Wirth, Zwingli - Alte Wahrheit für die neue Zeit - Vorwort

Wer heute eine neue Predigtsammlung der Öffentlichkeit übergibt, kann nicht behaupten, dass er damit einem „tiefgefühlten Bedürfnis“ entgegenkomme oder eine „längst empfundene Lücke“ ausfülle. Auch aus dem Schoß des freien Protestantismus sind seit den bahnbrechenden homiletischen Leistungen von Dr. Karl Schwarz und Heinrich Lang schon mehrere wertvolle Sammlungen, sei es in mehr populärem Gewande oder in höher gehaltenem Stil, hervorgegangen, und wer hie und da eine stille Sonntagsstunde zu religiöser Belehrung und Erbauung im Sinne einer freien und zeitgemäßen Auffassung des Christentums zu benutzen wünscht, dem ist auch sonst reichliche Gelegenheit hierzu geboten. Auch pflegen ja mit seltenen Ausnahmen Predigten nur in den kleineren Kreisen Beachtung zu finden, die zu dem Prediger in persönlicher Beziehung stehen.

Wenn ich mich denn zur Veröffentlichung einer Auswahl aus den in den letzten Jahren gehaltenen Kanzelvorträgen entschlossen habe, so geschah es zunächst eben im Hinblick auf diesen engeren Kreis meiner jetzigen und ehemaligen Zuhörer, aus deren Mitte schon oft derartige Wünsche laut geworden sind. Ich weiß, dass ich damit Manchem derselben eine Freude bereite. Wie ich gerne auf diesem Wege die geistige Gemeinschaft mit meinen früheren Pfarrkindern, deren Viele mir ein freundliches Andenken bewahrt haben, erneuere, so wird nicht minder bei einem Teil meiner jetzigen Zuhörer das gedruckte Wort eine ebenso wohlwollende Aufnahme finden, wie sie dem gesprochenen zu Teil geworden ist, und ihnen eine Erinnerung an gemeinsam verlebte Feierstunden sein.

Vielleicht findet diese Sammlung aber auch in weiteren Kreisen einige Beachtung, da, wo man von der „alten Wahrheit“ der Religion und des Christentums eben so sehr als von der Notwendigkeit überzeugt ist, dass dieselbe „für die neue Zeit“ - nicht zugestutzt, aber übersetzt und auf die Verhältnisse der Gegenwart angewendet werde. Insbesondere wage ich zu hoffen, dass sie den Gesinnungsgenossen in der protestantischen Kirche Deutschlands, sowohl um der inneren Verwandtschaft als um der zum Teil in den schweizerischen Verhältnissen begründeten Verschiedenheit willen, eine nicht unwillkommene Gabe sein werde.

Was die Auswahl betrifft, so mag es Manchem scheinen, es seien die grundlegenden Materien in der Sammlung zu zahlreich vertreten. Allein es dünkt mich, dass in unserer Zeit namentlich bei dem freigesinnten Teil der christlichen Gemeinde neben den praktischen und persönlichen auch die prinzipiellen und allgemeinen Fragen der Besprechung in hohem Grade bedürftig seien. Dass im Übrigen diese „Reden und Betrachtungen“ nicht nur den Stempel individueller Auffassung und Darstellung an sich tragen, sondern auch von der kirchlichen Situation, in der wir uns hier befinden, hie und da ihre besondere Färbung erhalten haben, liegt in der Natur der Sache und bedarf keiner Rechtfertigung.

So mögen sie denn hingehen und den Gruß der Geistesgemeinschaft alten und neuen Freunden und Genossen bringen, dann aber auch in ihrer Weise etwas beitragen zum Bau des Gottesreichs, an das wir glauben und auf das wir hoffen. Basel, im November 1882.

Der Verfasser.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/w/wirth/alte_wahrheit/wirth_-_alte_wahrheit_-_vorwort.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain