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Monod, Adolphe - Bist du ein Christ?
“Prüft euch selbst, ob ihr im Glauben seid. Prüft euch selbst; oder erkennt ihr in euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist? Es sei denn, dass ihr untüchtig seid.“
2 Kor. 13,5.
Steht ihr im Glauben? Diese Frage möchte ich heute mit euch prüfen. Beteiligt euch an dieser Prüfung, Jeder für sich selbst und so, als ob er allein auf der Welt wäre.
Bedarf es noch des Beweises, wie ernst diese Frage ist? Es handelt sich hier um eure Seligkeit. Denn es steht geschrieben: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohne nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm“ (Joh. 3,36). Erscheint euch aber diese Frage vielleicht überflüssig? Wissen, ob wir im Glauben stehen, heißt so viel, als wissen, ob wir Christen sind. Gewiss; oder was sind wir denn? Liebe Brüder, die Korinther waren auch Christen und vermutlich bessere als wir; und doch hält es der Apostel nicht für unnötig, ihnen zu schreiben: „Prüft euch, ob ihr im Glauben seid.“ Denn man kann dem äußeren Bekenntnis nach Christ sein, ohne es im Herzen zu sein. Du bist Christ, mein lieber Zuhörer; es fragt sich aber, ob du ein wahrer Christ bist.
Seid ihr eurer so gewiss, dass ihr kein Bedürfnis fühlt, euch hierüber zu prüfen, so beweist dies nur, dass ihr dieser Prüfung mehr bedürft als andere. Könnte sie für irgend Jemand unnötig sein, so wäre sie es für denjenigen, welcher in seinem Herzen spricht: Das ist Etwas für mich! Wann werde ich genau wissen, woran ich mich in Bezug auf den Zustand meiner Seele zu halten habe? Wie kann ich, der ich so unwürdig, so ungläubig, so treulos bin, glauben, dass ich ein wahrer Christ bin? So misstraute jeder Apostel sich selbst, als der Herr sagte: „Einer von euch wird mich verraten;“ denn sie fingen an traurig zu werden und sprachen zu einander: Bin ich es? Selig ist der Mann, der beständig in Furcht und Zittern lebt; wer aber sein Herz verhärtet, der gerät ins Verderben. Verhärten wir darum unser Herz nicht; gehen wir in einer Sache, wo die Täuschung so schrecklich und zugleich so leicht ist, mit Zittern und Zagen an die vom Apostel Paulus vorgeschlagene Prüfung! Diesen heilsamen Schrecken, den ich mit euch als Christ teile, fühle ich auch als Prediger; darum keine Redekünste; sprechen wir vor Gott ganz einfach. Und Du, o Herzenskündiger, zeige uns uns selbst, nicht so wie wir uns gern sehen möchten, sondern so wie wir sind!
Die erste Prüfung, zu der jene Frage: „Seid ihr im Glauben?“ auffordert, bezieht sich auf die Glaubenslehre; denn Niemand kann anders als durch die Wahrheit selig werden. Nehmt ihr diese Wahrheit an, glaubt ihr an Jesus Christus? Glaubt ihr das Zeugnis, welches die Heilige Schrift über Jesus ablegt und das Christus sich selber gegeben hat, ganz einfach, so wie es ist, ohne es durch eure Deutungen zu vernichten; nehmt ihr das Heil als Heil und die Gnade als Gnade? Glaubt ihr, dass Jesus Christus der eingeborne Sohn Gottes ist und der einzige Mittler zwischen Gott und uns? „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, Keiner kommt zum Vater als durch mich.“ Glaubt ihr, dass Jesus Christus wahrhaftig der Heiland der Welt ist, gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist, und zwar euch zuerst? Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin. Glaubt ihr, dass Jesus Christus, der Gerechte, für uns, die Ungerechten, für einen Zachäus, für eine Maria Magdalena, für einen gekreuzigten Missetäter, für dich und für mich gelitten hat? Wir sind umsonst aus Gnaden gerecht worden durch die Erlösung, die da ist in Jesu Christo.“ Glaubt ihr, dass ihr ohne Jesum Christum rettungslos und unausbleiblich einer ewigen, durch eure bösen Werke verdienten Verdammnis verfallen gewesen wäret? „Wir waren von Natur Kinder des Zorns wie die anderen.“ Glaubt ihr, dass ihr in Jesu Christo den Keim eines neuen, heiligen, göttlichen Lebens, der das Prinzip jedes guten Werkes vor Gott ist, empfangt? „Wir sind Sein Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken.“ Glaubt ihr endlich, dass die Erlösung, die Rechtfertigung, die Heiligung und jedes andere für unsere Seele erworbene Heil sich ganz und allein in Jesus Christus dem Gekreuzigten findet? „Zu wem sollen wir gehen, o Herr? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ Habt ihr diesen Glauben? fragte ich; ich hätte aber mit Paulus besser sagen sollen: „Seid ihr in diesem Glauben?“ Eine sinnreiche Ausdrucksweise, die vollkommen ausreicht, um ein Christentum des äußeren Bekenntnisses, des Gottesdienstes oder des Sakraments auszuschließen. Der Apostel fordert einen Glauben des Herzens, den wir weniger besitzen, als dass wir von ihm besessen sind, einen Glauben, in welchem wir gegründet sind, in welchem wir leben, weben und sind. - Nun prüft euch selbst; habt ihr diesen Glauben nicht, so seid ihr nicht im Glauben, und seid ihr nicht im Glauben, so habt ihr auch das ewige Leben nicht.
Bleiben wir jedoch hierbei nicht stehen, Paulus selbst tut es nicht. So gewichtig auch diese erste Frage ist, so reicht sie doch nicht aus; so sehr fürchtet der Apostel unsere Geschicklichkeit, uns selbst durch nichtige Meinungen zu verführen. Auch die festeste, untadeligste Lehre besteht oft ohne Leben, namentlich in unsern Tagen, wo diese kaum erst aus langem Schlaf erweckte Lehre Gegenstand einer sehr ausschließlichen Vorliebe werden kann. Der Apostel fordert uns weniger zu einer Prüfung der Lehre als des inneren Lebens auf. Daher beeilt er sich, seinen Gedanken klarer auszusprechen, indem er der ersten Frage eine zweite, und zwar eine lebendigere folgen lässt: „Erkennt ihr in euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist?“, als ob er sagen wollte: Hütet euch vor Selbsttäuschung, überlegt euch die Sache noch einmal, prüft euch wohl, und damit euch keine Ungewissheit bleiben kann, so fragt euch, ob Jesus Christus, Er selbst, in euch ist oder nicht. Das ist der Punkt, auf welchen Paulus seine ganze Aufmerksamkeit konzentriert, und das ist auch der Punkt, den wir mit allem Ernst erwägen wollen.
Jesus Christus in uns: seltsamer Gedanke! Seltsam für uns Kleingläubige, aber nicht für Paulus, der davon spricht wie von einer so einfachen Sache, dass jeder seiner Leser die Frage hätte vor ihm tun können: „Erkennt ihr Ihn nicht in euch selbst?“ Jesus Christus in uns: ist das nicht eine bildliche Redeweise? Nein, nein; fern seien von uns jene elenden Erklärungen der Schule, die in dem Wort des Heiligen Geistes nur bildliche Reden zu sehen wissen? Lasst uns Gott nicht als Philosophen, sondern als Kinder hören! Jesus Christus in uns: das ist zwar eine unsichtbare Wahrheit, weil sie dem Geist angehört, aber dennoch eine darum nicht minder wirkliche und lebendige Wahrheit; ja sie ist mehr. Die unsichtbaren Dinge sind allein ewig, während die sichtbaren Dinge als ein bewegliches Bild derselben nur eine Zeitlang währen und nur einen flüchtigen Schatten, nicht das innere und tiefe Wesen der Dinge ausmachen. „Möge euch Gott die Kraft geben, schreibt Paulus an die Epheser, stark zu werden durch Seinen Geist für den inwendigen Menschen, also, dass Christus wohne durch den Glauben in eurem Herzen.“ Durch den Heiligen Geist, ja; für den inwendigen Menschen, abermals ja; aber dennoch wahrhaftig und ohne Bild: der innere Mensch ist keine eingebildete Sache, und der Heilige Geist ist etwas anderes als die Begeisterung. Hört abermals den Apostel Paulus: „Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein; so aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen“ (Röm. 8,9 u. 10). Hört den Herrn selbst in den letzten Reden, in denen Er nicht bildlich spricht, wie Er Seine Jünger ermahnt:
„Bleibt in mir und ich in euch.“ Wolltet ihr euch unterstehen, diese Worte durch die verwegenen Erläuterungen menschlicher Weisheit zu verdunkeln, so solltet ihr wenigstens euch scheuen, jenes Gebet, welches der Sohn an den Vater richtet, anzutasten: „Auf dass sie Alle Eins seien, gleich wie Du, Vater, in mir und ich in Dir, dass auch sie in uns Eins seien, auf dass sie vollendet seien in Eins.“ Um zu zweifeln, ob Jesus Christus in den Seinigen sei, müsste man hiernach zweifeln, ob Gott in Jesus ist. Liebe Brüder, denkt groß von dem christlichen Glauben: dieser Glaube vereinigt uns so mit Christo, dass wir durch denselben mit ihm zusammenhängen wie die Glieder des Körpers mit dem Haupt, wie die Reben mit dem Weinstock. Das sind zwar Bilder, denn die sichtbaren Dinge sind Bilder der unsichtbaren; aber es sind nicht Bilder eines Bildes, sondern einer lebendigen Wirklichkeit. Und sind wir denn nicht durch diese wirkliche Einigung gerettet worden? Sicherlich, was uns rettet, das ist nicht ein Begriff unsers Verstandes, noch auch ein Gefühl unsers Herzens, sondern Jesus Christus, der in uns also kommt, dass wir mit dem Apostel sprechen können: „Ich lebe, nicht aber ich, sondern Christus in mir.“
Wollt ihr deshalb wissen, ob ihr im Glauben seid, so untersucht, ob Christus in euch durch Seinen Geist wohnt. Stellen wir die Frage also, dann schließt sie von selbst viele Christen des äußeren Bekenntnisses aus; man kann nicht fragen, ob Christus in solchen Namenchristen ist, ohne Seinen Namen zu entweihen. Wie? Christus sollte in diesem Jüngling sein, der sich zwar Christ nennt, aber den laxen Grundsätzen der Zeit und den Lüsten des Fleisches sich ergeben hat? Christus sollte in diesem Mann sein, der zwar dem Namen nach Christ ist, aber nur lebt, um sein Vermögen zu vergrößern und dessen Zufriedenheit mit seinem Schatz steigt und fällt? Christus sollte in diesem Weib sein, die zwar dem Namen nach Christin ist, aber den flüchtigen Vergnügungen der Welt nachläuft und mit ihnen schimpflichen Götzendienst treibt? So bleiben uns nur noch die wenigstens dem Scheine nach religiösen Menschen übrig; nur in Bezug auf sie kann man jene Frage tun, und es ist Zeit, dass wir mit ihnen nach den Merkmalen, die uns die Schrift selbst bieten soll, diese Frage prüfen.
Ist Jesus Christus in euch, so wird Er in euch leben, und das erste Zeichen, woran ihr erkennen könnt, ob ihr im Glauben seid, ist das eurer Seele mitgeteilte Leben Jesu Christi. „In Ihm ist das Leben“, Er heißt „der Fürst des Lebens“; „wer den Sohn hat, der hat das Leben“, der Sohn selbst ist unser Leben, und der Gott, mit welchem Er uns vereinigt, ist nicht bloß der wahre Gott, sondern auch der lebendige Gott, der auch in der Welt, aber vor allen in den Herzen Seiner Kinder lebt.
Worin besteht nun dies Leben Christi in uns? Denken wir nicht daran, hiervon eine genaue Erklärung geben zu können: das Leben wird empfunden, lässt sich aber nicht erklären. Wir können uns übrigens von dem Leben Christi in uns keine bessere Rechenschaft geben, als wenn wir dem Bild folgen, welches in dem Namen selbst, mit welchem der Heilige Geist es genannt hat, verborgen liegt. Wenn Er den Zustand einer Seele, in welcher Christus wohnt, Leben nennt, so tut Er es, weil dieser Zustand einige Züge der Ähnlichkeit mit dem Leben des Leibes hat, welches Gott den Organen des ersten Menschen einblies und durch das Er einen organisierten Staub in eine lebendige Seele umwandelte. Könnt ihr das Leben des Leibes erklären? Versucht es, das Leben anders als durch den Tod, oder den Tod anders als durch das Leben zu erklären: ihr kommt nie aus diesem Kreis heraus und ihr werdet das Leben nie anders begreiflich machen, als wenn ihr einen lebendigen Menschen neben einen toten stellt. Wie groß ist die Ähnlichkeit unter diesen Menschen und doch, wie groß ihre Verschiedenheit! Was aber unterscheidet sie? Die Seele ist's, das heißt, dieser Atem, der zwar unsichtbar ist, aber nichts desto weniger die Stütze und das unsichtbare Band, ohne dass der Körper sich sofort auflöst und sogar seine äußere Gestalt verliert. Könnte es einen Menschen geben, der diesen Unterschied nicht zugeben wollte, weil der tote Mensch ebenso gut wie der lebende Augen, Hände und Füße hat, was wolltet ihr ihm antworten? Eine solche Rede würde nur beweisen, dass der, welcher also spricht, keinen Begriff von dem hat, was Leben ist; alle Erklärungen der Welt könnten denselben nicht ergänzen. - Dies ist ein passendes Bild des geistigen Lebens, welches der Geist, d. h. der Atem Gottes, einer Seele mitteilt, in der Christus wohnt. Stellt neben einander zwei Menschen, einen, in welchem Christus lebt, und einen anderen, in welchem er nicht lebt, wie groß ist die Ähnlichkeit unter ihnen, und doch, wie groß die Verschiedenheit! Das leibliche Leben haben sie mit einander gemein, Beide essen und trinken, schlafen und erwachen, sprechen und bewegen sich; ebenso das geistige Leben, Beide denken, beobachten, urteilen, schließen; ferner das Gefühlsleben, Beide haben ein Weib, Kinder, Eltern, Freunde, die sie mit der innigsten Liebe umfassen; sodann das sittliche Leben, Beide haben ein Gewissen, welches ihnen Zeugnis gibt, und Gedanken, die sich einander anklagen oder entschuldigen; selbst ein religiöses Leben, Beiden sind gewisse Gewohnheiten der Frömmigkeit eigen, sie können die Bibel lesen, Morgens und Abends beten, dem Gottesdienst beiwohnen. Was trennt sie denn nun noch? Nichts als der Atem Gottes, von dem der Eine beseelt ist und den der Andere entbehrt; nichts als die Richtung des Herzens, die bei dem Einen dem Himmel und der Ewigkeit, und bei dem Andern der Erde und der Zeit zugewandt ist; nichts als die Gnade, die an die Stelle des Zorns, das ewige Leben, welches an die Stelle des ewigen Todes, die Herrschaft des Geistes, die an die Stelle der Tyrannei des Fleisches, die Tröstungen Gottes, die an die Stelle der Betäubungen der Welt getreten sind, nichts als der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, die hier zugegen sind, dort fehlen; nichts als Alles! Der nicht wiedergeborene Mensch, der keine Ahnung vom wahren Leben hat, verkennt diesen inneren Gegensatz, weil derselbe unsichtbar ist, und doch ist selbst die Welt, so sehr sie auch Welt ist, zuweilen genötigt, ihn zu fühlen und in ihrer Art zu bekennen. Der geistliche, durch den Heiligen Geist und Sein Wort unterrichtete Mensch aber erkennt in dem Gläubigen ein ihm eigenes Leben, ein Leben, so neu, dass er nur durch eine neue Geburt, eine neue Schöpfung in dasselbe hat eingehen können. „Ist Jemand in Christo, der ist eine neue Schöpfung, er ist vom Tod zum Leben übergegangen.“ Übrigens empfindet der Gläubige in sich selbst, viel besser als Andere es beobachten können, eine Änderung von Grund aus, die sich in seinem Herzen zugetragen hat, und dies bezeugt er, indem er mit dem Blindgebornen spricht: „Ich war blind und bin jetzt sehend“, und mit dem auferweckten Heiland: „Ich war tot, aber jetzt lebe ich.“ Wie nun, meine lieben Zuhörer, habt ihr diese neue Geburt erfahren? Fühlt ihr dies Leben Jesu Christi in euch?
Habt ihr diese neue Geburt erfahren? Seid ihr euch einer innerlichen Umwandelung bewusst, die aus euch einen anderen Menschen mit anderen Grundsätzen, anderen Gesinnungen, anderem Geschmack, anderer Sprache, anderem Herzen, völlig anderem moralischen Gewissen geschaffen, euch nach dem kraft Ausdruck des Apostels von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott bekehrt hat? Diese neue Geburt kann sich jedoch so zugetragen haben, dass sie nicht augenfällig wahrgenommen wurde, namentlich, wenn sie in der allgemeinen Entwicklung der Kindheit oder der Jugend verborgen geblieben ist; kommen wir deshalb zu der Hauptfrage: Fühlt ihr dies neue Leben in euch?
Ist eure Buße lebendig, habt ihr gelernt, vor dem Kreuz Christi euch an die Brust zu schlagen und zu sagen: „An Dir allein habe ich gesündigt und übel vor Dir getan“; für mich, ganz besonders für mich bist Du gestorben? Ist euer Glaube Lebendig? Habt ihr das Wort Gottes gleichsam aus Christi Mund empfangen und mit euch durch den Glauben vereinigt, ist es wie ein Samenkorn himmlischen Lebens, das euch der göttlichen Natur teilhaftig gemacht hat, in euch gefallen? Sind eure Gebete lebendig? Bittet Christi Geist selbst für euch und in euch, bald durch mächtige Worte, die den starken Gott überwinden, bald durch unaussprechliche Seufzer, die von Ihm allein vernommen werden und still in Sein väterliches Herz eindringen? Ist eure Liebe lebendig? Liebt ihr euren Nächsten als euch selbst und wisst ihr zugleich der brüderlichen Liebe, der Liebe aller Liebe, eine besondere Stätte zu bereiten, der Liebe, die den Gläubigen mit dem Gläubigen vereinigt, weil Christus in dem Herzen des Einen dem Christus im Herzen des Andern entspricht? Sind die Zuneigungen eures Herzens für euch wie für Jesus Christus und Seine Gemeinde lebendig; ist für die, welche Gott mit euch durch die Bande des Bluts oder der Freundschaft vereinigt hat, das ewige Leben eure erste Sorge? Was soll ich noch weiter nennen? Ist eure Freude, sind eure Tröstungen, eure Unterhaltungen, ist euer ganzes Leben lebendig und im Einklang mit Jesu, der zu euch spricht: „Ich lebe, darum sollt auch ihr leben“, seid ihr gelehrt worden, mit Paulus zu sagen: „Christus ist mein Leben? „ Seht zu und prüft. Habt ihr Christi Leben nicht, so habt ihr Christum nicht in euch; habt ihr aber Christum nicht in euch, so steht ihr nicht im Glauben, so habt ihr das ewige Leben nicht.
Das Leben offenbart sich durch Handlungen, und zwar am unmittelbarsten durch Worte. Ist Christus in euch, so wird Er in euch reden, und darum ist das zweite Zeichen, woran ihr erkennen könnt, ob ihr im Glauben seid, das Zeugnis Jesu Christi, welches euer Herz gewiss macht, dass ihr Ihm angehört.
Diese Behauptung überrascht euch vielleicht; ihr findet in ihr ich weiß nicht welchen Anschein von Mystizismus. Aber hütet euch: „Sagt nicht Bund bei Allem, wo dies Volk von Bund redet“ (Jes. 8,12), nennt nicht überall Mystizismus, was die Menge Mystizismus nennt. Ein Gefühl ist darum nicht mystisch, weil es im Herzen verborgen ist und deshalb nicht erklärt werden kann; es verdient diesen Namen nur, wenn es jedes achtungswerten und festen Grundes entbehrt. Die Liebe einer Mutter für ihr Kind hat nichts mystisches, weil sie auf einer natürlichen, von Gott stammenden Anhänglichkeit beruht; die Gewissensbisse, die einem Verbrecher verfolgen, haben nichts mystisches, weil sie in dem Gewissen und in den Gesetzen der sittlichen Welt begründet sind; und auch das religiöse Gefühl hat nichts mystisches, wenn es in Gottes Wort ruht. Das Ansehen dieses untrüglichen Wortes ist das wahrhaftige Kennzeichen, welches in geistlichen Dingen die Wahrheit von dem Mystizismus unterscheidet. Von diesem Gesichtspunkt aus sind viele Dinge, welche die Welt Mystizismus nennt, durchaus fest bewiesen, während es andere gibt, die unzweifelhaft scheinen und auf die doch der Name „mystisch“ weit mehr passt. Erkennt das Wort Gottes dies innerliche Zeugnis Gottes an die treue Seele an? Das ist Alles, was wir zu wissen brauchen. Gewiss, die Bibel erkennt es auf das bestimmteste an. „Wer Seine Gebote hält, der bleibt in Ihm und Er in ihm. Und daran erkennen wir, dass Er in uns bleibt, an dem Geist, den Er uns gegeben hat“ (1 Joh. 3,24); denn „dieser Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“
Auch die Erfahrung der Gläubigen aller Jahrhunderte bestätigt das, was ich eben gesagt habe. Dies beseligende Zeugnis ist in allen Zeitaltern der Kirche gehört worden, selbst von den Heiligen des Alten Bundes, nach dem Maß ihrer Erkenntnis. Es ist das Zeugnis, welches zu jeder Zeit das Volk Gottes beseligt, gestützt und gekräftigt hat; das Zeugnis, aus welchem Alles, was im Reiche Gottes, innerhalb einer Gott feindlichen Welt geschehen, geboren worden ist. Abraham befass es in seinem Inneren, als er den Tag Christi sah und sich desselben freute; Jakob, als er, seine Söhne in prophetischem Geist segnend, sich einen Augenblick unterbricht und wie von einer inneren Stimme gedrängt, spricht: „O Herr, ich warte auf Dein Heil“ (1 Mos. 49,18)! Hiob, indem er seinen Erlöser bekennt und spricht: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, ich werde Ihn sehen, meine Augen werden Ihn schauen und kein Fremder“. (Hiob 19,25 u. 27) David, indem er seinen erbitterten Feinden dies zuversichtliche Wort eines betenden Herzens entgegensetzt: „Solches weiß ich, dass Gott für mich ist, denn Er hat meine Seele vom Tode erlöst und meine Füße vom Gleiten“ (Ps. 53, 10 u. 14). Nehemia, denn er unterbricht von Zeit zu Zeit seine Erzählung und schüttet sein Herz vor Gott aus: „Gedenke meiner, mein Gott, zum Besten“ (Neh. 13,31). Der greise Simeon, wenn er vor seinem Tod im Einklang mit dem alten Jakob nach achtzehnhundert Jahren das schaut, was der sterbende Patriarch erwartet hatte: „Nun lässt Du Deinen Diener in Frieden fahren, wie Du gesagt hast, denn meine Augen haben Dein Heil gesehen.“. Stephanus, indem er, voll Heiligen Geistes zum Himmel aufschaute und die Herrlichkeit Gottes sah und Jesum stehen zur Rechten Gottes; ferner Paulus, als er an Timotheus schrieb: „Ich kenne Den, an welchen ich geglaubt habe; ich weiß, dass Er mächtig ist, mein anvertrautes Gut zu bewahren“; endlich Luther, als er vor seiner Ankunft in Worms in seiner Herzensangst betete: Herr, diese Sache ist Dein, halte Dich zu mir, meine Seele ist Dein! Doch was rede ich von diesen großen Dienern Gottes? Der demütigste und geringste Christ kennt dies Zeugnis Gottes in seinem Inneren so gut wie sie; er schaut seinen Heiland mit den Augen des Geistes, hört Ihn mit den Ohren seiner Seele. Nein, keine Macht auf Erden, kein Teufel in der Hölle kann uns überreden, Du, o Herr Jesus, seiest nicht in uns, Du hörtest uns nicht, Du redetest nicht, liebtest nicht. hättest Dich nicht für uns dahingegeben!
Und du, mein lieber Zuhörer, besitzt du dies Zeugnis Jesu Christi? Hörst du deinen Erlöser in dir, wie Er durch Seine Vergebung versichert: „Du bist mein, ich habe dich erlöst, deine Sünden sind dir vergeben, gehe in Frieden“? Hörst du, wie Er dich ruft und kannst du, vor Ihm in die Kniee sinkend, zu Ihm mit David sprechen: „Mein Herz hält Dir vor Dein Wort: Ihr sollt mein Antlitz suchen. Darum suche ich auch, Herr, Dein Antlitz.“ Hörst du, wie Er dich, den Bittenden, erhebt und mit David dir antwortet: „Mit meiner Stimme rufe ich zum Herrn, so erhört Er mich von Seinem heiligen Berg.“ Hörst du, wie Er zu dir spricht, und kannst du, die Heilige Schrift befragend, zu Ihm mit Samuel sagen: „Rede, Herr, Dein Diener hört.“ Hörst du, wie Er dich hört, und erfährst du in deinem Herzen, wie „dein Geschrei vor Ihn kommt zu Seinen Ohren.“ Hörst du Ihn, wie Er dir deinen Weg vorschreibt, wie Er auf dein Wort: „Lehre mich den Weg, den ich gehen soll,“ dir antwortet: Ich will dich den Weg lehren, den du gehen sollst? Hörst du Ihn, wie Er dich tröstet, beruhigt, warnt, tadelt und stärkt? - Hast du von all diesen Dingen nichts gefühlt, hast du nie Seine Stimme gehört, noch Sein Angesicht geschaut, hast du, kennst du nicht einmal das Zeugnis Christi, so ist Christus nicht in dir; ist aber Christus nicht in dir, so bist du nicht im Glauben, so hast du das ewige Leben nicht.
Kommen wir endlich zu dem untrüglichsten und sichersten Kennzeichen des Lebens, zur Tat. Ist Christus in dir, so wird Er in dir wirken und schaffen; daher ist das letzte Merkmal, woran ihr erkennen könnt, ob ihr im Glauben seid, kein anderes als das, ob Christi Werk euer Werk geworden ist.
Christus kann durchaus nicht müßig und unfruchtbar bleiben; wie der Vater zu jeder Zeit wirkt, so wirkt auch der Sohn, und zwar in denen, „die an die Wirkung Seiner mächtigen Stärke“ glauben. Wer an Jesus glaubt, wird auch die Werke tun, die Er getan hat; wer da sagt, dass er in Jesu Christo bleibt, der muss auch leben, wie Jesus Christus gelebt hat. Meine lieben Brüder, ich sagte soeben: Denkt groß vom christlichen Glauben; jetzt sage ich: Denkt groß vom christlichen Leben. Es gibt kein christliches Leben als das Leben Christi in dem Christen, und es gibt keinen wahren Christen, als den, welcher so lebt, dass er Christus darstellt und das von Christo begonnene Werk fortsetzt. Man muss Ihn anschauen, wie Er in uns lebt und wie Er sagen konnte: Wer mich gesehen hat, der hat meinen Meister und Herrn gesehen. Welch eine Bestimmung, meine lieben Brüder! Wahrlich, so ruhmvoll und so schwer, dass man kaum an sie glauben kann! Aber der, der uns das Gebot gegeben hat: „Ihr sollt gesinnt sein, wie Christus gesinnt war“, der wird uns auch fähig machen, sie zu erfüllen; oder sagen wir lieber, wir sind es weniger, welche diese Aufgabe erfüllen sollen, als der Herr, der sie in uns erfüllen muss. Wir haben zu Christi Werk Christi Kraft, weil wir Christum selbst haben, wenn wir anders Ihn angenommen haben und in Ihm wandeln.
Sprecht nicht, dieser Gedanke erdrücke euch, ihr wolltet eure Blicke lieber auf das Vorbild der großen Diener Christi, als auf Christus selbst richten, weil sich doch bei diesen Dienern, so groß sie auch sein mögen, Schwachheiten und Niederlagen finden, die sie uns näher bringen; dieser Grund ist eines Christen wenig würdig. Gerade weil Christus allein uns ein vollkommenes Muster gelassen hat und Er das lebendige Gesetz Gottes ist, so müssen wir Ihn vor Allen als Gegenstand unserer Nachahmung erwählen. Tut ihr doch damit nur das, was die Heiligen, von denen ihr sprecht, getan haben, oder vielmehr das, was sie dazu gemacht hat: sie haben das Vorbild ihres Meisters und nicht das irgendeines Menschen erwählt. Wie sieht man das bei dem Apostel, welchem ich meinen Text entlehnt habe; auf den Apostel Paulus kommt man überhaupt immer zurück, wenn man den christlichen Glauben oder das christliche Leben in der Tat und Wahrheit schauen will. Wie hat sich dieser Jünger, der mehr gearbeitet hat als sie Alle und der bei aller Demut nicht ansteht zu sagen: „Seid meine Nachahmer wie ich Christi Nachahmer bin“, wie hat er sich gebildet? So, dass er sich Christum mit einer wahrhaft eifersüchtigen Sorgfalt zum Vorbild nahm; er scheint sogar geflissentlich seine Person und seine Geschichte mit der Person und der Geschichte seines göttlichen Meisters, selbst die ausschließlich dem Herrn vorbehaltenen Werke nicht ausgenommen, in gewisser Hinsicht zu verschmelzen! Ist es die Speise Christi, den Willen Des zu tun, der ihn gesandt hat, und Sein Werk zu vollenden, so ist es Paulus, „der Bande und Trübsale nicht achtet, auch sein Leben für sich selbst nicht teuer hält, auf dass er vollende seinen Lauf mit Freuden, und das Amt, das er empfangen hat von dem Herrn Jesu“ (Apostg. 20,24). Kann Christus am Ende Seines Lebens sagen: „Ich habe das Werk vollendet, das du mir zu tun gegeben hast“, so sagt Paulus am Vorabend seines Märtyrertums: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet und habe Glauben gehalten; hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit“ (2 Tim. 4,7 u. 8). Ja noch mehr: Ist Christus zum Fluch geworden für uns, so möchte Paulus wünschen, selber verbannt zu sein von Christo für seine Freunde nach dem Fleisch; und hat Christus unsere Sünden in Seinem Leib am Holz getragen, so wagt es Paulus die Staunen erregenden Worte zu schreiben: „Nun freue ich mich in meinen Leiden, die ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was noch mangelt an Trübsalen Christi für Seinen Leib, welcher ist die Gemeinde“ (Kol. 1,24)! Erklären wir diese erhabenen, überschwänglichen Ausdrücke der Liebe nicht, fühlen wir sie lieber: die Aufgabe Pauli ist auch eure Aufgabe, wenn der Christus des Apostels auch euer Christus ist; Den, welchen man überall lebend im Leben Pauli findet, muss man auch in eurem Leben lebend wiederfinden.
Prüft euch nun, meine lieben Zuhörer, um zu sehen, ob ihr Christi Werk tut. Ich frage nicht, ob ihr es ohne alle Trübung und Untreue vollbringt; ach, wer könnte sich dann in die Zahl Seiner Nachahmer einreihen? Aber sind eure Werke wenigstens von Christi Geist beseelt, erkennt man euren Meister in dem Grund eures Lebens? Erkennt man in eurer Arbeit Den, welcher sich nach vollbrachtem Tagewerk, wenn Er von Ort zu Ort gegangen war, um Gutes zu tun, sich auf einen Berg zurückzieht, um zu beten, und die ganze Nacht im Gebet zubringt? Erkennt man in euren Vergnügungen Den, welcher auf der Hochzeit zu Kana eine so liebliche wie reine Freude verbreitet, und dem ein Familienfest Gelegenheit bietet zu mehr als einer heilsamen Unterweisung? Erkennt man in euren Trübsalen Den, welcher über den nahen Fall Jerusalems weinte, oder Den, welcher, um den Sündern einen noch entsetzlicheren Fall zu ersparen, die ganze Last des göttlichen Fluches trug? Erkennt man in dem, was ihr lest, euch als Solche, die ihre Freude haben an dem Gesetz des Ewigen und Tag und Nacht in demselben forschen und die nur in ihm die Waffen gegen die dreifache Versuchung in der Wüste suchen? Erkennt man in euren Reden Den, dessen Mund sich nur auftut, um Denen, die Ihn hören, die Gnade Gottes mitzuteilen, und der weder einem Gegenstand in der Natur noch einem Ereignisse im Leben begegnet, dem Er nicht eine Lehre vom ewigen Leben entnimmt? Erkennt man in eurem Handeln wie in eurem Ruhen, in eurem Wachen wie in eurem Schlafen, in eurem Eingang und Ausgang Den, welcher immer Dinge vollbrachte, die dem Vater lieb waren? Ach, warum erkennt man in dem Allen weit eher eure Erziehung, euer Temperament, eure Umgebung, euer Interesse, eure Selbstsucht, eure Lüsternheit, als Ihn. Jedoch ich vergesse mich, es ist eure Sache, euch zu beurteilen. Seht zu, prüft und erforscht euch genau. Steht ihr Christi Werke fern, so habt ihr Christum nicht in euch, habt ihr aber Christum nicht in euch, so seid ihr nicht im Glauben, so habt ihr das ewige Leben nicht.
Das sind die drei Merkmale, an welchen ihr erkennen könnt, ob Jesus in euch ist. Sein Leben, Sein Zeugnis, Sein Werk. Solltet ihr auch Gefahr laufen, euch über eins derselben zu täuschen, so ist es doch nicht möglich in Bezug auf alle drei; vereinigt lassen sie euch sicherlich den Zustand eurer Seele vor Gott erkennen. Eine Täuschung lässt sich vermeiden, und wollen wir nur uns selber richten, so kann uns Gott Seine Erleuchtung zu einer Prüfung, zu der Er uns zuerst einlädt, nicht versagen. Folgt daher, folgt dieser heilsamen Prüfung und bleibt nicht auf halbem Weg stehen, dass ihr am Ende nicht wisst, ob ihr in Christus seid oder außer Christus.
Bei dieser Prüfung müsst ihr zwei Klippen vermeiden. Vor allem hütet euch vor Selbsttäuschung; sprecht nicht: Friede, Friede, wo kein Friede ist, aber seid auch nicht strenger als der Herr selbst. Es gibt misstrauische und zaghafte Seelen, die, während sie alle Andern über ihren Zustand beruhigen, nie selber zur Ruhe kommen können. Ich möchte solche Seelen nicht entmutigen, denn ich weiß, dass mein und ihr Herr sie nicht entmutigt; aber ich sage ihnen: Seid einfältiger, liebe Freunde. Es handelt sich nicht darum, zu wissen, ob ihr in euch das Leben, das Zeugnis und das Werk Christi findet; sondern darum, ob ihr etwas von Seinem Leben, Seinem Zeugnis und Seinem Werk in euch findet; nicht dem Grad oder dem Maß, sondern dem Vorhandensein und dem Wesen ist das Versprechen gemacht. Hat der Herr Sein Gnadenwerk in euch begonnen? Nun wohl, so steht auch nicht an, Seine Ehre zu bekennen und in das demütige, aber feste Vertrauen des Apostels einzugehen: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die da ist in Christo Jesu unserem Herrn.“
Ist dies das Ergebnis der Prüfung, zu der ich euch soeben eingeladen habe, führt es euch dahin zu erkennen, dass Christus in euch wohnt, dann empfindet euer Glück! Ermesst eure Verpflichtungen nach euren Vorrechten! Lebt ihr nur durch Ihn, so lebt ihr auch nur für Ihn. Übrigens, liebe Brüder, spricht der Apostel, „freut euch, werdet vollkommen, tröstet euch, habt einerlei Sinn, seid friedsam, so wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.“
Sollte aber diese Prüfung ein entgegengesetztes Ergebnis haben, müsstet ihr euch überzeugen, dass ihr bis jetzt nur einen toten Glauben gehabt und fern von Christo gelebt habt - was soll ich euch dann sagen? Soll ich euch auf euren Weg ein beruhigendes Wort mitgeben? Soll ich euch die Gefahr verhehlen, der ihr entgegeneilt? Ach, meine Freunde, das hieße meinem Text ungetreu werden, der am Schluss euch sagt, was das Los derer ist, die nicht im Glauben sind. „Erkennt ihr in euch selbst nicht, dass Christus in euch ist? Es sei denn, dass ihr untüchtig seid. „Untüchtig“ - ein schreckliches Wort, untüchtig, verächtlich bei Seite geschoben, wie ein Fahrzeug, das man probiert, aber unbrauchbar findet; untüchtig, behandelt wie die unfruchtbaren Reben, die man abhaut, und „sammelt sie und wirft sie ins Feuer und müssen brennen“ (Joh. 15,6). Sagt mir nicht, es sei lieblos, euch so schreckliche Bilder vorzuhalten. Liebe Brüder, verstehen wir recht, was es mit der Liebe bedeutet: es gibt zwei Arten der Liebe. Eine Liebe Gottes und eine Liebe des Teufels; die Liebe Gottes spricht: „An dem Tag, wo du davon isst, wirst du sterben“; die Liebe des Teufels spricht: „Du wirst nicht davon sterben.“ Jene erklärt euch für verloren, aber nur, um euch zu retten; diese erklärt euch für gerettet, aber nur um euch zu verderben. Ich komme zu euch mit der Liebe Gottes im Herzen und kenne keine andere. Ich will die Gewissen nicht einschläfern, sondern zu ihrem Heil aufwecken. Ich will die Sterbenden nicht heilig sprechen, sondern die Lebenden retten. Wie glücklich wäre ich, o wie glücklich, könnte ich euch Alle wie einen einzigen Menschen in meine Arme und an mein Herz schließen, um euch in die sichersten Arme und an das treuste Herz zu legen! Ich weiß, ich verkündige euch die Wahrheit Gottes, ich weiß, Gott ist in Seinen Drohungen so beständig wie in Seinen Verheißungen, wollt ihr hartnäckig heute eure Augen schließen, so müsst ihr sie öffnen, wenn es nicht mehr Zeit sein wird. Aber ich will nicht, dass ihr zögert, bis es zu spät ist; jetzt ist der Tag, die Stunde, der Augenblick. Erkennt euch, erwacht, bedenkt euch, entscheidet euch, rettet euch, trennt euch von dem gottlosen Geschlecht und sprecht mit Jakob zum Herrn: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn!“ Amen.
Monod, Adolphe - Maria Magdalena.
Jesus aber, da Er auferstanden war frühe am ersten Tag der Sabbater, erschien Er am ersten der Maria Magdalena, von welcher Er sieben Teufel ausgetrieben hatte.
Mark. 16,9.
Wenn man euch hätte erraten lassen, welchen von all Seinen Jüngern der auferstandene Jesus zuerst mit Seinem Anblick begnadigen würde, wen hättet ihr dann wohl genannt? Wärt ihr dem Ruf der Natur gefolgt, so würde vor allen Andern das Bild jener zärtlichen Mutter, durch deren Seele ein Schwert gedrungen, vor eure Seele getreten sein. Hättet ihr ferner die geheiligten Rechte des Apostolats erwogen, so würdet ihr geschwankt haben zwischen den beiden bevorzugten Jüngern, Petrus, dem Erben der großen Verheißung: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde,“ oder Johannes, dem vertrauten Jünger, der unter den beiden der eifrigste war, die Auferstehung Seines Herrn festzustellen, und auch der erste, der an sie glaubte. Aber gesteht es nur, zuletzt erst hättet ihr an eine arme Fremde gedacht, die anfangs die schreckliche Beute von sieben Teufeln gewesen war. Und doch ist diese arme Fremde, ist Maria Magdalena die auserkorene. „Jesus aber, da Er auferstanden war frühe am ersten Tage der Sabbater, erschien Er am ersten der Maria Magdalena, von welcher Er sieben Teufel ausgetrieben hatte.“
Indem der Evangelist in einer der kurzen Mitteilungen, die bei ihm so oft vorkommen, den ersten und den letzten Zug, durch welchen der Heilige Geist uns mit Maria Magdalena bekannt macht, zusammenstellt, beabsichtigt er etwas Ernsteres, als uns einen seltsamen oder verwirrenden Gegensatz vorzuführen. Ihm bedeutet dieser Gegensatz eine tiefe Übereinstimmung: Maria Magdalena ist nur darum so hoch erhoben, weil sie so tiefem Verderben entrissen worden war. Lasst uns den belehrenden Übergang erforschen, welcher sie von dem einen dieser Zustände zu dem anderen geleitet hat. Indem die heilige Geschichte den Gedanken des Markus entwickelt, lässt sie uns diesen Übergang von Periode zu Periode verfolgen, und zwar nicht also, dass sie uns in das Innere der Maria Magdalena blicken lässt, sondern indem sie uns dieselbe tätig zeigt bei einer jener großen Gelegenheiten, wo das Herz sich durch Handlungen offenbart. Denn, wunderbar, Gott, der allein die Herzen kennt, schildert den Menschen immer nur durch seine Werke, während der Mensch, der bloß die Werke sieht, das Geheimnis der Herzen zu ergründen sich bemüht.
Irre ich mich, wenn ich behaupte, dass dies Bestreben einem Bedürfnisse unserer Seele entspricht? Auch wir wünschen, dass Jesus sich in uns der heiligen Herrlichkeit seiner Auferstehung offenbarte. Aber ach, wie wir für das ganze Evangelium kalt sind, so sind wir es vielleicht ganz besonders für das große Ereignis des Ostertages, welches die jetzige religiöse Erweckung wenig beachtet, wenig versteht und wenig empfindet, worin sie mehr einen Beweis sieht, den sie gelegentlich geltend machen. kann, als dass sie neues Leben daraus schöpft. Wohlan denn, die allmählige Entwicklung, die Maria Magdalena dazu führte, ihren erstandenen Heiland mit so vielem Eifer zu suchen, dass sie zuerst Ihn fand, soll uns lehren, wie auch wir dazu gelangen können, das Osterfest mit mehr Liebe und Freude zu feiern, ja, es so zu feiern, wie Maria Magdalena es feiern würde, wenn sie heute noch unter uns wäre, wenn sie heute nicht an einer anderen Stätte als in unsern Kirchen eine geistigere Gedächtnisfeier beginge.
Das Einzige, was wir von Maria Magdalenas Bekehrung wissen, ist das Austreiben der sieben Teufel durch Jesum. Es ist dies die hervortretende Tatsache, welche den Evangelisten, sowohl dem Lukas wie dem Markus, aufgefallen ist; es ist ohne Zweifel auch die, welche auf das gläubige Volk, dessen erleuchtete Organe die Evangelisten sind, einen so tiefen Eindruck gemacht hat; der ersten christlichen Kirche war Maria Magdalena jenes wohlbekannte Weib, aus der Jesus sieben Teufel ausgetrieben hatte. Die Überlieferung, welche uns dieselbe so darstellt, als ob sie den schmählichsten Verirrungen des Fleisches ergeben gewesen, ist dagegen neueren Ursprungs und entbehrt aller festen Stütze. Ohne genügenden Grund hatte man angenommen, dass böse Geister sich nur bei einem ungeregelten Leben vorfinden könnten, oder man hatte mit noch weniger Grund Maria Magdalena mit jener Sünderin verwechselt, die des Herrn Füße mit wohlriechendem Öle salbte, mit ihren Tränen benetzte, und mit ihrem Haar trocknete. Suchen wir doch keine Verbrechen in Maria Magdalena, um das Wunder ihrer Bekehrung zu vergrößern; seien wir wie die Schrift vor allen Dingen wahr. Genügt denn nicht dieser einzige Zug, dass sie von sieben Teufeln besessen war, um auf ihren ersten Zustand ein geheimnisvolles, aber erschreckendes Licht zu werfen? Wir haben die Beschaffenheit jener bösen Geister hier nicht zu erörtern, da sie im Neuen Testament nur deshalb erscheinen, um dem Sohn Gottes Gelegenheit zu geben, Seine ganze göttliche Kraft in einem seltsamen und furchtbaren Kampf mit den Mächten der Finsternis zu entfalten. Eins ist gewiss: diese Elenden gehörten sowohl durch ihren körperlichen als moralischen Zustand zu den unglücklichsten und gesunkensten Wesen, denn sie waren einem verborgenen und verderblichen Einfluss unterworfen, durch den hindurch hie und da Lichtblicke von Einsicht, selbst von Glauben drangen, die das Gefühl ihres Elendes nur vermehrten, sofern dieselben sie nicht zu ihrem Retter führten. Dem Wirken der bösen Geister preisgegeben zu sein, hieß nichts anderes als den Keim aller Sünden und aller Schmerzen, hieß den Vorgeschmack der Hölle mit ihren Leiden ohne Trost, mit ihrer verspäteten und unfruchtbaren Einsicht in sich tragen; deshalb wird auch das Austreiben der Teufel in der Erzählung der Evangelisten zu den herrlichsten Wundern und bemerkenswertesten Wohltaten Jesu gerechnet. Sieben Teufel! Das ist das Kennzeichen des höchsten Grades moralischer Erniedrigung in einem Gleichnis, in welchem das jüdische Volk, das der groben Sünde des Götzendienstes nur entsagt hatte, um dafür andere noch verderblichere, wenn auch anscheinend leichtere Sünden an die Stelle zu setzen, unter dem Bild eines vom Teufel Besessenen geschildert wird, den der böse Geist nur deshalb eine Zeitlang verlassen hat, um mit sieben anderen noch ärgeren Teufeln in seine Wohnstätte zurückzukehren und durch diese verstärkt die Lage seines Opfers noch schlimmer zu machen, als sie vor seinem Ausfahren gewesen war. Sieben Teufel! Und doch genügte schon einer, um ein armes Kind in einen Zustand der Geistesverwirrung und Wut zu versetzen, der allen Bemühungen der Apostel trotzte und nur den Worten des durch Fasten und Gebet vorbereiteten Heilandes inmitten eines so entsetzlichen Kampfes wich, dass der Geheilte in den Augen der erschreckten Menge für tot galt (Mark. 9,17-27). Sieben Teufel! Man kann den früheren Zustand der Magdalena nach dem jenes anderen Besessenen beurteilen, in welchem der unsaubere Geist auf die Frage des Herrn: „Wie heißt du?“ antwortete: „Ich heiße Legion, denn unser sind viel,“ und den Markus uns schildert, wie er seine Fesseln zerreißt und seine Ketten zerbricht, wie er Tag und Nacht auf den Bergen und in den Gräbern umherläuft, sich mit Steinen zerschlägt und ein klägliches Geschrei ausstößt (Mark. 5,1-20). So ungefähr hat Maria Magdalenas Zustand sein müssen bis zu dem Tag der Gnade, wo sie dem Sohn Gottes begegnete, den alle Engel anbeten und die Teufel wider Willen fluchend bekennen. Er spricht, und sie ist befreit; Er spricht: „Unsauberer Geist, ich gebiete dir, dass du ausfährst und nicht wiederkehrst“, und Maria Magdalena ist, ich hätte beinahe gesagt, der menschlichen Gesellschaft und ihrer Familie, ich will aber noch richtiger sagen, sich selbst und Gott wiedergegeben. Stellen wir uns einmal das Vertrauen und die Dankbarkeit vor, die sie künftighin an Den fesseln, der sie von der Gewalt des Satans zu Gott und von der Finsternis zum Licht bekehrte. Die Tiefe des Abgrundes, aus welchem Er sie gezogen, ist nun der Grund und das Maß der Liebe, die sie fernerhin für Jesus empfindet; und diese Liebe ist der Schlüssel zu Allem, was sie für den lebenden, den sterbenden und den auferstandenen Jesus tut. Dem Lebenden folgt sie, weil sie Ihn liebt; den Sterbenden beweint sie, weil sie Ihn liebt, den Auferstandenen sucht sie, weil sie Ihn liebt: und sie liebt Ihn, weil sie nur einen Blick auf Ihn zu werfen braucht, um sich daran zu erinnern, dass Er allein sie befreite, sie, dies unwürdige und elende Weib, die früher von sieben Teufeln auf einmal besessen war.
Die erste Wirkung, wodurch sich Maria Magdalenas Liebe zu Dem, der sie heilte, offenbart, äußert sich in dem Wunsch, Ihm im Laufe Seines heiligen und wohltätigen Lebens zu folgen. Dieser Ausdruck der Dankbarkeit findet sich indes nicht bloß bei ihr. Als Jesus den unglücklichen Gadarener von der Legion der Dämonen befreite, bittet der genesene Kranke um die Gunst, bei Ihm bleiben zu dürfen. Aber Jesus, der diesen Menschen zur Lösung einer anderen Aufgabe bestimmt hatte, antwortet: „Geh wieder heim und sage, wie große Dinge Gott dir getan hat“ (Luk. 8,39); aber der Beruf eines Mannes ist von dem eines Weibes, die Mission des einen Jüngers von der des anderen verschieden. Maria Magdalena wünscht bei dem Herrn zu bleiben, und Jesus verbietet es ihr nicht. Und nun haftet sie gleich den Aposteln an Seinen Schritten, sie begleitet Ihn sogar zu den Festen, wo das Gesetz nur die Gegenwart der Männer forderte (Matth. 27,55 u. 56). „Und Er reiste durch Städte und Märkte, und predigte und verkündete das Evangelium vom Reiche Gottes und die Zwölfe mit Ihm. Dazu etliche Weiber, die Er gesund gemacht hatte von den bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißt, von welcher waren sieben Teufel ausgefahren, und Johanna, das Weib Chusas, des Pflegers Herodis, und Susanna und viele andere, die Ihm Handreichung taten von ihrer Gabe“ (Luk. 8,1-3). Maria Magdalena wird immer zuerst genannt; Lukas schildert sie zu Anfang gerade so wie Markus am Schluss, sie steht an der Spitze des Gefolges frommer Weiber, die den Herrn von Ort zu Ort begleiten und zugleich für Seine Bedürfnisse sorgen. Jesus hatte Nichts auf dieser Welt, nicht einmal einen Ort, wo Er Sein Haupt niederlegen konnte. In Jericho musste Er sich von einem Freund ein Unterkommen erbitten; von einem anderen borgt Er sich ein Füllen, um Seinen Einzug in Jerusalem zu halten; von einem dritten erhält er einen großen Saal, um darin das Osterfest zu feiern. Na denn, die mit Gütern dieser Welt gesegnete Maria Magdalena beeifert sich, sie Dem zur Verfügung zu stellen, dem sie Alles, sogar sich selbst verdankt; glücklich, etwas tun zu können, um Ihm die Last des menschlichen Lebens weniger drückend zu machen, die Last, die Er auf sich genommen, um ihr zu helfen. Übrigens ist es nicht das edelmütige Opfer, was mich am meisten bei der den Schritten des Herrn folgenden Maria Magdalena anspricht: vor allem ergreift mich der liebevolle Eifer, den sie an den Tag legt, immer bei Ihm zu bleiben, damit ihr keins Seiner Worte, keins Seiner Wunder, keine Seiner Heilungen, namentlich keine, die der ihrigen ähnlich war, entgehe.
Euch scheint das Alles vielleicht sehr natürlich und ihr wundert euch darüber, dass ich in einem durchaus einfachen Betragen einen großen Liebesbeweis der Maria Magdalena für ihren Heiland erblicke, ihr würdet euch in ihrer Stelle ebenso verhalten haben. Aber habt ihr auch reiflich darüber nachgedacht? Seht euch wohl vor! Nichts ist anziehender als Liebesdienste und Opfer in der Idee; aber die Wirklichkeit ist eine harte und zugleich die einzig sichere Probe der Aufopferung. Urteilen wir lieber über das, was wir in Verhältnissen, die wir nur in der Ferne schauen, getan haben würden, nach dem, was wir jetzt in unserer Lage tun, wo Gott uns selbst die Mittel an die Hand gibt, unser Herz kennen zu lernen. Wenn ihr zu Christi Zeit gelebt hättet, so würdet ihr euch eurer Meinung nach beeilt haben, alle eure irdischen Güter Seinem Dienst zu weihen; ihr würdet Maria Magdalena nachgeahmt haben, die ihre Schätze hingibt, und nicht dem jungen Reichen, der sie Ihm verweigert. Warum folgt ihr denn aber jetzt dem Beispiel des jungen Reichen und nicht dem der Maria Magdalena? Wandelt auch Christus nicht selbst mehr auf Erden, so hat Er doch Seine Jünger hier gelassen, die Seine Brüder, Glieder Seines Leibes sind und unter denen es nicht an Armen fehlt; Er hat euch gesagt, dass Alles, was ihr für sie tut, ihr Ihm getan habt, und was ihr ihnen verweigert, ihr Ihm verweigert. Da bietet sich euch nun ein ganz geeignetes, praktisches Mittel, durch das ihr ohne Gefahr der Täuschung und der Schwärmerei beweisen könnt, ob ihr geneigt seid, für Jesum Christum Opfer zu bringen. Und wie wendet ihr dies Mittel an? Sieht man euch die Gelegenheiten aufsuchen, Jesu Christo in der Person des Armen, der an Ihn glaubt, zu helfen? Sieht man euch reichlich von eurem Überfluss für Ihn opfern, ich wage gar nicht einmal zu fragen, ob ihr von eurem Notwendigen für Ihn dahingebt? Ach, Maria Magdalena würde heute für Seine Brüder ebenso handeln, wie sie für den Heiland selbst gehandelt hat; sie würde glauben, sich herabzuwürdigen, wenn sie es bei den kleinen Dienstleistungen bewenden ließe, zu denen sich die Meisten von euch, selbst die, welche sich laut als wahre Christen bekennen, nur mit vieler Mühe verstehen. Sie konnte auch ihrem Meister nicht folgen, ohne dass ihr auf jedem Schritt durch die Unglücklichen, welche dies Erbarmen Christi von allen Seiten herbeizog, Gelegenheit geboten wurde, ihre Opferfreudigkeit an den Tag zu legen. Ihr beklagt euch über die Menge der Anforderungen an eure Wohltätigkeit; ihr war das ganze Leben eine fortwährende Anforderung, die sie selbst herbeiführte. Gott sei Dank, es gibt zu allen Zeiten einige Witwen, die von ihrem Notwendigen mitteilen, einige Dorkas, die ihre Arbeit, einige Barnabas, dir ihren Besitz hingeben, nachdem sie sich alle selbst geopfert haben; Manche unter ihnen kennen wir, Andern ist es gelungen, verborgen zu bleiben; aber ach, sind sie denn so zahlreich, dass das Opfer Maria Magdalenas weder Bewunderung noch Erstaunen erregen müsste?
Das Leben dieser Jünger und Weiber, der beständigen Gefährten des Heilandes, der Zuhörer Seiner Reden, der Zeugen Seiner Werke, der Augenzeugen Seiner Wunder, musste ferner eurer Meinung nach ein anziehendes und bewegtes Leben sein. Das doch wohl nur, wenn sie Ihm in dem Geist jener flatterhaften Menge gefolgt wären, die sich zuweilen an Ihn hinandrängte, um nur an dem Teil zu nehmen, was ihnen gefiel, die einen Tag der Bergpredigt zuhörten, an einem anderen sich die Vermehrung der Brote zu Nutze machten; die hier der Auferweckung des Lazarus beiwohnten, dort abwarteten, wie die Bitte der Kanaanäerin oder die Frage der mit den Anhängern des Herodes verbündeten Pharisäer aufgenommen wurden. Aber Jesu folgen, wie Maria Magdalena, Tag für Tag, in allen Verhältnissen, in allen Anstrengungen, allen Schmerzen, allen Demütigungen, kurz, in allen Erlebnissen des Gottmenschen auf der Erde; Ihm folgen, wenn Seinen Jüngern nicht einmal die Zeit zum Ruhen und Essen blieb; Ihm folgen, wenn Seine Reden alle Diejenigen von Ihm entfernten, die nicht unbesiegbarer Glaube an Seine Person fesselte; Ihm folgen, wenn die Nazarethaner Ihn auf den Gipfel ihres Berges führten, um Ihn von da hinabzustürzen, oder wenn die Juden schon die Steine bereit hielten, Ihn zu steinigen; Ihm folgen, wenn man Ihm nur mit Gefahr des eigenen Lebens folgen konnte; war das Alles eurer Meinung nach so merkwürdig, so neu, so anziehend? O, wie schlecht kennt ihr euch selbst, wie schlecht kennt ihr des Menschen Sohn? Ihr wisst so wenig, wie ihr Sklaven eurer Gewohnheiten, eurer Bequemlichkeit und eures Wohllebens seid; ihr wisst so wenig, wie Sein Leben und das Leben derer, die Ihn umgaben, reich war an Entbehrungen, Bitterkeiten und Gefahren! Hättet ihr zu Ihm gesagt: „Meister, ich will Dir folgen, wohin Du gehst,“ so würde Er euch wie jenem neuen Jünger geantwortet haben: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, da Er Sein Haupt hinlege.“ Was hättet ihr dann wohl getan, ihr, die ihr nicht den Mut habt, der geringsten Mühe, dem geringsten Vorwurf und der geringsten Verlegenheit um Jesu willen die Stirn zu bieten?
Übrigens verband sich mit diesem doppelten Opfer an Geld und Gut und mit dem der eigenen Person noch ein drittes, das vielleicht noch schwerer ist; ich will es nur andeuten, das Opfer der Heiligkeit. Allein schon die Heiligkeit Jesu musste ausreichen, um eine gewöhnliche Seele, wenn sie nicht, wie Judas, durch Eigennutz und Heuchelei fest gehalten wurde, von Ihm zu entfernen. Habt ihr je daran gedacht, wie schwer es ist, beständig ein vollkommenes Muster von Frömmigkeit, Liebe, Demut und himmlischem Leben vor Augen zu haben, sei es, dass ein edler Eifer uns antreibt, diesem Vorbild nachzustreben, oder dass wir feige uns damit begnügen, den lästigen Tadel zu ertragen, den wir eben so gut darin finden müssen, wie Kain ihn in den guten Werken seines Bruders fand? Glaubt mir: lange kann man ihn nicht ertragen; wenn man auch nicht tötet wie Kain, so wird man wenigstens wie Demas fliehen; Jesu folgen, heißt sich stillschweigend verpflichten, Ihm nachzuahmen. Ich spreche hier nicht, um euch niederzudrücken; ich will euch nur durch einen für uns demütigenden Kontrast das würdigen lassen, was die Treue der Maria Magdalena in der Nachfolge des lebenden Jesus wert war. Was machte sie denn fähig, ein Leben zu führen, wozu wir allem Anschein nach nicht im Stande gewesen wären? Der Grund ist der: sie war das Weib gewesen, aus der Jesus sieben Teufel ausgetrieben hatte. Für eine solche Befreiung erschien ihr die Hingabe ihres Vermögens, ihrer Ruhe, ihres Willens, selbst ihres Lebens, wenn es von ihr wäre verlangt worden, nur ein Geschenk von geringem Wert. Und das eben fehlt uns; Jesus hat uns nicht von sieben Teufeln befreit.
Wünscht ihr jedoch für die Hingebung Maria Magdalenas eine noch entscheidendere Probe, so könnt ihr nur zu bald befriedigt werden. In der Tat, man musste Jesum lieben, wie Maria Magdalena Ihn liebte, um sich gleich ihr Seinem Leben anzuschließen; denn den Zeitgenossen war, wie ihr gleich sehen werdet, dieser wohltätige und heilige Wandel so lästig, dass sie danach trachteten, ihm ein Ende zu machen. Kaum hat die Welt begonnen, das schöne Leben zu schauen, als es ihr auch schon genommen wird. Des Menschen Sohn wird dem Land der Lebendigen entrissen; in wenigen Tagen, ja in wenigen Stunden wird Er verraten, gefangen genommen, gerichtet, verurteilt, zwischen zwei Räubern gekreuzigt; „Er ist unter die Übeltäter gerechnet.“ Was wird in dieser Zeit aus Maria Magdalena? Ach, es gibt einen Augenblick des betäubenden Schreckens, wo es ringsum leer wird „um den Mann der Schmerzen“ und die ganze Welt Ihn verlässt - eine ewig demütigende Erinnerung für das Menschengeschlecht! Nachdem der erste Schreck jedoch vorüber ist, sammeln sich die Treusten oder vielmehr die am wenigsten Untreuen wieder, aber mit welcher Furchtsamkeit? Von den beiden einzigen Aposteln, die Jesu folgen, verleugnet ihn der eine, und der andere entgeht der Verleugnung nur durch Schweigen; nicht eine Stimme erhebt sich für den, den Händen der Bösen überlieferten Menschensohn. Indessen folgt ein Häuflein Seiner Anhänger, das hauptsächlich aus Weibern besteht, weinend Jesu zur Schädelstätte, sie beneiden vielleicht im Geheimen den Simeon aus Cyrene um die schwere Last, die seinen Schultern aufgebürdet wird, und betrachten, wahrscheinlich von Furcht gehalten, die Szene höchsten Schmerzes aus der Ferne. Maria Magdalena befindet sich unter ihnen. Aber siehe, vier der Treusten unter den Treuen werden nach und nach mutiger und brechen sich endlich mit vieler Mühe durch die neugierige Menge der erbitterten Pharisäer, der grausam-eifrigen römischen Soldaten Bahn trotz aller Hindernisse, die Menschen von gewöhnlichem Mut, sagen wir richtiger, von gewöhnlicher Liebe zurückgeschreckt haben würden, und sie ruhen nicht eher, als bis sie am Fuß des Kreuzes angelangt sind. Maria Magdalena ist unter den Vieren, die Jesu den größten Beweis der Liebe geben, den Er, in den Tagen Seines Fleisches empfangen hat. Ich glaube nicht über die Wahrheit hinauszugehen, wenn ich hinzufüge, dass selbst unter diesen Vieren in gewisser Beziehung die Liebe der Maria Magdalena, welche recht eigentlich die der Kirche sein soll, den Sieg davon trägt; ich meine die vollkommen reine Liebe, die ohne Stütze und ohne Beimischung irgendeiner besonderen Liebe dasteht. Die Liebe der Maria von Nazareth ist die Liebe einer Mutter; die Liebe des Johannes ist die Liebe eines Lieblingsjüngers; die Liebe der Maria von Cleophas ist die Liebe einer Muhme, die obendrein die Mutter eines Apostels war; aber die durch keine Verwandtschaft und keine Jüngerschaft getragene Liebe Maria Magdalenas ist nicht etwa die Liebe dieses oder jenes Jüngers, auch nicht die Liebe dieser oder jener Jüngerklasse, sondern die Liebe der ganzen Kirche für ihren gekreuzigten Heiland. Und diese Liebe bezeugt Maria Magdalena nicht wie ein Apostel durch öffentliches Bekenntnis, wie früher Simon Petrus, sondern als Weib durch ihre Anwesenheit, ihre Tränen, ihre Teilnahme: leidet Jesus für Maria Magdalena, so leidet Maria Magdalena für Jesum. Wer will aber diese Teilnahme schildern? So eben noch beklagte ich es, dass der Mensch sich anmaßt, das Herz eines Menschen ergründen zu wollen, und ich kann, selbst auf die Gefahr hin mir zu widersprechen, dieser Versuchung nicht widerstehen; ja, ich glaube in dem Herzen der Maria Magdalena wie in einem offenen Buch lesen zu können. Seht, wie sie den Tod Jesu stirbt und Schmerzen duldet bei Seinen Schmerzen, wie sie bei dem Klang des bald gehobenen und bald niederfallenden Hammers, dessen Schläge in ihrer tiefsten Seele wiederhallen, und beim Anblick der Nägel, die, wie sie meint, weniger zerreißen würden, wenn sie in ihre, und nicht in ihres Meisters Hände eingeschlagen würden, zusammenschaudert? Seht, wie sie die sieben Worte am Kreuz eines nach dem anderen aufsammelt, jene Worte, die achtzehn Jahrhunderte lang der christlichen Kirche ein Gegenstand der Forschung und der Bewunderung waren, und die wir an jedem Abend der stillen Woche zum Gegenstand unserer Betrachtung machen. Seht, wie sie horcht auf die Beleidigungen der Priester, die Spöttereien der Henker, die Bitte des reumütigen Schächers, das Bekenntnis des Hauptmanns - und endlich auf den letzten Seufzer des Gekreuzigten, den sie abwartet, um nach Gefallen aufatmen und ohne Zwang weinen zu können. Nie hat sie Ihn bei Seinen Lebzeiten so geliebt, wie sie jetzt den Sterbenden liebt! Und warum das? Weil sie den Lebenden als ihren Befreier und den Sterbenden als ihren Heiland betrachtet, der sie nur dadurch errettet, dass Er für sie leidet, der ihr nur deshalb Leben und Glück gibt, weil Er sich entzieht, der gleich dem in die Erde gelegten Samen nur dann seine köstliche Frucht trägt, wenn er zuvor stirbt. So hat nun auch die Liebe der Maria Magdalena, wie die Liebe Jesu ihren Charakter verändert; in demselben Maß, wie die eine schmerzlicher wurde, ist die andere an Zärtlichkeit gewachsen. Christus leidet für die Sünder und durch die Sünder, ganz besonders aber für sie und durch sie, in ihren Augen die elendeste unter allen, der ihr Elend durch das Kreuz lebendiger vor die Seele getreten ist als jemals in Galiläa. Sie ist ohne Zweifel empört über die unwürdigen Urheber und die rohen Vollzieher des verabscheuungswürdigsten aller Urteile, aber am meisten ist sie gegen sich selbst aufgebracht: ihre eigenen Sünden, sie möchte gern sagen, ihre Sünden allein haben Jesu Liebe dies schreckliche Opfer auferlegt; ihre Hand, ihre eigene Hand hat die Hände geleitet, die jenen Hammer geschwungen, jene Nägel eingeschlagen, jenes Kreuz aufgerichtet haben. Ihr ist, als ob die ganze Welt zu ihr spräche: Für dich und durch dich geschieht dies Alles, und wenn die Welt es ihr nicht sagt, so möchte sie der Welt zurufen: Ich habe das Alles getan, ich, die Unwürdigste unter den Unwürdigen, die ich die undankbarste unter allen Kreaturen wäre, wenn ich mich nicht als die erkenntlichste zeigte und meine Liebe nicht mit Seinen Schmerzen wüchse.
Welch ein wohlverdientes und zugleich natürliches Mitgefühl! Ja, und doch wie selten! So selten, wie das tiefe Gefühl vergebener Sünde, ausgetilgter Schuld, aufgehobener Strafe, welches Maria an den Fuß des Kreuzes getrieben hat und ihr das Kreuz zehn, ja hundertfach schwerer macht. Wie steht es mit euch, kennt ihr dieses Mitgefühl? Betrachtet ihr mit ähnlichen Gedanken wie Maria euren sterbenden Heiland? Fühlt ihr etwas, das mit dem Übermaß Seines bitteren Leidens oder mit dem Gegenstand Seines Opfers in Verbindung steht? Fühlt ihr etwas von dem, was ihr Ihm an Schmerzen bereitet habt und an Erlösung verdankt? Doch was sage ich? Fühlt ihr nur etwas von dem, was ihr bei dem Leiden eines Gleichgültigen oder bei der Strafe eines Verbrechers, oder bei den Unglücksfällen in einem Roman oder im Theater empfunden habt? O ihr verirrten Herzen, in denen das falsche Gefühl das wahre getötet hat, die ihr bis zum Übermaß für alles Übrige zärtlich, aber für Ihn mitleidslos seid! Was ich da sage, klingt hart, ist Schrecken erregend, - aber ist es nicht wahr? Ach, ihr seid euch nie, wie Maria Magdalena, eines entsetzlichen Unglücks, aus welchem Jesus euch erlöst hat, klar bewusst gewesen: Er hat euch nicht von sieben Teufeln befreit!
Mit welchem Eifer ferner sucht Maria Magdalena ihren auferstandenen Heiland! Das ist das letzte Stadium und der Triumph ihrer Liebe; er veranlasste den Evangelisten Markus zu der in meinem Text angedeuteten Zusammenstellung: „Er erschien am ersten der Maria Magdalena, von welcher Er sieben Teufel ausgetrieben hatte.“ Jesus, den sie liebt, ohne den sie nicht leben kann, ist tot. Sie ist dem Lebenden gefolgt, sie hat den Toten beweint; was soll sie nun beginnen, da Er tot ist? Tot; aber ist Er ganz gestorben, für immer, auf lange gestorben? Ihr Herz sagt ihr darüber seltsame Dinge, und Jesu Worte kommen ihren Ahnungen zu Hilfe. Er hat vorhergesagt, dass Er sterben und am dritten Tag auferstehen würde; das ist so gut bekannt, dass Seine Feinde Vorsichtsmaßregeln ergreifen, um die Wegnahme Seines Leibes zu verhindern. Die Jünger haben freilich diesem Wort nicht geglaubt, oder vielmehr, sie haben es nicht verstanden, und Maria Magdalena wahrscheinlich nicht besser als die Übrigen; die Spezereien, welche sie mitbringt, um den Leichnam Jesu einzubalsamieren, und ihre wiederholte Klage: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben“, lässt uns vermuten, dass sie eher den toten als den lebenden Jesus sucht. Und doch verbirgt sich im Hintergrund ihrer Gedanken etwas, das sie nicht ausspricht, nicht aussprechen kann; so wie sie sucht man keinen Toten. Ich gebe zu, in dem auferstandenen Jesus Christus hat Maria Magdalena mehr gefunden, als sie zu suchen wagte; aber in seinem Leichnam allein hätte sie sicherlich weniger gefunden als sie suchte; und obwohl sie darauf vorbereitet ist, ihn einzubalsamieren, so hofft sie doch, wenn auch dunkel, dass sie etwas Besseres zu tun haben wird. Nach einem solchen Leben und einem solchen Tod rechnet sie auf etwas Außerordentliches, was sie Niemand gesteht, worüber sie sich selbst nicht klar ist; dunkel ahnt sie die Auferstehung ihres Herrn, ungefähr wie Martha die ihres Bruders, ihr Verständnis wächst mehr und mehr bis zu dem Augenblick, wo die Tatsache selbst ihre Hoffnungen verwirklicht, ja übertrifft. Wenn ich mir deutlich machen will, was in ihrem Herzen vorgeht, so stelle ich mir eine Mutter vor, die ihren teuren Sohn verloren hat, der aber ein hochverehrtes Wort wie das Elisas an die Sunamitin, eine unbestimmte Hoffnung eingeflößt hat, dass er ihr wird wiedergegeben werden. Ich sehe sie, wie sie nach dem Grab eilt, dasselbe leer findet und nur noch zwischen einer Auferstehung und einer Wegnahme des Körpers wählen kann; wie sie dann nur von der letzteren redet, aber doch auf die Auferstehung hofft und darum bis zuletzt am Grabe bleibt, wohin sie auch zuerst geeilt war; wie sie weint, sucht, fragt, wartet und endlich ihren Sohn findet, ihren lebenden Sohn, wie sie ihn anfangs nicht zu erkennen wagt, weil sie fürchtet, aus einer entzückenden Täuschung in eine bittere Wirklichkeit übergehen zu müssen. Und doch ist das nur ein schwaches Bild der Geschichte Maria Magdalenas, wie sie vor allen Andern schon vor Tagesanbruch nach dem Grab eilt; wie sie den Stein hinweggerollt und das Grab leer findet, wie sie zu den Aposteln eilt, die sich erst auf ihr Wort in Bewegung zu setzen scheinen; wie sie diese zu Zeugen dessen macht, was sie gesehen, nach dem Fortgang derselben jedoch noch dort verweilt, um noch mehr zu sehen, sie, das schwache Weib, allein bei einem offenen Grab; wie sie weint und von Allem, was sie umgibt, Den fordert, der allein ihr Herz erfüllt; wie sie Ihn von den Engeln fordert, für die sie weiter kein Interesse bezeigt, als dass sie ihr Zeugnis geben sollen von dem, was sie wünscht; wie sie dann Ihn selbst, den sie für einen Andern hält, fragt bis sie endlich Seine liebe Stimme an dem Ausdruck, mit dem Er sie ruft, erkennt und sich durch die aus zwei Worten bestehende Unterhaltung: „Maria! Rabbuni!“ beruhigt fühlt. Es sind freilich nur zwei Namen, aber der eine sagt Alles, was Maria ihrem auferstandenen Heiland, und der andere Alles, was der auferstandene Jesus der Maria ist, seiner Magd, aus der Er sieben Teufel ausgetrieben. Auf diese sieben Teufel müssen wir immer wieder zurückkommen, denn aus diesen sieben Teufeln lässt sich Alles erklären; das hat der Heilige Geist dem Markus begreiflich gemacht und Markus macht es wiederum uns begreiflich. Maria Magdalena, die erste Zeugin der Auferstehung, die dazu auserwählt worden, dies Ereignis denen kund zu tun, die dazu bestimmt worden, es der ganzen Welt zu verkündigen, dies einfache Weib, die nichts weiter als ihr Herz hat, aber durch dieses Herz der Apostel aller Apostel wird; Maria Magdalena, die große Gestalt des bewundernswürdigen zwanzigsten Kapitels im Evangelium Johannis, wo sie am ersten Tage des Himmelreichs den ersten Platz einnimmt, den die Apostel selbst ihr ohne Zögern einräumen; Maria Magdalena, dieser Erstling der getrösteten Kirche, die erste irdische Stimme, die das Ohr des auferstandenen Jesus berührte, und das erste menschliche Ohr, welches die Stimme des Auferstandenen vernahm; Maria Magdalena, der jeder, selbst der kälteste Jünger wenigstens einmal in seinem Leben eine Regung der Teilnahme und eine Träne der Rührung gezollt hat: - wohlan, wer ist denn nun diese Maria Magdalena und woher kommt sie? Ist sie vielleicht eine vollendete Heilige, die sich eines fleckenlosen Lebens, einer sonst von keinem Menschen erreichten Vollkommenheit rühmen kann? O nein und abermals nein, sie ist eine arme, unwürdige Sünderin; sie ist der Gegenstand einer bösen, höllischen Besessenheit; ein Weib, das ihr nicht ohne Erröten zur Tochter oder Schwester gehabt haben würdet, nicht ohne Zittern an eurer Seite hättet sitzen lassen; ein Weib, das ihr in irgendein Irrenhaus hättet einsperren und mit der Zwangsjacke hättet bekleiden lassen; kurz, ein Weib, aus der Jesus sieben Teufel ausgetrieben hatte. Und das ist der Grund ihres Lebenswandels in Galiläa, ihres Schmerzes unter dem Kreuze, ihrer Freude am Grab, kurz all ihrer Größe, einer Größe, von der sie selbst nichts weiß, indem sie einfach wie ein Kind der Regung eines Herzens folgt, das sie dazu antreibt, Den zu suchen, welchen sie verloren hat, ohne dass sie daran denkt, das Zeugnis zu verdienen, welches ich ihr heute gebe, welches der Heilige Geist ihr schon vor mir gegeben, früher gegeben hat, als ihr daran denkt, die Achtung und die Bewunderung der künftigen Geschlechter durch die Erregung zu erwerben, die in diesem Augenblick euer Herz erfüllt und die ihr mitnehmen werdet zu dem Tisch des für euch wie für Maria Magdalena gestorbenen, für euch wie für sie von den Toten auferstandenen Jesus. Aber ist euer Herz auch wirklich ergriffen? Versteht ihr das Zwiegespräch Maria Magdalenas und ihres auferstandenen Meisters? Hört ihr im Geist, wie Jesus zu euch spricht: „Maria“! und sich über euch freut, die Er schon vom Tod befreit, in den Himmel erhoben und mit Ihm zur Rechten Gottes gesetzt hat? Und vernimmt Jesus seinerseits euer „Rabbuni!“ sieht Er, wie ihr jubelt bei dem Gedanken, dass Er Alles vollbracht hat, dass Er nicht mehr leidet, dass Er von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt und bei dem Vater den Lohn Seiner Erniedrigung und Seines Opfers empfängt? Mit einem Wort, feiert euer Herz Ostern wie ein wahres Osterfest des Herrn, den es geliebt, gesucht und gefunden hat? Oder feiert ihr Ostern, weil es gerade Ostertag ist, ohne Erregung, ohne Liebe, bereit, morgen wieder zu den irdischen Gedanken seiner Freuden, zu der Trostlosigkeit seiner Schmerzen oder zu seinen verlockenden Begierden zurückzukehren, als ob Jesus nicht auferstanden wäre? Aber warum das? Kommt es nicht daher, dass ihr bis jetzt nichts kanntet, was der Herzenswunde der Maria gleicht und Jesus euch nicht von sieben Teufeln befreit hat?
Das ist das Geheimnis der Maria Magdalena, um in der Gnade, die sie aus dem Abgrund des Verderbens errettet hat, zu wachsen: Liebe durch Demut. Ihre erste Weihe dem lebenden Jesus gegenüber empfängt sie beim ersten Schritt zur Liebe durch den ersten Schritt in der Demut; ihre zweite Weihe angesichts des sterbenden Jesus bei dem zweiten Schritt in der Liebe durch den zweiten Schritt in der Demut; ihre dritte Weihe dem auferstandenen Jesus gegenüber besteht in einem Schritt in der Liebe durch einen neuen Schritt in der Demut, bis ihre letzte, gänzliche Hingabe dem verherrlichten Jesus gegenüber ein völliges Aufgehen der Liebe in Demut bewirken wird, wenn ihre auserwählte Seele von des Himmels Höhen herab sich in die tiefsten Tiefen der Hölle versenkt, der sie anfangs überliefert gewesen war. Aber wie? Wird denn so viel Gnade nur bei einem Opfer von sieben Teufeln erzeigt? Sollten wir deshalb nicht lieben können wie Maria Magdalena, weil wir von dem Übermaß des Elends, in welchem sie sich zuerst befand, verschont geblieben sind? Sollten wir wünschen müssen, noch strafbarer gewesen zu sein, um dankbarer sein zu können? Nein, liebe Brüder, nein, wir brauchen uns nur selbst besser kennen zu lernen, dann finden wir auch in uns die sieben Teufel, und vielleicht noch mehr, von denen sie befreit wurde, und zwar wird der, welcher die wenigsten in sich sieht, grade der sein, der die meisten beherbergt.
Die Sünderin bei Lukas ist nicht wie Maria Magdalena von sieben Teufeln befreit worden, und doch kann sie keine Beweise finden, die ihrer Dankbarkeit und Liebe demütig und liebevoll genug sind. „Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig“ (Luk. 7,47). Petrus braucht nicht wie jene Sünderin mit den unwürdigen Begierden des Fleisches zu brechen und doch kann er mit aufrichtigem Herzen sprechen: „Herr, Du weißt alle Dinge, Du weißt, dass ich Dich lieb habe.“ Paulus hat nicht wie Petrus seinen Herrn dreimal verleugnet und doch konnte er schreiben: „Jesus Christus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin“ (1 Tim. 1,15). Für sich selbst, wie für Petrus, für die Sünderin, für Maria Magdalena, für uns Alle hat Paulus auch geschrieben: „Wir waren weiland unweise, ungehorsam, irrig, dienend den Lüsten und mancherlei Wollüsten, und wandelten in Bosheit und Neid und hassten uns unter einander“ (Tit. 3, 3). Bedürfen wir aber, um in die Gesinnung Maria Magdalenas einzugehen, mehr, als dass wir uns selbst erkennen?
Wenn Jesus jene Sünderin, die viel geliebt hat, weil ihr viel vergeben worden, dem Pharisäer Simon gegenüberstellt, der weniger liebt, weil ihm weniger vergeben ist, seht ihr dann nicht, dass dies einfach deshalb geschieht, weil Simon nur in seinen eigenen Augen weniger strafbar ist als die Sünderin, und seine stolze Härte, sein argwöhnischer Unglaube und besonders seine pharisäische Selbstgefälligkeit, die mehr in die Augen fallenden Sünden jener Sünderin reichlich aufwiegen? Ja in Gottes Augen wohl gar überwiegen? Und ihr, die ihr euch so hoch über Maria Magdalena mit ihren sieben Teufeln erhaben glaubt, fragt euch doch: sind nicht eure Teufel, die jetzigen oder früheren, euer Unglaube, eure Habsucht, eure Selbstsucht, eure Sinnenlust, eure Eitelkeit, eure Unlauterkeit - das sind schon sechs - sind die nicht eben so schrecklich als ihre Teufel? Den schlimmsten aller Teufel habe ich noch nicht genannt, das ist euer Tugendstolz, der euch glauben macht, dass ihr besser seid als sie. Und ist das so gewiss? Seht ihr nicht ein, dass Gottes Gerechtigkeit, im Gegensatz zu der menschlichen Gerechtigkeit, die verborgenen Gesinnungen des Herzens neben der sichtbaren Tat abwägt und bei Jedem nach den Hilfsquellen, dem Beispiel, der Einsicht, den wenn auch nur innerlichen Warnungen, die er erhalten oder entbehrt hat, richtet? Wer seid ihr, dass ihr eure Last gegen die der Maria Magdalena in die Waagschale legt? Und worin anders kann eure Sicherheit bestehen als darin, dass ihr euch unter einander - Maria Magdalena mit inbegriffen - durch Demut Einer den Andern höher achtet denn euch selbst? Für Paulus ist der größte Sünder Paulus selbst, für Petrus Petrus, für die Sünderin die Sünderin, für Maria Magdalena Maria Magdalena, und für euch müsst ihr es selber sein.
Nein, nein, wir können den verwegenen Wunsch nicht hegen, den Wundern Deiner Gnade, o mein Gott, ein reicheres Feld zu bieten! Um diese völlig unverdiente Gnade zu würdigen, brauchen wir uns nicht schlechter zu finden als wir sind, und Dich nicht besser als Du bist! Zeige uns nur uns selbst, so wie wir sind, wenn wir anders diesen Anblick ertragen können und wenn wir nicht fürchten müssen, dass uns, indem wir in diesen Abgrund blicken, der Kopf schwindelt! Du bist weise, o Herr, denn Du lässt uns in demselben Maße in dem Bewusstsein Deiner Barmherzigkeit wachsen, als in uns das Bewusstsein unserer Ungerechtigkeit zunimmt, dieser Ungerechtigkeit, die wir von Jahr zu Jahr, fast von Tag zu Tag mehr ergründen lernen und die wir damals, als wir noch im Beginn Deiner Gnade standen, nicht so wie heute hätten verstehen können, ohne dass wir Gefahr liefen, durch das zu große Verständnis in Verzweiflung zu geraten! Ach, wenn Du die Wunden eines Jeden unter uns so vor der Welt aufdecken wolltest, wie Du die Wunden der Maria Magdalena offen gelegt hast; wenn Du vor dieser Versammlung mir das nennen wolltest, was sich zwischen Dir und einem Jeden unter uns zugetragen hat, die Handlungen unsers Lebens, die Worte unserer Lippen, die Gedanken unserer Herzen; so würde die Beschämung, die uns erfassen müsste, die Furcht, die uns ergreifen würde, eine ganz andere sein, als die, dass in uns weniger zu verzeihen, weniger auszutilgen, weniger in dem Blut des Kreuzes abzuwaschen sei als in Maria Magdalena! Komm darum, o Herr Jesu, und schaffe in einem Jeden von uns ein reuiges und demütiges Herz, auf dass Jeder, indem er wie Maria Magdalena in sich den strafbarsten, unwürdigsten und verächtlichsten unter Allen sieht, von nun an durch die Liebe für Den, der sie aus ihrem sündigen Zustand errettet hat und auch uns aus unserem Verderben erlöst, ihr nachahmt in der Gemeinschaft Deines Lebens, in der Teilnahme für Deinen Tod, in der Freude Deiner Auferstehung, bis wir Alle ihr gleich werden in dem unaussprechlichen Besitz Deiner Herrlichkeit und Deines Glückes!
Und ihr Abendmahlsgenossen! Naht euch heute an dem Fest eures auferweckten Heilandes Seinem Tisch in Maria Magdalenas Geist und Gesinnung, sucht Ihn im Herzen, sucht Ihn im Wort, sucht Ihn im Sakrament, sucht Ihn im Brot und Wein, sucht Ihn im Gebet, sucht, bis ihr Ihn findet und gegen sein, „Maria“ euer „Rabbuni“ austauscht. Dann werdet ihr nicht mit Betrübnis in eure Häuser heimkehren, nicht heimkehren, ohne mehr zu empfangen als ihr hierher brachtet; nicht auf halbem Weg stehen bleiben zwischen Unglauben und Glauben, zwischen Tod und Leben, zwischen Karfreitag und Ostersonntag mit dem schmerzlichen, noch unsicheren und zitternden Ausruf der Maria Magdalena: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“
Und ihr Katechumenen! Ihr seid zwar noch jung, aber nicht so jung, dass ihr des Gottes der Maria Magdalena nicht bedürftet. Ach, ihr wisst, wie es mit der vorgeblichen Unschuld, welche die Welt eurem Alter andichtet, bestellt ist, mit dieser Unschuld, inmitten welcher sich mit den Jahren ein Haufen von Sünde und Ungehorsam angesammelt hat, der euch schon jetzt ohne Hoffnung ließe, wenn ihr nicht auch in eurem Gott-Heiland einen Schatz der Gnade und Verzeihung erblicktet. O möchtet ihr deshalb nicht mehr von euch halten, als Maria an dem Tag von sich hielt, wo sie Jesus ihr Herz gab und aus den Tiefen ihres natürlichen Elends den göttlichen Reichtum ihrer Hingabe und ihrer Liebe schöpfte!
Und ihr Alle, die ihr hier versammelt seid, ihr, die ihr euch heute vielleicht zum ersten Mal von dem Elend in euch und der freien Gnade in Jesu getroffen fühlt, wünschet von Herzen wie Maria Magdalena endigen zu können, nachdem ihr wie sie begonnen habt. Du, mein Bruder, und du, meine Schwester, die ihr bis jetzt für die Sünde, oder für den Unglauben, oder für die Selbstsucht, oder für die Welt gelebt habt, zu denen aber der Geist Gottes im Inneren ihres Herzens mahnend spricht: „Und warum willst du nicht wie Maria Magdalena von der Finsternis zu dem Licht und von der Gewalt des Satans dich zu Gott bekehren?“ Ich sage noch einmal mit Ihm und eurem Gewissen: Warum nicht, und ich füge noch hinzu: Warum nicht heute? Warum nicht von diesem Augenblick an? Warum wollt ihr nicht dies Mahl der Gemeinschaft eine Schranke sein lassen zwischen eurem alten Leben, das ihr so gern verlassen möchtet, und dem neuen Leben, das ihr mit Ungeduld anzutreten wünscht? Ist euer Herz aufrichtig vor Gott, so kommt, das ist die beste und allein notwendige Vorbereitung; kommt, so wie ihr seid, ich lade euch dazu im Namen des Herrn ein; kommt, wenn auch eure Sünden rot wären wie Blut, so sollen sie doch weiß werden wie Schnee, kommt und sucht von nun an nach dem Maßstab eurer früheren Ungerechtigkeit den Maßstab eurer künftigen Heiligkeit im Dienste Dessen, der auf unsere sündige Welt gekommen ist, um für unser Heil zu leben, für unsere Erlösung zu sterben und für unsere Befreiung von den Sünden aufzuerstehen!
Wenn Der, welcher an dem Tag, dessen Gedächtnisfeier wir heute begehen, zum ersten Zeugen Seiner neuen Herrlichkeit Maria Magdalena, aus der Er sieben Teufel ausgetrieben hatte, auserkor, in diesem Augenblick unter uns erschiene und aus den hier Versammelten den auswählte, den Er heute mit Seinen vertrautesten Mitteilungen und Seinen köstlichsten Segnungen bereichern möchte, auf wen meint ihr wohl, würde Seine Wahl fallen? Es würde unter Allen jedenfalls der sein, der am besten in den Geist und Sinn der Maria Magdalena eingeht; der vielleicht, für den wir am wenigsten die Auszeichnung des Herrn erwarten; sicherlich aber derjenige, der am wenigsten für sich selber darauf gerechnet hätte.
Monod, Adolphe - Tanz und Märtyrertod.
Zweite Rede über den Tod Johannis des Täufers.
„Und es kam vor den König Herodes und er sprach: Johannes der Täufer ist von den Toten auferstanden, darum wirkt er solche Taten. Etliche aber sprachen: Er ist Elias; Etliche aber: Er ist ein Prophet, wie der anderen Propheten einer. Da es aber Herodes hörte, sprach er: Es ist Johannes, den ich enthauptet habe; der ist von den Toten auferstanden. Denn er, Herodes, hatte ausgesandt und Johannem gegriffen und ins Gefängnis gelegt um Herodias willen, seines Bruders Philippi Weib; denn er hatte gefreit. Johannes aber sprach zu Herodes: Es ist nicht recht, dass du deines Bruders Weib hast. Herodias aber stellte ihm nach und wollte ihn töten und konnte nicht. Denn Herodes fürchtete Johannem, weil er wusste, dass er ein frommer und heiliger Mann war, und verwahrte ihn und gehorchte ihm in vielen Sachen und hörte ihn gern Und es kam ein gelegener Tag, da Herodes auf seinem Geburtstag ein Abendmahl gab seinen Großen und den Hauptleuten und Vornehmsten in Galiläa. Da trat hinein die Tochter der Herodias und tanzte und gefiel wohl dem Herodes und denen die am Tische saßen. Da sprach der König zum Mägdlein: Bitte von mir, was du willst, ich will dirs geben. Und er schwur ihr: Was du wirst von mir bitten, will ich dir geben, bis an die Hälfte meines Königreichs. Sie ging hinaus und sprach zu ihrer Mutter: Was soll ich bitten? Die sprach: Das Haupt Johannis des Täufers. Und sie ging alsbald hinein mit Eile zum König, bat und sprach: Ich will, dass du mir gibst jetzt sogleich auf einer Schüssel das Haupt Johannis des Täufers. Und der König ward sehr betrübt; doch um des Eides willen und derer, die am Tische saßen, wollte er sie nicht lassen eine Fehlbitte tun. Und alsbald schickte hin der König einen Trabanten und hieß sein Haupt herbringen. Der ging hin und enthauptete ihn im Gefängnis und trug her sein Haupt auf einer Schüssel und gabs dem Mägdlein, und das Mägdlein gabs ihrer Mutter. Und da das seine Jünger hörten, kamen sie und nahmen seinen Leichnam und legten ihn in ein Grab.“
Mark. 6,14-29.
Die Geschichte der Kirche ist zwar voll von Verbrechen der Welt gegen die Knechte Gottes; die eben verlesene Erzählung jedoch zeigt uns eine Missetat ganz besonderer Art. Wenn ein eifersüchtiger Bruder sich wider Abel erhebt und ihn tot schlägt; wenn ein zorniger König sein Volk anreizt, den treuen Zacharias zu steinigen; wenn ein Tyrann die Gunst der Juden dadurch zu gewinnen sucht, dass er den Apostel Jakobus dem Schwert überliefert; wenn ein ungerechter Landpfleger Jesum von Nazareth opfert, um sich in seinem Amt zu behaupten, so ist das ohne Zweifel schrecklich, kann indes in der Eifersucht, im Stolz, in der Politik, im Ehrgeiz, in der Furcht, seine Erklärung finden. Fällt aber das Haupt eines Propheten durch einen Fürsten, den nicht der Zorn hinreißt, sondern ein lebhaftes Bedauern dabei ergreift, der den Gemordeten achtet, für gerecht und heilig hält, ihn gern hört und bis dahin gegen den Hass derjenigen schützte, welchen er ihn heute ausliefert; wird dann dieses Haupt während eines Festmahls auf einer Schüssel herbeigetragen und einer Tänzerin zur Belohnung überreicht, deren kindlicher Gehorsam es eiligst ihrer Mutter darbietet, so liegt darin ein Widerspruch, der uns schaudern macht, den Leser mit Schrecken wie mit Erstaunen erfüllt.
Ist dies Erstaunen aber auch hinlänglich gerechtfertigt? Ist dieser Widerspruch auch wirklich vorhanden? Sollte zwischen diesem abgehauenen Haupt und diesem Tanz kein geheimer Zusammenhang bestehen? Gewiss, denn das, was euch in Erstaunen versetzt, wurde vorausgesehen und überlegt, jener Tanz als ein letztes Mittel, dies Haupt zu erlangen, auserwählt. Habt ihr nicht in der Erzählung unseres Evangelisten eines jener Wörtlein bemerkt, an denen man die Feder des Heiligen Geistes erkennt: „Und es kam ein gelegener Tag?“ Herodias verlangte nach dem Haupt des Täufers und hat oft darum gebeten, ohne bis jetzt den Widerstand des Herodes überwinden noch seine Wachsamkeit täuschen zu können. Aber nun kommt ein gelegener Tag zur Ausführung ihrer Absichten und dieser Tag ist der Geburtstag des Herodes. Ein gelegener Tag, um dem Täufer Johannes das Haupt abschlagen zu lassen? Pflegte man doch an einem solchen Tag den größten Verbrechern Gnade zu erweisen! Doch lasset sie gewähren; sie versteht das besser als ihr. Für sie ists ein gelegener Tag, weil er ihr Gelegenheit verschafft, ihre Tochter vor Herodes tanzen zu lassen; der Tanz der Salome1) wird das Übrige tun. Wir dürfen jedoch der Herodias nicht die Ehre, diesen Plan ausgedacht zu haben, zuschreiben; sie gebührt vor allem dem Teufel, der sie antreibt und dessen Einfluss in dieser Geschichte so sichtbar ist. Diesen Sieg, den der Teufel so gern über das Herz des Herodes erlangen möchte, damit er seine Zustimmung zur Enthauptung des Täufers gebe, hat er bis jetzt weder durch den Zorn des Herodes noch durch die Bitten der Herodias gewinnen können; er erlangt ihn endlich durch den Tanz der Salome. Wie dies zugegangen, lasst uns jetzt untersuchen.
Ich predige jedoch nicht für Herodes, für Salome und Herodias, ach, sie sind hingegangen, um ihrem Richter Rechenschaft abzulegen; sondern für euch, die ihr noch in der Zeit der Prüfung lebt, will ich meinen Text anwenden. Glaubt nicht, Herodes, Salome und Herodias seien eingebildete Persönlichkeiten, mit denen ihr nichts gemein hättet; behandelt die Erzählungen der Bibel nicht wie die Abenteuer eines Romans oder Theaterszenen. „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“
Wenn nach dem Apostel Jakobus (Jak. 5,17) die größten Heiligen Menschen sind wie wir, deren Tugenden wir nachahmen können, so sind auch die größten Verbrecher Menschen, deren Geschichte uns als heilsame Warnung dienen kann, weil die Lüste, die bei ihnen zu ihrer vollkommenen Entwicklung gelangt sind, im Keim auch in unseren Herzen sich vorfinden. „Dies ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir uns nicht des Bösen gelüsten lassen, wie jener etliche gelüstet hat.“ Wir wollen es daher nicht bei der Untersuchung bewenden lassen, wie der Tanz der Salome den Herodes hat zum Verbrechen verleiten können; sondern wir wollen aus diesem Beispiel ersehen, welches die bösen Neigungen sind, die durch den Weltsinn und besonders durch die Zerstreuungssucht erzeugt oder weiter entwickelt werden.
Ich sage die Zerstreuungssucht im Allgemeinen und nicht bloß die besondere Art, welche uns die Heilige Schrift bei der Salome offenbart. Vielleicht erwartet ihr, dass ich über den Tanz predigen und allerlei Fragen behandeln werde, als da sind: Ist der Tanz an sich verwerflich? 2) Gibt es nicht gewisse gesellige Zusammenkünfte, wo man an diesem Vergnügen ohne Gefahr Teil nehmen kann? Gibt es nicht gewisse Verhältnisse, die uns berechtigen, ja sogar verpflichten, uns daran zu beteiligen? Vielleicht sind auch Einige hierhergekommen, um „meine Freiheit in Christo zu verkundschaften“, um zu sehen, ob ich mich nicht einer Übertreibung schuldig mache, die ihnen Gelegenheit böte, über mein Amt zu lästern und umso dreister sich ihrer weltlichen Gesinnung hinzugeben. Von dem allen will ich hier nicht reden; ich bin ein Diener Jesu Christi, nicht um euch allerlei seltsame Dinge, sondern Nützliches und Erbauliches vorzutragen. Es ist wohl Sache eines Gewissensrates, aber nicht der Bibel, sich in Einzelheiten über irgendeinen besonderen Fall einzulassen, oder eine scharfe Grenzlinie zwischen Erlaubtem oder Unerlaubtem zu ziehen. Die Bibel leitet uns nicht durch einzelne Vorschriften, sondern durch Grundsätze; sie hat Regeln für das Herz nicht aber für Hände und Füße. Sie sagt uns: Habt nicht lieb die Welt; „habt nicht lieb, beachtet diesen Ausdruck wohl, und nicht, tut dies oder das nicht. Sie bereitet, das Herz, aus welchem das Leben geht,“ und dann überlässt sie dem Herzen die Sorge, die Handlungen zu regeln. Ihren Grundsätzen getreu, greife ich die Zerstreuungssucht in eurem Herzen an, und will euch zeigen, wie sie Sünden gebiert, von denen ihr euch vielleicht völlig frei wähntet, wie der Tanz der Salome jenes Verbrechen des Herodes erzeugt, mit dem derselbe für einen oberflächlichen Beobachter im Gegensatz zu stehen scheint.
Wir wollen dem Gang folgen, den uns unsre Geschichte selbst, sowie sie uns durch den Heiligen Geist erzählt wird, vorzeichnet. Eine sorgfältige Prüfung wird uns jede Stufe dieses so raschen und merkwürdigen Übergangs aufdecken, wird uns zeigen, wie der Tanz der Salome den Herodes von einem unübersteiglichen Widerwillen gegen einen solchen Mord zu einer feigen Nachgiebigkeit gelangen ließ.
Herodes hatte nur Männer zu Gästen; die Sitten des Altertums schlossen die Frauen von solchen Zusammenkünften aus. Aber gegen das Ende des Mahles schickt Herodias, die der Evangelist uns so darstellt, dass sie, obwohl abwesend, doch das ganze Fest leitet, ihre Tochter, um vor Herodes und seinem Hof zu tanzen. Nach einer römischen Sitte, die leicht in das Haus der Herodes, dieser gefälligen Kreaturen des Kaisers, eindringen konnte, pflegten öffentliche Tänzerinnen während der Feste ihre Kunst zu zeigen. Abgesehen davon, dass solche Tänze die Schamhaftigkeit verletzen mussten, war schon das Erscheinen dieses jungen Mädchens in einem solchen Augenblick, fern von den Augen ihrer Mutter und an einem Ort, der sich nur für eigentliche Tänzerinnen schickte, ein ziemlich großes Vergessen alles Anstandes sowohl für ihr Alter als für ihr Geschlecht. Ein Vergessen, sage ich; aber ein Vergessen, bei dem Alles darauf berechnet ist, den Herodes dahin zu bringen, dass er sich selbst vergisst und so selbst den ersten Schritt auf dem Weg tut, der ihn zum Mord führen soll. Dieser erste Schritt ist der Sinnenrausch. „Sie gefiel wohl dem Herodes, und denen, die am Tische saßen. Da sprach der König zum Mägdlein: „Bitte von mir, was du willst, ich will dirs geben.“
Hier sehen wir den Herodes, wie er, entzückt und bezaubert in einem Freudenrausch, den er nicht zu beherrschen versteht, ausruft: „Bitte von mir, was du willst, so will ich dirs geben.“ Er ist nicht mehr Herr seines Herzens; er ist ganz der Vergötterung einer Kreatur anheimgefallen; wenn aber das menschliche Herz, namentlich das Herz eines Herodes, einmal Kreaturen vergöttert, so ist dies eine allen Lüsten offen stehende Tür. Wer ist denn diese Salome, und woher kommt sie? Was hat die Tochter des Philippus im Palast des Herodes zu schaffen? Geht sie nicht in Ehebruch und Blutschande den Weg ihrer Mutter? Ihr Anblick erinnert den Herodes lebhaft an seine Freuden, oder richtiger gesagt, an seine ganze Schande - doch, ich scheue mich den Schmutz anzurühren, der sich in dieser fleischlichen und gemeinen Seele angehäuft hat. Die meisten Ausleger nehmen an, Herodes sei in diesem Augenblick von Wein berauscht gewesen; sie können sich seine unwürdige Nachgiebigkeit und den Umstand, dass Salome so dringend von ihm die Erfüllung ihres Wunsches noch während des Festes fordert, gleich als fürchtete sie, ihm einen Augenblick ruhiger Besinnung zu lassen, nicht anders erklären. Diese Annahme hat nichts Unwahrscheinliches3), sie ist jedoch nicht nötig, um uns den Sinnenrausch des Herodes zu erklären. Ist er nicht weintrunken, so hat ihm doch der Tanz der Salome seine Sinne berauscht; so haben Wohlgefallen, Bewunderung und Begierde es getan. Herodes ist seiner nicht mehr mächtig; er verspricht Alles und überlässt es der Kreatur, die ihn bezaubert hat, den Sinn und Umfang seiner Versprechungen zu bestimmen.
Meine lieben Brüder, solche Gelegenheiten, solche Ideenverbindungen, solche Befleckungen sind, Gott sei Dank, euch fern. Aber hütet euch! Unser Herz steht allem Bösen offen; die sorgfältigste Wachsamkeit genügt kaum, um uns davor zu bewahren, und diese Wachsamkeit, dieser Zügel des Fleisches, wird uns durch die Zerstreuung geraubt. Sie berauscht uns wie den Herodes, selbst dann, wenn sie uns nicht zu so entsetzlichen Verbrechen fortreißt.
Ja, die Zerstreuung berauscht uns. Es steht geschrieben: „Behüte dein Herz mit allem Fleiß;“ aber die Zerstreuung bewirkt, dass wir uns selbst verlieren. Sie betäubt unseren Geist, erhitzt unsere Sinne und entflammt unsere Einbildungskraft. Wie kann man bei einer Lustpartie wachen? Wie kann man sein Herz behüten, wenn man es aus freien Stücken tausend Gegenständen aussetzt, die sich um die Ehre, es zu besitzen, streiten? Um wachen zu können, muss der Geist frei sein und über das Fleisch siegen, muss das Unsichtbare über das Sichtbare herrschen. Die Zerstreuung aber unterwirft den Geist dem Fleisch; sie drängt das Unsichtbare in den Hintergrund, während sie das Sichtbare herbeiruft und sich so ganz damit umgibt, dass alle Blicke des Leibes und der Seele darauf gerichtet bleiben. Ach, lassen dich denn jene Gespräche. jene Schauspiele, jene Aufmerksamkeiten, an denen die weltlichen Zusammenkünfte so reich sind, unter so Vielen allein ruhig, verständig und gesammelt? Ließen sie dich wirklich in dieser Gemütsverfassung, so würdest du für die Welt nicht taugen; sie wäre in ihrem Recht, wenn sie dich als „ein unnützes Fahrzeug und einen lästigen Tadler“ wegwürfen.
Und dies ist noch nicht Alles, die Ähnlichkeit geht noch weiter. Bei uns, wie bei Herodes nimmt dieser Sinnenrausch leicht einen fleischlichen Charakter an. „Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch.“ Darf ich mich ganz unverhohlen aussprechen? Ja, ich will es in aller Kürze tun und eurem Gewissen es überlassen, diesen zarten Gegenstand weiterzuentwickeln. Die Zerstreuung sucht schon im Geheimen das Herz zu vergiften. Sie hat bereits bei Manchem den ganzen Wandel befleckt, und wenn man auf den Ursprung vieler Ausschweifungen zurückgeht, so zeigt sich, dass sie in jenen geselligen Vereinigungen entstanden, wo die Zerstreuung herrscht, und zwar eine Zerstreuung, die man vielleicht für unschuldig und erlaubt hält. Selbst die Sprache der Welt beweist dies; denn derjenige, welchen sie einen „Lebemann“ nennt, hat fast immer aufgehört, ein rechtschaffener Mann zu sein. Jedoch, ich wende mich an euch, die ihr euch, wie ich gern glauben will, vor diesem Äußersten gehütet habt. Antwortet mir, die Hand aufs Herz, hat die Zerstreuung nichts, was die Reinheit der Gefühle trübt? Bei Herzen, wie die unserigen, die stehenden Wassern gleichen, welche, in Bewegung gesetzt, irgendeinen ansteckenden Stoff aushauchen. bei solchen Herzen sollte jene Berauschung, jene Aufregung, die uns zur Kreatur und zwar zu einer gleichfalls erregten Kreatur hinzieht, ohne alle Trübung und ohne böse Gedanken abgehen? Ist denn ein Ball- oder Theatersaal der bestgewählte Ort, um „durch den Geist. des Fleisches Geschäfte zu töten?“ Der Geist spricht: „Enthaltet euch von fleischlichen Lüsten, die wider die Seele streiten;“ die Zerstreuung aber sagt: Gebt euch ihnen hin. Seht ihr nicht, wie die Unkeuschheit mehr als ein Wort eingibt, mehr als einen Wunsch einflößt, mehr als einen Blick leitet, mehr als ein Kleid zuschneidet? Und wenn in euren weltlichen Zusammenkünften die Herzen sich plötzlich öffneten und ihre geheimsten Gedanken offenbarten, wie aus einem gespaltenen Boden widerwärtige Schlangen hervorkriechen, glaubt ihr nicht, dass dieses Schauspiel, so hässlich es auch überall ist, hier doch noch hässlicher wäre als anderswo? Ihr Jünglinge, ihr Jungfrauen, täuscht euch nicht! Die Zerstreuungen der Welt sind eine Versuchung, die, wenn sie ehrbar sind, nur umso gefährlicher ist. Der Versucher hat gröbere Lockspeisen für Seelen, die halb verloren sind und das Erröten nicht mehr kennen; aber hier wagt er sich an Seelen, die, wie die eurigen, Liebe zum Guten besitzen, hier schleicht er sich ein, um sie unvermerkt davon abzuwenden. Wollt ihr euer Herz von der Welt unbefleckt erhalten? Glaubt mir und richtet es anderswohin.
Die von der Höllenglut entflammte Zunge des Herodes wird immer unbändiger in ihrem wilden Lauf und jene glühenden Worte, die sie soeben ausgestoßen: „Bitte von mir, was du willst, ich will dirs geben,“ genügen schon dem Feuer nicht mehr, das sie verzehrt. Er muss sein unbesonnenes Versprechen mit größerer Bestimmtheit und Feierlichkeit wiederholen. Er schwört: „Was du wirst von mir bitten, will ich dir geben, bis an die Hälfte meines Königreichs.“ „Du Unglücklicher!“ Was hat denn der Name Gottes mit einem solchen Versprechen, einer solchen Person gegenüber und in einem solchen Augenblick zu schaffen? Genügte dein verwegenes Ja noch nicht, konntest du uns nicht mit dieser Entheiligung des göttlichen Namens verschonen?
Doch Herodes versteht diese Sprache nicht mehr. Gestern noch hatte er sie verstanden; gestern bewahrte er noch einige Achtung für das Heilige; gestern hörte er Johannes den Täufer gern und tat Vieles nach seinem Rat; aber heute hat der Tanz der Salome Alles geändert. Durch den Sinnenrausch, den dieses Mädchen in ihm erregt, hat er Gott dermaßen aus den Augen verloren, dass er Seinen Namen unnütz führt, und nicht einmal an Ihn denkt. Die Gottesvergessenheit ist also sein zweiter Schritt zum Mord. Und wie sollte man nicht Gottes vergessen, wenn man angefangen hat, sich selbst zu vergessen. Wäre die Frömmigkeit des Herodes selbst bis heute eine echte gewesen, wie hätte er den Geist des Gebets bewahren können, nachdem er den Geist der Wachsamkeit, der demselben zur Stütze dient, verloren hatte? Ja, wie konnte er bei einem solchen Schauspiel Gott anrufen! Wie kann er an Gott in einem Augenblick denken, wo er seine Blicke an der Anmut der Salome, die ihren schmachvollen Ruhm vor dem ganzen Hof zur Schau stellt, weidet? Ach, die erste in seinem Herzen auftauchende Regung aufrichtiger Frömmigkeit würde ihn an einen so gehässigen Gegensatz erinnern, dass er ihn nicht ertragen könnte. Alles um ihn her bemüht sich, wetteifert, eine Tänzerin zu feiern; und doch schmachtet in seiner nächsten Nähe, neben seinem Palast, wohl gar im Palast selbst, Johannes der Täufer in seinem Kerker! Der kann in seinem Gefängnis beten! aber Herodes und sein Hof vermögen es nicht; sind sie noch einer Verehrung fähig, so wird sie der Salome gewidmet!
Ihr verdammt den Herodes wie ich; bedenkt aber, dass diese Vergnügungssucht, die uns gottvergessen macht, sich nicht auf den Palast von Machärus beschränkt. Zerstreuung und Gottlosigkeit sind immer im Bunde mit einander, weil es in der Natur der Sache also begründet ist. Wenn die Frömmigkeit nicht ohne Selbstverleugnung sein kann; wenn sie die vollständige Unterordnung des eigenen Willens unter den Willen Gottes zur Grundlage hat; wenn sie endlich im Glauben und nicht im Schauen wandelt, so kann sie nicht mit Zerstreuungen verbunden sein, die Alles dem Vergnügen unterordnen, Alles auf den eigenen Willen beziehen, Alles auf das Sichtbare und die Sinne zurückführen. Nächst den verbrecherischen Verirrungen entfernt nichts mehr unser Herz von Gott als flache und leichtsinnige Vergnügungen. Sie ersticken das Gebet, und das Gebet ist das Atmen der Seele. Darum steht geschrieben: „So Jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters.“
Diese Wahrheit wird durch die Geschichte aller Zeiten bestätigt. In der wilden Erregtheit eines geräuschvollen Festes entweihte Belsazar die Gefäße des Hauses Gottes; es ist ja auch bekannt, dass die starken Geister des vorigen Jahrhunderts fast alle Lebemänner waren. Die Vergnügungssucht hat stets das Vergessen Gottes in ihrem Gefolge gehabt. Ich meine, das Vergessen des wahren Gottes; denn die Verehrung der falschen Götter, die nichts als eine vergötterte Gottlosigkeit ist, verbindet sich gerade merkwürdigerweise mit der Vergnügungssucht. So bei den Israeliten, die das goldene Kalb in der Wüste anbeteten. Aaron baute einen Altar vor dem Kalb, und sie standen des Morgens frühe auf und opferten Brandopfer und brachten Dankopfer. Danach setzte sich das Volk zu essen und zu trinken, und standen aufzuspielen. (2 Mos. 32,5 u. 6.) Die Verehrung der falschen Götter in Rom und Griechenland zeigt uns dieselbe Eigentümlichkeit, nicht minder auch, und dies ist bemerkenswert, das entartete Christentum. Die abergläubische Religion ist eine Religion des Vergnügens. Ich will nicht von den religiösen Schauspielen des Mittelalters reden, ich habe aber in keinem fremden Land das Herannahen des Weihnachts- und Osterfestes durch törichte Vergnügungen und Ausschweifungen feiern sehen. Das wahre Christentum hat ein ganz anderes Ziel. Es schafft alle diese zügellosen Zerstreuungen ab, oder vielmehr, es hat nicht einmal nötig, sie abzuschaffen; überall, wo der wahre Glaube eindringt, fallen sie von selbst, und nur dadurch, dass das Herz sich von ihnen abwendet, kann es sich an Gott anschließen.
Doch ich komme wieder zu euch und euren Vergnügungen und sage, dass, wenn man nur so billig ist, unter den Vergnügungen einen Unterschied zu machen, die gleiche Bemerkung auch hier ihre Anwendung findet. Wird die Zerstreuung zur Gewohnheit, so rückt sie uns Gott aus den Augen; mit dem Geist der Frömmigkeit hat sie nichts gemein. Nehmen wir ein Beispiel aus dem ganz gewöhnlichen Leben; um richtig verstanden zu werden, muss ich für einen Augenblick von dem Allgemeinen abgehen und ins Leben eingreifen. Betrachtet ein junges Mädchen, welches auf den Ball geht. Ist es möglich, dass sie dann ihr Herz auf Gott richtet und jenem Gebot des Heiligen Geistes nachkommt: „Betet ohne Unterlass?“ Ich sehe nicht ab, wie sie weder vor dem Fest noch während desselben und nach demselben hierzu geneigt sein sollte.
Kann sie vor dem Fest beten, während sie ganz mit der Sorge für ihren Putz und ihren Anzug beschäftigt ist? Wollte sie sich auf die Kniee niederlassen, so müsste sie fürchten, eine Falte ihres Kleides oder ihres Kopfputzes zu verderben? Wozu auch niederknien? Treu jenem Gebot: Ihr esst nun oder trinkt, oder was ihr tut, so tut es Alles zu Gottes Ehre,“ müsste sie um die Gnade bitten, Gott in dem, was sie tun will, zu verherrlichen; müsste sie den Segen des Heiligen Geistes anrufen für…. Ich vollende den Gedanken nicht; es könnte den Anschein haben, als wollten wir über heilige Dinge spotten.
Wäre es aber auch möglich, dass der Herr dich bis an die Tür begleitete, wird Er dir weiter folgen? Kannst du in Ihm bleiben und Er in dir während des Geräusches und der Lust! Ach, wolltest du einen Kranken besuchen, einen Notleidenden unterstützen, eine trauernde Familie trösten, oder eine Seele, die noch an der Welt hängt, ermahnen, Alles zu verlassen, um dem Herrn zu dienen, so würde der Herr dir sicherlich folgen; aber hier, wo dein ganzes Bestreben dahin geht, zu gefallen, dich und Andere zu betäuben und Dich mit ihnen der Weltliebe zu überlassen, ach, hier wäre die Gegenwart des Herrn lästig; wenn du die Schwelle des Tanzsaales überschreitest, musst du Ihm sagen: Bleibe; wo ich hingehe, kannst du mir nicht folgen.
Oder findest du Ihn, wenn du heimkehrst? Gewiss, du findest Ihn, du findest Ihn überall, trotz deiner Kälte und Ungerechtigkeit, wenn du Ihn von ganzem Herzen suchst. Glaubst du aber jene Inbrunst des Herzens bei der Heimkehr von einem Ball zu besitzen? Solltest du wohl, wenn du die Nacht zum Tag gemacht hast, dich der nötigen Freiheit des Geistes erfreuen, um zu Seinen Füßen zu weinen? Fürchtest du nicht, die einzelnen Szenen und Erlebnisse des Balles könnten dir wieder vor die Seele treten und dich nicht nur in deinem lauen Gebet, sondern selbst in den wirren Gedanken deines Schlummers stören? Armes Mädchen!
Salome hat das Herz des Herodes durch seinen Eid in ihrer Gewalt, und nun eilt sie als gehorsame Tochter zu ihrer Mutter, um diese zu fragen: „Was soll ich bitten?“ Und die Mutter, die von Anfang an den Untergang des Täufers beabsichtigte, die in der Leidenschaft des Herodes, in der Anmut der Salome und in ihren eigenen Reizen nur Werkzeuge ihrer Rache erblickt und jenes Wort des Herrn: „Die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kinder des Lichts,“ bewahrheitet, und die uns in ihrem Verbrechen ein Beispiel von der Ausdauer zeigt, welche unsre Schlaffheit im Guten verklagt, diese Mutter hält schon einen Rat bereit, und antwortet ihr mit einer höllischen Geistesgegenwart: „Das Haupt Johannis des Täufers.“ Den Befehlen der Herodias gehorsam, sicherlich auch schon allmählig in ihren Geist eingeweiht, vielleicht entzückt über die Gelegenheit, sich eines so lästigen Richters ihrer liebsten Vergnügungen zu entledigen, kehrt ihre würdige Tochter eiligst in den Festsaal zurück; und während alle Gäste mit Spannung ihre Blicke auf sie richten und zu wissen verlangen, auf welche Probe sie das Versprechen des Herodes stellen wird, bringt sie ihre Bitte vor und spricht, ohne ihm Zeit zur Besinnung zu lassen: „Ich will, dass du mir gibst jetzt sogleich auf einer Schüssel das Haupt Johannis des Täufers.“
Welch ein Augenblick! Welch ein Schrei des Entsetzens müsste sich aus dem Herzen der Gäste emporringen, wenn Furchtsamkeit und Schmeichelei ihnen nicht den Mund verschlössen! Das Haupt eines Gefangenen, eines Gerechten, eines Heiligen, eines Propheten! Haben sie recht gehört? Sind die Tage Ahabs und der Isabel wiedergekehrt? Sollen sie vom Tanz zum Mord und vom Weinnebel zum Blutgeruch übergehen? Welch ein Augenblick, namentlich für Herodes! Lest auf seinem Gesicht alle Gefühle, die ihn auf einmal erregen! Überraschung, Unwille, Lust, Scham, Schrecken und das Gewissen kämpfen mit einander einen kurzen, aber entsetzlichen Kampf; der Heilige Geist stellt ihn uns als „betrübt“ dar. Bei diesem Schlag erwachte er aus dem Rausch, der sich aller seiner Sinne bemächtigt hatte. Er ist entrüstet, dass ein listiges Weib ihm eine solche Schlinge legen konnte; er zürnt mit sich selbst, dass er ein so unbesonnenes Versprechen gegeben hat. Seinem Blick stellt sich die Unschuld, die Treue, die Frömmigkeit, der heilige Beruf des Gefangenen dar. Vielleicht erinnert er sich auch in der Tiefe der Seele, dass es einen Gott gibt; vielleicht sagt er sich, dass er die Schwachheit eines Augenblicks mit den Gewissensbissen eines ganzen Lebens, wenn nicht einer Ewigkeit bezahlen muss. Alles jedoch steht der Furcht vor der öffentlichen Meinung nach. Die Furcht vor der öffentlichen Meinung ist also der dritte Schritt des Herodes zu seinem Verbrechen, und nachdem er sich einen Augenblick gegen das schreckliche Verhängnis, das ihn fortzureißen scheint, gewehrt hat, kehrt er wie ein schüchternes Lamm in die Sklaverei der Salome zurück und will sie um seines Eides willen und derer die am Tisch sitzen, keine Fehlbitte tun lassen.
„Um seines Eides willen und derer, die am Tische sitzen „- mit welcher Wahrheit zeichnet uns dies Wort das Herz des Herodes! Nicht bloß seines Eides wegen. Dass Gott hier nicht weiter in Betracht kommt, braucht kaum erwähnt zu werden. Wäre der Gedanke an Gott nicht ganz in ihm erstorben, so würde er gefürchtet haben, Ihn durch das Halten seines Versprechens mehr zu beleidigen als durch die Erfüllung desselben. Der Gerechte wird allerdings seinen Eid halten und sollte es ihm auch zum Schaden gereichen; und wenn von dem Herodes nur die Hälfte seines Königreichs gefordert worden wäre, so durfte er nicht wortbrüchig werden. Aber er durfte seinen Eid nicht zum Schaden eines Andern, nicht um den Preis eines so reinen und teuren Blutes halten wollen. Für ihn war nur eine Antwort möglich: Ich habe mich durch meinen verwegenen Eidschwur versündigt, würde aber eine zweite, weit schlimmere Sünde begehen, wenn ich ihn hielte! begnüge dich mit einem Opfer, denn ein Verbrechen konnte ich nicht versprechen. Doch nicht der Eid des Herodes ist es, der ihm die Hände bindet, sondern sein Eid und die am Tisch sitzen, die Gäste, die Zeugen seines Eides waren. Hätten ihn nur Herodias und Salome gehört, so würde er sicherlich sein Wort zurückgenommen haben; aber die Gegenwart der Gäste, das ist die zwingende Notwendigkeit, die seine zitternde Hand zum Verbrechen verurteilt.
An jedem anderen Ort hätte er vielleicht Widerstand geleistet; aber hier kann er es nicht. Nicht die öffentliche Meinung allein nötigt ihn, sondern die öffentliche Meinung an einem solchen Ort, in einem solchen Augenblick, inmitten eines weltlichen Festes und nach dem Tanz der Salome. Der Mut, der ihm allenfalls noch bleiben konnte, wird in Voraus durch seine ganze Umgebung besiegt. Wo soll man gegen die öffentliche Meinung Kraft finden, wenn Alles aufgeboten ist, ihren Beifall zu erlangen? Blickt um euch her. Herodes hat es an nichts fehlen lassen, um das Lob seiner Gäste zu erlangen. Seine Eigenliebe wurde durch jedes Opfer gesteigert, zu dem er sich, um ihren Beifall zu gewinnen, verstand. Und das ist noch nicht Alles. Mit Verletzung alles Anstandes lässt er die Tochter der Herodias vor ihnen tanzen, um zu dem Stolz des Herrschers noch die Eitelkeit des Gatten und Vaters hinzuzufügen. Kann man sich da noch wundern, dass jene elende Ruhmsucht sich bis zum Wahnsinn steigert, und dass die öffentliche Meinung, die man „die Königin der Welt“ genannt hat, am Fest des Herodes vollständig Herrscherin ist? Und wenn nun der Augenblick für ihn gekommen ist, wo er augenblicklich zwischen dem Verbrechen und der falschen Scham wählen muss; wenn alle von ihm und seiner Tochter entzückten Gäste ihn beobachten, ob er seinem Versprechen bis ans Ende treu bleiben wird; wenn sie, die Zeugen des Verlangens der Salome, mit erhöhter Spannung abwarten, ob er sich bei dem fürchterlichen Spiel besiegen lassen wird oder nicht, und ob er den Mut hat, Alles, selbst das Haupt eines Propheten der Ehre seines Wortes zu opfern; wenn man sich anblickt, sich zuflüstert: wird er es wagen oder nicht?… Hörst du es, Herodes? man zweifelt, ob du es wagst! Mut! Es ist jetzt Zeit, ihnen zu zeigen, dass ein Mensch wie du Alles wagt und vor nichts zurückschreckt. Es ist geschehen, sei außer Sorgen, Herodias, der Sieg ist dein. Herodes hat ein Versprechen gegeben, er nimmt es nicht zurück. Der Trabant ist abgegangen, der das letzte Festgericht auftragen soll.
Aber sind denn die Gäste, die das Werk der Herodias vollenden, ebenso barbarisch wie sie? Teilen sie ihren Hass und ihren Durst nach dem Blut des Propheten? Nein, die meisten schaudert ohne Zweifel vor dem Schauspiel, das man ihnen bereitet. Ihr Feigen, warum sprecht ihr denn nicht! Was Herodes jetzt tun will, das tut er für euch. Er braucht nur zu sehen, dass ihr dies schreckliche Opfer nicht verlangt, und es wird ihm ein Gefallen damit geschehen, seine Hand zurückziehen zu können. Es bedarf nur eines Lautes, eines Wortes, vielleicht nur eines Ausrufs, um ihm das Verbrechen zu ersparen und ein so teures, so heiliges Haupt zu retten! Aber nein, sie fürchten sich, fürchten sich ohne Zweifel vor der Herodias, aber auch vor der öffentlichen Meinung. Da sie dieselbe Luft der Weltlichkeit und Eigenliebe einatmen, welche den Herodes umgibt, so empfinden sie selber die Besorgnis, die sie ihm einflößen. Er befiehlt mit Seufzen das Verbrechen, weil er sich vor ihrer Meinung fürchtet, und sie lassen es mit Bedauern geschehen, weil sie seine und ihre gegenseitige Meinung fürchten. Und so tut man, um sich wechselseitig zu gefallen, auf beiden Seiten das, was dem Einen wie dem Andern missfällt. O Torheit!
Ja, meine Freunde, denn es verlangt mich, zu euch zurückzukehren und auf euch den Satz anzuwenden, dass die Zerstreuung uns zu Knechten der öffentlichen Meinung macht. Sie nährt in dem Herzen die Furcht vor dem Tadel und das Streben nach Lobeserhebungen; sie erzeugt und unterhält unsere Eigenliebe, die kleinlichste und unwürdigste Eigenliebe.
Denn welche Ehre ist es, die man in weltlichen Gesellschaften sucht, die Ehre bei Gott, welche die Bibel uns kennen lehrt, oder die Ehre vor den Menschen? Sicherlich nicht die erste, folglich die zweite. Ja freilich, die zweite. Was sucht jener Mensch, der Alles daran setzt, um durch sein Fest den Glanz aller anderen zu verdunkeln, und der vor den Blicken seiner zahlreichen Bewunderer das Geld ebenso absichtlich vertut, wie er es seiner Familie und den Armen gegenüber an sich hält, - was sucht er anders als Ehre bei der Welt? Was sucht jene Mutter für ihre Tochter, wenn nicht gar für sich selbst, die sich abmüht, ihre Tochter in ein vorteilhaftes Licht zu stellen und sie antreibt, nach dem eitlen Beifall der Menschen so zu trachten, wie sie den Beifall Gottes zu erringen suchen sollte, was sucht sie anders als Ehre bei der Welt? Was sucht ihr, wenn ihr über den Schnitt eines Kleides oder über die Wahl einer Farbe euch sorgfältig beratet, wie ein Feldherr über seinen Schlachtplan oder ein Minister über einen Gesetzentwurf; was sucht ihr, wenn ihr mit euren Freundinnen um die Ehre kämpft, wer am meisten gefallen und die meisten Blicke auf sich ziehen wird; was sucht ihr, wenn ihr Tage lang euch mit der Freude über eure Erfolge oder mit dem Kummer über eure Vernachlässigung beschäftigt, was sucht ihr anders als Ehre bei der Welt? Die Zerstreuungssucht ist das Treibhaus für alle Eitelkeiten, für die Eitelkeit des Luxus, der Kleider, der Gestalt, des Geldes, des Geistes, für die Eitelkeit der Eitelkeiten.
Unwillkürlich muss ich an einen Gegensatz denken. Die Bibel entwirft uns von einer jungen Christin folgende Schilderung: Ihr Schmuck soll nicht auswendig sein mit Haarflechten und Goldumhängen oder Kleideranlegen, sondern der verborgene Mensch des Herzens, im unvergänglichen Wesen des sanften und stillen Geistes, welches ist köstlich vor Gott. Sie schmückt sich, wie ehemals die heiligen Weiber, die auf Gott hofften, mit einem anständigen Gewand, mit Scham und Zucht, und verlangt einzig nach dem Schmuck der guten Werke, wie es den Weibern ziemt, die die Gottseligkeit verheißen. Sie ist sittig, keusch, häuslich, gütig, liebt ihren Mann und ihre Kinder, bleibt gern zu Haus. Und das junge Mädchen endlich hat vor der verheirateten Frau noch den Vorteil voraus, dass, während diese sorget, was der Welt angehört, wie sie dem Mann gefalle, sie nur sorgt, was dem Herrn angehört, um am Leib und am Geist heilig zu sein. (1 Petr. 3,4; 1 Tim. 2,10; Tit. 2,4 u. 5; 1 Kor. 7,34.)
Ihr jungen Dienerinnen des Herrn, sagt, lasst euer Herz reden: erweckt diese Schilderung nicht einen heiligen Eifer in euch? Wie aber, könnt ihr diesen Eifer mitten in den Zerstreuungen der Welt betätigen? Kennt ihr das Geheimnis, den demütigen und unvergänglichen Ruhm einer Sarah oder einer Dorkas mit den schmählichen Ehrenbezeugungen einer armen Salome in Einklang zu bringen? Ach, die Weltlichkeit veräußerlicht Alles; sie stellt euch auf eine Schaubühne. Sie lässt euch für die unscheinbaren, aber erhabenen Pflichten des häuslichen Lebens, für die Leitung eines Hauswesens, für die zärtliche Liebe eines Gatten, für die Erziehung eurer Kinder nur eine geteilte Aufmerksamkeit und eine karg zugemessene Zeit. Die Weltlichkeit erniedrigt euch, Einfachheit, Bescheidenheit, Demut fliehen erschreckt vor dem Geräusch eurer Tänze und eurer Konzerte.
Reden wir jetzt von einem vierten Schritte; aber wie das? Herodes ist ja besiegt, der Befehl ist gegeben, Alles ist vorüber.
Wohl wahr, aber ein Punkt bedarf noch der Erklärung. Ihm entschlüpft nämlich keine unwillkürliche Regung, kein Schrei des Herzens, um ihm, nachdem er einmal entschlossen ist, in dem verhängnisvollen Augenblick, der zwischen dem Urteil und der Vollziehung desselben liegt, ein Halt zuzurufen. Es ist ja kein gewöhnliches Verbrechen. Die Art und Weise, der Ort, die Zeit sind so schrecklich, dass selbst die Gottlosesten ein Schauder ergreift, wenn nicht alles menschliche Gefühl in ihnen erstickt ist, und dies ist bei Herodes nicht der Fall. Sollte man denn wirklich das rauchende Haupt eines Propheten, den er achtet, fürchtet und beschützt, in den festlichen Saal bringen! Nein, dieser blutige Traum wird sich nicht verwirklichen! Weder der Sinnentaumel noch das Gottvergessen noch die Furcht vor der öffentlichen Meinung halten da Stand! Man hole den Trabanten zurück! Gebt mir nur noch einen Tag, eine Stunde Bedenkzeit! Heute das Fest, morgen die Hinrichtung! Nun, wer wird diesen letzten Funken von Menschlichkeit ersticken? Der Tanz der Salome übernimmt auch diese Aufgabe, ihm verdankt Herodes seinen vierten und letzten Schritt zum Mord Johannis des Täufers, die Verstockung des Herzens.
Bis jetzt war das menschliche Gefühl in Herodes noch nicht erstickt, aber jetzt ist's der Fall? Ja, es ist erstickt durch jene Schauspiele und Vergnügungen, die, wie es scheint, mit dem Anblick des Blutes unverträglich sind. Dies lässt sich schwerer erklären als das Übrige und hängt mit so schmählichen Geheimnissen unserer Natur zusammen, dass man sich Gewalt antun muss, um es zuzugestehen. In den tiefsten Falten des menschlichen Herzens gibt es irgendetwas Teuflisches, was mit den Qualen Anderer kein Erbarmen hat, einen Keim, der, wenn er entwickelt ist, Bosheit und Grausamkeit erzeugt; und jene Züge: „eilend, Blut zu vergießen, in Bosheit und Neid wandelnd, feindselig und einander hassend“ finden sich nicht ohne Grund selbst in den allgemeinsten Schilderungen, die der Heilige Geist von dem Menschenherzen entwirft. Diese bösen Naturtriebe werden gewöhnlich durch die Gesetze, durch das allgemeine und besondere Interesse und durch ein entgegenstehendes Gefühl des Mitleids, das gleichfalls zu den schwer zu lösenden Widersprüchen unserer Natur gehört, niedergehalten. Aber zuweilen kommen sie zum Vorschein und vielleicht am meisten, wenn wir uns durch das Vergnügen hinreißen lassen. Sei es, dass wir im Vergnügen unser besseres Selbst verlieren, oder dass es uns unserer Natur überliefert, und dies ausreicht, um uns Gefühlen der Bosheit, die bis jetzt noch den Blicken Aller, selbst unseren eigenen Augen verborgen waren, bloß zu stellen, oder dass die entzügelte Selbstsucht nie ohne eine Mischung von Hass und Bosheit sein kann, oder endlich, dass die Vergnügungssucht im tiefsten Grund unseres Herzens gleichsam eine geheime Tür hat, die sich dem Hang zur Grausamkeit öffnet; - wir können, ohne dies Geheimnis vollständig aufhellen zu wollen, aus der Geschichte und Erfahrung lernen, dass das fleischliche Gelüste in guter Eintracht mit den Trieben der Bosheit lebt, und dass es gewisse Ausschweifungen gibt, welche eine Zutat von Blut nicht verschmähen.
Die Zeiträume, welche in den Jahrbüchern der Völker durch Taten der Zügellosigkeit sich hervortun, sind fast immer zugleich durch Taten der Grausamkeit berüchtigt: das bezeugt die schmähliche und blutige Geschichte der Kaiser des alten Roms. Die wollüstigsten unter ihnen sind auch die grausamsten gewesen, und man weiß nicht, ob man in einem Tiberius oder Caligula, Nero, Domitian, Heliogabel das vollendete Musterbild der Grausamkeit oder der Sinnenlust erblicken soll. Jene Lucullus, welche die Kunst der Unmäßigkeit aufs höchste getrieben, hatten es auch in der Verhärtung des Herzens sehr weit gebracht, und die Weiher, in welchen sie ihre Lampretten4) unterhielten, dienten ihren Sklaven beim geringsten Ungehorsam zum Grab. Unter so vielen Festen, welche die Politik erfand, um die Augen des römischen Volkes zu blenden, und seine zu Boden geworfene Freiheit einzuschläfern, brachte keins eine größere Begeisterung und Trunkenheit hervor als die Kämpfe der Gladiatoren. Die öffentlichen Belustigungen wurden zu den blutigsten Verfolgungen ausersehen; die Qualen der Christen brachten Abwechslung in die Schauspiele des Amphitheaters, und jene brennenden Menschenfackeln, die Nero zu seinem Vergnügen anzündete, ergötzten zu gleicher Zeit auch das Volk und liehen den Spielen des Zirkus ein grässliches Licht. Ach, und jene geheime Verwandtschaft zwischen dem Vergnügen und dem Blutdurst ist nicht bloß bei heidnischen Völkern zum Vorschein gekommen; selbst bei Christen finden wir nur zu viele Beweise dafür in den Vergnügungen der Menge, in den Tierkämpfen, in den Zweikämpfen, im Leben vieler Fürsten, in der Geschichte jener Männer, die an den Verbrechen unserer Revolution sich beteiligten und selbst in den Verfolgungen, die das Volk Gottes in unserem Land erlitten hat.
Doch warum suchen wir in der Ferne Beispiele, wenn unser Text uns so schlagende vor Augen stellt? Wo sah man jemals Vergnügungssucht und Blutdurst enger verbunden als in dem Fest von Machärus? Kommt ihr Mörder Johannis des Täufers, Herodes, Salome und Herodias, du Herodes, der du den Mord vollbrachtest, du Salome, die du darum batest, und du Herodias, die du ihn veranlasstest, nennt uns den Teil eures Verbrechens, welcher der Weltlust angehört, und da die Weltliebe von drei Gelüsten, der „Augenlust, Fleischeslust und hoffärtigem Leben“ lebt, so tretet näher, damit ich sie unter euch zugleich mit dem Blut, das ihretwegen vergossen wurde, austeile. Dir Herodes gehört „die Fleischeslust.“ Dein erster und zugleich der entscheidende Schritt ist der Sinnestaumel, die Unreinheit. Von dem Tag an, wo du deine Hand der Herodias reichtest, hat der Teufel darauf rechnen können, dass du sie ihm auch zum Mord des Täufers leihen würdest. Sie hat dich dahin gebracht, in das Haus deines Bruders Schmach und Trauer zu bringen; sie hat dir befohlen, den treuen Bekämpfer deiner schändlichen Untreue in ein schimpfliches Gefängnis zu werfen; sie endlich begeht heute für dich, gegen deinen Willen ein selbst für dich allzu schwarzes Verbrechen. Dir, Salome, gehört, „die Augenlust“. Du teilst weder die wollüstige Willenlosigkeit des Herodes noch das tiefe Rachegefühl deiner Mutter. Bis jetzt hat kein Makel dein Leben beschmutzt, kein Blut deine Hand befleckt. Du gehst, schwebst und flatterst nur einher, und wer könnte dich in deinem Alter deshalb tadeln? - und tust, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt, mit bezaubernder Leichtigkeit, die für die Welt nur ein Reiz mehr ist. Du lebst, webst und bewegst dich in einem Freudenwirbel, und während deine Füße kaum die Erde berühren, streuen deine Hände ringsum die liebsten Blumen. Du vollendetes Musterbild eines jungen Weltkindes, du verlockst alle Blicke, gewinnst alle Herzen, dein Lob ist in aller Mund, wer sollte dich nicht lieben? Aber, du reizendes Mädchen, was trägst du denn in jener Schüssel, die du aus den Händen eines rohen Soldaten empfängst, um damit deiner Mutter eine Huldigung darzubringen? O entsetzlicher Anblick! O Tanz, o Märtyrertod! Ihr Füße, die ihr euch so eilend im Takt herumbewegt, ach, „ihr seid so eilend geworden, Blut zu vergießen!“ Dir, Herodias, gehört „das hoffärtige Leben.“ Alles dies ist durch dich und für dich geschehen. Das ist nun das Blut, nach welchem du dürstetest. Woher kommt es, dass deine Hand bald zufährt und doch zittert, bald vorwärts eilt, und bald sich zurückzieht? Ich habe ein Lächeln Satans und einen Schrecken Gottes wie einen Schatten über dein schönes Antlitz dahin ziehen sehen. Nimm dies Haupt, verwahre es in deinem Brautgemach, dessen Schande dein Opfer dir vorzuhalten wagte. Aber, was sehe ich? Du suchst es vor Aller Augen zu verbergen? Fürchtest du, es werde sich wieder mit dem Körper vereinigen, von welchem du es getrennt hast, um im Bund mit deinem Gewissen und mit Gott sich noch einmal gegen deine Ruhe zu verschwören? Ach, wer kann die Hölle in deinem Herzen erforschen! Doch sprich: Was hat dich zum Mord getrieben? Der Stolz. Dein Stolz konnte sich nicht an einer Ehe ohne Glanz und ohne Diadem genügen lassen. Dein Stolz hat der Begierde eines Vierfürsten die Hand gereicht. Dein Stolz konnte die Freimütigkeit eines heiligen Propheten nicht ertragen, noch es ihm verzeihen, dass er dich erröten machte. Aber noch einmal, was hat diesen maßlosen Stolz in dir genährt? Die Welt mit ihren Eitelkeiten. Deine Tochter ist ein so treues Bild ihrer Mutter, dass wir glauben möchten, sie werde ebenso enden wie du, weil du ebenso angefangen wie sie. Du warst früher nichts als ein Götze der Welt, die von deiner Anmut trunken war und dich mit ihrem Lob trunken machte. Die Eitelkeit führte dich zum Stolz, der Stolz zum Ehrgeiz und zur Rache, der Ehrgeiz und die Rache zum Mord eines heiligen Mannes Gottes. Herodes, Salome, Herodias, o lehrt uns in Zukunft, wie sich die Weltliebe mit der Verstockung des Herzens verbindet!
Liebe Brüder, ich wiederhole es euch noch einmal, lasst euch nicht dadurch sicher machen, dass ihr sprecht, zwischen jenen Ungeheuern und euch, zwischen ihren und euren Vergnügungen sei kein Vergleich möglich, ihr würdet schon in Angst geraten, wenn ihr einem Lamm den Kopf abschlagen solltet. Wenn man ihre und eure Handlungen betrachtet, so würde man sich allerdings einer Übertreibung schuldig machen, wollte man sie zusammenstellen; aber eine solche Zusammenstellung ist doch gerechtfertigt, wenn ihr erwägt, dass es vor allen Dingen auf die Verfassung des Herzens ankommt und dass der schon ein Mörder ist, welcher seinen Bruder hasst. Es ist nicht zu besorgen, dass die Zerstreuungen der Welt euch jemals zum Mord hinreißen, das gebe ich zu, obgleich die Geschichte der Verbrechen in unseren Tagen uns mehr als ein Beispiel der Art vorführt; aber ihr habt zu besorgen, dass euch die Zerstreuung auf eine andere Art verhärtet, und dass sie, ohne eure Hand zum Verbrechen zu leiten, euer Herz gegen die Liebe verschließt.
Nicht als ob Jemand, der ein zerstreutes Leben führt, alles Mitgefühls bar sein müsste. Es gibt eine Empfindsamkeit des Romans und des Theaters, welches der Zerstreuung keinen Abbruch tut, sie vielmehr begünstigt; aber diese Empfindsamkeit ist keine Liebe, und Mancher, der bei eingebildeten Leiden im Theater in Tränen zerschmilzt, zeigt, so wie er dasselbe verlässt, nur Gleichgültigkeit für das wirkliche Unglück. Es gibt auch ein wahrhaftes und lobenswertes, aber doch rein natürliches Mitgefühl, dem die Gnade Gottes so entbehrlich ist, dass man sehr schöne Beispiele desselben sogar unter den Heiden findet, ich meine die Familien-, Vaterlands- und allgemeine Menschenliebe. Ich gebe zu, diese Art von Mitgefühl kann neben den Zerstreuungen der Welt bestehen, obgleich wir, wenn wir gerecht sein wollen, anerkennen müssen, dass es sich, wenn übrigens die Verhältnisse gleich liegen, in einem tätigen und zurückgezogenen Leben weit besser entwickelt. Doch die wahre Liebe, die evangelische Liebe, die Liebe, von der uns Jesus Christus das Beispiel und Vorbild gegeben hat, die Liebe, welche eine Frucht des Heiligen Geistes ist, jene Liebe, ohne welche wir nichts sind, weil wir ohne sie weder Gott zu verherrlichen noch den Menschen zu dienen noch unsre eigene Seele zu retten vermögen, diese Liebe findet in der Zerstreuung ihr Grab. Denn die Liebe besteht darin, dass wir gewissermaßen aus uns selbst herausgehen, um in Gott und in dem Nächsten zu leben; sie nährt sich von Selbstverleugnung und Opfern. „Daran haben wir erkannt die Liebe, dass Er (Jesus Christus) Sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für unsere Brüder lassen.“ Was steht aber in größerem Gegensatz zu der Selbstverleugnung als die Zerstreuungssucht? Wie kann man sein Herz auf einem Ball oder im Theater zur Selbstverleugnung oder zu Opfern stimmen? Wie könnten diese Tempel der Selbstsucht ein Heiligtum der Liebe sein? Die Zerstreuung erhöht die Selbstsucht, und die Selbstsucht tötet die Liebe.
Betrachtet darum die Züge, mit denen der Heilige Geist die Liebe darstellt und vergleicht sie mit dem, was in einer dem Vergnügen gewidmeten Gesellschaft sich zuträgt. „Die Liebe ist langmütig, sie eifert nicht, treibt nicht Mutwillen, bläht sich nicht auf, stellt sich nicht ungebärdig, sucht nicht das Ihre, lässt sich nicht erbittern, trachtet nicht nach Schaden, verträgt Alles, glaubt Alles, duldet Alles; sie ist nicht falsch, liebt nicht mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und Wahrheit.“ (1 Kor. 13; Röm. 12,9; 1 Joh. 3,18.) Erkennt ihr darin einen jener Tage, oder vielmehr, eine jener Nächte weltlicher Lustbarkeit, die ihr so unschuldig findet? Ich will nicht von dem vielen Geld reden, das um eitler Lust willen vergeudet wird und das man zur Ehre Gottes und zum Wohl der Menschen besser anwenden könnte; wie viele Verleumdungen finden sich da in der Unterhaltung, wie viele geheime Regungen der Eifersucht, wie viele Bemühungen, sich gegenseitig zu überbieten, wenn nicht, sich einander zu schaden! Wie viel Hochmut bei den Einen und wie viel Ärger bei den Andern! Wie viele falsche Beteuerungen von Freundschaft! Wie viele, die sich mit einem wohlwollenden Lächeln anreden, und doch einander zurückstoßen, ein Grauen vor einander empfinden würden, wenn der Schleier fiele, der die Herzen bedeckt? Und wenn dieser Schleier gehoben würde, wer weiß, ob man nicht in mancher Familie, die als Muster gilt, einen Vater fände, der im Geziemen der Fleischeslust frönt, eine Tochter, die sich der Augenlust ergeben hat, eine Mutter, die dem hoffärtigen Leben verfallen ist, im Kleinen also ein Bild des widerwärtigen Festes auf Machärus? Ach, überlasst euch, wenn ihr wollt, den Leidenschaften des Herodes, seiner Familie und seiner Gäste, und lasst mich in den Kerker Johannis des Täufers flüchten und von ihm lernen, wie die Liebe, welche warnt, duldet, betet und stirbt, von Entsagung und Zurückgezogenheit sich nährt, sei es im Gefängnis von Machärus oder in der Wüste des Jordan!
Meine Brüder, meine lieben Brüder, höret mich! Ihr habt ernste Dinge vernommen, ich hoffe, sie haben euch bewegt, getroffen und beunruhigt. Aber ihr fragt euch, ob diese Lehre nicht übertrieben ist, und ob sich in den Zerstreuungen der Zelt wirklich so viel Sünde findet, wie ich darin sehe? Die Antwort, die auf eine solche Frage gegeben werden muss, hängt von dem Zustand eurer Seele ab. Wenn ihr nur solche Christen seid, wie es leider die ungeheure Mehrheit derjenigen ist, die diesen Namen tragen; wenn es euch genügt, einen wohl geordneten Lebenswandel zu führen und ehrenwerte moralische und religiöse Gefühle nach der Art der Welt zu besitzen, dann hat sich meine Rede in euren Augen der Übertreibung schuldig gemacht. Wohlan denn, geht auf einen Ball, gehet ins Theater, verbringt eure Nächte in leichtsinnigen und berauschenden Zerstreuungen. Es ist aller Grund zu der Hoffnung vorhanden, es werde euch dies Alles in eurer jetzigen sittlichen Beschaffenheit weder zum Verbrechen noch zum Laster führen, und darüber hinaus geht ja euer moralischer Ehrgeiz nicht. Eine etwas größere Aufregung als gewöhnlich und den Verlust einer Zeit, die ihr zu Haus wohl nicht besser anwenden würdet, abgerechnet, tut ihr auf einem Ball nicht mehr Böses als anderswo, oder ihr tut anderswo nicht mehr Gutes als auf einem Ball. Es kommt nicht auf den Ort an, an welchem ihr eure Zeit tötet, und wahrlich, es gilt mir gleich, ob ihr euer Leben in Vergnügungen zubringt, oder es in Trägheit, leeren Worten, Klatschereien, in Romanlesen, oder in beliebigen anderen nichtigen Sorgen vertändelt, die euer Inneres beinahe ebenso weltlich machen, als die Welt es tun würde. Aber dann schämt euch vor euch selbst! Wisst, dass ihr ohne Zweck und ohne Gott lebt, ohne Würde, ohne wahrhafte Befriedigung in der Zeitlichkeit und ohne Hoffnung in der Ewigkeit. Kurz, erkennt, dass auf euch jene Worte ihre Anwendung finden: „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. So ihr nicht Buße tut, werdet ihr umkommen. Flieht den zukünftigen Zorn. Glaubt an den Herrn Jesum Christum, so werdet ihr selig.“
Habt ihr aber euer Herz Jesu Christo gegeben, habt ihr von Ihm gelernt, euch selbst zu verleugnen, euer Kreuz auf euch zu nehmen und ihm zu folgen; hungert und dürstet euch nach der Gerechtigkeit, und verzehrt euch der Eifer um Gott also, dass ihr nur in einem heiligen Leben, welches den Herrn selbst zum Muster nimmt, eure Befriedigung findet, o, dann werdet ihr in meiner Lehre keine Übertreibung finden, dann brauche ich euch kaum zu sagen, dass sie im Evangelio geschrieben steht, so klar und deutlich lebt sie dann in eurem Gewissen. Die Zerstreuung tötet die Wachsamkeit, das Gebet, die Demut, die Liebe. Christliche Frauen, merkt auf meine Worte: „Welche in Üppigkeit lebt, ist lebendig tot.“ (1. Tim. 5,6.) Flieht die Welt, zieht euch zurück, haltet euch zu Haus, dient dem Herrn, lebt eurer Familie. Die zärtliche Anerkennung eines durch eure Bemühungen glücklichen Gatten sei euer höchster Ehrgeiz; mit eurer eigenen Milch genährte und durch eure eigene Hand unter den Augen des Herrn erzogene Kinder seien euer Schmuck und euer Lohn! Dann werdet ihr, statt von einer leichtsinnigen Welt Schauspiele zu erbetteln, in eurem eigenen Haus ein Schauspiel geben, das würdig ist, von Engeln angeschaut zu werden!
Aber vielleicht passt die Schilderung, die ich eben entworfen, auf euren Seelenzustand nicht. Euch sind zwar die Eindrücke der Frömmigkeit nicht fremd; aber ihr seid doch noch nicht in das christliche Leben eingegangen und „euer wankelmütiges Herz ist unbeständig wie die Meereswoge,“ wagt es nicht, sich der Welt hinzugeben und kann sich doch auch Gott nicht ergeben. Ach, wenn sich die Sache so verhält, so erinnert euch, dass der Tanz der Salome des letzte Mittel Satans war, um Herodes zu gewinnen, den kein anderes Mittel verführen konnte; fürchtet, fürchtet, es möchte die Zerstreuung sein letztes Mittel auch bei euch sein. Fürchtet es, sagte ich? Hofft es vielmehr. Vielleicht hält er eure Seele, die, wie es schien, schon so oft sich ihm entziehen wollte, nur noch durch die Zerstreuungen. Hierin liegt seine ganze Stärke, hierauf setzt er seine ganze Hoffnung. Ihr braucht nur dies einzige Band zu zerreißen und der ganze Zauber ist dahin. Brecht deshalb noch heute mit der Welt und ihr werdet mit David in der Freude eures Herzens frohlocken können: „Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Strick des Vogelstellers, der Strick ist zerrissen und wir sind los!“ Amen.