie zwischen Sommer und Winter, wie zwischen Tag und Nacht. Ach, wie wenige Häuser unter denen, die noch auf den Christennamen etwas geben, gleichen denn heutzutage jenem Simonshaus zu Kapernaum, wo Jesus Christus als König, Prophet und Hoherpriester anerkannt, angenommen, angebetet wird? Die meisten gleichen dem Simonshaus von Nain: der Herr ist wohl darinnen, aber nur als ein flüchtiger Gast, eingeladen weil es gerade Mode ist, den Rabbi von Nazareth bei sich zu Tisch zu haben; ziemlich rücksichtslos behandelt, weil der Verstand in ihm nur und kaum einen großen Lehrer sieht; endlich gar verscheucht durch den Hochmut der Werkgerechtigkeit, die keine Ahnung davon hat, dass es keinen andern Weg der Wahrheit zum ewigen Leben gibt als Jesum Christum. Es ist nun wohl angenehmer, solche Häuser zu schildern und zu betrachten, wie jenes Simonshaus zu Kapernaum im Vorbild war, Häuser, in denen des Menschen Sohn Alles in Allem ist, Hütten Gottes unter den Menschen. Allein es kommt bei biblischen Meditationen von ferne nicht darauf an, dass wir unter allen Umständen uns etwas Angenehmes sagen lassen, sondern darauf, unter allen Umständen uns die Wahrheit zu Gemüt führen zu lassen, damit die Wahrheit uns frei mache. In Wahrheit aber gibt es viel mehr Simonshäuser wie das in Nain heutzutage als Simonshäuser wie das in Kapernaum. In vielen Christenhäusern unserer Tage ist Simon, der Mann der Mode, der Wirt, der Jesum einlädt, weil ihn Andre auch einladen; in andern Häusern ist Simon, der Mann des Verstandes, der Wirt, er heißt den Rabbi willkommen, aber den Mittler zwischen Gott und Menschen steht er bedenklich an; und noch in andern Häusern ist Simon, der Mann der eigenen Gerechtigkeit, der Hausherr, er will wohl von Jesu unterhalten, aber nicht von ihm begnadigt sein.

Es bat ihn der Pharisäer einer, dass er mit ihm äße. Ein Pharisäer bittet den Heiland zu Tisch, das erscheint von vorn herein auffällig. Die Pharisäer sind uns ja sonst aus der neutestamentlichen Geschichte bekannt als unbußfertige Söhne Abrahams, die mehr noch, als die andern Juden entfremdet waren von dem Heile, das aus Abrahams Samen kommen sollte; die darum den Wandel des Herrn auf Erden mit Misstrauen, Eifersucht und Feindschaft begleiteten, die am Ende die Anstifter seines bitteren Leidens und Sterbens auf Golgatha wurden. Wir verstehen es daher wohl, wenn des Menschen Sohn freundliche Einladungen erhält aus den Kreisen der Zöllner und Sünder; aber es erscheint uns befremdlich, dass dieser Simon, Einer aus dem Kreis der Widersacher, ihn zu Gast bittet. Das Rätsel löst sich indessen, wenn wir bedenken, dass die Einladung Simons noch in die erste Periode der messianischen Laufbahn Christi fällt. Damals schwebte der Name des Menschensohnes zwar schon auf vielen Zungen, aber die Pharisäer wussten noch nicht recht, was sie aus diesem vielberedeten jungen Nazarener machen sollten. Die Welt betet gern die aufgehende Sonne an, wer konnte wissen, wozu es dieser Nazarener noch bringen würde? So gehörte es damals auch bei den Pharisäern. noch zum guten Ton, den jugendlichen Lehrer, der so viel versprach, der so etwas Eigenes, Absonderliches, Ungewöhnliches an sich hatte, hin und wieder einzuladen; und Simon, indem er den Herrn in sein Haus lud, machte eben die Mode mit. Des Menschen Sohn aber schlug die Einladung des Mannes der Mode nicht aus. Es ist wahr, der Herr hat von Anfang bis zu Ende nie verhehlt, dass der Pharisäismus auf religiösem Boden eine Pflanze ist, die nicht von Gott gepflanzt ist; aber das große Wehe über die Pharisäer hat er doch erst dann ausgesprochen, als sie vom Misstrauen zum Hass, vom Hass zur Lästerung, von der Lästerung zur tödlichen Verfolgung fortgeschritten waren. So lange sie ihn noch einluden, ging er auch noch zu ihnen, damit er sie einlade ins Himmelreich. Denn gnädig und barmherzig ist unser Heiland, geduldig und von großer Güte. O unser Heiland ist viel weitherziger als manche seiner Jünger. Er geht nicht bloß dahin, wo er gewiss sein kann, Gleichgesinnte zu finden; nein, er geht überall hin; wo sich nur irgendwo ihm eine Tür auftut, um überall ihrer Etliche zu gewinnen und selig zu machen. So kommt denn der Herr Jesus auch in Simons Haus; aber siehe, kaum ist er eingetreten, so zieht er eine arme Sünderin hinterdrein, wie der Magnet ein Eisenteilchen. Denn also pflegt es zu gehen; wo man mit dem Heiland irgendwelche Verbindungen anknüpft, da ergeben sich immer auch sofort allerlei Berührungen mit Zöllnern und mit Magdalenen; sie bilden ein für alle Mal das Gefolge des großen Herzogs der Seligkeit. Doch das ist nun ganz und gar nicht Simons Meinung, mit armen Sündern gemeinschaftliche Sache zu machen. Er will des Menschen Sohn einmal bei sich haben, weil ihn Andere auch zu sich einladen. Aber dass solche Einladung allerlei unliebsame Konsequenzen nach sich ziehen würde, fällt ihm erst ein, als es geschehen ist. Ein Gefühl des Unbehagens und Unwillens beschleicht ihn, als er eine Magdalena über seine Schwelle treten sieht; und er bereut es schmerzlich, den Nazarener zu sich gebeten zu haben. Der Heiland aber sucht ihn in der allersanftmütigsten Weise eines Besseren zu belehren. Simon, ich habe dir etwas zu sagen, spricht er, und sagt ihm das Evangelium.

Ein Spiegelbild für das Modechristentum unserer Tage. Nicht zu allen Zeiten, nicht in allen Gegenden, nicht in allen Kreisen ist die Feindschaft wider den Sohn Gottes und der Jungfrau von gleicher Stärke. Es hat auf der Neige des vorigen Jahrhunderts eine Zeit gegeben, wo es in der gebildeten Gesellschaft zum guten Ton gehörte, über das Evangelium von Jesu Christo vornehm zu schweigen und über die Vergebung der Sünden in Christi Blut und Wunden frivol zu lächeln, während die einfacheren Bürgers- und Bauersleute noch in altväterlicher Treue und frommer Einfalt an der Kirche, an der Bibel, an dem Christenglauben festhielten. Man erlangte wohl in den höheren Kreisen der Gesellschaft damals viel eher Verzeihung für gewisse offenbare Sünden, die man noble Passionen nannte, als für das Bekenntnis zum Glauben an den dreieinigen Gott. Hier und da steht es ja noch so, aber im Ganzen und Großen haben sich die Zeiten gewandelt. Man ist ernster geworden auf den Höhen, und leichtfertiger in den Niederungen. Die Schrecken grauenvoller Revolutionen haben den Tatbeweis geliefert, dass, wenn die Altäre schwanken, auch die Throne zittern; dass, wenn der höchste Adel, den es auf Erden gibt, der Adel der Wiedergeburt, verspottet und verhöhnt wird, auch der Adel der hohen Geburt ins Gemeine gezogen wird. Daher während der Unglaube und die Verachtung der Heiligtümer von oben nach unten geflossen sind und heutzutage weite, ach so weite Kreise des Mittelstandes und der unteren Stände durchdrungen haben als ein böser, böser Sauerteig: herrscht im Allgemeinen in den oberen Schichten der Gesellschaft eine mehr oder minder bedeutende Anlehnung an das Kreuz von Golgatha als an denjenigen Felsen, an dem die Wogen der modernen Weltbewegung abprallen müssen. Es ist nichts Auffälliges mehr heutzutage, neben den Klassikern auch das Buch von Jesu Christo auf dem Bücherbrett zu haben; es macht kein Gerede mehr, ein Tischgebet zu halten. O es soll der große Gott ja tausendmal dafür gepriesen sein; unser Jahrhundert hat uns wieder Könige gezeigt, die ihre goldene Krone dem König in der Dornenkrone zu Füßen legten; Staatsmänner, die ihre Knie beugten vor dem Mann, dessen Reich nicht von dieser Welt ist; Künstler, die ihre Harfen schlugen für das Lamm, das unsere Sünde trug; Edelfrauen, die Samariterdienst getan bis in den Tod an Kranken und Verkommenen. Nicht dass wir sie darüber loben, das sei ferne; Christen loben sich nicht, aber sie lieben sich und preisen den großen Gott und Heiland, der ein gnadenvolles Auge hat nicht nur für das Scherflein der armen Witwe, sondern auch für das Gold, den Weihrauch und die Myrrhen der Weisen und der Reichen. Doch können, dürfen wir es uns verhehlen, dass neben den lichten Erscheinungen eines lauteren, herzlichen, früchtereichen Christentums in unseren Tagen die traurige und jammervolle Erscheinung eines leeren, gehaltlosen, unfruchtbaren, konventionellen Christentums nebenher geht? O wenn Menschen schwiegen, die Steine würden reden, die Steine jener Häuser, in denen Alles Welt ist vom Dach bis zum Fundament, Welt das Tichten und Trachten, Welt das Leben und Lesen, Welt das Tun und Lassen, und in denen doch Jesus Christus auch ein geladener Gast ist, wie weiland im Haus Simonis. Man geht zur Kirche, aber nicht ins Kämmerlein; man hört das Evangelium, aber man gehorcht ihm nicht; man hat eine christliche Färbung, aber keine christliche Weihe. Man gibt sich einer gewissen Rührung hin bei Predigten von Jesu Christo, aber man hat tags zuvor mit ganzer Seele einem Lustspiel applaudiert. „Ich gestehe“, sagte einmal ein Pastor zu einer vornehmen Dame, die ebenso regelmäßig das Theater, wie die Kirche besuchte, „ich gestehe, dass es mir schlechterdings unbegreiflich ist, wie Sie so Widerstrebendes vereinigen.“ „Das können Sie auch nicht begreifen, Herr Pastor“, lautete die im freundlichsten Ton von der Welt gegebene Antwort, „weil Sie nicht in unseren Standesgefühlen aufgewachsen sind; aber ich versichere Sie, dass sich bei uns so etwas sehr gut vereinigen lässt!“ Die gläubigen Prediger mögen eben predigen, aber sie dürfen nicht seelsorgerlich genieren. Am allerwenigsten dürfen sie eine Gemeinschaft anzubahnen suchen mit dem Gefolge des Menschensohnes, mit den Zöllnern und Magdalenen. Es muss alles Phrase bleiben, die Religion des Kreuzes wird zu einer Arabeske des Hauses. Diese ästhetische Art von Christentum ist wie eine Papierblume, nimmt sich manchmal ganz angenehm aus und ist doch ohne Saft und Kraft, etwas Nachgemachtes, Wertloses, Totes. Man belügt mit diesem Christentum sich selbst, vielleicht auch andere Menschen, aber wahrhaftig nicht den allwissenden Gott, der Augen hat wie Feuerflammen. Man kommt mit diesem Christentum vielleicht durch das Leben, aber nicht durch das Sterben, vielleicht vorwärts durch die Welt, aber nicht aufwärts über die Welt, nicht in den Himmel, nicht in die Seligkeit.

Simon, ich habe dir etwas zu sagen, spricht der Heiland, und er sagt ihm und Allen, die wie Simon stehen: Wer an mich nicht glaubt wie eine Magdalena, wer mich nicht liebt wie Magdalena, der wird auch nicht selig wie Magdalena. Irrt euch nicht; Gott lässt sich nimmermehr spotten. Der sich seinen Sohn vom Herzen gerissen und ihn für uns dahingegeben hat, lässt sich nicht mit ein paar frommen, wohlfeilen Redensarten abspeisen. Wer ihm das Herz nicht gibt, dem gibt er nicht den Himmel; und wer zu vornehm ist, vor dem Sohne Gottes die Knie zu beugen und zu beten: „Herr, erbarme Dich“, der ist ihm zu gemein. Schlage an deine Brust, werter. Leser, und neige dein Haupt! Es ist genug, dass du die vergangenen Tage deines Lebens versäumt, vertändelt, verschleudert hast mit einem Christentum des Scheins; heut' lebst du, heut' bekehre dich, eh' morgen kommt, kann's ändern sich!

Es bat ihn der Pharisäer einer, dass er mit ihm äße. Die Pharisäer waren Menschen mit einem sehr kleinen Herzen und einem sehr großen Verstand. Auch Simon war ein sehr verständiger Mann. Jesus von Nazareth, so rationalisierte er, predigt gewaltig und nicht wie wir Schriftgelehrten, er ist also höchst wahrscheinlich ein Lehrer von Gott gekommen, so etwas wie ein Prophet, von dem sich lernen lässt. Man muss ihn also einmal einladen. Doch ist er noch nicht legitimiert als ein Prophet, die geistlichen Behörden haben ihn noch nicht anerkannt, überdies ist er ziemlich dunkler Herkunft, aus Nazareth, und was kann aus Nazareth Gutes kommen? Man darf sich also auch nicht überstürzen mit dem Mann, man muss vorsichtig sein, dass man nicht zu viel tue. Ein wenig Geiz und Gebundenheit an die Dinge dieser Erde kam auch wohl dazu. Darum lädt er Jesum zwar ein, aber bewillkommnet ihn nicht einmal mit den gewöhnlichen Gastehren, wie sie im Morgenland gebräuchlich waren. Keine Fußwaschung, keinen Kuss zum Willkommen, keine Salbung hat er für den geladenen Gast bei seinem Eintritt übrig. Da tritt Maria Magdalena ein, eine große, aber eine begnadigte Sünderin, und macht die Versäumnis des verständigen Pharisäers durch überschwängliche Herzlichkeit gut. Simon hatte kein Wasser gegeben, Magdalena gibt das kostbarste Wasser der Erde, ihre Tränen, und trocknet die genässten Füße des Herrn, da das Linnen fehlt, mit den aufgelösten Haaren ihres Hauptes. Simon hatte für den Mund seines Gasts keinen Kuss gehabt, Magdalena küsst dem Herrn in tiefster Demut die Füße. Simon hatte kein Öl hergegeben, das Haupt des Menschensohnes zu salben; Magdalena salbt den Herrn mit köstlicher Narde. Der Pharisäer sieht es, und es ist ihm ärgerlich. Die Tränen der Sünderin sind ihm lästig, ihre Narde hat ihm widerlichen Geruch. Denn nicht den Heiland der Sünder sieht er in seinem Gast, sondern nur einen gelehrten Meister; und er kann es nicht verstehen, wie Jesus, wenn er wirklich das ist, wozu der Ruf ihn macht, ein göttlich erleuchteter Mann, solche Überschwänglichkeiten von solch einer Sünderin ruhig hinnimmt. Der Heiland aber setzt dem Pharisäer in schlagender Gleichnisrede auseinander, dass Simon Unrecht, und Magdalena Recht habe, dass Er, der Heiland, allerdings Anspruch habe auf die Tränen und auf die Narde der Sünder als der große Erlöser, der Macht hat auf Erden die Sünde zu vergeben.

Es gibt nun in der Christenheit unserer Tage der Häuser nicht wenige, die darin dem Haus Simons gleichen, dass der Heiland in ihnen nur als Rabbi, als erleuchteter Mann, als ein großer Weiser erkannt und anerkannt wird, nicht aber als der Erlöser von Sünde, Tod und Teufel, nicht als der Mittler zwischen Gott und Menschen. Der Rationalismus, das Christentum des herzlosen Verstandes, hat weite Gebiete heutzutage inne, da man die Geister mit dem Marktgewicht wägt und die Tiefe des Reichtums beide der Weisheit und Erkenntnis Gottes mit seinem superklugen Einmaleins herausrechnen will. Man hat eine gewisse äußerliche Achtung und Ehrfurcht vor „Jesus von Nazareth“; man nennt ihn den Weisesten der Weisen, den großen Lehrer der Völker, die schönste Blüte der Menschheit, und man verehrt seine Aussprüche, wohlgemerkt nachdem man sie von Allem, was an Geheimnisse erinnert, entleert hat, als goldene Regeln des Lebens. Nur dass sich Niemand unterstehe, von Christi Wunden, von Christi Wundern zu reden; und dass er auferstanden sei von den Toten und dass er wiederkommen werde zu richten die Lebendigen und die Toten, belächelt man als Kindermärchen. Darum kann man denn nichts weniger ertragen als ein Magdalenen-Christentum. Wenn arme Sünder die Vergebung ihrer Schuld in Christi Blut und Wunden suchen, wenn sie durch seine Huld begnadigt ihm Halleluja singen, wenn sie seiner milden Majestät Tränen dankbarer Liebe weihen, wenn sie ihr armes Leben als Opfernarde ihm verduften lassen: das kann und darf nicht mit rechten Dingen zugehen, das sind für verständige Leute pietistische Torheiten, orthodoxe Ungeheuerlichkeiten, leere oder heuchlerische Phrasen überspannter Naturen, gegen die in bitterster Feindschaft auf Tod und Leben zu kämpfen ihnen als eine heilige Pflicht gilt. Simon und Magdalena, wie damals, so auch jetzt noch oft in einem und demselben Haus: der Mann dem Herrn Jesu gegenüber in kühler, reservierter Stellung, die Frau hingegossen in liebeselige Andacht vor dem Gekreuzigten und Auferstandenen; über die Sterne auf seligen Bahnen eilt ihr frommes, geflügeltes Ahnen siegreich dem grübelnden Mann voran. Simon und Magdalena, oft in einer und derselben Kirche durch die Diener des Wortes vertreten; der Eine predigt, dass Jesus der Sohn Josephs sei und ein Mann wie andere Männer, nur der beste und größte unter ihnen; der Andere predigt, dass Jesus Christus der Sohn des lebendigen Gottes sei, in dem Gott und die Menschheit in Einem vereint und alle vollkommene Fülle erscheinet. Simon und Magdalena, vielfach auch geschieden durch Wand und Mauern; dein Haus, o Menschenkind, dessen Auge jetzt über diese Zeilen fliegt, vielleicht ein Simonshaus, das den Herrn Jesum nur selten empfängt und bei seinem Empfang ihn so kalt, so gleichgültig grüßt; und dein Nachbarhaus vielleicht ein Marienhaus, in welchem bußfertige Sünder das Erbarmen des Gottmenschen Morgens, Mittags und Abends preisen in Psalmen und Lobgesängen.

Simon, ich habe dir etwas zu sagen, spricht der Heiland. O schon die Weisheit dieser Welt, wenn sie nur ein wenig ernst und tief ist, hat dem rationalistischen Christentum so Manches zu sagen, hat ihm zu sagen: „Es gibt zwischen Himmel und Erde allerlei Dinge, von denen der Verstand der Verständigen sich nichts träumen lässt“; hat ihm zu sagen: „Man versteht ein Ding nicht eher, bis man es liebt;“ hat ihm zu sagen: „Menschenwitz ist kein nütz, Gottes Geist Alles leist“. Der Heiland aber in seinem biblischen Wort sagt: „Ich preise Dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, dass Du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen geoffenbart. Ja, Vater, denn es ist also wohlgefällig gewesen vor Dir. Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater. Und Niemand kennt den Sohn, denn nur der Vater; und Niemand kennt den Vater, denn nur der Sohn, und wem der Sohn es will offenbaren. Kommt her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ Ev. Matth. 11,25-30. Gott walte es, dass des Verstandeschristentum, das unendlichen Bedürfnissen vergeblich mit dem Maß der Elle gerecht zu werden sucht, je länger desto mehr dem Herzenschristentum weiche! Nicht Reflexionen und Philosopheme, sondern nur der Glaube macht selig, der Glaube, der mit Maria Magdalena die Sündenvergebung in Jesu Christo erbittet, erhält und bewahrt.

Es erübrigt uns noch in Erwägung zu ziehen, wie das, was Lukas uns von dem Haus Simonis erzählt, öfters von römisch-katholischer Seite missbraucht worden ist zur Stütze für die Irrlehre von der Werkgerechtigkeit. Wenn nämlich des Menschen Sohn, auf Maria Magdalena weisend, sagt: „Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt“, so führen die Papisten diesen Spruch gerne wider die evangelische Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben allein an, die Paulus lehrt, da er sagt Röm. 3,28: „So halten wir nun, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“, und die die teuren Reformatoren zu den Zeiten der glorreichen Kirchenverbesserung wieder auf den Leuchter gestellt haben. Vergebung der Sünden, sagen die Römlinge, wird nicht durch den Glauben an und für sich erlangt, sondern durch die Liebe der Gläubigen; dafür ist, sprechen sie, gerade Maria Magdalena ein leuchtendes Vorbild. Allein wie verkehrt eine solche Deutung ist, geht sonnenklar aus dem Gleichnis hervor, dessen sich der Herr bedient. Der Herr nennt sich einen Gläubiger, dem nicht nur Maria Magdalena, sondern auch Simon als Schuldner verpflichtet seien. Simon ist ihm fünfzig Groschen, die große Sünderin ist ihm fünfhundert Groschen schuldig. Simon schuldet nur fünfzig Groschen. Der Ruhm soll dem Pharisäer nicht geschmälert werden, dass er ein ehrbarer Mann ist, der, mit dem Maße bürgerlicher Gerechtigkeit gemessen, wohl bestehen mag, der nicht in so grobe Sünden gefallen ist, wie das arme Weib, das heute über seine Schwelle getreten ist. Allein verschuldet, schuldig ist auch Simon; schenken, schenken muss der große Gläubiger die Schuld auch ihm, wenn er nicht ins Gefängnis wandern soll. Denn bezahlen, was sie schuldig sind, können sie alle beide nicht, Simon ebenso wenig als Maria Magdalena, die sogenannten ehrbaren Leute ebenso wenig als die offenbaren, groben und großen Sünder. Gibt es aber für keinen Sünder, auch nicht für den ehrbarsten und bürgerlich unbescholtensten Sünder, Heil und Seligkeit, außer wenn Jesus Christus ihm seine Schuld schenkt, so ist das über allen Zweifel erhaben, dass es vor dem Herrn verdienstliche Liebe überhaupt nicht geben kann. Aber, so fragt wohl der Verstand, was heißt denn das Wörtlein „denn“ in der Versicherung des Menschensohnes: „Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt!“? Ja, wir müssen dazu nehmen, was dicht dahinter steht: „Welchem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.“ Die Vergebung geht voran, und die Liebe folgt. Magdalena hatte für ihre vielen und großen Sünden bei dem Herrn Vergebung gesucht und gefunden, darum bewies sie ihm nun in ihrer Salbung so große Liebe; aber wahrhaftig - sie dachte nicht im Traum dabei an verdienstliche Liebe, sondern sie leistete ohne den leisesten Anspruch auf Verdienst dienende Liebe. Der verkehrte Sinn der hoffärtigen Menschen, die in Simons Haus splitter-richtend auf ihre Liebe niedersahen, konnte sie für einen Augenblick etwa beirren. Darum wiederholt der barmherzige Herr, um jeden Zweifel im Keim zu unterdrücken, seine ihr schon früher gegebene hohepriesterliche Absolution und sagt: „Dir sind deine Sünden vergeben - sie sind vergeben und sollen vergeben bleiben, und ob scheelsüchtige Menschen ihrer nicht vergessen können, ich, ich will ihrer in Ewigkeit nicht gedenken - dein Glaube (man merke doch: dein Glaube! nicht deine Liebe) hat dir geholfen, gehe hin in Frieden!“

Aber Simon, der Schuldner von fünfzig Groschen? Hatte er denn wirklich nur eine so kleine Schuld? O nein, o nein; der Herr geht nur auf des Pharisäers Gedanken von der Sünde ein, um ihn zum Nachdenken zu reizen. Denn der Herr ist ein gar weiser Lehrer, der seine Schulkinder nicht eins wie das andere behandelt, sondern ein jegliches nach dem Maß seiner Eigentümlichkeit. Das war eben der Grund, weshalb Simon den Herrn so wenig liebte, weil er in dem Hochmut seines Standesvorurteils, in der Hoffart seiner Werkgerechtigkeit sich für einen Ausbund von Tugenden, für ein Ideal von Heiligkeit hielt, wenn sich der Schlechte mit Schlechteren vergleicht, gerät er ja so leicht in den Wahn, zu meinen, er sei ein Tugendheld. Da will des Menschen Sohn mit dem Gleichnis ihn nun ernüchtern; er soll in sich gehen und erkennen, dass, ob er auch vor Menschen den Ruhm eines Gerechten habe - die Pharisäer hatten großes Lob der Heiligkeit unter dem Volk, ähnlich wie Priester und Mönche unter dem katholischen Volk - er doch seinem Gott ebenso gut fünfhundert Groschen schuldet, wie jenes arme, von ihm bisher so verachtete Weib aus Magdala. Denn wahrlich - nicht bloß die groben Übertretungen des göttlichen Gesetzes sind Übertretungen, sondern auch die feineren Sünden, die in den verborgenen Kammern des Herzens ihre geheimen Schlupfwinkel haben, auch die Sünden unausgesprochener Gefühle und Gedanken. Denn so Gott will Sünde zurechnen, so ist kein Fleisch vor ihm gerecht, und auch ein Simon kann dem Richter der gerechten Rache auf tausend nicht eins antworten. Hätte Simon das erkannt, hätte er erkannt, dass trotz seiner äußerlichen Ehrbarkeit auch seiner Sünden mehr waren, als die Wassertropfen im See Genezareth, als die Haare auf seinem eigenen Haupt: dann würde er wie die große Sünderin sich umgeschaut haben nach dem Heiland Gottes, der da Macht hat, auch blutrote Sünde schneeweiß zu machen, dann würde er vor ihm niedergefallen sein und gebetet haben: „Christe, Du Lamm Gottes, der Du trägst die Sünde der Welt, erbarme Dich meiner!“ und der Herr würde ihn begnadigt haben, gleichwie er Maria Magdalena begnadigte. Dahin wollte der Herr den Mann führen; ob Simon sich dahin hat führen lassen? Wir wissen es nicht.

Aber das wissen wir, dass es solche werkgerechten Häuser, wie das Haus Simonis eines war, als des Menschen Sohn zu ihm einging, auch heute noch gibt; Häuser, in denen jedes Glied der Familie einen hohen Begriff von seiner eigenen Vortrefflichkeit, und Liebenswürdigkeit hat; Häuser, in denen die eigene Gerechtigkeit sich so breit macht, dass für die Gerechtigkeit Jesu Christi kein Plätzlein übrig bleibt; Häuser, in denen man zwar auch auf die zukünftige Seligkeit rechnet, in denen man aber diese Seligkeit nicht ererben, sondern erwerben will. Mit dem Christentum des gesunden Menschenverstandes geht, eben weil dieser angebliche gesunde Verstand sehr krank ist, immer der Hochmut Hand in Hand, der mit seinen Tugenden sich brüstet; je weniger ein Mensch von Christo hält, desto mehr hält er von sich selbst; gute Rationalisten sind immer edle Leute in ihren eigenen Augen. Rationalismus aber und Katholizismus sind blutsverwandt, wenigstens in ihrer Schätzung der guten Werke und Verdienste der sündigen Menschen. Es geht aber leider auch durch manche Häuser der Evangelischen heutzutage, in denen sonst die Herrlichkeit des Sohnes Gottes gläubig erfasst ist, vielfach ein rationalisierender und katholisierender Zug der Werkgerechtigkeit. Man vermischt hier und da in bedenklicher Weise die Rechtfertigung und die Heiligung und meint, der Glaube allein könne unmöglich selig machen, sondern der Glaube und das fromme Leben zusammen bildeten den Grund der Seligkeit. Solche Anschauung hat den Schein größeren Ernstes und kann sich sehr unschuldig ausnehmen, ist aber die Quelle sehr trüber Fluten. Man sagt wohl: alle Wege führen nach Rom; dieser Weg aber führt am schnellsten nach Rom. Nein, so nötig die Heiligung ist und so ernst die Schrift alle Gläubigen dazu vermahnt, und so sehr man im Recht ist, sie solchen Gläubigen recht dringlich ins Gewissen zu schieben, die, auf den Lorbeeren ihrer Bekehrung ruhend, ohne Früchte des Geistes zu zeitigen dahinleben: so bleibt das sola fide doch in alle Ewigkeit in absolutem Wert; so sind wir doch aufs Heiligste verpflichtet, das große Palladium unserer Väter unbefleckt und unverkürzt auf unsere Kinder zu vererben, die heilsame Lehre, dass wir Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit vor Gott nicht erlangen mögen durch unser Verdienst, Werke und Genugtun, sondern dass wir Vergebung der Sünden bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnaden um Christi willen durch den Glauben, so wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat und dass uns um seinetwillen die Sünde vergeben, Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird; denn diesen Glauben will Gott für Gerechtigkeit vor ihm halten und zurechnen, wie St. Paulus sagt zum Römer am 3. und 4. (Augsburg. Konfession. Vierter der Artikel des Glaubens und der Lehre.)

Der Grund, da ich mich gründe,
ist Christus und sein Blut;
das machet, dass ich finde
das ewge wahre Gut;
an mir und meinem Leben
ist nichts auf dieser Erd';
was Christus mir gegeben,
das ist der Liebe wert.

Die Kirche der Werkgerechtigkeit tut in unseren Tagen ihre geschmückten Hallen weiter auf als jemals und erfüllt dazu die Welt mit dem Geschrei, als ob die Tage des Protestantismus gezählt wären. Aber der Herr hat gesagt, dass Himmel und Erde vergehen werden, aber Sein Wort nicht; darum kann auch die Kirche Seines Wortes nicht vergehen; so lange Christus Christus bleibt, wird seine Kirche dauern. Doch müssen ihre Glieder treu sein im Festhalten des rechtfertigenden Glaubens, wenn sie Gnade finden sollen.

So darf denn Simon in keiner Gestalt in einem evangelischen Christenhause bleiben, wenn das Haus bleiben und Christus in dem Haus bleiben soll. Nicht nur das Modechristentum, nicht nur das rationalistische Christentum, sondern auch das katholisierende Christentum ist vom Übel. Was uns not tut für das Seligwerden, ist das Christentum der Maria Magdalena: da man sich an Jesus hält, nicht weil es andere Leute auch tun, sondern weil die arme Seele nach ihm schreit, wie der Hirsch nach frischem Wasser; da man in Jesu nicht nur einen Lehrer der Weisheit sieht, sondern das Wort, das Fleisch geworden ist, den Morgenglanz der Ewigkeit, das Licht vom unerschaffenen Licht, das in unsere Finsternis leuchtet und der Welt einen hellen Schein gibt; da man ihn liebt, nicht um ein Stücklein der Seligkeit sich dazu zu verdienen, sondern weil man es einfach nicht lassen kann, den wieder zu lieben, der sich für uns zu Tode geliebt hat. Wohlan, Simon verlasse unsere Häuser, Maria Magdalena aber bleibe, Jesum salbend, Jesum umfangend, so hilft uns unser Glaube, so leben, so sterben wir in Frieden. Das walte Gott!

Quandt, Emil - Die Ruhestätten des Menschensohnes - 6. Das Zöllnerhaus in Jericho.

Ev. Lukas 19,5.
Jesus sprach: Zachäe, steig' eilend hernieder, denn ich muss heute zu deinem Haus einkehren.

Nach Jericho führt der Evangelist uns mit derjenigen Erzählung, deren schlagendes Herz der oben genannte Vers ist. Jericho war im Altertum berühmt durch seine Palmenhaine, durch seine Rosengärten und vor Allem durch seine Balsambüsche. Dieser Ruhm ist längst dahin. Aber balsamischer als der köstlichste Balsam duftet nun schon achtzehn Jahrhunderte hindurch das Zöllnerhaus von Jericho; möge der balsamische Duft, den dieses Haus aushaucht, auch uns ein Geruch des Lebens zum Leben sein, wenn wir jetzt im Geist demselben nahe treten.

Die Stadt Jericho war unter Israel durch ein großes Wunder vergangener Zeiten ausgezeichnet. Anderthalb tausend Jahre vor der Geburt des Menschensohnes waren die Mauern Jerichos ohne Schwertstreich vor dem Hall der Posaunen Josuas zusammengestürzt; nicht nur das Alte Testament berichtet davon, sondern auch das neue, in welchem Hebr. 11,30 geschrieben steht: Durch den Glauben fielen die Mauern zu Jericho, da sie sieben Tage umhergegangen waren. Dieser Fall der Mauern Jerichos in grauer Vorzeit, fürwahr das war etwas Großes. Aber wahrlich nichts Kleineres wird uns Luk. 19 erzählt, nämlich dass auf ein Wort des himmlischen Josua, des Herrn Jesu Christi, die Bollwerke des Unglaubens einsanken, die das Zöllnerhaus in Jericho bisher von dem Reich Gottes getrennt hatten. Und vor diesem Wort des Menschensohnes sind seitdem durch die Jahrhunderte hindurch schon oft zusammengebrochen die kleinen und die großen Scheidewände, welche die Häuser sündiger Menschen trennten von dem Gott ihres Heils und von dem Heile ihres Gottes. Dasselbe Wort wirkt noch heute dasselbe.

Als in den Tagen Josuas der Herr die Stadt Jericho in Israels Hände gegeben hatte, da sprach Josua auf ihren Trümmern einen Fluch aus über den, der die Stadt jemals wieder bauen würde. „Verflucht sei der Mann, der diese Stadt wieder aufrichtet! Wenn er ihren Grund legt, das koste ihm seinen ersten Sohn; und wenn er ihre Tore setzt, das koste ihm seinen jüngsten Sohn!“ Als nach Jahrhunderten Hiel von Bethel Jericho wieder aufbaute, siehe da verunglückte beim Anfang des Baues sein Erstgeborner Abiram, und als er auch dann nicht von seinem verwegenen Unternehmen abließ, starb vor Vollendung desselben sein jüngstes Kind Segub. Der Fluch hat fortgewirkt; die Stadt ist jetzt längst vom Erdboden verschwunden; auf ihren Trümmern findet der Reisende heutzutage ein kleines, elendes, schmutziges, arabisches Dorf mit einer Handvoll Leute. Aber des Menschen Sohn ist gekommen, allen Fluch in Segen zu verwandeln. Sein Gang des Segens hat ihn auch durch Jericho geführt. Mit seinem Segen ist er in das Zöllnerhaus des Zachäus eingekehrt, und er hat dies Haus nicht nur für sich gesegnet, sondern es auch zu einer reichen Quelle des Segens gemacht, aus der schon viele Tausende, so Viele bußfertig im Geist eingetreten sind, ihre dürstende Seele gelabt und erquickt haben zum ewigen Leben. Möge der Segen Jesu Christi aus dem Zöllnerhaus von Jericho. auch meine Seele umfangen, wenn sie jetzt über seine Schwelle tritt! Das Zöllnerhaus von Jericho soll von meinem Geist jetzt betrachtet werden als das, was es war, ehe des Menschen Sohn eintrat, ein Haus ohne Heil, und als das, was es wurde, da Jesus eintrat, ein Haus des Heils.

Ein Haus ohne Heil ist das Zöllnerhaus zu Jericho, ehe die Leutseligkeit und Freundlichkeit des Menschensohns es erfüllt, ein Schattenbild aller Häuser, die mitten im Christentum doch kein Christentum haben, weder ein schlechtes noch ein rechtes. Ehe der Heiland durch die Palmenstadt kam, kannte man ihn nicht in dem Haus des Zöllners. Zachäus bestieg eben deswegen den Maulbeerbaum, um Jesum zu sehen, wer er wäre; ein Zeichen, dass des Menschen Sohn ihm bis dahin fremd war. Das Zöllnerhaus zu Jericho war vor der Einkehr Christi ein Haus ohne Christum; und es gilt eben zunächst dies zu betrachten, was es war, um dann mit Frucht erwägen zu können, was es wurde.

Das Haus des Zöllners Zachäus war ein israelitisches Haus. Das beweist schon der Name des Hausherrn, Zachäus d. i. Sakchai. Esra und Nehemia führen unter den Familien Israels, die aus der Gefangenschaft in die Heimat zurückkehrten, die Kinder Sakchai ausdrücklich mit an. Der Herr aber selbst erkennt es im Besonderen an, dass Zachäus auch Abrahams Sohn sei, was doch nicht bloß einen geistlichen, sondern auch den buchstäblichen Sinn hat: Auch Zachäus ist ein Jude, auch er ein Abkömmling des großen Erzvaters, mit dem der große Gott seinen heiligen Bund gemacht hat. Dennoch ehe des Menschen Sohn dieses Hauses Gast wurde, war dieses Haus trotz seiner Zugehörigkeit zu Israel ein Haus ohne Heil und darum ein verlorenes Haus. Denn erst als Jesus in dies Haus kam, hieß es: Heute, nicht eher, ist diesem Haus Heil widerfahren. Vor diesem „Heute“ der Einkehr des Menschensohnes war das Haus also ohne Heil. Es macht also die äußere Zugehörigkeit zum Volk Gottes an und für sich noch nicht selig. Man kann von christlichen Eltern abstammen; man kann einen Vater haben, ehrwürdig und voll Glaubens wie Abraham; man kann eine Mutter haben, gottesfürchtig wie Hanna, und man kann doch verloren gehen. Ach, wie viele Kinder frommer Eltern sind die Wege zur Verdammnis gegangen! Führst du aus keinem anderen Grund den Christennamen, als weil du von christlichen Eltern geboren bist, dann hast du ein Haus ohne Heil, und über deiner Haustür steht die Inschrift: „Verloren“.

Das Zöllnerhaus war ein vornehmes Haus. Zachäus war nicht ein gemeiner Zöllner, wie es deren in jeder Stadt gab; es heißt vielmehr ausdrücklich: Er war ein Oberster der Zöllner. Das will sagen, er hatte die Zollerhebung eines ausgedehnteren Distriktes gepachtet. So muss er, wie das manche Juden waren, wo nicht römischer Ritter, so doch mindestens römischer Bürger gewesen sein, dem römischen Adelsstand angehört haben; denn anders wäre er zu dem einträglichen und vielbegehrten Amt eines General-Zollpächters nicht zugelassen worden. Aber die Vornehmheit des Hauses trug nicht ein Titelchen zu seinem Heil bei. Denn in äußerlichen Ehren steht die Gnade bei Gott nicht; und ob Ritter oder Bürger, ob hochgeboren oder wohlgeboren, das ist für die großen Interessen der unsterblichen Seele nicht von dem mindesten Belang. Alle Ehre den Würden und Titeln, die ihnen gebührt; auch ein Apostel Paulus berief sich darauf, dass er ein römischer Bürger war und appellierte deswegen als Angeklagter von dem Landpfleger an die kaiserliche Majestät in Rom; aber auf der großen Waage des Weltgerichts wiegen alle Würden und Titel dieser Welt nicht mit. Dieser Wahrheit gab einmal der Dekan Hofacker, der Vater des berühmten Württemberger Pfarrers Ludwig Hofacker, auf seinem Sterbebett einen sehr bezeichnenden Ausdruck. Es kam ein Schulmeister, der den gestrengen Herrn Dekan sehr verehrte, zu ihm, näherte sich sachte dem Bett und fragte: „Darf ich mich erkundigen, wie geht es Euer Hochwürden?“ Der Sterbende sah ihn mit liebenden Augen an und erwiderte: „Was Hochwürden? Nichts würden, so sagen Sie! Denn ich bin ein bloßer Sünder, tief herabgesetzt, und allein in der Gnade meines Heilandes frei und selig.“

Das Zöllnerhaus war ein reiches Haus. Lukas hebt diesen Umstand hervor und betont es: Zachäus war ein reicher Mann. Es hatte ihm ja auch wahrhaftig bei der Zollerhebung nicht an Mitteln fehlen können, viel von den Gütern dieser Erde zusammenzuraffen; und er hatte diese Mittel sehr sorglich benutzt. Er war ein Mann von Geld, der reichlich zu leben hatte; die Beträchtlichkeit seines Vermögens war stadtbekannt. Aber auch sein Vermögen gab ihm nicht das Heil. Geld und Gut machen wohl reich, aber nicht selig, nicht einmal glücklich; das Glück und das Heil ist nicht vollauf haben und gemächlich leben und in Seide sich kleiden und köstliche Leinwand. Was sind dieses Lebens Güter? Eine Hand voller Sand, Kummer der Gemüter. Nur die Schätze, die der Sohn Gottes vom Himmel gebracht hat, haben himmlischen und ewigen Wert; Schätze, die aus der Erde gegraben sind, füllen das Herz nicht, das auf den Himmel angelegt ist. Es gibt Häuser, in denen man Alles hat, was die Erde bietet, und Alles genießt, was zu genießen ist, und in denen trotz alledem die Leere und die Langeweile und der Unfriede und die Todesangst auf allen Stirnen geschrieben steht. Nicht bloß Judas Ischariot, sondern auch andere Leute haben am Ende, noch ehe sie selbst dahingefahren sind an ihren Ort, die Silberlinge mit Entsetzen von sich geworfen. Die reichen Häuser, die den Heiland nicht kennen, sind entsetzlich arme Häuser.

Das Zöllnerhaus zu Jericho war ein Haus der Ungerechtigkeit. Zum Zöllnerposten gaben sich so leicht überhaupt keine andern Menschen her, als die mit dem Geist israelitischer Frömmigkeit gebrochen hatten, emanzipierte Juden, die es mit den Geboten und Satzungen Gottes nicht genau nahmen. Da den Zachäus später nach der Einkehr des Menschensohnes die Reue und die Scham über seinen bisherigen Lebenswandel überfällt, wie ein gewappneter Mann, da spricht er es selber aus: „So ich Jemand betrogen habe, so will ich's ihm vierfältig wiedergeben.“ Alle Häuser, die den Heiland nicht haben und nicht kennen, sind Häuser der Ungerechtigkeit. Es soll ja nicht verkannt sein, was die äußerliche, auswendige Ehrbarkeit anbetrifft, da unterscheiden sich die Häuser, die den Heiland nicht haben, bedeutend unter einander; es gibt unter den unchristlichen Häusern tugendhafte und lasterhafte, ehrliche und unehrliche, sparsame und verschwenderische usw. Aber ungerecht sind sie alle, und mit den heiligen zehn Geboten nehmen sie's alle nicht genau. Oder ist denn das das einzige Gebot: Du sollst nicht stehlen!? Ist denn nicht auch das ein Gebot des allerhöchsten Gottes, ein Gebot ganz gleichen, wenn nicht höheren Ranges, das Gebot: Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst!? Will man einen Unterschied machen, was ist denn doch größere Sünde, den Nächsten um Geld und Gut betrügen oder dem großen Gott Jahr aus, Jahr ein den Feiertag stehlen? Es ist uns obenhin gesagt, dass das Gesetz geistlich ist, das ist, dass es nicht bloß heilige Worte und Werke fordert, sondern auch heilige Gesinnungen, Gedanken und Gefühle im Grunde des Herzens. Und was ist denn da nun die größere Sünde, die, den Bruder betrügen, oder die, den Bruder hassen, hassen bis in den Tod? Gott richtet nach des Herzens Grund, darum fordert auch sein Gesetz des Herzens Grund „und lässt ihm an Werken nicht genügen“, sondern straft vielmehr die Werke, ohne Herzens Grund getan, als Heuchelei und Lüge. Darum, alle unbekehrten Häuser, mögen sie noch so sehr von außen gleißen und glänzen, sind wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totenbein und alles Unflats; unbekehrte Häuser sind ungerechte Häuser und stehen unter dem Zorn des Allmächtigen. Denn Gott ist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen gefalle; wer böse ist, der bleibt nicht vor ihm. Es ist aber sehr schrecklich, aus einem Haus ohne Heil mit einem Herzen ohne Vergebung in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.

Das Zöllnerhaus zu Jericho war weiter noch ein Haus der Schmach. Die Wirksamkeit der Zöllner war bei den Juden mit der schneidendsten Verachtung belegt. Bittere, tägliche, unverhohlene Kränkungen begleiteten ihr Amt und Geschäft. Die Zöllner standen in der öffentlichen Meinung auf Einer Stufe mit Räubern und Ehebrechern. Eine jüdische Familie, aus der ein Glied Zöllner wurde, galt für entehrt; das Wort „Zöllner“ hatte einen überaus rauen Klang; „Zöllner“ und „Sünder“ waren in Aller Munde Worte von einer und derselben Bedeutung. Daher das Murren der Juden darüber, dass des Menschen Sohn bei einem solchen verrufenen, übelbeleumundeten Manne einkehrt; daher die Missgunst und das Scheelsehen von Priestern und Pharisäern über diesen in ihren Augen unanständigen Verkehr des Herrn Jesu mit einem Ausgestoßenen, Geächteten, Aufgegebenen! Es findet dieser Zug allerdings nicht Anwendung auf alle unbekehrten, Christuslosen Häuser. Im Gegenteil: manches unchristliche Haus erfreut sich eines trefflichen Renommees in der menschlichen Gesellschaft und ist umfangen und umklungen von dem Lob der Leute. Aber so ganz fehlen doch auch heutzutage die Häuser nicht, über die die Menge hin und her redet und bedenkliche Mienen macht; Häuser, um welche die schneidenden Winde der Kränkungen wehen, auf die sich der Platzregen des Spottes und der Schmach ergießt. Das nennen denn wohl die Leute für sich selber Kreuz und machen ein Märtyrergesicht und meinen, weil es hier unter ihnen so schlecht gehe, müsse es ihnen droben außerordentlich gut gehen. Allein dieser Schluss ist ein Trugschluss. Ebenso wenig wie Zachäus durch Würden und durch Schätze das Heil erwarb, ebenso wenig erwarb er es durch das Ertragen von Spott und Schmach. Gepriesen oder gescholten, gefeiert oder über die Achsel angesehen, mit Schmeicheleien oder mit Verwünschungen begrüßt, so wichtig diese Fragen für das Leben unter dieser Sonne sein mögen, der Seelen Seligkeit hat damit doch nichts zu tun und ist davon nicht abhängig wenn nicht in diesem einen einzigen Punkt, dass Schmach und Leid den Menschen eher zum Nachdenken über sich selber bringen, als Glück und Freude, dass der Mensch sich auf sich selbst besinnt und seines geistlichen Elends inne wird, und die Sehnsucht nach dem Heil in ihm Raum gewinnt.

Und so war es bei Zachäus! Das Zöllnerhaus zu Jericho war auch ein Haus der Sehnsucht. Der welthistorische Maulbeerbaum gibt dafür Zeugnis. Des Menschen Sohn in Begleitung nachziehender Volkshaufen zieht durch die Palmenstadt. Zachäus wohnt wohl am Tore, wenigstens nicht ferne davon, und an der Straße. Er hört das Geräusch der nahenden Volksmassen und lauscht. Derselbe Mann, von dem er schon so Vieles und so Großes gerüchtsweise gehört hat, sonderlich dass durch ihn betrübte Seelen getröstet würden, kommt angegangen; und sein Name ist die laute Losung jauchzender Scharen. Zachäus ist bis dahin nie in der Lage gewesen, den berühmten Mann von Angesicht zu Angesicht zu sehen; die Vorkehrungen, die er trifft, lassen mutmaßen, dass er früher schon einmal in einem ähnlichen Fall den Wunsch gehabt hat, den Heiland zu sehen, sein Ziel aber, etwa wegen seiner kleinen Statur, nicht erreicht habe. Diesmal aber muss und soll es ihm gelingen. Er besteigt schnell einen hart an dem Weg, auf dem Jesus kommen musste, stehenden Maulbeerbaum und setzt sich oben auf denselben, in der gespanntesten Erwartung zu sehen, „wer Er wäre“. Gewiss sein Herz klopft ihm lauter als sonst; sein Geist ist unruhig; wer weiß doch auch, wie lange schon bei ihm Inneres und Äußeres, Sehnsucht und Leben in Fehde mit einander liegen. Heil dem sehenden Mann; das Ende der Fehde, die Befriedigung seiner Sehnsucht ist nahe. In ähnlichem Fall aber sind auch bei uns die unchristlichen Häuser, dass irgendwelches gute Gerücht von Jesu Christo zu ihnen gedrungen ist; und wie damals der Herr durch Jericho zog, so zieht er noch heute durch die christlichen Lande. In jedem Gottesdienst wird er den Menschen vor die Augen gemalt, und jeder Platz in der Kirche ist ein Maulbeerbaum, von dem aus verlangende Gemüter Jesum sehen können, wer er ist. Aber wie viele ungläubige Häuser unserer Tage sind dann noch Häuser der Sehnsucht, dass die Hausgenossen sonntags, wenn Jesus Christ feierlich vorüberzieht, auf ihre Plätze eilten, zu sehen, wer er wäre? Das ist der größte Jammer in unserer Zeit, dass die Propheten des leidigen Materialismus den Kindern dieser Welt auch noch die Sehnsucht nach dem Heil wegpredigen. Wenn aber so ein armes Kind dieser Welt, das keinen Heiland hat, sich auch noch seine Sehnsucht nach dem Heiland nehmen lässt, was bleibt ihm dann, wenn ihm der Wahn des eitlen Lebens zerrinnt, als Missglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster? Leichtsinnig stieg es den grünen Berg des Lebens hinauf, und verzweifelnd endet es auf der Eishöhe des Todes. Ach dass, wo der Glaube noch nicht im Haus herrscht, wenigstens die Sehnsucht wach bliebe: dann würde früher oder später auch die Stunde kommen, wo aus der Sehnsucht Glauben wird. Denn wo man sich nach Jesu sehnt, da kommt Jesus und verwandelt das Haus ohne Heil in ein Haus des Heils.

So geschah es mit dem Haus des Zachäus; und wie es geschah, wie dieses Haus ein Haus des Heils wurde durch die Einkehr Christi, das wollen wir zum Zweiten erwägen. Jesus zog dahin, umwogt von großer Menge. Vor der Stadt hatte er soeben zwei Blinde geheilt, die mit ihrem Freudengeschrei nun den jauchzenden Zuruf des Volkes vergrößern. Von allen Seiten umjauchzt wandert des Menschen Sohn durch die Stadt. Aber der unvergleichliche Menschensohn ist auch der unvergleichliche Menschenkenner. Er weiß wohl, was in dem Menschen und an dem Menschen ist; er weiß auch, wie bald dieser Hosiannaruf der wankelmütigen Menge in den entgegengesetzten Ruf: „Kreuzige, kreuzige ihn“ umschlagen wird. Ihn aber dürstet nach Seelen, die ihm nicht bloß zujauchzen, sondern auch vertrauen, die sich nicht bloß an seiner äußeren Erscheinung ergötzen, sondern sich durch seine innerlichen Gnaden erlösen lassen. Auf dem Maulbeerbaum nun schlägt ein solches Menschenherz, das selbst nicht weiß, wie ihm ist, das sich aber nach Erlösung sehnt, wie der Hirsch nach frischem Wasser. Der Herr aber, der Nathanael unter seinem Feigenbaum sah, sah auch Zachäus auf seinem Maulbeerbaum, sah nicht bloß ihn, sondern auch die Sehnsucht, von der sein Herz durchwogt wurde, und rief ihn daher als der gute Hirte, der seine Schafe immer bei Namen ruft, bei seinem Namen „Zachäe!“ So hat der Zöllner sich ja sicherlich sehr oft nennen hören, aber mit solchem Ausdruck, mit solcher Teilnahme, mit solcher Bekanntschaft hat er sich noch niemals nennen hören. Wie Glockenton aus dem Heiligtum, so klingt der Ruf Jesu Christi an sein Ohr und in sein Herz. Und doch das ist nur der Anfang. „Zachäe“, spricht des Menschen Sohn, und weiter „steig' eilend hernieder, ich muss heute zu deinem Haus einkehren!“ Nur sehen wollte der Zöllner den Heiland; und siehe, er selber wird gesehen von dem Heiland, wird von ihm bei Namen gerufen, wird von ihm mit Gnaden ohne Maß überschüttet. Ein ewig denkwürdiger Vorgang, der sich doch, Gott soll dafür gepriesen sein, tausendmal wiederholt hat und wiederholt. Noch heute, wenn man aus seinem Haus geht, um seiner Heilssehnsucht zu folgen und nach dem Spender alles Heils sich umzusehen, noch heute lässt der Herr diesen Schritt nicht ungesegnet; ohne Ihn ging man aus und mit Ihm kehrt man ins Haus zurück; leer verließ man das Haus, reich kommt man wieder; und das Haus, in das man heim kommt, wird nun ganz etwas anderes, als es zuvor war. Siehe, das Alte ist vergangen, es ist Alles neu geworden.

Das Zöllnerhaus in Jericho wird nun ein Haus des Glaubens. Ich muss bei dir einkehren, spricht der Herr. In dem Wörtlein muss liegt ein ganzer Himmel voll Heilsgedanken, in dem Wörtlein einkehren eine ganze Welt voll Erbarmen. Auslegung und Anwendung dieser gnädigen Zusage Jesu Christi: „Ich muss heute bei dir einkehren“ würde ein ganzes Buch für sich füllen; wir wollen uns nur daraus die Wahrheit ableiten und merken: Jesus Christus muss noch heute bei Allen einkehren, die sein begehren. Sonst gilt es für uns hier im Zusammenhang unserer Betrachtung näher ins Auge zu fassen, wie Zachäus den gnadenvollen Ausspruch Christi aufnimmt. O er durchschaut wahrlich nicht sofort, was an tiefer, ewiger Liebe, was an Unendlichkeiten göttlicher Erbarmung in diesem „muss“ und in diesem „einkehren“ liegt; das aber fühlt der Mann und das begreift er: Es soll etwas Großes mit ihm vorgehen, der Augenblick hat ewigen Wert; und wie er ihn benützt, davon hängt Alles für ihn ab. Darum berät er sich nicht erst mit Fleisch und Blut, fragt sich nicht erst langsam und bedächtig: Hab' ich denn auch recht verstanden? Darf ich armer Sünder denn wirklich den gefeierten Messias in mein Haus aufnehmen? Muss ich denn nicht wenigstens noch Vorbereitungen zu seinem Empfang treffen? Nein, alle solche und ähnliche Fragen unterdrückt er im Keim, steigt eilend hernieder von seinem Maulbeerbaum, öffnet rasch die Pforte seines Hauses vor dem erhabenen Gast und nimmt ihn auf mit Freuden. Und das war denn eben Glauben! Denn das ist doch das ganze Geheimnis und die ganze Herrlichkeit des Glaubens: mitten in seinen Sünden der Sehnsucht nach Christo Raum geben; wenn man die süße Stimme Christi hört, ihr einfach folgen; vergessen was dahinten ist und sich strecken nach dem, was die himmlische Berufung vorhält. Den Christus, der für Alle da ist, zu sich selber aufnehmen, und den, der der Heiland der Welt ist, begrüßen mit einem freudigen: „Mein Heiland! Mein Herr und mein Gott!“ das heißt glauben. Wenn Jesus vor der Tür steht und anklopft, ihm ohne Zögern und Verziehen öffnen und ihm zu Füßen fallen, so als man ist, mit aller Missetat, mit aller Untreue, mit aller Unwürdigkeit, nur um Gottes Willen sich nicht besser stellend, als man ist, das heißt glauben. Glauben heißt nicht, aus blindem Unverstand alles Mögliche für wahr halten - die Welt zeichnet bekanntlich gerne den Glauben und die Gläubigkeit in dieser widerwärtigen Karikatur - sondern glauben heißt, in Jesu Christo die lebendige Antwort finden auf die tiefsten Fragen des Lebens und darum für Zeit und Ewigkeit Ihm und seinem göttlichen Wort mehr vertrauen als dem eigenen armseligen Verstande, der mit Finsternis umhüllt ist. Glauben heißt nicht, reden wie ein Engel und leben wie ein Heide, sondern glauben heißt, dem Sohn Gottes, der uns bei Namen gerufen hat, Alles öffnen, Haus und Herz und Leben. Glauben heißt auch nicht, traurig sein und den Kopf hängen lassen wie ein geknicktes Schilf, glauben heißt vielmehr, den Heiland aufnehmen mit Freuden und sprechen: Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister Jesus tritt herein. Mein werter Freund, der du diese Betrachtung liest, das sollst du wissen, dein Heiland ruft auch dich mit Namen; er hat auch dein Haus sich längst aufgezeichnet, dass er daselbst einkehren muss, und so oft du über die Schwelle deines Hauses zu treten im Begriff bist, tritt er im Geist neben dich und sieht dich an fragend, mahnend, bittend, ob du ihn wohl mit über die Schwelle nehmen, ob du ihn nicht endlich in dein Haus aufnehmen möchtest; o zögere doch nicht länger, halte doch deinen Herrn und Heiland, der sich so viele Mühe gibt dich zu locken, fest und sprich zu ihm: Komm herein, Du Gesegneter des Herrn, warum willst Du draußen stehen? Und hast du ihn dann bei dir, o dann schließe deine Kammer hinter dir zu und bete, jauchze oder weine: „Süßes Heil, lass Dich umfangen; lass mich Dir, meine Zier, unverrückt anhangen. Du bist meines Lebens Leben, nun kann ich mich durch Dich wohl zufrieden geben!“ Ist das Mystizismus? Ist das Pietismus? Nein, das ist Glaube, zwar nicht ein moderner Glaube, sondern solch' ein alter Glaube, wie ihn Zachäus hatte, aber es ist der Glaube, der da selig macht. Du großer Gott des Himmels, was muss ich tun, dass ich selig werde? Glaube an den Herrn Jesum Christ, so wirst du und dein Haus selig!

Das Zöllnerhaus in Jericho wird mit der Einkehr Christi weiter auch ein Haus der Liebe. Sobald Zachäus den Herrn mit Freuden aufgenommen hatte, trat er dar, so berichtet uns Lukas, und sprach zu ihm: Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und so ich Jemand betrogen habe, das gebe ich vierfältig wieder. Sein Herz ist voll Glaubens, er erkennt in Jesu den Herrn, und sein Glaube ist voll Liebe, voll einer Liebe, die der Liebe der großen Sünderin im Haus Simonis ebenbürtig zur Seite steht. Wie jene Sünderin aus Magdala nur noch Tränen hatte, um Jesu Füße damit zu netzen, nur noch Wohlgerüche, um ihren Heiland damit zu salben, so will nun auch Zachäus, nachdem er Gnade gefunden hat, seinen Reichtum den Armen, das ist Christo, weihen. So lange der Zöllner in dem eitlen Wandel nach väterlicher Weise dahingegangen war, war seine Lebensachse das Silber und Gold der Erde gewesen; seitdem ihn Christi Wort und Ruf getroffen hat, sind ihm die goldenen Ketten, die er getragen hat, verhasst, und er zertrümmert sie und legt sie zu den Füßen seines erhabenen Erlösers. Was nimmer das Gesetz mit seinem harten: Du sollst! vermocht hatte, was nicht die Mahnungen des eigenen Gewissens zu Stande gebracht hatten, das bewirkt das im einfältigen Glauben ergriffene Erbarmen Jesu Christi mit einem einzigen Schlag: Zachäus wirft die Nichtigkeiten, denen bisher sein Tichten und Trachten gegolten hatte, weit von sich, weil er den köstlichen Schatz über alle Schätze, die Gnaden des Heilandes gefunden hatte. Zachäus erniedrigt sich selbst durch Anerkennung seiner Schuld und schämt sich nicht, vor den Menschen zu Schanden zu werden, nachdem ihn der Vater im Himmel in Jesu Christo zu Ehren angenommen hat. Mit den Armen und Betrogenen will er sein Vermögen teilen und mehr als teilen, nicht um sich das Heil zu verdienen - o nein, das Heil hatte er ja schon im Glauben ergriffen, wie es der Herr selber so stark bezeugt: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren“, sondern um dem Herrn, der ihn so reich begnadigt, zu dienen in dankbarer Liebe. Denn Glaube und Liebe müssen einmal zusammen sein, wie Mutter und Tochter. Wer reich geworden ist an dem inwendigen Menschen und hat den großen Schatz der Vergebung der Sünden, des Lebens und der Seligkeit gewonnen, der braucht die Kleinigkeiten dieser Welt nicht mehr so groß anzusehen, sondern verwendet den ungerechten Mammon, so gut er es nur immer kann, zur Ehre Gottes und zur Förderung des Nächsten. Wenn Häuser, die sich gläubig nennen und nennen lassen, nicht auch Häuser barmherziger Liebe sind, dann sind sie nicht, was sie heißen, dann entspricht ihr Wesen nicht ihrem Namen. Wer sich nur vom Unglauben bekehrt, nicht aber auch von der Geldliebe, der bleibt auf halbem Weg stehen und kommt nie vorwärts, nie aufwärts. Eine unvollständige Bekehrung ist so gut wie gar keine Bekehrung. Wer zwar Ja sagt, wenn der Herr spricht: „Soll ich dir meine Gnaden schenken?“ aber Nein sagt, wenn der Herr spricht: „Du sollst mir deinen Mammon schenken!“ der wohnt nicht in einem Zachäushaus, der wohnt nicht in einem Haus des Heils. Das Zöllnerhaus in Jericho war eben nicht bloß ein Haus des Glaubens, sondern auch ein Haus der Liebe, nämlich ein Haus desjenigen Glaubens, der durch die Liebe tätig ist.

Es wurde endlich auch ein Haus der Hoffnung. „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren“, spricht der Herr, „sintemal er auch Abrahams Sohn ist; denn des Menschen Sohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Das Heil, das denen widerfährt, die Jesum Christum aufnehmen, umfasst nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft; und die Seligkeit derer, die verloren waren, aber durch die Gnade Jesu Christi gesucht, gefunden und gerettet worden sind, ist nicht bloß ein lebendiges Haben, sondern auch ein lebendiges Hoffen. Nun wir sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesum Christum, durch welchen wir auch einen Zugang haben im Glauben zu dieser Gnade, darinnen wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben soll. Gelobt sei Gott und der Vater unsers Herrn Jesu Christi, der uns nach seiner Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. So lange Zachäus ohne den Herrn gelebt hatte, war er gewesen, wie die Heiden, die keine Hoffnung haben; aber nun er dem Herrn sein Haus und Herz geöffnet hatte, ging es mit ihm von Heil zu Heil, von Seligkeit zu Seligkeit. Denn so lange Jesus bleibt der Herr, wirds alle Tage herrlicher; und wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe. Vielleicht haben sie später den Maulbeerbaum zersägt und auf seinen Brettern den vollendeten Zöllner zu Grabe getragen; siehe da hat Jesus Christus die Pforte seines himmlischen Hauses geöffnet und der Seele seines Erlösten geschenkt, worauf sie gehofft hat bei Leibes Leben, nämlich die Einkehr in den ewigen Frieden, und hat zu ihr gesprochen: Zachäe, nun komme du eilend zu mir; du sollst nun für alle Ewigkeit in meinem Haus einkehren! Wer sich bekehrt wie Zachäus, empfängt auch die Hoffnung des ewigen Lebens wie Zachäus, eine Hoffnung, die nicht zu Schanden werden lässt. Denn es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden; wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, dass wir ihm gleich sein werden. Denn was kein Ohr gehört hat und kein Auge gesehen hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott denen, die durch Christi Blut mit ihm versöhnt ihn lieben, bereitet, nämlich ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Denn wir haben hier kein bleibendes Haus, sondern das zukünftige suchen wir und finden es durch Jesum Christ. Häuser des Glaubens und der Liebe sind immer auch Häuser der Hoffnung auf ein unvergängliches, unbeflecktes und unverwelkliches Erbe, und der letzte Ausgang aus solchen Häusern ist der Gang zum Himmel.

Wir haben das Zöllnerhaus zu Jericho betrachtet, beides, was es war, ehe Jesus kam, und was es wurde, als Jesus kam. Wie wollen wir unsere Betrachtung praktisch verwerten? Ich meine also, dass wir mit Herz und Hand geloben: Ich und mein Haus wir wollen dem Herrn dienen!

Quandt, Emil - Die Ruhestätten des Menschensohnes - 7. Das Freundeshaus in Bethanien

Ev. Luk. 10,38.
Es begab sich aber, da sie wandelten, ging er in einen Markt. Da war ein Weib mit Namen Martha, die nahm ihn auf in ihr Haus.

Bethanien heißt der siebente und letzte Ort, den wir unter den Ruhestätten des Menschensohnes auf Erden betreten. Es ist diejenige Stätte, da der wandernde Heiland am liebsten eingekehrt ist und am öftesten und noch am allerletzten, ehe er in den Garten Gethsemane ging und dort an unserer Statt und zu unserer Erlösung den Kelch des Vaters trank. Gleichwie der Heiland Alle liebte und doch einen Lieblingsjünger hatte, Johannes, den Sohn der Salome; so ist er zwar umhergezogen von Dan bis Bersaba und hat das ganze heilige Land, ja die ganze Welt als sein Kirchspiel betrachtet und ist an allen Orten freundlich eingekehrt, wo man ihn einlud, aber von allen war sein wertester Aufenthaltsort Bethanien und in Bethanien das Freundeshaus, in welchem die drei Geschwister Lazarus, Martha und Maria wohnten. Was Wunder also, wenn Bethanien einen gefeierten, vielbesungenen Namen in der Christenheit hat!

Bethania, du Friedenshütte;
du vom Herrn geliebtes Haus;
liebend sahst du ihn in deiner Mitte,
liebend ging Er ein und aus!

Was Wunder auch, wenn von allen Ruhestätten des Menschensohnes uns selbst Bethanien am freundlichsten anlächelt und wir selber daselbst am liebsten mit des Menschen Sohn ausruhen?

Es gibt drei Hauptstellen in der Heiligen Schrift, die uns Bethanien zeigen und die Herrlichkeit des göttlichen Gasts in Bethanien. Ev. Johannes 11 zeigt uns das liebe bethanische Haus, wie es aus einem Trauerhause in ein Haus jauchzender Anbetung verwandelt wird, da der Herr seinen Freund Lazarus, den er lieb hatte, nachdem er ihm an seinem Grabe Tränen des Leides geweint, wie weiland David seinem Freund Jonathan, von den Toten auferweckt durch das Wort seiner göttlichen Macht: Lazare, komm heraus! Evangelium Johannis 12 erzählt uns, wie des Menschen Sohn dicht vor seinem Leiden und Sterben in Bethanien von Maria mit einem Pfund Salben von ungefälschter köstlicher Narde gesalbt wird, und wie der Herr voll wehmütiger Freude über diese Vorfeier seines Begräbnisses jenes Wort über Maria spricht, das wohl das Schönste ist und das größte von allen, die je zum Lob eines Menschen gesagt sind: Sie hat getan, was sie konnte. Die Erzählung Luk. 10,38 ff. gibt uns allerdings das schlichteste Bild von Bethanien, ein Bild ohne Trauerflor und ohne Wunderglanz und ohne Nardenduft, und doch das schönste Bild, nämlich das Bild eines gläubigen Hauses als ein wohltuendes, tröstendes, mahnendes, beschämendes, ermutigendes Vorbild für unsere eigenen Häuser. Wohl uns, wenn er seine Lieblingsstätte auch bei uns in Haus und Herzen hätte! Freund, so gern den Deinen nah, hier sei dein Bethania!

Weniger für Christen, die noch im Umkreis des Christentums stehen, als vielmehr für solche, die schon den Mittelpunkt, wenn auch mit noch so zitternder Glaubenshand erfasst haben, gewährt das Schwesternhaus in Bethanien reiche Belehrung und Erbauung als ein Bild gläubiger Christenhäuser in ihrer Seligkeit, in ihren Anfechtungen, in ihren Aufgaben.

Es begab sich aber, da sie wandelten, ging er in einen Markt. Es begab sich - was uns von des Menschen Sohn in der Schrift erzählt wird, das sind immer große und wichtige Begebenheiten. Wie wenn in einem abgeschiedenen Tal stiller Hirten einmal ein edler Königssohn sich niederließ, den Hirten ein Hirte werdend und doch durch jede Tat, durch jedes Wort, durch jeden Blick das königliche Blut verratend, das in seinen Adern rollt; so kurz sein Wandeln in dem Hirtental auch wäre, die Hirten würden sich doch noch nach vielen Jahren davon erzählen als von der allerschönsten Zeit in ihrem armen Leben: so ist der Sohn des allerhöchsten Gottes vor Jahrhunderten einmal in das Tränental dieser Erde herniedergestiegen, geboren von einem Weib und unter das Gesetz getan und doch im Leben und Lieben, im Tun und Lassen, im Leiden und Scheiden allerwege die Herrlichkeit einer anderen Welt ausstrahlend; Erhabeneres, Heiligeres, Gewaltigeres hat es auf Erden nie gegeben, als seinen Wandel, sein Leben und sein Sterben, das Menschengeschlecht hat keine Erinnerung, welche dieser nur von ferne zu vergleichen wäre. Wieder und immer wieder erzählt man sich von dem wunderbaren Menschensohn, der zur Zeit des Kaisers Augustus in Bethlehem Ephrata geboren, im Land und Volk Israel umhergezogen ist, „wie Er ist so fromm gewesen, ohne List und ohne Trug; wie Er hieß die Kindlein kommen, wie Er hold sie angeblickt und sie auf den Arm genommen und sie an sein Herz gedrückt; wie er Hilfe und Erbarmen allen Kranken gern erwies und die Blöden und die Armen seine lieben Brüder hieß.“ Tausend Dank dem werten Heiligen Geist, dass er die Menschen Gottes erfüllt und getrieben hat, zu ewigem Gedächtnis aufzuschreiben, was jener wunderbarste Gast der Erde getan und geredet und gelitten und vollbracht hat in Tagen der Fülle der Zeiten. Tausend Dank dem Heiligen Geist, dass es ihm gefallen hat, in das Buch der Bücher eintragen zu lassen auch diese wundervolle Begebenheit, dass des Menschen Sohn einkehrte in Bethanien.

Da war ein Weib mit Namen Martha, die nahm ihn auf in ihr Haus. Was macht uns eine Stadt, was macht uns eine Stätte lieb und wert? Wenn uns an einem Ort, in einem Haus wohler ist als an und in dem andern, wahrhaftig nicht an dem Ort liegt es und nicht am Haus, sondern an den Menschen des Ortes und des Hauses. Wo das Menschenherz, das auf Liebe angelegt ist, Liebe findet und Liebe erfährt, da ist ihm wohl und wonnig, der Ort mag eine stolze Residenz sein oder ein armer Marktflecken. Und des Menschen Sohn trug auch ein klopfendes Menschenherz in der Brust, ein Herz, dem wehe ward, wo man ihm mit Gleichgültigkeit oder gar mit Undank begegnete - denken wir nur an jene schmerzliche Frage: Sind ihrer nicht Zehn rein geworden, wo sind aber die Neune? oder an die andere: Juda, verrätst du des Menschen Sohn mit einem Kuss? ein Herz, das sich freute in herzlichem Wohlsein, wo man es mit warmer Liebe aufnahm. In Bethanien war ihm wohl. Hier, das wusste er, war er immer ein willkommener Gast; Martha nahm ihn auf mit Freuden. O die liebe Martha, wie oft haben ihr die Prediger Unrecht getan in ihren Predigten über das berühmte Wort: Eines ist not! Wie viele Schreckbilder und Zerrbilder der lieben Martha werden auf dem Markt der gläubigen Welt noch heute wohlfeil verkauft und gerne eingekauft, in welchen diese teure, treue, glaubensvolle Jüngerin des Menschensohnes karikaturartig dargestellt wird als der Typus einer in die Welt verlorenen, irdisch gesinnten Frau, die die Sorge für das Ewige gänzlich vernachlässigt hätte!

O nein und dreimal nein! Wollte Gott, unsere Frauen und Jungfrauen, die den Anspruch auf Gläubigkeit machen, hätten solchen Glauben, wie Martha ihn hatte! Ihr strengen Kritiker der Martha, was wollt ihr denn mehr? Jesus klopft an die Tür des Hauses in Bethanien; in dem Haus sind Zweie, Martha und Maria, aber Martha tut ihm auf. Es steht ausdrücklich geschrieben: Sie, die Martha, nahm ihn auf in ihr Haus.

Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria, die setzte sich zu Jesu Füßen und hörte seiner Rede zu. Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Allerdings also wohl eine Verschiedenheit zwischen den beiden Schwestern: die eine setzt sich still zu des Meisters Füßen, in Andacht hingesunken; die andere sorgt und müht sich, um ihm zu dienen. Aber, wahrlich das ist nur eine Verschiedenheit der Form, nicht des Wesens. Man merkt den beiden Schwestern die gleiche große Freude über die Einkehr ihres heiligen Freundes an, den gleichen festgewurzelten Glauben, die gleiche brennende Liebe; aber die eine Schwester äußert ihre Freude, ihren Glauben, ihre Liebe anders als die andere. Das aber ist wahrhaftig an und für sich nichts Böses. In dem Reich der Natur herrscht bei der größten Einheit im Wesentlichen doch die ungeheuerste Mannigfaltigkeit im Einzelnen; kein Blättlein ist dem andern gleich, wenn man es genau betrachtet; und die Lerche lobt ihren Schöpfer in andern Weisen als die Nachtigall. In dem Reich der Gnade ist das nicht anders, kann es nicht anders sein; denn der Gott der Natur ist auch der Gott der Gnade; und dieser Gott will durch das Christentum nicht die Persönlichkeiten zertreten und vernichten, sondern er will sie durch dasselbe vielmehr reinigen, verklären und heiligen. Maria und Martha äußern sich verschieden, aber trotz dieser Verschiedenheit sind sie darin vollständig eins, dass sie nur Eine Passion hatten, und die war Jesus, dass Jesus ihnen über Alles ging, dass sie glaubten an den eingeborenen Sohn Gottes und dass sie in diesem Glauben selig waren. Und diese Seligkeit des Glaubens an Jesum Christum bildet noch heute und zu allen Zeiten das Gemeinsame in allen gläubigen Häusern. Zerstreut über die weite Erde sind die Kinder Gottes, die an Jesum Christum glauben und die Gerechtigkeit haben, die aus dem Glauben kommt; und wenn es im Himmel eine Erdkarte gibt, auf der der Unglaube schwarz, der Glaube weiß bezeichnet ist, so gehen die weißen Pünktlein auf dem schwarzen Grund von einem Ende zum andern. Da sind denn nun wohl der Verschiedenheiten zwischen all diesen Stätten des Glaubens auf Erden sehr viele: hier betet man Jesum an unter einem Strohdach, und dort in prächtiger Halle; hier liest man die Bibel in den Grundsprachen, dort mühsam in der Landessprache, der einzigen, die man kennt; hier singt man ihm biblische Psalmen, dort allerlei neuere geistliche, liebliche Lieder; hier beugt man die Knie vor ihm, hier betet man stehend; hier wagt und wandert man für ihn, dort sitzt man still zu seinen Füßen. Wie die Armee eines großen Königs mancherlei Truppengattungen und mancherlei Uniformen hat, so dass sie äußerlich einen bunten Anblick gewährt, und doch alle Glieder der Armee, so verschieden auch ihre Uniformen sind, eins sind in Liebe und Treue gegen ihren Kriegsherrn: so tragen auch die über den Erdboden zerstreuten gläubigen Christen sehr verschiedene Uniform, aber sie sind alle eins in Liebe und Treue gegen den Herzog ihrer Seligkeit, welcher ist Jesus Christus, und darin, dass sie nichts Lieberes, nichts Süßeres, nichts Seligeres haben und wissen und fühlen und kennen, als die Gemeinschaft mit dem versöhnten Gott in Jesu Christo.

Immanuel ist meines Herzogs Name,
Dem Herz und Lippe Huld und Treue schwört;
Der Sohn des Hochgelobten, Davids Same,
Das ist der Mann, dem Herz und Hand gehört.
Er hat sich Sünderherzen
Erkauft durch Todesschmerzen;
Er hat mit seinem Blut auch mich erkauft,
Und ich bin auch in seinen Tod getauft.

Immanuel! In diesem heil'gen Namen
Bin ich mit frommen Freunden eng vereint;
Und wenn wir flehen, sagt Er Ja und Amen
Und stillt die Tränen, die wir ihm geweint;
Und wenn in Lobeliedern
Wir seinen Gruß erwidern,
Dann macht sein gnadenvolles Nahesein
Zugleich unendlich groß, unendlich klein.

Immanuel! Es folgt auf Deinen Bahnen
Dir unverwandt die kleine, stille Schar.
Das Kreuzesbanner weht statt aller Fahnen
Voran zum Sieg, das ist gewisslich wahr.
Dein Banner kann nicht sinken,
Wir folgen seinem Winken,
Und wenn die Welt am jüngsten Tag zerfällt,
Behalten wir mit Dir, o Held, das Feld.

Dass unser Jesus die Freuden des Himmels drangab und das Kreuz erduldete zu unserer Erlösung, das ists, was alle Gläubigen rühmen und preisen als den Erbarmungsgrund, auf dem ihr Leben ruht. Dass Jesus in der Wüste der Welt sie aufsuchte und sie auf seinen Armen in seine Hürde trug und dort alle ihre Wunden verband mit seiner durchgrabenen Hand, das ist es, was sie alle mit Jauchzen bezeugen. Wahrlich die Gemeinschaft der Heiligen ist kein leerer Wahn; es gibt noch auf Erden eine Gemeinde von Kindern Gottes, die arme Sünder sind, aber rein gewaschen durch das Blut Jesu Christi, die alle erfüllt sind mit dem Frieden Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, die alle mit St. Paulo sprechen: Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn; leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn; darum wir leben oder wir sterben, so sind wir des Herrn. Er ist uns gemacht zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Vorsatz und Gnade, auf dass er kundtäte den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit. Nun sind wir gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentum noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn. Das ist die Seligkeit der Gläubigen, die Seligkeit aller gläubigen Häuser; sie haben Christum und in Christo Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit. O seliges Haus, wo man ihn aufgenommen, den großen Heiland Jesum Christ!

Und Martha trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie es auch angreife. Das sind nun die oft genannten Worte der Martha, um derentwillen man sich berechtigt gehalten hat, sie des Unglaubens und des irdischen Sinnes zu zeihen. Und doch sind diese Worte zunächst ein Zeugnis gerade für ihre Gläubigkeit. Sie trat hinzu, zu Jesu, und zwar mit großer Ehrfurcht. „Herr“, so beginnt sie ihre Anrede; zu Jesu treten ehrfürchtigen Sinnes, wahrlich das ist nicht ein Zeichen der Versunkenheit in die Welt, sondern vielmehr ein Zeichen des Glaubens. Sie hat Bekümmernis in ihrem Herzen um ihre Schwester, sie schüttet ihr Herz vor ihrem Heiland aus; so tut der Unglaube nimmermehr, sondern nur der Glaube. Sie hält das Benehmen der Schwester für etwas, was dem Herrn selbst missfallen müsste; sie bittet den Herrn, der die Herzen lenkt, wie Wasserbäche, dass er das Herz der Schwester nach ihrem Willen, den sie für den Willen des Heilandes hält, lenken möchte; ein Weltmensch macht das ganz anders, das ist nur bei Gläubigen Sitte. Martha ist eine gläubige Jüngerin des Herrn; aber sie befand sich in einer schweren Anfechtung durch das Auftauchen des alten Adams in ihr. Sie sorgte und quälte sich für ihren Heiland, und Maria saß still und feierte, da raunte ihr ihr alter Adam zu: Sollte das des Herrn Wille sein, dass ein gläubiger Mensch auf Erden es besser hat, als der andere, dass der eine sich behaglicher Ruhe hingeben darf, während der andere sich für seinen Heiland aufreibt? Sie hielt bei der Einkehr Christi seine Bewirtung und leibliche Erquickung für das Erste und Nötigste, Maria aber dachte nicht daran, Hand oder Fuß für den Heiland zu rühren, sie lauschte vielmehr still auf seine Worte und hörte seiner Rede zu; da flüsterte der sorgsamen Freundin des Menschensohnes ihr alter Adam zu: Gibt es denn zwei Weisen, dem Heiland zu dienen? es kann nur eine Weise geben, die die rechte ist, und du hast die rechte Weise und Maria die falsche. O die alte Schlange, sie hat sich ins Paradies eingeschlichen, sie schleicht sich auch in ein Bethanien ein! Weltleute wissen von diesen Anfechtungen nichts; wen der Teufel einmal hat, den lässt er wohl zufrieden; aber gläubige Gemüter kennen das wohl; ach, es ist Satans List über viele Frommen zur Versuchung kommen. Alles kommt in solchen dunklen Stunden darauf an, dass man zu den rechten Waffen des Widerstandes greift. Wahrlich Martha hat die rechten Waffen ergriffen. Sie geht den Herrn mit ihren Bitten an und bittet um ein entscheidendes Wort seines Mundes. Der Herr hat ihre Bitte erhört, aber anders, als ihre Gedanken waren; er hat das entscheidende Wort gesprochen, aber nicht gegen die Schwester, sondern für die Schwester. Gewiss, sich das sagen lassen: „Martha, du hast Unrecht, Maria hat das gute Teil erwählt!“ das war nicht leicht. Aber wer wollte im Ernst daran zweifeln, dass Martha sich hat sagen lassen, dass sie sich demütig unter des Heilandes Wort und Entscheidung gebeugt hat und dass sie in dieser Beugung unter Jesu Wort die schwere Anfechtung ihres Glaubens siegreich überwunden hat? Gebet und Wort Gottes helfen den Gläubigen durch alle Verdunklungen und Anfechtungen. Wir finden später Ev. Joh. 12 des Menschen Sohn wieder in Bethanien, und Martha dient wieder dem Herrn, aber ohne einen einzigen Seitenblick auf Maria; doch auch Maria dient dort dem Herrn, wenn auch in ihrer Weise, sie salbt die Füße des Heilandes mit ungefälschter, köstlicher Narde. - Gläubige Leute, das mögen wir uns merken, sind keine Engel, sondern Menschen mit Fleisch und Blut. Sie sind Menschen mit vergebenen Sünden, aber sie sind nicht Menschen ohne Sünde; der alte Adam geht mit ihnen, bis sie sterben. Sie sind selig im Glauben an den Heiland, aber sie sind nicht frei von mancherlei Schwachheit und Sündhaftigkeit. Paulus im Römerbrief Kap. 7 spricht aus der Erfahrung der Wiedergeborenen heraus schmerzliche Klage aus über die knechtende Macht der Sünde in Momenten der Verdüsterung. Johannes lehrt, indem er. von denen spricht, die im Lichte wandeln, dass, so wir sagen, wir haben keine Sünde, wir uns selbst verführen, und die Wahrheit ist nicht in uns. Die uns anklebende Sünde aber ist die furchtbare und fruchtbare Quelle von mancherlei Anfechtungen und Trübungen des Glaubensstandes. Da ist ein gläubiger Handwerksmann; wahrhaftig, er hat seinen Heiland aufrichtig lieb und möchte so gerne durch das Blut Jesu Christi selig werden; aber er gelangt so selten zu einer Marienfeier vor dem Herrn, er muss in Martha-Arbeit schaffen und sich sorgen und sich mühen Tag aus, Tag ein, dass sich seine Hände härten und von der Stirne heiß rinnen muss der Schweiß. Da naht ihm denn wohl ein gläubiger Bruder aus höheren Ständen und mahnt ihn: „Freund, du machst dir zu viel Sorge und Mühe, du musst mehr feiern vor dem Herrn“, und beweist ihm das mit vielen Sprüchen aus der Heiligen Schrift und treffenden Verslein aus dem Gesangbuch. Wie leicht schleicht sich da in so ein armes Herz die Bitterkeit ein und Gedanken wie die: Der hat gut reden, der Mann, denn er hat Zeit die Fülle; ach freilich ja, das Feiern vor dem Herrn ist sehr süß, wenn mans nur haben könnte; aber unser Einer, der von der Hand in den Mund lebt, muss wohl sich sorgen, muss wohl die Hände rühren von Morgen bis Abend, denn Hunger tut weh! Da sind gläubige Jungfrauen, von dem Herrn mit Geld und Zeit begabt; es ist ihnen eine Lust, Witwen und Waisen in ihrer Trübsal zu besuchen. und sie zu speisen mit irdischem und himmlischem Manna. O das ist ja schön und gut und herrlich, aber wie oft hat sich bei solcher Arbeit der Liebe im Glauben der bitterböse Gedanke eingeschlichen, das sei nun die wahre, die einzige Weise, in welcher alle Jungfrauen und Frauen dem Heiland dienen müssten, und man splitterrichtet über fromme Mütter, denen das eigene Haus ihre Welt ist, und die vor Kinderpflege nicht zur Armenpflege kommen; man macht allerlei Anmerkungen über Andere, die vor dem Herrn feiern mit Singen und Spielen. Ja dies Methoden-Christentum, wie oft setzt es sich an den ernsten Glauben an, dass man seine Einzelart, vor dem Heiland zu leben, zu einem zwingenden Gesetz für Alle ohne Unterschied erheben will! Wenn nun aber eben solche und ähnliche Anfechtungen ein gläubiges Haus umziehen, dann ists wie dort in Bethanien, als Martha mit ihren Klagen vor den Herrn trat. Mögen in solchen Zeiten der Anfechtungen unsere Häuser nur auch darin jenem bethanischen Haus gleichen, dass wir mit unseren Klagen bittend und betend vor den Herrn treten und durch sein Wort, als die Leuchte unserer Füße, uns weisen lassen. Das Gebet zum Herrn, das Wort vom Herrn sind die Waffen, die auch durch die schwersten Umdüsterungen des Glaubens uns immer siegreichen Durchgang schaffen werden. Die Dissonanzen in einem gläubigen Haus und unter gläubigen Häusern können oft herbe genug sein, aber wenn Einer nur immer noch für sich und den Andern betet, wenn nur Beide sich noch unter das Wort Gottes beugen, dann müssen die Dissonanzen sich lösen. Martha und Maria können sich wohl missverstehen, doch können sie sich niemals scheiden, denn sie sind eins im Herrn.

Jesus aber antwortete und sprach zu ihr: Martha, Martha, du hast viele Sorge und Mühe; Eins aber ist not; Maria hat das gute Teil erwählt, das soll nicht von ihr genommen werden. Das sind nun die vielberühmten Schlussworte unserer evangelischen Erzählung. Sie klingen sehr einfach, doch schwimmt der Sinn gar nicht auf der Oberfläche. Wohl ist es eine erlaubte Anwendung zu sagen: Eins ist not, du Menschenkind, nämlich dass du dich bekehrst von dieser eitlen Welt zu Jesu Christo, dem Bischof und Hirten deiner Seelen. Gewiss, das ist das Eine, was not ist für jeden Menschen, der noch der Welt angehört und ohne Glauben, ohne Heil, ohne Frieden das Leben verträumt. Denn nicht Essen und Trinken, nicht Kaufen und Verkaufen, nicht Freien und Sichfreienlassen, nicht die Dinge dieser Welt geben der Seele die Ruhe: Eins ist not, sich bekehren, Buße tun und glauben an Jesum Christ; und wer's noch nicht getan, der tue es bald, denn nichts hat so große Eile, als die Sache der Seligkeit der Seelen. Aber so verstattet diese Anwendung ist denen gegenüber, die noch nicht glauben, so dürfen wir uns doch der Erkenntnis um keinen Preis verschließen, dass das nicht der nächste Sinn der Worte ist, wie sie der Herr der Martha gegenüber meinte. Nicht eine Lektion für die Ungläubigen, sondern eine Lektion für die Gläubigen gibt der Herr in diesen Worten. Das berühmte Sätzlein: Eins ist not! ist für gläubige Häuser gesagt und nennt ihnen ihre tägliche Aufgabe. Was aber ist diese Aufgabe, und was meint der Satz: Eins ist not!? Ist das das gute Teil, das Maria erwählt hat, dass sie vor dem Herrn feiert? Ist das das schlechte Teil der Martha, dass sie dem Herrn dient? O wer auch nur das Abece der Schriftlehre kennt, kann das im Ernst nicht meinen. Hat doch der Herr in Simons Haus den Pharisäer streng getadelt, dass er ihm die kleinen Dienste der Gastfreundschaft nicht erwiesen hatte, zum Zeichen und Zeugnis, dass Marthadienst an und für sich nichts Schlechtes ist, sondern im Gegenteil vom Herrn geradezu gefordert wird. Hat doch der Herr nach seiner Auferstehung eine andere Maria, Maria Magdalena, als sie sich zu seinen Füßen voller Andacht niederlassen wollte, geradezu fortgeschickt, ja fortgeschickt, dass sie für ihn wirkte, zum Zeichen und Zeugnis, dass das Feiern vor ihm seine Zeit hat und das Wirken desgleichen. Also nicht das Feiern vor dem Herrn kann das Eine sein, was not tut, ebenso wenig wie es das Wirken ist; für das Feiern und für das Wirken gilt: Beides ist not! Nein, nicht das Wirken Marthas war tadelnswert, sondern die Gesinnung, in der sie wirkte; nicht das Feiern Marias war das Eine, Notwendige, sondern die Gesinnung, in der sie feierte. Martha war zwar gläubig, aber ihr Glaube hatte noch ungeübte Sinne; sie sah dem Herrn noch nicht an den Augen ab, was er wünschte und wollte. Maria aber hatte nicht bloß Glauben, sondern auch den feinen Takt des Glaubens, dass sie es dem Herrn an seinen Augen absah, was er bei diesem Eintritt in das bethanische Haus wollte, nämlich nicht sich bewirten lassen, sondern selbst bewirten, nicht sich leiblich erquicken lassen, sondern selbst geistlich erquicken. In Martha hatte der Herr eine Jüngerin, von der er geliebt wurde, wie von irgendeiner; in Maria hatte er eine Jüngerin, von der er nicht nur geliebt, sondern auch verstanden wurde. Maria setzte sich zu des Menschensohnes Füßen und hörte seiner Rede zu, weil ihr der Wink seiner Augen sagte, dass das in diesem Moment der Wille des Meisters war. Und diese tiefinnerliche Hingabe an den Herrn und seinen Willen, dieses Sichhineingelebt und Hineingeliebthaben in das, was wohlgefällig angenehm ist vor dem Heiland, das war das gute Teil, das sie erwählt hatte, und das nicht von ihr genommen werden sollte, weil es nicht von ihr genommen werden konnte; denn man kann das Leben nicht vom Leben trennen, und das Leben Marias hatte sich in das Leben Jesu Christi hineingelebt. Das also ist das Eine, Notwendige für alle gläubigen Christen, ob sie den Marthanamen oder den Mariennamen tragen, ob sie praktisch oder beschaulich gerichtet sind, dies Hineinleben in Jesu Sinn, dies feine Aufmerken auf Jesu Wunsch und Willen, dies immer Ärmerwerden an Eigenheit, dies immer Reicherwerden an stiller Hingabe, mit Einem Wort die Heiligung in ihrer innerlichsten und tiefsten Fassung. Ach, es quälen sich so manche Gläubige in dem Vielen ab, zweifeln und fragen immerfort, ob sie dies tun und jenes lassen müssen; Eins ist uns not, gläubige Freunde, dass wir uns so in den Sinn Jesu Christi hineinleben, dass wir ohne gesetzliche Regeln doch in jedem Augenblick vergessen, was dahinten ist, und uns strecken nach dem, was vorne ist, gleichwie die Blumen in unseren Gärten ohne Vorschrift allein ihrem Schöpfer blühen und duften. Luther schreibt am Schlusse seiner Haustafel für gläubige Häuser vor: Ein Jeder lern sein' Lektion, so wird es gut im Haus stehen. Die Regel ist wohl gut, aber im tiefsten Kern ist die Lektion für alle gläubigen Glieder aller gläubigen Häuser eine und dieselbe. Eins ist not für die gläubigen Männer und Hausväter, immer schärfer und feiner zu erfassen und zu durchleben, was Jesus von ihnen und mit ihnen und durch sie will, so werden sie je länger desto mehr in ihrem Amt, in ihrem Haus, in ihrer Gemeinde den Segen des Himmelreichs ausströmen. Eins ist not für die gläubigen Frauen und Jungfrauen, immer inniger und enger mit dem Bräutigam ihrer Seelen zu verwachsen, so wird der Geist sie selber lehren, wo in jedem Moment ihr angewiesener Platz ist, ob in der Kinderstube, ob im Witwenhäuschen, ob in der Küche, ob in der Kirche. Eins ist not für gläubige Kinder, nämlich der ehrfürchtige Sinn, da sie bei Allem, was sie tun und treiben, sich immer innerlich fragen: „Meint es auch so mein Jesus? Will das auch so der liebe Heiland?“ dann werden sie zunehmen an Gnade bei Gott und den Menschen. In Summa Eins ist not für Alle, die den Herrn Jesum lieben, dass sie Ihn immer besser verstehen, seinen Winken immer folgsamer gehorchen lernen. Je mehr in einem gläubigen Haus jedes einzelne Glied dieser seiner Aufgabe nachdenkt und nachlebt, desto weniger Zeit behält es, über Andere ein unfruchtbares Splittergericht zu üben. Der Herr erfülle alle Häuser des Glaubens mit seinem Heiligen Geist und heilige sie durch und durch, dass unser Geist ganz samt Seele und Leib behalten werde unsträflich auf die Zukunft unsers Herrn Jesu Christi. Getreu ist der, der uns ruft, welcher wird es auch tun.

Wir sind am Ende mit unserer Betrachtung über Bethanien, mit unseren sieben Betrachtungen über die Ruhestätten des Menschensohnes auf Erden. Wir werfen noch einmal einen Blick, einen Scheideblick auf das Vaterhaus des Menschensohnes in Nazareth, auf sein Vaterhaus in Jerusalem, auf das Fischerhaus in Kapernaum, auf das Pharisäerhaus zu Nain, auf das Zöllnerhaus in Jericho, auf das Freundeshaus in Bethanien und falten unsere Hände vor dem Herrn, unserm Heiland, und bitten Ihn Angesichts unseres eigenen Hauses: Schreib, Herr, auch an unsere Tür: Meine Freunde wohnen hier! Amen.


Neviandt, Heinrich - Die fröhliche Hoffnung des Apostels Paulus und der Grund, auf dem sie ruht

Man hört es, meine Lieben, in unserer Zeit oft aussprechen, dass die Menschen leichtlebig seien. Es ist damit nicht gerade ein Vorzug unsers Geschlechtes bezeichnet. Vielmehr liegt darin angedeutet, dass man in unsern Tagen es vielfach auch mit Dingen leicht nimmt, mit denen man es nicht leicht nehmen sollte, und dass so Vieles auf den Schein und auf den Genuss berechnet ist. Und deswegen ist es auch nicht zu verwundern, dass solche Leichtlebigkeit oft genug ins Gegenteil umschlägt und einem Verzagen, ja, einer Verzweiflung Platz macht, gegen die man dann vergeblich Trost in der Welt sucht. Wie ganz anders steht es da um den echten christlichen Gleichmut und die echte christliche Hoffnung, die auch das Herz leicht machen, die demselben eine ungetrübte Aussicht in die Zukunft eröffnen; weil sie dem Herzen Bürgschaften, sichere Bürgschaften dafür geben, dass diese Zukunft Dem wirklich gehört, dessen Hoffnung und Leben Christus geworden ist. Eine solche Sorglosigkeit dürfen wir uns gewiss alle wünschen, besonders an dem Anfang eines neuen großen Zeitabschnittes!

Wir haben den Weg schon angedeutet, der zu einer solchen gesegneten Hoffnungsstellung führt. Lassen wir uns denn durch unsern heutigen Text noch etwas tiefer in den angeführten Gegenstand hineinleiten.

Unser Text steht Phil. 1,20 u. 21:
“Wie ich endlich warte und hoffe, dass ich in keinerlei Stück zu Schanden werde, sondern dass mit aller Freudigkeit, gleichwie sonst allezeit, also auch jetzt, Christus hochgepriesen werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“

Ihr alle fühlt es mit mir den Worten des Apostels ab, dass er eigentlich einen wolkenlosen Himmel über sich hat; denn er ist auf Alles gefasst, sei es, dass er zum Leben oder zum Sterben berufen ist.

Sehen wir uns denn zunächst die fröhliche Hoffnungsstellung des Apostels etwas näher an, und lassen wir uns dann von ihm den Grund derselben nennen!

Wir erinnern uns wohl noch des Zusammenhangs, in dem diese Verse mit dem Vorhergehenden stehen. Sie geben uns den Schlüssel zu der echten evangelischen Weitherzigkeit, die wir bei dem Apostel wahrgenommen haben. Wir haben da wieder einen neuen Beleg dafür, wie im christlichen Leben alle Früchte des Geistes in einem innigen Zusammenhang stehen. Ich weiß nicht, wie es Euch diesen Worten des Apostels gegenüber ergeht. Den Eindruck bekommt man ja unwillkürlich, dass der Mann, der so reden kann, eine herrliche Stellung einnehmen muss, vollends, wenn wir daran denken, dass er aus der Gefangenschaft heraus so redet. Mögen wir nun bei der großen Zuversicht, die sich in seinen Worten ausspricht, stehen bleiben, oder bei dem Umfassenden, was in denselben liegt, „dass ich in keinerlei Stück zu Schanden werde,“ wir empfangen immer denselben Eindruck. Da möchte wohl der Eine und Andere unter uns versucht sein, den Apostel zu fragen: Aber Paulus, wie kannst Du so reden? nimmst Du den Mund nicht zu voll? Und doch, meine Lieben, Paulus wird uns die Antwort nicht schuldig bleiben. Wenn wir die Worte, in denen er die zuversichtliche Hoffnung ausspricht, näher ansehen, so liegt in den ersten die sehnliche Erwartung ausgedrückt. Das ist eigentlich der Sinn des griechischen Wortes. Es ist dasselbe, das wir Röm. 8,19 lesen, wo von dem ängstlichen Harren der Kreatur die Rede ist. Die Seele des Apostels ist in einer bestimmten Spannung und Erwartung; sie ist auf die Erreichung eines bestimmten Zieles hingerichtet. Aber die Erreichung dieses Ziels ist ihm nicht zweifelhaft. Nein, er hofft ganz bestimmt auf die Erreichung desselben. Und dieses Hoffen im Sinn des Wortes Gottes ist nicht jenes Hoffen, das uns so oft im Leben begegnet, dem die rechte Unterlage fehlt, und das deswegen mit Recht oft nicht zu hoch geschätzt wird, sondern es ist jenes Hoffen, von dem es Röm. 5,5 heißt: „die Hoffnung lässt nicht zu Schanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.“ Und noch ein drittes Wort kommt hinzu: „mit aller Freudigkeit.“ Damit wird uns ein Blick in die Gemütsstimmung des Apostels verstattet, die eine Frucht dieser Erwartung und dieser Hoffnung ist.

Aber was ist denn das Ganze mit einem Wort? Es ist nichts anderes, als der zuversichtliche, feste Glaube, das kindliche, rückhaltlose Vertrauen zu seinem Gott und Heiland, was den Apostel so reden lässt. Möchtest Du nicht auch einen solchen Glauben haben, mein lieber Bruder, meine liebe Schwester? Oder sagst Du in Deinem Herzen: „Ja, das war auch der Apostel Paulus, und ich schwaches Kind kann mit einem solchen Mann in Christo nicht gleichen Schritt halten.“ Es ist ja wahr, es gibt Helden im Glauben, und der Apostel Paulus war ein solcher, und andererseits gibt es Solche, die auch Glauben haben, aber einen schwachen Glauben. Indessen wird Niemand, der wirklich Glauben, echten Glauben hat, so stehen, dass er nicht meint, er könne im Glauben wachsen, und Niemand, der in seinem geistlichen Leben gesund ist, wird gefunden werden können, der nicht begehrte, gestärkt zu werden im Glauben. Aber woher kommt es wohl, dass wir Alle, ich rede hier. von Kindern Gottes, - mehr oder weniger noch so wenig Glauben haben? dass wir noch so schwach im Glauben sind? Ein Grund ist zweifelsohne der, dass wir noch viel zu wenig von Herzen um Stärkung des Glaubens bitten. Denn, wer da bittet, der empfängt! Und der Herr Jesus sagt, Joh. 14,14: „Wenn ihr etwas bitten werdet in Meinem Namen, so will ich's tun.“ Aber ein anderer und wohl noch tiefer liegender Grund ist der, dass wir zu wenig noch die innere Stellung haben, noch zu wenig, wenn ich so sagen soll, die Vorbedingungen, die zu einem Starkwerden im Glauben erforderlich sind. Wir werden sogleich sehen, woran wir dabei denken.

Sind Euch nicht wohl im Leben Menschen aufgefallen, die irgend ein Ziel mit besonderer Energie zu erreichen suchten? Schwierigkeiten, vor denen Andere zurückschrecken, machen sie nicht mutlos; Mühen, denen Andere sich nicht unterziehen mögen, nehmen sie willig auf sich. Wie lassen sich diese Erscheinungen erklären? Die Leute haben ein bestimmtes, nach ihrem Urteil sehr wichtiges Ziel im Auge, und sie glauben, an die Erreichung dieses Ziels. Und, weil ihnen das zu erreichende Ziel so wichtig, so wünschenswert erscheint, so scheuen sie keine Mühe, keine Anstrengung, oft genug keine Gefahren, um dieses Ziel zu erreichen. Wir könnten ganz treffende Beispiele, die Jedem einleuchten würden, aus der Gegenwart anführen. Wir wollen es nicht tun. Aber das wollen wir sagen, dass in diesen Erscheinungen, die Jeder von uns, der überhaupt beobachten kann, schon beobachtet hat, etwas sehr Beschämendes für alle Kinder Gottes liegt. Ist es denn nicht so? Wenn solche Mühe, solcher Fleiß, solche Ausdauer und Selbstverleugnung auf vergängliche Dinge verwandt wird, vielleicht darauf, um Geld zu erwerben, oder Ehre zu erlangen, oder auch (um einen edleren Zweck zu nennen) um dem Gemeinwohl zu dienen, was sollte dann erst an den Leuten hervortreten, die bekennen, dass sie einem ewigen Kleinode nachjagen, ja, die in aller Demut, aber doch auch mit Zuversicht sagen dürfen, dass sie für die Ewigkeit, und nicht für die Zeit, arbeiten und wirken? Und steht es denn im Ganzen und Großen in der Gemeine Gottes so? Hat der Teufel Ursache, sich über unsern Eifer in der Sache des Herrn zu beschweren? Hat die Welt Ursache, sich darüber zu beklagen, dass wir ihr in ihrem gefährlichen Wahne keine Ruhe lassen? Wenn es so im Allgemeinen stände, Geliebte, dann würde Gottes Volk viel mehr unter dem Kreuz stehen, auch in unseren ruhigen Zeiten; es würde noch viel mehr Verachtung und Schmach Christi vorhanden sein; darauf können wir uns verlassen. Wäre nicht die Barmherzigkeit und Langmut des Herrn auch Seinem Volk gegenüber so groß, er hätte längst die Geduld mit uns verloren, und er hätte Ursache genug dazu gehabt. Hört, was der Apostel als den großen Zweck seines Lebens, auf den seine Erwartung und seine Hoffnung unwandelbar hingerichtet sind, ausspricht! „Dass, gleichwie sonst allezeit, also auch jetzt Christus hochgepriesen werde an meinem Leibe.“ Das ist also das Ziel, das er vor Augen hat; das ist der Zweck, dem sein Leben dient, dem seine ganze Liebe gehört, auf den sich sein christlicher Ehrgeiz, wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf, richtet: die Verherrlichung Christi! Und diese Verherrlichung Christi ist ihm so über Alles wichtig, dass darüber seine eigene Person ihm ganz in den Hintergrund tritt, dass er sich selbst so vergisst, dass er die kühnen Worte hinzusetzt: „Es sei durch Leben oder durch Tod.“ Das heißt mit andern Worten: „Dient mein Leben dazu, den Herrn zu verherrlichen, so bin ich bereit, noch länger zu leben; dient mein Sterben dazu, seinen Namen zu preisen, so bin ich willig, mein Leben dahinzugeben,“ oder, wie er einmal an einer andern Stelle in diesem nämlichen Briefe sagt, „als ein Trankopfer ausgegossen zu werden.“ Was ist das für eine Stellung, meine Brüder? Paulus ist ein Opfer geworden, das seinem Heiland sich willig und willenlos dahingibt und zur Verfügung stellt. Paulus hat nur den einen Wunsch, dass sein Heiland durch ihn und an ihm verherrlicht werde, und weil er nur diesen einen Wunsch hat, und dieser Wunsch sein ganzes Herz erfüllt, so befindet er sich in voller Übereinstimmung mit dem Willen seines himmlischen Meisters. Sollen wir uns unter den Umständen wundern, dass er so glaubensfreudig ist, dass er so voller Hoffnung ist, und dass er gewissermaßen einen Himmel ohne Wolken über sich hat? Ich meine, wir haben keinen Grund, uns darüber zu wundern. Wohl haben wir Grund, die Gnade Gottes anbetend zu preisen, die ein armes Menschenkind, ein sündiges Menschenkind, in eine solche selige Gefangenschaft führen kann, dass es alles eigene Wünschen seinem Herrn zu Füßen legt.

O meine Brüder, sollte es uns nun schwer werden, bei uns selbst die Gründe aufzufinden, derentwegen wir nicht so mit dem Apostel überkommen können? Ist die Verherrlichung Christi so unser ganzes und einiges Ziel, und kennen wir keinen andern Lebenszweck mehr? Haben wir nur diese eine Passion? Gott Lob! da, wo die Seele den Heiland gefunden hat, da ist etwas von dem Sinn vorhanden. Da will man, wenn auch in Schwachheit, den Herrn, der uns teuer erkauft hat, verherrlichen. Und da liegt einer der großen Unterschiede, die unter den Kindern Gottes und den Kindern der Welt bestehen. Die letzteren, auch wenn sie christlich gefärbt sind, haben kein eigentliches Herz für die Verherrlichung Christi. Aber wie viel bleiben wir noch zurück?! Wie mancher Zweck, wie manches Zweckchen verdunkelt oft unserm Herzen dies eine Ziel! Wie viel selbstsüchtiges Wünschen und Begehren lähmt oft den Flug des Geistes, der sich nach den lichten Höhen sehnt, wo die Sonne ohne Wolken leuchtet! Und doch hat es der Heiland nicht nur um den Apostel Paulus, er hat es auch um Dich und mich verdient, dass Seine Verherrlichung das einzige Ziel sei, das uns vorschweben soll. Und damit hängt ein anderes Hindernis zusammen. Wir sind noch nicht genug zum Opfer geworden, meine Brüder! Die Liebe zum eigenen Leben im weitesten Sinne des Wortes, ist bei uns eines der großen Hindernisse, das die Verherrlichung des Herrn Jesu durch uns so vielfach aufhält. Erfordert es nicht zu viel Selbstverleugnung, den Herrn zu verherrlichen, so lassen wir uns noch wohl bereit finden; aber wie leicht sind wir versucht, uns zurückzuziehen, wenn wir unser Leben aufs Spiel setzen sollen! Und doch ist im Grunde alles Glaubensleben im Einzelnen und im Ganzen ein Aufs-Spiel-Setzen unsers Lebens, ein Verlieren unserer Selbst. Wie nötig ist uns da der Kreuzes- und Leidenssinn! wie nötig eine Mehrung dieses Sinnes!

Geliebte, sage ich das, um uns zu entmutigen? Davor wolle mich Gott bewahren! Aber können wir anders, wenn wir solche Worte lesen, als in unser eigenes Leben hineingehen und eine Vergleichung anstellen? Und dann steht's ja nicht so, dass wir verzagen müssten. Die Gnade, die den Apostel zu Dem gemacht hat, was er war, ist dieselbe, die auch jedem von uns, der errettet worden ist und der die Hoffnung des ewigen Lebens hat, zu Teil geworden ist. Und diese Gnade ist allgenugsam und stark. Diese Gnade ist auch stärker als unsere Natur, und, wenn wir es wirklich von Herzen begehren und wollen, werden wir das auch erfahren; denn es ist wahr, was in dem schönen Liede steht: „All' dergleichen muss der starken Gnade weichen.“

Treiben uns die demütigenden Eindrücke, die wir über unsern dermaligen Stand im Christentum aus unserm Textwort empfangen, mehr und neu zu dieser Gnade, machen sie uns hungriger nach derselben, dann haben wir unser Schriftwort nicht umsonst mit einander betrachtet.

Aber lasst uns zum Schluss miteinander noch einen Blick auf den Grund werfen, den der Apostel uns für diese seine Stellung nennt: „Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“

Es kommt mir so vor, als ob dieser Vers zunächst eine Erklärung der letzten Worte des vorigen Verses geben sollte: „es sei durch Leben oder durch Tod.“ Warum kann der Apostel so opferfreudig sein Leben und seinen Tod zur Verfügung stellen? Warum ist er zu beidem bereit?

Ihm ist das Leben Christus, und Sterben Gewinn.

Was heißt das? Will damit der Apostel uns einfach sagen, dass er Christum besitze, dass Er sein Leben geworden sei? Das liegt ja unverkennbar auch in dem Wort. Aber es liegt noch viel mehr in diesem kurzen und doch so inhaltsreichen Satz. Verwundert Euch nicht, ruft er uns gewissermaßen zu, dass ich so geredet habe, dass mir Christi Verherrlichung so über Alles geht, dass mir darüber mein Leben und mein Tod geringfügig erscheinen! Alles, was für mich Leben ist und heißt, das fasst sich in Ihm, in Christo, zusammen. Ich kenne kein anderes Leben als Ihn, und deswegen ist mein Leben nur insoweit Leben, als es Ihm gehört, Ihm dient, Ihn verherrlicht. Und, weil der Tod mich nicht von ihm scheidet, sondern mich zu seinem vollen Anschauen bringt, weil ich ihn sehen soll, wie er ist, deswegen ist Sterben mein Gewinn. Darum verliere ich nicht nur nichts durch das Sterben, sondern ich gewinne unendlich. Denn Alles, worin mein Leben bestanden hat und besteht, nämlich Christus, der bleibt mir, und bleibt mir nicht nur, sondern wird mir völliger und ungetrübter zu Teil. Darum ist Sterben mein Gewinn! O heilige Logik des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, wie unverständlich bist du dem fleischlichen, verfinsterten Herzen, aber wie verständlich und fasslich einem Herzen, das durchleuchtet ist von der Sonne der Gerechtigkeit und sich nun nach dem Tage ohne Wolken sehnt!

Lasst mich an zwei Stellen erinnern, die uns noch klarer machen, was in diesen Worten des Apostels ausgesprochen liegt! Die eine derselben lesen wir in unserm Brief, Kap. 3,7-11. Da heißt es: „Aber, was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden geachtet, ja, ich achte auch noch Alles für Schaden um des Überschwangs willen der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um welches willen ich Alles daran gegeben habe und achte es für Unrat, auf dass ich Christum gewinne, und in Ihm erfunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christum kommt, die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben wird, zu erkennen Ihn und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden, dass ich seinem Tod gleichförmig werde, ob ich möge entgegenkommen der Auferstehung der Toten.“ Und die andere, Gal. 2,20: „Ich lebe aber, nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir. Denn, was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dargegeben.“ Warum führe ich diese Stellen an? Weil sie uns die Quelle näher bezeichnen, aus der diese Stellung des Apostels geflossen ist. Es ist nicht etwa ein gesetzlicher Zwang, der den Apostel so reden lässt, wie er in unserm Text redet; es ist auch nicht die Frucht einer selbstgemachten Heiligung, sondern es ist die Frucht des Glaubens, der einen tiefen Blick getan hat in das herrliche Geheimnis der Versöhnung, die Gott in Christo gestiftet hat, der ganz und voll mit seinem Vertrauen auf der Gerechtigkeit ruht, die Christus zu Wege gebracht, und die Gott dem Glauben. ohne Verdienst und umsonst zurechnet. Es ist die Frucht des Glaubens, der die überschwängliche Liebe Christi in der Dahingabe seines Lebens, seiner Person erfasst, so dass diese Liebe durch den heiligen Geist sich in das Herz ergießt und dieses Herz so mit Christo vereinigt, dass Christus durch den Glauben nun im Herzen wohnt, dasselbe regiert, dasselbe treibt bis in den tiefsten Grund seines Wünschens und Begehrens. Ja, meine Lieben, das vermag der Glaube, das vermögen die Gnade und das Kreuz Christi, wenn sie recht einem Herzen verklärt werden.

Wie viele Fragen lassen sich auf Grund dieses Wortes „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn“ an die Herzen stellen?! Freund, ist der Tod noch das Schrecklichste, was es für Dich gibt? Fliehst Du noch jeden Gedanken, der Dich an denselben erinnert? Klammerst Du Dich immer neu krampfhaft an frische Lebensbilder an? Du hast dann daran den sichersten Beweis, dass Christus noch nicht Dein Leben geworden, und darum auch Sterben noch nicht Dein Gewinn ist. Wie schauerlich - Sterben ohne Christum! Es kommt, meine Freunde, weniger darauf an, ob das bei dem Sterben selbst hervortritt, oder nicht. Manche Ungläubige sterben dem Anschein nach ruhig und getrost; denn Satan kann auch einen Schlaftrunk geben, und ein abgestumpftes Herz kann auch beziehungsweise „des Todes Bitterkeit vertreiben.“ Aber welch' ein Erwachen wird es sein?! Alles, Alles verloren zu haben, auch den Schein des Lebens verloren zu haben, um ewig zu darben, ewig zu dürsten! Wer will es aussprechen, was es heißt, ohne Christum, ohne Hoffnung zu sterben? O leichtfertige, sichere Seele, die Du so sorglos mit dem großen Strome dahinziehst, die Du das Leben so rosig, so hoffnungsvoll ansiehst, aber um Deiner Seelen Seligkeit Dich nicht bekümmerst, lass Dich warnen, jetzt, wo Dir noch Gnade dargeboten wird! Jetzt noch kommt der Heiland zu Dir; Er bittet auch Dich, das fahren zu lassen, was Dein betörtes Herz und Satan Dir als Leben vorzaubern; Er beschwört Dich, Deine Seele, die für die Ewigkeit geschaffen ist, nicht hinzugeben für die Scheingüter dieser Welt, für ein bisschen Weltlust, für ein wenig Geld, oder Ehre, oder Ansehen bei der Welt, mit Einem Wort, für die zeitliche Ergötzung der Sünde. Christus bietet Dir das wahre Leben an. Er legt Dir nicht ein schweres Joch auf. Er verlangt nicht von Dir, dass Du ein unnatürliches Leben führen sollst, nein, er will Dir sein Gnadenleben zur andern Natur machen. Er will Dir einen Sinn geben, zu erkennen den Wahrhaftigen, und zu sein in dem Wahrhaftigen; er will Dir einen Geschmack geben an den echten, himmlischen Gütern. Lass Dir Dein Elend aufdecken, Dein glänzendes Elend! Täusche Dich doch nicht länger über Dein friedeloses Herz, das, trotz Allem, was Du ihm geben magst, nimmer satt wird, sondern immer mehr haben will. Lass Dir das falsche Leben nehmen und das wahre schenken! Und, wenn Du unter dem Eindruck stehen solltest: „Ach! es ist unmöglich, dass es jemals mit mir dahin kommen sollte; ich bin so irdisch gesinnt, ich bin so leichtfertig, so vergnügungssüchtig!“ Und wenn das alles so wäre, und wenn es noch viel schlimmer mit Dir stände, wenn Du in groben Sünden und Lastern gelebt hättest, fasse Mut! Christus hat eine ewige Erlösung erfunden, und Er macht blutrote Sünden schneeweiß. Er nimmt Dich an, wie Du bist. Komm, säume Dich nicht! Der himmlische Joseph hat auch für Dich ein Land bereit, wo er für Dich sorgen will, dass Du nicht Hungers sterbest. Und was sollen wir uns noch aus den herrlichen Worten nehmen, meine Brüder? Durch den Glauben recht in dem Geheimnis der Versöhnung leben, Alles um Christi willen für Schaden achtend, uns recht von der Gnadensonne bescheinen lassen, von ihr aber auch Alles an's Licht ziehen lassen, was Finsternis ist, damit sie es vergebe und heile. Aber auch in ihrem Licht wandeln, wandeln mit den Gaben, mit der Kraft, die der Herr uns gegeben hat. Wir möchten gerne auf einmal eine Fülle geistlicher Segnungen empfangen. Der Herr macht's gewöhnlich anders. Er vertraut uns etwas an, damit wir es benutzen, damit wir es gebrauchen zu seiner Ehre in seinem Dienst. „Wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe.“ Haben wir nach unserer Meinung nur eine kleine Kraft, haben wir nur ein geringes Maß von Hingabe für den Herrn, gehen wir getrost voran! unsere Kraft wird auf dem Wege unter dem Gnadensegen des Herrn wachsen. Das ist der Weg, auf dem Christus immer mehr durch den Glauben in unsern Herzen wohnt, und Er unser Leben wird. Und dann können auch wir sagen: Sterben ist mein Gewinn! Denn Er hat gesagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ Amen!

Neviandt, Heinrich - Demut

Desselben gleichen, ihr Jungen, seid untertan den Ältesten. Allesamt seid unter einander untertan und haltet fest an der Demut. Denn Gott widersteht dem Hoffärtigen, aber dem Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, dass er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorgen werft auf ihn, dann er sorgt für euch.
1. Pet. 5,5-7

Meine Brüder! Wir haben in unserem vorliegenden Wort eine wichtige Ermahnung des Apostels Petrus zur Demut und zum Vertrauen vor uns, und auch unser Wort zeigt, wie diese beiden christlichen Tugenden so innig miteinander zusammenhängen. Zugleich findet sich auch die Begründung der Ermahnungen. Suchen wir denn unter dem Beistand des Heiligen Geistes in den Inhalt unserer Stelle einzudringen!

Unmittelbar vorher geht das herrliche Wort der Ermahnung an die Ältesten und Vorsteher, die berufen sind, die Gemeinde zu weiden und Aufsicht zu halten. Nun wendet sich der Apostel an die ganze Gemeinde und zunächst an die Jüngeren. Es ist also ein ausdrückliches Gebot des Herrn, das zunächst an die Jüngeren ergeht. „Ihr Jüngeren, seid untertan den Ältesten.“ Es ist ein wichtiger Zug, der durch das ganze Wort Gottes hindurchgeht, dass die natürlichen Ordnungen durch das Evangelium nicht aufgehoben, sondern geheiligt werden. Wie es eine göttliche Ordnung ist, die sich durch die Familie und das öffentliche Leben hindurchzieht, dass die Jüngeren dem Rat, der Leitung der Ältesten unterstellt sind, dass deswegen von ihrer Seite den Eltern Achtung, Ehrerbietung, überhaupt Unterordnung gebührt, so auch in der Gemeinde Gottes. Darin macht auch die Tatsache keine Änderung, dass alle wahrhaft Gläubigen den heiligen Geist empfangen haben, und deswegen von Gott gelehrt sind. Der gläubige Sohn wird seinen Eltern, vor allen Dingen seinen gläubigen Eltern, noch in einer ganz andern Weise untertan sein, als er es vordem war. Der gläubige Arbeiter wird in einer ganz andern Weise zu seinem Arbeitgeber stehen, nachdem er weiß, dass er nicht nur Menschen, sondern dem Herrn Christo dient. Selbstverständlich bleibt auch in diesen Verhältnissen das Wort in Kraft: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Tritt menschliches Gebot in ausdrücklichen Widerspruch mit dem Gebot des Herrn, so hat man dem Herrn mehr zu gehorchen als den Menschen. Indessen bedarf es einer sorgfältigen Prüfung vor dem Herrn, ob uns in dem einzelnen Fall unser Gewissen oder der eigene Geist und Wille leiten. Zu den besonderen Gefahren des jugendlichen Alters gehört ein oft starker Trieb nach Freiheit und Selbstständigkeit. Die Ordnungen erscheinen oft als Schranken, die man gerne durchbrechen möchte. Das ist ein Zug, der besonders auch durch unsere Zeit hindurchgeht und der den Eltern und Erziehern viel Not und Schwierigkeiten bereitet. Dieser Zug spielt auch in das christliche Lager hinein, und deswegen ist die Ermahnung des Apostels auch so sehr am Platz. Zu einem gesegneten Gemeinschaftsleben gehört überhaupt, dass ein Jeder die innere Willigkeit hat, etwas von seiner Selbstständigkeit zu opfern und daran zu geben, um die Einigkeit des Geistes zu bewahren. Diese Willigkeit hat ihren tieferen Grund in der demütigen Anerkennung, wie viel mir noch fehlt und wie ich der Gnadengaben, die der Herr Andern gegeben hat, zu meiner Ergänzung und Bewahrung so dringend bedarf. Diese Stellung ist aber für die Jugend besonders gewiesen, weil ihr die reifere Erfahrung und namentlich die tiefere Selbsterkenntnis noch so vielfach mangelt. Wie ist der Sohn Gottes in dieser Beziehung ein so leuchtendes Vorbild, wo er als zwölfjähriger Knabe im Tempel den Lehrern zuhört und sie fragt und seinen Eltern, wie wir lesen, untertan war, obwohl er tiefere Blicke in die Geheimnisse Gottes besaß als seine Eltern. Wer seine Schwachheit kennt und sich seiner Fehler, Torheiten und Übereilungen bewusst ist, dem wird das Untertansein eine Wohltat.

Wenn wir fragen, wie sich das Untertansein zeigen wird, so liegt es auf der Hand, dass die eigentliche Grundlage desselben das gegenseitige Vertrauen ist, das die Ältesten mit den Jüngeren und die Jüngeren mit den Ältesten verbindet. Wo das vorhanden ist, da bedarf es nicht vieler Regeln; da wird man selbstverständlich für die Ratschläge und die Ermahnungen Solcher, die mehr Erfahrung und Einsicht haben als man selbst hat, offen sein und sich gegenseitig austauschen und Handreichung tun. Meine Lieben. Wer dazu beiträgt, dieses Vertrauen zu untergraben, wer die Jüngeren zu einer ungöttlichen Selbstständigkeit und Rücksichtslosigkeit anweist und erzieht, der arbeitet dem Feinde in die Hände und wird vor dem Herrn das zu verantworten haben, was er sät. Der Apostel dehnt nun seine Ermahnungen auf alle aus. Allesamt aber seid einander untertan und hüllt euch fest in die Demut. Hebt dadurch der Apostel seine erste Ermahnung wieder auf? Nimmermehr. Aber er zeigt, wie der Dienersinn Alten und Jüngeren unentbehrlich ist wie alle ohne Unterschied bereit sein müssen zu lernen, sich sagen zu lassen, und wie darauf der Segen der christlichen Gemeinschaft beruht. Teure Brüder und Schwestern, können wir, die Hand aufs Herz legend, sagen, dass wir so stehen? Kennen wir jenes heilige Misstrauen gegen uns selbst, gegen unsern eigenen Geist? Sind wir bereit, wenn der Herr ein Kind gebraucht, um uns zurecht zu weisen, willig, seine Stimme zu hören, sind wir willig auch zu hören, wenn er uns durch einen Bruder, eine Schwester, die vielleicht in anderer Beziehung unter uns stehen, ein Wort der Ermahnung zuruft? Die wahre Demut macht dazu fähig. Es ist nicht von ungefähr, dass Petrus so besonders auf die Demut dringt. Er wusste aus eigener, tiefschmerzlicher Erfahrung, was es um das Selbstvertrauen ist. Und doch, wie weit sind wir Alle von Haus aus von der Demut entfernt! Nichts sitzt so tief bei uns, als der Hochmut. Und es gibt auch einen geistlichen Hochmut. Freilich besteht er nicht in dem, was die Welt dafür ansieht; sie findet es hochmütig, unerträglich hochmütig, wenn jemand bekennt, durch Gottes Gnade gerettet und ein Kind Gottes zu sein. Aber das ist kein Hochmut, sonst wären alle Apostel und alle die Leute, an die sie schreiben, auch hochmütig gewesen. Z. B. an die Epheser schreibt Paulus: „Denn aus Gnaden seid ihr selig geworden durch den Glauben, und dasselbe nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme.“ Und unser Apostel fasst sich mit den Brüdern, an die er schreibt, zusammen, um Gott zu danken, dass er sie und ihn wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung. Aber wohl kann auch ein Kind Gottes vergessen, dass Alles, was es besitzt, Gnade ist, wohl kann es in Selbstgefälligkeit und Selbstbespiegelung geraten, und dann wird es nicht willig sein, sich unterzuordnen und zu lernen. Deswegen die Ermahnung: und hüllt euch fest in die Demut. Das Bild ist von einem Gewand hergenommen, das recht fest um den Leib befestigt wird, damit der Wind es nicht ergreift. Es weht ein Wind durch diese Welt, der nach hohen Dingen trachtet. Jeder will es gerne dem Andern zuvor tun. Jeder will gern der Größte sein. Um sich gegen diesen Wind zu schützen, ist es nötig, sich fest in die Demut zu hüllen. Wie man das macht? Seht an den Herrn Jesum Christum. Nichts können wir weniger selbst hervorbringen als gerade Demut. Das Kreuz Christi ist der Tod unseres Ich, und unser Ich ist der furchtbare Tyrann, der in unserm Herzen wohnt. Deswegen heißts 2. Kor. 5, 14 und 15: „Sintemal wir dafür halten, dass so Einer für alle gestorben ist, sind sie Alle gestorben, und er ist darum für alle gestorben, auf dass die, so da leben, hinfort nicht ihnen selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.“

Und nun begründet der Apostel seine Ermahnungen mit dem Wort: „Denn Gott widersteht den Hoffärtigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.“ Es gibt keine Sünde, die Gott so hasst, als gerade den Hochmut. Die ganze heilige Schrift und auch die Geschichte ist voll von Belegen dafür. Wie gings den Turmbauern zu Babel? Gott verwirrte ihre Sprache. Wie ergings Pharao? Er ertrank im roten Meer mit seiner ganzen Macht. Wie Sanherib? Wie Nebukadnezar? Warum musste Paulus, das auserwählte Rüstzeug, einen Pfahl ins Fleisch haben? Damit er sich der hohen Offenbarungen nicht überhöbe. Und wie wahr auch, dass er den Demütigen Gnade gibt! Wie hat er die Hanna, das Weib Elfanas, aus der Trübsal aufgerichtet? Wie die Ruth, die Moabitin, zu Ehren gebracht? Wie hat er den David vor allen seinen Brüdern ans Licht gezogen! Wie oft hat er Israel aus seinem tiefen Elend wieder aufgerichtet, wenn es zu ihm schrie, sich vor ihm demütigte! Z. B. 1. Sam. 7. Wie hat er Joseph erhöht! Wie den Daniel! Wie den Hiskias, als Sanherib ihm und Jehova Hohn sprach! Wie freundlich und gnädig nimmt sich der Herr der Elenden an! „Da dieser Elende rief, hörte der Herr und half ihm aus allen seinen Nöten.“ Wie geht der Herr mit den Zöllnern und Sündern um? Wie mit Zachäus? Wie richtet er die große Sünderin auf! Und den Schächer rettet er als einen Brand aus dem Feuer! Und macht er es heute anders?

O, meine Brüder, so oft ein Sünder gebrochenen Herzens zu ihm kommt, da sind seine Arme offen. Und wie macht es der Herr seinen Kindern gegenüber? So treulich er sie demütigt, wenn sie es bedürfen, so freundlich und gnädig tröstet er sie, wenn sie sich vor ihm demütigen.

Der Apostel führt uns nun in dem folgenden Vers auf die eigentliche Wurzel der wahren Demut auch den Menschen gegenüber hin, indem er seine Brüder ermahnt: „So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.“ Um vor Menschen sich wahrhaft zu demütigen, muss man sich vor Gott beugen können. Und wer sich vor Gott beugt, sieht auch in dem, was ihm von Menschen an Demütigungen widerfährt, nicht mehr bloß den Menschen, sondern den Herrn. So machts David, als Simei ihm flucht. Da sagt er zu den Kindern Zerujas, die ihn zur Rache aufstacheln wollen: „Lasst ihn fluchen, denn der Herr hats ihn geheißen: Fluche David! Wer könnte nun sagen, warum tust du also?“ Das war buchstäblich diesem Wort gefolgt, und wie hat der Herr David wieder erhöht! So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes. Das ist ein Wort an die ganze Gemeinde Gottes, Angesichts der ernsten Zeiten und der Gerichte, welche anfangen am Hause Gottes. Das ist auch ein Wort an eine einzelne Gemeinde Gottes, über die der Herr Sichtungszeiten verschiedener Art führen kann. Das ist auch ein Wort an den einzelnen Jünger des Herrn, wenn der Herr seine Hand auf ihn legt.

O, meine Lieben! Es ist Gnade, wenn ein Mensch sich unter die gewaltige Hand Gottes demütigen kann und demütigt, und zwar nicht bloß so, dass er sich in das Unvermeidliche schickt, weil er nichts machen kann, sondern wenn sein Wille, sein Herz sich den Weg Gottes wohlgefallen lässt, wenn er sich das Ohr und die Augen öffnen lässt, um zu erkennen, was der Herr mit seinen Wegen an ihm erreichen will. Dagegen gibts nichts Traurigeres, als wenn es von Jemanden heißt: „Du schlägst sie, aber sie fühlen es nicht; du reibest sie schier auf, aber sie lassen sich nicht ziehen; sie haben ein härter Angesicht, denn ein Fels und wollen sich nicht bekehren.“ (Jeremias 5,3.) Das ist der Gerichtszustand, in den die Welt je länger, je mehr hineinkommt, weil sie sich dem Licht des Evangeliums verschließt. „Damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.“ Diese Zeit kann hienieden in einem gewissen Sinn kommen. Die eigentliche Zeit der Erhöhung kommt aber für Gottes Volk dann, wenn Christus, ihr Leben, sich offenbaren wird in Herrlichkeit. Jetzt ist ihr Leben verborgen mit Christo in Gott.

Das ist ein wichtiges Wort „zu seiner Zeit.“ Unsere Zeit, unter irgendeiner Prüfung oder Heimsuchung hinwegzukommen, ist gar bald da. Wie lange mochte es Joseph vorkommen, dass er im Gefängnis bleiben musste, und doch bekümmerte sich dem Anschein nach der Herr nicht um sein Seufzen, bis seine Zeit gekommen war. Wie schwer wurde David die Zeit, wo er vor Saul fliehen musste; wie manchmal mag er geseufzt haben: „Hüter, ist die Nacht schier hin?“ Aber die Zeit des Herrn kam doch, und er krönte den verjagten David mit Ehre und Macht. Wie kann oft einem Kind Gottes eine Prüfung irgendwelcher Art unendlich lang werden, sei es, dass es Trauriges in seiner Familie, an seinen Kindern oder auch innerlich erlebt! Aber der Herr wird seine Verheißung doch halten; er wird jedes der Seinen erhöhen zu seiner Zeit. Deswegen, Bruder, Schwester, halte dem Herrn still! Kämpfe an gegen das Murren, die Ungeduld und das Verzagen! Begegne dem Feind, wenn er dir die Treue deines Gottes verdächtigen will mit Asaphs Worten an den Herrn: „Dennoch bleibe ich stets bei dir; du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich endlich mit Ehren an“, und fass dir das kostbare Trostwort ins Herz, mit dem unser Text schließt: „Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“

Liebe Freunde! Das ist eine Verheißung, und zwar eine unvergleichlich tröstliche, aber auch ein bestimmtes Gebot. Welch eine Macht, welch eine Bürde sind die Sorgen! Wie beugen sie Manchen vor der Zeit! Wie unglücklich machen sie Tausende von Menschen und verhindern sie, die Wohltaten Gottes zu erkennen und ihrer sich zu freuen! Was ist das nun für eine wunderbare Treue Gottes, dass er uns von dieser Plage befreien will! Alle Sorgen, heißt es, die äußerlichen und die geistlichen. Und es ist ein Segen, wenn Jemand Alles vor dem Herrn kund werden lässt. Da nimmt der Herr eine Sonderung vor. Wie mancher Sorgen muss man sich schämen, wenn man mit denselben vor den Herrn tritt. Da kann eine Sorge im Licht Gottes als eine Sünde erscheinen, von der man sich scheiden muss. Das ist dann ein erster Segen des Werfens der Sorgen auf den Herrn.

Es gibt Sorgen, die kann man Menschen nicht sagen; aber dem Herrn kann man alles sagen. Menschen, auch liebe Menschen, können wohl einmal unser Vertrauen missbrauchen, wenn auch vielleicht ohne böse Absicht, aber der Herr niemals. Er spricht nicht nicht weiter von dem, was wir ihm sagen. Menschen sind oft nicht recht dabei, wenn wir ihnen unser Herz ausschütten, und in keinem Fall steht es in ihrer Hand, uns immer zu helfen. Anders der Herr: Er ist ganz Auge und Ohr, wenn wir wirklich mit ihm reden.

Die geistlichen Sorgen können oft noch mehr drücken als die äußeren. Welche Rolle spielten z. B. die Sorgen um alle Gemeinden in dem Leben des Apostels Paulus! Solche Sorgen können auch heute noch die Herzen von Predigern und Vorstehern von christlichen Gemeinden bewegen. Aber es heißt: Alle Sorgen werft auf ihn. Das rechte Werfen schließt in sich, dass man die Sorgen nicht wieder mitnimmt vom Herrn, sondern sie bei ihm lässt.

Der Zusatz ist besonders tröstlich: „Denn er sorgt für euch.“ Ihm liegts am Herzen für euch. Ihm liegen unsere Angelegenheiten mehr am Herzen als uns selbst. An unserer Seligkeit liegt ihm viel mehr als uns selbst. Glauben wir das recht von Herzen, dann können wir getrost unsern Weg ziehen, auch wenn es nicht an Nöten und Schwierigkeiten fehlt. Amen.


Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - Ein Wort zuvor zum Verständnis dieses Büchleins.

Dieses Büchlein ist eine Frucht der Konferenz, welche am 14. und 15. Juni des Jahres 1876 zu Tulbagh gehalten wurde. Auf dieser Konferenz beschäftigte uns nämlich das Wort: „Wachset in der Gnade!“ Wir durften es erfahren, wie durch den Umgang der Kinder Gottes mit ihrem Herrn und unter einander die Herzen zu brennen anfingen und mehr als einem, auch den Verfasser, gegeben wurde, die Herrlichkeit der Gnade Gottes so wie nie zuvor zu schauen.

„Ich wusste nicht, dass es so viel Gnade gibt,“ sagte bei ihrer Abreise eine Schwester, welche noch am Abend zuvor länger geblieben war, um ihre Not zu klagen. Und unwillkürlich floss dieses selbe Wort aus manchem Mund: „Ich wusste nicht, dass es einen solchen Überfluss an Gnade gibt.“ Der Segen aber, welchen wir bei der Betrachtung der wunderbaren Gnade Gottes empfangen, erregte in mir das Verlangen, auch Anderen etwas von demselben mitzuteilen und sie zu dem Zweck mit dem bekannt zu machen, was die Schrift über dieses Wort lehrt. Mit diesem Verlangen aber verband sich noch ein anderer Gedanke.

Das Thema unserer Betrachtung zu Tulbagh: „Wie kann man in der Gnade wachsen und zunehmen?“ war nämlich im Hinblick auf die gewählt worden, welche dort im Jahr zuvor, während einer Zeit der Erweckung, zu dem Herrn gebracht waren.

Auch dachte ich an andere Orte, an denen ich in den beiden letzten Jahren, im Verein mit anderen Brüdern, in besonderer Weise arbeiten durfte, an denen wir die große Freude hatten, dass nicht Wenige zu dem Herrn gebracht wurden. Vor allem denke ich an Graaff-Reinet, Worcester, Robertson, Kapstadt, Stellenbosch und Wellington. Allen jungen Christen an diesen und anderen Orten, von denen uns die Freudenbotschaft einer Neubelebung zugegangen war, wünschte ich etwas von dem Segen mitzuteilen, den der Herr uns zu Tulbagh schenkte.

Das Wachsen in der Gnade ist einer der schwächsten Punkte in dem Leben manches wahren Christen. Zwar denkt er oft daran, er verlangt danach, ja er betet darum, aber es ist, als wolle es ihm nicht glücken. Und diese Tatsache erklärt sich vor allem daraus, dass er nicht weiß, von wem er das Wachsen erwarten und wie er der Zunahme teilhaftig werden kann.

Nichts geht so leicht vor sich als das Wachsen, wenn nur die Bedingungen dazu vorhanden sind.

Sieh nur einmal auf ein Kind! Ohne alle Mühe, ganz von selbst wird es groß. Es ist gesund, hat Speise, um zu essen, atmet die frische Luft ein, spielt und bewegt sich den ganzen Tag, schläft, wenn es müde ist und wächst, ohne dass jemand für sein Wachsen etwas tut. Ein gesundes kräftiges Leben ist die erste Vorbedingung jeglichen Wachstums. Und da kein Leben so gesund und kräftig ist, als das Gnadenleben denn es ist Gottes Leben in uns sollten und müssten eigentlich keine Kinder so gesund und kräftig wachsen, als Gottes Kinder. Ihr Leben ist ja ein Leben, welches mit göttlicher Kraft wächst und zunimmt.

Nun ist es offenbar dringend nötig, dass jeder Christ dies wisse, damit er sich nicht vergeblich abmühe, durch seine eigene Tätigkeit innerlich zu wachsen, vielmehr freudig der Gnade sich anvertraue in der Gewissheit, dass sie sein Wachstum bewirken will. Je mehr er mit dem bekannt wird, was Gnade ist und tun will mit ihrer freien freundlichen Güte, welche niemals nach Würdigkeit fragt, mit ihrer göttlichen Allmacht, welche alles in uns vermag, mit ihrer treuen Ausdauer, welche nicht eher ablassen will, als bis ihr Werk vollbracht ist, desto mehr wird er ihr alles überlassen und durch diesen Glauben wachsen und zunehmen. Die erste Vorbedingung alles Wachstums ist ein gesundes kräftiges Leben. Nur wo sich dieses findet, kann von den anderen Bedingungen die Rede sein. Wir kennen dieselben. Es sind: Speise, Luft, Bewegung und Ruhe.

Das Gnadenleben muss seine Speise haben: das Wort der Gnade und in demselben den Herrn Jesus selbst, das Wort des Lebens.

Es muss seine frische Luft haben. Im Gebet, durch welches es dem Thron der Gnade naht, und durch den Geist der Gnade muss es die reine Luft des Himmels einatmen.

Es muss Bewegung haben. Das Gnadenleben darf nicht untätig bleiben, sondern muss sich in Gehorsam gegen Gottes Willen, in der Arbeit seines Dienstes üben.

Gesundes Leben bedarf weiterhin der Ruhe nicht weniger, als der Bewegung. Das Gnadenleben findet die Kraft zum Wachsen vor allem in dem Frieden und in der Ruhe, welche der Glaube uns gibt, durch welche wir frei von Furcht und Sorge sind.

Rechnet man nun zu diesen Bedingungen noch die Pflicht, abzuwehren, was schaden kann und sich von allem rein zu halten, was der Gesundheit nicht zuträglich ist, so hat man alles, was zum Wachsen nötig ist. Von dem Einen und Andern hoffen wir in unserem Büchlein auf Grund des Wortes Gottes noch näher zu reden.

Die Hauptsache ist und bleibt indessen die Tatsache, dass die Grundursache alles Wachstums ein gesundes und kräftiges Leben ist. So ist denn auch die Grundursache alles geistlichen Wachstums, die Kenntnis des gesunden, kräftigen, göttlichen Lebens, welches die Gnade uns übermittelt hat und selbst in uns erhalten will.

Liebe junge Christen, an deren Herzen ich in den verflossenen Jahren arbeiten durfte, und ihr alle, die ihr in letzter Zeit euren Heiland kennen gelernt habt, ich bringe euch eine herrliche Botschaft: Die Gnade ist weit reicher, als wir geahnt haben. Darum kommt und lernt sie kennen! Geht mit mir zu Gottes Wort, um aus demselben zu entnehmen, was sie für uns tun will!

Entsagt aller Anspannung eigener Kraft, aller Sorge, aller Furcht und allem Zweifel! Und überlasst das Wachstum eures inneren Lebens fröhlich der unendlichen Gnade, welche alles in uns vollbringen will.

Meine Lieben! Ich reiche euch dieses Büchlein mit herzlichem Brudergruß und dem feurigen Gebetswunsch, dass Gott in euch und Seinem Volk Seine Gnade reichlich offenbare!

Andreas Murray.

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 1. Der Gnade Reichtum.

2. Kor. 9, 8.
Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.

Welch eine unerschöpfliche Verheißung! Und doch gibt es Christen, die nicht einmal wissen, dass sie in der Bibel steht! Ja, was noch schlimmer ist, es gibt gar manchen, der es weiß, aber keine Zeit finden kann, um sich einmal einen Augenblick still hin zu setzen und sich an diesem herrlichen Schatz zu erfreuen, welchen sein Gott hier für ihn niedergelegt hat. Es ist, als ob der Heilige Geist nicht Worte genug finden könnte, um es uns deutlich zu machen, dass in der Tat für uns an Gnade kein Mangel sein kann. Dreimal wird das Wort „alle“ und zweimal das Wort „reich“ in diesem einen Vers gebraucht. Die beste Auslegung wird die sein, dass wir den Vers Wort für Wort betrachten und zu erklären suchen. Der Heilige Geist aber, der Geist der Gnade, lege uns selbst den Reichtum dieses Wortes aus!

„Gott kann machen“, welch herrlicher Gedanke! Wenn von der Wirkung der Gnade Gottes auf euch die Rede ist, muss nichts Geringeres als die Allmacht Gottes der Grund und das Maß eurer Erwartungen sein.

„Allerlei Gnade“, nicht etwa bloß etwas, oder ein wenig von Seiner Gnade, sondern allerlei Gnade - ja, alles, was du von Seiner Gnade nur nötig haben kannst, oder zu tragen im Stande bist.

„Dass sie reichlich sei.“ Er gibt also nicht allein genug, um auszukommen, sondern vielmehr in reichlichstem Überfluss.

„Unter euch“, nicht für euch, sondern in der Tat unter euch, in eurer nächsten Nähe und persönlichsten Erfahrung.

„Dass ihr in allen Dingen“, unter allen Umständen, in jedem Zustand, in welchen ein Christ kommen kann, zu jeder Zeit, keinen Augenblick eures Lebens ausgenommen, in welchem die Gnade nicht unter euch reichlich sei.

„Volle Genüge habt,“ ohne Furcht, je in Mangel geraten zu können, je zu kurz zu kommen oder in Zukunft nicht genug zu haben.

„Zu allerlei guten Werken“, nicht dann und wann zu einem einzelnen guten Werk, als zu etwas Besonderem, sondern zu allerlei guten Werken, zu welchen euch Gott ruft, sollt ihr bereit, ja

„Reich sein“, so dass übereinstimmend alle Gnade unter euch reichlich sei und ihr reich seid zu allen guten Werken.

O! Wie selig ist doch solch ein Leben in der Gnade Gottes mit der überströmenden und allmächtigen Gnade als dem Brunnen, aus welchem unser Leben und Wirken quillt. Allerlei Gnade, in allen Dingen, mit vollem Genügen, zu allerlei guten Werken!

Warum aber erfahren wir Christen so wenig davon? Die Antwort des Herrn Jesus ist deutlich: „Um eures Unglaubens willen.“ Der Glaube hält sich an Gottes Macht, wie von Abraham geschrieben steht: „Er ward stark im Glauben, gab Gott die Ehre und wusste aufs allergewisseste, dass, was Gott verheißt, das kann er auch tun.“

Das ist das Geheimnis des Glaubenslebens, das der Machtlose sich auf den Allmächtigen verlässt. Das bringt eine wunderbare Verbindung zwischen den Beiden zu Stande, so dass es bei Beiden wahr wird, dass sie alles vermögen, wie die Schrift sagt: „Bei Gott sind alle Dinge möglich.“ „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“

Nun weiß ich es. Gott kann es vollbringen, und ich, als ein Ohnmächtiger, habe nur auf Ihn zu sehen und Ihm zu vertrauen. Mein Glaube muss sich mit dem Überdenken, der Anbetung und Zueignung des Wortes: „Gott kann es machen“, nähren und stärken. Dem Glauben wird die Erfahrung bestimmt geschenkt. Nun weiß ich auch, warum ich trotz diesem für mich bereiteten Reichtum an Gnade und trotz der Allmacht meines Gottes, welcher dieselbe in mir reichlich mehren möchte, doch in dieser Gnade nicht mehr gewachsen und vorwärts gekommen bin. Ich wusste zu wenig, wie herrlich Gottes Verheißungen waren; und wenn ich sie auch in Gottes Wort las, war ich doch viel zu viel taub mit hörenden Ohren und blind mit sehenden Augen. Ich lebte so sehr in der Einbildung, ich wisse, was Gnade sei, dass es mir an der demütigen, kindlichen Lernbegierde fehlte, welcher allein die Gnade ihre Geheimnisse entdeckt. Gott schenke mir diese Begierde!

Nun will ich danach trachten, das Wort Gottes zu untersuchen und zu vernehmen, was es mir über die Gnade sagt. Von der Gnade muss ich ja als ein Gotteskind alles erhalten. Werde ich mit ihr bekannt, lernte ich mit ihr umgehen, erlange ich ihre Gunst, übergebe ich mich ihr, so dass sie, was sie will, mit mir tun, und was sie vermag, an mir zeigen kann, dann weiß ich bestimmt, dass ich gewisslich ein Christ werde nach dem Sinn Gottes und zur Ehre Christi.

„Wachset in der Gnade!“ Mit diesem Befehl werde ich zu der Gnade selbst gehen und zu ihr sagen, dass ich nichts, sie aber alles tun kann. Und wenn sie dann mit solchen Verheißungen sich mir zuwendet, wie ich sie diesen Morgen gelesen habe, dann will ich dieselben ist meinem Herzen aufnehmen, bewahren und überdenken, bis dass mein Gemüt von ihrer Kraft vollkommen durchdrungen ist. Ja, ich will am Tag hinausgehen und dieses herrliche Wort mir immer wieder vorsagen, bis dass es mit seiner göttlichen Lebenskraft in mir Glauben weckt und der Ausdruck meiner entschiedensten Erwartungen, der Jubelschrei meines sicheren Sieges wird:

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 2. Vermehrte Gnade.

2. Petri 1,2-4.
Gott gebe euch viel Gnade und Frieden durch die Erkenntnis Gottes und Jesu Christi, unseres Herrn! Nachdem allerlei seiner göttlichen Kraft, was zum Leben und göttlichen Wandel dient, uns geschenkt ist durch die Erkenntnis des, der uns berufen hat durch seine Herrlichkeit und Tugend, durch welche uns die teuren und allergrößten Verheißungen geschenkt sind, nämlich dass ihr durch dasselbe teilhaftig werdet, der göttlichen Natur.

„Gott gebe euch viel Gnade!“ Dieser Zuruf steht an dem Anfang des Briefes, welcher mit der Ermahnung endigt:

„Wachset in der Gnade!“ Wenn die Seele weiß, dass die Gnade vermehrt werden soll, bekommt sie Mut und Kraft zum Wachstum. Das rechte Verständnis dieses Wortes Petri trägt zu unserem Wachsen in der Gnade entschieden bei. Es lehrt uns, den Maßstab und das Mittel der Gnadenvermehrung zu erkennen.

Der Maßstab wird uns angegeben in dem Wörtlein „nachdem“. Gott gebe euch viel Gnade, nachdem, in dem Maße wie euch allerlei Seiner göttlichen Kraft geschenkt ist, was zum Leben und göttlichen Wandel dient, in dem gleichen Grade, in dem euch die größten und teuren Verheißungen geschenkt sind. Die Gnade ist der unaussprechlich reiche Schatz, in welchem alles, was zum Leben und zur Gottseligkeit gehört, uns bereits geschenkt ist, darunter auch die teuren Verheißungen, durch welche wir der göttlichen Natur teilhaftig werden. Und nun ist des Apostels Segenswunsch: Gleichwie Gottes Kraft euch dieses alles in Christo geschenkt hat, also, nach diesem Maßstabe und nach keinem geringeren werde euch viele Gnade zu teil!

O lieber Christ! Suche doch zu verstehen, was dein Gott für dich bereit hält! Seine göttliche Kraft hat dir bereits alles geschenkt, was zu einem Leben in Gottseligkeit gehört, auch die teuren Verheißungen, durch welche du der göttlichen Natur teilhaftig wirst. Und nun kommt Sein Wort zu dir mit dieser Belehrung: In demselben Grad, in dem Gott dir dies alles geschenkt hat, soll die Gnade noch vermehrt werden. Lerne darum, deine Erwartungen auf nichts Geringeres zu richten! Lerne, in deinen Gebeten nichts Geringeres zu begehren!

Gottes Kraft hat alles geschenkt. Gottes Gnade will alles übermitteln und innerlich dir zueignen. So reich und überströmend, wie der Gnadenschatz, in welchem alles geschenkt ist, so reich und überströmend ist auch die Gnadenwirkung, welche euch zu diesem Reichtum führen und zum Ergreifen desselben erziehen will. Gleichwie Seine göttliche Kraft alles geschenkt hat, wird auch Seine Gnade in dem vermehrt, der es gläubig erwartet.

Das Mittel aber, durch welches Gnade vermehrt wird, wird uns in diesem Spruch dreimal angegeben. Gott gebe euch viel Gnade „durch die Erkenntnis Gottes und Jesu Christi, unseres Herrn.“ Nachdem allerlei Seiner göttlichen Kraft uns geschenkt ist „durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat“, durch „welche Erkenntnis uns die teuren und allergrößten Verheißungen geschenkt sind.“ Es ist die Erkenntnis Gottes und des Herrn Jesus, durch welche die Gnade gemehrt wird. Jerem. 9,24 (23); Joh. 17,3; Phil. 3,8; Ephes. 4,13; Phil. 1,9.

Es kann ja auch gar nicht anders sein. Gnade ist ja nicht etwas, ein bestimmtes Ding, welches Gott gesondert von Sich selbst geben kann, so wie ich ein Stück einem Armen. Nein, die Gnade ist in Gott und Christus, von ihnen untrennbar. Sie ist das Leben der göttlichen Liebe, welches in Christo dem schuldigen Sünder zugänglich geworden, und kann allein in der lebendigen Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn genossen werden. Darum ist die Erkenntnis des Herrn Jesus und durch Ihn die Erkenntnis des Vaters das sichere Mittel zur Vermehrung der Gnade.

Darum suche den Herrn Jesus recht zu erkennen, lieber Christ! Such ihn in Seinem Wort! Folge ihm auf Seinem Weg nach! Pflege den Gebetsumgang mit Ihm! Rechne auf den Heiligen Geist, dass Er Ihn in dir verkläre, dass Er dich erleuchte, dass Er es dir klar und deutlich mache, was Jesus für dich ist! Dann wirst du es zu sehen bekommen, dass Jesus voll von Gnade ist, nichts als Gnade, und dass alle diese Gnade tatsächlich und ganz gewiss für dich da ist. Diese Erkenntnis wird dein Verlangen wachrufen, dein Herz öffnen, deinen Glauben stärken. Die Gnade aber, welche du in Jesu siehst, wird dir zuströmen. Und dann wirst du in Ihm auch den Vater kennen lernen, als den Gott aller Gnade. Du wirst mit der Herrlichkeit und dem Reichtum Seiner Gnade so bekannt werden, dass sie dich beeinflussen müssen. Du wirst es erfahren, dass die Gnade sich dermaßen nach dem Sünder sehnt, denn sie hat keine Ruhe ohne ihn und ihre einzige Freude an ihm - dass sie sofort bereit ist, von jeder Seele, welche für sie nur empfänglich ist, Besitz zu ergreifen. Ach, dass doch die verkehrten Gedanken, welche wir uns über unseren Gott und den Herrn Jesus machen, verschwinden möchten! Lasst uns sehr um geöffnete Augen beten! Ephes. 1,17. Durch die Erkenntnis Gottes und des Herrn Jesus wird die Gnade sofort vermehrt.

Das Wort Petri ist eine Bitte. Ach, dass wir es zu unserem Gebet machen möchten: Viel Gnade! Mehr Gnade! Vermehrte Gnade!

Das Wort ist zugleich eine Verheißung, eine göttliche Zusage. Darum sprich nicht von Gnadentröpfchen, als ob du dadurch Gott verherrlichst. Vermehrte Gnade, überströmende Gnade, das ist das Wort, in welchem sich das Herz deines Vaters über dich ausspricht. Lies Röm. 5,17,20; 2. Kor. 4,15; 2. Kor. 9,14; Ephes. 1,8; 2,7; 1. Tim. 1,14! Deine Erwartung sei die: In derselben Weise, wie Seine göttliche Kraft alles geschenkt hat, wird auch Seine Gnade vermehrt werden. Ja, Vater, das lass doch jedem, der dieses Büchlein liest, zu Teil werden! Durch die Erkenntnis Deines Wesens und Deiner wunderbaren Liebe und durch die Erkenntnis des Herrn Jesus und Seiner Gnade lass doch Deine Gnade in uns mächtig werden und zunehmen!

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 3. Die Gnade des Herrn Jesus.

2. Kor. 13,13.
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.

Dieser Segenswunsch enthält eine Offenbarung der verborgenen Wirksamkeit der Dreieinigkeit zu unserer Erlösung. Er zeigt uns die Stelle, welche die Gnade in dem Haushalt des dreieinigen Gottes einnimmt.

„Die Liebe Gottes“ heißt es hier. Liebe wird also dem Vater zugeschrieben, denn „Gott ist Liebe“; die Liebe ist das Wesen der Gottheit. Nun verstehen wir unter Liebe das Verlangen, sich selbst mitzuteilen und mit dem Geliebten vereinigt zu werden. Ist darum Gott Liebe, so muss er von Ewigkeit her Einen haben, den Er lieb haben kann, Seinen eingeborenen Sohn. In diesem Sohn ward der Mensch geschaffen und geliebt. In diesem Sohn hatte ihn Gott selbst nach dem Sündenfall noch lieb.

„Die Gnade unseres Herrn Jesu.“ Gnade wird also dem Sohn zugeschrieben. Unter Gnade aber verstehen wir die Tätigkeit der göttlichen Liebe, durch welche sie im Verein mit Seiner Gerechtigkeit den Menschen aus Sünde und Tod erlöst hat. Gottes Gerechtigkeit ist die Glut der göttlichen Liebe. Sie verzehrt alles, was mit der Heiligen Liebe in Streit ist. In der Glut der Liebe schmilzt sie mit dem Geliebten zusammen. Zugleich aber verzehrt sie auch alles, was dieser innigen Vereinigung hindernd im Weg steht. Die verzehrende Glut der Liebe - das ist die Gerechtigkeit. Tatsächlich sind beide ein und dasselbe; dem schwachen Auge des Geschöpfes aber scheinen sie im Streit mit einander zu sein, da ja die Liebe festhält und segnet, die Gerechtigkeit aber abstößt und verzehrt. Dieser scheinbare Streit wird für den sündigen Menschen in der Gnade aufgehoben. Denn Gnade ist die wunderbare Vereinigung von Liebe und Gerechtigkeit, durch welche die Sünde gestraft und der Sünder nicht nur gerechtfertigt, sondern auch gerettet wird. Dass Gott den Sünder seiner Gerechtigkeit nicht zur Bestrafung übergibt, sondern vielmehr einen Weg zu bahnen weiß, auf welchem der Schuldige die verlorene Gerechtigkeit wiederfinden kann, das ist Gnade. Dass Gott willig und bereit ist, Seinen Sohn für diesen Zweck zu opfern, das ist Liebe. Alles, was in Christo liegt und uns geschenkt ist zur Versöhnung, Erlösung und Sünden-Überwindung, das ist Gnade. In Seiner erbarmenden Liebe hat Gott den gefallenen Sünder lieb, allein nur in Seiner Gnade kann diese Liebe den Sünder erreichen, wie es denn auch wiederum nur die Gnade ist, durch welche der Sünder zu wirklicher Gemeinschaft mit der Liebe Gottes zu gelangen vermag.

Dies ist nun der Grund, aus dem die Gnade vor allem dem Herrn Jesus zugeschrieben wird. Die Gnade ist Gottes Gnade. Weil aber der Vater Seine Gnade in Seinen Sohn gesenkt und dieselbe in Ihm uns kund getan, darum sagen wir: „Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi.“

„Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes.“ In der Gottheit ist der Heilige Geist das Band der Gemeinschaft, das Liebesband zwischen Vater und Sohn. In dem Werk der Erlösung hat der Heilige Geist dieselbe Aufgabe: Er ist das Gemeinschaftsband zunächst zwischen dem Herrn Jesus im Himmel und seinem Volk, danach zwischen uns und dem Vater und weiterhin zwischen allen Gläubigen, um sie, die doch eine Gemeinde bilden, auch zu einem Körper zusammen zu fügen.

Nun wissen wir, warum die Gnade unseres Herrn Jesu Christi an erster Stelle steht. Sie ist für den Sünder der Grund und Anfang von allem Anderen. Ist sie doch nicht nur die Gabe, welche des Vaters Liebe reicht, sondern auch der Zugang zu dieser Liebe des Vaters, des Gottes aller Gnade. Sie ist der Brunnen, aus dem die Gemeinschaft des Heiligen Geistes quillt, wie der Heilige Geist, als Geist der Gnade, es ist, durch welchen uns alle Gnade zuströmt.

So drückt denn das eine Wort, „Gnade“ den ganzen Umfang der Tätigkeit aus, welche die göttliche Liebe in der Person Jesu zu unserer Seligkeit entfaltet: zunächst in dem Gnadenratschluss der Erlösung, den der Herr in der Ewigkeit gefasst, danach in der Gnadentat unserer Versöhnung, die er in der Fülle der Zeit vollbracht, und zuletzt in der Berufung, Rechtfertigung und Verklärung des Gläubigen, welche er tagtäglich herbeiführt. Gnade ist daher der ganze Schatz an Segen, Leben und Kraft, welcher uns in Jesus eröffnet und erreichbar ist. Was schlösse die Gnade Gottes nicht alles ein? Das ewige Erbarmen, welches das Herz des Vaters erfüllte, bis dass es endlich in der Sendung des Sohnes überströmend zum Ausdruck kam; den unermesslichen Reichtum und die unermessliche Fülle der Gnade, welche in der erlösenden Liebe des Sohnes euch geschenkt sind; alle die gesegneten Gaben und Wirkungen des Heiligen Geistes, welche ein jeder aus der unzählbaren Schar der Erlösten nicht nur bezeugt, sondern auch zur Darstellung bringt; alles, was teuerwert und selig ist in dem Glauben, der Erfahrung und der Hoffnung des Gläubigen; alles, was unaussprechlich ist in der Erwartung der ewigen Seligkeit, welche alles Denken übersteigt: Dieses alles ist Gnade.

Lieber Christ! Zum Genuss aller dieser Güter will dich der Herr Jesus führen. Er ist die Türe und der Eingang, durch welche du treten musst. Darum trachte vor allem danach, das Wort zu verstehen: „Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit euch.“ Willst du aber dieses Wort verstehen, so lebe in Ihm! „Gnade sei mit Euch“, ruft Er dir zu. Die Gnade will also dein Leben sein; zu allen Zeiten, an jedem Ort, in allen Dingen und zu allen Zwecken will sie, die Gnade Jesu, mit dir sein. nimm dieses Wort mit einem gläubigen Gemüte auf, gib dich ihm völlig hin und gib der Gnade die Gelegenheit, an dir zu tun, was sie vermag: sie wird ein herrliches Werk an dir verrichten. Zu der vollen Erkenntnis des Herrn Jesus wird sie dich führen, durch Ihn wird sie dich zum Verständnis der Liebe des Vaters bringen und so zu der völligen Gemeinschaft des Geistes leiten, welche zwischen Vater und Sohn besteht, zu jener völligen Geistesgemeinschaft, in welcher das Hohepriesterliche Gebet seine Erfüllung findet: „Dass sie alle eins seien, gleichwie Du, Vater, in mir, und ich in Dir, dass auch sie in uns eins seien.“

O lieber Christ! Nimm aus dem Wort, welches wir eben betrachtet haben, den Segen des dreieinigen Gottes: „Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch, Amen,“ mit einem fröhlichen betenden Herzen an und bewahre ihn als deinen kostbarsten Schatz.

Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 4. Der Unterricht der Gnade.

Titus 2,11.
Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und züchtigt (unterweist, belehrt) uns.

Die seligmachende Gnade unterrichtet uns. Sie wirkt nicht auf uns ein, als wären wir unwissend und vernunftlos, mit einer blinden, alles überwältigenden Zauberkraft, die alles mit einem Schlag vollbringt. Nein, sie unterrichtet uns. Wenn sie uns ihren Segen mitteilen will, kommt sie mit der Wahrheit Gottes zu uns und schenkt uns Erleuchtung. Durch die Erleuchtung erregt sie unser Herz in der Absicht, Heilsverlangen zu wecken. Mit diesem Heilsverlangen erregt sie unseren Willen, zu ringen und zu streiten, sodass, wenn Gott tätig ist, unser ganzes Wesen mitarbeiten muss. Mit göttlicher Weisheit und Vorsicht (Ephes. 1,8), mit heiliger Überlegung vollbringt sie ihre Arbeit. Es ist eine göttliche, an Taten reiche Machtwirkung, durch welche sie selig macht, das heißt, die Seligkeit Stück für Stück uns zueignet und übergibt. Und doch geschieht dies vollkommen im Einklang mit den Gesetzen, denen unsere menschliche Natur unterworfen ist. Denn sie macht uns selig durch ihren Unterricht. Willst du darum in der Gnade wachsen und ihre kraftvolle Lebensäußerung aus Erfahrung kennen lernen, so musst du suchen, mit ihr bekannt zu werden, hören, was sie dich lehrt und über das nachdenken, was dir Gott von ihr sagt. Von Gnade zu wissen, ist der sichere Weg, auch Gnade zu empfangen. Wie das Licht an dem ersten Tag geschaffen wurde und alles andere in dem Licht, so ist auch das Licht und die Erleuchtung der Gnade eine der ersten Segnungen des neuen Lebens. Die Gnade macht uns dadurch selig, dass sie uns unterrichtet.

Ich habe mehr als einen Lehrer kennen gelernt, welcher immer klagt, er sage den Kindern, was sie tun müssen, aber sie wollten nicht auf ihn hören. Er wusste nicht, dass dies gerade ein Beweis dafür war, wie wenig geschickt er für seine Arbeit sei. Ein rechter Lehrer ist ein Mann, der den Kindern nicht allein sagt, was sie tun sollen, sondern auch sieht, ob sie es tun, und sie lehrt, wie sie es zu tun haben. Ein solcher Lehrer aber ist die Gnade. In der Zeit des alten Bundes war das Gesetz der Lehrmeister. Gal. 3,24. Aber dieser konnte weiter nichts sagen, als dies: Du sollst und du sollst nicht. Das Gesetz hat niemanden gelehrt, die Gerechtigkeit zu erfüllen. Seit der Zeit des neuen Bundes hat die Gnade die Erziehung der Kinder Gottes in ihrer Hand.

Sie löst ihre Aufgabe, nicht wie das Gesetz es versucht mit Härte und Strenge, sondern mit unbegreiflicher Sanftmut. Und sie lehrt in der Tat, das zu tun, was sie verlangt. Sie sendet in unser Gemüt Strahlen himmlischen Lichtes. Sie erfüllt unser Herz mit himmlischer Freude. Sie stärkt unsere Seele mit himmlischer Kraft und teilt uns wirklich aus ihrem Schatz alles mit, was wir nötig haben.

Und wenn wir nun wissen wollen, wie wir in der Gnade wachsen sollen, so müssen wir einfach an das Denken, was man in jeder guten Schule sehen kann. Wie wenig zerbricht sich doch ein Kind den Kopf über die Fortschritte, welche es machen muss, oder über die Arbeit, welche es im nächsten Jahre zu tun hat. Ale Sorge und allen Summer wälzt es auf den Lehrer. Der muss sagen, was es zu lernen hat. Der muss wissen, ob es vorwärts kommt. Der muss daran denken, ihm über jede Schwierigkeit hinweg zu helfen. Das Kind lernt seine tägliche Aufgabe und überlässt alles andere dem Lehrer.

Welch herrliches Abbild der Art und Weise, wie es in Gottes Gnadenschule gehen muss! Junge und alte Christen beklagen sich so oft, dass sie in der Gnade nicht vorwärts kommen können. Sie wissen, dass es Gnade gibt, allein dieselbe scheint ihnen zu hoch, zu entfernt, ja völlig unzugänglich zu sein. Oftmals quälen sie sich geradezu und geben sich außerordentliche Mühe, zuzunehmen, ohne dass es ihnen glückte. Und warum glückt es ihnen nicht? Sie vergessen, dass sie in der Gnade selbst den allerbesten Lehrer haben, zu dem sie in jedem schwierigen Fall gehen und von dem sie getrost sagen können: „Er führt uns durch alles hindurch.“

„Die seligmachende Gnade unterrichtet uns.“ Lieber junger Christ, behalte dieses Wort! Dein Wachstum und Fortschritt in geistlicher Erkenntnis und Kraft ist der Gnade anvertraut. Sie will dich Tag für Tag unterrichten. Sie will dich in jedem Augenblick leiten und lenken. Sie will über die kleinste Kleinigkeit, wie über das große Ganze deiner Fortschritte in der Gottseligkeit mit unbegreiflicher Treue wachen. Du kannst dich mit unbedingter Gewissheit der Tatsache freuen: Unter ihrer Leitung geht es mit mir bestimmt vorwärts.

Nur zwei Dinge verlangt sie von dir. Das Eine ist, dass du auf sie vertraust und ihr die Ehre gibst. Tu dies, indem du Gott Tag für Tag dafür dankst, dass Er sie dir gegeben hat! Hege und pflege die bestimmte Erwartung, dass sie dich reichlich und mit Überfluss segnen wird! Lass deine Seele sich von aller Unsicherheit zu dem fröhlichen Vertrauen erheben: Ich bin bei der seligmachenden Gnade in der Schule, sie muss dafür sorgen und wird dafür sorgen, dass ich in der Gnade und Erkenntnis des Herrn Jesus wachse.

Das zweite ist, dass du ihr gehorsam bist. Lerne kindlich Tag für Tag deine Aufgabe, jede Aufgabe, die sie dir gibt, auch die kleinste! Gib dir Mühe, ihre Stimme durch Stille und Aufmerksamkeit zu vernehmen! Sie wird dir sagen, ob etwas dem Herrn angenehm oder unangenehm ist. Verschmähe um alles in der Welt ihren Unterricht nicht! Lass dich von ihr unterrichten durch das Wort Gottes, welches sie dir erklärt, durch dein Gewissen, in welchem sie zu dir spricht, durch die Erfahrungen aus der Welt der Vorsehung, welche dir zu Teil werden, durch den Einfluss deines Nächsten auf dich, oder wodurch sie auch sonst noch dich zu belehren sucht! In allem betrage dich so, wie es sich für einen Schüler der Gnade ziemt! Wenn du das tust, kann ihr Unterricht nicht vergeblich sein, wird sie dich tüchtig fördern und zu einem wahrhaft vor Gott gelehrten Mann machen.

Schenkst du ihr dieses Vertrauen und diesen Gehorsam, so hast du nichts zu fürchten. Und wenn du unter ihrer Leitung eine neue Wahrheit in dem Wort Gottes entdeckst, oder eine alte Wahrheit mit neuer Klarheit erkennst, so nimm dies als einen Segen Gottes hin. Bete und erwarte, dass die Gnade durch Herbeiführung eines immer tieferen Verständnisses die Wahrheit in dem Herzen lebendig werden lässt! Und wenn du dies nicht sofort fühlst, bleibe nur treu in dem, was deine Aufgabe als Schüler ist! Gehe immer treuer mit dem Lehrbuch um, welches die Gnade dir in die Hand gab, mit dem Wort der Gnade! Denke an das, was dieses Wort dir sagt, und denke darüber nach! Das ist deine Aufgabe. Gottes Gnade wird dafür sorgen, dass es in dir Licht, Leben und Kraft wird. Sie bewirkt dies in deinem Innersten durch die Übermittlung der Erkenntnis dessen, was Gott will. Durch diese Erkenntnis wird fortwährend die Gnade vermehrt. Zuletzt wirst du sehen, wie du dich ihr ganz und gar übergibst, wie dir ein herrlicher Unterricht erteilt wird, an den du nimmer gedacht, von dem du gar nichts geahnt. Bist du dann fleißig und eifrig, zu lernen, so wird sie dir dazu helfen, in die höheren Klassen zu kommen und über das nachzudenken, was sie über die Kraft des Glaubens, die Seligkeit der Liebe, die Überwindung der Sünde und den Segen lehrt, welcher in alledem für den Nächsten liegt, lauter Dinge, an welche du in deinem Herzen nie gedacht.

Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 5. Die seligmachende Gnade.

Tit. 2, 11-14.
Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen, und züchtigt uns, dass wir sollen verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste, und züchtig, gerecht und gottselig leben in dieser Welt, und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes, Jesu Christi, der sich selbst für uns gegeben hat, auf dass uns erlöste von aller Ungerechtigkeit, und reinigte ihn selbst ein Volk zum Eigentum, das fleißig wäre zu guten Werken. In diesem Worte ist von der Erziehung die Rede, welche die seligmachende Gnade ihren Schülern gibt. Die Gnade nimmt den gottlosen Sünder zwar so an, wie sie ihn findet, aber sie lässt ihn nicht so, wie er ist. Sie gibt ihm eine himmlische Erziehung, denn sie ist von dem Himmel herabgestiegen, um das sind für den Vater im Vaterhaus zu bereiten. Beachtet nun alle, die ihr Gnade empfangen habt und nach mehr Gnade dürstet, welche Punkte es sind, über die sie euch belehren will. Unser Text fast alles in folgenden vier Punkten zusammen: Lebe nicht für die Sünde und Welt, lebe vielmehr dem Willen Gottes gemäß, lebe in der Erwartung der Wiederkunft Jesu und lebe in dem Glauben, dass Er dich Sich selbst zum Eigentum erlöst hat.

Erster Punkt. Wir sollen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste verleugnen. O lieber Christ, verleugne jede Sünde! Dulde keine einzige Sünde - auch nicht die kleinste! Christus ist ja erschienen, dass, gleichwie früher die Sünde geherrscht, von nun an die Gnade das Zepter führe. Darum bringe jede Sünde zur Gnade! Sie wird die Sünde überwinden und töten. Sie ist ja seligmachende Gnade. Sie macht selig, von Sünde los. Was aber von der Sünde gilt, gilt ebenso von den weltlichen Lüsten. O lieber Christ! Verleugne mit der Gottlosigkeit auch alle weltlichen Lüste! Willst du aber ernstlich wissen, was weltliche Lüste sind, die Gnade wird es dir kund tun. Sie wird die himmlische Gesinnung in dir hervorrufen, sie wird dich innerlich erneuen und dir durch die Liebe des Vaters ein feines Gefühl dafür geben, was von dem Geist Gottes stammt, und was aus dem Geist dieser Welt hervorgeht. Matth. 4,1-11; Röm. 12,2; Eph. 5,8,10,17; 1. Joh. 2,15,16. Ein Christ, welcher sich gänzlich der Erziehung der Gnade überlässt, kann vieles sehen und schmecken, wovon ein anderer nichts weiß.

Die zweite Aufgabe ist die, dass wir züchtig, gerecht und gottselig leben sollen in dieser Welt. Darum lebe züchtig und mäßig, lieber Christ! Trachte nicht danach, so viel zu besitzen und zu genießen, als dir nur irgendwie möglich ist! Frage dich nicht stets: Was ist mir erlaubt? Selbst das Erlaubte kann dir sehr gefährlich werden. Lebe vielmehr züchtig und mäßig, ruft dir die Gnade zu, und zwar nicht nur leiblich im Essen, im Trinken und in der Kleidung; nein, lebe auch züchtig und mäßig im Besitz und Gebrauch alles dessen, was Gott dir gibt, selbst im Gebrauch geistiger Gaben, in dem Genuss, welchen Freundschaft mit sich bringt und Glück zu bieten vermag. Röm. 12,3; 2. Kor. 10,13-14; Matth. 10,37-39; 16,24; Luk. 21,34; 1. Kor. 7,29-31; 1. Tim. 6,6-9. Wer auf der Reise an seinem Weg zu viele Blumen pflücken will, kommt nicht recht vorwärts. Ein schwer beladener Soldat ist nicht zum Kampf geschickt. 1. Kor. 9,25; 2. Tim. 2,4.

Die Gnade aber lehrt, dass ein Herz, welches von ihr voll geworden ist, alles fahren lassen kann, und dass dieses Herz, wenn es ihr kindlich folgt, auch lernt, worauf es verzichten muss.

Und weiterhin, lieber Christ, lebe gerecht! Trachte nach Gerechtigkeit in dem Umgang mit deinem Nächsten! Dein Wort sei lauter und rein wie Gold; deine Losung: „Lieber sterben, als einen andern widerrechtlich benachteiligen!“ deine Richtschnur das königliche Gesetz der Gnade: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Handle so, wie Gott selbst handelt! Bei Ihm ist keine Ungerechtigkeit. Die Gerechtigkeit aber ist ein Erkennungszeichen der Kinder Gottes. 1. Joh. 3,7,10.

Zum dritten, lieber Christ, lebe gottselig! Bei dieser Mahnung hat der Herr die Gesinnung im Auge, welche du Gott gegenüber haben musst. Und diese Gesinnung kannst du bei der Gnade lernen. Je mehr Gnade du in dich aufnimmst, desto mehr zarte, ehrerbietige Gottesfurcht strömt dir zu, welche als eine Gabe aus der Höhe der köstlichste Schmuck des Begnadigten ist; das Zeichen davon, dass der Unendliche in dem Innersten seines Kindes eingekehrt und dass demselben diese Einkehr des Unendlichen zum Bewusstsein gekommen ist.

Die dritte Aufgabe ist die, dass wir auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi warten sollen. Darum lebe in der Hoffnung, lieber Christ, dem Herrn Jesu noch zu begegnen! Jede Schule hat ein Endexamen. Ist dasselbe bestanden, so ist die Zeit des Unterrichts vorbei. Auf dieses ermutigende Ziel weist darum jeder Lehrer gern hin. Nicht anders die Gnade. Die seligmachende Gnade verweist auch auf ein vor uns liegendes Ziel, auf den Heiland, auf die selige Hoffnung, Ihn zu sehen und bei Ihm zu sein. Die Gnade ist bereits erschienen. Die Herrlichkeit aber wird erst noch erscheinen. Gnade und Herrlichkeit sind beide in Jesu allein. Ein Unterschied aber besteht. So lange wir unter der Gnade stehen, sehen wir alles wie durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, sobald aber die Herrlichkeit erscheint, sehen wir Ihn von Angesicht zu Angesicht und sind wir Ihm gleich. Darum sagt auch die Gnade: Erwarte den Herrn Jesus!

Die vierte Aufgabe behandelt das Thema, dass Jesus Christus Sich selbst für uns dahin gegeben, auf dass Er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte Ihm selbst ein Volk zum Eigentum, das fleißig wäre zu guten Werken. Darum lebe, lieber Christ, in dem Glauben an den, der sich für dich dahingegeben hat. Gal. 2,20; 2. Kor. 5,15. In Ihm hast du, worauf dein Vertrauen sich gründet, was dir die Gewissheit gibt, erlöst zu sein, und was dir die Kraft zur Heiligung verleiht. Er ist der Brunnen, aus dem deine Liebe quillt, die Richtschnur deines ganzen Lebens. Das ist und bleibt der Hauptpunkt in dem Unterricht der Gnade: Er gab Sich für dich hin, um dich für Sich zu besitzen, Er erlöste dich und andere von aller Ungerechtigkeit, damit ihr ein Ihm gehörendes Heiliges Volk würdet.

Was sind das für herrliche und wichtige Aufgaben! Lasst uns freudig darauf rechnen, dass die Gnade uns durch ihren seligmachenden Unterricht zu einem gründlichen Verständnis dieser himmlischen Wahrheiten führen wird! Glücklich ist der Christ, der sich von Herzen von der Gnade unterrichten lässt! Sie unterrichtet uns nicht das durch, dass sie uns sagt, was wir sein sollen - das tat ja das Gesetz, ohne dass wir es gelernt hätten. Nein, die Gnade lehrt uns wirklich, zu sein, was wir sein sollen, denn sie wirkt selbst in dem willigen Schüler, was sie verlangt. Sie öffnet die Lebensschätze himmlischer Kräfte, welche in Jesu liegen, und teilt durch ihren Unterricht aus dem Heiligtum mit, was ihr anvertraut ward. O wie reich bist du, himmlische Gnade! Wie glücklich ist der Mann, den du unterrichtest! Wer sollte sich dir nicht anvertrauen wollen? Muss doch der Einfältigste Mut schöpfen, wenn er weiß, dass seine Ausbildung in deiner Hand liegt.

Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 6. Das Wort der Gnade.

Der Herr bekannte sich zu dem Wort Seiner Gnade. Dass ich vollende das Amt, das ich empfangen habe von dem Herrn Jesus, zu bezeugen das Evangelium von der Gnade Gottes. Apostelgesch. 20,24.
Ich befehle Euch Gott und dem Worte Seiner Gnade. Apostelgesch. 20, 32.

Willst du wachsen und zunehmen, so kannst du gesunde Speise nicht entbehren. Ein Christ aber hat seine Speise in dem teuren Wort Gottes, feste Speise für die, welche stark sind, und vernünftige unverfälschte Milch für neugeborene Kindlein, welche durch dieselbe zunehmen sollen. 1. Petri 2,2. Gottes Wort wird mit Recht das Wort Seiner Gnade genannt. Will ich in der Gnade wachsen und stark werden, will ich, dass die Gnade sich in mir mehre und zunehme, so brauche ich mich nur an das Wort der Gnade zu halten. Und denke ich nur einen Augenblick darüber nach, weshalb es so genannt wird, so weiß ich auf einen Schlag, wie ich es anwenden muss.

In dem Wort Gottes wird die Gnade geoffenbart und kund gemacht. Alle Geheimnisse der ewigen Gnade Gottes, alle Segensschätze, welche die Gnade für mich bereit hält, die Fülle und den Reichtum der Gnade, welche in dem Herrn Jesus liegen, - dies alles kann ich nur aus dem Wort Gottes kennen. Dieses alles wird einem jeden bekannt, welcher dieses Wort in Treu und Glauben benutzt. Vom Anfang bis zum Ende offenbart die Heilige Schrift die verborgene Gnade Gottes.

Mehr noch! Gottes Wort ist voll von Gnade. Seine Aussprüche sind gnädige Worte. Der Geist der Gnade hat sie eingegeben und ausgesprochen, ja er lebt in ihnen. Sie gehören zu den herrlichsten Gaben, welche die Gnade verleiht. Aus diesem Grunde erschließen sie sich aber auch nur der Seele, die sich Gnade zu suchen naht. Einem rein verstandesmäßigen Denken, einem selbstgerechten Ringen und Streben und einer seufzenden Mutlosigkeit sind und bleiben die Aussprüche der Heiligen Schrift unverständlich. Die Seele aber, welche nach Gnade hungert und auf Gnade hofft, kann in ihnen die Gnade schmecken, süßer als Honig und Honigseim. Gottes Wort ist die Wohnung der Gnade. Wer sie da sucht, findet sie ganz gewiss.

Weiterhin wird Gottes Wort von der Gnade benutzt. Die Gnade besitzt kein Mittel, welches geeigneter dazu wäre, sich selbst mitzuteilen, als Gottes Wort. Es ist wunderbar, welch' ein Strom von Gnade einer einzelnen Verheißung, ja bisweilen einem einzelnen Wort entströmen kann. Darum muss ich mich nur daran gewöhnen, die beiden Worte: „Wort Gottes“ und „Gnade“ stets in einem Gedanken zu verbinden, so oft ich das Wort Gottes in die Hand nehme, mich in den Unterricht und unter den Einfluss der Gnade zu begeben, dann wird der Segen des Herrn nicht ausbleiben. Gottes Wort ist das Lehrbuch, mit dem uns die seligmachende Gnade unterrichtet. Setze ich mich mit ihm zu den Füßen der Gnade, so lerne ich ganz gewiss. Ach, dass uns Gott lehren möchte, so an die Gnade zu glauben und in der Gnade zu leben, dass wir das Wort Gottes gar nicht aufschlagen können, ohne zugleich den fröhlichen Gedanken zu haben: Ich kann auf dies Eine rechnen, dass die Gnade, die ewige allmächtige Gnade Gottes mich in dem Wort der Gnade unterrichtet.

Auf diese Weise dringt die Gnade durch Gottes Wort in unser Herz. Sie muss uns ja zuströmen, in unserem Herzen überströmen und sichtbar werden. Dies alles geschieht durch Gottes Wort. Lies nur einmal, was die Heilige Schrift über die Wirkung dieses Portes sagt: Joh. 8,31-32; 17,17; Röm. 1,16; 1. Thess. 2,13; 1. Petr. 1,22-23.

Gottes Wort spricht darum nicht nur von Gnade, nein, es übermittelt auch Gnade. Es ist nicht allein gnadenreich, sondern macht uns auch reich an Gnade. Es wird nicht nur von der Gnade dazu benutzt, um uns mit der Gnade Jesu bekannt zu machen, sondern verpflanzt auch diese Gnade in unser Herz. Wie die Speise, welche ich zu mir nehme, in mein Fleisch und Blut übergeht und meine Lebenskraft wird, so ist das Wort der Gnade das himmlische Nahrungsmittel, durch welches das Gnadenleben erstarkt. Der Mann, welcher das Wort Gottes wirklich in seine Seele aufnimmt, über das Wort Gottes eifrig nachdenkt, seinen Vorschriften gemäß redet und betet, und überhaupt in ihm lebt, wird in der Gnade stark werden; denn Gottes Wort ist das Wort der Gnade.

Ihr jungen Christen, kommt und hört zu! Ich will euch etwas sehr Wichtiges erklären. Mancher von euch klagt, es sei so schwer für ihn, das Wort Gottes zu verstehen, oft sei ihm Gottes Wort im Kämmerlein zu lesen eine Last und keine Lust. Ihr findet nicht die Freude und erlangt nicht den Segen, den euch eine menschliche Erklärung des Wortes Gottes verschafft, wenn ihr mit diesem Wort allein seid. Es wäre euch lieb, zu erfahren, wodurch dies anders werden kann.

Ich kann es euch sagen. Nehmt Gottes Wort als das Wort der Gnade zur Hand! Das heißt: Bedenkt und glaubt, dass es die ewige, unaussprechlich liebevolle Gnade Gottes ist, die dieses Wort ausgesprochen, die in diesem Worte wohnt, die tatsächlich auf den Augenblick wartet, an dem sie es euch kund tun und seinen Segen euch mitteilen kann. Glaubt dies ganz gewiss! Und wenn sich in euch die Frage erhebt: Warum geht es mit ihrem Unterricht so langsam? Dann merkt euch, dass sie sich mit großer Geduld eurer Schwäche anpasst. Sie würde euch gern gleich alles auf einmal lehren. Allein, als gute Lehrmeisterin, darf sie dies nicht tun. Sie kann und darf euch stets nur so viel geben, als euer Gemüt in herzlichem Verlangen und Glauben aufzunehmen vermag. So viel aber, wie ihr aufzunehmen im Stande seid, wird sie euch mit göttlicher Kraft übermitteln. Darum nehmt das Wort Gottes mit einer kindlichen und freudigen Zuversicht zur Hand! Ist es doch voll von lieblicher lebendiger Gnadenkraft. Über diese Tatsache freut euch, auch wenn ihr einmal nehmt besonderen Segen bei der Betrachtung des göttlichen Wortes erhaltet. Ihr habt in ihm einen unerschöpflichen Gnadenschatz. Das glaubt jeden Tag aufs Neue! Das nehmet immer wieder mit ganzem Herzen an! Dafür dankt dem Herrn, eurem Gott! Wenn ihr das tut, werdet ihr es gar bald aus Erfahrung wissen: Gottes Wort ist das Wort der Gnade. Der Mann, welcher dieses Wort in sein Herz aufnimmt, wird auch an Gnade reich.

Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 7. Der Gnadenthron.

Hebräer 4,14 u. 16. Dieweil wir denn einen großen Hohenpriester haben, lasset uns mit Freudigkeit hinzutreten zu den Gnadenstuhl, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden auf die Zeit, wenn uns Hilfe not sein wird.

Zum Wachstum eines Menschen ist frische Luft nicht weniger nötig als gesunde Speise. Für einen Kranken oder Schwachen haben die Ärzte oftmals keinen besseren Rat, als den, ihn in das Hochgebirge zu senden, damit er durch die reine Luft, welche dort weht, gekräftigt werde. Nimmt doch die Esslust daselbst zu und werden doch die Kräfte daselbst herrlich erneut. Nicht anders, wenn ein Christ die Höhen des Gebetslebens erklimmt und die reine frische Luft der Ewigkeit einatmet, welche der geistliche Lebensodem ist. Dann wird sein Wachstum in der Gnade kräftig und gesund. Das Gebet ist ein unentbehrlicher Teil des Gnadenlebens. Aus diesem Grund heißt der Thron Gottes der Gnadenthron.

Der Thron ist der Sitz eines Königs, der Mittelpunkt seines Königreichs, der Gegenstand, an dem man erkennen kann, was ein König ist und welche Bedeutung sein Königreich hat. Dementsprechend ist der Thron Gottes „hoch und erhaben“, Jes. 6; der Mittelpunkt des Reiches der Herrlichkeit, alle göttlichen Kräfte, durch welche das All erhalten und regiert wird, strömen unaufhörlich von ihm aus, alle Majestät des Königs aller Könige wird an ihm, ihrem Brennpunkt, kund; darum heißt es von diesem Thron, dass er ein Thron seiner Heiligkeit ist und ein Thron seiner Herrlichkeit. Psalm 67,9; Matth. 25,31. „Sein Stuhl war eitel Feuerflammen, sagt Daniel, und desselben Räder brannten mit Feuer.“

Seit dem Augenblick aber, in dem sich der Herr Jesus auf diesem Thron niedergelassen, hat derselbe einen neuen Namen: Der Gnadenthron. Weil mit der Himmelfahrt des Heilandes Gottes Gnade zur vollen Herrschaft über die Sünde gelangt und Gottes Sohn durch seinen Vater mit schrankenloser Macht über alles, was im Himmel und auf Erden, als priesterlicher König auf den Thron erhoben worden ist, um seine Gnadenfülle auszuteilen, darum trägt der Thron Gottes diesen gesegneten Namen: Der Gnadenthron. Gott will, dass seine Kinder keinen anderen Gedanken über ihn, seine Herrlichkeit und seine Regierung haben sollen, als den, dass alles in ihm Gnade und nichts als Gnade ist, und dass sie in dem Vertrauen ihm nahen sollen. Wie denn geschrieben steht: Dieweil wir einen solchen Hohenpriester (auf dem Thron) haben, lasst uns mit Freudigkeit hinzutreten (in unseren Gebeten).

„Auf dass wir Barmherzigkeit und Gnade finden.“ Barmherzigkeit ist die Gesinnung, welche sich über die Elenden erbarmt, Gnade ist die Gabe, welche diese Barmherzigkeit schenkt. Aus diesem Grunde konnte David beten: „Sei mir gnädig nach deiner großen Barmherzigkeit!“ Weil Jesus der Hohepriester ist, welcher Mitleid mit uns hat, erlangen wir Barmherzigkeit, und weil er der Priester auf dem Throne ist, finden wir Gnade.

„Auf die Zeit, wenn uns Hilfe not sein wird.“ Es ist eins von den Gesetzen über die Austeilung der Gnade, dass sie nicht im Voraus geschenkt wird und dass sie nicht aufbewahrt werden kann. Gnade muss vielmehr von Augenblick zu Augenblick frisch empfangen und dann sofort in Gebrauch genommen werden. Gott hilft zu der Zeit, in welcher uns Hilfe not ist. Er kommt weder einen Augenblick zu früh noch einen Augenblick zu spät. Gnade kommt stets im rechten Augenblick. In der Zeit, in der es not ist, das heißt in der Stunde, in der es darauf ankommt, finden wir Gnade.

Gnade ist also zu finden. Es ist ein Ort von Gott bestimmt, an dem die Gnade ganz gewiss zu finden ist. Dieser Ort, welcher unmittelbar unter Gottes Augen und in dem nächsten Bereich seiner Allmacht liegt, ist Gottes Thron. Und dieser Thron mit all seiner Macht und Herrlichkeit ist nicht nur gänzlich von der Gnade eingenommen, sondern auch völlig ihrer Offenbarung dienstbar gemacht. Was aber das Wunderbarste ist, dieser Ort liegt dem Herrn unserem Gott ebenso nahe, als dem Menschen. Seit der Vorhang zerrissen, das Reich Gottes auf diese Erde herabgekommen und das Leben des Menschen in Christo zu Gott erhoben worden ist, kann ein Gotteskind stets in der Nähe des Gnadenthrons leben und mit der Gnade betend in Gemeinschaft treten, so lange es lebt.

Lieber Christ! Willst du in der Gnade wachsen, so musst du in der Nähe des Gnadenthrones leben. Du musst Zeit finden, absichtlich in die Einsamkeit zu gehen und mit dem Herrn Jesus in Verkehr zu treten, der die Gnade austeilt. Bei dem Gnadenthron wirst du Ihn und in Ihm die Gnade finden. Dann kannst du das Leben, welches du nun einmal in der Welt führen musst, der sicheren Bewahrung der Gnade anvertrauen. Sie wird dich behüten, auch wenn du nicht beten kannst. Sie wird dich auf der andern Seite lehren, auch dann zu beten, wenn du mitten in deiner Arbeit bist. Durch sie wirst du verstehen lernen, dass der Gnadenthron nicht an einen besonderen Ort fest gebunden; sondern überall zu finden ist, als das Band der Geistesgemeinschaft mit Ihm. Sie wird dich auch einsehen lassen, dass die unaufhörliche Gebetsstimmung gerade es ist, welche in unserem Leben uns Anlass und Luft gibt, zu einem absichtlichen besonderen Gebet überzugehen und in demselben anzuhalten.

Lieber Christ! In deinem Kämmerlein und auf deinen Knien musst du aus der Fülle Jesu Gnade um Gnade nehmen. Und sollte es dir jemals schwer werden, dies zu tun, weil du dich so leer und kalt fühlst, o denke dann nur daran: Zu dem Gnadenthron brauchst du ja gar nichts, als dein Elend zu bringen. An dem Gnadenthron erwartet dich göttliche Barmherzigkeit und überströmender Gnadenreichtum. O blicke nur auf Jesum hin, auf Sein zartes Erbarmen und Seine unverdiente freie Gnade! Tritt freimütig vor Ihn hin! Du wirst Barmherzigkeit und Gnade finden. Dein Gebet ist eine Arbeit, welche nicht unbelohnt bleibt, eine Arbeit, welche du oft gerade dann am besten vollbringst, wenn du dich schwach und arm fühlst. Es ist der Zutritt zu dem Gnadenthron, die Gemeinschaft mit der Gnade selbst. Wer betend vor dem Gnadenthrone steht, nimmt sicher in der Gnade zu.

Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 8. Gnade zur Arbeit.

1. Kor. 15,10.
Aber von Gottes Gnade bin ich, das ich bin, und Seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet, denn sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.

Wer wachsen und zunehmen will, hat nicht allein gesunde Speise und frische Luft nötig, sondern vor allem auch Bewegung und Tätigkeit. Nur durch Tätigkeit wird unsere Kraft entwickelt. Wer größere Kraft besitzen möchte, muss in der Anwendung der geringeren, die er bereits hat, treu sein. Das gilt in dem Bereich der Gnade, wie in dem der Natur. Gedankenkraft nimmt ebenso, wie Naturkraft, durch ihre Anwendung zu. Das war mit Paulus der Fall. In dem herrlichen Wort der Überschrift unseres Abschnittes verbindet er Gnade und Arbeit und gibt er uns die doppelte Lehre: Gott verleiht keine Gnade, denn nur zur Arbeit, und verlangt keine Arbeit, denn nur durch die Gnade.

Gott verleiht keine Gnade, denn nur zur Arbeit. Der Gedanke, zur Arbeit zu drängen, beseelt Ihn, so oft Er Gnade verleiht. Ganz anders mancher Christ! Gar mancher Christ denkt nicht an Arbeit, wenn er Gnade begehrt. Er betet ernstlich um Gnade und wundert sich, dass er so wenig empfängt. Gott sieht eben, dass er dieselbe nur zu seinem eigenen Nutzen und nicht zum Dienst Gottes, nur zu seinem eigenen Trost und Glück und nicht zur Arbeit für Gottes Ehre begehrt. Darum gibt Er ihm nicht mehr. Ein junger Christ dagegen, welcher die Gnade, die er bereits besitzt, in dem Dienst des Herrn anwendet, sieht, dass er mehr nötig hat, bekommt Lust, mehr zu arbeiten, und wird auch noch mehr empfangen. Es gibt kein Wort, welches dem Herrn unserem Gott mehr zur Ehre gereicht als das von Paulus: „Seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet, denn sie alle.“ Gottes ewige Gnade ist ja keine träge Rührung oder schlaffe Gemütsbewegung, sondern eine in uns wirkende Kraft. Wenn sie in das Herz des Gläubigen hinabsteigt, ändert sie ihre Art nicht, wird sie nicht selbstsüchtig oder träge. Im Gegenteil! Gleichwie sie in Christo, dem erstgeborenen Sohn, lebt, will sie in allen Kindern Gottes leben, wirken und leiden, um Seelen zu retten und Gott zu verherrlichen. Ein Gotteskind, welches dieses Gesetz nicht versteht, oder demselben nicht nachkommt, hindert die Gnade bei ihrem Wirken und leidet dadurch Schaden. Die Gnade kann in ihm nicht zunehmen. Es kann nicht in der Gnade wachsen. Das bedenke, junger Christ! Arbeite für Jesus! Seine Gnade drängt dich dazu.

Wenn du nun an deine Arbeit denkst, fürchte dich dann doch ja nicht, weil du schwach bist! Es ist Gnade genug da zu jeder Arbeit. Gott verlangt überhaupt keine Arbeit von dir, denn nur durch Gnade. Darum nimm dir die Zeit, dir diesen Gedanken anzueignen! Dieselbe wunderbare, liebevolle und allmächtige Gnade, welche dich lebendig gemacht hat und dich bewahren muss, wird sich auch stärken: „Du wirst nicht streiten, der Herr wird für dich streiten.“ Diese Tatsache wird mehr und mehr die Erfahrung deines Glaubens. Wie du dich darum der Gnade im Glauben hingegeben hast zur Seligkeit, so gib dich ihr auch voll Vertrauen hin zur Arbeit! Und dann arbeite, denn es ist Gott, welcher in dir wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen. Wenn du dich so verhältst, wirst du auf wunderbare Weise verstehen lernen, warum gerade der Christ, welcher am meisten leistet, von sich selbst die geringste Meinung hat. Er sieht ja, dass Gnade alles ist und er selbst nichts.

Daher die herrliche Demut des Paulus. Mit demselben Atem sagt er: „Ich habe mehr gearbeitet, denn sie alle,“ und „nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir gewesen ist; durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ Gar viele Christen meinen, Gott dürfe ihnen nicht zu viel Gnade zur Arbeit in seinem Dienst verleihen, weil sie sonst nicht demütig bleiben könnten. Das mag für die mehr äußerlichen Gnadengaben zutreffen (1. Kor. 13,1-3), die inneren Gnadenwirkungen Gottes aber tragen einen solchen Beweis ihrer göttlichen Herkunft in sich, dass unsere Seele, je stärker sie auftreten, um so mehr erniedrigt wird. Auch folgt aus dem Worte „die Gnade Gottes in mir“ von selbst das andere: „nicht ich.“ Gnade alles, ich nichts.

O lieber Christ! Die seligmachende Gnade lehrt uns, dass Christus uns erlöst hat, um uns für sich selbst zu reinigen zu einem Volk des Eigentums, welches zu guten Werken fleißig wäre. Ach, dass doch alle Christen, welche irgend ein Werk im Dienst des Herrn zu verrichten haben, dass doch alle Eltern, Lehrer, Kirchenratsmitglieder, Prediger und Gemeindemitglieder, welche arbeiten oder arbeiten wollen, es erkennen möchten, dass Gottes Gnade ebenso vollkommen, wie sie die Vergebung unserer Sünden oder die Erneuerung unseres Herzens als ihre Aufgabe ansieht, es als ihre Pflicht betrachtet, die Arbeit des Christen in ihm und für ihn zu vollbringen. Phil. 2,13; Kol. 1, 29; 2. Thess. 1,11 u. 12. Joh. 15,4. Gottes Gnade will in der Tat alle Verantwortlichkeit, welche unsere Arbeit mit sich bringt, auf sich nehmen und uns bei der schwersten Arbeit geben, dass wir in ihr unsere Ruhe finden. Darum gib dich auch in diesem Punkt vertrauensvoll der Gnade hin! Sage nicht: „Ich weiß nicht, was ich zu tun habe.“ Nein, sei überzeugt: „Die Gnade wird es dich schon lehren, wenn du ihr nur kindlich vertraust.“ Sage nicht: „Ich bin nicht tüchtig genug dazu.“ Die Gnade wird dir mit der Arbeitsanweisung ganz gewiss auch die nötige Kraft schenken. Sie kennt dich und geht gar zart mit dir um. Nur Eines verlangt sie von dir, dass du als ein einfältiges, kleines, schwaches und unwissendes Kind dich ihrer göttlichen Leitung übergibst.

Willst du das nicht tun? Sieh nur, was Gnade ist: Gottes unendliche Liebe, welche sich in Christo dir mitteilt als eine göttliche Lebenskraft. Sieh den Herrn Jesum an, in welchem alle Gnade dir nahe gerückt ist! Lass alle Furcht und alles Misstrauen fahren und glaube, dass Gnade dich zu deiner Arbeit bereiten und tüchtig machen kann, auch wenn du von derselben heute noch gar nichts verstehst. Gib dich ihr nur entschieden und ohne Unterbrechung hin als ein Werkzeug, welches von ihr gebraucht werden soll! Und sage beim Blick in die Zukunft, was Paulus im Rückblick bekennt: Durch Gottes Gnade werde ich, was ich sein soll, werden; Seine Gnade in mir ist nicht vergeblich. Doch nicht ich bin es, dem die Ehre gebührt, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.

Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 9. Der Geist der Gnade.

Der Geist der Gnade.
Sach. 12,10; Hebr. 10,29.

Mit diesem Namen wird der Heilige Geist, unser gesegneter Tröster, von dem Gott aller Gnade bezeichnet. Unsere Erkenntnis der herrlichen, seligmachenden Gnade Gottes bleibt so lange völlig unzureichend, als wir den Heiligen Geist nicht als den Geist der Gnade kennen. Der Heilige Geist aber heißt so, weil Er selbst die köstlichste Gabe der Gnade ist. Die große Gnadenabsicht der ewigen Liebe Gottes war ja, den Menschen zur vollen Vereinigung mit dem Herrn, seinem Gott und zur Gemeinschaft Seines seligen Lebens zu bringen. Deswegen wurde das Wort Fleisch. Deswegen wohnte der Herr unser Heiland unter uns voller Gnade. Sobald Er Sein Werk auf Erden vollbracht, Sich auf dem Gnadenthron niedergelassen und die Herrschaft der Gnade auf dem Thron des Himmels durchgesetzt hatte, wurde deswegen sofort der Heilige Geist als die erste alles umfassende Gabe der neuen Gnadenausteilung gesandt; Er ist der Geist, der Mittelpunkt und die Lebenskraft aller Fülle himmlischer Gnade, welche in Jesu liegt.

Weiter führte Er den Namen des Geistes der Gnade, weil er es ist, der die Gnade in uns zu offenbaren, sie uns mitzuteilen und in uns stark zu machen hat. Dazu ist Er ganz besonders geschickt. Er ist der Geist des Vaters. Als solcher erforscht Er alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit. Wir aber haben den Geist aus Gott empfangen, dass wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist. 1. Kor. 2,12. Er, der in Gott war, weiß alle Geheimnisse des ewigen Gnadenrates. Sobald er in uns Wohnung gemacht, teilt Er sie uns mit.

Er ist der Geist des Sohnes. Er war in demselben, als Dieser voller Gnaden auf Erden erschien. Er war in Ihm, als er am Kreuz hing. Hebr. 9, 14. Er war in Ihm am Tag der Auferstehung. Röm. 1,4. Darum kann Er uns in alle Geheimnisse dieses Lebens, dieser Leiden und dieses Sieges einführen. Auch war Er es, der von dem Vater in neuer Kraft ausging und dem erhöhten Menschensohn zur Ausgießung auf uns zuströmte. Apostelgesch. 2,33. So ist Er uns der göttliche Gewährsmann aus dem Himmel, welcher uns die Herrlichkeit des Herrn Jesu auf dem Thron des Reiches der Herrlichkeit bezeugt. Aus diesem Grunde sagte auch Jesus: Er wird mich verklären; aus dem Meinen wird er es nehmen und euch verkündigen.

So ist es denn dieser Geist der Gnade, durch welchen die seligmachende Gnade, welche in Christo erschienen ist, und die in dieser Gnade geoffenbarte Liebe Gottes in uns lebendig und unser Eigentum werden. Der ganze Reichtum des göttlichen Gnadenschatzes würde nur aus leeren, nichtigen Worten bestehen, wenn ihn der Heilige Geist nicht zur Kraft und Wahrheit erhöhe. Bei allen Segnungen gibt Er uns das Wesentlichste: dass wir dieselben überhaupt anzunehmen vermögen. Die Berufung (Röm. 8,30) sowohl, wie die Rechtfertigung (1. Kor. 6,11), die Heiligung (Röm. 1,4) sowohl wie die Verklärung (2. Kor. 3,18), die mehr gewöhnlichen Geistesgaben (Gal. 5,22) ebensowohl, wie die mehr besonderen (1. Kor. 12,4-11), sie sind alle ohne Ausnahme Wirkungen desselben Geistes, welcher einem Jeglichen so viel mitteilt, wie Er will.

Ebenso ist Er es, der in jedes der Gnadenmittel die wesentliche Gnadenkraft legt. In dem Worte der Gnade werden uns die Gnadenschätze angeboten, der Geist der Gnade aber ist es, der dieses Wort eingegeben hat und in diesem Wort wohnt, der, wenn Er in uns Wohnung gemacht, uns dasselbe innerlich zueignet. Infolgedessen wirkt es in uns als ein lebendiges Wort. Und wenn ich vor dem Thron der Gnade die Hochlandsluft der Ewigkeit betend einatmen kann, so liegt dies daran, dass der Heilige Geist der Geist der Gnade und der Geist der Gebete ist. Der Geist ist der Atem Gottes. Wie der Mensch nicht nur ein-, sondern auch ausatmet, also auch Gott. Atmet Gott Seinen Geist über Seine Kinder aus, so kommt derselbe zu ihnen aus der Herrlichkeit der Gnade Gottes, und zwar mit dieser Herrlichkeit beladen. Und atmet der Herr wieder ein, so schwingt sich der Geist mit allen Wünschen, ja selbst mit allen unaussprechlichen Seufzern, welche in dem Herzen der Gläubigen waren, wieder zu Gott empor, Ihm diese Wünsche und Seufzer an das Herz zu legen. Tritt aber der Gläubige betend in diese Gemeinschaft des Geistes mit Gott und atmet er diesen Geist von Gott ein, dann bringt der lebendige Geist der Gnade ihm die Gnade hernieder als eine lebendige Wirklichkeit. Was Gott aus Seiner ewigen Gnade über den Christen ausatmet, atmet dieser ein. Jeder Atemzug ist Gnade. Ja, der Heilige Geist ist die Gnade Gottes und des Herrn Jesus.

O, wenn es etwas gibt, um das wir, während wir über die Gnade nachdenken und reden, mit feurigem Verlangen beten müssen, so ist es dies, dass der Heilige Geist uns die Augen öffnen möge, den Reichtum an Gnade zu sehen, und uns so stark im Glauben mache, ihre Fülle zu empfangen. Gerade für die Gläubigen, an welche Paulus über die Herrlichkeit, den Reichtum, die Überschwänglichkeit, die außerordentliche und unermessliche Fülle der Gnade schreibt (Epheser 1,6.7.8; 2,7.3.8), gerade für diese Gläubigen betet er (1,17; 3,16.), dass Gott ihnen den Geist der Weisheit und der Offenbarung zur Erkenntnis des Herrn Jesu gebe, damit sie begreifen möchten, wie groß der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes in den Heiligen ist, nämlich der Reichtum an Gnadenherrlichkeit, welche jedem Gotteskinde als sein Erbteil zukommt. Und weiterhin betet er für sie, dass sie doch durch den Geist gestärkt werden möchten an dem inwendigen Menschen zu dem Glauben, in welchem Christus, in dem ja alle Gnadenschätze liegen, für immer in ihre Herzen seinen Einzug halten will.

Welch eine Gnade! In dem Herrn Jesus, dem eingeborenen Sohn ist der ganze Reichtum der Gnade Gottes uns nicht nur angeboten, sondern auch der Geist Gottes dazu geschenkt, um als Geist dieser Gnade in uns zu wohnen, sie uns mitzuteilen und zu bewahren. O wer kann sich nun noch fürchten, ob er wohl in der Gnade wachsen und zunehmen werde? Mit jeder Gnadenverheißung, mit jedem Verlangen oder Sehnen nach einer Gnadenmitteilung kommt der Geist zu uns, in Verbindung mit dem Herrn Jesus, in welchem alle Gnade liegt, diese strömen und in Tätigkeit treten zu lassen.

O Herr, unser Gott! Mach' uns dieses Geistes voll? Dann werden wir auch reich an Gnade und erfüllt mit aller Gottesfülle.

Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 10. Die Herrlichkeit der Gnade.

Epheser 1,2-8.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesu Christo! Gelobt sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christum. Wie Er uns denn erwählt hat durch denselben, ehe der Welt Grund gelegt war, das wir sollten sein heilig und unsträflich vor Ihm in der Liebe. Und hat uns verordnet zur Kindschaft gegen Ihn selbst durch Jesum Christum, nach dem Wohlgefallen Seines Willens, zu Lobe Seiner herrlichen Gnade, durch welche Er uns hat angenehm gemacht in dem Geliebten, an welchem wir haben die Erlösung durch Sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum Seiner Gnade, welche uns reichlich widerfahren ist durch allerlei Weisheit und Klugheit.

Gnade und Friede. Wer wachsen und zunehmen will, hat ebenso sehr Ruhe nötig, als Bewegung. Mitten in der Arbeit und dem Gewühl ist es der Friede Gottes, welcher alles Denken übersteigt, Gottes eigener (von dem, was in der Welt vorgeht) unabhängiger himmlischer Friede, durch den die Seele in ihrer Ruhe bewahrt wird. Dieser Friede aber ist die Frucht der Gnade. Wenn der Gläubige erst einmal weiß, was Gnade ist, wie unabhängig vom eigenen Verdienste oder eigener Untreue sie dasteht, wie gewaltig sie über alle Schwachheit und Sünde zu herrschen weiß, wie reich und überschwänglich sie mit ihrer Vorsehung das ganze Leben umfasst bis zu den kleinsten Kleinigkeiten, dann genießt er festen, vollen, ewigen Frieden. Seine Seele hat Ruhe in Gott gefunden.

Sie hat ihre Ruhe gefunden nicht etwa bloß in einer Tat Gottes, welche von unserem Tun und Verhalten mit bestimmt würde, sondern vielmehr in Gott selbst und zwar ohne dass irgend etwas in uns einen Einfluss darauf besäße.

Diese Tatsache wird uns in unserem Text ganz besonders deutlich. Der Apostel führt uns nämlich bis zu der Stätte hinauf, an welcher die Gnade entspringt, bis zu den ewigen Tiefen des freien Ratschlusses der Gottheit. „Gott hat uns in Christo erwählt, ehe der Welt Grund gelegt ward, und uns zur Kindschaft gegen Ihn selbst verordnet nach dem Wohlgefallen Seines Willens, auf dass wir zum Lob Seiner herrlichen Gnade dienen möchten.“ Wenn die begnadigte Seele eine Stätte sucht, wo sie eine feste Ruhe und einen unzerstörbaren Frieden erhalten kann, so findet sie dieselbe in der trostreichen Lehre der Gnadenwahl. Will sie wissen, von woher die Gnade zu ihr kam, was dieselbe bewog, an sie zu denken, ob sie wohl bei ihr bleiben werde, und ob die Gnade wirklich alles auf ihre Rechnung nehmen werde, ohne sich durch unsere Trägheit und Unwürdigkeit abschrecken zu lassen, dann muss sie sich bis zu der Höhe aufschwingen, auf welcher nichts als „das Wohlgefallen Seines Willens“ zu finden ist, „der Ratschluss des Herrn, welcher alles nach Seinem Willen lenkt.“ Auf dieser Höhe lernt unsere Seele, wie sehr die Gnade von alle dem, was in einem Menschen ist, unabhängig dasteht, und wie ihr Ratschluss, welcher von Ewigkeit her die Gnadenwahl im Auge hat, auch ewig unveränderlich bleibt. Siehe Röm. 8,28-30; 9,11; 11,5.6 u. 29; 2. Tim. 1,9. Der Heilige Geist lehrt unsere Seele, dass durch die Erwählung für das ganze Gnadenwerk und Gnadenleben bis ins Kleinste hinein von Ewigkeit her gesorgt ist, und dass ihre Aufgabe darum darin besteht, zu ruhen, zu vertrauen, zu empfangen und anzubeten. Das ist die Herrlichkeit der Gnade.

Sie beruht auf unserer Erwählung, als dem Ursprung der Gnade, und wird noch größer, wenn wir einsehen, dass die Erwählung in dem Herrn Jesus stattfand. Gott hat uns in „Ihm erwählt und durch Ihn“ zur Kindschaft verordnet zum Lobe der herrlichen Gnade, mit der Er uns in dem Geliebten begnadigt hat. Der ganze Gnadenratschluss sollte durch den Herrn Jesus uns übermittelt werden und stand in Ihm fest. Deswegen wurde, wie die Erwählung und Verordnung in Ihm lagen, auch aller Segen für uns in Ihn, den lebendigen Träger und Spender der göttlichen Schätze, gelegt. Gott hat uns in Christo ebenso mit allen göttlichen Segnungen gesegnet, wie Er uns in Ihm erwählt hat. Gleichwie daher Gnade in ihrem Wesen die Offenbarung der Tiefen ewiger Liebe ist, welche sich in dem Vater finden, so ist sie bei ihrer Mitteilung an uns Gemeinschaft mit dem Leben, der Kraft und Seligkeit des Herrn Jesus, des Sohnes Gottes. Die Gnade ist der reiche Lebensschatz aller geistlichen Segnungen, mit welchen uns Gott in Christo gesegnet hat. Diese Segnungen aber werden uns zum Lobe seiner herrlichen Gnade nach dem Reichtum seiner Gnade zuteil.

Die Herrlichkeit der Gnade, der Reichtum der Gnade, die Überschwänglichkeit der Gnade, sich hier die Ausdrücke, welche der Heilige Geist bei der Armut menschlicher Sprache findet, um uns etwas von der Gnade Gottes zum Verständnis zu bringen. Er spricht von ihrer Herrlichkeit, weil in ihr alle Vollkommenheiten Gottes in ihrer höchsten Herrlichkeit strahlen, ja, weil sie selbst die höchste Herrlichkeit der Gottheit ist. Die eigentliche Herrlichkeit der Gnade besteht darin, dass sie die Herrlichkeit Gottes ist.

Er spricht von ihrem Reichtum im Gedanken an die vielen großen, geistlichen Segnungen, mit denen Er uns in Christo gesegnet hat: Von der ersten größten, alle anderen in sich einschließenden Segnung, der Sündenvergebung an bis zu der vollkommenen Erlösung. Er redet von ihrer Überschwänglichkeit, um die Reichlichkeit anzudeuten, mit der die Segnungen dieses reichen Schatzes an die Auserwählten der Gnade ausgeteilt und ihnen durch den Heiligen Geist zugeeignet werden. So liegt also die Herrlichkeit der Gnade in dem Vater, der Reichtum der Gnade in dem Sohn, die Überschwänglichkeit der Gnade in uns durch den Heiligen Geist. Lieber Christ! Was meinst du? Ist es nicht ein seliges Los, ein in dem Geliebten Begnadigter zu sein?

Ist nicht die Herrlichkeit der Gnade eine wahrhaft göttliche, da sie ihren Urgrund und Ursprung in Gott selbst hat und da ihr Zweck und Ziel die Offenbarung der sonst unsichtbaren Herrlichkeit Gottes ist? Und hat Gott nicht Grund genug, zu erwarten, dass jeder Christ zum Lobe Seiner herrlichen Gnade lebe? Ach, dass doch dieser Gedanke bei einem Jeden von uns recht tief Wurzel schlagen möchte: Gott hat mich auserwählt, um an mir den überschwänglichen Reichtum Seiner Gnade zu offenbaren und mich zu veranlassen, zum Lob Seiner herrlichen Gnade zu leben. Je mehr Gnade ich wirklich empfange, desto eifriger lebe ich unwillkürlich zum Lob der Gnade Gottes. Ich kann daher dessen gewiss sein, dass Gott mir überschwänglich dieselbe zuströmen lässt. Und sollte die Befürchtung in mir auftauchen, ob ich die Gnade wohl werde bewahren können, so muss diese Befürchtung sofort dem Gedanken weichen: Gott hat mich in dem Geliebten begnadigt, weil Er mich in Ihm auserwählt hat. Gott hat mich in Christo mit allen göttlichen Segnungen gesegnet. Jesus, mein Herr, ist der lebendige Quell, der Schafmeister und Austeiler der Gnade: Aus Seiner Fülle empfange ich Gnade um Gnade. Darum sage ich mit Paulus: Gelobt sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen durch Christum, wie Er uns denn auch durch denselben erwählt hat zum Lob Seiner herrlichen Gnade.

Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 11. Der Reichtum der Gnade.

Epheser 2,4-8.
Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, durch Seine große Liebe, damit Er uns geliebt hat, da wir tot waren in den Sünden, hat Er uns samt Christo lebendig gemacht, (denn aus Gnade seid ihr selig geworden), und hat uns samt Ihm auferweckt und samt Ihm in das himmlische Wesen versetzt in Christo Jesu, auf dass Er erzeigte in den zukünftigen Zeiten den überschwänglichen Reichtum Seiner Gnade durch Seine Güte über uns in Christo Jesu. Denn aus Gnaden seid ihr selig geworden durch den Glauben - und dasselbe nicht aus euch; Gottes Gabe ist es. In dem ersten Kapitel dieses Briefes haben wir gesehen, was die Herrlichkeit der Gnade Gottes ist. Sie ist nichts Geringeres, als Gottes eigene ewige Herrlichkeit. Gottes Gnade ist die Krone aller Offenbarungen seiner Herrlichkeit. Dass die Liebe und die Gerechtigkeit Gottes sich dem Gottlosen gegenüber in der Gnade vereinigen konnten, ist und bleibt das größte Wunder der Ewigkeit, in welcher man Gott in einem Licht anbeten wird, welches für Sterbliche unzugänglich und unaussprechlich herrlich ist. Und je mehr man diese Seine Gnade erkennt und anbeten lernt, desto mehr sieht man auch ein, dass dieselbe ebenso wenig von dem Menschen abhängig sein kann, als Seine Herrlichkeit. Nach dem Wohlgefallen Seines Willens hat Er uns zum Lobe Seiner herrlichen Gnade auserwählt. Diese ewige Herrlichkeit der Gnade wird uns nun kund in dem Reichtum der Gnade, mit welchem Er uns in dem Geliebten begnadigt hat. Aus diesem Grund spricht auch der Apostel von derselben als von einem Reichtum der Herrlichkeit (1,18), von einem außerordentlichen Reichtum, von einem unerforschlichen Reichtum Christi (3,8). Die Herrlichkeit, welche erst geoffenbart werden soll (Kol. 3,4; Titus 2,13) wird da aus dem Reichtum an Gnadenschätzen erkannt, welche in Christo für uns bereit liegen. Über diesen Reichtum an Gnadenschätzen aber handelt der Apostel im zweiten Kapitel seines Briefes. In dem ersten Kapitel ließ Er uns bis in den Himmel emporsteigen, um die Herrlichkeit der Gnade da anzubeten, wo wir sie aus Gott in Christo auf Erden herniedersteigen sahen; hier ruft Er uns herbei, uns an ihrem Reichtum da zu erfreuen, wo wir sie den Sünder aus der Tiefe des Todes retten und in Christo bis in den Himmel erheben sehen, damit er in alle Ewigkeit das sichtbare Denkmal dieses außerordentlichen Reichtums der Gnade Gottes sei. Der Reichtum, welcher einem Armen geschenkt wird, ist am besten zu erkennen an der Tiefe von Schuld und Elend, aus welcher Er ihn erlöst, und an dem Genuss und der Ehre, zu welcher Er ihn erhebt. Dementsprechend lässt uns der Apostel einen Blick in die Tiefe werfen, aus welcher die Gnade errettet, und einen Blick auf die Höhe, zu der sie uns erhebt. Blicken wir zunächst in die Tiefe, aus der sie uns errettet! Beachten wir die Ausdrücke, welche unseren Textworten vorangehen: „Tod durch Übertretungen und Sünden (V. 1). „Kinder des Unglaubens“ (V. 2). „Kinder des Zorns“ (V. 3). Und weiter (V. 12), „Daher ihr keine Hoffnung hattet und wart ohne Gott in der Welt.“ Diese Ausdrücke bezeichnen den Zustand, in welchem die Gnade den Sünder fand, aus dem sie ihn rettete. Christus nahm die Sünde hinweg, errang für Ungehorsame Versöhnung und trug den Zorn des Herrn. So hat er den Tod besiegt und zunichte gemacht. Ach, es ist gar gut, diese Worte zu Herzen zu nehmen und darüber so lange nachzudenken, bis unsere Seele etwas von dem bodenlosen Abgrund der Sünde und Schuld verstehen lernt, welchen der Sohn Gottes mit dem Lösegeld seines teuren Blutes ausgefüllt. Wenn es uns gelingt, etwas davon zu verstehen, werden wir auch sehen, was der Reichtum der Gnade ist. Wenden wir uns nun zu der Höhe, zu welcher sie erhebt! Der Apostel sagt: „Durch seine große Liebe, damit er uns geliebt hat, da wir tot waren, hat er uns lebendig gemacht, (denn aus Gnaden seid ihr selig geworden) und hat uns samt Ihm auferweckt und samt ihm in das himmlische Wesen versetzt.“ Kann das sein? Kann das buchstäblich wahr sein? Hat Gott die Kinder des Zorns wirklich mit Christo auferweckt? Hat Er ihnen tatsächlich Anteil an dem Leben des Sohnes Seiner Herrlichkeit verliehen? Ja, das hat Er getan. Gott hatte nichts Herrlicheres, nehmt größeren Schatz an uns zu geben als sein eigenes Leben. Und das gab Er. Das gab Er in der Person Seines geliebten Sohnes. Der erniedrigte sich und nahm unser dem Tode verfallenes Leben an, um auf diese Weise ein Leib mit uns zu werden. Und als Er auferweckt wurde, wurde Er als unser Haupt auferweckt. Glauben wir darum an Ihn, so ist Sein Leben unser Leben. Unser Leben ist ja mit Christus verborgen in Gott. Ja, Er hat uns samt Ihm auferweckt und samt Ihm in das himmlische Wesen versetzt. Der Gläubige, dessen Augen sich für den Reichtum der Gnade geöffnet haben, so dass er weiß, wie groß und reichlich ihre Gaben sind, lebt nun hienieden bereits mit seinem Herzen im Himmel. Er sagt: „So lebe nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ Die Verheißung: „An dem Tag werdet ihr erkennen, dass Ich in Meinem Vater bin, und ihr in Mir, und Ich in euch“, trifft bei Ihm zu. In tiefster Demut kennt Er sich selbst als einen Menschen, welchen Gott in Christo in das himmlische Wesen versetzt hat. Dieses Leben ist es, von dem der Apostel zweimal sagt: Aus Gnaden seid ihr selig geworden. Selig werden ist also dasselbe, wie lebendig werden. Das Leben aber mit seinem ganzen zur Erhaltung des Lebens nötigen Gnadenreichtum, findet sich in dem lebendigen Christus. Der Gläubige braucht sich nur an diesen reichen, teuren, freundlichen Heiland zu halten. In der Gemeinschaft mit ihm strömt ihm die Lebensgnade zu. „Gott hat uns durch Christum mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern gesegnet.“ Gnade ist nichts anderes, als die Fülle des Lebens Christi, welche von selbst das Leben dessen wird, welcher an Ihn glaubt! O, lieber Christ! Ist das nicht eine reiche Gnade? Und höre nun noch etwas! Lies unsere Textworte noch einmal durch und achte doch darauf, wozu Gott dies Alles getan hat: „Auf dass Er erzeigte in den zukünftigen Zeiten den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade.“ Liebes Gotteskind! Verstehst du das? Ach, lies es noch einmal: „Er hat uns in Christo in das himmlische Wesen versetzt, auf dass Er erzeigte in den zukünftigen Zeiten den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade.“ Oder, wie es im zehnten Vers des dritten Kapitels heißt: „Auf das jetzt kund würde den Fürstentümern und Herrschaften in dem Himmel an der Gemeinde die mannigfaltige Weisheit Gottes.“ Ja, Gott hat uns auserwählt, um an uns den Fürstentümern und Herrschaften in dem Himmel zu zeigen, wie reich seine Gnade ist und wie reich an Gnade er uns machen kann. Wahrlich, jeder Christ müsste, wenn er nach Gottes Willen sein Leben einrichtete, einzig und allein dazu leben, um zu zeigen, wie überschwänglich reich Gottes Gnade in uns sein kann. Liebe Mitchristen! Wir haben nicht so gelebt. Gott vergebe es uns! Aber von nun an lasst uns so leben! Lasst uns einer für den andern mit dem Gebet des Apostels Paulus eintreten: „Ich höre nicht auf zu danken für euch, und gedenke eurer in meinem Gebet, dass der Gott unsers Herrn Jesu Christi, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung zu Seiner selbst Erkenntnis, dass ihr erkennen mögt, welches da sei der Reichtum seines herrlichen Erbes an Seinen Heiligen. Ja, Vater der Herrlichkeit, öffne Du uns die Augen, dass wir erkennen mögen, wie groß der außerordentliche, unerschöpfliche Reichtum Deiner Gnade ist, und wie wir aus diesem Reichtum so viel empfangen dürfen, dass Du an uns der ganzen Welt zeigen kannst, wie reich Du Deine Kinder machst! Amen. „Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“ ======Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 12. Die Überschwänglichkeit der Gnade.====== 1. Tim. 1,14.
“Es ist aber desto reicher gewesen die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christo Jesu ist.“ Die Herrlichkeit der Gnade Gottes haben wir anbeten lernen in dem Vater und Seinem ewigen Gnadenratschluss. Den Reichtum der Gnade haben wir gefunden in dem Sohn und dem Gnadenschatz, welcher in Ihm und Seinem Leben für uns liegt. Die Überschwänglichkeit der Gnade müssen wir an der Gnadenarbeit zu erkennen suchen, welche der Heilige Geist in den Herzen der Gläubigen verrichtet. Hören wir darum diesmal auf ein Zeugnis tatsächlicher persönlicher Erfahrung, das ist entschieden mehr wert als eine Erklärung, dass dies oder jenes möglich sei. Unser Zeuge ist Paulus. Aus vielen Gründen könnten wir keinen besseren Zeugen finden. Wenn es jemals einen Feind des Herrn gegeben, so war Paulus ein solcher, er, der zuvor, wie er Vers 13 sagt, ein Lästerer, Verfolger und Schmäher war. Wenn es jemals einen Menschen gegeben, dessen Lebensumstände viel Gnade nötig machten, so war er ein solcher. Er hatte viele Gnade nötig, um von seiner Selbstgerechtigkeit geheilt zu werden, um in seine mannigfaltige Arbeit eingeführt und zur Vollendung derselben gestärkt zu werden, um bei seinen unvergleichlichen Leiden Trost und Stärkung zu erhalten. Wahrlich, er hatte die Gelegenheit, die Gnade auf die Probe zu stellen und sich davon zu überzeugen, ob ihr überschwängliches Zuströmen in diesem mühsamen Leben tatsächlich dem entspreche, was von ihrer Herrlichkeit in Gott und ihrem Reichtum in Christo gesagt wurde. Und was sagt er nun? Er schreibt kurz vor seinem Tod, nachdem er 30 Jahre in dem Dienst des Herrn gestanden und bezeugt im Rückblick auf dieses Leben: „Die Gnade unseres Herrn, samt dem Glauben und der Liebe, die in Christo Jesu sind, ist desto reicher gewesen.“ Sein Gehorsam gegen die Mahnung des Herrn: „Lass dir an meiner Gnade genügen!“ ist nicht zu Schanden geworden. Er hatte nicht nur genug, nein, er hatte Überfluss an Gnade. Die Gnade war desto reicher gewesen. Und er fügte hinzu: „Samt dem Glauben und der Liebe, die in Christo Jesu ist.“ Mit den beiden hervorragendsten Früchten des geistlichen Lebens, mit dem Glauben, ohne den es unmöglich ist, Gott zu gefallen, und mit der Liebe, welche die Erfüllung des ganzen Gesetzes ist, mit diesen beiden herrlichen Segnungen ging die Überschwänglichkeit der Gnade stets Hand in Hand. Glaube und Liebe waren für ihn die ganz natürlichen Lebensäußerungen seines Gnadenlebens: Die Gnade ist bei ihm sehr reich gewesen, samt dem Glauben und der Liebe. Welch' herrliches Bekenntnis! Wie preist es die Herrlichkeit der Gnade Gottes! Wie zeigt es den überschwänglichen Gnadenreichtum Gottes in Christo! Und sollte es nur für einen Paulus möglich sein, ein solches Bekenntnis abzulegen? Nimmermehr! Es gibt auch nicht einen Erlösten, an welchem Gott nicht nach dem Maß Seiner Gabe die Überschwänglichkeit Seiner Gnade offenbaren wollte. Seine Verheißung: „Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei“, gilt allen Menschen. Sie ist für einen jeden von uns da. Ach, dass sich doch ein jeder von uns aufmachen wollte, sich dieselbe zuzueignen! Dass sich doch ein jeder von uns aufmachen wollte, das Bekenntnis des Paulus von der Überschwänglichkeit der Gnade zur Richtschnur seines Gebetes und seiner Erwartungen zu machen! Dann würde Gott dieses Bekenntnis ganz gewiss zum Maßstab unserer Erfahrungen machen. Wollen wir aber dies erreichen, so müssen wir Folgendes beachten: Die Überschwänglichkeit der Gnade muss zuerst ein Gegenstand unseres Glaubens werden. Wir müssen es lernen, anbetend zu dem Vater und der Herrlichkeit Seiner Gnade, zu Jesu und dem Reichtum Seiner Gnade emporzuschauen. Von diesen beiden strömt uns die Überschwänglichkeit so lange zu, bis unser Gemüt anfängt, immer größere Vorstellungen von der Gnade zu bekommen, welche wirklich für uns da ist. Mit ernstem Gebet um Erleuchtung müssen wir - und wären unsere Erfahrungen noch so arm und schwach es uns selbst fortwährend vorhalten: Überschwängliche Gnade ist für mich da und wartet auf mich. Öfters in der Heiligen Schrift braucht Gott, im Hinblick auf seine Gnade, den Ausdruck: „überschwänglich“. Nimm darum dieses Wort in dein Herz auf, bis dass der Gedanke an Gnade dir gar nicht mehr kommen kann, ohne zugleich den andern Gedanken hervorzurufen, dass es überschwängliche Gnade ist. Und wenn du davon überzeugt bist, o, so begib dich dann doch zu dem Thron der Gnade in der festen und freudigen Erwartung, dass die Gnade auch an dir sich überschwänglich offenbaren werde! Lass dich weder durch Unwürdigkeit, noch durch Schwachheit, noch durch Untreue entmutigen! Du hast ja doch gesehen, dass Gnade ein Gut ist, welches aus Gottes ewiger Herrlichkeit stammt. Sie ist eine Gabe Gottes durch Jesum Christum. Deine Kraft kann sie dir nicht verschaffen, aber deine Schwachheit vermag sie ebenso wenig aufzuhalten. Sie ist von einem göttlichen Verlangen beseelt, in jedes Herz zu bringen, welches ihr nur offen steht. Gott selbst wird sie an dir überschwänglich offenbaren. In dieser Erwartung klammere dich nur immer fester an Jesus an: die Fülle ist in Ihm. Zeig' Ihm unaufhörlich deine ganze Hingabe an Ihn und Seinen Dienst! Geh' mit jeder Sünde, jedem Fehltritt und all' deinem Elend zu Jesus! Du kannst dir keine Vorstellung davon machen, wie wunderbar Er dich durch die Freude über Seine Nähe und Gnade bewahren und stärken kann. O Gotteskind, nimm doch gläubig die Versicherung an, dass in demselben Verhältnis, wie die Gnadenherrlichkeit in Gott und wie der Gnadenreichtum in Christo, auch die Überschwänglichkeit der Gnade sich in dir durch den heiligen Geist offenbaren muss. „Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“ ======Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 13. Gnade zu jeder Zeit.====== 2. Kor. 9,8.
“Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen (zu jeder Zeit) volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“ Über diese herrliche Verheißung wollen wir noch einmal nachdenken. Haben wir doch die Seligkeit, welche in der Überschwänglichkeit der Gnade liegt, nur aus der Ferne gesehen. Darum lasst uns nahe herzu treten und zur Probe des Ganzen eine der herrlichen Zusagen in dieser Verheißung, welche von der grenzenlosen Überschwänglichkeit der Gnade handelt, auf das Leben anwenden, um zu sehen, wie das Leben wird, welches die Gnade weckt und erhält! Zu diesem Zweck greife ich das Wort heraus, welches von dem dreimaligen „alle“ mir am herrlichsten vorkommt: „in allen Dingen“, oder nach anderer Übersetzung: „zu jeder Zeit“. Ja, das muss herrlich sein, es ist beinahe zu groß und fast unglaublich, dass allerlei Gnade unter uns reichlich sein soll zu jeder Zeit. Für die meisten Christen ist dies wohl das größte Hindernis für die Annahme dieser Verheißung. Dass sich Zeiten in dem Leben finden, Zeiten geistlichen Vorwärtsschreitens, Zeiten besonderer Arbeit für den Herrn, oder Zeiten der Not und Anfechtung, in denen Gott auf wunderbare Weise zeigt, dass Er es bewirken kann, dass allerlei Gnade unter ihnen sei in allen Dingen, das glauben sie fest und ganz gewiss. Aber dass solche Zeiten überschwänglicher Gnadenoffenbarung immer währen und andauern könnten, nein, das scheint ihnen nicht möglich zu sein. Dass Gott allerlei Gnade in Seinem Kind zu jeder Zeit reichlich sein lassen will, ist ihnen zu groß und zu viel. Und doch ist es gerade dies, was ihnen verheißen wird und was der allmächtige Gott an dem tun will, der es gläubig von Ihm erwartet. Es kommt mir so vor, als ob der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Leben des Christen und dem Leben, welches Gott hier verheißt, derselbe sei, wie zwischen Verlobten und Verheirateten. Vor ihrer Verheiratung besuchen sich die Verlobten manchmal, allein sie sind doch noch getrennt. Hat aber die Verheiratung stattgefunden, so sind sie für immer vereint. Die Braut verlässt ihres Vaters Haus. Sie wird nicht mehr mit ihrem Namen, sondern mit dem ihres Mannes angeredet. Die Verbindung, nach der sich die Liebe gesehnt, ist geschlossen. Sie gehören einander für immer an. In der Bekehrung und dem Glauben verlobt sich die Seele mit dem Herrn Jesus. Von der Zeit ab stattet Er herrliche Besuch bei Seiner Geliebten ab. Da kommen Zeiten, in denen sie es erfährt, dass ihr die Gnade zuströmt, Doch ist dies nur von Zeit zu Zeit der Fall. Und doch finden sich in unserem Textworte Verheißungen ununterbrochener Gemeinschaft, Verheißungen eines Einzuges Christi in unser Herz, in Folge kraftvoller Geistesarbeit an unserem inneren Menschen (Joh. 14,16-23; Ephes. 3,16-17), durch welche unsere Seele erst recht in der Liebe wurzelt und stark wird und jenes wahre Leben der Liebe mit Christo seinen Anfang nimmt. Sobald eine gläubige Seele erkennt, dass ein Wort, wie das „zu jeder Zeit“, buchstäblich gemeint ist und buchstäblich erfüllt werden soll, versteht sie auch, dass es eine Einladung ihres himmlischen Bräutigams ist, zur vollen, immer währenden Gemeinschaft einzugehen. Das ganze Herz gerät in Leidenschaftliche Erregung. Es fragt sich immer wieder: Ist es denn überhaupt möglich? Wird es gerade mir geschenkt werden? Werde ich Glauben genug haben, um es festzuhalten und zu bewahren? Das himmlische Kleinod eines solchen Segens, dass allerlei Gnade zu jeder Zeit in mir reichlich sei? Immer heftiger wird dieser Seelenstreit. Mit einer das ganze Herz durchforschenden Energie erhebt sich die Frage, ob denn die Seele tatsächlich willig und bereit ist, sich ganz und gar dem Herrn hinzugeben, so dass die Gnade zu jeder Zeit das Zepter führen kann, ob sie tatsächlich gänzlich sich selbst entsagen will, nicht allein ihren Sünden und ihrem Eigensinn, sondern auch ihrem Selbstvertrauen und ihrer eigenen Kraft, ob sie dies tatsächlich tun will, um sich als ein schwaches Geschöpf von seiner allmächtigen Gnade tragen und bewahren zu lassen. Auch der Gedanke kommt einem Jeden: Ja, Gott kann machen, dass allerlei Gnade zu jeder Zeit unter uns reichlich ist, aber wird er es auch tun? So fragt die Seele, bis sie erkennt, wie schändlich es ist, dem Herrn unserem Gott zuzutrauen, dass Er uns mit Vorspiegelungen dessen, was Seine Allmacht kann, aber nicht bestimmt will, spotten könne. Mit tiefer Beschämung erkennt sie, dass wenn Gottes Wort mit einer Verheißung kommt: „Gott kann machen“, dass dann diese Verheißung die allersicherste Zusage dessen ist, was Er an dem tun will und tun wird, der auf Ihn vertraut. Sobald der Seele dies vollkommen deutlich wird und sie es wagt, alle Bedenken schwinden zu lassen und dies für sich selbst zu erwerben, geht sie zu der ersehnten Ruhe ein. Dass Jesus in ihrem Herzen Wohnung macht, dass sie in seiner Liebe bleibt, dass sich die Verheißung an ihr erfüllt: „Deine Sonne soll nicht mehr untergehen“, dies alles wird ihr nun zuteil. In dem tiefsten Gefühl einer Ohnmacht, welche nichts vermag, und einer Untreue, welche immer abirren will, lebt sie nun glücklich durch die Gewissheit, von dem Allmächtigen bewahrt zu werden, welcher seine Verheißungen an allen denen buchstäblich erfüllt, welche Ihn dadurch ehren, dass sie eine buchstäbliche Erfüllung von Ihm erwarten. Ich, der Herr, behüte ihn und feuchte ihn bald, Ich will ihn Tag und Nacht behüten.“ Jes. 27,3. „Der Herr des Friedens gebe euch Frieden allenthalben und auf allerlei Weise.“ 2. Thess. 3, 14. „Allerlei Gnade soll euch zu jeder Zeit reichlich zu teil werden. Diese Verheißungen drücken nicht allein den Willen Gottes, sondern auch die frohe Glaubenserwartung aus, welche unaufhörlich in die seligste Lebenserfahrung übergeht. „Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“ ======Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 14. Genug Gnade. ====== 2. Kor. 12,9-10.
Er hat zu mir gesagt: Lass dir an Meiner Gnade genügen, denn Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Muts in Schwachheiten, in Schmach, in Nöten, in Verfolgungen, in Ängsten, um Christi willen. Denn, wenn ich schwach bin, so bin ich stark. Wenn von ununterbrochener Gemeinschaft mit dem Herrn und davon, dass uns Gnade. zu jeder Zeit reichlich zuteil werden solle, die Rede ist, wie es in dem vorigen Abschnitt der Fall gewesen, dann hört man wohl bisweilen die Frage: Aber tauchen denn niemals Wolken auf? Die Antwort auf diese Frage hängt von dem ab, was wir unter Wolken verstehen. Verstehen wir unter ihnen Sünden und Abweichungen, Wolken des Zornes und der Unzufriedenheit des Herrn? Die Verheißung: „Ich tilge deine Übertretungen, wie eine Wolke“, macht dieser Sorge ein Ende. Das Blut Jesu Christi reinigt uns von aller Sünde, und jeder Christ kann in demselben Augenblick, in welchem er seine Sünde bemerkt, durch eine Tat seines Glaubens einen unbewölkten Himmel bekommen, und in dem Lichte des Angesichts seines Vaters wandeln. Versteht man aber unter Wolken Schwierigkeiten, welche von außen an uns herantreten und in unserer Seele neben der Freudigkeit das Gefühl der Schwachheit und Furcht hervorrufen, so ist die Antwort: Ganz gewiss, es können, es werden und es müssen Wolken aufsteigen. Wolken sind für die Erde in vielerlei Weise ein Segen. Sie geben dem Auge vor dem vollen, grellen Licht Ruhe, welches bisweilen zu scharf ist. Sie bringen Der Erde den Segen des Regens und der Kühle. In der Kühle entwickelt sich ein Baum zwar langsamer, aber sein Holz wird besser, als es in heißen Gegenden wird. Selbst die Völker, welche sich immer in dem vollen Licht der Sonne baden, sind nicht mit denen zu vergleichen, welche mit einem kalten Klima zu kämpfen haben. Die Wolken nehmen das Licht der Sonne nicht weg, wie es die Nacht tut, sondern mildern es und behüten uns das vor, dass es schädlich wirkt. Darum können auch im geistlichen Leben Wolken ein Segen sein. Das können wir an dem Beispiel des Paulus sehen. Er durchlebte eine Zeit, in welcher eine Wolke über seiner Seele hing. Diese Wolke war nicht eine Sünde, auch nicht eine Strafe von Gottes Zorn. Nein, sie war nur eine Prüfung, ein Leiden, dessen sich der Satan bediente, um ihm durch das niederdrückende Gefühl der Schwachheit das Leben zu verbittern. Er betete ernstlich, dass doch diese Wolke von ihm hinweggenommen werden möchte. Die Antwort, welche er erhielt, lautete: Nein. Aber ihr war das Wort hinzugefügt: „Lass dir an Meiner Gnade genügen, denn Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Bei der Gelegenheit lernte Paulus, was er niemals vergessen hat, dass die Wolken das Licht der Sonne nicht wegnehmen, sondern vielmehr gerade durch die Sonne aus der Erde gelockt werden, um der Erde zum Segen. Er lernte, dass ihm in der Zeit seiner Schwachheit die Gnade tatsächlich näher war und in ihm mehr erreichen konnte als in Zeiten völligen Wohlergehens. Aus dem Grunde kam er zu dem Entschluss: „Ich will mich am liebsten meiner Schwachheit rühmen, ich will dem Herrn dafür danken, dass es Wolken gibt, denn gerade durch diese segnet die Sonne die Erde. Ja, sagt er, ich bin guten Mutes in Schwachheiten, in Nöten und in Verfolgungen; denn, wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ Liebe Christen! Das Leben des Paulus war oftmals bewölkt. Monate und Jahre lang im Gefängnis zu sitzen, von allen Freunden verlassen zu werden, bei Gemeinden, die er gegründet hatte und wie ein Vater liebte, auf Misstrauen und Beschuldigungen zu stoßen, - dies und noch mehr hatte manchen Tag für ihn in Nebel gehüllt. Aber er hatte gelernt, für Wolken zu danken, sich seiner Schwachheit zu rühmen und in Nöten guten Mutes zu sein. Wodurch aber hatte er dies gelernt? Dadurch, dass der Herr zu ihm gesagt hatte: „Lass dir an Meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in dem Schwachen mächtig.“ So waren gerade die bewölkten Tage für ihn Tage der Nähe des Herrn, Tage ununterbrochener Gemeinschaft mit demselben und Tage besonderer Erfahrung Seiner Gnade. Die Wolken nahmen nur das Grelle des Lichtes hinweg, aber nicht das Licht selbst. Es waren Tage, in denen er sich getrieben fühlte, zu rühmen, in denen er guten Mutes sein konnte, in denen ihm ganz besonders Kraft zuströmte. Ja, Kraft strömte ihm mitten in seiner Schwachheit zu, aber gerade darum war es auch wahre Kraft, Gnadenkraft, welche in dem Schwachen mächtig werden will. Darum hat Paulus auch bisweilen dieses Lied gesungen: „Singt unserem Gott Psalmen, weil er den Himmel mit Wolken bedeckt.“ Nun weißt du, lieber Christ, wie es in dem Leben überschwänglicher Gnade, die dir in allen Dingen und zu jeder Zeit zuströmen soll, mit den Wolken gehen wird und wie der treue Herr im Hinblick auf sie so herrlich gesorgt. Es liegt alles in dem einen Wort: „Lass dir an Meiner Gnade genügen!“ Es kann kein Zustand, keine Not, keine Angst geben so tief, so schwer, so groß, Meine Gnade hat es alles vorausgesehen und vorgesehen. Erkenne dies doch, und wenn du es nicht zu verstehen vermagst, so glaube es doch und überlass das Übrige mir: Lass dir an Meiner Gnade genügen! Vergiss nur dies Eine nicht: Je schwächer du in dir selbst wirst, desto getroster kannst du dich an das Wort halten: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. O lieber Christ! Bekommst du nicht unter solchen Umständen beinahe Lust, mit Paulus zu sagen: „Wenn dem so ist, will ich, anstatt zu klagen und mich zu ängstigen, mich viel lieber meiner Schwachheiten rühmen, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne? Darum bin ich guten Mutes in Schwachheiten. Denn, wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ O tue es nur, und wie Paulus beinahe zwanzig Jahre nach Empfang dieser Verheißung das Zeugnis ablegen konnte: „Der Herr hat mir nicht nur stets genug gegeben, sondern auch Seine Gnade an mir überschwänglich geoffenbart,“ so wirst auch du es erfahren, dass Er deinen Glauben nicht zu Schanden werden lässt. Er gibt über Bitten und über Verstehen allerlei Gnade zu jeder Zeit. Das ist es, was er sagt und was er wirklich meint. Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“ ======Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 15. Rechtfertigende Gnade. ====== Röm. 3,23-24.
Sie sind allzumal Sünder und werden ohne Verdienst gerecht aus Seiner Gnade, durch die Erlösung, so durch Christum Jesum geschehen.“

Hier haben wir die erste Wohltat, welche der Sünder aus dem Schatz der Gnade Gottes empfängt, die erste und wunderbarste Wohltat, welche alles andere enthält, die Rechtfertigung. Dass dieser Segen nötig war, wenn uns der Herr überhaupt retten wollte, ist klar und deutlich. Der gerechte Gott hätte uns nun und nimmermehr in Seine Gunst aufnehmen, mit Wohlgefallen betrachten, oder uns Anteil an seinem ewigen Leben geben können, wenn wir ungerechtfertigt geblieben wären. Wir mussten unbedingt zuvor gerechtfertigt werden.

Wenn nun jemand vor einem irdischen Richter angeklagt wird, kann er auf eine dreifache Weise gerechtfertigt werden. Er kann seine Unschuld beweisen: Dann rechtfertigt ihn der Richter, um seiner Unschuld, willen. Er kann seine Strafe auf sich nehmen. Wollte man ihn dann später um derselben Missetat willen noch einmal vornehmen und könnte er dann beweisen, dass er seine Strafe schon erhalten habe, so würde der Richter sagen, dass dem Gesetz bereits Genüge geschehen sei. Das Gesetz hätte dann von ihm nichts mehr zu fordern. Der Mann, welcher früher schuldig war und gestraft wurde, wird nun durch den Richter gerechtfertigt.

Er kann auch durch einen Anderen den Anforderungen des Gesetzes genügen. Das Urteil erkannte z. B. auf Gefangenschaft, oder auf Bezahlung einer bestimmten Geldsumme. Der Verurteilte geht in das Gefängnis. Ein Freund kommt und bezahlt für ihn. Wollte man ihn dann nicht sofort freilassen, so würde der Richter es befehlen. Denn der Mann ist nun nach den Bestimmungen des Gesetzes gerechtfertigt. Seine Schuld ist bezahlt.

In jedem dieser drei Fälle ist die Tätigkeit des Richters dieselbe. Er macht den Mann nicht zu einem innerlich rechtschaffenen Mann. Er gibt ihm keine Gerechtigkeit. Er gibt nur die Erklärung ab, dass derselbe nach den Bestimmungen des Gesetzes ein gerechter Mensch ist, die Eigenschaft der Rechtschaffenheit besitzt. In dem ersten Fall ist die Unschuld des Angeklagten seine Gerechtigkeit. In dem zweiten Fall ist es der Umstand, dass er seine Strafe bereits erduldet. In dem dritten ist es der Umstand, dass ein Anderer als Bürge seine Strafe auf sich genommen.

In allen diesen Fällen aber ist die Erklärung des Richters dieselbe. Der Mann, den er für gerecht erklärt hat, besitzt eine Rechtfertigung, welche vollkommen hinreichend ist.

Auf dem dritten dieser drei Wege rechtfertigt der gerechte Gott den gottlosen Sünder. Gottes Liebe wollte den Sünder retten, aber auf keinem Fall dies auf Kosten seiner Gerechtigkeit tun. Aus diesem Grunde traten Gottes Liebe und Gottes Gerechtigkeit in jene Gnadenverbindung, durch welche beide verherrlicht werden sollten, die Liebe in der Rettung der Ungerechten, die Gerechtigkeit in ihrer Rechtfertigung. Liebe und Gerechtigkeit sollten zusammenwirken, um dem Menschen an einzigen Gerechtigkeit Anteil zu verschaffen, welche vor Gottes Richterstuhl bestehen kann, nämlich an der vollkommenen Gerechtigkeit Gottes.

Wir wissen, worin der Gnadenrat zur Ausführung dieses Planes bestand. Der Herr Jesus kam auf diese Erde, um nach den alten Weissagungen Jes. 6,24-25; Jer. 23,6; 33,16 für uns zu werden: „Der Herr, der unsere Gerechtigkeit ist.“ Zu diesem Zweck opferte Er sich selbst, der Forderung der göttlichen Strafgerechtigkeit Genüge zu leisten. Zu diesem Zweck trug Er die Strafe, welche wir verdient hatten. Als Er nun somit für unsere Sünden gestorben war, wurde Er zu unserer Gerechtigkeit auferweckt. Röm. 4,25; 6,7. Seine Auferstehung war seine Rechtfertigung Röm. 6,7 und dadurch auch die unsrige: Die Erklärung Gottes, dass der Bürge alles bezahlt habe und dass alle, die an Ihn glauben, an Seiner göttlichen Gerechtigkeit Anteil haben und darum für gerecht vor Gott gelten. Nun hatte Er das Recht erworben, uns das erste und größte Geschenk der Gnade zu geben: Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Was aber Gott bei der Auferstehung Jesu Christi, als des Bürgen und Hauptes Seines Volkes, erklärt hat, tritt in demselben Augenblick in Kraft, in welchem der Sünder an den Herrn Jesus glaubt.

Der Heiland kommt und bietet Sich selbst dem Sünder an mit allen Seinen Gnadenschätzen, vor allem mit Seiner Gerechtigkeit. Sobald der Sünder glaubt, wächst er mit dem Herrn Jesus zusammen und empfängt in Ihm und mit Ihm als erste und vornehmste Gabe aus dem Gnadenschatz die Gabe der Gerechtigkeit. Besitzt er aber diese so wird er auf Grund der Gerechtigkeit, welche er in Christo hat, von Gott als seinem Richter für gerecht erklärt.

Diese Rechtfertigung ist eine göttliche Erklärung, dass der Sünder durch die Gerechtigkeit Christi, an der er Anteil hat, vor dem Richterstuhl der göttlichen Gerechtigkeit tatsächlich als ein Gerechter dasteht. Und weiterhin, dass er von Gott zu jeder Zeit und in allen Dingen als ein vollkommen Gerechter betrachtet und behandelt werden soll, mit vollem Recht auf die Gunst der göttlichen Heiligkeit und mit unbehindertem Zugang zu dem Erbe der Kinder Gottes.

Diese Rechtfertigung oder Gerechterklärung ist außerdem das göttliche Siegel auf unseren Glauben an Christus, durch welches unsere Lebensvereinigung mit dem Herrn Jesus, mächtig gestärkt und als ein Gut erwiesen wird, welches ewiglich währt. Darum redet auch die Schrift von einer Lebensgerechtigkeit. Gleichwie Sünde und Tod unzertrennlich sind, also auch Gerechtigkeit und Leben. So steht geschrieben: Der Gerechte soll seines Glaubens leben. Eine göttliche Gerechtigkeit und ein göttliches Leben sind in dem lebendigen Heiland verbunden, welcher der Herr, unsere Gerechtigkeit ist.

Liebe Christen! Aus Gnaden seid ihr gerechtfertigt. Ist das nicht eine wunderbare Gnade? Er ward für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in Ihm würden die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. O diese Worte werden so leichthin gelesen und ausgesprochen, ihre göttliche Kraft aber wird so wenig empfunden! Lasst uns darum vor den Herrn hintreten und ein jeder gläubig bekennen: Ich bin gerechtfertigt vor Gott. Lasst uns alle dieses Glaubens leben und mit Paulus alles für Schaden achten, um nur jeden Augenblick bei Christo gefunden zu werden, ohne alle eigene Gerechtigkeit, welche aus dem Gesetz stammt, aber reich an der Gerechtigkeit, welche aus dem Glauben kommt und aus Gott stammt.

Viel will ich bitten und beten, dass der Heilige Geist mir die Herrlichkeit dieser Gabe der Gerechtigkeit kund tue. Die Gnade, welche sie mir geschenkt hat, will mich auch mit ihr bekannt machen, damit durch die Erkenntnis Gottes, welche mich gerecht macht, die Gnade in mir wachse und zunehme. Dann soll ich es erfahren, dass dies die Wurzel und Kraft meiner Lebensgerechtigkeit ist, dass ich mehr und mehr darin fest werde und mich darüber freue, dass wir, die wir gesündigt haben, umsonst für gerecht erklärt werden aus Seiner Gnade: Herr mein Gott! Lass doch diese rechtfertigende Gnade in mir, so stark werden, dass ich immer tiefer in die Erkenntnis und in den Genuss der göttlichen Gerechtigkeit eindringe, welche mir beigelegt ist und in welcher ich stets vor dir lebe.

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 16. Freie Gnade.

Röm. 4,4-5 u. 16.
Dem, der mit Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnaden zugerechnet, sondern aus Pflicht. Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit. Derhalben muss die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf dass sie sei aus Gnaden.
Röm. 11,6.
Ist es aber aus Gnaden, so ist es nicht aus Verdienst der Werke; sonst würde Gnade nicht Gnade sein.
Epheser 2,8-9.
Aus Gnaden seid ihr selig geworden, durch den Glauben; und dasselbige nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme.

Zwei Fragen gibt es, auf welche das Wort Gnade die Antwort gibt. Die eine Frage lautet: Was gibt Gott? Die andere: Warum und auf welche Weise gibt er? - Die Antwort auf die erste Frage enthält den ganzen Segensreichtum, welcher in der Fülle der Gnade liegt. Die Antwort auf die zweite verweist auf das Freie, völlig Unverdiente der Gabe. Ich denke, wir haben wohl alle mehr auf die zweite, als auf die erste Bedeutung des Wortes geachtet. So oft wir das Wort „Gnade“ in der Bibel fanden, glaubten wir es zu verstehen, wenn wir auch nur den Gedanken daran hatten, dass Gnade eine Gabe ist, welche uns frei und umsonst zu Teil wird.

Jetzt fangen wir an, einzusehen, dass Gnade unendlich viel mehr bedeutet. Gnade ist der Name, mit welchem Gott alles dasjenige bezeichnet, was er uns in Christo geschenkt hat. Je mehr wir nun in der Antwort auf die erste Frage diesen wunderbaren und allgenugsamen Schatz himmlischen Segens kennen lernen, desto herrlicher erhebt sich vor uns die zweite Vorstellung: Dieses Alles wird uns umsonst zu Teil. Alle Gnade aus Gnaden.

Wie einfach wird uns diese zweite Vorstellung in obenstehenden Texten deutlich gemacht. Wenn jemand arbeitet, so verlangt er auch Lohn, nicht als eine Gnade, sondern als eine Pflicht und Schuldigkeit, als etwas, worauf er ein Recht hat, was er verlangen kann; derjenige aber, welcher nicht arbeiten kann, muss auf Gnade hoffen. Wenn darum jemand zur Seligkeit aus Gnaden gelangen will, fragt Gott durchaus nicht nach seinen Werken. Und hätte er auch nicht ein einziges gutes Werk getan und fühlte sich sein Herz völlig sündig und tot, er könnte trotzdem die Seligkeit aus Gnaden empfangen. Deswegen steht ja geschrieben: „Ist es aus Gnaden, so ist es nicht aus Verdienst der Werke; sonst würde Gnade nicht Gnade sein.“ Welch' treffender Ausdruck, um den Sünder zu überzeugen, dass er nichts mitzubringen braucht. Wollte die Gnade etwas - und wäre es das Geringste - an Werken von uns fordern, so wäre sie nicht mehr einzig und allein Gnade. Gnade will Gnade sein: eine Gabe, welche vollkommen frei, umsonst, an völlig Unwürdige gespendet wird. Darum fährt der Apostel fort: „Dem, der nicht mit Werken umgeht, aber an den glaubt, welcher den Gottlosen gerecht macht!“ Welch trostreiches Wort: „dem, der an den glaubt, der den Gottlosen gerecht macht!“ Könnte Gott wohl einen stärkeren Ausdruck wählen, um uns zu vergewissern, dass hier nichts zu tun ist, als zu empfangen. Wie sündig oder gottlos auch ein Mensch sein mag, die Gnade bietet ihm an, ihn trotzdem gerecht zu machen: Sie sind allzumal Sünder und werden umsonst gerecht durch seine Gnade. und wie es mit der Rechtfertigung steht, so steht es auch mit der ganzen Seligkeit aus Gnaden. Ephes. 2,6-8. Das Wachsen in der Gnade hängt gar viel davon ab, dass das Gotteskind mehr und mehr von dem Gedanken durchdrungen wird, dass ihm die ganze Fülle der Gnade ohne jegliches Verdienst, als ein freies Geschenk nicht nur zugedacht ist, sondern auch zugeeignet wird. Lernt es das einsehen, so lernt es auch von sich selbst abzusehen, so lebt es kindlich-froh in der Gewissheit, dass seine Schwäche und Unwürdigkeit die Gnade durchaus nicht hindern, dieselbe vielmehr noch antreiben wird, sich in ihm zu verherrlichen. Diese Gewissheit ist der Glaube.

Wenn darum Gnade uns naht, ist dies das Einzige, was sie von uns verlangt, das Erste, was sie in uns hervorruft. Wie denn geschrieben steht: Die Gerechtigkeit muss durch den Glauben kommen, auf dass sie aus Gnaden sei. Wenn jemand zu dir kommt, während du in Not und völlig hilflos bist, was erwartet er dann von dir? Nichts als dies, dass du ihm in dem Vertrauen schenkst, was er dir verspricht. So kommt auch die himmlische Gnade mit allen ihren göttlichen Verheißungen zu uns und bittet uns mit Herzlichkeit: Ach, hör' doch auf mich! Hör doch auf das, was ich dir sage: Was Gott verheißen hat, kann Er auch tun. Röm. 4,21.

Gottes Gnade und unsere eigenen Werke sind in einem Kampf auf Leben und Tod. Sie können durchaus nicht neben einander bestehen. Gnade und Glaube aber gehen Hand in Hand. Die Gnade naht und erweckt in der Seele durch ihre Freundlichkeit Vertrauen. Sie naht in der Person des gekreuzigten Gottessohnes und sagt: Ich will alles, alles, alles für dich tun. Willst du dich nicht mir anvertrauen? Der Glaube antwortet: Werke, auf die ich mich berufen könnte, habe ich nicht; ich bin arm, ohnmächtig und sehr elend; die Gnadenverheißungen aber sind so lockend, so himmlisch, so ernst und gut gemeint. Sollte ich es nicht wagen, auf sie mein Vertrauen zu setzen? Ja, ich glaube es, himmlische Gnade, du wirst tun, was du sagst, ich vertraue mich dir an.

Je mehr nun die Seele auf das Wort der Gnade achtet und über die Wunder der Gnade nachdenkt, desto weiter öffnet sich vor ihr ein Himmel voll Seligkeit in der Gewissheit: die Gnade erhalte ich umsonst, ohne Verdienst. Was ich in mir selbst finde, ist darum kein Hindernis für mich, mich zu dem festen Vertrauen zu entschließen, dass die Gnade ihre ganze Fülle über mich ausgießen werde. Sie will mich ganz und gar haben: ganz und gar soll sie mich haben. Sie kennt ihre Arbeit; und meine Arbeit soll darin bestehen, stets ihr zu vertrauen und stets ihr zu danken.

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 17. Gnadenstand.

Röm. 5,1-2.
Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesum Christum, durch welchen wir auch einen Zugang haben im Glauben zu dieser Gnade, darinnen wir stehen.
1. Pet. 5,12.
Das ist die rechte Gnade Gottes, darinnen ihr steht.

Ein Baum kann nicht emporwachsen, wenn er nicht fest im Grund und Boden steht. Wird er jedes Jahr umgepflanzt oder zu sehr von dem Wind hin und her geschüttelt, so kann er sich nicht kräftig entwickeln. Nur, wenn er fest gewurzelt ist, kann bei ihm von Wachsen die Rede sein.

Nicht anders ein junger Christ. Soll ein junger Christ in der Gnade zunehmen, so muss er fest in der Gnade stehen. Ein Zweifel an seinem Gnadenstand würde die Zunahme sehr hindern. Nun haben wir durch unseren Herrn Jesum Christum und durch den Glauben an Ihn den Zugang zu der Gnade, in der wir stehen, und nur in dem Glauben an Ihn die Möglichkeit, in dieser Gnade stehen zu bleiben. Wenn du darum deine Unwürdigkeit einmal sehr tief fühlst, wenn du im Hinblick auf deine Untreue und Abweichung geneigt bist zu zweifeln, ob wohl Grund für dich zu finden sei, wenn selbst die Kennzeichen der Gnade in dir fast gar nicht zu finden sind, bedenke dann nur, dass nicht die Gnade, welche sich in dir findet, sondern vielmehr die Gnade, welche in Jesu liegt, der Grund ist, auf dem und in dem du stehen musst! Hast du dich dem Herrn Jesus übergeben, hast du ihn auf Grund des Wortes Gottes im Glauben als deinen Seligmacher angenommen, dann hast du durch diesen Glauben Zugang zu dieser Gnade. Du stehst in der Gnade durch den Glauben. Darum sieh nicht auf dich selbst, sondern auf den Herrn Jesus und seine herrliche Gnade! Werde nach den Wort an Timotheus stark durch die Gnade in Christo Jesu! Verlass dich wirklich auf die Gnade Gottes in Christo! Dann stehst du auf dem Boden, auf dem du zu wachsen vermagst. O, sprich es vor dem Herrn aus, sprich es vor dir selbst aus, bekenne es vor dem Volk Gottes: Ich glaube an den Sohn Gottes, ich lebe und sterbe im Vertrauen auf die Gnade. Wenn du das tust, wird es dir deutlich werden, dass du in der Gnade stehst. Stehst du aber in der Gnade, so wirst du auch in ihr zunehmen.

Doch nicht nur der Zweifel an dem Gnadenstande, sondern auch die Unkenntnis der Pflichten dieses Standes verhindert das Wachstum. In der Welt gibt es verschiedene Stände: den Bürgerstand, den Kaufmannstand, den Adelstand. Von jedem Menschen erwartet man, dass er nach seinem Stand lebt. Allein das kann er nicht tun, wenn er seinen Stand nicht genug kennt oder verkehrte Vorstellungen von demselben hat. Ebenso kann ein Christ nicht in der Gnade wachsen, wenn er die Pflichten nicht zu erkennen sucht, welche sein Gnadenstand mit sich bringt. Durch seine Geburt trat er ja nur in den Naturstand und geriet er unter die Macht der Sünde und des Todes. Gott erlöste ihn daraus und pflanzte ihn in den Gnadenstand, an ihm den außerordentlichen Reichtum Seiner Gnade zu zeigen, damit er von der reichen, freien und allmächtigen Gottesgnade alles empfinge, was überhaupt Gnade schenken kann. Sobald daher die Augen eines jungen Christen sich für diesen herrlichen und überseligen Gnadenstand zu öffnen anfangen, sobald er an jedem Morgen sein Tagewerk, nicht auf Grund seines Geschäfts, sondern auf Grund seines Glaubens mit den Worten anfängt: „Was ist die Gnade doch so herrlich, in der ich stehe!“ wird auch seine Seele ihre Wurzeln tiefer in die Gnade senken. Hält er das fest, dass er in der Gnade steht, so sieht er, dass nun alle die unermesslichen Reichtümer der Gnade ihm zugänglich sind und dass er nun weiter nichts zu tun braucht, als stehen zu bleiben. Gleich wie der Grund und Boden dem Baum alles spendet, was er nötig hat, wird auch ihm die Gnade alles zukommen lassen, was ihm not tut. Sein Wachsen ist völlig gesichert, den er steht - und wo könnte er besser stehen - in der Gnade Gottes.

Doch muss der Christ vor allem den Zusammenhang beachten, in welchem dieses Wort vorkommt. Der Apostel sagt: „Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesum Christum, durch welchen wir auch einen Zugang haben im Glauben zu dieser Gnade, darinnen wir stehen.“ In dem lebendigen Herrn Jesus selbst hat uns Gott mit allen seinen Segnungen überschüttet. Durch den persönlichen Umgang mit Ihm, der unser Freund und Herr sein will, werden die Segnungen Seiner Gnade unser Eigentum. Möchten wir darum stets nach den einzelnen Gnadengaben in uns suchen, möchten wir doch es recht verstehen lernen, dass jede neue Gnadenverheißung, von der wir hören, uns zu Jesu, zu Jesu selbst treiben muss, damit wir durch den stillen Herzensumgang mit Ihm, durch Seine bleibende Nähe bei allem unserem Tun, aus Seiner Fülle alles empfangen dürfen.

Auf diese Weise werden wir es recht verstehen und erfahren, dass wir ebenso, wie wir durch den Herrn Jesus Frieden haben, durch denselben Jesus weiter den Zugang zu der völligen Gnade besitzen. Verstehen wir aber auch dies, so erkennen wir auch, dass wir nur dann in der Gnade feststehen können, wenn wir im vollen Genuss Seines Friedens leben. Der Friede Gottes ist es, genau genommen, welcher den Seelen Ruhe und unbewegliche Festigkeit verleiht. Wenn wir nun durch Sünde, die wir nicht bekennen, durch eine Abirrung, von der wir uns nicht zurückfinden, vor allem aber durch Unglauben den Frieden unserer Seele stören, so ist unser Zugang zur Gnade gesperrt und unsere Freimütigkeit, um weitere Gnade zu bitten, geschwächt. Es ist uns, als könnten wir nicht mehr zu ihr gelangen. Woran liegt das? Wir vermögen aus eigener Kraft nichts. Jesus ist es, auf den wir immer wieder angewiesen sind. Durch Ihn allein haben wir zunächst Frieden. In Ihm allein besitzen wir auch täglich und stündlich den Zugang zu der Gnade.

Außerdem: „Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott, durch unseren Herrn Jesum.“ Der Friede hat seine Festigkeit und Kraft in der Rechtfertigung, das heißt darin, dass uns Gott für gerecht erklärt hat. Dies bleibt darum der Anfang und die Kraft jedes rechten Gnadenlebens. Wer dies hat, hat alles, wie denn geschrieben steht: „Den er gerecht gemacht hat, den hat er auch herrlich gemacht.“ Darum müssen wir uns vor allem durch den heiligen Geist die Herrlichkeit unserer Rechtfertigung zeigen und uns ihre Gewissheit versichern lassen. Wenn wir uns in der Tat vor dem Throne Gottes befinden, um die himmlische Kraft der uns für gerecht erklärenden Aussprache Gottes zu erwarten, und wenn wir dann in unser tägliches Leben treten, als solche, welche die Rechtfertigung aus Gott auf und in sich tragen, dann bewahrt in uns Jesus selbst unseren Frieden.

Dann gibt er uns den Zugang zu dieser Gnade, in der wir stehen und welcher wir uns rühmen, den Zugang zu dem unendlichen Gnadenreichtum, welcher in jedem Augenblick für uns bereit liegt.

O lieber Christ! Lerne deinen Gnadenstand kennen und lebe in ihm! Ein König, welcher gefangen genommen und mit Ketten gebunden ist, spricht doch noch als König seines Reiches. Und wenn es ihm gelingt, frei zu werden, so besteigt er seinen Thron, sobald er dazu im Stande ist. Er vergisst seines Standes nicht, während er im Elend ist. Darum erkenne auch du deinen Stand, lieber Christ, und lebe in ihm durch den Glauben an unseren Herrn Jesus. Er ist unsere Rechtfertigung, Er ist unser Friede, in Ihm liegt alle Gnade, durch ihn haben wir den Zugang zu dieser Gnade, in der wir stehen.

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 18. Die Herrschaft der Gnade.

Röm. 5,20-21.
Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden, auf dass, gleichwie die Sünde geherrscht hat zu dem Tod, also auch herrsche die Gnade durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben, durch Jesum Christ, unseren Herrn.

Wenn wir die Gnade recht kennen lernen wollen, müssen wir sie vor allem in ihrer Herrschaft, in der sie ihre überwindende Macht kund tut, beobachten. Ihre Herrschaft aber kennen zu lernen, gibt es kein besseres Mittel als dies, sie mit der Herrschaft der Sünde zu vergleichen.

Dass die Sünde mit einer unsagbaren, alles umfassenden Gewalt herrscht, wissen wir. Wir haben es in unserem eigenen Innern erfahren. Wir sehen es auch an andern. Achte nur einmal auf einen Menschen, welcher völlig durch die Sünde beherrscht wird! Wie wird er oft gegen seinen Willen dazu gerissen, ihren Willen zu erfüllen! Seine Gedanken und Begierden beschäftigen sich fortwährend mit ihr. Er fühlt sich getrieben, alles zu wagen und aufzuopfern, um sie nur tun zu können. Die Herrschaft der Sünde ist mächtig und unbegrenzt in dem, der sich ihr völlig ergibt.

Doch, wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden. Ihre Herrschaft ist noch machtvoller und weniger begrenzt als die der Sünde. Es ist sehr schwer, Worte oder Gedanken zu finden, um mit denselben deutlich zu machen, wie weit sich diese ihre Herrschaft erstrecken kann. Die Tatsache aber, dass sie stets viel, viel mächtiger als die Sünde ist, trägt etwas dazu bei, uns eine Vorstellung von ihrer Macht zu geben. Was du darum auch in dir selbst an Schwachheit erfährst, oder von Seiten der Sünde befürchten kannst, behalte nur fest im Gedächtnis, dass die Gnade bei weitem mächtiger ist.

Und wozu soll ich dies tun? Auf dass, gleichwie die Sünde geherrscht hat zu dem Tod, also auch herrsche die Gnade durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben, durch Jesum Christ. Achte nur einmal auf den Unterschied der beiden Reiche! Von dem einen wird nur gesagt: Die Sünde hat geherrscht zu dem Tod. Ihre Herrschaft war also eine verwüstende: Elend und Tod das Los ihrer Untertanen.

Und schaust du auf das andere Reich, in ihm schwingt Gnade himmlische, allmächtige, segnende Gnade das Zepter. Sie herrscht durch Gerechtigkeit. Die Sünde hatte in ihrem Reich die Gerechtigkeit unterjocht und zum Raub des Todes gemacht. Gottes Gerechtigkeit musste darum strafen. Gottes Gnade aber hat die Gerechtigkeit wieder frei gemacht. Seitdem ist die Gerechtigkeit die Stärke des Gnadenreiches. Die Gnade herrscht durch Gerechtigkeit, verherrlicht die Gerechtigkeit Gottes und schenkt dem Menschen Gerechtigkeit. Und so herrscht die Gnade zum ewigen Leben. Der Segen, welchen sie jedem ihrer Untertanen übermittelt, die Gabe, welche ihre Herrschaft jeder Seele gibt, ist dies, dass sie Leben kraftvolles, himmlisches, ewiges Leben - über den Tod triumphieren lässt.

Und dies geschieht alles durch Jesum Christum, unseren Herrn. Es ist Seine Gnade, Seine Gerechtigkeit, Sein Leben. Er ist der König, dessen Herrschaft als die Herrschaft der Gnade gerühmt wird. Die Gnade ist viel mächtiger geworden, auf dass sie durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben herrsche durch Jesum Christum, unseren Herrn.

Wie glücklich sind doch die Bewohner des Reiches, in welchem die Gnade herrscht! Da gilt Gnade und nichts als Gnade. Da ist Gnade zu jeder Stunde im reichsten Überfluss zu haben. Da herrscht Gnade mit völlig unumschränkter Gewalt. Man braucht keinem Befehl zu gehorchen, keine Arbeit zu verrichten und keinen Streit zu führen, ohne dass die Gnade mit der nötigen Kraft ausrüstete. Es ist ein Volk von Begnadigten des Herrn, welches wir da erblicken. Sie leben zum Preis der Herrlichkeit Seiner Gnade.

Das Wunderbarste aber dabei ist dies: Wenn die Sünde, welche in unserer alten Natur noch wohnt und wühlt, in einem Augenblick der Unbedachtsamkeit die Überhand erhält, darf die Seele die Herrlichkeit des Gnadenstandes am allerherrlichsten erfahren. Sie kennt den Artikel in dem Gnadengesetz des Reiches: „Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden“, und weiß sich augenblicklich an die Gnade zu wenden, ihre vergebende, reinigende und heilende Kraft an sich zu erfahren. Somit ehrt ein Mensch die Gnade, wenn er in dem Glauben an ihre Herrschaft jede Sünde zu ihr bringt und sich selbst als ein Sünder ihr übergibt. Und somit segnet die Gnade den Menschen, indem sie ihn in der Gerechtigkeit, die ihm geschenkt wurde, und in dem ewigen Leben, welches er in derselben hat, bewahrt und fest macht.

Und nun, meine lieben Mitchristen, lasst uns zusammen danach trachten, die herrlichen Lehren dieses Wortes zu lernen und zu behalten! Die erste ist: Lasst uns in dem Glauben stark werden, dass die Gnade viel mächtiger, als die Sünde ist und eine viel mächtigere Herrschaft, als die der Sünde besitzt. Lasst uns lernen, dass, gleichwie die Sünde jeden Augenblick wacht, um ihre verlorene Herrschaft wiederzugewinnen, ebenso die Gnade auf ihrer Hut ist, um das Gewonnene zu behaupten, ja, dass die Gnade, wenn wir ihr nur vertrauen, bestimmt den Sieg gewinnt und uns zu Überwindern macht. Die zweite Lehre ist die, dass die Gnade durch die Gerechtigkeit herrscht. Wenn ich in der Gerechtigkeit, die aus Gott stammt, im Glauben an Christus lebe und wandle, kann die Gnade in mir herrschen. Möchte doch diese wunderbare, göttliche Gerechtigkeit, welche jetzt ganz gewiss unser Eigentum ist, uns mehr und mehr bekannt werden! Dann würde die Gnade ungehindert ihre selige Herrschaft in uns offenbaren. Gewiss, in dem Herrn liegt unsere Gerechtigkeit und Stärke.

Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 19. Die Herrschaft der Begnadigten.

Röm. 5,17.
So um des Einigen Sünde willen der Tod geherrscht hat durch den Einen; vielmehr werden die, so da empfangen die Fülle der Gnade und der Gabe zur Gerechtigkeit, herrschen im Leben, durch den Einen, Jesum Christ.

Wie herrlich war doch das gestrige Wort über die Herrschaft der Gnade! Unser heutiger Text aber enthält ein Wort, welches womöglich noch herrlicher ist. Gestern hieß es, dass gleichwie die Sünde geherrscht hat, also auch, nur viel gewaltiger, die Gnade über den Menschen herrschen solle, der von der Herrschaft der Sünde befreit ist. Heute erhebt sich die Verheißung noch höher. Nicht allein soll die Gnade über den Menschen herrschen, sondern durch die Gnade soll auch der Mensch selbst herrschen. So um des Einen Sünde willen der Tod geherrscht hat, werden vielmehr die, welche die Fülle der Gnade empfangen haben, im Leben herrschen.

Mit Recht sagt der Apostel: „Diejenigen werden herrschen, welche die Fülle der Gnade empfangen haben;“ denn wahrlich, ohne den Empfang der wunderbaren und überreichlichen Gnade wäre dies nicht möglich. Aber es ist nicht nur möglich, es geschieht wirklich: Viel gewisser als dies, dass der Tod geherrscht hat, ist die Tatsache, dass diejenigen, welche die Fülle der Gnade empfangen haben, durch Jesum Christum in dem Leben herrschen.

Dieser Segen ist nicht etwa bloß für die zukünftige Welt da, nach dem Tod. Nein! Die Fülle der Gnade wird hienieden bereits empfangen. Hier auf Erden bereits ist der an Jesum Christum Gläubige mit ihm erweckt und in das himmlische Wesen versetzt. Hier auf Erden bereits besitzt er das ewige Leben. Auch für dieses Erdenleben gilt die Verheißung, dass in weit höherem Grade, als der Tod geherrscht hat, diejenigen durch Jesum Christum in diesem Leben bereits herrschen sollen, welche die Fülle der Gnade empfangen. Das aber ist es, was die Gnade für einen Sünder tut. Sie findet ihn unter der furchtbaren Herrschaft der Sünde und des Lodes. Und sie befreit ihn nicht nur, sondern lässt ihn tatsächlich über seine Feinde herrschen. Er wird der Zahl der Sänger hinzugefügt, welche fröhlich singen: Gott sei Dank, der uns stets Sieg gibt Ja, Gott sei Dank, der uns durch Jesum Christum den Sieg gibt! Sind wir doch mehr noch als Sieger durch den, der uns geliebt hat.

Von dieser Tatsache redet auch Johannes, da er sagt: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Jesus hat die Welt überwunden. Er herrscht inmitten Seiner Feinde in der Kraft des ewigen Lebens. Wer an Ihn glaubt, empfängt diese Fülle der Gnade, dass er an dem ewigen Leben und an dem errungenen Sieg Anteil erhält. Er herrscht jetzt schon mit Jesus.

Der Gläubige braucht nicht zu streiten, um erst am Ende des Streites zu siegen, nein, der Glaube, mit dem er den Streit anfängt, ist bereits der Sieg. Dieser Glaube stärkt sich an Jesu, der bereits gesiegt hat, er zieht den beiden Feinden, der Welt und der Sünde, als bereits überwundenen Gegnern entgegen, und schreitet so von Sieg zu Sieg.

Und wenn ein Christ fragt, wie er die Herrschaft über die Sünde und den Tod im Leben verwirklichen soll, so gibt unser Text die Antwort: diejenigen, welche die Fülle der Gnade empfangen, werden durch Jesum Christum im Leben herrschen. O lieber Christ, denke nur in deinem Herzen größer von dem, was Gottes Gnade will und was sie vermag! Lerne nur durch den Heiligen Geist verstehen, was für eine Macht die Gnade besitzt, welche für dich da ist! Erhebe dich nur im Glauben zu der Gnadenfülle, welche in Jesus liegt! Hege nicht länger menschliche, sondern göttliche Gedanken von der Gotteskraft des ewigen Lebens, welches du in Jesu Christo führst! Dann wirst du mehr und mehr lernen, in das Wort einzustimmen: Vielmehr werden die, welche die Fülle der Gnade empfangen, in dem Leben herrschen.

Beachte auch hier das Wort: die die Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, werden herrschen. Wir werden in diesem Leben bereits herrschen, wenn die vollkommene Gerechtigkeit des Herrn Jesus, welche uns von Gott zugerechnet und zum Eigentum geschenkt wird, tatsächlich das Leben unserer Seele ist. Gerechtigkeit und Gericht sind die Grundlagen Seines Thrones. Gottes Herrschaft ruht auf Seiner Gerechtigkeit. Und je mehr der Gläubige sich anbetend in die wunderbare Gabe der Gerechtigkeit Gottes, welche ihm geschenkt worden, vertieft und an dieselbe verliert, desto mehr wird er auch herrschen.

Doch hier ist noch etwas zu bedenken: Er wird herrschen im Leben. Die Gerechtigkeit Gottes und das Leben Gottes sind unzertrennlich nicht nur in Gott selbst, sondern auch in Seinem Kind. Darum sagt auch die Schrift: Der Gerechte wird aus seinem Glauben (seines Glaubens) leben. Weißt du nun, dass er gerecht ist, so weißt du auch, dass ein jeder, der in Gerechtigkeit wandelt, aus ihm geboren ist. Auf diese Weise muss der Gläubige, welcher diese Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen hat, erkennen, dass der Glaube nicht bloß ein Denken ist, welches seine Rechtfertigung feststellt, sondern auch der Zugang zu der von dem Heiligen Geist gewirkten göttlichen Offenbarung, der alles Denken übersteigenden Herrlichkeit, der in Christo liegenden Gerechtigkeit Gottes, welche er wirklich besitzt. 1. Kor. 2,9 u. 12; 6,11. Er lernt, in dieser Gerechtigkeit vor Gott zu leben. Er bringt sein Leben in derselben hin. Sie wird sein Leben. Sie ist das ewige Leben in ihm. Und dieses Leben ist dann Herrschaft, ein Leben in Kraft und Ruhm. Röm. 8,33. Und er erlebt es in persönlicher Erfahrung: Die die Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, herrschen im Leben durch Jesum Christum.

Durch Jesum Christum: Das ist der Anfang und das Ende in jedem Unterricht der Gnade. Die Gnade in Christo, das Leben in Christo, die Herrschaft in Christo Christus ist alles - und die verschiedenen Gaben der Gnade fallen uns zu, je inniger wir mit Jesus leben. Nur der, welcher sich durch den Unterricht über die Gnade dazu bewegen lässt, mehr mit dem Herrn Jesus in der Einsamkeit zu verkehren, sich mit Bewunderung und Hingabe immer inniger an ihn zu klammern, sich ganz in Ihn und Seinen Willen zu verlieren, nur der wird wirklich in der Gnade erstarken. Aber der wird es auch ganz gewiss. Durch Jesum Christum werden die, welche die Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, in dem Leben herrschen.

Welch herrliches Gnadenleben! Es ist nicht das armselige Leben eines Wurmes, wie manche meinen, sondern das Leben eines Königs, welches einem armen Wurm geschenkt wird. Denn so wunderbar und mächtig und herrlich die Herrschaft der Gnade ist, ebenso wunderbar ist auch durch Jesum Christum die Gnadenherrschaft in dem Leben derjenigen, welche die Fülle der Gnade empfangen haben.

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 20. Lebendigmachende Gnade.

Röm. 6,1-2.
Was sollen wir hierzu sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, auf dass die Gnade desto mächtiger werde? Das sei ferne; Wie sollten wir in der Sünde wollen leben, der wir abgestorben sind?

Der Apostel hatte in dem vorigen Kapitel Großes von der Fülle und der Herrschaft der Gnade gesagt. Vor allem hatte er das stolze Wort gesprochen, Röm. 5,20: „Das Gesetz ist neben eingekommen, auf dass die Sünde mächtiger würde. Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden.“ Hatte er durch dieses Wort nicht das Missverständnis veranlasst: Nun, wenn das wahr ist, dass die Gnade umso mächtiger wird, je größer die Sünde ist, müssen wir dann nicht in der Sünde beharren, auf dass die Gnade desto mächtiger werde? - Mit Entrüstung weist der Apostel diesen Gedanken durch sein entschiedenes: „Das sei ferne!“ von sich ab und geht dann Röm. 6,3-13 dazu über, zu zeigen, wie ungereimt dieser Gedanke ist, wie sehr er mit dem ganzen Werke der Gnade streitet, welches nichts anderes bezweckt, als gerade die Sünde auszurotten.

Wo die Gnade dem Gottlosen naht, heißt es: „Je mehr Sünde da gewesen, desto größere Ehre für die Gnade.“ Sobald sie ihn aber unter ihre Leitung nimmt, heißt es: „Je weniger Sünde, desto größere Ehre für die Gnade.“

Man sollte meinen, die Sache wäre so deutlich, dass die Gefahr verkehrter Folgerungen gar nicht bestehen könnte. Und doch bestand diese Gefahr. Es war für den Apostel eine Notwendigkeit, diese Einwürfe zu widerlegen, denn die erwähnte Beschuldigung ist tatsächlich in den Tagen des Apostels (Röm. 3,8) und auch in späteren Zeiten gegen die Lehre von der freien Gnade erhoben worden. Man sagte, es sei gefährlich, so freie überströmende Gnade für Gottlose zu predigen. Dann waren auch in den ersten Gemeinden einige, welche zwar mit dem Mund bekannten, durch ihren gottlosen Wandel aber diese Beschuldigung nahelegten. Gal. 5,13; 1. Petri 2,6; Jud. 4. Vor allem aber ist des Menschen Herz so töricht und blind und sind die Gnadengedanken Gottes für unsere Gedanken so unfassbar hoch, dass selbst gläubige Christen dieselben nicht so, wie es sich gehört, verstehen. Wo man z. B. meint, die Gnade bestehe allein oder doch hauptsächlich in der Vergebung der Sünden, da erhebt sich auch gar leicht der Gedanke: Wir müssen immer in der Sünde verharren, damit wir stets demütig und von der Gnade abhängig bleiben. So meint denn mancher Christ, er ehre die Gnade ganz besonders dadurch, dass er nichts von ihr so sehr erwarte, als die Vergebung seiner unzählbaren täglichen Sünden. Er denkt, dies sei ihre Hauptarbeit. Er weiß es nicht, dass es für die Gnade eine viel größere Ehre ist, in der Seele zu herrschen, die Macht der Sünde in der Seele wirklich zu unterdrücken und den Erlösten in einem neuen Leben der Gerechtigkeit und Heiligkeit Gott dienen zu lassen. Röm. 6,11 und 13,22-23.

Es ist vor allem um der in letztgenanntem Irrtum befangenen Gotteskinder willen, dass der Geist Gottes die Frage unseres Textes beantworten lässt. Und wie lautet die Antwort? Wie werde ich gänzlich aus diesem Irrtum und aus der Macht, welchen er der Sünde gibt, gerettet? Man findet die Antwort in dem sechsten Kapitel des Briefes an die Römer, vom 3. bis zum 13. Vers.

Da lesen wir tiefsinnige Worte, welche sich nicht so leicht begreifen lassen. Dem Christen aber, welcher entschieden danach Verlangen hat, nicht in der Sünde zu bleiben, weil er ja unter der Gnade steht, dem es entschieden darum zu tun ist, die von der Sünde befreiende Macht der Gnade reichlich kennen zu lernen, dem wird sie auch Gottes Geist deutlich machen. Nimmst du sie zu Herzen, denkst du über sie nach und setzt du dein Vertrauen auf sie auch dann, wenn du sie nicht völlig verstehst, dann bringen sie dir Licht, Leben und Kraft.

Das Erste, was du zu tun hast, ist dies, dass du den Hauptgedanken zu verstehen suchst: Sollen wir in der Sünde verharren, auf dass die Gnade desto größer werde? Das sei ferne! Und warum? Weil wir gerade durch die Gnade mit dem Jesus, dem zweiten Adam, vereinigt worden sind (Vers 15 und 18) und weil die Verbindung mit Ihm das Verharren in der Sünde unmöglich macht. Die Gnade hat ja tatsächlich uns ein neues Leben gebracht, ein Leben, welches aus dem Himmel stammt und heilig ist. Dieses himmlische Leben uns zu bringen, ist Jesus erschienen, 1. Joh. 1-3. Durch sein Sterben und Auferstehen sind wir dieses himmlischen heiligen Lebens teilhaftig. Wir sind ja mit Ihm verwachsen. Sein Tod ist unser Tod, denn wir sind mit Ihm gestorben. Vers 2, 3, 4, 5, 11. Sein Leben ist unser Leben, denn wir sind mit Ihm auferweckt. Vers 4, 5, 8, 11.

Nun ist der Herr Jesus in seinem Tod der Sünde gestorben, durch seine Auferstehung aber lebt er Gott. Vers 9, 10. Was aber der Tod und die Auferstehung des Herrn Jesus für Ihn sind, das sind sie auch für uns. Darum müssen wir uns nach Vers 11 daran halten, dass wir ebenso, wie Christus, der Sünde gestorben sind und Gott leben. Auf Grund dieses Ausspruches muss der Christ es als eine erledigte und entschiedene Tatsache betrachten: „Unser alter Mensch ist mit Ihm gekreuzigt, wir sind der Sünde gestorben, wir leben Gott, wir müssen uns Gott hingeben, dieweil wir aus Toten Lebendige geworden sind.“ Der Glaube an diese Tatsache gibt dem Menschen Kraft, seine Glieder Gott zu Waffen der Gerechtigkeit zu ergeben, auf dass die Sünde nicht mehr in dem sterblichen Leibe herrsche. Vers 11, 12

Lieber Christ! Da hast du die Antwort auf die Frage: Soll ich unter der Gnade noch in der Sünde verharren? Und auf die andere Frage: Wie kann ich, der ich unter der Gnade stehe, dahin gelangen, dass ich nicht in der Sünde bleibe? Gottes Antwort ist deutlich: Merk es, glaub es, sprich es vor Gott aus, leb in der Gewissheit, dass du mit Christo ebenso wie Christus der Sünde gestorben bist und Gott lebst! Die Sünde hat dir nichts zu sagen. Du stehst nicht unter der Sünde, sondern unter der Gnade. Und was die Gnade für dich tun will, ist nichts weniger als dies: Sie will dich in der Kraft des Lebens Jesu dazu befähigen, die Sünde zu besiegen und Gott zu dienen. Dadurch, dass ihr aus dem Tode zum Leben gekommen seid, habt ihr die Kraft, eure Glieder Gott zu Waffen der Gerechtigkeit zu ergeben. Vers 13.

Die Gnade herrscht durch die Gerechtigkeit, macht uns von Sünde frei und bringt uns zum Dienst der Gerechtigkeit zurück. Je besser wir die Gnade als das Leben Christi in uns kennen, desto weniger sündigen wir. Wenn wir uns ganz und gar der Gnade hingeben, damit sie uns mit sich selbst fülle, dann unterdrückt sie die Sünde in uns.

Darum lass dich durch die Gnade belehren, lieber Christ! Sie sagt dir, dass du in Christo so gewiss der Sünde gestorben bist, wie Christus selbst. Die Sünde ist nicht gestorben, sie findet sich noch in deinen Gliedern. In dem Glauben aber an Christus, als unser Leben, haben wir die Kraft sie zu hindern, in unseren Gliedern zu herrschen. O, lieber Christ, lebe in Ihm und mit Ihm! Lass Ihn in dir leben! Das ist der Weg, auf dem die Gnade ihr herrliches Werk in uns, die wir von der Sünde befreit sind, vollendet, damit wir (Luk. 1,74-75) aus der Hand unserer Feinde erlöst, Ihm alle Tage unseres Lebens ohne Furcht, in Heiligkeit und Gerechtigkeit dienen können.

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 21. Unter der Gnade.

Röm. 6,14.
Die Sünde wird nicht herrschen können über euch; sintemal ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.

Gottes Gnade befreit nicht nur von der Sünde, sondern auch von dem Gesetz. Ja, um überhaupt von der Sünde befreien zu können, ist sie genötigt, erst von dem Gesetz zu befreien. Dass so viele Gläubige die Kraft der Gnade, von Sünde zu befreien, nicht recht kennen lernen, liegt hauptsächlich daran, dass sie nicht begreifen, dass sie von dem Gesetz frei sind. Aus diesem Grund aber wird uns hier vorgehalten, dass wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade stehen und dass infolgedessen die Sünde über uns nicht herrschen darf.

Was bedeutet nun der Ausdruck: „nicht unter dem Gesetz“? Wir wissen, was uns die Schrift über das Gesetz lehrt. „Das Gesetz sagt Röm. 10,5, Gal. 3,12: Der Mensch, welcher diese Dinge tut, wird durch dieselben leben,“ und dem gegenüber: „Verflucht sei ein jeder, der nicht bleibt in alle dem, was geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, danach zu tun.“ Das Gesetz kommt also mit einer Forderung. Es fragt den Menschen nicht, ob er es tun kann. Es gibt ihm auch nicht die Kraft dazu. Es kennt auch kein Mitleid, wenn er hinter dem, was es gefordert, zurück bleibt. Nein, es besteht auf seinem Recht, es verlangt unerbittlich seine Strafe. Aus diesem Grund ist ein Leben unter dem Gesetz sehr schwer, ein stetes Nicht-erreichen, Sich-selbst-verurteilen und Zittern, eine stets neue Anspannung aller Kräfte und eine stets wiederkehrende Enttäuschung. Und ist einmal auf irgendeinem Punkt ein Fortschritt zu sehen, gleich entdeckt man neue Tiefen von Sünde. Auf diese Weise aber führt das Gesetz nicht zur Gerechtigkeit. Im Gegenteil, es vermehrt nur die Sünde und das Elend. Röm. 4,15; 5,20; 7,5 u. 8.

Nun war es die große Absicht des Herrn, welche ihn auf diese Erde führte und in den Tod trieb, uns diesem Stand unter dem Gesetz zu entziehen, Gal. 4,5 und unter eine völlig andere Ordnung zu stellen, unter die Gnade. Gnade und Gesetz haben zwar denselben Zweck. Sie wollen nämlich dem sündigen Menschen gegenüber die Gerechtigkeit Gottes handhaben und in ihm ein gerechtes Wesen herbeiführen. Allein, was den Weg betrifft, auf dem sie dies bewirken wollen, stehen Gnade und Gesetz schnurstracks einander gegenüber. Gottes Gnade fängt damit an, dem Menschen zu sagen, dass sie weiß, dass er nichts kann, dass sie darum auch nichts von seiner Kraft erwartet. Sie sagt, dass sie alles für ihn tun will. Sie sagt, dass sie jeden Augenblick alles in ihm vollbringen will, was nötig ist, um Gott zu gefallen. So kommt sie, so fängt sie ein neues Leben in ihm an, so übernimmt sie es auch, dieses Leben zu erhalten.

Welch' ein Unterschied zwischen dem Leben unter dem Gesetz und dem Leben unter der Gnade! Das Leben unter dem Gesetz ist das Leben eines Sklaven, welcher es seinem Herrn doch nie recht machen kann. Das Leben unter der Gnade ist das glückliche und sorgenfreie Leben eines Kindes, welches durch die Gnade mit wunderbarer Liebe versorgt und erzogen wird.

Jetzt ist die Kraft der Beweisführung erkennbar. Die Sünde wird nicht herrschen können über euch, sintemal ihr unter der Gnade steht, welche mächtiger ist, als die Sünde, und sich dazu verpflichtet hat, euch die Herrschaft über die Sünde zu geben, wenn ihr euch nur ihr anvertraut.

Nun lässt sich erkennen, weshalb die Sünde noch über so viele Christen herrscht. Sie stehen noch immer halb unter der Gnade und halb unter dem Gesetz. Sie meinen, sie müssten nun mit Hilfe der Gnade unter dem Gesetz immer getreuer und besser leben. Sie haben Gott gegenüber noch immer das Gefühl, als sei er ein Herr, welcher mehr verlangt, als sie leisten können, ein Gefühl unendlichen Zurückbleibens. Infolge dieses Gefühls werden sie mutlos und machen sie sich selbst Vorwürfe. Sie wissen ja nicht, dass Gott sie ganz und gar der Aufsicht und Herrschaft des Gesetzes entzogen und sie vollkommen der Aufsicht und Herrschaft der Gnade unterstellt hat. Gar viele Gläubige wissen dies nicht, obwohl Gottes Wort es klar und deutlich lehrt. So ausdrücklich, wie geschrieben steht: Ihr seid der Sünde gestorben, Röm. 6,2.11; Ihr seid von der Sünde befreit (V. 22), ebenso ausdrücklich findet sich auch das Wort: Ihr seid dem Gesetz gestorben Röm. 7,4; Gal. 2,19. Ihr seid von dem Gesetz befreit. Röm. 8,5. Wie der Tod des Herrn Jesus uns von der Macht der Sünde befreite, ebenso befreite er uns von der Macht des Gesetzes. Gal. 2,19. Ein Gesetz, welches vollkommenen Gehorsam verlangt und jeden, der es nicht hält, unerbittlich verflucht, ist ungeeignet, den Menschen zu einem Diener Gottes zu machen. Darum macht Gott Seine Kinder von dem Gesetze frei.

Dies zu verstehen, denke man einmal an den Unterschied zwischen Inhalt und Form. Ich gebiete einem Menschen etwas. Da er nicht mein Knecht ist, weigert er sich, es zu tun. Ich ersuche ihn herzlich darum. Und er tut es gleich. Der Inhalt des Gebotes und des Ersuchens war derselbe, aber die Form war verschieden. So bleibt auch der Inhalt des Gesetzes bestehen, während nur die Form eine Veränderung erleidet. Der Gläubige steht nicht mehr unter dem Gesetz, welches uns um jedes Fehlers willen verflucht. Gott hat nun einen ganz anderen Plan mit uns. Sein Wille, den Er uns in dem Neuen Testament, in Christo kund tut, ist viel höher als Sein Wille, wie Er ihn in dem Alten Testament geoffenbart hat. Und doch können wir ihn erfüllen, weil wir unter der Gnade stehen. Die Gnade verlangt ja von dem Kind nicht mehr, als es tun kann. Sie macht das Herz durch den Geist von innen heraus willig. Hebr. 8,7-8 u. 10; Gal. 5,18; Röm. 8,4. Ja, die Gnade gibt die Kraft und wirkt selbst das Wollen und das Vollbringen.

Lieber Christ! Dass du dies Wort: „Nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade,“ annimmst, ist viel wichtiger für dich, als du denkst. In ihm liegt die Kraft der Verheißung: Die Sünde wird über dich nicht herrschen. Trag darum dies Wort betend mit dir herum und sprich es gläubig aus: „Die Sünde wird über dich, meine Seele, nicht herrschen, denn du stehst nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade.“

Dieses Wort ist lebendig. Es wird Leben wirken, eine Kraft ausströmen und dich das unbegreiflich selige Leben kennen lernen lassen, in welchem die Gnade durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben herrscht.

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 22. Heiligende Gnade.

Röm. 6,15.
Wie nun? Sollen wir sündigen, dieweil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne!

Je herrlicher eine Wahrheit Gottes ist, desto größer ist die Gefahr, dass sie missbraucht werde, gerade weil sie für den Menschen zu hoch und zu geistlich ist. Hatte der Apostel Röm. 5,20 gesagt: „Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden,“ so musste er gleich den Irrtum abwehren: „Sollen wir in der Sünde beharren, auf dass die Gnade desto mächtiger werde?“ Und hat er hier gesagt: „Ihr seid nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade,“ gleich muss er wieder fragen: „Sollen wir sündigen, dieweil wir nicht unter dem Gesetz sind?“

Diese Frage hat einen Schein von Wahrheit. Gar mancher denkt: Predige dies doch ja nicht, dass wir nicht unter dem Gesetz stehen! Das ist zu gefährlich. Die Folge einer solchen Predigt ist ja dann der unvermeidliche Gedanke: „Nun dürfen wir sündigen.“ Wie stellt sich nun der Apostel zu diesem Bedenken? Ändert er etwas an dem Wort, das er geredet hat? Durchaus nicht. In dem siebten Kapitel zeigt er ja gerade, wie völlig die Beziehung zu dem Gesetz abgebrochen ist. Der Gläubige ist durch dasselbe so wenig gebunden, wie eine Frau an einen Mann, welcher gestorben ist. Er ist von demselben befreit. Und weiter zeigt er, wie das Gesetz niemals die Kraft zum Gehorsam geben kann, vielmehr nur die Sünde vermehrt. Kap. 7,5; 8,11-24. Auf das geäußerte Bedenken aber antwortet er damit, dass er zeigt, wie die Gnade uns in eine solche neue und lebendige Verbindung mit der Gerechtigkeit (Vers 18-20), mit Gott (V. 22) und vor allem mit dem Herrn Jesus (7,4) bringt, dass die Heiligung aus derselben mit Notwendigkeit sich ergeben muss und gerade das, was das Wort „unter dem Gesetz“ niemals bewirken konnte, durch das Wort „unter der Gnade“ herrlich zu Stand kommt. Hätte Gott allein gesagt: „Ihr seid nicht unter dem Gesetz,“ hätte Er uns nur von seiner Herrschaft befreit und uns dann uns selbst überlassen, so wäre Gesetzlosigkeit infolge davon entstanden. Allein auf Sein Wort: „Ihr seid nicht unter dem Gesetz“ folgt ja das andere: „Ihr seid unter der Gnade.“ Eine neue Herrschaft ist an die Stelle der Herrschaft des Gesetzes getreten, eine neue Herrschaft, welche es ebenso genau mit der Sünde nimmt, wie das Gesetz, aber einen anderen Weg zur Unterdrückung der Sünde einschlägt. Aus diesem Grunde zeigt der Apostel in den auf unseren Text folgenden Versen, wie wörtlich er das Wort: „Unter der Gnade“, versteht. Das Gnadenleben ist und bleibt ein Leben der Unterwerfung, der Abhängigkeit und des Gehorsams. Siehe nur Röm. 6: Vers 16,18,19,22! Der von der Sünde Befreite stellt sich freiwillig zum Dienst der Gerechtigkeit, auf dass er heilig werde (V. 19), wird Gottes Knecht, zur Heiligkeit zu gelangen (V. 22). Dieselbe Gnadentat, welche den Gläubigen von dem harten Sklavendienst des Gesetzes befreit, treibt ihn durch die Vereinigung mit Christo dazu, freiwillig und darum frei der Gerechtigkeit zu dienen. Oder mit andern Worten, wie Paulus sie im siebten Kapitel Vers 4 braucht: Das Band, welches das Gesetz und den Gläubigen verbindet, ist zerrissen, weil derselbe in Christo dem Gesetz abgestorben ist. Gal. 2, 19. Jetzt aber ist er mit dem auferweckten Jesus vereinigt, durch denselben seinem Gott Früchte zu bringen.

Welch' ein herrliches Gleichnis! Ich habe einmal ein Haus gekannt, in welchem die Frau geradezu ein Sklavenleben führte. Ihr Mann achtete auf alles ganz genau. Er hatte für alles feste bestimmte Regeln, und war nie zufrieden. Essen wollte er nur, wenn seine Frau die Speisen mit eigener Hand zubereitet hatte. Nun war aber seine Frau nicht stark. So mühte sie sich vergeblich ab, ihm zu Gefallen zu leben. Sie arbeitete wie eine Sklavin und erhielt nichts anderes, als Sklavenlohn. Geld konnte sie soviel erhalten, wie sie nur wünschte, denn es war seine Ehre, dass sie gut gekleidet war. Allein Liebe fand sie nicht. Da hast du das Abbild einer Seele, welche unter dem Gesetz steht, oder mit dem Gesetz verheiratet ist. - Ich habe auch einmal ein anderes Haus gekannt, in welchem trotz aller Krankheit und Armut das Glück herrschte. Der Mann hatte seine Frau lieb. Er fand sich in ihre Schwachheit. Gar oft tat er in dem Haus etwas, was eigentlich zu der Arbeit der Frau gehört. War die Frau wieder gesund, so gab es nichts, das sie nicht gern für ihren Mann getan hätte. Er schrieb ihr nichts vor, aber jeder seiner Wünsche wurde erfüllt. Sein Wunsch und Wille war für sie Gesetz. In ihrem Haus herrschte die Liebe. Ebenso sehr, wie in dem ersten Haus das Wesen des Mannes gefürchtet wurde, wurde in diesem Hause der Wille des Mannes geliebt. Und die Folge davon war: So viel Unzuträglichkeit, Furcht und Bitterkeit sich in dem ersten Hause fanden, so viel Liebe und Glück offenbarte sich in dem andern.

So steht es mit der Gnade. Sobald uns in der Vereinigung mit Christo Sein Geist beseelt, haben wir ein Gesetz in uns, welches uns von dem Gesetz außer uns, über uns und gegen uns befreit. Gal. 5,1 u. 18; 1. Kor. 6,17; Hebr. 7,18-19 und 8,6-13.

Gar mancher Gläubige lebt auch nach seiner Bekehrung unter dem Gesetz. Erst wenn er einsieht, dass er in Christo dem Gesetz abgestorben ist, gelangt er völlig unter die Gnade. Dann erkennt er, dass er von dem Gesetz befreit ist, nicht um ohne Gesetz zu leben, sondern um unter ein höheres Gesetz zu kommen, unter das königliche Gesetz, das Gesetz der Liebe, das Gesetz der Freiheit. Während er früher es für gefährlich hielt, nicht unter dem Gesetz zu stehen, weil man ja dadurch die Freiheit zu sündigen bekäme, fängt er nun an zu verstehen, dass gerade der Umstand, dass wir uns der Gnade unterstellen, der beste und einzige Weg ist, nicht mehr zu sündigen. Er begreift, dass die Verbindung mit der Person des lebendigen Jesus, welcher das Gesetz bereits erfüllt hat, dass das Leben der Hingabe an Ihn und Seine Liebe, dass die stete Abhängigkeit von Seiner Kraft am allersichersten zu wahrer Heiligkeit führt. Seine Seele pflichtet dem Apostel Paulus bei: „Unter dem Gesetz nimmt die Sünde zu, unter der Gnade wird die Sünde überwunden.“ Nun sind wir von dem Gesetz befreit, also dass wir dienen sollen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens. Röm. 7,6.

O lieber Christ! Scheue dich doch nicht, anzunehmen, was dir die wunderbare Liebe Gottes bereitet hat! So lange der Sünder noch unbekehrt ist und nicht in Christo lebt, steht er unter dem Gesetz, ist er zu vollkommenem Gehorsam verpflichtet und, weil er denselben nicht besitzt, verurteilt. Röm. 3,19-20; Gal. 3,10. Durch den Glauben an Christum aber entzieht er sich seiner Stellung unter dem Gesetz und tritt er nunmehr unter die Gnade. Nun sind wir zwar ängstlich, alles der Gnade zu überlassen, ohne die Hilfe des Gesetzes in Anspruch zu nehmen; Gott aber kennt die Kraft der Liebe. Er weiß dass dieselbe alles vermag. Darum fürchtet Er sich auch gar nicht, zu sagen, dass Er, gleichwie ein liebender Mann seiner Frau keine Vorschriften macht und seinen Willen trotzdem von ihr besser erfüllt sieht, als von einem Diener, welcher unter einem Gesetz steht, uns ebenso in die selige Verbindung mit Seinem eigenen Sohn bringe. Hos. 2,15,18-19. O liebe Seele, du kannst den Herrn gar nicht recht lieb haben und Ihm dienen, es sei denn, dass du an diese Seine unbegreifliche Gnade glaubst und dich im Vertrauen auf dieselbe Ihm in die Arme wirfst.

Indessen wenn du es wagen willst, die Stelle einer Magd mit der Stellung einer Gattin zu vertauschen, und unter dem Schutz der unaussprechlichen Gnade dein Leben Tag für Tag zu führen, dann wirst du es bezeugen können, dass es nehmt Weg zur Gerechtigkeit und Heiligkeit gibt, welcher so sicher und selig wäre als dieser, nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade zu stehen.

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 23. Von der Gnade gefallen.

Gal. 2,21.
Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn, so durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.
Gal. 5,4.
Ihr habt Christum verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid von der Gnade gefallen.

Diese Worte weisen auf eine Gefahr hin, welcher Gläubige ausgesetzt sind. Es ist nicht die Gefahr des sogenannten Abfalls der Heiligen, sondern die Gefahr, dass jemand, der ein aufrichtiger Christ ist, sich verleiten lässt, auch nachdem er Christum angenommen hat, doch noch in dem Gesetz und in den Werken seine Gerechtigkeit zu suchen. Von denen, die dies tun, sagt Paulus, dass sie die Gnade wegwerfen, dass sie von der Gnade gefallen sind, dass sie Christum verloren haben.

Er ist in diesem Fall vergeblich für sie gestorben.

Dieser schädliche Irrtum bestand nicht nur unter den Galatern. Er ist heute noch selbst unter aufrichtigen Christen sehr verbreitet. Er entsteht durch die Selbstgerechtigkeit des menschlichen Herzens und die Unbekanntschaft mit dem, was wahre Gnade ist. Wahre Gnade ist etwas so Göttliches, so Himmlisches, so unendlich über alles menschliche Denken Erhabenes, dass selbst ein wahrhaft Begnadigter noch gar viel lernen muss, ehe er sie wirklich in ihrer ganzen Fülle kennt. Wenn er sich nicht in aller Demut und Kindlichkeit der Erziehung der Gnade anvertraut, kommt er sehr leicht dazu, Gnade und Werke zu mengen und so aus dem Leben unter der Gnade in ein Leben unter dem Gesetz zu fallen.

Die Art und Weise, wie sich dieser Irrtum meistens kund tut, ist diese. Der Christ nimmt das Wort: „Ihr seid nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade“ nicht buchstäblich. Er glaubt vielmehr, zum Teil noch unter dem Gesetz zu stehen, unter einer Vorschrift und der Verpflichtung, dieselbe zu befolgen. Sobald er eine Sünde getan, spannt er alle seine Kraft an, es besser zu machen. Er tut dies nicht ohne Vertrauen auf Christi Blut, nicht ohne Gebet um Christi Geist und Kraft. Allein die Seligkeit, welche dem zuteil wird, welcher völlig unter der Gnade steht, fühlt er nicht. Er weiß nicht einmal, was das bedeutet, dass er, sobald er eine Sünde bemerkt, sofort daran denken darf, dass er ganz und gar unter der Herrschaft unendlicher Gnade steht, und was darin liegt, dass er sich augenblicklich zu seinem Schutz auf die Gerechtigkeit Christi und das rechtfertigende Urteil Gottes berufen darf, so dass in dem Augenblick, in welchem sich die Sünde zeigt, sie auch durch eine Glaubenstat ausgetilgt wird. Auch das weiß er nicht, dass er sofort durch denselben Glauben derselben allmächtigen Gnade die Überwindung der Sünde überlassen darf, da ja die Überwindung der Sünde ebenso wenig, als die Vergebung derselben sein Werk ist. Seine Übertretung erregt bei ihm oft das drückende Gefühl, welches eine Verpflichtung erregt, der man nicht nachkommen kann, während doch die Folge seiner Übertretung eigentlich nur die sein sollte, dass er zu dem seligen Gefühl allmächtiger Gnade käme, welche alles an ihm und in ihm auf sich genommen hat. Er steht nicht fest und fröhlich in der Gnade. Er wirft die Gnade weg dadurch, dass er sich so benimmt, als stände er unter dem Gesetz. Er liegt am Boden als einer, welcher zeitweilig von der Gnade gefallen ist. Erhebt er sich wieder, so ist doch sein Leben ein stets neues Fallen und Aufstehen, denn er steht nicht in der Gnade.

Der Gläubige dagegen, welcher weiß, was die Herrschaft der Gnade über die Sünde mit sich bringt, und wie diejenigen, welche die Überschwänglichkeit der Gnade und die Gabe der Rechtfertigung empfangen, auch durch die Gnade herrschen, weiß auch, was es bedeutet, bei jedem Straucheln sich nicht wie ein Knecht unter das Urteil des Gesetzes stellen zu müssen, sondern als ein Kind sich unverweilt der Gnade in die Arme werfen zu dürfen. Ja, mehr noch! Mit demselben Freimut, mit dem eine geliebte und liebende Frau ihrem Mann, dessen Liebe sie vollkommen vertraut, ihre Fehler bekennt und ihn bittet, ihr zu helfen, dieselben abzulegen, mit demselben Freimut darf eine Seele jedes Straucheln dem Herrn übergeben, dessen Eigentum sie geworden ist. Die Gnade aber lehrt uns mehr, die Sünde zu hassen, als das Gesetz es vermochte. Dass unter den Christen noch immer sich so viel Sünde findet, liegt nicht daran, dass von der Gnade zu viel geredet oder gepredigt wird, sondern daran, dass die Gnade zu wenig gekannt, zu wenig im Glauben ergriffen und zu wenig erlebt wird. Gott kennt nur ein Mittel, uns von Sünde zu befreien. Das Mittel aber gibt er in Seiner wunderbaren Gnade, welche er in Christo offenbart.

Dass wir nun so oft von dieser Gnade fallen, liegt nur daran, dass wir so träge sind, sie recht kennen zu lernen, und dass wir zu ängstlich sind, auf sie völlig unser Vertrauen zu setzen. Wir bekennen zwar, dass wir ohne das Gesetz und seine Werke gerecht werden; aber um heilig zu werden und um so weit zu kommen, dass der Herr Gefallen an uns finden kann, wollen wir stets unter dem Gesetz stehen. Und wie werden wir von diesem tiefeingewurzelten Irrtum frei? Antwort: „Wenn ihr von dem Geist geleitet werdet, seid ihr nicht unter dem Gesetz.“

Lieber Christ, suche diese Antwort zu verstehen! Es ist nicht eine Verstandessache, sondern etwas Geistliches, von dem Stehen unter dem Gesetz frei zu werden und zu begreifen, was das heißt, unter der Gnade zu stehen. Du musst entschieden geistlich werden und dein ganzes Leben unter die Leitung des Geistes stellen, dann lernst du die geistliche Freiheit von dem Gesetz verstehen und genießen. 1. Kor. 2,12 u. 15; 31 u. 3; 2. Kor. 3,17; Gal. 4,5 u. 6; 5,1 u. 5. Dann wirst du vor der Gefahr behütet, von der Gnade in die Werke zu fallen. Dann stehst du fest und wirst du in der Gnade stark. Dann zeigt sie an dir ihre heiligende Kraft und lebst du das fröhliche, kindliche und heilige Leben, zu welchem dich Gottes Gnade erwählt.

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 24. Vom Versäumen der Gnade.

Hebr. 12,14-16.
Jagt nach dem Frieden gegen Jedermann, und der Heiligung, ohne welche wird Niemand den Herrn sehen. Und seht darauf, das nicht Jemand Gottes Gnade versäume, dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte, und viele durch dieselbe verunreinigt werden; dass nicht Jemand sei ein Hurer oder ein Gottloser, wie Esau, der um einer Speise willen seine Erstgeburt verkaufte.

Von der Gnade in die Werke des Gesetzes und der Selbstgerechtigkeit zu fallen - das war die Gefahr, in welcher die Galater schwebten; die Gnade zu versäumen - das war die Gefahr, in welcher sich die Hebräer befanden.

Sie waren nahe daran, nicht etwa wie die Galater von einem Leben in der Gnade zu einem Leben in Selbstgerechtigkeit abzuirren, sondern vielmehr aus einem Leben in der Gnade in ein Leben in Ungerechtigkeit zu sinken. Dieses Wort vom Versäumen der Gnade enthält eine ernste Warnung für jeden, welcher in der Gnade bleiben will.

Worin bestand nun die Gefahr? Schon an einer früheren Stelle hatte der Verfasser des Hebräerbriefes dasselbe Wort gebraucht, Hebr. 4,1: „So lasst uns nun fürchten, dass wir die Verheißung, einzukommen zu Seiner Ruhe, nicht versäumen und unser Keiner dahinten bleibe.“ Viele, sagt er, sind aus Ägypten gezogen, aber nicht alle sind nach Kanaan gekommen. Viele sind in der Wüste zurückgeblieben und umgekommen. So hatte er auch im zwölften Kapitel (Vers 1 und 12) gesagt: „Last uns laufen!“ (ein Bild aus dem Treiben in der Rennbahn, in welcher man um die Ehre, wer am schnellsten zu laufen im Stande sei, streitet). Richtet auf die lässigen Hände und die müden Knie! Und tut gewisse Tritte mit euren Füßen! Jagt dem Frieden nach und der Heiligung und seht darauf, dass nicht Jemand Gottes Gnade versäume oder zurückbleibe! Während ein Abfall der Heiligen, der Heiligen Gottes, schlechterdings unmöglich ist, lehrt die heilige Schrift, dass jemand anfänglich starke Gnadenwirkungen erfahren und trotz denselben sich doch noch von der Wahrheit abwenden kann.

Vor allem in dem Brief an die Hebräer finden wir ernstliche Warnungen im Hinblick auf diese Tatsache. (Hebr. 3,12-14; 4,11; 6,4-8 u. 11; 10,26-31 u. 38). Gerade deshalb, weil ein Zurückbleiben in der Gnade der Anfang zu dem völligen Versäumen der Gnade werden kann, von dem unser Text redet, mahnt uns die Stimme des Herrn, selbst den allerkleinsten Anfängen des Zurückbleibens gegenüber auf der Hut zu sein.

Und woher kam denn eigentlich diese Gefahr, zurückzubleiben? Welche Versuchung ist es denn, die in diese Gefahr bringt? „Lasst uns ablegen jede Last und die Sünde, welche uns immer anklebt, und lasst uns auf der uns vorgeschriebenen Bahn laufen!“ lautet eine Mahnung an uns. Es ist also nicht allein jede Sünde, , die es abzulegen gilt, sondern auch jede Last. Alles, was uns auf unserem Wege hindert, selbst das, was an und für sich erlaubt ist, muss abgelegt werden. Diese beiden Punkte sind auch in unserem Text berührt. „Jagt der Heiligung nach und seht zu, dass niemand zurückbleibe!“ Jede Sünde, welche geduldet wird, jede Unbesorgtheit in Betreff der Sünde, jede Trägheit in dem Ringen nach einem Leben in Heiligkeit führt zu einem Zurückbleiben in der Gnade. Aber nicht die Sünde allein hat diese Wirkung.

„Dass nicht Jemand sei ein Hurer, oder ein Gottloser, wie Esau, der um einer Speise willen seine Erstgeburt verkaufte!“ mahnt unser Text. Nun ist Speise an und für sich erlaubt und notwendig. Dadurch aber, dass Esau die Speise für wichtiger hielt, als den Segen Gottes, bewies er seine unheilige, fleischliche Gesinnung. Das Sichtbare war ihm wichtiger, als das Unsichtbare. So waren es denn auch die Fleischtöpfe Ägyptens, um derer willen so viele in der Wüste murrten und zurückblieben. Und so ist es gar oft heute noch die Sorge um Speise, die Liebe zur Welt (Luk. 8,13.14; 17,26-29; 21,34; 1. Tim. 6,8.9; 2. Tim. 4,10), der Unwille, das Kreuz auf sich zu nehmen und sich zu verleugnen, die Begierde, nur ja alles Erlaubte festzuhalten, wodurch der Christ gehindert wird, in der ihm vorgeschriebenen Bahn zu laufen und der Heiligung nachzujagen. Auf diese Weise aber kommt er dazu, in der Gnade zurückzubleiben, und er gerät ernstlich in Gefahr, die Gnade gänzlich zu versäumen.

Welch eine entsetzliche Gefahr! Was für eine furchtbare Versuchung! Wo ist ein Mittel, welches uns vor solchem bewahrt? „Jagt der Heiligung nach und seht zu, dass niemand zurückbleibe!“ Diese Mahnung wendet sich nicht an jeden Einzelnen für sich, sondern, da sie in der Mehrzahl abgefasst ist. an die ganze Gemeinde. Sie sagt nicht: Ein jeder sehe für sich selbst allein zu; nein, sie sagt: Seht alle zu, dass niemand zurückbleibe! Wenn alle Christen auf einander achten, wenn der Starke den Schwachen trägt und jeder Kreis von Christen, welcher zu einer Hausgemeinde, Bibelstunde oder Kirchengemeinde verbunden ist, als ein Leib für jedes seiner Glieder Sorge trägt, dann werden wir nicht so oft von einem Zurückbleiben in der Gnade hören. Allein, was zu beachten ist, diese gegenseitige Überwachung tritt nur da in Kraft, wo man der Heiligung nachjagt. In ihr liegt also das rechte Mittel, wenn man bewahrt werden will. Wo man darum nicht der Heiligung nachjagt, ist die Gefahr, zurückzubleiben, sehr groß. Darum sehne dich nach der Heiligung! Darum widme sich ihr von ganzem Herzen! Lass die Heiligung, welche aller Sünde entsagt, lass das Heiligwerden, wie Gott heilig ist (1. Petri 1,15), in der Tat das Kleinod unserer Berufung sein, dem wir nach sagen sollen! Wenn du das tust, wirst du nicht in der Gnade zurückbleiben. Das Jagen nach der Heiligung, das Verlangen nach der Überwindung der Sünde wird dir die Gnade so teuer wert machen, dass es bei dir zu einem Vorwärtsschreiten an Stelle eines Zurückbleibens kommt. Das ist das Werk, zu dessen Vollbringung die Gnade erschienen ist. Sie will von Sünde frei machen. Ephes. 1,4.7.8. In jeder Seele, welche sich mit jeder Sünde ihr zu dem Zwecke, von Sünden frei zu werden, hingibt, wird sie ihre Herrschaft kraftvoll offenbaren. Darum lasst uns jede Last und die Sünde, welche uns immer anklebt, ablegen und lasst uns auf der uns vorgeschriebenen Bahn laufen, indem wir dabei auf Jesum sehen. Er ist unsere Heiligung. In Ihm liegt unser Gnadenschatz. Auf Jesum sehen ist das beste Mittel zur Verhütung dessen, dass jemand die Gnade versäume.

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 25. Mancherlei Gnade.

1. Petri 4,10.
Dient einander, ein Jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes!
Röm. 12,6.
Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.
Ephes. 3,7.
Nach der Gabe, aus der Gnade Gottes, die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben ist.
Ephes. 4,7.
Einem Jeglichen aber unter uns ist gegeben die Gnade nach dem Maß der Gabe Christi.

Bei allem, was Gott tut, zeigt Er den Reichtum Seiner wunderbaren Weisheit und Macht in der unendlichen Verschiedenheit Seiner Werke. Nirgends findet sich Eintönigkeit. Überall entdeckt man Seine unendliche Lebensfülle in den mannigfaltigen Formen, in denen sich das Leben offenbart. Das gilt nicht allein von der Natur, sondern auch und zwar ganz hervorragend von der Gnade.

Unsere Erkenntnis der Gnade ist und bleibt gar schwach, wenn wir nicht darauf achten und das beherzigen, dass sie den Namen „Mancherlei Gnade“ trägt.

Das Wort „Mancherlei Gnade“ wird uns davor bewahren, andere zu verurteilen, ein Fehler, in welchen ein junger Christ so leicht fällt. In der Freude und in dem Feuer der ersten Liebe kann er nicht verstehen, dass nicht alle so sind, wie er. Selbst ein geförderter Christ achtet nicht genug auf den Unterschied der natürlichen Charakteranlage, des Weges Gottes mit der Seele, der Leitung und Gabe des Geistes, durch welche doch das Glaubensleben so verschiedene Ausprägung erhält. Abraham und Isaak, Jakob und Joseph, David und Salomo, Petrus und Johannes, Paulus und Jakobus, welche der Herr in Seinem Reich so dicht nebeneinander gestellt, wie stark unterschieden sie sich doch von einander! Sie waren lebendige Beispiele der mancherlei Gnade, und bewahren uns vor der Gefahr zu meinen, dass Gnade sich bei andern auf dieselbe Art und Weise offenbaren müsse, wie bei uns. So verhält es sich nämlich nicht. Vielmehr hat der reiche Vater Seine Gaben an Seine Kinder nach dem Maße ausgeteilt, wie es für ein jedes Not tat.

Das Wort „Mancherlei Gnade“ kann uns auch vor Missmut bewahren. Es besteht nämlich noch eine andere Gefahr, welche der zuerst erwähnten gerade entgegengesetzt ist, die Gefahr, die ich anstatt Andere mit mir zu vergleichen, mich mit Andern vergleichen will. Der junge Christ nimmt Andere zum Maßstab seiner Selbstbeurteilung. Und wenn er nicht ebenso fühlt, wie sie, verliert er seinen Mut. Das Eine aber ist ebenso verkehrt, wie das Andere. Einem jeden ist „Gnade gegeben nach dem Maße der Gabe Christi.“ Der Segen, welcher darin liegt, dass man dies recht versteht, ist groß. Mag sich dann die Frage erheben: „Wo finde ich Gewissheit, was meine Gabe ist? Wer gibt mir die Gewissheit, dass die Mängel, welche ich an mir entdecke, wenn ich mich mit andern vergleiche, nicht Folgen meiner Untreue sind, sondern sich aus der Absicht der Gnade erklären?“ mag sich diese Frage erheben, ich tappe nicht mehr im Dunkeln. Ich werde auf den Herrn selbst hingewiesen. Ich fühle es: Wenn ich mich kindlich voll und ganz Seiner Leitung anvertraue, wird er mir die kindliche Gewissheit über das geben, was ich nach Seinem Willen tun soll. Dann lerne ich arbeiten nach dem Maß der Gnade Gottes, welche mir gegeben ist, nach dem Maß der Wirkung Seiner Kraft. Die Gnade lehrt mich. Der Geist der Gnade erleuchtet mich, so dass ich nun ganz genau weiß, was meine Gabe und was meine Aufgabe ist.

Das Wort „Mancherlei Gnade“ lehrt den Christen weiterhin, dass er von Ändern abhängig ist. Ein Christ soll Andere nicht nach sich selbst, sich selbst auch nicht nach Andern beurteilen und doch eine Abhängigkeit von Andern fühlen. Soll ein Glied des Leibes wachsen, so müssen alle Glieder dazu helfen. Eph. 4,13 und 15-16; 1. Kor. 4,27; 2. Kor. 8,13-15. Die Fülle der Gnade verteilt sich ja als mancherlei Gnade auf alle Glieder. Und während ein jeder Christ nach dem Maß seiner Empfänglichkeit Überfluss an Gnade haben kann, kommt der Reichtum ihrer Herrlichkeit doch erst dann recht zum Vorschein, wenn durch die Gemeinschaft der Liebe unter Gottes Kindern der eine ergänzt, was dem andern fehlt. Auch wird Gott erst dann recht verherrlicht, wenn der Christ nicht allein für das dankt, was an ihm selbst geschieht, - das kann ja bis zu einem gewissen Grad mit Selbstsucht verbunden sein, sondern auch Gott für Seine Gnade an Anderen preist. Dann strömt die mannigfaltige Gnade Gottes durch die Danksagung Vieler zum Preise der Herrlichkeit Gottes über. 2. Kor. 4,15; 9,12-13. Dann haben wir nicht nur an der Gnade Freude, welche wir selbst empfangen, sondern auch an der Gnade, welche wir an Andern sehen, ja selbst an der, von der wir nur hören. Röm. 1,8; Eph. 1,15, 1. Kor. 1,3-4; Apostelgesch. 11,23.

Das Wort „Mancherlei Gnade“ lehrt jeden Christen, dass er seine Gaben nur zum Nutzen Anderer besitzt. Ein jeder hat seine Pflichten, nachdem er mit Gaben ausgerüstet ist. Die ganze Einrichtung und Verbindung des Leibes Christi ist der Art, dass die Gnade unter die Glieder dieses Leibes so verteilt ist, dass ein jedes etwas hat, was dem Andern fehlt, so dass kein einziges Glied entbehrt werden kann. Wollte darum ein Christ seine Gaben nicht anwenden, so würde er Andere dessen berauben, worauf sie ein Recht haben. Das sollte niemand vergessen: die Gnade, welche euch zu teil geworden ist, muss euren Brüdern dienen. Ein jeder, welcher Gnade empfangen hat, muss auch ein Spender der mancherlei Gnade Gottes werden. Und kommt uns der Gedanke an unsere Schwachheit und Untüchtigkeit, so richtet uns das Wort der Gnade wieder auf: nach der Gabe der Gnade Gottes, welche uns gegeben ist nach der Wirkung Seiner Kraft. Die Gnade wirkt. Sie ist nicht vergebens tätig. Gnade ist Kraft und gibt Kraft. Gott verlangt keine Arbeit von uns, ohne dass uns die Gnade die Kraft zu derselben gibt. Jede Arbeit, welche uns von Gott auferlegt wird, ist auch ein Zeichen, dass uns die Gnade und die Kraft dazu gegeben sind: die Zwei sind stets mit einander verbunden. „Nach der Gabe der Gnade Gottes, nach der Wirkung Seiner Kraft.“ Wer sich einfältig der Gnade und dem Herrn Jesus, in welchem die Gnade ist, anvertraut, wird es erfahren, dass ein Spender der Gnade zu sein keine Aufgabe ist, welche erschöpft und innerlich leer macht, sondern vielmehr eine Aufgabe, welche stärkt und innerlich reich macht. Gnade spenden und Gnade empfangen muss verbunden sein. Der beste Weg, viel zu empfangen, ist der, dass man viel spendet. Ein jeder spende, nach dem Maß er die Gnade empfangen hat, dieselbe Andern als ein guter Verteiler der mancherlei Gnade Gottes. Dient jemand, so diene er mit der Kraft, welche Gott verleiht, auf dass Gott in allen Dingen gepriesen werde.

Lieber Christ! Fange an, Gnade zu spenden! Warte nicht, bis dass du deine besondere Gabe entdeckst! Das kommt erst später. Ergib dich einfach mit all der Gnade, die du hast, dem Dienst der Brüder! Sei als Knecht deines Herrn bereit, zu tun, was dir vor die Hand kommt. Unter der Arbeit nimmt die Gnade zu. Erst in der Übung des Gehorsams entwickelt sich deine Gabe.

Gnade spenden ist der sichere Weg, um mehr Gnade zu erhalten, um in der Gnade zuzunehmen.

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 26. Große Gnade.

Apostelgesch. 4,33.
Es war große Gnade bei ihnen allen.

Auf der Pfingstgemeinde ruhte die Gnade Gottes. Und doch zeigte sich nur kurze Zeit danach ein Zustand der Gemeinde, in welchem es ganz ergreifend gewesen sein muss, die starken Wirkungen der Gnade auf die Mitglieder zu sehen. Mit den Worten: „Es war große Gnade bei ihnen allen“ erwähnt dies der Verfasser der Apostelgeschichte als etwas Besonderes. Es können also noch Zeiten für die Gemeinde kommen, in denen besondere Ausströmungen von Gnade stattfinden und die Gnade bei allen groß wird. Das sind herrliche Zeiten, wenn die Gnade mit ihrer himmlischen Seligkeit die Herzen erfreut und mit einander verbindet. Was können wir tun, solche Zeiten oftmals und in jeder Gemeinde zu haben? Wenn wir die Gemeinde betrachten, von welcher dieses Zeugnis hier aufgezeichnet ist, erhalten wir die Antwort auf diese Frage. Wir finden dann nach meiner Meinung folgende Stufen:

  1. Die Apostel hatten ein gutes Bekenntnis für ihren Herrn abgelegt und sich bereit erklärt, lieber alles zu leiden, als Gott ungehorsam zu sein. Es ist der entschiedene und unzweideutige Entschluss, Gott gehorsam zu sein (Apostelgesch. 4,19-20), es ist die Treue gegen den Herrn und Seinen Willen, welche den Weg zu großer Gnade bahnt. Sei es nun, dass man Seinen Namen vor der Welt bekennt, sei es, dass man einen Willen mitten in Mühe und Streit erfüllt, sei es, dass man sich für Sein Reich und Werk auf dieser Erde aufopfert, jeder neue Erweis von Treue hilft sowohl der einzelnen Seele, als auch der Gemeinde vorwärts und mehrt die Gnade.
  2. Es folgte auf den Entschluss, Gott gehorsam zu sein, das einträchtigliche Gebet der Gemeinde (V. 23-30), ein Gebet, in welchem dies Beachtung verdient, dass es nicht um Hilfe und Erlösung bittet, sondern einzig und allein um Freimut zu weiterer Betätigung der Treue. Das Gebet, zumal das gemeinsame Gebet und vor allem andern das Gebet, in welchem Gottes Ehre und unsere Treue auf dem Vordergrund stehen, ist ein zweiter Schritt oder eine zweite Stufe auf dem Weg zu großer Gnade.
  3. Dann kommt die Antwort auf das Gebet: Sie werden aufs neue alle erfüllt mit dem heiligen Geist und reden freimütig Gottes Wort. Es ist also nichts anderes, als die lebendige und erkennbare Wirkung des Geistes Gottes nötig. Die Christen müssen wirklich des Geistes Gottes voll werden. Er wird als Geist der Gnade die Gnade also mehren, dass sie zu großer Gnade in ihnen allen wird.
  4. Die folgende Stufe ist die brüderliche Liebe und Gemeinschaft. „Die Menge derjenigen, welche glaubten, war ein Herz und eine Seele. Niemand sagte von seinen Gütern, dass sie seine wären“ (V. 32). Wo Gottes Kinder als solche zusammenkommen und durch die Betätigung der Liebe die Einigkeit des Geistes in der Einigkeit des Leibes bewahren, da wird auch große Gnade in allen sein.
  5. Und endlich - „Die Apostel gaben mit großer Kraft Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesu“ (V. 33). Die Predigt des Wortes der Gnade und vor allem die Predigt von der Auferstehung Jesu Christi, in welchem die Gnade herrscht zum ewigen Leben, ist der vorgeschriebene Weg, auf welchem die Gnade überreich wird. Sie übermittelt uns auch heute noch im Verein mit dem Vorerwähnten denselben Segen, dass große Gnade in uns allen sich offenbart.

Möge die Kirche unserer Tage diese Lehre auf ihren Konferenzen und andern Zusammenkünften von Gläubigen beherzigen! Es gibt Zeiten, in welchen die Gnade in der Stille Zeit haben muss, um durchzudringen, Zeiten, in welchen in einsamem Gebet, im Streit um Bewahrung unseres Gehorsams und Vertrauens die persönliche Aneignung der Gnade stattfinden muss. Allein dann kommen auch wieder Zeiten der Erquickung, in denen bei Gelegenheit der Zusammenkunft des Volkes Gottes die Gnade in besonderer Weise ausströmen will. Rückhaltlose Hingabe an den Herrn und seinen Dienst, im Leiden, Bekennen und Arbeiten; gemeinsames Gebet um die Kraft, ihm besser zu dienen; Erfüllung mit dem Geist infolge dieses Gebets; lebendige Betätigung der Liebe und der Gemeinschaft der Heiligen in Wort und Tat, und dies, dass man dem Wort Gottes, als der Kraft Gottes in Gottes Volk und in der Welt die Ehre gibt; das sind die Vorbereitungen und Bedingungen für besondere Durchbrüche großer Gnade. Noch einmal: Gehorsam, Gebet, der Geist, die Liebe, das Wort. An den ersten Jüngern sehen wir, wie diese genannten Erfordernisse den Weg zu der seligen Erfahrung bahnen: Es war große Gnade bei ihnen allen.

Warum sollte nun die Gemeinde unserer Tage diese Erfahrung nicht in reicherem Maß machen? Das Bedürfnis ist doch immerhin vorhanden? Kurz nach diesem Wort lesen wir (Apostelgesch. 5,14): „Es wurden aber je mehr zugetan, die da glaubten, eine Menge der Männer und der Weiber.“ Wenn daher die Kirche einigermaßen zur Leistung ihrer riesigen Arbeit gestärkt werden soll, welche sie sowohl in der sogenannten Christenheit, als auch unter dem Heidentum zu verrichten hat, dann muss sie mehr Gnade besitzen, als man gegenwärtig im allgemeinen sieht. Der Reichtum der Gnade ist nicht erschöpft. Der gute Wille des Herrn Jesus, des Brunnens der Gnade in Seiner Gemeinde, ist nicht abgeschwächt. Der Gnadenratschluss ist nicht abgeändert. Das Wort, dass uns die Gnade in reichem Maß zuteil werden solle, ist immer noch die Losung des Evangeliums. Ach, dass wir es glauben möchten, dass es sich also gehört, dass es so sein muss und sein kann: große Gnade bei allen.

Was mag nun der Grund sein, dass es nicht so ist? Wenn wir die fünf Stufen des Segensweges noch einmal überblicken, können wir alles zu der einen Bedingung zusammenfassen: Ungeteilte Hingabe an den Herrn. Der Umstand, dass es gerade daran so sehr fehlt, enthält die Antwort auf unsere Frage. Die Absonderung von der Welt, welche in der Gemeinschaft der Kinder Gottes, in ihrer Beziehung zu einander als Untertanen des erhöhten Königs sichtbar wird, das Leben im Gebet und Geist, welches für den Herrn, Sein Reich und Seine Arbeit eintreten möchte; dies alles fehlt noch viel zu sehr. Darum ist es Ihm unmöglich große Gnade zu geben. Allein, meine lieben Brüder, wir wollen doch einzig und allein für den Herrn und Sein Reich leben. Die Herrlichkeit der Gnade ist es doch wert, dass wir alles aufopfern und uns Gott hingeben; auf dass Er an uns den außerordentlichen Reichtum Seiner Gnade zeige. Darum wollen wir bitten und beten, dass der Geist uns kund tue, was die rechte Absonderung von der Welt und ihrem Geist und was das ungeteilte Leben zur Ehre Gottes und nach dem Willen des Herrn sei. Wir wissen ganz bestimmt, dass auf diesem Wege große Gnade über uns alle kommen wird.

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 27. Das Sehen der Gnade.

Apostelgesch. 11,23.
Da Barnabas hingekommen war und die Gnade Gottes sah, ward er froh und ermahnte sie alle, dass sie mit festem Herzen an dem Herrn bleiben wollten.

Gnade kann gesehen werden. Sie lässt ihr Licht scheinen.

Gnade muss gesehen werden. Ist sie irgendwo, ohne dass man sie sehen kann, so ist dies ein Zeichen, dass sie noch gar schwach ist. Wo sie kräftig wirkt, da bleibt sie nicht verborgen.

Und woran kann man die Gnade sehen? Bei einem jungen Christen werden, vor allem wenn, wie es in unserem Text der Fall ist, eine große Anzahl glaubt und sich bekehrt, die Kennzeichen der Gnade andersartig sein, als bei einem mehr geförderten Christen. An der Traurigkeit über die Sünde, an der Absonderung von der Welt, an dem Bekenntnis der Hingabe an den Herrn, an dem freudigen Eifer in seinem Dienst, an der liebevollen Zugehörigkeit zu Gottes Volk, an alle dem erkennt man die Gnade in den Anfängen ihres Wirkens. Wird auch nicht jede Blüte zur Frucht, wird auch nicht jede Frucht reif, der Landmann freut sich doch sehr und dankt doch Gott dafür, wenn die Bäume mit Blüten bedeckt sind.

Dann wird die Gnade wieder gesehen an dem stillen treuen Aushalten in dem Streit gegen die Sünde, an dem stillen treuen Festhalten an der Gemeinschaft mit dem Herrn. Barnabas ermahnte die Neubekehrten, dass sie mit festem Herzen bei dem Herrn bleiben sollten, oder, dass sie, wie es im Kapitel 14,43 heißt, bei der Gnade Gottes bleiben möchten. Die Sache war ja noch im ersten Anfang. So herrlich es darum für mich ist, in einer Zeit der Erweckung die Lebendigkeit und Freude der jungen Bekenner zu sehen, so herrlich ist es auch, wenn auch später alles viel stiller ist, zu vernehmen, wie z. B. ein Kind in den Mühen des gewöhnlichen täglichen Lebens durch Bedachtsamkeit, Fleiß, Gehorsam, Selbstverleugnung und Liebe zu Gottes Wort deutlich zeigt und zur Anschauung bringt, dass Gnade in ihm ist.

Bei einem mehr geförderten Christen kann man an anderen Kennzeichen sehen, dass er Gnade besitzt. Wenn ein Mann in Demut und Liebe das Bild seines Herrn zur Anschauung zu bringen sucht, indem er sich Mühe gibt, selbst Unrecht zu ertragen, wie Jesus es tat (siehe 1. Petr. 2,19,24), wenn er für Gott, seinen Nächsten und das Königreich Gottes in der dienenden Liebe lebt, welche sich selbst für nichts achtet (Luk. 22,27. Joh. 13,13-15), wenn er sich in allen Dingen der Herrschaft des Geistes der Welt entzieht und sich der Herrschaft der Gnade ergibt als ein Mann, welcher ganz und gar von ihr geleitet werden will, o, dann kann man die Gnade bequem und herrlich an einem Solchen sehen.

Nur dürfen wir nicht meinen, alle Menschen könnten Gnade sehen. „Er hat unter uns gewohnt“, sagt Johannes, und „wir sahen Seine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit.“ Und doch haben die Obersten dieser Welt dies nicht gesehen. 1. Kor. 2,7,8. Ja, nicht einmal alle Christen können Gnade sehen. Sie haben immer noch ein Bedenken, oder einen Zweifel. Die köstlichste Salbe gefällt ihnen nicht, weil noch eine tote Fliege darin liegt. „Da Barnabas die Gnade sah, ward er froh“ und dann heißt es weiter: „denn er war ein guter Mann und des heiligen Geistes voll.“ Er hatte Augen, um die Gnade zu sehen.

Hieraus ergeben sich zwei große Lehren. Die erste ist diese: Lieber Christ, rede nicht nur von Gnade, nein, zeige auch Gnade! Gib dich ihr ganz und gar hin! Vertraue dich ihr mit ganzem Herzen an, indem du darauf rechnest, dass sie dich ganz übernimmt! Werde von ihr voll! Man wird sie an dir schon sehen.

Doch, dass wir es recht verstehen: Es ist Gnade, welche gesehen werden muss. Es wäre denkbar, dass jemand in vieler Hinsicht die Früchte eines gottesdienstlichen Lebens zeigen könnte, ohne dass gerade Gnade bei ihm sichtbar würde. Die Merkmale der Gnade aber sind leicht zu nennen.

Die tiefe Demut und die Niedrigkeit, welche sich selbst für nichts achtet, der Wunsch, Gott und dem Herrn Jesus allein die Ehre zu geben, die Kraft, mehr zu tun, als was die Natur vermöchte: das sind Merkmale, an denen wahre Gnade erkannt wird. muss gesehen werden, dass es wirklich Gnade ist. Wer das versteht, weiß auch mit einem Schlag, wie er dazu kommt, dass man Gnade an ihm sieht: Er muss einfach viele Gnade haben. Er muss in seinem Innersten lange vor dem Thron der Gnade stehen. Er muss mit dem Herrn Jesus, dem einzigen Spender der Gnade, in inniger Verbindung leben. Das Leben Jesu ist eigentlich selbst die Gnade. So muss er sich ganz und gar Jesu ergeben, damit sich das Leben Jesu in seinem sterblichen Leib offenbare. 2. Kor. 4,10.11. Dann empfängt er aus Jesu Fülle Gnade um Gnade. Und dann kommt es von selbst es kann ja nicht anders sein dass man die Gnade an ihm sieht.

Die zweite Lehre ist die: Lieber Christ, halte deine Augen offen, damit du überall, wo auch nur eine Spur von Gnade sich findet, dieselbe sehen, dich über dieselbe freuen und für dieselbe Gott danken kannst! Fehler bei andern zu erkennen, ist leicht und oft sehr sündlich. Aber Gnade zu erkennen, ist eine Tätigkeit, welche zur Verherrlichung führt. Er gibt Gnade, auf dass die überschwängliche Gnade durch Vieler Danksagen Gott reichlich preise. 2. Kor. 4,15; 9,12.13. Ein Mann, welcher stets wie Barnabas leben möchte, führt also ein Leben der Freude und der Verherrlichung Gottes. Zugleich ist sein Leben ein Leben des Segens für Andere. Dieselbe Gesinnung, welche die Gnade auch da erkennt, wo sie noch schwach ist, wird ja auch suchen, dieselbe zu ermutigen, wie Barnabas die Schwachen ermahnen bei dem Herrn zu bleiben, und so denen viel nützen, welche durch Gnade geglaubt haben.

Herr, lehre uns, stets so zu leben, dass man Gnade an uns sehe und dass es unsere Freude sei, Gnade an Anderen zu sehen!

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 28. Durch Gnade Glauben.

Apostelgesch. 18,27.
Denen, die gläubig waren geworden durch die Gnade.
Philipp. 1,29.
Euch ist gegeben, dass ihr an ihn glaubt.

Wenn das Wort Gottes es so deutlich sagt, welch ein Überfluss an Gnade zu finden ist, dann hat gar mancher noch das Bedenken: Da der Überfluss an Gnade ist wohl zu jeder Zeit da, aber doch nur für die, welche auch zu jeder Zeit glauben können und das kann ich nicht. Was hilft es mir, dass der Glaube Berge versetzen kann, wenn ich den Glauben nicht habe? Der Unglaube ist der erste und schwerste Berg, welcher versetzt werden muss. Und wie wird der versetzt? Alle Herrlichkeit und aller Reichtum der Gnade helfen mir ja nichts, wenn ich nicht zu derselben gelangen kann.

Welch eine herrliche Antwort gibt nun das Wort der Gnade auf dieses Bedenken! Nämlich die, dass auch der Glaube das Werk der Gnade ist, dass die Gnade selbst dafür sorgen will, dass die Seele, welche sich ihr anvertraut hat, in Glauben zunehme. „Es wird auch aus Gnade gegeben, zu glauben,“ „aus Gnaden waren sie gläubig geworden.“

Was für eine Last wird nun von dem Herzen manches Bekümmerten genommen! Der Unglaube ist nun nicht mehr ein Berg, den wir aus eigener Kraft versetzen sollen. Nein, wir können unsere Sorgen wegwerfen und uns kindlich freuen, dass die Gnade, wenn anders es wirklich unser Wunsch ist, uns ganz und gar derselben anzuvertrauen, sich uns selbst so bekannt machen wird, dass es für uns mühsam, ja unmöglich wird, ihr je mit Misstrauen zu begegnen.

Ja, aus Gnaden wird es euch gegeben, dass ihr glaubt. Es stände in der Tat mit der Herrlichkeit der Gnade, mit ihrer Erwählung nach dem ewigen Ratschluss Gottes und mit der göttlichen Gewissheit der Seligkeit, welche sie geben will, gar schwach, wenn alles von dem Glauben, als einem Werk des Menschen, abhängen sollte. Nein, gleichwie die ganze Seligkeit aus Gnaden ist, so ist auch der Glaube aus Gnade und durch Gnade. Wenn sich die Gnade in der Person des Herrn Jesus einem Menschen naht, weckt und wirkt sie den Glauben durch das Licht ihrer Erscheinung. Der Glaube an das, und das Vertrauen auf das, was die Gnade tun will, die Erwartung ihres Segens ist stets das Vorzeichen, dass die Gnade in Tätigkeit ist, die erste Kundgebung ihres Nahens, um in einer Seele einzuziehen.

Auf welche Weise sie den Glauben bewirft, wissen wir. Der Glaube kommt aus dem Wort Gottes. Die seligmachende Gnade ist erschienen allen Menschen und unterrichtet uns. Dadurch dass sie uns in dem Wort ihre Segnungen vorhält, erregt sie zuerst den Wunsch, das Bedürfnis und die Empfänglichkeit. Der Wunsch nach Gnade ist ein Zeichen, dass die Gnade bereits einen Eindruck auf die Seele gemacht hat. Dieser Wunsch wird dadurch, dass er die Verheißungen der Gnade beachtet, immer stärker, bis er in Vertrauen und Erwartung über geht. Durch die Gnade, welche in dem Wort der Gnade wirksam ist, glauben wir und lernen wir stets mehr glauben.

Für das Gnadenleben können wir hier sehr wichtige Dinge lernen. Eine der wichtigsten Lehren ist die, dass wir Gott für den Glauben als für ein Werk Seiner Gnade danken. O lieber Christ! Weil dein Glaube noch so schwach und hinfällig ist, beschaust du ihn als dein Werk. Tue das doch nicht! Er ist ja Gottes Werk.

Und ruht auch der Schatz in einem irdenen Gefäß, und scheint auch der Glaube so schwach und zweifelsüchtig zu sein, dass er durchaus nicht nach einem Werk Gottes aussieht, er ist doch Sein Werk. Durch Gnade bist du zum Glauben gekommen. Danke Gott dafür! Je mehr du Ihm dafür dankst, desto eher wirst du einsehen lernen, dass Er auch für die Vermehrung deines Glaubens sorgen wird. Allen Kummer über die Schwäche deines Glaubens wirst du dann wegwerfen, denn dann wirst du verstehen, dass die Gnade auch dies versehen wird.

Noch eine Lehre, findet sich hier. Gar viele seufzen im Hinblick auf den Überfluss an Gnade. Was nutzt mir all der Reichtum? Ich habe den Schlüssel nicht, um zu diesem Schatz gelangen zu können. Mir fehlt die Kraft, die Gnade anzunehmen und festzuhalten. Den starken Glauben, welcher alles unternehmen kann, den anhaltenden Glauben, welcher sich den ganzen Tag an Jesus hält, welcher in jedem Augenblick sein Vertrauen bewahrt, diesen Glauben habe ich nicht, eines solchen Glaubens bin ich nicht fähig.

O lieber Christ! Denke und rede doch nicht so! Erkenne doch endlich, dass der Glaube selbst ein Werk der Gnade ist! Er ist ein Werk, welches sie in dir mit Macht vollbringen will. Bis zu dem heutigen Tag hast du ihr Hindernisse bereitet dadurch, dass du selbst dafür sorgen wolltest. Mit Seufzen hast du vor dieser Aufgabe gestanden, als vor einem schweren Werk. O lerne es doch nun von der Gnade erwarten, dass durch sie dein Glaube bewahrt und vermehrt werden wird! Wende deine Augen der Gnade zu, ihren Reichtümern, ihren Verheißungen, ihrem Unterricht! Beschäftige dich mit ihr! Und von der Gnade, mit welcher du dich beschäftigst, wird dir, ohne dass du es merkst, gegeben, dass du glaubst. So oft du von neuen Segnungen oder Verheißungen der Gnade hörst, freue dich dessen sehr, dass dir der Glaube zur Annahme derselben ganz gewiss geschenkt werden wird.

Vergiss nur dies Eine nicht! Wende nur den Glauben an, den du schon hast! Nimm dir die Zeit, dich geradezu im Glauben zu üben! So oft du in dem Wort der Gnade liest, so oft du vor den Thron der Gnade trittst, so oft du an Gnade denkst, so oft unterwirf dich auch ihrer Einwirkung, welche dich zum Glauben an Gott führen will! Alles, was du von ihr hörst und siehst, ist ja dazu bestimmt, dich zum Glauben zu bringen! Dann wirst du mit Paulus bezeugen können: Die Gnade unseres Herrn, samt dem Glauben und der Liebe, die in Christo Jesu ist, ist desto reicher gewesen.

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 29. Den Demütigen Gnade.

1. Petr. 5,5.
Allesamt seid untereinander untertan und haltet fest an der Demut. Denn Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt Er Gnade.
Jak. 4,6.
Er gibt reichlich Gnade. Sintemal die Schrift sagt: Den Demütigen gibt Er Gnade.

Gnade führt zur Demut. Nichts in der Welt demütigt jemanden mehr, als eine unverdiente große Wohltat. Wenn Gottes unermessliche Gnade sich einer Seele recht zu offenbaren anfängt, nicht in Worten, wohl aber in Kraft, nicht in Hin- und Herreden, sondern durch Erfahrung, o dann wird der Mensch in seinen eigenen Augen so klein. Es kann ja auch gar nicht anders sein. Gnade ist ja unverdiente Gunst, welche Unwürdigen zuteil wird. Und alles, was sie von ihrem eigentlichen Wesen der Seele mitteilt, alles, was sie in der Seele zum Leben und Herrschen bringt, hilft nur dazu, das Gefühl der Unwürdigkeit zu verstärken.

Daher auch die Tatsache, welche vielen so merkwürdig vorkommt: je mehr Gnade, desto mehr Demut. Viele meinen, Gott dürfe nicht so viel Gnade geben, weil wir sonst hochmütig werden würden. Sie sagen, es sei für sie nötig, immer wieder zu straucheln und zu sündigen, damit sie in der Demut blieben. Als ob die Sünde und nicht die Gnade zur Demut führte! Ach nein, je mehr wirkliche Gnade wir innerlich in unserem Leben genießen, desto demütiger werden wir.

Daher auch die Tatsache, dass der starke Glaubensmann, von welchem Jesus sagte: „Fürwahr, solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden,“ auch der demütigste war, der Einzige, welcher, während die Ältesten von ihm sagten: „Er ist es wert,“ von sich selbst sagte: „Ich bin nicht wert, dass Du unter mein Dach kommst.“

Daher auch dies, dass Paulus in einem Atem sagen konnte: „Ich habe mehr gearbeitet, denn sie alle; doch nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir gewesen ist.“ Ich nichts. Die Gnade alles. Empfing doch Paulus selbst in dem Augenblick, in welchem er in Gefahr war, sich zu überheben, und in welchem ihm sein Gebet nicht erhört werden konnten, eine neue Gnadenzusage, welche ihn in der Demut bewahren und stärken sollte. 2. Kor. 12.

Gnade gibt Demut. Darum verlangt sie aber auch Demut. Sie fordert dieselbe bei jeder Bitte um mehr Gnade. Demut ist für sie ein Beweis, dass die bereits geschenkte Gnade nicht vergeblich geschenkt wurde, dass die Seele sie wirklich verstanden und sich angeeignet hat, das die Unterwerfung unter ihre Leitung aufrichtig war. Weil die Gnade die Seele so gerne dahin bringen will, dass sie mehr empfangen kann, darum macht sie es zu einem Bestandteil ihres Unterrichts, darum macht sie darauf aufmerksam und darum sagt sie in dem Wort der Gnade: Seid einander untertan! Seid demütig, denn den Demütigen gibt Er Gnade.

Lasst uns dies genau mit einander betrachten! In Demut zu beten, sich vor Gott zu erniedrigen, das scheint oft so bequem zu sein. Aber vor den Menschen sich zu erniedrigen, einander untertan zu sein, nicht nur im Kämmerlein das Kleid der Demut anzuziehen, wenn man betet, sondern auch im Hause, auf der Straße, bei der Arbeit in diesem Kleid der Demut einherzugehen, o, das ist die Demut, nach welcher die Gnade sucht und welche uns so sehr fehlt.

Diese Demut fällt uns nicht von selbst zu, oder aus dem Grund, weil wir ja nun einmal Gottes Kinder sind. Nein, sie muss ebenso, wie jede andere Gnadengabe der Gegenstand unserer Sehnsucht und unseres Gebetes sein. Vor allem muss sie der Gegenstand der Glaubensarbeit sein, welche wir in der Verbindung mit Jesus tun.

Wenn ich mich als einen Menschen betrachte, welcher mit Christo gekreuzigt und der Sünde abgestorben ist, als einen verurteilten Verbrecher, an welchem das Fluchurteil bereits vollstreckt worden ist, und als ein Mann, welcher Gott in Christo lebt und ein Leben führt, welches durch aus nicht sein eigen ist, dann werde ich demütig leben, ja froh sein, dass ich nichts bin, auf dass Christus Alles in mir werde. Nur unter dem Kreuze, in der täglichen, lebendigen Gemeinschaft mit dem gekreuzigten Christus wird das alte „Ich“ unterdrückt.

O lieber Christ, der du in der Gnade wachsen willst, hier ist eine Lehre für dich. Sich vor Gott zu erniedrigen, ist nicht genug. Im gewöhnlichen Umgang aber mit deinen Mitmenschen, mit verkehrten Menschen, mit lästigen Menschen, mit Menschen, welche geringer und törichter sind, als du bist, sich stets wie ein Knecht zu benehmen und nicht wie ein geborener Königssohn, weil du dich ja nach dem Vorbild des erstgeborenen Sohnes freiwillig erniedrigt hast, ein Knecht zu sein, - das ist das Examen, welches du ablegen musst, wenn du von der Gnade begehrst, dass sie dich in ihre höhere Klasse aufnehme. Seid allesamt einander untertan, denn den Demütigen gibt Gott Gnade.

Herrliche Gnade! Um sie empfangen zu können, ist weiter nichts nötig, als dies, dass wir arm sind und nichts sein wollen. Herrliche Gnade! Wenn jemand arm ist, wenn er nichts hat und nichts sein will, dann sind alle Schätze der Gnade für ihn da.

Herrliche Gnade! Sie verlangt nicht nur Demut, sie verleiht sie auch. Ich stehe nicht unter einem Gesetz: Sei niedrig, sei demütig! Ein solches Gesetz würde nur die Sünde vermehren. Ich stehe unter der Gnade. Ihre Vorschriften dienen dazu, mir kundzutun, was ich von ihr fordern muss, was ich aus ihrer Fülle erhalten kann. Ich muss ihr nur alle Tage erlauben, ihre wunderbare Herablassung mir zu zeigen; das wird mich niederbeugen. Ich muss es an meinem Jesus, meinem König, der doch voll von Gnade ist, sehen, wie die Demut sein größter Schmuck ist. In dem Verkehr mit ihm, im Anschauen und Bewundern Seines Bildes, im Erleben Seiner Gnade werde ich demütig. „Er gibt reichlich Gnade“ sagt der Apostel Jakobus an der Stelle, in welcher er denselben Text zitiert, wie Petrus: Sprüche 3,24. Mehr Gnade! Ist das nicht dein Wunsch und dein Gebet, du Gotteskind? Lerne hier, dass du mehr Gnade empfangen kannst - nicht durch Anspannung deiner Kraft, nicht dadurch, dass du an andern vorbeistrebst und dieselben zu übertreffen suchst, sondern dadurch, dass du vor Gott klein und ein Nichts bist. Die tiefsten Täler erhalten stets das meiste Wasser. Selbsterniedrigung ist der königliche Weg zur Herrlichkeit.

Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 30. Leidensgnade.

1. Petr. 2,19-20.
Denn das ist Gnade, so Jemand um des Gewissens willen zu Gott das Übel verträgt und leidet das Unrecht. Denn was ist das für ein Ruhm, so ihr um Missetat willen Streiche leidet? Aber wenn ihr um Wohltat willen leidet und erduldet, das ist Gnade bei Gott. a

Ja, das ist Gnade. Unrecht zu leiden und zu ertragen, das ist Gnade bei Gott, Gnade, welche man nicht immer bei den Christen sieht, Gnade, welche der Herr so gern bei alle denen sieht, welche Ihm nachfolgen (Vers 21,23; 3,17-18), Gnade, welche Er ganz gewiss geben will. Lasst uns danach trachten, auch dieses Stück der Herrlichkeit der Gnade recht zu erkennen und zu empfangen!

„Was ist das für ein Ruhm“, sagt Petrus, „so ihr um Missetat willen leidet?“ Das ist keine besondere Gnade - die Natur lehrt es ja, wenn du eine verdiente Strafe erhältst und sie still ertragen musst. Und doch, wie viele Christen gibt es, die es noch nicht einmal so weit gebracht haben! Sie haben zwar Böses getan, aber sie halten eine Bestrafung für eine Beleidigung, für eine persönliche Kränkung. Anstatt dem, der ihnen die Wahrheit gesagt, als einem Freund zu danken, betrachten sie denselben als ihren Feind. Gal. 4,16. Sie sammeln alle Entschuldigungen ihres Unrechts und suchen ihre Sünde damit zuzudecken.

Wie wenig verstehen sie darum von dem, was Petrus sagt: Unrecht zu leiden, wohlzutun und um dieses Wohltuns willen zu leiden, das ist Gnade. Ja, wie wenig verstehen im allgemeinen selbst die Christen davon! Wenn ich verleumdet worden bin, wenn mir eine Beleidigung zugefügt worden ist, wenn jemand sich undankbar gegen mich benimmt, oder wenn jemand mich fälschlicherweise beschuldigt und die Menschen mir verkehrte Beweggründe zuschreiben: wie selten wird dann, ich will nicht sagen nach dem Grundsatz gehandelt, wie selten wird dann dieser Grundsatz überhaupt als der Wille des Herrn erkannt, dass es Gnade ist, dies alles still zu ertragen! Und doch ist es so. Ich sehe es an dem Herrn Jesus. Es ist ein Zug Seiner Herrlichkeit voller Gnade, dass er uns gezeigt hat, wie man wohltun und dafür Unrecht leiden muss. Wir begleiten Ihn Jahr für Jahr in den Leidenswochen auf Seinem dornigen Lebenspfad, um Seine Gnade kennen zu lernen. Sehnen wir uns um wirklich nach dieser Seiner Gnade, um nach Seinem Vorbild leiden zu können, wenn wir leiden müssen? Und zwar nicht nur das Leiden, welches Gott uns sendet, sondern auch das unverdiente Leiden, welches durch Menschen über uns kommt. Die Gnade muss ebenso in uns wohnen, wie sie in Ihm wohnt. Die Gnade, welche in Ihm war, will sich gar zu gern als Gnade in uns offenbaren. Unrecht zu leiden, das ist Gnade.

Für unsere Natur scheint dies zu schwer und zu hoch zu sein. Zornig werden, Recht suchen, eine scharfe Antwort geben, wieder vergelten, das sind die Waffen, mit denen die Natur, wenn sie Unrecht leidet, auch bei vielen Christen ihre Ehre geltend zu machen sucht. Sie können es sich nicht vorstellen, welch eine Ruhe es gibt, wenn man sich unter die Herrschaft des Lammes begibt und in der Sanftmut den Sieg über sich selbst, über die Sünde und den bösen Feind besitzt. O, lieber Christ, der du fragst: Was ist Gnade? Hier ist eine der Antworten Gottes: Unrecht leiden, das ist Gnade. Lies darum diesen Text noch einmal durch und überzeuge dich, ob dies hier wirklich geschrieben steht.

Indessen ist es denn für die menschliche Natur möglich, so zu leiden, wie Jesus litt? Für den alten Menschen ist es völlig unmöglich, der neue Mensch aber kann es. „ Das ist Gnade“ - was will dieses Wort wohl anders sagen, als dies, dass es eine der Segnungen ist, welche in dem unendlichen Gnadenschatz des Herrn Jesus für uns bereit sind? Es ist eine von den Gnadengaben, von denen es heißt: Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei. Bring darum nur dein vorschnelles Wesen, deine Launenhaftigkeit, deinen Hochmut, deine Lust an Selbstverteidigung und Rechthaberei zu Ihm. Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade doch noch viel mächtiger geworden: die, welche die Überschwänglichkeit der Gnade empfangen, werden durch Jesum Christum herrschen. Halte dich nur fest daran, dass du in der Tat berufen bist, ebenso sanftmütig zu dulden und zu ertragen, wie Jesus, dass die Gnade in dir genau ebenso sein soll, wie sie in Ihm ist. Das wird dich hindern, in der Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit so dahin zu leben, und treiben, dich ganz und gar der Gnade hinzugeben und dieses alles von ihr zu erwarten.

Sie wird es geben und in dir wirken, indem sie dich vor allem in Lebensgemeinschaft mit Ihm führt, so, dass Sein Leben sich in dir offenbaren kann. O, lieber Christ! Erlebe es wieder und wieder, wie freundlich und geduldig der Herr Jesus deiner Unwürdigkeit gegenüber ist! Bleibe der Gnade treu, welche dich in jedem Augenblick trägt, bewahrt und segnet! Und es wird dir ein Bedürfnis werden, mit Unwürdigen so umzugehen, wie man mit dir umgegangen. Zeige es, dass das Gnade ist, in der Absicht, anderen öffentlich zu vergelten, was der Herr Jesus so überreichlich im Verborgenen an dir tut. Tue es in dem Wunsch, allen, die sich an dir versündigen, ein voll gedrücktes, gerütteltes und geschütteltes Maß der Gnade zukommen zu lassen, gleichwie er, gegen den du dich versündigt, dir Seine Gnade zugeteilt!

O, Vater! Lehre uns diese Wahrheit erkennen! Die wunderbare Gnade, welche man an Jesus sah, als Er hienieden wallte, die wunderbare Gnade, welche uns vom Himmel herab zu teil wird, ist auch die Gnade, welche von uns Besitz ergreift und an uns gesehen werden kann und nur dies Eine erstrebt, dass wir doch dahin kommen möchten, so zu leben, wie Er gelebt und so zu leiden, wie Er gelitten.

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - 31. Aus seiner Fülle Gnade um Gnade.

Joh. 1,14.16.17.
Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen Seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Von Seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden.

Wir haben Seine Herrlichkeit gesehen, eine Herrlichkeit, als des eingeborenen Sohnes vom Vater. Und was machte seine Herrlichkeit aus? Dies: Wir sahen ihn voller Gnade und Wahrheit.

Gleichwie die Gnade die höchste Herrlichkeit Gottes ist, so ist sie auch die höchste Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes. Je mehr wir Seine Herrlichkeit durch die Erleuchtung des heiligen Geistes zu sehen bekommen, desto mehr erkennen wir auch, dass er voller Gnade ist. Es ist nichts als Gnade in Ihm.

Welch ein Gedanke! Denk einmal über denselben nach! Du weißt, dass Gnade etwas ist, was uns angeht. Alles was Gnade ist, ist für uns da, für uns bereit und für uns gegeben. Und wenn wir erst die Herrlichkeit Jesu sehen, so sehen wir dieselbe voller Gnade: alle Herrlichkeit Gottes, die unendliche Vollkommenheit Gottes dazu dienend, uns die Gnade anzutragen und nahe zu bringen. Welch' eine Verbindung! Die ewige Gnade von der ewigen Herrlichkeit getragen, uns in dem Sohn voller Gnade geoffenbart. Die Allmacht, Weisheit, Herrlichkeit und Liebe, dazu das Leben des Sohnes alles voll, durchdrungen und ganz in Besitz genommen von der Gnade.

Und das alles in einer lebenden Person. Das Wort, welches Gott war, ist Fleisch geworden. Der Eingeborene vom Vater hat unsere Natur angenommen und sich mit uns vereinigt als der Erstgeborene vieler Brüder. Damit die Gnade uns recht anschaulich, ganz nahe und gänzlich in unserem Bereich sein sollte, ist Er Fleisch geworden. Und ebenso, wie Er auf dieser Erde gelebt, lebt Er noch in dem Himmel, weiter nichts als der liebende und freudige Gnadenspender zu sein. Die Gnade ist nur in Ihm. Er ist nichts als Gnade.

Das ist uns denn auch bei unserm Sinnen nicht entgangen. Hörten wir von der Herrlichkeit der Gnade, dem Reichtum der Gnade, der Überschwänglichkeit der Gnade, der Vermehrung der Gnade und von großer Gnade immer war es in Verbindung mit dem gesegneten Sohn Gottes. Eph. 1,6; 2.7; Röm. 5,15.17.20.21; 1. Tim. 1,14; 2. Petr. 1,2.3; Apostelgesch. 4,33. Gedachten wir des Thrones der Gnade, des Wortes der Gnade, des Geistes der Gnade, der Kraft der Gnade, des Lebens der Gnade, der Herrschaft der Gnade - stets war Jesus der Mittelpunkt. In Ihm war und aus Ihm kam sie. Hebr. 4,16; Apostelgesch. 20,24; Sach. 12,10; 2. Kor. 12,9; Röm. 5 17.21. Ob es nun erwählende, seligmachende, rechtfertigende, lebendig oder heilig machende Gnade war, stets sehen wir: „Christus ist alles.“ „Es ist des Vaters Wohlgefallen, dass in Ihm alle Fülle wohnen sollte. Eph. 1,4.7; Tit. 2,11-14; Röm. 3,24; Eph. 2,5.6; Röm. 1,13.14. Ob es sich darum handelte, aus Gnaden selig zu werden, in der Gnade zu stehen, unter der Gnade zu leben oder in Kraft der Gnade zu arbeiten (Eph. 2,8; Röm. 5,1.2;6,14; 1. Kor. 15,10), alles erinnert uns daran: „Es gibt Niemanden, als Ihn, in dem wir dies Alles finden, Er ist der Eingeborene vom Vater, wir haben Seine Herrlichkeit voller Gnade gesehen.

Gelobt sei der Name des Herrn! Wir haben die Gnade nicht nur gesehen, sondern auch aus ihrer Fülle Gnade um Gnade empfangen. Immer wieder, so oft wir sie gesehen haben, haben wir auch aus ihrer unerschöpflichen Fülle empfangen. Wir haben erkennen lernen, dass dies das Geheimnis des Herrn und Seiner Gnade ist: Wer von sich selbst absieht, zu Jesu aber und Seiner Gnade emporblickt, der empfängt. Gleichwie das Licht der Sonne uns von allen Seiten mit seiner sanften Gewalt umstrahlt und sobald unser Auge sich öffnet, uns entgegen flutet, wartet auch die Gnade auf den Augenblick, in welchem unser Herz nach ihr ausschaut, um dann in dasselbe einzuziehen. Das Aufblicken zu Jesu hat eine göttliche Wunderkraft. Es ist Gottes Weg, uns mit Gnade zu füllen. 2. Kor. 3,18.

O, lieber Christ, schaue auf Jesum hin! Betrachte dies als deine Hauptaufgabe in deinem ganzen Gottesdienst! Fange keinen Tag an, stehe von keinem Gebet auf, sei mit keinem Lesen und Hören des Wortes zufrieden, unternimm keine Arbeit, ja lebe keine einzige Stunde, ohne dass du sagen kannst: Wir sahen Seine Herrlichkeit voller Gnade.“ Wenn du das tust, wirst du auch immer wieder hinzufügen können: „Und wir haben aus Seiner Fülle genommen Gnade um Gnade.“

Betrachte das Aufblicken zu Jesu nicht als eine schwere Arbeit, welche mit deinem Wandel und deiner Tätigkeit in dieser an Mühen so reichen Welt unvereinbar wäre. Das Licht der Sonne umstrahlt dich ja auch in jeder Stunde, auch wenn du nicht daran denkst. Es strahlt sein Licht auf alle deine Arbeiten aus, und du kannst deine Arbeiten nicht sehen, ohne das Licht zu sehen. Wenn du darum, lieber Christ, an jedem Morgen und auch sonst noch oft, dich mit Jesu verbindest, zu Ihm aufblickst und Ihn als dein Leben betrachtest, dann wird Er, auch wenn du gar nicht an Ihn denken kannst, sein Angesicht über dir und deiner Arbeit leuchten lassen. Und am Ende des arbeitsreichsten Tages wirst du sagen können: „Wir sahen Seine Herrlichkeit voller Gnade, und aus Seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade.

Lieber Christ! Nicht wahr, nu fängst du zu verstehen an, dass es möglich ist, in überschwänglicher Gnade zu leben? O, glaube doch an die Fülle der Gnade, von der wir in diesem Büchlein so viel gelesen haben! Diese Fülle liegt in dem lebendiger, mächtigen und freundlichen Jesus, welcher lebt, um sie mitzuteilen. Alles, was er von dir fordert, ist dies, dass du zu ihm aufblickst und auf ihn dein Vertrauen setzt.

O, komm und sprich mit mir dein Vertrauen in dem Bekenntnis aus: „Gesegneter Jesus! Die Fülle deiner Gnade mit ihrem unerforschlichen Reichtum ist für mich da, ist für mich alles. Das glaube ich von ganzen Herzen. Du lebst, um als mein himmlischer Schatzmeister mir in jedem Augenblick zukommen zu lassen, was ich an Gnade nötig habe. Und wenn ich im Gefühl meiner Schwachheit auf dich und deine Fülle sehe, empfange ich aus dieser Fülle Gnade um Gnade. Amen.“

„Gott kann machen, dass allerlei Gnade unter euch reichlich sei, dass ihr in allen Dingen volle Genüge habt und reich seid zu allerlei guten Werken.“

Murray, Andrew - Wachset in der Gnade - Zum Abschied.

Noch einige Texte, Gebetswünsche, welche wir uns zum Abschiedsgruß zurufen.

1. Petr. 5,10. Der Gott aller Gnade, der uns berufen hat zu Seiner ewigen Herrlichkeit in Christo Jesu, derselbe wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, vollbereiten, stärken, kräftigen, gründen.

Das ist das für ein herrlicher Name, mit welchem Gott hier genannt wird: „der Gott aller Gnade.“ Und was ist das für eine herrliche Vorstellung von der Fülle der Gnade in dieser Aufzählung der Segnungen, welche der Christ von Ihm erwarten darf. Ist doch gerade dasjenige aufgezählt, was einem jungen, schwachen Christen so not tut und was er darum so sehr begehren sollte. Lasst es uns betrachten!

Hier steht: Gott wird euch vollbereiten. Nun ist vollbereitet, d. h. vollkommen nur dies, was gar keinen Mangel mehr hat. An dem Christen aber zeigen sich, selbst wenn man von seinen Sünden absieht, mancherlei Mängel. An seinem Glauben, seiner Erkenntnis, seiner Liebe, seiner Demut, seiner Arbeit fehlt noch gar vieles. Gottes Wort aber redet oft von der Vollkommenheit, welcher der Christ nachjagen soll. Matth. 5,18; 19,21; Luk. 6,10; 2. Kor. 13,9 u. 11; Philipp. 3,15; Kol. 1,28; 4,12; 1. Thess. 3,10; 2. Tim. 3,17; Hebr. 13,21; Jak. 1,4. Und hier wird uns die herrliche Verheißung gegeben, dass der Gott aller Gnade, welcher Gnade für jedes Herzensbedürfnis hat, selbst das Werk unserer Vollbereitung in seine Hände nimmt.

Es heißt weiter: Er wird euch stärken oder befestigen. Nun kann ein Baum ein sehr guter Baum sein in dem Augenblick, in welchem er in den Boden eingepflanzt wird. Allein gut wachsen wird er so lange nicht, als er nicht feststeht. Er muss befestigt werden. Ebenso wird ein junger Christ oft durch Zweifel oder Erlebnisse, welche er nicht versteht, hin und her getrieben. Da ist es eine der herrlichsten Segnungen der Gnade, dass sie den jungen Christen stärkt und befestigt, so dass er nunmehr fest stehen kann. Apostelgesch. 16,5; Röm. 16,25; 1. Kor. 1,8; 2. Kor. 1,21; Kol. 2,7; Ps. 87,5. Ja, Gott selbst wird ihn befestigen.

Gott wird ihn auch kräftigen. Die Stärkung oder Befestigung weist mehr auf die Festigkeit des Glaubens und Willens hin, die Kräftigung aber auf die Vermehrung der Kräfte, um arbeiten und Früchte bringen zu können. Der Christ kann auf Gnade rechnen, welche ihn nicht nur stärkt, sondern auch kräftigt. Eph. 3,16; 1. Tim. 3,13; 2. Thess. 2,17; 3,3; 2. Tim. 2,1; Hebr. 13,9. Es gibt keine Arbeit für dich zu verrichten, kein Kreuz zu tragen und keinen Streit zu führen, zu denen dir der Gott aller Gnade nicht die Kraft geben wollte. Glaub es nur fest! Deine Arbeit siehst du, das Kreuz fühlst du, den Streit fürchtest du, von dem aber, was du nicht siehst, sei doch überzeugt in dem Glauben, dass der Gott aller Gnade selbst deine Kraft ist. „Lass dir an meiner Gnade genügen“, sagt er, „denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Mit der Arbeit, welche du siehst und fühlst, gibt er auch die Kraft, welche du nicht siehst oder fühlst, die der Glaube aber bestimmt empfängt.

Er wird euch gründen. Hier haben wir ein Bild eines Hauses, welches auf einem festem Grund steht. Dieses Bild soll auf die vollkommene Unbeweglichkeit hinweisen, welche die Frucht der Stärkung und Kräftigung ist. Matth. 7,25; Eph. 3,18; Kol. 1,23.27; 1. Petri 2,4-5; 2. Tim. 2,19. Es ist der Zustand unerschütterlichen Vertrauens, durch welchen der Gläubige so weit kommt, dass ihn nichts mehr in seiner Seelenruhe stören kann, dass er in allen Lagen seines Lebens weiß, was das heißt, im Vertrauen auf den Felsen seines Heiles fröhlich zu singen. Ps. 125,1. Welch eine Aussicht! Der Gott aller Gnade, der uns berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit, derselbe wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, vollbereiten, stärken, kräftigen, gründen.

Der zweite Gebetswunsch ist dieser (2. Thess. 1,11 bis 12): „Wir beten allezeit für euch, dass unser Gott euch würdig mache des Berufs und erfülle alles Wohlgefallen der Güte und das Werk des Glaubens in der Kraft, auf dass an euch gepriesen werde der Name unseres Herrn Jesu Christi, und ihr an ihm, nach der Gnade unseres Gottes, und des Herrn Jesu Christi.

Welch eine Vorstellung von der Gnade unseres Gottes und des Herrn Jesu und von dem, was nach dieser Gnade durch Gott selbst an uns geschehen soll!

Gott selbst will an uns alles Wohlgefallen seiner Güte erfüllen. Hebr. 13,22. Ebenso will er das Werk des Glaubens und all das Tun, welches aus dem Glauben fließt und durch den Glauben vollbracht werden muss, mit Kraft vollbringen. Gal. 5,6; 1. Thess. 1,3; Jak. 2,26. So will Gott bewirken, dass der Name unseres Herrn Jesu an dir und an deinem Leben tatsächlich gepriesen werde und du an ihm. 2. Kor. 3,18. Dies Alles will Gott selbst an dir tun und zwar nach der Gnade, nach der Kraft und nach dem überschwänglichen Reichtum, welche in der Gnade unseres Gottes und des Herrn Jesu sind. Während du darum die Gnade betrachtest, auf sie vertraust, dich mit ihr beschäftigst und ihr ergibst, wirkt Gott selbst an dir und in dir, was sie dir zeigt und verspricht.

Lieber christlicher Leser! Mit diesem Wunsch nehme ich Abschied: Gott stärke dich und mich, dies für Sein Volk stets zu erflehen, dies für uns selbst und für einander zu erbitten, dass Gott an uns alles Wohlgefallen Seiner Güte und das Werk des Glaubens mit Kraft erfülle, auf dass der Name unseres Herrn Jesus an uns verherrlicht werde, und wir an ihm, nach der Gnade unseres Gottes und des Herrn Jesu Christi.

Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles, das wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die da in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde, die in Christo Jesu ist, zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.


Die Gabe Gottes.

Vorträge,
gehalten von
Pastor Theodor Monod
in Paris

Uebersetzt von Anna v. Hesse

Bonn & Gernsbach, 1882.
Verlag von Johannes Schergens,
Buchhandlung für christl. Literatur

Monod, Theodor - Die Gabe Gottes. - 1. Ihre Quelle.

“Also hat Gott die Welt geliebt, dass ER Seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass Alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
(Joh. 3,16.)

Liebe Brüder, ich möchte mit Euch gern wieder einmal unsere Erlösungsgeschichte, diese uralte und doch ewig neue Geschichte durchgehen. Als gemeinsamen Mittelpunkt all der Gedanken, die ich über diesen Gegenstand Euch könnte mitzuteilen haben, will ich den einen großen Gedanken, oder besser gesagt, die eine große Tatsache setzen: „Die Gabe Gottes!“ Joh. 4, 10.

„Wenn du erkennst die Gabe Gottes“, sagte der Heiland zu der Samariterin. Und diese Gabe haben wir ja doch vor allen Dingen nötig; wenn wir sie haben, so haben wir Alles. Es ist sehr schade, dass wir uns manchmal darüber streiten, auf welche Weise wir wohl am besten den Akt, durch den man diese Gabe ergreift, erklären könnten, anstatt die Gabe einfach anzunehmen, uns davon zu nähren und davon zu leben. Der Grund, auf den ich mich stütze, ist allein das Wort meines Gottes. Ich will hier keinen Menschen reden lassen, weder einen lebenden noch einen toten; das Wort Gottes soll reden und dies Wort ganz allein. Ich verstehe nicht viel von Theologie; nicht als ob ich dieselbe gering schätzte, denn ich glaube im Gegenteil, dass es heutzutage viel auf diesem Gebiet zu tun gibt. Aber meine theologische Unzulänglichkeit erlaubt mir, spitzfindige, verwirrende Fragen zu umgehen. Oft muss ich an das Wort eines frommen, biederen Bauersmannes denken, der, als ein Gelehrter sich mit ihm über irgend einen schwierigen Punkt stritt und sagte: „Mein lieber Freund, Sie scheinen mir ja bei den Kirchen-Vätern nicht sehr zu Hause zu sein,“ antwortete: „Da haben Sie recht; aber desto besser kenne ich die Großväter,“ und hiermit meinte er die Apostel.

Es liegt hierin für uns Alle eine tiefe Lehre. Denn haben nicht auch wir unsere Traditionen: ausgezeichnete Bücher, die von Gottesmännern, welche wir lieben und hochachten, geschrieben sind? Wir beklagen die Blindheit der Katholiken, die sich mehr auf die Kirchenväter, als auf die heilige Schrift verlassen; hüten wir uns drum wohl, gerade dasselbe zu tun! Wir wollen also jetzt die guten Bücher bei Seite lassen; wir wollen selbst für den Augenblick die persönliche Erfahrung, sei sie gut oder schlecht, bei Seite lassen. Wir stimmen nicht mit gewissen Freunden überein, die es besser finden, dass man die freudigen, siegreichen Erfahrungen verschweige, die sich aber gar nicht scheuen, traurige Erfahrungen von Niederlagen in den Vordergrund zu stellen.

Wir berufen uns also auch nicht auf die Erfahrung, sondern einzig und allein auf das Wort unseres Gottes.

Wenn wir an die Gabe Gottes denken, so ist die erste Frage, welche sich uns aufdrängt, diese: „Woher kommt diese Gabe?“ Mit andern Worten: „Wie kann Gott uns irgend eine Gabe zu geben haben?“

Denkt an Gott, der Alles geschaffen hat, der nur zu sagen brauchte: „Es werde Licht!“ und es ward Licht; an Gott, dessen Namen wir höchstens zitternd stammeln können; an Gott, der nicht nur heilig, sondern die Reinheit selbst, die Majestät, das Licht ist; an Gott, vor dem wir uns fürchten. Ja, jeder Mensch hat die Neigung, vor Gott zu fliehen. Wenn eine Stimme in ihm ruft: „Du hast Gott nötig“, so ruft auch eine andere: „Du hast dich an Gott versündigt,“ und der Mensch will sich verstecken, wie Adam im Garten Eden.

Diese Welt ist ohne Gott und ihr Wesen steht gegen Ihn. Gott hätte sagen können: „Mögen sie ohne mich fertig werden“, ER hätte uns dem Verderben preisgeben können. Aber ER hat es nicht getan. Was hat ER denn getan? Hat ER uns gute Lehren geschickt, wie wir uns selber helfen könnten? Er hat mehr als dies an uns getan. Hat ER ein Beispiel vollkommenen Gehorsams, vollkommener Heiligkeit und Geduld uns vor Augen gestellt? ER hat viel mehr getan: ER hat uns eine Gabe gesandt. ER hat uns nichts verkauft; ER hat uns nicht eine Sache gewährt, damit wir Ihm eine andere dafür wiedergäben; ER hat nicht nur versprochen, uns etwas zu geben; ER hat sich nicht damit begnügt, uns etwas anzubieten…. Nein, Gott hat der Welt Seinen Sohn nicht nur angeboten, ER hat Seinen Sohn gegeben. Wenn ich auf diesen Tisch einen Haufen Goldstücke legte und sagte: „Ich gebe dieses Gold, wer da will, kann nehmen, so viel ihm beliebt“, so könntet ihr von eurem Gesichtspunkt aus sagen, dass dies ein Anerbieten sei; insoweit es mich aber betrifft, ist es eine Gabe, und wenn es keine Gabe wäre, hätte Niemand das Recht es zu nehmen.

Worin besteht die Gabe Gottes? Wir halten uns zunächst nicht lange bei diesem Punkt auf, obgleich das der eigentliche Kern unseres Gegenstandes ist: „Gott hat uns Seinen eingeborenen Sohn gegeben.“

Wann hat ER Ihn gegeben? Von Anfang an. Ehe ihr oder ich, ehe unsere Voreltern geboren waren, ehe Adam geschaffen war, vor Grundlegung der Welt, hat ER ihn im tiefsten Herzensgrund gegeben, uns gegeben, für uns dahingegeben. Warum hat ER Ihn gegeben? Weil ER uns geliebt hat. O, meine Brüder, wenn wir das nur einmal verstehen lernten, dass Gott uns geliebt hat.

„Gott ist (die) Liebe,“ (1. Joh. 4,8.) sagt der Apostel. Die Bibel enthält nicht viele Erklärungen über das Wesen Gottes; dennoch gibt sie deren zwei oder drei. Gott ist (die) Liebe. Wir lernen hier nicht, was Gott befiehlt, was ER verspricht oder gibt, sondern was ER ist.

Vor allem: „Ich bin, der ich bin.“ 2 Mose 3,14. (Nach der deutschen Bibel lautet der Text: Ich werde sein, der ich sein werde.“) „Ich bin hat dich zu ihnen gesandt“, sprach Gott zu Mose. Ein aufmerksames Studium dieses Namens in der heiligen Schrift lässt erkennen, dass er nicht allein, oder hauptsächlich das absolute Dasein Gottes, im übernatürlichen Sinn des Wortes, bedeutet, sondern auch zeigt, wie treu Gott Seinem eigentlichen Wesen bleibt. Weiter heißt es: „Gott ist (das) Licht,“ (1 Joh. 1,5.) das heißt, die Wahrheit und Heiligkeit, die Wirklichkeit selbst und die Reinheit selbst. Und mehr noch: „Gott ist die Liebe.“

Dieses Wesen, welches die Liebe und das Licht ist, hat zahlreiche Eigenschaften. Nirgends aber steht geschrieben, dass Gott die Majestät ist, dass ER die Gerechtigkeit ist; ebenso wenig wird dies von irgend einer andern Seiner Vollkommenheiten gesagt; aber es steht geschrieben, dass, „Gott die Liebe ist,“ dass, „Gott das Licht ist.“ Nicht nur, dass ER das Licht und die Liebe besitzt, sondern, dass ER die Liebe ist: die gerechte, die heilige Liebe, die reiche und eifrige Liebe, die Liebe, welche züchtigt, die allmächtige, die ewige Liebe.

Die Liebe, wen liebt ER denn? Hier müssen wir zu allererst fragen: „Wenn Gott die Liebe ist, wie konnte ER denn lieben, ehe die Welt geschaffen war und irgend etwas bestand?“ Denkt euch, ein Mensch habe sein ganzes Leben einsam in einer Wüste verbracht, könntet ihr von ihm sagen: „Dieser Mensch hat ein liebevolles Herz.“ Wie wisst ihr das? Wen liebt er denn? Wie zeigt er seine Liebe?

O, meine Brüder, hier dürfen wir einen tiefen Blick tun in das innerste Wesen unseres Gottes! Wir fragen, wen Gott liebte, ehe ER irgend etwas geschaffen hatte? Die Bibel antwortet hierauf, dass Gott einen Sohn hat, Den ER liebt, dass Gott von Ewigkeit her einen Gegenstand Seiner Liebe hatte, der das Ebenbild Seines Wesens ist, dass die Einigkeit Gottes keine Einsamkeit ist; dass in dieser Einheit Gottes ein inniger Herzensverkehr, eine gegenseitige Liebe besteht; dass es ein Wesen gibt, welches „der Abglanz Seiner Herrlichkeit und das Ebenbild Seines Wesens ist,“ (Hebr. 1,3.) in dem ER Sein eigenes Bild sieht und sich in einem andern „Ich“ liebt.

Lasst uns wenig Worte machen, wenn wir an die Dinge herantreten, in welche es selbst die Engel gelüstet, bis auf den Grund zu schauen, und hinsichtlich derer wir wohl tun, uns an die Erklärungen der Bibel zu halten, die uns erlauben, etwas von dieser wunderbaren Gottesliebe durchblicken zu sehen. Was für einen Gott haben wir doch! ER ist nicht der Gott der Philosophen, ein armer, kalter, einsamer Gott. O nein, ER ist ein Gott, der von Ewigkeit her Vater ist. Denkt daran, was das heißt. Das Reich Gottes ist das Reich eines Vaters. Wenn wir hier auf Erden das haben, was man ein Vaterherz nennt, so kommt dies daher, weil wir einen Vater im Himmel haben. Gott ist der ewige Vater und Jesus ist der ewige Sohn; Ihn liebt Gott über Alles. Liebt ER denn noch andere Wesen? Ja. Die Bibel erzählt uns von vielen Menschen, von denen es heißt, Gott liebte sie. Zu Daniel, zum Beispiel, sagte der Engel Gabriel: „Du von Gott geliebter Mann.“ (Dan. 10,19.) Und wir denken dann wohl bei uns: „O, wäre ich ein Daniel!“

Gott liebte das Volk Israel; zahlreiche Stellen bezeugen uns dies. Ich greife eine heraus: „Nicht hat euch der HErr angenommen, und euch erwählt, dass euer mehr wäre, denn alle Völker; denn du bist das wenigste unter allen Völkern: sondern dass ER euch geliebt hat.“… (5 Mose 7,7 und 8.) Und dann: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu Mir gezogen aus lauter Güte“. (Jer. 31,3.) Hört noch die ersten Worte aus dem Buche des Propheten Maleachi: „Ich habe euch lieb, spricht der HErr“. Und wir seufzen vielleicht: „O, dass wir zum Volk Israel gehörten!“

Aber ich darf euch gute Botschaft bringen. Ihr habt nicht nötig, ein Daniel zu sein, oder zum Volk Israel zu gehören; hört, was der Apostel Paulus sagt: „Da aber erschien die Freundlichkeit Gottes, unseres Heilandes, und Seine Liebe zu den Menschen“ (Tit. 4,3.)… Gott hat die Menschen geliebt. Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild und liebte ihn; ER liebte ihn, ehe er fiel und nachdem er gefallen war.

Hier lasst uns nicht zwei Dinge verwechseln, die ganz verschieden sind: die Liebe Gottes zu dem Menschen, selbst dem verkommensten und widerspenstigsten, und das Wohlgefallen, welches Gott an einem Menschen hat, der zu Ihm zurückkehrt. Schaut den Vater des verlorenen Sohnes. Hat er auch nur einen Augenblick aufgehört, seinen Sohn zu lieben? Liebte er ihn nicht, ehe er das Vaterhaus verlassen, und nachdem er es verlassen hatte, und die ganze Zeit, während er ferne war? Aber er hatte kein Wohlgefallen an ihm, er billigte sein Benehmen nicht; er hätte ihn nie wieder aufnehmen können, wenn der Sohn unter das väterliche Dach hätte die Gefährten seines leichtsinnigen Lebens und die schlechten Frauen bringen wollen, mit denen er sein Erbteil vergeudet hatte. Sobald er aber umkehrt, empfängt ihn der Vater mit offenen Armen; und nun hat er seine Lust an ihm, und gibt ihm den Platz, der während der ganzen Zeit seiner Rückkehr für ihn aufbewahrt geblieben war. Aber an dem Tage fängt er nicht erst an, sein Kind zu lieben.

Ebenso können wir zu jedem Menschen, wer immer er auch sei, sagen: „Gott liebt dich; aber eben darum darfst du nicht in deiner Empörung beharren und ferne von Gott bleiben. Komm schnell zurück, komm heim zum Vaterhaus, zum Vaterherzen, damit des Vaters Liebe auf dir ruhen und ER Sein Wohlgefallen an dir haben könne!“ Hört, was der Apostel zu den Römern sagt: „Darum preist Gott Seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren.“ (Römer 5,8.) Wenn Gott sagt: „Liebt eure Feinde“, glaubt ihr, dass ER dies nicht auch selbst tut? ER ist für Seine Feinde gestorben, um sie zu Seinen Freunden zu machen; in Christo Jesu hat ER unser aller Sünde auf sich genommen. Hört noch ein Wort aus des Heilandes eigenem Munde: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass ER Seinen eingebornen Sohn gab, auf dass Alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh. 3,16.)

Dies ist der Maßstab Seiner Liebe. Und nun sagt mir, seht ihr euren Namen in der Bibel geschrieben? Sagt, seid ihr in der Welt, gehört ihr zu der Welt? „Also hat Gott die Welt geliebt, dass ER Seinen eingebornen Sohn gab.“ Das ist die Gabe Gottes.

Stellt euch vor, dass der große Gott auf diese elende, kleine Welt voller Sünder herabschaute und sah, dass ER diese Sünder in Seine heilige Gemeinschaft nicht aufnehmen konnte, weil sie unter einem Todesurteil standen, weil eine unheilbare Krankheit sich ihrer bemächtigt hatte, und sie schuldig, voll Sünde und Makel waren, und endlich weil Seinem heiligen Gesetz Genüge geleistet werden musste.

Was hat ER alsdann getan? Wenn es uns erlaubt ist, in solchen Ausdrücken von Gott zu sprechen, so möchte ich sagen, wir können Ihn uns vorstellen, wie ER in sich selbst sucht, auf welche Weise ER die Welt erlösen könne, und zu dem Schluss kommt, dass, wenn die Welt überhaupt erlöst werden sollte, ER selbst, in der Person Seines eingebornen Sohnes („Gott war in Christo“ 2 Kor. 5,19.) auf die Erde kommen und Mensch werden müsse, um die Sünde der Menschen zu sühnen und die Welt mit Ihm selber zu versöhnen.

Und ER hat es getan.

ER hat Seinen eingebornen Sohn dahingegeben. ER hat ihn in der Sünder Hände überantwortet, und der Sohn hat gesagt: „Siehe, ich komme zu tun, Gott, Deinen Willen.“ (Hebr. 10,9.) „Er nahm Knechtsgestalt an, und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ (Philip. 2,7.8.) Meine Brüder, versteht ihr diese Liebe? Nein, ihr versteht sie nicht; nein, ich verstehe sie nicht; die Engel selbst verstehen sie nicht. Niemand versteht sie, als Gott allein. Wir lesen, dass „Jesus weinte“, als Ihm, am Grab des Lazarus, das ganze Elend, der Jammer und die Zerrüttung entgegentrat, welche die Sünde in diese Welt gebracht hat. Und die Juden, welche Ihn weinen sahen, sagten: „Siehe, wie hat ER ihn so lieb gehabt“ (Joh. 11,36.), was so viel heißen sollte, als: „Wir wussten wohl, dass ER einer ihrer Bekannten und Freunde sei, aber, dass ER sie so lieb gehabt, das hätten wir niemals gedacht.“ O, meine Brüder, als der HErr Jesus, der eingeborne Sohn Gottes, unser Fleisch und Blut angenommen, und am Kreuz, wie ein Übeltäter starb; als Sein Blut mit Seinen Tränen herabrann für die, welche Ihn an das Kreuz genagelt hatten, da mussten die Engel Ihn anschauen, und sich einander bestürzt ansehen, während, unter dem Schatten der Flügel, mit welchen sie das Angesicht vor dem Allerhöchsten bedecken, ein Seraphim dem andern leise zurief: „Seht, wie hat ER sie so lieb!“

Monod, Theodor - Die Gabe Gottes. - 2. Ihr Wesen.

Der Tod ist der Sünde Sold; aber die Gabe Gottes ist das ewige Leben in Christo Jesu, unserm HErrn.
(Röm. 6,23.)

Bisher haben wir gesehen, welches die Quelle der Gabe Gottes ist, und haben erkannt, dass diese Gottesgabe ein Ausfluss der Liebe unseres Gottes ist. Also hat Gott die Welt geliebt, dass ER was? Was hat ER denn getan? Ja, hierin liegt der Unterschied, zwischen dem Evangelium, und Allem, was vorgibt Evangelium zu sein, und es doch nicht ist.

Die Einen sagen: Also hat Gott die Welt geliebt, dass ER erlaubte, dass ein auserlesener Mann der Menschheit das Beispiel eines vollkommenen Lebens gab und dann aus Liebe für seine Brüder starb. Aber Gott hat die Welt viel mehr geliebt. Andere sagen: Also hat Gott die Welt geliebt, dass ER ein den andern Geschöpfen weit überlegenes Wesen schuf, welches auf diese Welt kam, und sein Leben für die Menschen ließ. Aber Gott hat die Welt viel mehr geliebt. Also hat Gott die Welt geliebt, dass ER uns Seinen eingebornen Sohn gab. Das ist die Gabe Gottes, das ist die Liebe Gottes.

Lasst uns nun fragen nach dem Wesen dieser Gottesgabe. Ich nehme an, ich gebe einem Kind ein Goldstück. Welches ist die Ursache, der Beweggrund dieser Gabe gewesen? Mein Wohlwollen, meine Zuneigung zu dem Kind. Welcher Art ist die Gabe? Seht den geschenkten Gegenstand an; es ist Gold; es ist eine geringe Quantität eines edlen Metalls, mit welchem das Kind sich Alles anschaffen könnte, was es wollte, natürlich, innerhalb der Grenzen der bewussten Summe. Ebenso frage ich, „welche Gabe hat Gott den Menschen geschenkt?“ Seinen Sohn. Und welcher Art ist diese Gabe? Um dies beantworten zu können, müssen wir zuerst wissen, wer Jesus Christus ist.

Ohne auf das zurückzukommen, was wir schon gesagt haben, antworten wir: „Jesus Christus ist das Fleisch gewordene Wort, von welchem geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (Joh. 1,1.)

Jesus Christus ist das Leben; ER selbst sagt: „Ich bin das Leben“ (Joh. 14,6.); daraus folgt, dass, wenn Gott uns Seinen Sohn gegeben, ER uns auch das Leben gegeben hat. Das sagt auch der Apostel, wenn er spricht: „Die Gabe Gottes ist das ewige Leben in Christo Jesu, unserm HErrn.“ (Röm. 6,23.) Merkt wohl, es heißt in Christo Jesu und nicht nur, durch Christum Jesum, wie einige Übersetzungen lauten.

Lasst uns noch eine andere bekannte Stelle anführen; wir können nie zu oft darauf zurückkommen. „Das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben hat gegeben, und solches Leben ist in Seinem Sohn. Wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.“ (1. Joh. 4,11.)

Dies im Glauben ergreifen, heißt, in den Besitz aller Gnaden gelangen. Gott hat uns in Seinem Sohne das Leben gegeben. Das Leben, wie man mit Recht bemerkt hat, kann sich von dem lebenden Wesen nicht trennen; es besteht nicht in abstraktem Sinne; es gibt kein Leben, wenn nicht Jemand, oder Etwas da ist, was lebt.

Nun gut; wenn Gott uns das Leben gegeben hat, so hat ER es uns in einem Wesen gegeben, welches lebendig ist, welches das Leben selbst ist, das Leben Gottes. ER hat uns das Leben in einer Persönlichkeit gegeben, und dieses Leben ist göttlich, weil es das Leben Gottes in Seinem Sohn ist. Es ist auch das wahre, menschliche Leben; denn Jesus hat (Ebr. 2, 16) nirgends die Natur der Engel angenommen, sondern den Samen Abrahams nahm ER an sich. ER war Mensch; ja mehr als das, Er war der Mensch, und Pilatus sagte wahrer, als er selbst es glaubte, indem er ausrief: „Seht, den Menschen“. (Joh. 19,5. wörtlich.) ER ist wahrhaftiger Mensch gewesen, und doch finden wir in Seinem Leben das göttliche und das menschliche Leben in einer Person vereinigt. Und ist es nicht gerade das, was wir bedürfen?

Wir besitzen dieses menschliche und doch zugleich göttliche Leben, wenn wir Christum haben. Es ist uns gegeben; und nun frage ich euch, unter welchem Namen könnte es uns gehören, wenn nicht unter dem Namen „Gabe“? Wenn Jemand käme, um mir zu sagen, dass ich heute noch das herrlichste Reich Europas besitzen könnte, so würde ich sehr gut verstehen, dass es dieser Person nicht einfällt zu denken, ich könnte so viel Geld finden, um mir dies Reich zu kaufen; wenn ich es haben soll, so muss man es mir schenken. Ebenso, wenn ich das Leben Gottes haben soll, so darf ich mir nicht einbilden, dass meine kleinen Werke, meine kleinen Leiden und Verdienste es mir erwerben können. Dieses Leben ist, in der ganzen Wahrheit des Wortes, ein freiwilliges Geschenk, und wenn ein Mensch es nicht als Geschenk annehmen will, so wird er es nie haben. (Röm. 11,35.) „Wer hat Gott etwas zuvor gegeben, das ihm werde wieder vergolten?“ fragt der Apostel. Wo ist der Mensch, der aufstehen könnte und sagen: „Ich habe Ihm etwas gegeben?“ Nein, wir haben Gott nichts zu geben, als was ER uns selbst gegeben hat. Von allem Guten muss Gott Anfang, Mitte und Ende sein.

Die Gabe Gottes ist eine freiwillige, eine vollkommene Gabe; hierunter verstehe ich eine Gabe, die Alles in sich schließt. Wenn ihr mir irgend etwas Gutes nennen könntet, was sich nicht in Christo findet, so hättet ihr mir etwas Gutes genannt, was Gott uns nicht gegeben hat. Wenn ihr mir aber nicht etwas Gutes nennen könnt, was sich nicht in Christo findet, so folgt hieraus, dass ihr nichts Gutes finden könnt, was uns nicht gehörte, wenn wir es nur aus Gottes Hand annehmen wollen.

Unzählige Stellen der Bibel behandeln diesen Gegenstand; wir wollen nur zwei herausgreifen: (Eph. 1,3.) „Gelobt sei Gott und der Vater unseres HErrn Jesu Christi, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern in Christo.“

Achtet wohl auf die zwei Worte: in Christo; denn nur in Christo hat uns Gott also gesegnet. Nach dem Apostel Paulus hört auch, was der Apostel Petrus sagt: (2 Petri 1,2.3.) „Gott gebe euch viel Gnade und Friede durch die Erkenntnis Gottes und Jesu Christi, unseres HErrn; nachdem allerlei Seiner göttlichen Kraft (was zum Leben und göttlichen Wandel dient) uns geschenkt ist, durch die Erkenntnis des, der uns berufen hat durch Seine Herrlichkeit und Tugend.“

Es handelt sich folglich um eine vollkommene Gabe, außerhalb welcher nichts ist. Wenn Gott uns Jesum Christum gibt, so gibt ER Alles, was ER dem Menschen überhaupt geben kann.

Wie bekommen wir aber diese Gabe?

Ich behandle hier nicht einen Gegenstand, auf den wir noch besonders eingehen wollen, nämlich die Annahme der Gabe Gottes; ich frage einfach, wie kann das ewige Leben die Gabe werden, welche Gott dem sündigen Menschen gibt? Erinnert euch an das Wort Jesu. ER sagt nicht nur: „Ich bin das Leben,“ und doch wäre das schon viel gesagt; sondern: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ (Joh. 11,25.) ER kam zu dem Menschen, der in Sünden tot war: seine Seele, sein Körper, Alles an ihm war tot. ER lebte, ER starb, ER stand aus dem Grab auf, ER, der zweite Adam, der lebendigmachende Geist; ER machte die Seele und mit ihr auch den Leib des Menschen lebendig. Wie hat ER das getan? Indem ER aus unserem Wege das Hindernis räumte, welches uns gänzlich abhielt, zu Gott zurückzukehren; nämlich unsere Sünde und Strafbarkeit. Nicht etwa, indem ER uns im Namen Gottes sagte, dass schließlich die Sünde gar nicht so schlimm sei, und dass Gott so gut sei und es nicht so genau nehmen würde. Nein, ein solcher Gott stände, ich will nicht sagen, unter dem Gott der Bibel, das versteht sich von selbst, aber unter dem erleuchteten Gewissen eines aufrichtigen Menschen. Gott könnte so etwas nie tun!!

Was hat ER denn getan? „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.“ (Joh. 1,29.) „ER hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in Ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“ (2 Kor. 5,21.) Christus ließ sich herab, den abgefallenen und strafbaren, den verlorenen und toten Menschen darzustellen, seine Stelle einzunehmen und in gewissem Sinn zu sagen: „Ich bin dieser Mensch.“ ER duldete es, dass „der HErr unser Aller Sünde auf Ihn warf.“ (Jes. 53,6.) Ach, wir verstehen gar nicht das volle Gewicht dieser Worte! Wir ahnen's nicht, wie furchtbar Seine Todesqual gewesen! Wir wissen nicht, wie groß die Finsternis war, die, schrecklicher noch, als die Finsternis in Ägypten, Seine Seele umgab, da ER ausrief: „Mein Gott,“ nicht mehr „mein Vater,“ sondern „mein Gott,“ „mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mark. 15,34.) ER fühlte sich für den Augenblick ohne Gott, weil unsere Sünden zwischen Gott und Seiner Seele standen.

Nun ist die Türe offen; dem Gesetz Gottes, welches den Tod des Übertreters verlangte, ist Genüge geleistet. Doch wisse es wohl, lieber Leser, dem Gesetz Gottes muss unbedingt, auch was dich betrifft, Genüge geleistet werden, und zwar durch den Tod Christi als deines einzig möglichen Stellvertreters. Seht, so konnte die Tür geöffnet werden; so offenbart sich nun die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit Gottes zu gleicher Zeit; so kann nun der verworfenste und elendeste, der niedrigste der Sünder, ja selbst der, welcher am weltlichsten, am gleichgültigsten, am kältesten, und vor allen Andern, am schwierigsten zu bekehren ist, kommen und er wird mit Freuden angenommen werden. Einzig und allein darum, weil Christus gestorben ist.

Aber merkt wohl, liebe Brüder, der eigentliche Zweck des Todes Christi ist, uns das Leben zu geben. Es ist nicht nur gekommen, um uns Seinen Tod, nein, ER ist gekommen, um uns Sein Leben zu geben. Und weil dieses Leben nur durch Seinen Tod das unsrige werden konnte, ist ER gestorben. Durch Seinen Tod sind wir lebendig gemacht, oder eigentlich durch Seine Auferstehung, die aber Seinen Tod erforderte. ER starb, und wir starben in Ihm, und nun beginnt ein neues Kapitel unserer Geschichte, oder besser gesagt, unsere Geschichte fängt überhaupt jetzt erst an. In dem zweiten Adam, in dem HErrn Jesu Christo, der auferstanden ist von den Toten, haben wir unser Leben. Weshalb hat ER unsere Stelle eingenommen an dem Kreuz, das wir doch verdient hatten? Auf dass auch wir Ihm gleich wären in der Macht und Herrlichkeit Seiner Auferstehung. Glaubt ihr, dass ER gekommen sei, sich mit uns in Schande, Leiden und Todesqual zu verbinden, um sich dann wieder von uns zu trennen? O, nein! - Jetzt will ER die Frucht Seiner Seelenarbeit genießen und ernten, was ER um so großen Preis gesät hat; ER will, dass wir eins mit Ihm seien und bleiben in Seinem eigenen Leben, Seinem Leben der Liebe, der Reinheit und des Gehorsams gegen Gott.

Lasst uns hier noch eins bemerken: Wenn Christus uns Sein Leben gibt, so ist dies nicht nur ein Anrecht auf das Leben. Ich glaube, dass eigentlich hierin der Hauptirrtum liegt, welchen, ich sage nicht, diejenigen begehen, die mit dem, was man die gegenwärtige „Bewegung“ nennt, nicht übereinstimmen, denn ich weiß, dass es unter ihnen viele gibt, die Allem, was ich sagen will, beistimmen - sondern so viele Seelen aller Kirchen, die sich eben damit begnügen, zu glauben, dass Christus ihnen ein Anrecht auf die Seligkeit, irgend eine Art Billet gegeben habe, durch welches sie auf die eine oder andere Weise in den Himmel kommen könnten. Das genügt ihnen, sie haben ihren Pass; sie werden ihn vorzeigen, wenn sie an der Himmelstür anlangen, und zweifeln gar nicht, dass die Tür sich ihnen dann auftun wird. Meine Freunde, hütet euch; denn Jesus sagt ausdrücklich, dass an dem letzten Tage Solche kommen, die nicht nur sagen: „Ich habe zu der und der Zeit bekannt, dass ich an Dich glaube,“ sondern auch: „Ich habe in Deinem Namen gepredigt, ich habe in Deinem Namen viele Taten getan,“ welchen ER dann antworten wird: „Ich habe euch noch nie erkannt.“ (Matth. 7,22.23.)

Wohl liegt hierin für uns eine ernste Warnung; aber es liegt auch und das besonders, eine Aufmunterung und ein Quell der Freude darin. Haben wir Jesum angenommen, so besitzen wir nicht nur das Anrecht auf das ewige Leben (das Anrecht haben wir auch), sondern das ewige Leben selbst. Würdet ihr zufrieden sein, wenn ihr in einer zerfallenen Hütte wohntet und es besuchte euch Jemand und sagte: „Ich gebe Ihnen ein gutes, bequemes Haus,“ und dann, indem er euch ein Blatt Papier in die Hand drückte, hinzufügte: „Da ist es“? „Gut,“ würdet ihr sicherlich antworten, „das ist das Anrecht auf das Haus, wo ist aber das Haus selbst?“ „O, wir werden später, vielleicht in einigen Jahren, weiter von dem Hause reden; vorläufig haben Sie ja das Anrecht darauf.“

Gott hat uns Seinen Sohn gegeben, das ist etwas ganz anderes als ein bloßes Anrecht, das ist Sein eigenes Leben. Es ist wahr, dass dieses Leben „ewig“ ist; aber ganz gewiss ist es nicht weniger das Leben, weil es ewig ist, gerade im Gegenteil. Seine Kraft ist „die Kraft eines unendlichen Lebens.“ (Hebr. 7,16.) Es ist das Leben Gottes selbst, uns jetzt gegeben, damit wir in Jesu Christo Gottes Kinder sein könnten; Kinder, welche lieben; Kinder, welche Leiden; vielleicht manchmal Kinder, welche sich verirren, obgleich dies nie eine Notwendigkeit ist; immer aber Kinder, denen Jesus Christus, mit Allem, was ER hat und ist, gehört.

Ihr könnt unmöglich Christus selbst, Seine Person, von irgend einer der Gaben trennen, die ER uns gewährt; sei es nun Seine Gerechtigkeit, oder Kraft, Seine Freude, oder irgend eine andere Gabe. Wer den Sohn hat, der hat das Leben. Und doch gibt es Christen, welche uns sagen, dass sie ihr ganzes Vertrauen in Christum setzen, während es klar vor Augen liegt, dass sie nicht jeden Tag und jede Stunde Christum als das Leben ihrer Seele annehmen. Woher kann dies kommen?

Diese Christen werden uns z. B. bei dem Auszug aus Ägypten daran erinnern, dass man beide Pfosten an der Tür und die oberste Schwelle mit dem Blut des Lammes bestrich, und dass, wenn die bestimmten Stellen mit dem Blut des Lammes besprengt waren, der Engel vorüberging und keinem, der im Haus war, etwas zu Leide tat. Das Alles ist vollkommen wahr; aber lasst mich euch die Stelle doch ganz lesen. „Ihr sollt aber ein solches Lamm nehmen, da kein Fehl an ist, ein Männlein und eines Jahrs alt…. Und ein jegliches Häuflein im ganzen Israel soll es schlachten zwischen Abends. Und soll seines Blutes nehmen, und beide Pfosten an der Tür und die oberste Schwelle damit bestreichen, an den Häusern, da sie es innen essen.“ (2 Mos. 12,5-7.) Wäre in Israel eine Familie gewesen, die sich hieraus den Schluss gezogen hätte: „Gott hat gesagt, dass wir in Sicherheit seien, wenn nur das Blut auf die äußere Tür gesprengt werde; wir haben darum gar nicht nötig, das Lamm zu essen; wir wollen es töten und das Blut auf die bestimmten Stellen streichen, aber wir wollen es nicht essen; wir wollen etwas anderes, oder auch nichts essen“; glaubt ihr, Gott würde diese trotzige Widerrede nicht an das Tageslicht gebracht haben? Würde ER nicht gesehen haben, dass man Ihm offenbar ungehorsam war, während man vorgab, Ihm zu gehorchen, weil man die Hälfte von dem tat, was ER befohlen hatte?

Geradeso genügt es auch nicht, sich immer zu wiederholen: Ich bin in Sicherheit; ich bin in Sicherheit. Gott erklärt, und Lob und Dank sei dafür Seinem Namen, dass, wenn ihr in Christo seid, ihr auch in Sicherheit seid; wenn ihr aber außer Christo seid, so seid ihr auch nicht in Sicherheit, was immer ihr euch auch vorphilosophieren mögt. Wenn ihr die Sünde liebt, wenn ihr nicht für den Heiland lebt, so seid ihr nicht im Geringsten in Sicherheit.

Aber, sagt der Apostel nicht irgendwo, dass wir nichts zu fürchten haben? Ja, ER sagt es, und wiederholt es öfter. ER sagt z. B. „Von welchem auch ihr herkommt in Christo Jesu, welcher uns gemacht ist von Gott zur Weisheit, und zur Gerechtigkeit, und zur Heiligung, und zur Erlösung.“ (1 Kor. 1,30.) Ihr seht es, Alles ist uns frei und umsonst in Ihm geschenkt. Und weiter: „ER hat Den, Der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in Ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“ (2 Kor. 5,21.) Und was sagt der Apostel, wenn er von seiner persönlichen Erfahrung spricht? „Ich achte es Alles für Schaden gegen der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines HErrn, um welches. willen ich Alles habe für Schaden gerechnet, und achte es für Dreck, auf dass ich“… was? „auf dass ich Christum gewinne. Und in Ihm erfunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christum kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird; zu erkennen Ihn und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, dass ich Seinem Tode ähnlich werde.“ (Philip. 3,8-10.)

Meine Brüder, ist dies nicht vollkommen klar? Ist das nicht die Lehre des Wortes Gottes, und ist es nicht hohe Zeit, dass Jeder, welcher bekennt ein Christ zu sein, nicht sein Christentum, sondern Christum selbst ergreift, um von Ihm Sonntags, Montags, Dienstags, und alle andern Tage zu leben? Wohl gibt es Augenblicke, wo wir das Bedürfnis fühlen, Jesum zu suchen und Ihn zu bitten, aus unseren Herzen Alles wegzunehmen, was Seinen Augen missfällt. Dies ist z. B. der Fall, in den Tagen, wo wir zum heiligen Abendmahl uns vorbereiten. Dann wenigstens versuchen wir uns Ihm zu nahen, als dem Brot des Lebens und als dem erwürgten Lamme. Aber wir erwarten gar nicht in dieser Stimmung zu bleiben, wir rechnen nicht auf die Gegenwart Jesu an unserm Familientisch, wie an dem „Tische des HErrn“; wir erwarten gar nicht, Ihn immer bei uns zu haben, im Salon, in der Küche, in der Werkstatt, auf der Straße und überall. Aber lasst uns doch endlich das Wesen der Gabe Gottes verstehen! Lasst uns Jesum als eine lebendige Person annehmen, in welcher Gott uns Alles zu allen Zeiten gegeben hat. In der ganzen Bibel steht kein einziges Wort, welches sagt oder beweist, dass das Leben, welches Gott gibt, unterbrochen werde oder aufhöre.

Aber es ist Zeit, zu schließen. Ich glaube, ich habe eine zu kühne Behauptung aufgestellt, als ich versprach, keine Stellen aus einem menschlichen Buch anzuführen; denn ich habe unterdessen eine Stelle entdeckt, die unsern Gegenstand so vollkommen in Kürze zusammenfasst, dass ich nicht umhin kann, sie euch mitzuteilen, nicht als Autorität, - wir erkennen keine andere Autorität als die Bibel an - sondern weil es immer nützlich und angenehm ist, eine wichtige Wahrheit in kraftvollen Ausdrücken dargestellt zu sehen, besonders wenn dies von der Feder eines Gottesmannes geschieht, der wegen seines Urteils, seines Wissens und seiner Frömmigkeit von Allen hoch geehrt wird. Ich beginne damit, euch seinen Namen zu nennen; denn ich weiß wohl, dass es Viele gibt, die nicht, wie es recht wäre, unter allen Umständen zuhören, sondern nur, wenn sie wissen, wer der ist, welcher zu ihnen redet. Sie fragen nicht: „Was sagt man mir?“ sondern: „Wer sagt es?“ Ist es Herr X., dann ist es tadellos, ist es aber Herr Y., dann ist es verdächtig. Nun, die schottische Theologie ist, wie ihr wisst, außerordentlich fest, klar und auf die Schrift gegründet. Die Stelle, welche ich anführen will, ist Dr. Candlish, einem der bedeutendsten Theologen Schottlands, entnommen: „Ich muss glauben, dass meine Rechtfertigung nicht allein ein Beistimmen und eine Billigung meinerseits ist, oder ein Vertrauen, welches ich einer gerichtlichen, gesetzmäßigen Übereinkunft, die zwischen dem Vater und dem Sohn stattgefunden hat, um mir Vergebung und Frieden zu verschaffen, gegenüber zeige. Ich muss vielmehr meine Rechtfertigung als eine wirkliche, persönliche Vereinigung von mir und Christo halten. Ich habe es hier nicht zu tun mit einem Werk, einem Dienst oder einem Amt, in welchem ich etwas zu wirken oder zu leiden hätte, und welches man die Gerechtigkeit Christi nennen könnte, sondern ich habe mit Christo selbst zu tun. Ich bin dazu gebracht, Christum zu ergreifen. Ich habe keinen andern Ausweg als Christum. Ich bleibe in Christo. Ich bin eins mit Christo. Diese Vereinigung ist so vollkommen, dass ich demütig meinen Anteil an Allem, was Sein ist und besonders, und vor Allem, an Seiner gerechtmachenden Gerechtigkeit, als Eigentum in Anspruch nehme.“

Die einzige Tugend des Glaubens besteht darin, dass ich mich durch denselben, so zu sagen, in Christum einhülle; durch den Glauben und in dem Glauben ergreife ich Christum. Durch diese Vereinigung oder vielmehr in dieser Vereinigung sind alle Gnaden und Heilsgüter mein eigen. Nichts empfange ich von Jesu Christo. Ich besitze Alles in Jesu Christo; aber auch nur in Ihm, in der Vereinigung und Gemeinschaft mit Ihm. Ich empfange keine gerechtmachende Gerechtigkeit, welche Christus für mich ausgearbeitet hat, und die ER mich nun bittet, von Seiner Hand anzunehmen. In Christo bin ich gerecht, weil ich eins bin mit dem Gerechten. Ich bin nicht geheiligt durch eine heilige Kraft, oder einen heiligen Einfluss, welcher mir durch die Liebe Christi und durch Seine Vermittlung mitgeteilt würde. Eine solche Heiligungsmethode könnte mir nicht mehr genügen. Ich bin glücklich zu wissen, dass wenn ich eins bin mit Christo, ich auch mit Ihm der Heiligkeit teilhaftig bin, die in Ihm ist. Ja, denn dies bedingt nicht nur, dass ich mit Ihm vom Geist geboren bin, sondern auch, dass ich mit alles Ihm gekreuzigt bin, um mit Ihm zu leben. - Wenn diese Lehre wahr ist, wenn unser Teilnehmen an den Gütern der Erlösung Christi, nur von unserer Vereinigung und Gemeinschaft mit Christo bei dem Genuss aller Seiner Gaben abhängt, dann dürfen wir uns nicht so sehr damit beschäftigen, diese Güter zu erlangen; sondern wir müssen trachten, Christum selbst zu besitzen. Mit Ihm, mit Seiner Person haben wir zu tun. ER ist uns vorgestellt: der HErr, der unsere Gerechtigkeit ist; der HErr unsere Stärke; der Heilige Gottes; der eingeborne Sohn. ER ist uns freiwillig und umsonst gegeben, um uns zu gehören; uns zu gehören, wenn wir nur wollen, dass ER unser eigen sei.“ Das ist die frohe Botschaft, welche wir euch Sündern bringen! Wir verkündigen Christum; wir stellen Ihn euch dar. Wir beschwören euch, Ihn anzunehmen, Ihn jetzt, in diesem Augenblick, als Gottes Gabe anzunehmen. Wir bitten euch nicht, die Früchte Seiner Erlösung, wir bitten euch, Ihn selbst anzunehmen. Doch was sage ich? ER selbst bittet euch darum. ER bittet euch, einzuwilligen, Sein eigen zu sein, einzuwilligen, dass ER euer eigen sei. ER lädt euch ein, nicht das, was ER euch erworben hat, von Seiner Hand anzunehmen, sondern Ihn selbst anzunehmen, und „Ein Geist mit Ihm zu sein.“ (1 Kor. 6,17.) „Kommt her zu Mir.“ (Matth. 11,28.) „Bleibt in Mir.“ (Joh. 15,4.) „Lernt von Mir.“ (Matth. 11,29.) Lasst Mich in eurem Herzen wohnen. Nährt euch von Mir. Lasst uns nicht mehr zwei sein, lasst mich eins sein mit euch; lasst uns, durch gegenseitiges Übereinkommen, ohne Vorbehalt und auf ewig eins sein. Dann ist Alles euer. „Es sei Paulus oder Apollo, es sei Kephas oder die Welt, es sei das Leben oder der Tod, es sei das Gegenwärtige oder das Zukünftige; Alles ist euer; ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.“ (1 Kor. 3,22.23.)

„Gewinnt Christum und ihr gewinnt Alles; bewahrt Christum und ihr bewahrt Alles.“

Monod, Theodor - Die Gabe Gottes. - 3. Ihre Annahme.

Wie Viele Ihn aber aufnahmen, denen gab ER Macht, Gottes Kinder zu werden, die an Seinen Namen glauben.“
(Joh. 1,12.)

Der Gegenstand unserer heutigen Betrachtung ist die Annahme der Gabe Gottes. Wir haben gesehen, dass die einzige Quelle dieser Gabe Gott selbst, Seine ewige, unendliche Liebe ist. Wir haben gesehen, dass diese Gabe keine andere ist, als der HErr Jesus Christus selbst, ER, der das Leben ist. Später wollen wir von den Wirkungen dieses Lebens in uns, und von den Mitteln, die Kraft dieses Lebens zu bewahren und zu vermehren, reden; und endlich auch fragen, zu welchem Zweck Gott uns diese Gabe gegeben hat. Zwischen diesen Gegenständen und denen, welche wir noch nicht behandelt haben, liegt ein anderer, welcher in dieser Kette ein Ring von der größten Wichtigkeit ist, nämlich, die Annahme der Gabe Gottes.

Wir können wirklich wissen, dass diese Gabe uns umsonst geschenkt wird, dass sie vollkommen ist; wir können wissen, dass sie Heiligkeit, Glück, Gnade und Herrlichkeit mit sich bringt; aber was nützt uns dies Alles, wenn wir sie nicht besitzen? Vielleicht ist unter diesen Zuhörern noch eine oder die andere arme Seele, welche die Gabe Gottes noch nicht angenommen hat, und welche sich ängstlich fragt: „Was soll ich tun? Muss ich nicht erst diese oder jene Gnade haben, muss ich nicht zuerst in dieser oder jener Stimmung sein, um der Gabe Gottes teilhaftig werden zu können? Ist die Gabe Gottes nicht nur für die Gläubigen und muss ich nicht, ehe ich sie für mich in Anspruch nehme, irgend ein Zeichen haben, dass ich ein Gläubiger bin?“ Solche Fragen wirft man oft auf; aber diese Art zu fragen bringt die Seelen in große Verwirrung und ist nicht auf die Schrift gegründet.

Gott sagt, dass ER „also“ nicht die Gläubigen, sondern, „die Welt“ geliebt habe, dass ER Seinen eingeborenen Sohn gab, damit ER „der Heiland der Welt“ sei, auf dass ALLE, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Es versteht sich von selbst, dass ihr, ohne zu glauben, dieses ewige Leben nicht haben könnt, was nichts anders heißt, als dass ihr diese Gabe annehmen müsst, um in ihren Besitz zu gelangen. Aber Gott hat sie euch gegeben; ihr könnt sie so frei und ungezwungen gebrauchen, als ihr das Wasser aus dem Fluss nehmt, oder die Luft des Himmels einatmet. „Wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ (Offenb. Joh. 22,17.) Aber was heißt denn nehmen? was heißt annehmen? Es scheint mir wirklich, als ob es uns gelänge, gerade die einfachsten Fragen mit dem dichtesten Nebel und den größten Wolken von Schwierigkeiten zu umgeben.

Als ich vor einiger Zeit einer Konferenz von Brüdern beiwohnte, hörte ich einen Freund folgende Geschichte erzählen. Der Vorsteher einer Sonntagsschule wollte seinen Schülern klar machen, was die Gabe Gottes sei, und wie sie dieselbe erlangen könnten. Er verließ seinen Platz und trat an die Kinder heran, seine Uhr in der Hand haltend. Dann hielt er die Uhr in die Höhe und sagte zu dem ersten der Kinder: „Ich gebe dir diese Uhr.“ Das Kind machte große Augen; aber es bewegte sich nicht. Der Lehrer ging zu dem folgenden und wiederholte: „Ich gebe dir diese Uhr.“ Das Kind wurde ganz rot; aber das war auch Alles. Nun ging der Lehrer langsam durch alle Reihen der Schule und bot seine Uhr jedem Kind an; die einen schienen erstaunt, die andern verlegen, wieder andere fingen an zu lachen; Keines aber nahm die Uhr. Leicht kann man sich vorstellen, was wahrscheinlich in der Seele der Ältesten, der Denker der Schule, vorging, denen die Sache doch Kopfzerbrechen machte. „Wie kann er nur sagen, dass er uns seine Uhr geben wolle! Sicher ist das nicht ernst gemeint; wo will er damit hinaus?“ Aber während der so vernünftige Schüler sich seinem tiefen Nachdenken überließ, ging die Uhr an ihm vorüber, und er nahm sie nicht. Endlich streckte ein kleiner Knabe ganz einfach seine Hand aus und nahm die Uhr. Der Lehrer ließ die Kette los, und Uhr und Kette glitten aus seiner Hand in die Hand des Kindes; dann kehrte der Lehrer an seinen Platz zurück, während der kleine Knabe leise fragte: „Bitte, sagen Sie mir, gehört die Uhr jetzt wirklich mir?“ „Natürlich gehört sie dir.“ Diesmal waren auch die Größten völlig aufgewacht. „Wollen Sie damit sagen, Herr Lehrer, dass er die Uhr behalten kann?“ „Gewiss; ich habe ja gesagt, dass ich sie dem gäbe, der sie nehmen würde.“ „O! wenn ich das gewusst hätte!“ rief einer von ihnen, „dann hätte ich sie wohl genommen.“ „Habe ich dir denn aber nicht gesagt, dass ich sie dir geben wolle?“ „O, ja, aber ich dachte nicht, dass dies so ernst gemeint sei!“ „Um so schlimmer für dich; er hat mir geglaubt, und er hat die Uhr.“

Ich weiß nicht, ob ich jedem Vorsteher einer Sonntagsschule raten würde, seine Uhr dranzugeben; aber es scheint mir, dass dieser die seinige auf hohe Zinsen ausgeliehen hat. Die Lehre war seinen Schülern und vielen andern noch von großem Nutzen; und ich hoffe, dass auch wir Nutzen daraus ziehen. Die Gabe Gottes annehmen ist ebenso einfach wie dies. Gott kommt zu uns und sagt: „Da ist das ewige Leben, wer da will, der nehme es“; wir aber fangen an nachzudenken, zu überlegen, zu besprechen und zu untersuchen, wie ER uns dasselbe könne geben wollen, und wie wir es nehmen können, anstatt einfach zu denken: „Es gehört mir!“

Aber mein Vergleich wird Einigen mangelhaft erscheinen. Man wird sagen, es handelt sich in diesem Fall um einen greifbaren Gegenstand, eine Uhr, die man mit dem Auge sehen kann, und wir besitzen eine Hand, die im Stande ist, die Uhr zu ergreifen. Das ewige Leben hingegen ist keine sichtbare Sache, und wir haben keine Hand, um es zu ergreifen. Meine Freunde, es begegnet uns alltäglich, dass wir Dinge ergreifen, ohne Hände Dinge ergreifen, die wir nicht sehen. Heute Morgen erhielt ich zum Beispiel einen Brief von einem großmütigen Freund, der mir schreibt: „Ich habe bei einem gewissen Bankier auf Ihren Namen eine gewisse Summe deponiert, die zur Evangelisation Frankreichs verwandt werden soll.“ Ich habe den Brief und weiter nichts; doch aber verkündige ich euch und notiere mir, dass ich die besagte Summe besitze. Ich habe sie nicht gesehen, ich habe nichts getan, als daran geglaubt. Und so handeln wir beständig. Ein Sohn hat seinen Vater tief beleidigt; der Vater lässt ihm sagen: „Ich liebe dich, ich verzeihe dir, komm heim.“ Das Herz des Sohnes ist voll Friede, seine Augen füllen sich mit Tränen. Was ist denn vorgefallen? Einige Worte nur sind zu ihm gelangt, aber unter diesen Worten fühlte er das Herz des Vaters schlagen; ebenso sehe ich hinter dem Brief, von welchem ich sprach, das bei dem Bankier deponierte Geld; ich sehe es so wirklich, als das Kind die Uhr in der Hand seines Lehrers sah.

Wir haben auch ein Wort empfangen, ein Wort Gottes, denket darüber nach. Gott sagt, dass ER, nicht uns Gläubigen, nicht uns Heiligen, sondern uns Sündern Seinen Sohn gegeben hat, dass ER an unserer Statt sterbe; und zwar, „während wir noch Feinde waren“ (Röm. 5,10); auf dass, weil ER nun die Welt mit Sich versöhnt hat, wer da will, versöhnt sein könne. Was haben wir denn zu tun? Ganz einfach die Sache als eine Tatsache hinzunehmen, weil Gott es uns sagt. Nicht weil wir es begreifen und fühlen, oder es in irgend einer Weise verdienen, nicht weil wir dafür zubereitet sind, sondern weil Gott es sagt. Dann wird noch etwas mehr, etwas Besseres kommen. Der Geist Gottes wird unserem Geist Zeugnis geben, dass wir wirklich Gottes Kinder sind.“ (Röm. 8,16.) Aber zuerst müssen wir die Gabe Gottes annehmen. - Wenn dem so ist, wie kann man sich da die Tatsache erklären, dass so viele Tausende, oder soll ich sagen, so viele Millionen Menschen, unter denen, welche die frohe Botschaft verkündigen hören (ich beschäftige mich hier nur mit diesen), die Gabe Gottes nicht annehmen? Das kann sehr verschiedene Gründe haben. Viele Leute nehmen die Gabe nicht an, weil sie ihr gar keinen Wert beilegen, es liegt ihnen nichts an dem Heil und der Seligkeit, während doch ihre unsinnige Gleichgültigkeit zur Genüge beweist, wie sehr sie des Heils bedürftig sind. Andere glauben gar nicht, dass Gott wirklich Seinen Sohn der Welt gab. Diese befinden sich wahrscheinlich nicht hier unter meinen Zuhörern, und es ist nicht nötig, dass ich mich an sie anders wende, als um ihnen zu sagen: „So Jemand will den Willen Gottes tun, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sei.“ (Joh. 7,17.)

Aber wir wollen zu Anderen übergehen, Es gibt Leute, welche zuhören und aufmerksam sind, welche ihre Not fühlen und Gottes Wort nicht in Zweifel ziehen, und dennoch nicht die Gabe Gottes ergreifen. Nun sind aber der Glaube an das Wort Gottes und die Annahme der Gabe Gottes zwei Dinge, welche Hand in Hand gehen müssen. Wenn der Schüler, von dem ich euch erzählt habe, dem Worte seines Lehrers nicht geglaubt hätte, würde er selbstverständlich die Uhr nicht genommen haben; und wenn er auf der andern Seite seinem Lehrer geglaubt hätte, ohne zu nehmen, was dieser ihm anbot, so würde sein Vertrauen ihm gar nichts genützt haben. Es gibt demnach Seelen, welche glauben, aber nichts ergreifen. Warum? Die Einen, weil sie unter dem Einfluss einer sehr feinen Form des Unglaubens stehen, den sie Demut nennen. Sie sagen: „Ja, das mag für andere Sünder sein, aber nicht für mich; denn ich bin zu schlecht, mein Herz ist zu verstockt; ich habe Gott zu oft beleidigt“; oder auch: „ich bin zu leichtfertig, zu wankelmütig; man kann sich nicht auf mich verlassen.“ Als ob Gott erwartete, sich auf uns verlassen zu können! Wir müssen uns auf Ihn verlassen und weiter verlangt ER gar nichts von uns. Da schleppen diese armen Seelen sich nun dahin, seufzend, sich abarbeitend und zerquälend während Wochen, Monaten, Jahren, vielleicht ihr ganzes Leben hindurch; einige haben trotz alledem Glauben, aber sie wagen nicht dies einzugestehen, sie verlieren die Freude, den Frieden und viel von der Kraft des Glaubens; andere gelangen nie dahin, die Gabe Gottes anzunehmen.

Es gibt andere Leute, welche diese Gabe aus völlig entgegengesetzten Gründen nicht annehmen; sie sind zu stolz, sie anzunehmen, weil sie dieselbe nicht unter dem Namen „Gabe“ haben wollen. Sie müssen Gott etwas dafür geben; ihre guten Werke, oder wenigstens doch ihre guten Absichten, ihre Gebete, oder vielleicht auch ihren Schmerz über die Sünde. Hiermit will ich nicht sagen, dass diese Dinge an und für sich schlecht seien, aber sie bringen Gott dieselben wie Geld, mit welchem sie Sein Heil zu kaufen gedenken. Die Gabe Gottes verkauft sich aber nicht. Gott nimmt weder unsere Bitten und Tränen, noch unser Gold und Silber als Zahlung dafür an. Von alledem will ER nichts haben; ER will, dass wir uns Ihm nahen, arm und nackt, blind, zu Grunde gerichtet und verloren, als Leute, die nichts bieten können, als das Gebet des Zöllners: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Luk. 18,13.) Und wir dürfen noch hinzufügen: „Gott aber sei Dank für Seine unaussprechliche Gabe.“ (2 Kor. 9, 15.) Wie das Lied sagt:

„Ich bin nur ein Nichts, ein Elender, voll schwerer Sünd,
Doch in Allem und für Alles ich jedes Gut in Jesu find.“

Seid versichert, dass viele rechtschaffenen, ehrbaren Leute der Gnade Gottes so fern bleiben, weil der Hochmut sie hindert, sich unter demselben Namen vor Ihm in den Staub zu werfen, als die Zöllner und Sünder, als die verworfensten Frauen und die verachtetsten Menschen; unter demselben Namen als der Schächer am Kreuz, der nichts anzubieten hatte, nichts versprechen konnte, in dem nur noch ein Hauch des Lebens war, und der nur sagen konnte: „HErr, gedenke an mich!“ So lange ein Sünder sich noch widersetzt dies zu tun, kann er die Gabe Gottes nicht annehmen.

Endlich gibt es aber noch einen Grund, und vielleicht ist dies der Hauptgrund, welcher eine Menge Leute verhindert, die Gabe Gottes anzunehmen.

Dieser Grund ist: „sie haben volle Hände.“ Gott füllt nur leere Hände; wenn die unsrigen voll sind, so wird und kann Gott sie nicht füllen. Vielleicht sind sie mit Dingen gefüllt, die man gut heißt; vielleicht gar mit religiösen Werken; aber in Wahrheit, und um gleich alles in einem Wort zu sagen, sind sie voll von uns selbst; sie sind voll von dem Suchen nach uns selbst, dem Vertrauen in uns selbst, voll von eigener Weisheit, eigener Kraft, eigener Würdigkeit, eigener Ehre, usw.

Nun kommt aber Jesus Christus mit der ganz bestimmten Absicht, unser selbstsüchtiges Ich zu erniedrigen; es heraus zu werfen, selbst seine Stelle einzunehmen, und die Leitung unseres Herzens und Lebens selbst in die Hand zu nehmen; wir alle fühlen das instinktmäßig, wenn wir zu Ihm kommen, oder wenn Er uns im Evangelium angeboten wird. Man fühlt, dass man sich einem HErrn gibt, wenn man den Heiland annimmt; dass, sich Ihm überlassen, um Seine Vergebung zu erlangen, nichts anders ist, als sich Ihm überlassen, um Seinen Willen zu tun. Aber wie oft bleibt man nun dabei stehen und fragt sich, was ist nun besser, Christi Wille, oder mein eigener? Wo werde ich die wahre Freiheit finden, in Christi Willen, oder in meinem eigenen? Wo wird das Glück sein, in der Erfüllung Seines Willens, oder in der meines eigenen? Was gewährt dem Herzen das sanfteste Leben, ein Leben voll Liebe und zarter Sorgfalt, Christi Wille oder mein eigener Wille? Manchmal bedarf es Jahre, um über diesen Punkt zu einem bestimmten Schluss zu kommen. Welches Geheimnis! Wie muss doch die Sünde und ihre Torheit Besitz von uns genommen haben, dass wir auch nur einen Augenblick schwanken können, zwischen unserm Willen und dem Willen Gottes, des allein weisen und allmächtigen Gottes, des Gottes, der die Liebe ist!

O meine Brüder, haben nicht vielleicht Manche unter uns aus diesem Grunde die Gabe Gottes nicht angenommen? Sie haben volle Hände und wollen nicht los lassen, was sie halten. Soll dies denn heißen, dass man sich in gewisse Zustände hineinarbeiten müsse, um die frohe Botschaft annehmen zu können? Nein; wenn Jemand wirklich entschlossen ist, Christum anzunehmen, so wird er in demselben Augenblick, wo er den Heiland ergreift, Alles loslassen, was ihm die Hände füllt. Wenn ein Mensch zu Christo kommt, kehrt er sich um zu Gott: das ist die Bedeutung des Wortes Buße. Was ist die Buße, welche mit dem Glauben Hand in Hand geht? Ist es eine Art Gefühl, in das wir uns hineinarbeiten müssen, ehe wir glauben? Ganz gewiss nicht. Man versteht jetzt allgemein sehr wohl, dass Buße tun, einfach bedeutet, „sich umkehren zu Gott.“ As Jesus anfing zu predigen, fasste ER Seine Lehre kurz in diese beiden Worte: „Tut Buße, und glaubt an das Evangelium.“ (Mark. 1,15.) Ebenso sagt der Apostel Paulus, als er die Ältesten von Ephesus an seine Arbeiten in ihrer Gemeinde erinnert: „Ich habe euch gelehrt öffentlich und sonderlich; die Buße zu Gott und den Glauben an unsern HErrn Jesum Christum.“ (Apostelg. 20,20.21.) Mit andern Worten: „Kehrt euch um zu Gott und nehmt, was Seine Liebe euch gibt.“ Beide Dinge müssen zusammen gehen. Nehmt an, ich lege ein Geschenk auf diesen Tisch, es ist für einen von euch, der mir den Rücken dreht, bestimmt, z. B. für diesen Stenographen, der sich dort unten an der Fensterbank Notizen macht. Wenn er mein Geschenk annehmen will, so muss er sich umkehren und es nehmen; es genügt nicht, dass er meine Stimme hinter sich hört und den Wunsch hat, den Gegenstand zu besitzen. Auf der andern Seite aber, werde ich sicher nicht, wenn er es nimmt, zu ihm gehen und sagen: „Warten Sie ein wenig; sind Sie ganz sicher, dass Sie sich umgekehrt haben?“ Es versteht sich von selbst, dass er das getan hat, der Beweis dafür ist, dass er den Gegenstand genommen hat.

Ebenso ist die Gabe Gottes in Gottes Hand, und der natürliche Mensch kehrt Gott den Rücken. Gott ruft ihm und sagt: „Hier, das gebe ich dir!“ So lange der Mensch von Gottes Gabe nichts wissen will, solange er Gott nicht hören und von Gott nicht abhängen will, beharrt er darin, fern von Gott zu fliehen. Er tut nicht Buße, er glaubt nicht. Aber von dem Augenblick an, wo er dem Worte Gottes glaubt und Christum als seinen Heiland annimmt, hat er sich zu Gott umgekehrt - und das ist die Buße. Bis er sein Gesicht - ich will sagen sein Herz, sein Leben - zu Gott umgekehrt hat, hat er gut von Glauben reden, er glaubt doch nicht. Er führt ein Leben nach seinem eignen Willen, das heißt, ein Leben voll Ungehorsam und Unglaube, selbst wenn er mit der Bibel unterm Arm dem Verderben entgegen ginge.

Das ist die praktische Frage, welche beantwortet werden muss: „Wollt ihr die Gabe Gottes nehmen? Wollt ihr euch umkehren, um sie zu nehmen? Wollt ihr, anstatt auf euer Vorhaben, auf die Pläne, die ihr euch gemacht, zu sehen, eurem Vater in die Augen schauen und zu Ihm sagen: „Siehe, ich komme, Deine Gnade anzunehmen und zu tun, Gott, Deinen Willen.“ Wenn dem so ist, so ist die Gabe Gottes euer, und ihr könnt des von heute an ganz sicher sein.

Hier stellt sich manchmal eine ernstliche Schwierigkeit dar. Viele meinen, dass, wenn sie die Gabe Gottes angenommen und gesagt haben: „Sie gehört mir!“ sie nun auch unbeschreibliche Gefühle haben müssten; sie bilden sich ein, es müsste sich etwas ganz Neues mit ihnen ereignen, und meinen, feurige Zungen müssten plötzlich auf sie vom Himmel herab kommen. Nichts dergleichen ist uns verheißen. Die Gabe Gottes ist für euch, und hier ist sie; nehmt sie im Gebet im Namen Christi, als euer Eigentum in Anspruch; glaubt, dass sie euch gehört, und macht sogleich Gebrauch davon; das ist das Mittel zu wissen, ob sie euch gehört oder nicht. Wenn der kleine Knabe, von dem wir heute so oft gesprochen haben, später jemals Zweifel hatte, über die Wirklichkeit des Geschenks, welches man ihm gegeben, so hatte er nur die Uhr aus der Tasche zu ziehen und darauf zu sehen, welche Zeit es war. Gerade so ist es, wenn ihr noch zweifelt, dass Christus euer ist, bedient euch Seiner, stellt Ihn auf die Probe.

Zum Beispiel, es fährt euch Jemand zornig an, oder macht euch eine unangenehme Bemerkung; anstatt euch dann zu sagen: „Warum habe ich nicht einen besseren Charakter, um dies Alles mit Geduld zu tragen!“ erinnert euch daran, dass ihr einen Heiland bei euch habt. Redet mit Ihm, verlasst euch auf Ihn, und ihr werdet sehen, dass anstatt einer gereizten Antwort, oder einer dieser noch viel schlimmeren Antworten, die einen Beigeschmack von Honig und Essig haben, ihr nur sanfte Worte auf den Lippen, und eine friedfertige Gesinnung im Herzen habt, und ihr werdet euch fragen: „Woher kommt das?“ Das kommt vom HErrn Jesu Christo. Dann werdet ihr anfangen, bei euch zu denken: Nun, ER ist trotz alledem wirklich mein.“

Von nun an ist Alles, was ER hat, euer. Seine Gerechtigkeit ist euer, und ihr nehmt in Ihm vor Gott die Stellung eines gerechtfertigten Kindes ein. Seine Kraft, Seine Geduld, Sein Licht, Seine Liebe, Alles gehört euch, wenn ihr Ihn wirklich als Gottes Gabe für eure Seele annehmt. Indessen, meine Brüder, wenn wir auf den Grund der Sache gehen, müssen wir fragen, können wir das von uns selbst tun? Genügt es, dass man uns auf unsern Willen hinweist, damit wir des Heils, selbst unter dem Namen einer unverdienten Gabe seitens Gottes, sicher seien? Habt ihr versucht, es zu tun? Und wenn ihr es versucht habt, habt ihr dann nicht bemerkt, dass gerade dieser Wille am meisten nötig hat, in uns geändert zu werden? Und seid ihr dann nicht glücklich gewesen zu wissen, dass in dem Worte Gottes eine Erklärung steht wie diese: „Gott ist es, der in euch wirkt das Wollen“ (Phil. 2,13.)? Ist es euch dann nicht oft begegnet, dass ihr ausgerufen habt: „Ach, wenn ich wenigstens aufrichtig wollte! Man sagt mir, dass das Ganze sei „zu wollen“; ja, aber das Wollen ist Alles; mein Unglück, meine Sünde ist, dass ich nicht will.“ Bedenkt zwei Dinge: zuerst dürft ihr nicht erwarten, dass Gott sich an eure Stelle setzt, in dem Sinn, dass ER für euch will und ihr nichts zu tun habt. Es gibt Christen, welche, besonders in dieser letzten Zeit, gefürchtet haben, dass die Stelle, die man in der evangelischen Predigt dem Geist Gottes eingeräumt hat, die menschliche Persönlichkeit vernichtet. Darin liegt sicher ein Irrtum, der sorgfältig vermieden werden muss. Gott übernimmt es sicher nicht, für euch zu glauben, für euch zu vertrauen, für euch zu wollen und zu handeln. Zu gleicher Zeit aber ist ER stets bereit, euch fähig zu machen zu glauben, zu vertrauen, zu wollen und zu handeln. Wie denn? werdet ihr fragen. Durch den Heiligen Geist. ER gibt den Heiligen Geist allen denen, die Ihn darum bitten. Der Heilige Geist ist ganz besonders dazu gesandt, uns zum Wollen zu bewegen, Christum unsern Seelen zu zeigen, unsere Seelen zu Christo zu führen, so nämlich, dass wir gezwungen würden, uns zu Ihm umzukehren und auszurufen: „Mein HErr und mein Gott!“

„Niemand kann Jesum einen HErrn heißen, ohne durch den Heiligen Geist“ (1 Kor. 12, 3.), sagt der Apostel Paulus; natürlich ist hier gemeint, dass man es mit Aufrichtigkeit sage; denn der Apostel hat sicher nicht die Absicht zu lehren, dass man des Heiligen Geistes bedarf, um mit den Lippen nur zu sagen, dass Jesus der HErr ist. Die Frömmigkeit, welche nur in Worten besteht, ist zu allen Zeiten da gewesen. Hört, was der Apostel Johannes darüber sagt: „So wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit Ihm haben, und wandeln in Finsternis, so lügen wir.“ (1 Joh. 1,6.) Nun, meine Brüder, wollt ihr an euch selbst verzweifeln? Wollt ihr zu Gott kommen und Ihm sagen: „Das Fleisch ist selbst unfähig, den Geist anzunehmen; der Geist allein kann den Geist annehmen. Du, mein Gott, musst in mir wohnen, damit ich verlangen könne, damit ich wollen, beten und glauben, und Alles tun könne, was gut ist.“ Dann wird dieser Geist umsonst gegeben werden, er wird jetzt gegeben werden, jedem gegeben werden, der darum bittet; selbst wenn sein Herz schlecht und hart ist, selbst wenn er hundert Mal, tausend Mal versucht hat, in Gottes Wegen zu wandeln, und doch gefallen ist. Wenn wir gefallen sind, so liegt das daran, dass wir uns auf uns selbst verließen. Wenn wir auf den HErrn, auf Sein Blut, auf Sein Wort, auf Seinen Geist, auf Seine Gnade unser Vertrauen setzen, dann werden wir nicht, dann können wir nicht zu Schanden werden.

Monod, Theodor - Die Gabe Gottes. - 4. Ihre Folgen.

“Welcher auch Seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat Ihn für uns Alle dahin gegeben; wie sollte ER uns mit Ihm nicht Alles schenken?“
(Röm. 8,32.)

Was es heißt, die Gabe Gottes annehmen, haben wir gestern gesehen, meine Brüder, und ich hoffe selbst, dass wir mehr getan haben, als es nur zu sehen. Ich fürchte, das gestehe ich ganz offen, dass wir nur zu leicht, indem wir versuchen, wichtige Wahrheiten klar zu machen, den wichtigsten Punkt aus dem Auge verlieren, und der ist: Christum zu ergreifen, uns wieder mit Ihm zu vereinigen und Ihn mit festerer Hand, mit aufrichtigerem und gläubigerem Herzen zu halten. Wir müssen uns sehr hüten, dass die Anstrengungen, ja selbst die gerechtfertigten Anstrengungen, welche wir machen, um uns zu erleuchten, dem Feinde nicht dazu dienen, uns vom Heiland abzuziehen, und uns ferne von Ihm zu halten. ER allein ist das Licht!

Ich wende mich nun an einen Gläubigen, der das Anerbieten Gottes mit „Ja“ beantwortet, der die Gabe Gottes angenommen hat. Was wird für diesen Gläubigen daraus erfolgen? Der Apostel beantwortet diese Frage mit einer andern: „Wie sollte ER uns mit Ihm nicht Alles schenken?“ Achtet wohl auf die Form dieses Schlusses. „Wenn ER Seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat Ihn für uns Alle dahingegeben, wie sollte ER uns da mit Ihm nicht Alles schenken?“ Die Frage bleibt ohne Antwort; als ob der Apostel sagte: Es ist ganz unvernünftig anzunehmen, Gott würde uns nicht Alles schenken, wenn ER uns doch Jesum gegeben hat. Diese Frage erinnert mich an eine andere, welche ich in unserer vorigen Zusammenkunft vergessen habe, auf die ich aber, ehe wir unsern Gegenstand weiter behandeln, einen Augenblick eure Aufmerksamkeit lenken möchte. Es handelt sich noch um eine Frage ohne Antwort; der HErr richtet sie an die Juden: Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre von einander nehmt? Und die Ehre, die von Gott allein ist, sucht ihr nicht.“ (Joh. 5,44.)

Diese Stelle ist von der größten Wichtigkeit; denn wir lernen daraus, aus des HErrn eigenem Mund, dass es sittliche Hindernisse gibt, welche die Ausübung des Glaubens, und zwar des wahrhaftigen Glaubens, verhindern, und dass der Glaube an sich eine Handlung ist, welche den ganzen Willen des Menschen, sein ganzes Leben, und sein ganzes Herz in Mitleidenschaft zieht. Jesus sagte zu den Juden: „Wie könnt ihr glauben?“ Und warum können sie es denn nicht? Wäre es darum, weil die Wahrheit nicht klar genug ist, oder weil sie nicht wissen, was Glaube ist, oder weil sie das Bekenntnis des Glaubens nicht ablegen? Nein, darum sagt ER, weil ihr Ehre von einander nehmt; weil in eurem Herzen etwas ist, nämlich „die Ehre, die von den Menschen ist,“ woran ihr mehr hängt, als an der Ehre, die von Gott allein ist. Wie könnt ihr glauben, so lange es mit euch so steht? Und dies lässt sich auf jegliche Sünde anwenden. Wie könnt ihr glauben, so lange ihr noch fest in dieser Sünde beharrt und sie an euer Herz drückt? Die Sache ist rein unmöglich!

Doch lasst uns zu der Seele zurückkehren, die gesagt hat: „Hier bin ich mit all' meinen Sünden, gefesselt mit den Banden der Sünde, Knecht der Sünde; aber ich willige ein, und ich sehne mich danach, erlöst zu werden und Dein zu sein. O HErr, ich verlasse mich allein auf Dich!“ Diese Seele gehört von da an dem HErrn. Ihre Ketten fallen; der Sohn hat sie frei gemacht, sie ist wahrhaftig frei. Hieraus folgen zwei Dinge.

Erstlich, Christus ist euer. Überlegt, was das sagen will. Ein hochgeschätzter Bruder, welcher mit Versammlungen wie dieser nicht ganz übereinstimmt, schrieb kürzlich, dass wir uns in diesen Zusammenkünften einzig und allein darauf beschränkten, darzulegen, dass wir Alles in Christo haben. Ich lasse das gelten; aber ist das nicht viel? Ist es nicht Alles? Könnt ihr noch etwas hinzufügen? Könnt ihr noch irgend etwas mehr ersinnen? Das ganze Leben, die ganze Wahrheit fasst sich kurz darin zusammen, dass in Christo Alles ist für alle Sünder, für euch, für mich, für „jeden, der da will.“ Christus ist euer. Der Sohn Gottes ist euer. Gott ist euer in Christo.

Und sollen wir nun unseren Schatz in seinen Einzelheiten genau betrachten? Sollen wir das Schmuckkästchen öffnen, welches all' unsere Kleinodien birgt? O, wir hätten dann genug zu tun, um unsere Lage, unsere Jahre, und die ganze Ewigkeit auszufüllen. Und doch würden wir dann noch nie völlig erkennen, was es heißt, „Christus ist unser.“

Nehmt darum irgend etwas, was Christo gehört und sprecht: „Das gehört mir.“ Schreibt euren Namen mit dem Seinigen daran. Die Gerechtigkeit Christi ist euer, sie ist ganz euer. Sie ist als die eurige angenommen, sie ist euch zugerechnet, sie ist euch gegeben, sie gehört euch. Gott eröffnet euch, um so zu sagen, eine Rechnung, und schreibt die Gerechtigkeit Christi auf euren Kredit hinein, ohne irgend welches Verdienst eures Teils.

Aber, bitte, was bedeutet denn dies? Werde ich nun diesen Kreditbrief offen lassen, ohne mich seiner zu bedienen? Wenn in Christo die Gabe Gottes mein ist, soll das etwa so viel heißen, dass sie in Wirklichkeit nur in einer Redefigur mein ist? Ist sie nicht vielmehr in Wahrheit mein eigen, gerade weil sie in Ihm mir gehört, für immer sicher unter Seiner Obhut? Wenn sie mein ist, so ist dies gewisslich, damit ich diesen immer offenen Kreditbrief benutze, damit ich meine Zuflucht zu diesen unerschöpflichen Hilfsquellen nehme. Damit ich im Namen des Gerechten unaufhörlich in völliger Glaubenszuversicht vor den Vater trete; damit ich selbst die Gerechtigkeit Christi nehme, und sie im praktischen Leben zu meiner eigenen mache; damit, so oft ich irgend etwas nötig habe, und ich habe zu jeder Stunde Alles nötig - ich es in Ihm, „dem Gerechten“ finde, und dass das, was ich in Ihm gefunden habe, in Wirklichkeit ebenso mein eigen sei, als ich in Christo Jesu vor Gott Recht und Anspruch darauf habe. Ich möchte doch wissen, wie eine Sache, die Gott für wahr hält, für mich nicht wahr sein sollte? Wenn es für Gott eine Tatsache ist, so ist es doch auch unfehlbar eine Tatsache für mich, und ich habe das Recht, es als solche zu behandeln; ich werde von der Gerechtigkeit Christi Leben, gerade weil sie Ihm gehört, und weil ER mein ist. Ich habe nichts auf der Welt, was mir ganz als Eigentum gehört, darum werde ich zu Ihm gehen und Ihm sagen: „Deine Gerechtigkeit gehört mir, auf dass der Vater mich in Gnaden annehme, und dass ich durch sie, dass ich von ihr lebe alle Tage meines Lebens.“ Denn alles in allem genommen schließt doch Seine Gerechtigkeit Alles in sich.

Um jedoch auf die Einzelheiten näher einzugehen, nehmt z. B. den Frieden, das heißt die Wirkung, welche durch diese Gerechtigkeit, die von Gott kommt, auf unser Gewissen ausgeübt wird. Welchen Frieden? Welche Art von Frieden? Ist es mein Friede? Nein; sondern Sein Friede, welcher der meinige wird. „Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“ (Joh. 14,27.) Die Welt gibt und nimmt wieder zurück. So gibt Jesus nicht.

Seine Kraft ist unser. Sie ist mächtig, nicht in der Kraft, nicht in einem kleinen Maß von Stärke, nein „Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2 Kor. 12,9.) „ER gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden.“ (Jes. 40,29.) Wie denn? Indem ER ihnen Seine Kraft gibt. Sollen wir von der Reinheit sprechen? Ihr habt Christum, der die Reinheit selber ist; ER kommt durch den Heiligen Geist zu euch, um euch rein zu machen.

Handelt es sich um das Licht, um die Leitung, deren wir bedürfen? „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh. 8,12.) Wie haben wir denn das Licht? Indem wir Christum haben. Man hat sehr oft bemerkt, aber man kann nie zu häufig darauf zurückkommen, dass jede „überschwängliche Gnade“ sich in Christo finde, dass Christus nicht nur alles, was gut ist, besitzt, sondern, dass ER selbst alles Gute ist. Um bestimmt zu sprechen, ER schickt es uns nicht; ER bringt es uns, indem ER sich selbst uns gibt. Jede Gabe Gottes ist eine lebendige Gabe. Sein Brot, ein lebendiges Brot; Sein Weg, ein lebendiger Weg; Sein Licht, ein Licht des Lebens. Ihr könnt euch all' die Unannehmlichkeiten, welche unvermutet über Einen kommen können, all' die schwierigen Lagen, in die man geraten kann, ausmalen. Vielleicht seid ihr heute selbst in solcher Lage? Aber ihr habt Christum, und wenn ihr Christum habt, so habt ihr das Licht. Vielleicht müsst ihr ein wenig warten, um zu sehen, nach welcher Seite hin das Licht vor euch hergehen wird, aber ihr habt das Licht.

Handelt es sich um die Liebe? ER ist die Liebe. Besitzen wir Ihn, so besitzen wir die Liebe; und es gibt kein anderes Mittel, Gott oder die Brüder, oder alle Menschen zu lieben, als in Christo zu bleiben, und Christum also in seinem Herzen zu haben; denn das eine ist unzertrennlich von dem andern: „Bleibt in Mir, und Ich in euch.“ (Joh. 15,4.) Seine Liebe gehört uns. Gottes Gebot ist die Liebe und Gottes Gabe ist Christus. Wir nehmen die Gabe Gottes an, und dann gehorchen wir ungezwungen Seinem Gebot.

Seine Freude ist unser. „Solches rede ich zu euch, auf dass meine Freude in euch bleibe, und eure Freude vollkommen werde.“ (Joh. 15,11.) Wahrlich, unsere Freude muss wohl vollkommen sein, wenn es Seine Freude ist, die in uns bleibt. Soll das heißen, dass wir nun Schmerz und Leiden nicht mehr kennen werden? O, wie könnte man glauben, dass es das Leben Christi sei, wenn es nicht ein Leben voll Schmerz ist? Der Schmerz der Liebe, der Schmerz der Heiligkeit, die überall von Sünde umringt ist; der Schmerz desjenigen, der nicht nur die Sünde in der Welt zu bekämpfen hat, sondern wohl weiß, dass ein Gesetz der Sünde in seinen eigenen Gliedern ist; wahrlich, das ist genug, um einen Menschen aus der Sorglosigkeit heraus zu reißen.

Außerdem werden wir unsere eigenen Leiden haben, die Gott uns gerade darum schicken wird, weil wir Christo angehören, und weil ER uns Seinem Bild ähnlicher machen will. ER wird uns mit der größten Zärtlichkeit behandeln; aber es unterliegt gar keinem Zweifel, dass, wenn wir uns mit Ihm vereinigen wollen, wir mehr und mehr Teil an Seinen Leiden haben werden. Achtet darauf, dass der Apostel die Leiden nach der Auferstehung anführt: „Zu erkennen Ihn und die Kraft Seiner Auferstehung, und die Gemeinschaft Seiner Leiden.“ (Philip. 3,10.) Gott schenkt uns nicht ein Leichtes, träges, selbstsüchtiges Leben, wenn ER uns Christum gibt, Sein Kreuz ist unser. Seine Herrlichkeit ist auch unser. Seine Herrlichkeit? Meine ich damit den Himmel? Ja; aber auch die Anfänge jener Herrlichkeit, von der der HErr selber sagt: „Ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die Du mir gegeben hast,“ (Joh. 17,22.) und von der der Apostel also spricht: „Wir werden verklärt in Sein Bild und wir nehmen zu von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.“ (2 Kor. 3,18. Kol. 3,4.)

Kurz, ist Christus unser, so ist Alles unser; denn Alles gehört Ihm. Wie einfach ist doch dieser Schluss! Es ist gerade so wie bei einem Kinde, welches auch sagen kann, dass Alles, was sein Vater besitzt, ihm gehöre, in dem Sinne nämlich, dass der Vater ihm Alles gibt, was für es am besten ist. Es gibt in dem Haus nichts, was nicht auch dem Kind wäre, aus dem einfachen Grund, weil es dem Vater gehört.

Seht die irdischen Dinge an, das, was wir die Umstände nennen, und was buchstäblich heißt, die Dinge, welche uns umgeben. Wer hat uns denn mit diesen Umständen umgeben und uns in ihre Mitte gestellt? Gott tat es, der Wille Gottes; und so arbeiten Vorsehung und Gnade zusammen. So Lange ihr fortfahrt, gegen Gott zu kämpfen, oder nur für euch zu leben, ist Gott, möchte ich sagen, gerade durch Seine Barmherzigkeit, euch gegenüber genötigt, Seine Vorsehung, wie es euch scheint, gegen euch wirken zu lassen. Aber warum? Um euch Fesseln anzulegen, um euch den Weg zu versperren, bis ihr wieder zu Ihm zurückkehrt. Tut es, und sogleich ist Seine Vorsehung zu euren Diensten. Wenn ein König auf Reisen geht, lässt er einen Kammerherrn vor sich her eilen. Dieser muss sehen, ob Alles zur Durchfahrt fertig ist, er muss die Wege bereiten. Geradeso steht die Vorsehung im Dienst der Gnade, und geht vor ihr her, damit Alles bereit sei für die Kinder Gottes, wohinaus sie auch gehen mögen. Es gibt in unserm Leben keinen Tag, an dem wir dies nicht sähen, an dem wir nicht erkennten, dass die Vorsehung Gottes die Dienerin der Gnade Gottes ist, und dass alle Dinge zusammen für das Wohl derer arbeiten müssen, die Gott lieben. „Mein Gott,“ sagt der Apostel, „wird alle eure Notdurft erfüllen.“ (Philip. 4,19.) Alles, irdisches und Geistliches, Gegenwärtiges und Zukünftiges - Alles ist unser; nicht nur, wie der Apostel an die Römer schreibt, können all diese Dinge uns nicht von der Liebe Christi trennen, sondern mehr noch, wie er an die Korinther schreibt, sie gehören uns in Christo. (Röm. 8,38.39. 1 Kor. 3,21-23.)

Die Engel z. B. gehören uns. Sie sind Diener derjenigen, die ererben sollen die Seligkeit. (Hebr. 1, 14.) Wir sehen sie nicht, daran liegt nichts; Gott sagt uns, dass sie unsere Diener sind. Selbst unsere Feinde, wenn wir deren haben - die größten Schwierigkeiten, die wir kennen mögen - bis zu „den Gewaltigen und den bösen Geistern unter dem Himmel“ (Eph. 6,12.), müssen, wohl oder übel, Alle zu unserm Besten dienen, sie haben die Aufgabe, uns in der Wachsamkeit zu erhalten, unsern Glauben zu prüfen und ihn zu stärken, wenn wir in Christo bleiben.

Wenn der „böse Tag“ (Eph. 6, 13.) kommen wird - und er wird notwendigerweise kommen - ist kein Grund vorhanden, dass er uns von Christo abbringe. Der böse Tag soll vielmehr gerade erzielen, dass wir Christum mit noch größerer Energie ergreifen. Lasst uns darum keine Angst davor haben. Christus ist unser und in Ihm sind alle Dinge unser.

Alle Dinge, außer eines einzigen: wir selbst. „Ihr seid nicht euer selbst.“ (1 Kor. 6,19.) Das ist unser zweiter Punkt. Christus ist mein und ich bin sein. In demselben Augenblick, wo der Apostel sagt: „Alles ist euer“, beeilt er sich hinzuzufügen: „Ihr aber seid Christi.“ Ihr könnt diese beiden Worte nicht trennen. Wenn ihr nicht Christi seid, wenn ihr Ihm nicht gehört, wenn ihr Seine Diener nicht seid, dann ist nichts euer. Wenn ihr Ihm gehört, gehört Ales euch.

„Da haben wir's!“ ruft Einer; „das ist die neue Lehre, das ist, was man Hingabe nennt!“ Ich sage nicht nein. Euch Gott hingeben, heißt ganz einfach, diese Tatsache unterschreiben, dass ihr nicht euer selbst seid, gerade wie ihr diese erste Tatsache unterschrieben habt, dass Christus für euch Sünder gestorben ist. Wenn ihr aufrichtig wart, indem ihr bekanntet, an diesen Tod zu glauben, so habt ihr hierdurch selbst Zeugnis abgelegt, dass ihr Dem angehört, Der euch so teuer erkauft hat, und dass, „so Einer für Alle gestorben ist, so sind sie Alle gestorben; und dass ER darum für Alle gestorben ist, auf dass die, so da leben, hinfort nicht ihnen selbst Leben, sondern Dem, Der für sie gestorben und auferstanden ist.“ (2 Kor. 5,14.15.)

Es ist nicht der Sünder, welcher zu seiner Hingabe an Gott den ersten Anstoß (Initiative) gibt; er beschränkt sich nur darauf, durch Gottes Gnade die Stellung anzunehmen, welche Gott ihm in Christo gegeben hat, indem ER ihn in Ihm von dieser gegenwärtigen argen Welt“ trennte.

Ein sehr aufrichtiger und treuer Diener Gottes sagte mir vor einiger Zeit: „Warum sprechen Sie den Leuten von einem höheren christlichen Leben?“ „Ich glaube nicht,“ antwortete ich, „dass ich oft von einem höheren christlichen Leben gesprochen habe; ich bemühe mich vielmehr, diesen Ausdruck, der nicht biblisch ist und zu schlimmen Missverständnissen Anlass geben könnte, zu vermeiden.“ „Gut; aber Sie lehren doch, dass es eine Hingabe an Gott gebe, die von der Bekehrung verschieden sei. Als ich bekehrt wurde, habe ich mich Gott hingegeben; ich habe das nie anders verstanden.“

Das ist das Beste; so ist die normale christliche Erfahrung. Aber ist es nicht wahr, dass es Tausende von Christen gibt, die sich bekehrt nennen, und doch nicht zu sagen wagen - vielleicht haben Sie Recht, es nicht zu sagen - dass sie sich Gott hingegeben haben, was nichts anders heißt, als ganz einfach für den Dienst Gottes ausgesondert, bei Seite getan; die nicht zu sagen wagen, dass sie wirklich Gott und nicht sich selber gehören; dass sie nicht das Recht haben, ihren eigenen Willen zu tun, dass sie die Diener Desjenigen sind, der sie erkauft hat, und dem sie folglich auch gehören?“

„Sie werden übrigens sehen, wohin wir kommen, wenn Sie Ihren Beweisgrund noch weiter durchführen wollen. Sie sagen: „Wenn ein Mensch bekehrt ist, so hat er sich Gott hingegeben.“ Nun wohl; dann heißt es aber andererseits, wenn sich ein Mensch Gott nicht hingegeben hat, so ist er auch nicht bekehrt. Dies ist die Frage, welche in diesem Augenblick in unseren Kirchen laut wird, eine scharfe, eingreifende Frage, welche jeden Christen zwingt, sich auf die Knie zu werfen und sich vor Gott zu prüfen; und wenn er dann trotz alledem entdeckt, dass er seither ein Leben gelebt, dessen Herr er selbst war, so muss er das Wort Gottes und den Geist Gottes fragen, ob er jemals wiedergeboren war.“

Ich habe hierüber einen sehr treffenden Beweis in einem kürzlich von einem Missionsprediger, Herrn Aitken, veröffentlichten Brief, gefunden. Er drückt sich folgendermaßen aus: „Der Glaube ist, von allen geistlichen Gewohnheiten, diejenige, welche uns am tiefsten in unser eigenes Herz eindringen lässt; denn wir können nicht auf Jemand unser Vertrauen setzen, der die innersten Falten unseres Herzens kennt, solange wir noch suchen, etwas vor ihm zu verbergen.“ Dies ist eine außerordentlich tiefe und richtige Bemerkung. Es ist klar, dass ihr einem Solchen nicht sagen könnt: „Ich bin Dein; ich verlasse mich auf Dich,“ während ihr doch etwas vor ihm versteckt, und er sieht, was ihr vor ihm verbergt, und ihr wisst, dass er es sieht. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit einer aufrichtigen, gänzlichen Hingabe unserer selbst an Gott.

Wenn dann die zweite Folge der Tatsache, dass wir die Gabe Gottes angenommen haben, die ist, dass wir nicht mehr unser selbst sind, so ist auch nichts, von Allem, was wir haben, unser. Das ist ganz augenscheinlich. Eure Zeit ist nicht euer; euer Geld ist nicht euer; eure Glieder sind nicht euer; selbst nicht dieses kleine Glied, wie der Apostel Jakobus es nennt, welches „große Dinge anrichtet“ und so viel Unglück in die Welt und in die Kirche bringt, Eure Zunge ist nicht euer; ihr habt nicht das Recht zu sagen, „was euch gefällt.“

Eure Gedanken sind nicht euer; ihr habt nicht das Recht zu denken, was euch gut dünkt, euren Träumereien und eurer herumschweifenden Einbildungskraft zu folgen; ihr müsst eure Gedanken unter die Herrschaft Christi stellen; sie gehören Christo, und überdies ist das gerade der Kernpunkt in der praktischen Heiligung; wir laufen nicht Gefahr, uns sehr weit von Christo zu verirren, so lange ER der Mittelpunkt unserer Gedanken ist; so lange wir fest glauben, dass „wir nicht tüchtig sind von uns selber, etwas zu denken, als ob wir es aus unserm eigenen Vermögen täten“ (als von uns selber), sondern, „dass wir tüchtig sind, ist von Gott.“ (2 Kor. 3,5.)

Eure Neigungen sind nicht euer. Ihr habt nicht das Recht, Jemand zu hassen, und euch darin gehen zu lassen, Widerwillen gegen Jemand zu empfinden; ihr habt nicht das Recht, in eurem Herzen irgend ein bitteres Gefühl zu nähren, gegen wen es auch immer sei. Jesus hat für Seine Feinde gebetet; ER hat sie geliebt, und den Vater gebeten, ihnen zu vergeben. Wenn wir Ihm gehören, dann ist Sein Geist auch unser, und unser fleischlicher Geist muss aufhören, uns zu beherrschen. Wir müssen dem HErrn des Hauses erlauben, das ganze Haus zu regieren, jedes Zimmer, jedes verborgene Winkelchen inne zu haben. O, meine Brüder, das ist die wahre Freiheit, wenn man in keinem Ding, in keiner Weise, in keinem Augenblick sich selbst mehr angehört! Jedes Mal, wenn wir wieder irgend etwas ergreifen, sei es nun ein Stückchen unserer Zeit, ein Pfennig unseres Geldes, ein Gedanke, oder ein Gefühl, und zu uns sagen: „Das gehört mir, ganz unabhängig von Gott“, sind wir in der Sünde und wir geraten immer tiefer hinein. Es bleibt uns nur ein Rettungsmittel übrig; zu dem Heiland zurückzukehren, Seine Vergebung zu erflehen, und Ihm das, was Ihm von Rechtswegen immer gehörte, auch in der Tat wiederzugeben. Wir sind in keiner Weise, zu keiner Zeit unsere eigenen Herren.

Und unser Wille? fragt ihr. Er ist nicht unser, er gehört von nun an Gott. Will das sagen, dass wir uns derart selbst verlieren, dass wir aufhören, wir selbst zu sein, und nicht mehr eine unterschiedliche Persönlichkeit sind? Weit entfernt.

Glaubt ihr, der Apostel Paulus habe nicht seine eigene Individualität gehabt? Wenn je ein Charakter den Stempel des Besonderen trug, so war es der seinige. Man kann dasselbe von den Aposteln Petrus und Johannes, und von jedem Menschen, der sich Gott wirklich übergibt, sagen. In dem Augenblick, wo ihr von eurem Willen sagt: „Er gehört nicht mir, sondern Dir; nicht mein, sondern Dein Wille geschehe“, werdet ihr euren Willen wieder finden. Ihr findet ihn erneuert, rein und mächtig in dem Willen Gottes. Ihr findet eure Gedanken wieder, aber es sind nun neue gute Gedanken. Mit einem Wort, ihr seid ein neuer Mensch; und dieser Mensch ist der wahre Mensch, eure eigentümliche Persönlichkeit, so wie Gott sie wollte, und sie sich gedacht hat, und so wie, trotz aller Flecken und Makel der Sünde, Christus sie erkauft hat.

Ein Mensch kennt nie seine wahre Natur, und weiß nicht, was Gott mit ihm in der Welt anfangen will, bis er sich aufrichtig Christo übergeben hat. Wisst ihr, warum es so viele Christen gibt, die sich dergestalt gleichen, dass man den einen für den andern nehmen könnte, gerade wie die Eier in einem Korb? Darum, weil einer den andern nachmacht. Sie haben ein gewisses Ideal, man müsste besser sagen, ein gewisses Muster im Sinn, von dem, was „ein guter Christ“ sein muss; und sie bemühen sich, sich demselben anzupassen. Allein jeder muss sich selbst Gott übergeben, und Ihm sagen: „HErr, was willst Du, das ich tun soll?“ (Apostelg. 9,6.) und dann werden wir die Verschiedenheit in der Einheit haben, was der charakteristische Zug eines jeden Werkes Gottes ist.

Dann wird auch die Kirche eine große, eine schöne Kirche sein, in welcher sich eine unendliche Mannigfaltigkeit der Gaben offenbart, jedes Glied seinen besonderen Platz einnimmt, und keines zum andern sagt: „Du hast Unrecht, weil du nicht genau dasselbe tust, was ich tue.“ Alle werden vielmehr zu dem göttlichen Meister, der einem Jeden seine Aufgabe zuerteilt, sagen: „Lob und Dank sei Dir, dass Du ihm sein Teil gabst, wie Du mir das meinige gegeben hast, und dass wir zusammen zu Deiner Ehre arbeiten dürfen.“

Lasst mich zum Schluss eure Aufmerksamkeit noch auf ein Wort des Kapitels richten, welches wir gestern gelesen haben. Christus ist mein, und ich bin Christi. Ist das Alles? Habe ich weiter nichts zu tun, als nur immer zu wiederholen, dass ER mein ist, und dass ich Sein bin? Wenn Gott mir Alles gegeben hat, so wäre es logisch, daraus zu schließen, dass ich nun nichts mehr zu bitten habe. Allein die Bibel hat nie Anspruch darauf gemacht, ein logisches Buch zu sein; sie ist ein Buch der Wahrheit, ein Buch des Lebens. Hört, was der Apostel Johannes sagt: „Wie Viele Ihn aber aufnahmen, denen gab ER Macht, Gottes Kinder zu sein, die an Seinen Namen glauben.. Und von Seiner Fülle haben wir Alle genommen Gnade um Gnade.“ (Joh. 1,12.16.)

Es gibt zwei Arten anzunehmen, von welchen die eine auf die andere folgt. Ihr nehmt zuerst Ihn an, und dann, wenn ihr Ihn in Seiner Fülle besitzt, nehmt ihr von Seiner Fülle Gnade um Gnade. Wenn ich diese Stelle recht verstehe, so bedeutet sie: Gott gewährt euch eine Gnade; ihr gebt sie Ihm in eurem Gehorsam und in eurer Dankbarkeit zurück, und ER gibt euch dafür eine neue, noch größere als die erste. Das heißt annehmen in der Praxis des täglichen Lebens. Und das gerade ist das Amt des Heiligen Geistes. Er schöpft aus der unendlichen Fülle Christi, der unser ist, und gibt uns Tag für Tag, Stunde für Stunde, was wir bedürfen; und von uns ergießt sich diese Fülle, nach der Verheißung Christi, auf andere „wie ein Strom lebendigen Wassers.“ (Joh. 7,38.) Eine Frage noch. Wir haben bewiesen, dass, wenn ihr Christum angenommen habt, hieraus folgt, dass ER euer ist und dass ihr Sein seid; dass Alles euer ist, weil Alles Ihm gehört. Welche Folge wird es denn haben, Christ um nicht anzunehmen? O, meine Brüder, wenn in Ihm Alles ist, so gibt es außer Ihm nichts! Wenn ein Mensch außerhalb des Schiffes ist, so ist er in dem Meer; wenn ein Mensch außer Christo ist, so steht er unter dem Zorn Gottes. Es kann nicht anders sein. Glaubt nicht, dass Gott einen andern Weg eröffnen werde. Er hat Alles getan, was Er für die Sünder tun konnte, als Er ihnen Seinen Sohn gegeben hat. Wenn ihr diesen Christum nicht annehmen wollt, dann habt ihr nichts, schlechterdings nichts.

O, wollt ihr Ihn nicht ergreifen, und in Ihm Alles besitzen? Wollt ihr Ihn nicht ergreifen, ihr unbekehrten Sünder? Wollt ihr Ihn nicht ergreifen, ihr unfruchtbaren Christen? Ihr kennt euer Elend, und ihr könnt es gewisslich nie zu sehr erkennen, aber genügt das? Vor nicht langer Zeit las ich in einem religiösen Blatt, dass ein Christ sich immer an diese Worte Jesu erinnern müsse: „Du sprichst: Ich bin reich, und habe gar satt, und bedarf nichts; und weißt nicht, dass du bist elend und jämmerlich, arm blind und bloß?“ (Offenb. 3,17.) Hier war die Schriftstelle zu Ende, und doch ist dies nur der Anfang derselben. Wer würde sich denn die Ohren zuhalten, wenn der Heiland folgendermaßen fortfährt: „Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufest, das mit Feuer durchläutert ist, dass du reich werdest.“ Das will Christus; nicht, dass wir uns immerfort wiederholen: „Ich bin reich,“ oder: „Ich bin elend,“ sondern, dass wir zu Ihm gehen, um reich zu werden, und verkündigen, dass Er reich ist; Er will, dass wir uns freuen „als die nichts inne haben, und doch Alles haben,“ (2 Kor. 6,10.) und von Seinen Reichtümern wie Königskinder leben.

Der Gegenstand, welcher uns heute beschäftigte, lässt sich in drei praktische Fragen, die dem Worte Gottes entnommen sind, kurz zusammen fassen: „Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre von einander nehmt?“ „Wie sollte Er uns mit Ihm nicht Alles schenken?“ „Wie sollen wir entfliehen, so wir eine solche Seligkeit nicht achten?“ (Ebr. 2,3.)

Monod, Theodor - Die Gabe Gottes. - 5. Ihre Anwendung 1. „Festhalten.“

Siehe, ich komme bald. Halte, was du hast, dass Niemand deine Krone nehme.“
(Offenb. 3,11.)

Wir kommen nun zu der praktischen Seite unseres Gegenstandes; ich will sagen - denn ich bin weit entfernt zu denken, dass das Übrige nicht praktisch anwendbar sei - zu dem Teil unseres Gegenstandes, der den Augen der Menschen sichtbar ist, obgleich er auch, was sich von selbst versteht, eine unsichtbare Seite hat. Der Wandel des Christen ist nur die äußere Offenbarung dessen, was in seinem Innern vorgeht; und seien wir versichert, dies ist auch der Probierstein für alles Übrige. Der Erfinder einer neuen, künstlich erdachten Maschine erklärt deren Mechanismus mit großer Klarheit und Genauigkeit; vielleicht zeigt er sogar ein verkleinertes Modell, das sehr hübsch anzusehen und sehr interessant zu studieren ist, und das ganz vortrefflich geht. Aber lasst einen praktischen Mann es untersuchen, seine erste Frage wird sein: „Kann die Maschine die gewünschte Arbeit tun?“ Man macht den Versuch in dem Hüttenwerk, und wenn sie nicht praktisch erfunden wird, taugt sie zu nichts. Nun wisst ihr aber, dass es nicht an Weltleuten fehlt, welche meinen, unser ganzes Christentum sei weiter nichts als ein Satz beredter Worte, sie halten es für äußerst interessant; im Stande, die Seele zu erheben, für erbaulich, gut für eine Besprechung oder Predigt, für tief, erhaben und Alles, was ihr wollt; aber einen Fehler hat es nach ihrer Meinung - es ist nicht praktisch. Unsere Frage ist darum die: Ist das Christentum praktisch? Kann es die gewünschte Arbeit tun? Soll es dies tun? Hat Gott gesagt, dass es dieselbe tun werde? Hat Er uns das Christentum gerade für diese Arbeit gegeben?

Wir haben heute zu suchen, wie wir dahin gelangen können, dass diese Gabe Gottes in und durch uns wirke, in unserem Leben, ich will sagen, in unseren Worten und unseren Handlungen, in unseren Gedanken und unseren Neigungen, auf dass die Welt nicht nötig habe, zu unserm Nachbar, oder zu uns selbst zu laufen, und zu fragen, ob wir Christen seien, weil sie es mit eigenen Augen sehen wird.

Ich habe als Ausgangspunkt das Wort Christi in der Offenbarung gewählt: „Siehe, Ich komme bald. Halte, was du hast, dass Niemand deine Krone nehme.“ Diese Worte sind an eine Kirche, oder an den Pastor einer Kirche gerichtet, und in seiner Person richten sie sich an diese ganze Kirche, und sicher auch an jedes Glied der christlichen Kirche, an uns selbst: „Halte, was du hast.“ - Dies ist die kurze Zusammenfassung unseres Gegenstandes. Zuerst müssen wir von der Gabe Gottes reden hören; „der Glaube kommt aus der Predigt“ (Röm. 10,17.); wie sollen wir etwas glauben, von dem wir nichts gehört haben? Aber wenn wir davon gehört, wenn wir sie angenommen, und dafür gedankt haben, dann bleibt immer noch etwas zu tun: wir müssen das, was wir haben, auch festhalten, nicht dahin und dorthin laufen und etwas suchen, was wir noch nicht haben, sondern das, was wir haben, was uns Gott gegeben und als unser Eigentum erklärt hat, festhalten.

Was haben wir denn? Das müssen wir uns zu allererst fragen. Sehr oft, fürchte ich, bleiben Ermahnungen über den Gebrauch, welchen man von der Gabe Gottes machen soll, ohne Wirkung auf die, an welche sie gerichtet sind, aus dem einfachen Grund, weil sie diese Gabe nicht angenommen haben. Wie können wir etwas gebrauchen, was wir nicht besitzen? Man bittet heutzutage von allen Seiten um Belehrung über den Fortschritt im geistlichen Leben; nichts ist gerechter und billiger als dieser Wunsch, aber eine Vorfrage muss gestellt werden: „Habt ihr geistliches Leben?“ Wir müssen es zuerst suchen, finden, besitzen, und dann, wenn wir es besitzen, es festhalten. Um zu wissen, was wir festzuhalten haben, müssen wir doch zuerst wissen, was wir besitzen.

Nun gut, was besitzen wir denn, wenn wir die Gabe Gottes angenommen haben? Lasst mich es euch nochmals wiederholen: wir besitzen Jesum Christum; ja, ihr besitzt Ihn; merkt wohl, Er ist wirklich euer. Ihr habt das Recht, Alles, was euch der Vater in Jesu Christo geoffenbart und gegeben hat, von Ihm zu erwarten, oder besser gesagt, Ihr habt das Recht, in Ihm darüber zu verfügen.

Gott war in Christo und Gott ist in Christo. Wer Ihn gesehen hat, der hat den Vater gesehen. Ihr habt einen Erlöser, einen Bruder, Einen, der Mensch geworden und euch allerdinge gleich ist, während Gott selbst Ihn zu gleicher Zeit nennt: „den Mann, der Ihm der nächste ist.“ (Sach. 13,7.) Er kommt zu euch, und ihr könnt eure Hand in Seine Hand, in Seine, für euch durchgrabene Heilandshand legen. Ihr habt Den, „durch dessen Wunden ihr geheilt seid.“ (Jes. 53,5.) Ihr habt Den, der versucht ist allenthalben gleichwie wir, doch ohne Sünde; der voll Mitleiden ist und zugleich alle Macht besitzt, der vollkommen im Stande ist, euch vor jedem Fall zu bewahren, und der auch vollkommen bereit ist, es zu tun. Ihr besitzt Den, der von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt, als unser Hoherpriester, der da Mitleiden hat mit unserer Schwachheit und für uns bittet. Ihr habt Den, der euch eine Stätte bereitet, und der euch befohlen hat, Seine Rückkehr zu erwarten. Mit einem Wort, ihr habt einen Heiland, und durch diesen Heiland habt ihr einen Vater, und wenn der Vater und der Sohn euch geoffenbart sind, so habt ihr auch den Heiligen Geist; denn diese innere Offenbarung ist Sein Werk. Gott selbst ist in eure Herzen gekommen und hat euch zu Seiner Wohnung, zu Seinem Tempel gemacht. „Wisst ihr nicht, dass euer Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist?“ (1 Kor. 6,19.) Ihr seid für Gott ausgesondert, bei Seite getan. Ihr seid in Ihm und ihr gehört Ihm; Er ist in euch und Er ist euer. Ihr habt den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.

Und was besitzt ihr noch mehr? Ihr besitzt das Wort Gottes. Gott hat geredet, und Er hat nicht nur geredet, sondern, da Er wohl wusste, dass Worte verloren gehen, verändert werden, und oft mit der Zeit ganz ihren ursprünglichen Sinn verlieren, hat Er gewollt, dass Sein Wort niedergeschrieben würde, so dass wir das geschriebene Wort Gottes besitzen. Und bei jeder Frage können und sollen wir forschen: „Wie steht im Gesetz geschrieben? Wie liest du?“ (Luk. 10,26.) Ihr habt das Wort Gottes.

Nun wohl, mein Bruder, halte fest, was du hast, wer du auch immer seist, halte den Vater, halte den Sohn, halte den Heiligen Geist, halte das Wort Gottes. Auf diese Weise gebraucht man die Gabe Gottes. Halte sie fest; denn es gibt deren genug, die deine Krone rauben möchten. Es ist leider nur zu wahr. Wenn Jemand sich einem irdischen Unternehmen hingibt, wenn er nach den Dingen trachtet, die die Welt ehrgeizig sucht, so werden sich Leute genug finden, die ihn ermutigen und ihm Beifall zollen. Seht, z. B. diesen Mann, welcher seine Zeit und Kräfte, seinen Verstand, seine Tage und Nächte aufopfert für wissenschaftliche Forschungen, für Verbesserungen des Handels und der Gewerbe, für literarische Arbeiten; seine Mitbürger sind, wenn er Erfolg hat, gern bereit, ihn zu belohnen, sie werden nicht geizen mit ihrem Beifall, mit ihren Ehrenbezeugungen. Fängt jedoch Jemand an, die Krone des Lebens zu suchen, gibt er sich ganz hin für das Werk Christi, für die Ehre seines Heilandes, gleich nennt ihn die Welt einen Überspannten, einen Schwärmer. Die Welt beruhigt sich auch nicht über diese Dinge, sie kann nicht darüber schweigen; sie wird Alles tun, was in ihren Kräften steht, um einem solchen Menschen durch Verfolgungen, Spöttereien, Schmeicheleien, und durch Versuchungen aller Art seine Krone zu rauben. Und wenn schon die Menschen sich so bemühen, uns zu Fall zu bringen, wie viel mehr werden dies erst „die Fürsten und Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen,“ tun! Darum lasst uns festhalten, was wir haben.

Aber was müssen wir hierzu tun? Wie können wir festhalten?

Zu allererst müssen wir daran denken, dass, wenn wir nicht nur in Worten, sondern in der Tat und in der Wahrheit unsere Hand in die Hand unseres Heilandes gelegt haben, Er selbst uns fester und inniger umfangen hält, als wir Ihn halten können, und das eben ist unsere Sicherheit, unser Glück, unsere Herrlichkeit. So lasst denn unser beständiges Gebet sein: „Halte mich fest, auf dass auch ich Dich festhalten könne.“

Außerdem ist die Heilige Schrift voll von vollkommen klaren und oft bis in's Einzelne gehenden Anleitungen über die Praxis des christlichen Lebens. Was für ein wunderbares Buch ist doch dieses Wort Gottes! Dieselbe Seite, welche uns sagt, wie sicher die Stellung ist, die Gott uns in Christo bereitet hat, welche von unserem Tod und von unserer Auferstehung in Ihm redet (Kol. 2 und 3.), enthält auch die umständlichsten Vorschriften über unser tägliches Leben, als Männer, Frauen, Kinder, Eltern, Knechte und Herren.

Seid ihr nun mit Christo auferstanden, so sucht, was droben ist.“ Achtet wohl auf diesen Schluss. Wir hätten höchst wahrscheinlich gesagt: Seid ihr nun mit Christo auferstanden, so braucht ihr euch nicht mehr zu beunruhigen; es versteht sich von selbst, dass ihr von nun an nur noch an das, was droben ist, denken werdet. Der Apostel sagt im Gegenteil: „Sucht, was droben ist.“ Ihr werdet es immer finden, aber ihr müsst es suchen. „Trachtet nach dem, das droben ist, und nicht nach dem, das auf Erden ist. Denn ihr seid gestorben, und unser Leben ist verborgen mit Christo in Gott.“ Hier geht durch die Trennung der Kapitel etwas von der Kraft der Stelle verloren. In dem 20. Vers des 2. Kapitels lesen wir diese merkwürdigen Worte: „So ihr denn nun abgestorben seid mit Christo den Satzungen der Welt; was lasst ihr euch denn fangen mit Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt? Die da sagen: Du sollst das nicht angreifen, du sollst das nicht kosten, du sollst das nicht anrühren! Welches doch nur Menschen-Gebote sind.“ Die Menschen wollen durch eigene Lehren und Satzungen heilig werden. Das geht aber nicht, sagt der Apostel, und er fügt hinzu: „Was lasst ihr euch denn fangen mit Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt?“ Als lebten wir noch in der Welt - es scheint doch, dass sich dies ganz von selbst versteht. Aber nein, sagt der Apostel, ihr lebt nicht darin; ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott; eure Glieder allein sind in der Welt; ihr habt das Werk Gottes dort zu treiben, ihr seid Himmelsbürger, und nur auf Erden, um für den HErrn zu wirken. So tötet nun eure Glieder, die auf Erden sind, Hurerei, Unreinigkeit, schändliche Brunst, böse Lust.

Hier könnt ihr wieder sehen, wie verschieden das Wort Gottes von der Weisheit der Menschen ist. Die Menschen sagen: Wenn ihr nur euer eigenes Wesen genügend tötet, so kommt ihr schließlich in den Zustand des Todes. Gott sagt: Ihr seid gestorben, darum so tötet nun eure Glieder. Um lebendig zu machen, ist das Leben nötig: um zu sterben, ist der Tod nötig. Wenn ihr in Christo gestorben seid, so wird es euch gewissermaßen leicht sein, euch zu töten; in der Gemeinschaft mit Ihm, und in der Kraft Seines Heiligen Geistes wird es eine Freude sein, die Unreinigkeit, die bösen Lüste und Begierden, den Neid und jede Befleckung der Sünde in uns zu ertöten.

Vor Allem, meine Brüder, müssen wir aber, um die Gabe Gottes gebrauchen zu können, damit anfangen, zu wissen, und das scheint uns gerade so schwer zu sein welches die Gabe ist und welches die Stellung ist, die wir selbst einnehmen.

Man wiederholt heutzutage gern, dass es sehr darauf ankomme, unsere Stellung in Christo nicht mit unserm Wandel zu verwechseln. Das ist ganz richtig. Aber es kommt nicht weniger darauf an, dass wir, indem wir beide sorgfältig unterscheiden, sie doch nicht trennen. Unsere Stellung ist in Christo, auf Christo. Wir haben keine andere Stütze, keinen andern Halt. Aber wenn wir so wahrhaftig in Christo, unserm Stellvertreter, vor Gott stehen, in Ihm, der selbst unsere Stelle am Kreuz eingenommen hat, und nun unseren Platz vor dem Angesicht Gottes einnimmt, soll das heißen, dass wir aufgehört haben, zu existieren? Keineswegs. Das heißt vielmehr, dass wir da sind, in Ihm. Der Apostel sagt: „Wie ihr nun angenommen habt den HErrn Christum Jesum, so wandelt in Ihm.“ (Kol. 2,6.) Die Frage kann darum hierauf zurückgeführt werden: Wie habt ihr Ihn angenommen? Als ich an mir selbst verzweifelte. So wandelt in Ihm. Ich habe Ihn angenommen, als ich Alles von Ihm annahm. So wandelt in Ihm. Ich habe Ihn angenommen, als ich einwilligte, Ihm zu gehorchen; als ich zu Ihm sagte: „Was willst Du, dass ich tun soll?“

So wandelt in Ihm. Geht vorwärts, verzweifelt so an euch selbst, setzt so auf Christum euer ganzes Vertrauen, seid bereit zu tun, was Er befiehlt; dann werdet ihr Gebrauch von der Gabe Gottes machen. Ihr werdet sehen, dass, in dem Maße ihr so Gebrauch davon macht, die Gabe selbst euch mit jedem Tage kostbarer werden wird; nicht als ob ihr eigener Wert erhöht werden könnte, aber ihr werdet sie mehr zu schätzen wissen. Ihr werdet sie besser kennen, mehr lieben und treuer gebrauchen, ihr werdet sehen, wie sie euch unter den Händen größer wird. Wer da hat, dem wird gegeben werden. Wer die Gabe Gottes nicht gebraucht, der wird sie unfehlbar verlieren. Gott gibt uns Seinen Sohn nicht, damit wir Ihn bei Seite tun, oder uns begnügen, Ihn am Sonntag einen Augenblick zu betrachten, oder auch Abends und Morgens, wenn wir beten! Er gibt uns Seinen Sohn nicht als eins der feinen Gerichte, die man nur bei besonderen Gelegenheiten auf der Tafel sieht, nein, Er gibt Ihn uns als das Brot des Lebens reichlicher als ein Festmahl und dennoch unser tägliches Brot; nicht die Würze des Lebens, sondern die Nahrung des Lebens, oder besser gesagt, das Lebens-Element, das, was das Leben ist, was das Leben gibt, und außerhalb dessen kein Leben existiert. (Ich glaube, dass ich von dem, was ich euch eigentlich sagen wollte, abgekommen bin; aber oft ist das, was wir sagen möchten, nicht das Beste, und Gott gibt uns dann etwas Anderes.) Lasst uns zu unserem Gegenstand zurückkommen. Wenn wir durch den Glauben genommen haben, was Gott uns gegeben hat, so müssen wir auch durch den Glauben gebrauchen, was uns in Christo gehört, und die erste Bedingung, um dies zu können, ist, dass wir festhalten. Welche Mittel gibt es, um festhalten zu können? Sie sind wohl bekannt. Es gibt 4 Hauptmittel, die uns beständig anempfohlen werden: Die Wachsamkeit, das Gebet, die Nüchternheit, das Lesen des Wortes Gottes mit Gebet.

Lasst uns mit der Wachsamkeit beginnen. Was heißt denn wachen? Gerade das Gegenteil von schlafen; es heißt, seine Augen offen haben; es heißt, wie der Apostel sagt, „vorsichtig wandeln“ (Kol. 4,5.), was soviel bedeutet als, indem man stets um sich herum sieht. Um zu wachen, muss man in dem Licht sein; das Wachen nützt euch nicht viel, wenn ihr in der Finsternis seid, und der Feind langsam und leise herankommen und die Hand auf euch legen kann, ehe ihr auch nur eine Ahnung davon habt. Seid in dem Licht, dann könnt ihr schon von Weitem sehen, ihr könnt auf eurer Hut sein und werdet den Feind zur rechten Zeit entdecken. Wacht, indem ihr ohne Aufhören aufseht auf Jesum; so allein wacht man recht.

Fürchtet ihr, indem ihr dies tut, die Schwierigkeiten, die Feinde, Gefahren und Verführungen eures eigenen Herzens aus dem Gesicht zu verlieren? Nicht im Geringsten. Jesus wird euch das Alles in Seinem eigenen Licht zeigen, dann werdet ihr es gut sehen. Wenn ihr euch aber einbildet, eure eigene Wache sein zu müssen, dann wird der Schlaf euch unfehlbar überfallen, und ihr werdet die Dinge nicht sehen, wie sie sind. Ihr werdet einen Feind von der linken Seite ankündigen, und ehe ihr's euch verseht, wird er von der rechten Seite gekommen sein. Wir wollen unsere Augen auf den HErrn gerichtet halten, Er wird uns Alles zu unterscheiden lehren.

Mit der Wachsamkeit verbindet das Gebet. Beide gehen in dem Wort Gottes immer Hand in Hand; aber es ist beachtenswert, dass die Wachsamkeit oft vor dem Gebet genannt ist. Warum das?

Vielleicht aus dem Grund, weil es möglich ist, in gewisser Weise zu beten, ohne zu wachen. Es ist möglich, dass man betet, und dann zu sich sagt: „Ich habe dem HErrn meine Bedürfnisse vorgetragen, ich bin für heute in Sicherheit;“ und das hieße in einen schweren Irrtum fallen. Wenn jedoch ein Mensch wachsam ist, so wird er wachsam zum Gebet sein (1 Petr. 4,8.), wie der Apostel sagt. Wenn er wacht, wird er vor Allem die Notwendigkeit des Gebetes einsehen: wenn er wacht, wird er die Gelegenheiten zum Gebet, zum Gebet für irgend einen bestimmten Gegenstand erkennen; er wird Augenblicke finden, um mit seinem Gott allein zu sein, oder mit einem oder zwei Brüdern zusammen zu beten. Wenn er wacht, wird er Acht haben auf die Antworten, die Gott auf seine Gebete gibt; er wird dankbar dafür sein, und ermutigt noch mehr zu beten, und noch besser zu wachen. Lasst uns darum nie die Wachsamkeit vom Gebet trennen. Lasst uns beten zur Wachsamkeit, und wachsam sein zum Gebet.

Lasst uns aber auch die Nüchternheit nicht vergessen. Weil wir denn Kinder des Tages sind, sagt der Apostel, sollen wir wachen und nüchtern sein. (1 Thess. 5, 8.) Gebraucht Alles mäßig; seien es nun Neigungen oder Gedanken, sei es Liebe oder die Vergnügungen der Welt, selbst die edelsten, wie z. B. die häuslichen Freuden, die Literatur, die Wissenschaften, die schönen Künste. Selbst die besten Dinge dürfen wir nur gebrauchen, als ob wir sie direkt aus Jesu Hand empfingen. Tun wir das nicht, so werden sie uns gefährlich, und führen uns sicher auf Abwege.

Darum lasst uns wachen und beten und nüchtern sein. Lasst uns Alles besitzen, aber außer der Liebe unseres Heilandes soll uns nichts gefangen nehmen. Jesus allein soll uns ganz besitzen; dann werden wir auch Alles in Ihm und für Ihn besitzen. Wer dahin gekommen ist, wird vorwärts gehen und Nutzen aus der Gabe Gottes ziehen. Es ist für ihn unmöglich, sie nicht zu gebrauchen, für ihn ist es eine moralische Notwendigkeit, und ebenso eine Freude, in dem Wort Gottes Alles aufzusuchen, was Gott ihm gegeben hat.

Das Lesen des Wortes Gottes. Dies ist das Hauptmittel, die Gabe Gottes zu gebrauchen. In der Heiligen Schrift haben wir, um so zu sagen, das Inventar der verschiedenen Gaben, die in Christo enthalten sind. Jede Verheißung ist eine Gabe, jedes Beispiel, jedes Gebot ist eine Gabe, jede Ermahnung, und ich möchte sagen, jede Drohung ist eine Gabe. Alles hat den Zweck, uns auf den geraden Weg zu führen, und zu verhindern, dass wir uns bald nach rechts, bald nach links umkehren; Alles soll uns mit Christo verbinden, und uns in der Gnade und Erkenntnis unseres HErrn und Heilandes wachsen lassen. Das ist das Endziel des ganzen Wortes Gottes, jeder Gnade, und der ganzen Vorsehung Gottes! O, lasst uns zu jeder Zeit dieses Wort zu unserm Studium machen!

Mit dem Wort Gottes ist uns der Heilige Geist gegeben. Wir dürfen beide nicht trennen. Jesus sagte zu den Sadduzäern: „Ihr irrt und wisst die Schrift nicht, noch die Kraft Gottes.“ (Matth. 22,29.) Die Kraft Gottes zu kennen, oder uns wenigstens einbilden, sie zu kennen, und dabei die Heilige Schrift bei Seite zu lassen, ist das Gefährlichste, was man tun kann; dies führt uns geraden Weges in Fanatismus und alle Art Schwärmerei. Wenn wir auf der andern Seite aber das Wort Gottes kennen, oder uns einbilden, es zu kennen, und doch nichts wissen von der Kraft Gottes, die Sein Heiliger Geist ist, nicht wissen, was Er tun kann, was Er versprochen hat, zu tun, und was Er in Wirklichkeit tut, so haben wir nichts anders als einen toten, unfruchtbaren Kopfglauben, der uns vielleicht viele Wahrheiten in den Kopf, aber kein Leben in's Herz bringt. Darum lasst uns zu unserer Bibel zurückkehren, lasst sie uns auf den Knien lesen und Gott bitten, uns zu leiten, und uns selbst zu zeigen, welche Stellen wir darin lesen sollen, uns Ausdauer beim Lesen zu geben und uns Sein Licht und Seine Kraft zu verleihen. Es ist tausendmal besser, nur zwei Verse zu Lesen und darüber zu beten und nachzudenken, als in der Eile zwei Kapitel durchzulesen, und dann nur eine verworrene Vorstellung davon zu haben.

Wenn wir mit Hilfe des Heiligen Geistes die Bibel lesen, „werden wir wissen, was uns umsonst von Gott gegeben ist“ (1 Kor. 2,12.); denn wir werden es besitzen. Der Heilige Geist nimmt, um so zu sagen, diese Gaben aus der Bibel, und legt sie in unsere Herzen. Er allein kann dieses Werk vollbringen; Er allein ist im Stande, aus der Bibel für uns das Lebensbuch zu machen. Er allein kann das reine Gold nehmen, welches sich für uns darin findet, wie das edle Metall in der Mine, und es in unsere Hand legen in Form von geprägten Münzen, die nun auf all' unsere Bedürfnisse, je nachdem sie hervortreten, anwendbar sind.

Ich ende damit, womit ich angefangen habe, Alles, was wir über die Gabe Gottes sagen können, wird uns für uns selbst wenig, und für unseren Einfluss auf die Welt gar nichts nützen, wenn wir diese Gabe nicht aus der Theorie in die Praxis herübernehmen; und wenn dieses Leben, welches in dem himmlischen Wesen, mit Christo in Gott verborgen ist (Kol. 3,3.; Eph. 2,6.), sich nicht auch den Menschen auf Erden zeigt.

Monod, Theodor - Die Gabe Gottes. - 6. Ihre Anwendung. „2. Bleiben in Christo.“

“Bleibt in Mir, und Ich in euch.“
(Joh. 15,4.)

Habt ihr von der Überraschung reden hören, welche die Freunde Herrn Moodys diesem vor einigen Jahren bereiteten? Ein reicher Mann hatte eine ganze Reihe Häuser in Chicago bauen Lassen und beschloss, ohne Herrn Moody etwas davon zu sagen, diesem eins davon zu geben. Er teilte seinen Beschluss mehreren Freunden mit und fügte hinzu: „Sagt ihm nichts davon; ich gebe das Haus, und ihr werdet es einrichten.“ Und so geschah es.

Als der Neujahrstag herankam, nahmen einige Freunde einen Wagen und holten Herrn Moody und seine Frau darin ab, ohne ihnen aber ein Wort von dem, was ihrer wartete, zu sagen. Der Wagen hielt vor einem hübschen Haus, und als sie den Fuß auf die Erde gesetzt hatten, fragten sie sich, zu welchem unbekannten Freund man sie wohl geführt habe. Ihr Erstaunen wurde noch größer, als sie eintraten; denn sie wurden von Niemand empfangen, der wie der Herr des Hauses ausgesehen hätte, und eine gute Anzahl ihrer besten Freunde waren da wie sie. Der Eigentümer trat hierauf vor, ein Papier in der Hand haltend und sagte: „Hier ist eine Urkunde, welche Sie in Besitz dieses Hauses setzt; Sie sind daheim, lieber Freund.“

Herr Moody war zuerst wie erstarrt. Dann fing er an, das Haus von oben bis unten zu durchwandern, jedes Zimmer gehörte ihm; Alles war zu seinem Empfang fertig, selbst die Schränke hatte man nicht leer gelassen.

Als ihre Freunde sich zurückgezogen hatten, und Herr Moody mit seiner Frau allein war, wird vermutlich ihr erster Gedanke gewesen sein, sich zu fragen: „Wie werden wir uns jetzt in unserem neuen Haus einrichten?“ Es verstand sich von selbst, dass die Mahlzeiten in der Küche bereitet und dann im Speisezimmer serviert würden; und so hatte jedes Zimmer seine Bestimmung. Aber glaubt ihr wohl, dass ihnen auch nur der Gedanke gekommen ist, dass sie wieder zurückkehren und in dem alten Haus, der kleinen, unbequemen Wohnung, die sie verlassen hatten, wohnen müssten, um dann dort täglich darüber zu verhandeln, welches wohl die beste Art sei, in dem neuen Haus zu leben?

Das aber tun Viele unter uns. Wir fahren fort, im alten Haus zu leben, und dort halten wir Versammlungen und unterhalten uns, wie wir es eigentlich im neuen Haus tun sollten. Das Erste, was wir zu tun haben, ist, darin zu bleiben. Und wenn wir wirklich auf den Grund der Dinge gehen, ist das nicht die Hauptfrage, welche wir einander vorlegen sollten? Ja ich weiß wohl, dass Gott mir Jesum gegeben hat; ich nehme Jesum an, ich besitze Ihn, wie kann ich aber in Ihm bleiben?

Wir haben in Ihm Alles. Sucht in dem neuen Testament, wie oft sich darin das Wort findet „in Ihm“ oder „in Christo“; das Aufsuchen all' dieser Stellen würde euch mehr als einen Tag kosten. Wir haben Alles in Ihm; die Hauptsache ist darum, Ihn nicht zu verlassen. Was müssen wir hierzu tun? Lasst uns die Antwort auf diese Frage in dem Wort Gottes suchen.

1 Joh. 2,24. finde ich die Worte: “Was ihr nun gehört habt von Anfang, das bleibe in euch. So in euch bleibt, was ihr von Anfang gehört habt, so werdet ihr auch in dem Sohn und Vater bleiben.“ Das ist ganz klar und stimmt vollkommen mit Jesu eigenen Worten überein Joh. 15,7.: “So ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben…“ Die Wahrheit muss in uns und wir müssen in der Wahrheit bleiben. Wir müssen Alles, was wir gehört haben, bewahren. Hier handelt es sich nicht um Rührungen, Aufregungen, oder besondere Erfahrungen. Glaubt das, was ihr aus dem Wort Gottes gehört habt; vergesst es nicht, und lasst es euch nicht entschlüpfen. Beharrt darin, das Wort selbst zu lesen, damit ihr die Wahrheit nicht aus dem Auge verliert, sondern vielmehr immer tiefer darin gegründet werdet, und immer besser einsehen lernt, wie reich es ist.

Es steht geschrieben, dass der neue Mensch „erneuert ist zu der Erkenntnis.“ (Kol. 3,10.) Die Bibel betont überall die Erkenntnis. Wir müssen wissen, was Gott gesagt hat, was Er getan hat, und was Er für uns ist. Wenn wir das tun, wenn das, was wir gehört haben, in uns bleibt, dann werden wir in dem Sohn und in dem Vater bleiben und verharren. Das ist ein erster Punkt.

Einen andern finden wir in demselben Buch. “Niemand hat Gott jemals gesehen. So wir uns unter einander lieben, so bleibt Gott in uns, und Seine Liebe ist völlig in uns.“ (1 Joh. 4,12.) Und im 16. Vers: “Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Wenn ihr in Gott bleiben wollt, dann bleibt in der Liebe.

Vielleicht sagt ihr, dass ich einen fehlerhaften Kreis mache, indem ich diesen Schluss ziehe. Ich frage mich, ob diese Art von Einwendungen nicht Schuld ist, dass wir den wahren Sinn von vielen Bibelstellen verlieren. Es ist Tatsache, dass Gott uns oft dieselbe Wahrheit unter zwei verschiedenen Formen offenbart, oder uns vielmehr zwei Mittel an die Hand gibt, um ein und desselben Segens teilhaftig zu werden. Ihr sagt zu einem Menschen: „Bleibe in Gott“; wenn er's tut, wenn er durch den Glauben in Gott bleibt, so wird er ganz natürlicherweise auch in der Liebe und im Gehorsam bleiben. Aber Gott hat noch eine andere Lehrart. Er sagt: Tue dies, oder tue das. Da handelt es sich nun nicht darum, Ihm zu antworten: „Ich kann es nicht tun, wenn ich nicht in Dir bleibe.“ Tut es, dann werdet ihr sicher entdecken, dass ihr es nur in dem Maße tun könnt, als ihr in Ihm bleibt. Ihr werdet dann ein genau gestecktes Ziel vor Augen haben, nämlich, einem bestimmten Befehl Gottes zu gehorchen, und wenn ihr dies tut, werdet ihr beweisen, dass euer Gehorsam die Frucht der Gnade Gottes in euch, und zugleich ein mächtiges Gnadenmittel ist. Um meine Idee besser zu verstehen, denkt euch, einer eurer Freunde sei krank gewesen, und ihr erkundigt euch nun nach seiner Gesundheit. Jemand antwortet euch: „Ich habe ihn gestern gesehen; er war bei Tisch und aß mit gutem Appetit.“ Nun gut, diese Mahlzeit war die Folge und der Beweis davon, dass es dem Kranken besser gehe; zugleich aber trug sie sicher zu seiner weiteren Genesung bei. Hätte er diese kräftige Mahlzeit nicht genommen, so wäre er wieder schwach und leidend geworden. Ebenso beweist jeder Gehorsamsakt, jede Ausführung eines Befehles Gottes nicht nur, dass geistliches Leben in uns ist, sondern nährt auch zugleich dieses Leben und macht uns stärker. Der HErr Jesus sagt: “Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen Dessen, der mich gesandt hat.“ (Joh. 4,34.) Seid ihr z. B. versucht, irgendetwas gegen die Liebe zu tun möge es sich nun handeln um die Liebe gegen einen Gottlosen, einen Feind, um die Liebe gegen die, welche euch hassen, oder was noch schwerer ist, um die Liebe gegen die, welche euch beständig „reizen und verletzen“, denkt daran, dass ihr gehalten seid, in der Liebe zu bleiben. Ihr habt da gar keine Wahl. Es ist ein Gebot Gottes; folglich ist Gott auch bereit, euch die Kraft zum Gehorsam zu geben. Das gerade ist ja Sein Wunsch, Sein Wille. Sagt: „Mein Gott, ich will ihn lieben, ich liebe ihn…“ und der Geist Gottes wird euch die Kraft dazu geben. Das wird der beste Beweis für euch sein, dass der Geist Gottes Sein Werk in euch hat. Erlaubt euch weder Bitterkeit, noch Neid, noch Mangel an Liebe, nichts derart. Nun haben wir also zwei Mittel, in Christo zu bleiben: zuerst die Wahrheit, dann die Liebe.

Es gibt aber noch ein drittes. 1 Joh. 3,24. steht geschrieben: „Wer Seine Gebote hält, der bleibt in Ihm und Er in ihm.“ Achtet wohl darauf, das gilt von allen Geboten. Wenn ein Mensch sein Herz dem Gehorsam aufschließt, und er lebt im einfachen Gehorsam der Gebote Gottes, so wird er in Gott bleiben. Jedes Gebot wird ihn inniger mit Gott verbinden, und er wird immer besser einsehen lernen, was die Gebote Gottes sind. Der natürliche Mensch weiß nicht, was die Gebote Gottes sind. Er hält sie für sehr schwer, obwohl Gottes Wort sagt, dass Seine Gebote nicht schwer (1 Joh. 5,3.) sind. Und der Apostel Paulus sagt: „Verändert euch durch Erneuerung eueres Sinnes, auf dass ihr prüfen mögt, welches da sei der gute, der wohlgefällige und der vollkommene Gotteswille.“ (Röm. 12,2.) Wir lernen dann, dass ein jedes Gebot Gottes, wie man mit Recht gesagt hat, eine Verheißung enthält. Wenn Gott sagt: „Stehe auf,“ so heißt das: „Ich heile dich, ich gebe dir die Kraft, aufzustehen.“ Wenn Er sagt: Tue das,“ so heißt dies so viel als: „Ich mache dich tüchtig, dieses zu tun.“ Das ist auch der Sinn eines merkwürdigen Verses des langen, herrlichen 119. Psalms, der nur ein Lobgesang zum Preis des Gesetzes Gottes ist: „Lehre mich heilsame Sitten und Erkenntnis; denn ich glaube deinen Geboten.“ (Ps. 119,66.) Nicht, - ich habe sie gehört, ich liebe sie, oder ich habe ihnen gehorcht, sondern ich glaube ihnen. Ich glaube, dass sie weise und gut sind; ich glaube, dass sie die nötige Kraft zu ihrer Erfüllung in sich tragen, denn jedes Gotteswort ist ein mächtiges Wort.

Wenn wir also Seine Gebote halten, dann werden wir auch in Ihm bleiben. Aber wenn wir sie nicht halten, sondern uns einbilden, in Sorglosigkeit dahinwandeln und in Selbstsucht dahinleben zu können, und dabei dennoch in Christo zu bleiben, in irgendeiner schwärmerischen Weise, vielleicht indem wir durch Lesen, Singen, Versammlungsbesuch, und andere Mittel dieser Art uns die Nerven überreizen, so täuschen wir uns selbst. Wollten wir nicht gehorchen, so können wir auch nicht in Christo bleiben. Außerdem laufen wir große Gefahr, weil es nicht an Leuten fehlt, die uns zu überzeugen suchen, dass wir in Sicherheit sind. Wir sind es aber ganz und gar nicht, wenn wir nicht im Gehorsam leben. In Christo haben wir jederzeit Zutritt zum Vater, und Ob Jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater. Lasst uns doch zu Ihm gehen und unser Herz vor Ihm ausschütten, und Ihm unsere Missetat bekennen. „So wir aber unsere Sünden bekennen, so ist Er treu und gerecht, dass Er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Untugend.“ (1 Joh. 1,9.)

Dann lasst uns unseren Weg fortsetzen und „nicht mehr sündigen“ (Ps. 4,5. franz. Übers.), lasst uns vor der Sünde uns fürchten und sie verabscheuen; lasst uns ohne Unterlass zu Gott gehen, weniger um uns zu trösten und zu erfreuen als im einfachen Gehorsam; dann wird Trost und Freude uns außerdem noch geschenkt werden.

Kürzlich empfing ich eine gute Lehre. Als ich nämlich durch die Straßen Londons schritt, bemerkte ich, dass an den meisten Türen sich zwei Schellen befinden, die eine ist die „Schelle für die Besucher“, die andere die „Schelle für die Diener.“ In dem Haus unseres Vaters, in welches wir im Namen Jesu immerdar eintreten dürfen, gibt es nur eine Schelle; die für die Diener. Dennoch aber hat Satan am Eingang noch eine zweite Schelle angebracht; sie ist über der andern, ist hübscher als diese und vergoldet, und trägt die Überschrift: „Schelle der Besucher.“ Mag man sie aber auch noch so sehr ziehen, die Tür bleibt verschlossen; denn kein Eisendraht steht mit dem Kupferknopf in Verbindung, es ist keine wirkliche Schelle, und kein Ton lässt sich im Haus vernehmen.

Geradeso geht es zu, dass so viele Leute vergeblich beten. Alle Sonntage gehen sie hin und ziehen an der Schelle für die Besucher, in der Absicht, dem lieben Gott einen guten kleinen Besuch zu machen, und dann so schnell als möglich wieder heimzukehren. Vielleicht gehen sie auch jeden Tag, abends und morgens hin und ziehen an dieser Schelle, aber sie bekommen keine Antwort. Gott hört solche Gebete gar nicht einmal, es sind auch keine Gebete, sondern nur ein leerer Schall, ein bloßes Geschwätz; Gott kann darin nur Sünde und Spott sehen. Wenn aber ein armer Sünder sich nähert und an der Schwelle für die Diener schellt, dann antwortet Gott. Wenn wir nun im Namen Jesu kommen, könnte das wohl anders wie als Diener sein? Warum wäre Jesus wohl gekommen, wenn es nicht wäre, um zu dienen? Wie Er, haben auch wir zu dienen; wir haben nichts anderes zu tun, als zu dienen; Gott zu dienen, uns unter einander zu dienen. Dieser zweifache Dienst lässt sich nicht trennen! Was wir umsonst empfangen haben, müssen wir auch umsonst geben; denn das gerade ist das Wesen der Gabe Gottes, dass wir sie verlieren, wenn wir sie für uns allein behalten, und dass wir sie nur bewahren können, und sie nur zunehmen kann, wenn wir sie Andern mitteilen. Tut das, dann habt ihr nicht mehr nötig, euch darüber zu beunruhigen, wie ihr in Christo bleiben könnt.

In derselben Epistel ist noch eine andere Stelle über denselben Gegenstand. „Welcher nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott, und er in Gott.“ (1 Joh. 4,15.) „So man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und so man mit dem Munde bekennt, so wird man selig.“ (Röm. 10,10.)

Wir müssen Zeugnis von Christo ablegen, und dürfen uns Seiner nicht schämen. Hiermit will ich nicht sagen, dass wir beständig von Ihm reden müssen; nein, gerade wie sich die Gelegenheit dazu bietet, und wie der Stern, welcher uns führt, es uns zeigt. Haben wir uns ganz in Jesu Hand gelegt, und sehen wir, dass es unsere Pflicht ist, zu reden, dann lasst uns reden. Es wird nicht so schwer sein, wie wir fürchten. Er wird unserm Herzen, unserm Geist und unseren Lippen innig nahe sein. Natürlich ist es sehr leicht, in einer Versammlung, wie diese hier, von Christo zu zeugen; aber es handelt sich auch darum, dies den Gleichgültigen und Ungläubigen gegenüber zu tun. Wählt eure Zeit, oder besser, die Zeit Gottes. Bittet Ihn, dass Er euch den günstigen Augenblick, das rechte Wort finden lasse, und dann schämt euch nicht eures Heilandes Jesu Christi, denn sich schämen, Seinen Namen zu bekennen, heißt, Seine Sache verleugnen und verlassen. Dies wäre also noch ein Mittel, und zwar ein sehr wirksames, um in Ihm zu bleiben.

Gestern hörte ich ein sehr einfaches, aber sehr lehrreiches Wort anführen über das Zeugnisablegen. Der Mann, welcher es gesagt hat, wird wahrscheinlich nie erfahren, dass es wiederholt wurde und Andern zum Segen geworden ist. Jemand, der den Dammarbeitern das Evangelium bringt, hat mir eine Unterredung mitgeteilt, die zwischen zwei dieser Arbeiter stattgefunden hat. Der eine war ein Christ, und hatte einiges von den letzten Besprechungen über die Heiligung gehört. Sein Freund fragte ihn: „Was will man uns nur eigentlich mit dem Allen sagen?“ „Ich verstehe nicht viel davon,“ antwortete Ersterer, „ich für mein Teil bin ganz einfach zum HErrn Jesu gekommen, und darauf habe ich Ihm nie wieder „Lebe wohl“ gesagt.“

Mit diesen Worten ist Alles gesagt. Geht ihr hin und tut dasselbe. Ihr seid zu Christo gekommen, und ihr habt Ihm vielleicht „Lebe wohl“ gesagt. In diesem Augenblick erinnert Er uns an Seine Verheißung: „Wer zu Mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ (Joh. 6,37.) Lasst uns aufs Neue zu Ihm gehen und nie wieder Abschied von Ihm nehmen. Denn an der Wurzel jedes geistlichen Lebens. findet sich diese unaussprechlich innige Gemeinschaft mit dem Heiland, von der Er selbst also spricht: Wer Mein Fleisch isst, und trinkt Mein Blut, der bleibt in Mir, und Ich in ihm.“ (Joh. 6,56.)

Monod, Theodor - Die Gabe Gottes. - 7. Ihr Zweck.

“Auf dass wir etwas seien zu Lobe Seiner Herrlichkeit, die wir zuerst auf Christum hoffen.“
(Ephes. 1,12.)

Die Frage, welche uns heute beschäftigen soll, ist der Zweck, oder das Endziel der Gabe Gottes. Ihr erinnert euch wohl, dass wir nach einander betrachtet haben, die Quelle dieser Gabe, die Liebe Gottes; ihr Wesen, nämlich: das ewige Leben in Christo Jesu; ihre Annahme, einfach durch den Glauben; ihre Folgen, nämlich: Alles ist unser; ihre Anwendung, in dem Glauben, in dem Gebet des Glaubens, in der Wachsamkeit des Glaubens, in dem gläubigen Lesen des Wortes Gottes, in dem Gehorsam des Glaubens, in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Nun kommen wir an ihren Zweck.

Und das, meine teuren Brüder, ist noch herrlicher als alles Andere. Ihr Zweck! Wozu ist sie bestimmt? Was soll sie bewirken? Ist sie zu unserer Befriedigung da? Gewiss nicht. Soll sie uns rein und heilig machen? Ohne Zweifel, aber mehr noch als das. Ihr vornehmster Zweck ist, dass Gott selbst verherrlicht werde durch unsere Wiedergeburt aus dem Heiligen Geist.

In den ersten Zeilen der Bibel lesen wir: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde;“ und im 19. Psalm: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Veste verkündigt Seiner Hände Werk.“ In dem letzten Buch der Bibel finden wir diese Worte: „HErr, Du bist würdig zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn Du hast alle Dinge geschaffen, und durch Deinen Willen haben sie das Wesen und sind geschaffen.“ (Offenb. 4,11.)

Das ganze Schöpfungswerk hat nur den Zweck, Gott zu verherrlichen; es ist dazu bestimmt, das Werk Seiner Hände zu verkündigen, und jedem vernünftigen Geschöpf begreiflich zu machen, was für ein bewunderungswürdiger Arbeiter, und wunderbarer Künstler der HErr ist; es soll offenbaren, dass alle Kraft, alles Schöne und Herrliche nur von Ihm kommt. Meine Brüder, diese erste Lehre ist gerade diejenige, welche unsere Generation nicht annehmen will. Was würdet ihr wohl von einem Mann sagen, welcher ein prachtvolles Gemälde betrachtet und es leidenschaftlich bewundert, indem er die Zeichnung, die Farben, das Einzelne und das Ganze lobt, dann aber anfängt, die Unterschrift des Malers auszuwischen, damit, wenn man das Werk betrachte, man den Meister nicht erkennen könne. Ist es nicht recht und billig, dass das Werk eines großen Künstlers nicht nur zum Vergnügen derer, welche es betrachten, noch zur Ehre des Werkes an und für sich diene, sondern auch zum Ruhme dessen, der es erdacht und ausgeführt hat?

Dennoch aber bemühen sich unsere Zeitgenossen, oder wenigstens die unter ihnen, welche den Ruf haben, die Weisesten zu sein, den Namen Gottes an allen Seinen Werken auszulöschen; und je mehr sie diese Werke ergründen, je mehr sie dieselben erkennen, und im Stande sind, sie zu erklären, vermittelst der Vernunft, die sie doch von Gott erhalten haben und die auch zeigt, dass sie Gottes Ebenbild an sich tragen, desto mehr weigern sie sich, Gott darin zu sehen.

Wir wollen der Welt zeigen, dass es einen Gott gibt. Wie vermögen wir das? Wir können es nicht, indem wir die Aufmerksamkeit lenken auf die wunderbare Ordnung des Weltalls, oder auf den Körper des Menschen, auf seine Hände, seine Augen, die doch alle „wunderbarlich bereitet“ sind; denn die Menschen erkennen Gott nicht, weil ihre Vernunft verdunkelt ist. Wir müssen ihnen das Werk und die Gegenwart Gottes in anderer Weise zeigen. Gott hat Sich in der Schöpfung herrlich bewiesen, aber Er hat eine noch viel größere Herrlichkeit; in dem Erlösungswerk hat Er Sich der Welt noch viel vollkommener offenbart. Wie ein christlicher Prediger so treffend gesagt hat: „In der Schöpfung zeigt Gott Seine Hand; in der Erlösung öffnet Er Sein Herz.“

Welches war der Lobgesang der Engel und der Menge der himmlischen Heerscharen, als der Heiland in Bethlehem geboren wurde? „Ehre sei Gott in der Höhe.“ Und was sagte das Kindlein zu Maria und Joseph, als es zunahm an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen, und nun Sein zwölftes Jahr erreicht hatte? „Wisst ihr nicht, dass ich tun muss die Werke meines Vaters.“ (franz. Übers.) Die Werke Seines Vaters, darum war Er ja gekommen. Er sagte zu den Juden: „Ich suche nicht Meine Ehre.“ (Joh. 8,50.) Achtet wohl darauf; selbst Christus ist nicht in die Welt gekommen, um Seine Ehre zu suchen. Was tat Er, als die Schatten des Todes anfingen, Ihn zu umgeben? Ihr erinnert euch daran, nicht wahr? Seine Seele war betrübt; es ist keine Sünde, betrübt in der Seele zu sein, wenn uns Leiden bevorsteht: „Jetzt ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen?… Vater, hilf mir aus dieser Stunde!“ Wollte Er das bitten? Nein; „doch um dieser Stunde willen bin ich gekommen. Vater, verkläre Deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe Ihn verklärt, und will Ihn abermal verklären.“ (Joh. 12,28.) Und als Er der Todesstunde ganz nahe, Sein Leben auf Erden, ehe es völlig beendigt war, noch einmal kurz zusammenfasste, sagte Er: „Ich habe Dich verklärt auf Erden, und vollendet das Werk, das Du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte.“ (Joh. 17,4.) Dieses Werk war, Gott zu verherrlichen. Darum ist Christus gekommen; Er wollte die Menschen mit Sich vereinigen, um sie fähig zu machen, Gott zu verherrlichen, dass ihre Sünden nun durch Ihn versöhnt und ausgetilgt sind vor dem Angesicht Gottes, und Sein Auferstehungsleben das Leben der Sünder geworden ist, zur Ehre Seines Vaters.

Was sagt der Apostel Paulus von diesem ganzen Heilswerk? Warum ist es vollbracht worden? Welchen Zweck hat es? „Auf dass wir etwas seien zu Lobe Seiner Herrlichkeit.“ Seid ihr willig, die Gabe Gottes in dieser Weise anzunehmen, sie von diesem Gesichtspunkt aus zu betrachten, weniger an euch zu denken, und euch zu fragen, ob ihr wirklich entschlossen seid, sie anzunehmen, und was ihr mit ihr machen sollt, als vielmehr euch diese Frage vorzulegen: „Hier ist mein Gott, mein treuer Schöpfer, mein Erlöser, werde ich zu Seiner Ehre leben oder nicht?“ Nicht wahr, ihr könnt doch nicht aus eigener Kraft zu Seiner Ehre Leben? Habt ihr es versucht? Kann eure Kraft Gott verherrlichen? Ganz gewiss nicht. Vielleicht verherrlicht sie euch, oder wenigstens scheint es euch so. Aber um Gott verherrlichen zu können, müsst ihr das Leben Gottes haben, muss Christus in euch wohnen; dazu bedarf es des Werkes Gottes. Wenn Gott durch ein Werk verherrlicht werden soll, so muss dieses Werk von Gott sein. O meine Brüder, lasst uns dies recht verstehen und darin unsere Freude finden! Wir machen sicher einen großen, einen seligen Schritt vorwärts im Leben, wenn wir, vielleicht auch noch undeutlich, wie der Schein eines fernen Lichtes, zu erkennen anfangen, dass es unsere Pflicht, oder besser gesagt unser Vorrecht ist, zur Ehre Gottes zu leben; und dass Gott so gut ist, dass Er sich herablässt, sich durch Geschöpfe, wie wir sind, verherrlichen zu lassen, wenn wir nur uns Seinen Händen übergeben, und Sein Werk werden wollen, zum Preis und Ruhm Seines Namens.

Darum lasst uns aus diesen Versammlungen zu unserer Arbeit zurückkehren, und zur Ehre Gottes leben. Zu den Knechten spricht der Apostel, um sie in ihrem schlichten und schweren Tagewerk zu ermutigen: „Tut Alles dem HErrn, und nicht den Menschen.“ (Kol. 3,23.) Arbeitet für Gott; besorgt für Ihn euren Haushalt, kehrt für Ihn die Zimmer, tut Alles für Gott. Ihr habt das Recht, es für Gott zu tun; es ist eure Pflicht, nein, euer Glück und eure Ehre, es ist euer Ruhm Alles für Gott tun zu dürfen. Sind euch Leiden auferlegt? Leidet zu Gottes Ehre; dann werdet ihr auch aufhören zu fragen, warum und wozu ihr solches leiden müsst. Wo fände ich den Schlüssel zu dem Buch Hiob, wenn nicht darin, dass es möglich ist, dass ein Mensch leiden muss, nicht um einer bestimmten Sünde willen, sondern, auf dass Gott an ihm gepriesen werde? Was sagte doch Jesus, als Lazarus krank war? „Die Krankheit ist nicht zum Tod, sondern zur Ehre Gottes“ (Joh. 11,4.); und war sie nicht wirklich zur Ehre Gottes? In all' euren Krankheiten und Leiden, in Trübsal und Schmerz, in all' den Schwierigkeiten, die ihr vielleicht selbst im Schoß eurer Familie überwinden müsst, bei jeder Gelegenheit, wo ihr zu leiden habt, sagt eurem Gott: „Mein Gott! ich weiß nicht warum, ich verstehe es nicht, ich will auch gar nicht versuchen, es zu verstehen. Ziehe Du selbst nur Deine Ehre daraus.“

Wenn wir Alles von diesem Gesichtspunkt aus betrachten, so wird die Frage, ob das Leben eine Glaubenssache sei oder nicht, sich von selbst lösen; dieses Leben muss ein Glaubensleben sein, weil es das Leben Gottes sein muss. Der Apostel schreibt den Römern: „Durch den Glauben, auf dass es sei aus Gnaden.“ (Röm. 4,16.) Wenn es aus Gnaden ist, so muss es auch beständig durch den Glauben sein; denn es gibt kein anderes Mittel, die Gnade zu empfangen, als der Glaube. Seht doch, was Abraham tat, der Vater der Gläubigen, der uns das größte Beispiel des Glaubens gegeben hat: „Er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern ward stark im Glauben, und gab Gott die Ehre.“ (Röm. 4,20.) Darin liegt Alles: „er gab Gott die Ehre“; jedesmal wenn ihr glaubt, gebt ihr Gott die Ehre und nicht euch selber. Wollt ihr in Allem Gott die Ehre geben, so könnt ihr es nur tun, indem ihr Alles von Ihm erwartet, und Ihn um Alles bittet. Dann werdet ihr aber auch beständig Alles von Ihm empfangen, ihr werdet wahre Kinder Abrahams sein, die stark im Glauben sind und Gott die Ehre geben.

Ist das nicht die große Sünde von uns Christen, dass wir Gott nicht die Ehre geben, dass wir so weit entfernt sind, es recht zu tun? Vorhin sagte ich, dass die Welt sich weigere, Gott die Ehre in dem Schöpfungswerk zu geben, und ich sah, dass der bloße Gedanke daran euch unwillig machte, aber sagt, geben wir Gott die Ehre in dem Erlösungswerk? was soll ich sagen?

Wie viele suchen, ihre eigene, ihre persönliche Ehre, oder vielleicht auch die Ehre ihrer Kirche! O, meine Freunde, es ist etwas Großes, seine Kirche zu lieben, in seiner Kirche und für seine Kirche zu arbeiten; aber merkt, wenn ihr die Ehre eurer Kirche, welche es auch immer sein mag, über die Ehre Gottes stellt, so werdet ihr gar nichts erreichen. Wenn ihr jedoch die Ehre Gottes im Auge habt, dann seid versichert, dass Er für eure Kirche sorgen und euch zu einem tätigen und treuen Glied derselben machen wird. Wenn alle Kirchen diesen Standpunkt erreicht haben, werden sie auch untereinander innig verbunden sein.

Lasst uns aber auch nicht die Ehre unseres Systems suchen. Dies bezieht sich in diesem Augenblick ganz besonders auf uns. Ohne Zweifel sind wir versucht gewesen zu sagen, dass andere Christen die Ehre ihrer Lehren suchen, gleichwohl könnten wir selbst uns der wohl verdienten Beschuldigung aussehen, dass wir die Ehre unserer eigenen Lehre suchen; wenn es sich hier überhaupt um eine Lehre handelt. Ob ein Mensch mit unseren Ansichten übereinstimmt, ob sie nach seinem Herzen sind, daran liegt wenig. Gott wird Niemand fragen, ob er an der Bewegung Teil genommen hat, oder ob er nicht davon berührt worden ist; aber einen Jeden wird Er fragen, ob er in Christo, oder außer Christo ist. Ich würde gar nicht erstaunen, wenn unser großer Widersacher selbst in diesem Augenblick sehr geschäftig wäre, uns zu der Verteidigung unserer eigenen Sache zu reizen, und uns anzutreiben, nicht das Banner des HErrn, sondern unsere besondere Fahne aufzupflanzen, was unfehlbar ein schlechtes Licht auf die Bewegung werfen würde, und das hätten wir wohl verdient. Lasst uns aber auch nicht die Ehre unserer Frömmigkeit suchen. Es ist der Triumph des Feindes, einen Christen dahin zu bringen, dass er in dem Wahn lebt: „Ich bin ein rechtschaffener Mensch; ich stehe selbst in dem Ruf, ein frommer Mensch zu sein; auf jeden Fall bin ich nicht wie der erste, beste.“ Das war auch, denke ich, die große Sünde Satans. Satan war ein Engel, und zwar ein einsichtsvoller, reich begabter Engel; aber die Lust kam ihn an, sich von Gott unabhängig zu machen, und seine Fähigkeiten zu seiner eigenen Ehre zu verwerten. Er stellte sich darum an die Spitze einer Partei; die, welche diese Partei bildeten, nannten sich damals Engel, jetzt nennt man sie Teufel.

Hüten wir uns vor solch' hässlicher Sünde; und lasst uns für die beten, welche besonders in Gefahr stehen, in diese Sünde zu fallen. Wer berufen ist, viel zu reden, oder zu schreiben, hat sehr nötig, dass man für ihn bete. So lasst uns denn „für alle Heiligen“ beten, und besonders für die, welche der Versuchung am meisten ausgesetzt sind. Neulich zeigte Jemand in einigen herrlichen Gebetsworten, wie man für einen christlichen Prediger beten kann: „HErr, bewahre ihn, dass er nicht falle! HErr, bewahre ihn, dass er sich nicht erhebe!“

Wenn wir das tun, dann werden wir nicht nur am eigenen Herzen, in unserer Kirche und Familie, und in Allem, woran wir die Hand legen, gesegnet werden, sondern wir werden auch Anderen zum Segen sein und Andere werden Gott über uns preisen. Überlegt, was das sagen will, welches Vorrecht, welche Freude! - Das ist das Gebot unseres Heilandes Jesu Christi. Er hat gesagt: „Lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Matth. 5,16.) In dem Leben eines wahren Christen muss auch etwas sein, was man sieht; es klänge fast wie Hohn, wenn man behaupten wollte, dieses Leben sei so tief verborgen, dass Niemand es sehen könne. Ja, ganz gewiss, es ist mit Christo in Gott verborgen“; aber es offenbart sich auch den Augen der Menschen, und es kann gar nicht anders sein; das Licht, wenn es wirklich Licht ist, gibt sich durch seine eigene Klarheit kund. Darum ist es nötig, dass die Menschen unsere guten Werke sehen, und unseren Vater im Himmel preisen.

In dem Evangelium St. Lukas finden sich zwei oder drei interessante Stellen über diesen Gegenstand. „Die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott.“ (Luk. 2,20.) Der Mensch, zu welchem Jesus sagte: „Stehe auf und wandele,“ stand alsbald auf vor ihren Augen… und pries Gott.“ (Kap. 5,25.) Außerdem sehen wir, dass der arme Blinde, sobald seine Augen aufgetan waren, „Ihm nachfolgte und Gott pries. Und alles Volk, das solches sah, lobte Gott.“ (Kap. 18,43.) Und als der Apostel Paulus den Galatern seine Bekehrung erzählt, fügt er hinzu: „Und die christlichen Gemeinen priesen Gott über mir.“ (Wörtlich: priesen Gott in mir.) Wie herrlich ist das! Sie dachten gar nicht daran, ihn selbst zu preisen; sie priesen Gott in ihm. Darauf müssen wir ganz besonders unsere Aufmerksamkeit richten, das müssen wir zum Gegenstand unseres Gebetes machen; wir wollen Gott preisen für jede Gabe, welche Er unseren Brüdern und Schwestern verleiht, aber wir wollen sie nicht selbst preisen. Unsere religiösen Blätter täten wohl, das zu beherzigen, sie sind voll von dem Lob der Menschen. Lasst uns mit dieser Gewohnheit brechen, sie tut Niemand gut, kann aber viel Unheil stiften, und gibt der Welt Gelegenheit, sich über die Christen lustig zu machen.

Was tun wir aber, während die Anderen Gott über uns preisen? Wir rühmen uns Gottes. Es liegt in der Natur des Menschen, sich irgend einer Sache zu rühmen; wir haben eine Stimme in uns, welche das Bedürfnis hat, zu loben. Die Menschen geben diesem Bedürfnis nach, indem sie ihr Lob an recht elende, jämmerliche Dinge hängen, sie Loben das eitle Entfalten von Macht und Pracht, das Vergießen des Blutes, die Unreinigkeit, ihre eigene Erniedrigung, ihr Verderben. Im geringsten Fall machen sie unsere allgemeine Menschlichkeit zum Gegenstand ihres Lobes. Wir aber haben das Recht, Gott zu loben.

Der Apostel sagt: „Wer sich rühmt, der rühme sich des HErrn.“ (1 Kor. 1,31.) Und eine andere Stelle, welche wir alle kennen, lautet: „Ihr esst nun, oder trinkt, oder was ihr tut, so tut es alles zu Gottes Ehre.“ (1 Kor. 10,31.) Lasst uns alles unterstützen, was zur Ehre Gottes geschieht, und lasst uns unsere Kräfte nicht für andere Dinge verbrauchen. „Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt, die werden ausgereutet.“ (Matth. 15,13.) Es müssen „Pflanzen des HErrn, zum Preise,“ sein. (Jes. 61,3.) Erinnert ihr euch der schönen Stelle, Jer. 9,23.? „So spricht der HErr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich des, dass er Mich wisse und kenne, dass Ich der HErr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt Mir, spricht der HErr.“ Diese Worte erinnern uns an das, was Moses zu dem HErrn sagte: „Lass mich Deine Herrlichkeit sehen.“ Und Er sprach: „Ich will vor deinem Angesicht her alle Meine Güte gehen lassen.“ (2 Mose 33,18.19.) Ist das nicht ein wunderbares Zwiegespräch? ES zeigt uns klar und deutlich, dass Gott Seine Herrlichkeit nicht von Seiner Güte trennt. Seine größte Herrlichkeit wohnt in Seiner Liebe, sie ist folglich mit unserm Wohl, unseren höchsten Interessen und unserm wahren Glück verbunden. Ihm selbst liegt dieses Glück mehr am Herzen als uns.

Wir schließen damit, womit wir anfingen: Gott ist die Liebe, und die Herrlichkeit Gottes ist Seine Gnade. „Der überschwängliche Reichtum Seiner Gnade“ (Eph. 2,7.), ist zugleich auch „der Reichtum Seiner Herrlichkeit.“ (Eph. 3,16.) Lasst mich diese Versammlungen beschließen, indem ich mit euch einige Stellen der heiligen Schrift lese, die das Lob Gottes zum Gegenstand haben.

Psalm 115,1. „Nicht uns, HErr, nicht uns, sondern Deinem Namen gib Ehre, um Deine Gnade und Wahrheit.“

Jesajas 6,1-3. „Des Jahres, da der König Usia starb, sah ich den HErrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Stuhl, und Sein Saum füllte den Tempel. Seraphim standen über Ihm, ein jeglicher hatte sechs Flügel; mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HErr Zebaoth, alle Lande sind Seiner Ehre voll!“

Römer 11,35-36. „Wer hat Ihm etwas zuvor gegeben, das ihm werde wieder vergolten? Denn von Ihm, durch Ihn, und zu Ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.“

Ebräer 13,20.21. „Gott aber des Friedens, der von den Toten ausgeführt hat den großen Hirten der Schafe, durch das Blut des ewigen Testaments, unseren HErrn Jesum, der mache euch fertig in allem guten Werk, zu tun Seinen Willen, und schaffe in euch, was vor Ihm gefällig ist, durch Jesum Christ, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

1 Petri 5,10.11. - „Der Gott aber aller Gnade, der uns berufen hat zu Seiner ewigen Herrlichkeit in Christo Jesu, derselbige wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, vollbereiten, stärken, kräftigen, gründen. Demselbigen sei Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

Offenbarung Johannis 7,9-12. „Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, welche Niemand zählen konnte, aus allen Heiden und Völkern und Sprachen, vor dem Stuhl stehend, und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern, und Palmen in ihren Händen, schrien mit großer Stimme und sprachen: Heil sei Dem, der auf dem Stuhl sitzt, unserem Gott, und dem Lamm! Und alle Engel standen um den Stuhl, und um die Ältesten, und um die vier Tiere, und fielen vor dem Stuhl auf ihr Angesicht, und beteten Gott an, und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank, und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen!“

Bis wir einst selbst in den Lobgesang einstimmen, den unsere Lippen und Herzen, unser Geist und unser ganzes Leben schon jetzt mit der allgemeinen Kirche aller Zeiten singt: Ehre sei dem Vater und dem Sohne, und dem Heiligen Geist, ein einiger Gott, hochgelobt in Ewigkeit! Amen.

1)
gebrechlich, kränklich
2)
sich durch Gewähltheit besonders in Kleidung, Formen des Umgangs u. Ä. von anderen abhebend, unterscheidend; betont vornehm
3)
Zurschaustellen, Großtun, Renommieren
4)
Als Vestalin (lat. virgo Vestalis „vestalische Jungfrau“; ursprünglicher amtlicher Titel: sacerdos Vestalis „vestalische Priesterin“) bezeichnet man eine römische Priesterin der Göttin Vesta.
5)
Bewohnerin der Basel-Landschaft
6)
Jesus Sirach
7)
Auch unser Münster besitzt in seiner Krypta einen ganzen Zyklus von Deckengemälden aus dem XIV. Jahrhundert, welche diese sagenhafte Lebensgeschichte der Maria darstellen. Da diese kunstgeschichtlich ziemlich wertvollen Bilder in Folge der in der Krypta befindlichen Heizeinrichtungen fortwährend Schaden leiden und allmählig zu Grunde gehen, so hat die historische und antiquarische Gesellschaft, was davon noch vorhanden ist, vor einigen Jahren sorgfältig kopieren lassen und mit einem lehrreichen Aufsatz von Herrn Dr. August Bernoulli veröffentlicht. (Mitteilungen der historischen und antiquarischen Gesellschaft. Neue Folge I. Basel 1878.).
8)
arab. Sekte, welche gegen Ende des 4. Jahrhunderts gleich früheren Vorgängern, Helvidius, Eudoxius, Eunomius, Bonosus, die beständige Jungfrauschaft Marias leugneten und behaupteten, sie habe dem Joseph mehrere Kinder geboren.
9)
(eine/die) Anweisung geben, anordnen, erlassen, verhängen, vorschreiben
10)
In der lutherischen Kirche werden nach Anordnung des großen Reformators, wenigstens an manchen Orten diejenigen drei Marienfeste gefeiert, welche auf biblischer Grundlage beruhen: Mariä Verkündigung, Mariä Heimsuchung (Besuch bei Elisabeth) und Mariä Reinigung. In der viel nüchterneren reformirten Kirche dagegen erhielt sich bloß die kirchliche Feier der Verkündigung von Jesu Geburt, deren Anzeige ich selbst als Kind noch auf dem hiesigen Kirchenzeddel gelesen habe.
11)
vernünftig reden, Schlüsse ziehen
12)
Als ein Beispiel der trostlosen Schrifterklärung des Rationalismus mag hier beiläufig erwähnt werden, dass von einem berühmten Professor der Theologie das große Wort: „Eins ist Not“, dahin ausgelegt wurde: Ein Gericht (zu baseldeutsch: Eine Platte) genüge vollkommen! Freilich liegt auch in dieser hausbackenen Verflachung des Bibelwortes noch eine beherzigenswerte Lehre.
13)
(im Katholizismus des 17. Jahrhunderts) durch eine verinnerlichte, weltabgewandte Frömmigkeit gekennzeichnete mystische Strömung
14)
Beweisführung, Argumentation
15)
im Sinne von Naivität, Leichtgläubigkeit
16)
Höflichkeit
17)
Zirkus Maximus
18)
besinnliche, beschauliche
19)
Confess. IX
20)
Der Manichäismus war eine stark von der Gnosis beeinflusste Offenbarungsreligion der Spätantike und des frühen Mittelalters. Seine organisierte Anhängerschaft war unterteilt in die Elite der „Auserwählten“ (lateinisch electi), aus der sich die Amtsträger rekrutierten, und die einfachen Gemeindemitglieder, die „Hörer“ (auditores). Insbesondere von den electi verlangte er Askese und ein Bemühen um die Reinheit, die als Voraussetzung für die angestrebte Erlösung galt.
21)
einbezogenen
22)
mit Abscheu ablehnen, zurückweisen
23)
erhöht
24)
Jetzt großes „Magasin des confections“
25)
gab
26)
Israel und Palästina gehörten zur Zeit Quandts zum osmanischen Reich
27)
Hagia Sophia
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