Wackernagel, Ernst - Beichtrede am Karfreitag über Luk. 22, 61

von Ernst Wackernagel, Pastor in Buch bei Berlin.

Wir sind heute am Todestag des Herrn versammelt, um das heilige Mahl zu halten, von welchem der Apostel spricht: „So oft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch des Herrn trinkt, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis dass er kommt.“ Derselbe Apostel mahnt aber die Gäste am Gottestisch mit heiligem Ernst: „Der Mensch aber prüfe sich selbst und also esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch,“ und warnt mit aufgehobenem Finger: „Welcher nun unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt sich selber das Gericht damit, dass er nicht unterscheidet den Leib des Herrn“ (1. Kor. 11). Das wollt ihr doch nicht? Nein, da sei Gott vor, dass wir uns von da, wo uns überschwänglicher Segen zugedacht ist, den Fluch, wo uns Gnade zugedacht ist, das Gericht holen. Aber dann wollen wir auch der Mahnung nachkommen, und uns prüfen; und weil uns unsre Augen dabei leicht und gern täuschen, dass wir uns in besserem Lichte erscheinen, als wir sind, so wollen wir uns unter die prüfenden Augen des Herrn stellen, vor dem wir immer und überall offenbar sind, vor dem wir aber sonderlich in solcher Stunde stehen, wie diese ist. Wie dort auf dem Petrus, so ruhen seine Augen auch auf uns, prüfen und erfahren, wie wir's meinen und auf was für Wegen wir sind.

1.

Warum ging denn Petrus, als der Herr ihn ansah, hinaus und weinte bitterlich? Die Augen des Herrn hatten ihn zur Buße geführt. Wie dort im Garten des Herrn Mund jenen Jünger der Heuchelei zeihte1), so strafte hier im Hof ein Blick des Herrn den Petrus der tiefsten Untreue. Dieser Blick warf ihm mit Flammenzügen den Vorwurf ins Herz: Ach, Petrus, wohin bist du gekommen? Sind das deine Gelübde, welche du mit dem Tod, wenn es sein müsste, einlösen wolltest, dass du dich verschwörst und verfluchst, mich nicht zu kennen? Und was sagt der Blick aus dem Angesicht des Herrn, wie wir es heut vor Augen haben, des leidenden, sterbenden Herrn, was sagt er uns? Er erinnert uns auch wohl an heilige Gelübde, welche wir ihm dargebracht. Ich will jetzt nicht unsrer Taufe gedenken, ihr könntet etwa antworten: da haben andre, unsre Paten, für uns Gelübde abgelegt. Aber an eure Konfirmation will ich euch mahnen; an die Konfirmation, die für manche unter uns schon viele Jahre, für andre erst etliche Tage hinter ihnen liegt; gedenken wollen wir der Stunden schwerer Heimsuchung, ernstlicher Krankheit, beklemmender Sorge, und was wir da unserm Gott versprochen haben. Nun steht ihr wieder vor diesem Herrn, und er sieht euch an; was sagt euch sein Blick? Du hast mir die Treue schlecht gehalten. Versprochen gebrochen, das war bei dir so nah bei einander wie gestern und heute. „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ das soll die Antwort sein auf diesen strafenden Blick des Herrn.

Die Untreue des Petrus lag insonderheit darin, dass er vor gottlosen Knechten und Mägden ein über das andre Mal beteuerte: „Ich kenne den Menschen nicht.“ Ein Wort, welches sich jämmerlich ausnimmt in dem Munde des Mannes, der es vor kurzem noch allen mit dem Bekenntnis zuvorgetan hatte: „Wir haben geglaubt und erkannt, dass du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“

Wie dort der Hof des Hohenpriesters, so ist jetzt die ganze Welt voll von Lästerungen wider Christus. Wer von uns wäre noch nie mit Menschen zusammengetroffen, in der Wirtsstube gesessen, auf der Eisenbahn gefahren, deren Mund überfloss von Hohn- und Spottreden wider Christum und seine Jünger, wider die Kirche und ihre Diener? Hat nun einer dabei still schweigen können und sich in sich selbst hinein verkrochen, um sich's nur ja nicht merken zu lassen, dass er ein Jünger dieses Herrn sei; oder hat wohl auch den Mund zum Lächeln verzogen, oder gar mit eingestimmt in die wüsten, gräulichen Reden, so hat er mit Petrus verleugnet und gesprochen: „Ich kenne den Menschen nicht.“ Denn wenn du ihn kennen wolltest, müsstest du ihn auch bekennen, durch die Ohren müsste es dir schneiden und einen Stich ins Herz geben, wenn sein Name, sein Wort, sein Sakrament, seine Kirche verlästert wird, und es wäre dir ganz unmöglich, dabei still zu schweigen. Und wie spricht der Herr? „Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“

Oder des Herrn Auge dringt prüfend hinein in unser Leben. Wenn wir uns in den Grundsätzen, nach welchen wir leben, in der Art, wie wir unsre Kinder erziehen, wie wir unser Geschäft betreiben, wie wir unsre Sonntage feiern, kurz, in unsrer ganzen Lebensweise, Haltung, Kleidung, Sitte und Gewohnheit der Welt gleich stellen, so dass man nirgend und an keinem Ort und Ende etwas davon gewahr wird und werden soll, dass wir Christen, Jünger Jesu Christi, sind, so sprechen wir täglich vor aller Welt: „Ich kenne den Menschen nicht.“ Ich habe mit ihm nichts zu tun; und was man an mir von Kirchengehen, Abendmahlsbesuch, christlichen Redensarten etwa hin und wieder wahrnimmt, das geht so nebenher, die Wahrheit ist: „Ich kenne den Menschen nicht!“

Ist das nicht traurig? Dass wir's nur erkennen möchten! Zu dem Zwecke aber sieht uns der Herr mit seinen Augen an. Sein Blick möchte uns zur Buße leiten, zur göttlichen Traurigkeit, dass wir heute am Karfreitag nicht bloß Tränen der Rührung weinen möchten über Jesu Todesleiden, sondern Bußtränen über unsre Sünden, womit wir ihm sein Leiden mit verschuldet haben.

2.

In dem Blick des Herrn lag aber mehr noch denn bitterer Vorwurf; ganz fern davon war kalte Verachtung oder zornige Verwerfung. Es sprach sich die Liebe darin aus, die zwar gekränkt ist, aber nicht aufhören kann, Liebe zu sein, die nicht nur zur Buße, sondern auch zum Glauben führen wollte: kennst du mich nicht, Petrus, so kenne doch ich dich und habe Mitleid mit deiner Schwachheit und lasse dich nicht, bis ich dir die Hand wieder segnend aufs Haupt gelegt habe. So hielt ihn also dieser Blick vielmehr fest, denn dass er ihn verstieß.

Das darfst auch du aus dem Blick, mit dem dein Heiland dich jetzt ansieht, herauslesen: musst du mit Scham und Trauer bekennen, dass deine Sünde ihm Leid und Tod verursacht hat, so sollst du mit Freud' und Wonne inne werden, dass eben das Leiden Christi diese deine Sünde gut gemacht hat. Er hat dich dennoch lieb, sonst würde er nicht für dich gestorben sein; er will dich doch noch, sonst dürftest du hier nicht stehen vor seinem Gnadentisch. Die Welt, welche Gott vom Himmel herab ansah als eine böse, gottlose Welt, hat er gleichwohl also geliebt, dass er ihr seinen eingebornen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben; die Augen, welche alle Sünden sehen, brennen nicht im Zorn wider die Sünder, sondern gehen über im heiligen Erbarmen mit ihnen; er sieht und sucht sie nicht, um sie hervorzuholen aus ihren Verstecken vor sein Gericht, sondern vor seinen Gnadenstuhl, und redet von ihren Sünden nur, um darüber das Wort von der Vergebung zu sprechen. Glaubst du das? Kannst du es nicht glauben? dem nicht glauben, der für dich am Kreuz hängt, dem nicht, der sein Blut für dich vergießt? Deine Sünde mag groß sein, aber ich sage dir, seine Gnade und Treue ist noch größer. Deine Sünde mag blutrot sein, aber ich sage dir: „Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht dich rein von aller Sünde.“ Kehre nur wieder, du, dem es unter den Augen Jesu zu Mute war, als müsstest du hinausgehen und bitterlich weinen; kehre nur wieder und sieh ihn an, wie er vom Kreuz herab dich ansieht. Ist nicht lauter Liebe, vergebende Liebe, Heilands-Erbarmen, göttliche Verzeihung in diesem Blick? Komm her zu ihm, hier steht er und sagt dies mit klaren Worten, auf dass du doch ja seinen Blick recht verstehest: „Sei getrost, dir sind deine Sünden vergeben.“ Tritt herzu, nimm, iss und trink, den Leib, für dich gegeben, das Blut, für dich vergossen zur Vergebung der Sünden.

3.

Petrus war wiedergekommen. Und als er wieder unter den Augen seines Herrn stand, Buße und Glauben im Herzen, da kam ihm auch sein Bekenntnis: „Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe“ von Herzen, und er hat's eingelöst mit seinem Leben, mit viel Arbeit und Leiden, ja endlich mit dem Märtyrertod, als er dort in Rom für seinen Herrn am Kreuz sein Leben daran gab.

Dahin, zum ernsten Vorsatz der Besserung, möchte uns auch noch der Gnadenblick des Herrn leiten: „Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.“ Und hat der Herr verheißen: „Ich will dich mit meinen Augen leiten,“ so wollen wir das auch geschehen lassen an uns: allezeit Gott vor Augen und im Herzen haben und uns hüten, dass wir in keine Sünde willigen, noch tun wider Gottes Gebot.

„Was seine Augen hassen,
das will ich fliehn und lassen,
so viel mir immer möglich ist.“ 2)

O, möchte Gottes Geist dieses Siegel der Wahrheit drücken auf die Buße und den Glauben, die wir, will's Gott, nicht bloß äußerlich durch unsern Abendmahlsgang aussprechen. Dazu segne Gott diese Stunde an uns allen. Er segne sie insonderheit an der Schar der jungen Christen, die ich nicht ohne Bewegung meines Herzens hier zum letzten Mal so versammelt unter meinen Augen sehe. Bittet mit mir den Herrn, dass er sie mit seinen Augen treffe und erleuchte und Buße und Glauben und Vorsatz der Besserung in ihnen erwecke, auf dass ihr erster Abendmahlsgang gesegnet an ihnen sei, und der König, wenn er hereinkommt, die Gäste zu besehen, an keinem unter ihnen dieses hochzeitliche Kleid vermisse.

Gott geb uns allen seiner Gnade Segen,
Dass wir gehn auf seinen Wegen
In rechter Lieb' und brüderlicher Treue,
Dass uns die Speis' nicht gereue. Kyrieleison. Amen. 3)

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