Vogel, Georg - Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Predigt zur Eröffnung einer kirchlichen Volks- und Missionsversammlung über Luk. 19, 101)
von Georg Vogel, Pfarrer zu Beuern in Oberhessen.
In dem Herrn geliebte Festgenossen! Mit welchem Worte soll ich euch entgegenkommen? Mit welchem Gruße soll ich euch grüßen? Ich tue es mit dem lieben alten Gruß unserer Väter ich weiß keinen schöneren Gruß: Gott zum Gruß und den Herrn Jesum zum Trost! Gott zum Gruß - wer könnte Größeres bieten? Den ewig reichen Gott, den Seligen und Alleingewaltigen; den Gott, der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Lichte, da niemand zukommen kann; den Gott, der einer sündigen Welt sich erbarmt hat, der sie geliebt hat bis zur Hingabe seines eigenen Sohnes, diesen Gott zum Gruß. Welt, fahr' hin! Mein Gott ist mir genug. Gott zum Gruß! Es ist derselbe Gott, in dessen Namen wir schon einmal es sind nun zwei Jahre her an dieser Stätte gefeiert haben. Er ist derselbe geblieben. Vieles ist anders geworden seit jenem Tage. Ereignisse tiefeinschneidender, welterschütternder Art sind an uns vorüberdenkt nur an die Todesernte des vorigen Jahres gegangen ist derselbe geblieben. Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für! Ehe denn die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Aber wir, sind wir auch dieselben geblieben? dieselben in Gott? Wohl uns, wenn wir's geblieben sind! Wehe uns, wenn wir noch immer dieselbe Welt in uns tragen oder wieder dieselbe Welt. Denn die Welt vergeht mit ihrer Lust. Nur wer den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. Gott zum Gruß darum noch einmal und den Herrn Jesum zum Trost!
Warum gerade Jesum? Weil Jesus selig macht von aller Sünde, weil Jesus retten kann in aller Not. Was freut mich noch, wenn du's nicht bist, mein Herr Erlöser, Jesu Christ, mein Friede und mein Leben? Meine eine wahre Freude, wahre Weide, wahre Gabe hab ich, wenn ich Jesum habe. Den Herrn Jesum zum Trost! Ach, wir alle seufzen ja in diesem trostlosen Leben nach Trost. Wie die Blume nach Tau, wie die Pflanze nach Licht, so sehnt sich unsere Seele nach Trost, aber nach dem Trost, der wahrhaft und wesenhaft tröstet. Und das ist Jesus allein. Er ist aller Heiden Trost, er tröstet uns in aller unserer Trübsal, er tröstet uns in Zeit und Ewigkeit. Mein Herz brennt, meine Lieben, auch euch mit seinem süßen Jesusnamen zu trösten. Er gebe euch viel Barmherzigkeit und Friede und Liebe, mir aber einen fröhlichen Zeugenmut, dass ich diesen Jesus euch rühmen mag als Tröster und Trost zugleich. Selig, selig sind die Seelen, die mit Jesu sich vermählen. Gott zum Gruß darum noch einmal und den Herrn Jesum zum Trost!
Zum Trost den Herrn Jesum! Doch Trost nicht nur, er will einer Seele noch mehr sein. Wer diesen Herrn zum Beistand hat, findet am besten Rat und Tat. Und Rat und Tat - wer bedürfte sie nicht? Zum Raten und Taten sind wir auch heute versammelt. Meine Lieben, was wollen wir doch? Wir feiern Missionsfest. Mission aber, was ist Mission? Mission heißt Sendung, und gemeint ist die Sendung oder Hinaustragung des Herrn und seines Evangeliums, dessen Inhalt er selber ist, in alle Welt hinaus und in alle Lebensverhältnisse hinein. Wie der Vater den Sohn gesendet hat in die Welt, so sollen auch wir den Sohn nun hinaustragen und sein Evangelium in alle Welt. Denn geht hin in alle Welt, und predigt das Evangelium aller Kreatur: das ist das große Missionsgebot unsers Herrn. Wird der Herr hinausgetragen zu den Heiden, so nennt man diese Tätigkeit äußere Mission; wird er solchen verkündigt, die ihn einst zwar besessen, aber wieder verloren haben, das heißt, gestaltet sich unsere Tätigkeit zur Fürsorge für die Verlorenen, für die Bedrohten, für die Angefochtenen, für die Mühseligen und Beladenen alle im Umkreis der christlichen Kirche, so nennt man das Innere Mission. Beide, äußere und innere Mission, müssen vorhanden und miteinander verbunden sein; in beiden offenbart sich das Herz, der Pulsschlag der Kirche. Denn wie der Puls von vorhandenem Leben zeugt, so zeugt die Mission vom Leben der Kirche. Und wie der aufhörende Herzschlag den Tod eines Menschen kündet, so gehört auch der Mangel an Missionssinn und das Ersterben desselben mit zu den Todeszeichen einer kirchlichen Gemeinschaft. Wo gar kein Wunsch, wo gar keine Begierde mehr laut wird, dem Bruder zum Heil, zum Leben zu helfen, da ist Todesschweigen, da ist Todeserstarrung. Treiben wir, meine Lieben, treibst du, lieber Freund, Mission? Siehe, da hast du ein Kennzeichen, an welchem du prüfen magst, ob du tot oder lebendig bist.
Was wollen nun aber unsere Feste? Sie wollen uns erinnern an unsere Missionspflicht; sie wollen uns ermuntern, getrost an die Arbeit zu gehen; sie wollen uns stärken durch den Hinweis auf die Macht und Verheißung des Missionsherrn. Missionsversammlungen wollen Ratsversammlungen sein, da man heiligen Rates pflegt, wie den Brüdern zu helfen und des Herrn Befehl zu erfüllen sei. Und wenn es wirklich ein Raten ist, so wird es unmittelbar sich umsehen müssen in Taten, so gewiss als die Frucht aus dem Samen hervorwächst. Möchte beides auch heute der Fall sein!
Es wird ja naturgemäß auch diesmal wieder die innere Mission in den Vordergrund treten. Haben wir doch einen ihrer berufensten Vertreter in unserer Mitte und sind wir doch in erster Linie gekommen, um aus seinem Munde von dem Werke zu hören, das in der Hauptstadt des deutschen Reiches getrieben, schon so viel Segen gebracht hat und dessen sind wir gewiss trotz allem Widerspruch auch weiter durch Gottes Gnade noch bringen wird. So kann ich es wohl unterlassen, von der inneren Mission im Besonderen zu reden. Ich lege den Auftrag, der mir geworden ist, nämlich diese Versammlung mit einer Ansprache zu eröffnen, vielmehr dahin aus, dass ich ein vorbereitendes Wort spreche über Mission im allgemeinen. Und ich glaube diese Aufgabe am besten so zu erfüllen, wenn ich ein Wort aus dem Munde des großen Missionsherrn selbst vorführe, das trotz seiner Kürze doch so inhaltsreich ist, dass es uns über alle hierher gehörenden Fragen Ausschluss erteilt, und das sich gleicherweise beziehen lässt auf äußere, wie auf Innere Mission. Ihr habt es gehört, dieses Wort. Des Menschen Sohn ist gekommen, so sagt der Herr St. Lucä 19, des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Er redet hier zunächst von seiner eigenen Mission, von seiner eigenen Sendung, aber so können wir wohl sagen, und so sagen wir auch: die Mission Jesu Christi, das ist auch die Mission seiner Kirche, das ist auch die Mission der Mission, ja, das ist im Grunde genommen auch die Mission, das heißt die Aufgabe dieser heutigen Versammlung.
Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Da haben wir:
1. Das Missionsfeld,
2. die Missionstat,
3. das Missionstun und
4. das Missionsziel.
Wir beugen uns und beten an: Der du suchst, was verloren ist: du suchst uns, lieber Herr. hilf, dass wir uns finden lassen. Amen.
1.
Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Ihr kennt die Geschichte, aus der unsere Textesworte genommen sind? Der Heiland kommt durch Jericho. Er sucht, denn das ist seine Mission, er sucht auch hier, was verloren ist. Und wunderbar, wie Liebe Gegenliebe weckt, so sucht hier ein Verlorener auch seinen Herrn. Der reiche Zöllner Zachäus gehört ohne Zweifel zu den Verlorenen. Aber das ist das Große an ihm: er fühlt sein Verlorensein; und er fühlt etwas anderes noch. Zwar das wagt er kaum zu hoffen, dass des Menschen Sohn, der barmherzige Sünderfreund, sich persönlich um ihn bekümmern werde. Er dünkt sich dessen nicht wert; er ist viel zu bescheiden. Doch den Holdseligen auch nur von ferne zu sehen, wohl gar einen Blick von ihm zu er haschen, das ist's, wonach seine Seele verlangt. Und so läuft er denn, hin; und weil er klein von Person ist, so steigt er hinauf auf einen Maulbeerbaum, denn hier soll er durchkommen, der Herr. Seine Seele ist ein Gebet: o, dass ich ihn sehen könnte! Und Jesus, des Menschen Sohn, der gekommen ist, das Verlorene zu suchen und selig zu machen, er sieht ihn und heißt ihn eilend herniedersteigen, denn spricht er, ich muss heute zu deinem Hause einkehren. Und Zachäus steigt eilend hernieder und nimmt ihn auf mit Freuden.
Als nun der Herr bei dem Verlorenen weilt, den er gesucht und gefunden hat; und als nun das Murren bei jenen selbstgerechten Verlorenen, die ihn nicht gesucht und darum auch nicht gefunden haben, hervorbricht, weil er bei einem Sünder einkehre; als der Verlorene und nun Wiedergefundene durch die Tat es beweist, dass er wirklich und wahrhaftig gefunden ist, denn die Hälfte seiner Güter gibt er den Armen, und so er jemand betrogen hat, das erstattet er vierfältig wieder, da bezeugt ihm hinwieder der Herr auch: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren. Und nun spricht er's aus in feierlicher Weise und es klingt wie ein Königserlass - so majestätisch, wie ein Amen von oben her was der Zweck seiner Sendung, was seine Mission eigentlich ist: Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Was irgend verloren ist, alles Verlorene, das ist Gegenstand seines Suchens. Verloren aber, in Sünden verloren, gottverloren, das ist die Welt - Welt war verloren! so ist die Welt sein Missionsfeld, die Welt, die ganze Welt. Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Verloren! Es gibt, meine Lieben, eine ganze Reihe von finsteren Worten, die durch ihren Klang schon auf das Elend hindeuten, das in denselben beschlossen liegt. Solche Worte sind lieblos und treulos, friedlos und freudlos, trostlos, brotlos, ehrlos. Solche Worte sind Not und Tod und Blut und Wut; solch ein Wort ist auch verloren. Verloren! Eine ganze Reihe von trüben Bildern tritt sofort vor die bebende Seele: das Weib, das den Mann, den Geliebten ihrer Jugend, die Mutter, die ihr Kind, vielleicht ihr einziges, heißgeliebtes Kind verloren hat. Und doch ist dieses Verloren noch nicht das schlimmste. Wieviel gewaltiger noch fasst uns der Jammer an, wenn wir reden hören von einem verlorenen Sohne, von einer verlorenen Tochter. Das ist unter allem Verlorensein das traurigste, das Verlorensein in der Welt, unter Dornen und Disteln, das Verlorensein im Schmutz der Sünde. Gott verloren, alles verloren.
So verloren aber, meine Lieben, war einst die Welt, und was in der Welt ist. So verloren sind noch, die in Finsternis sitzen und Schatten des Todes; so verloren sind wieder, die den Herrn, ihren Gott, verlassen und ihn nicht fürchten. O, welche Bilder der Sünde, des Elends, des Verlorenseins treten uns entgegen in der Heidenwelt. Es ist ja nicht gerade notwendig, an die Gräuel der Menschenschlächterei zu erinnern, wie sie in Afrika noch heute geübt werden und es ist allerdings grauenhaft, was uns davon erzählt wird. Denkt an die hochgebildeten Völker des Altertums, an die Griechen und Römer. Im Jahre 79 nach Christi Geburt ist eine alte Römerstadt, Pompeji, einst eine blühende Handelsstadt, durch einen Aschenregen des Vesuv verschüttet worden. Jetzt ist sie zum großen Teil wieder aufgedeckt. Wenn ihr dort die Straßen durchwandert, was seht ihr? Ein lieber väterlicher Freund von mir, der die dortigen Stätten selber besucht hat, schreibt: Herrliche Tempel, prächtige Paläste und Säulenhallen, anmutige Wohnhäuser, überall die Spuren der Kunst in ihrer reichsten Entfaltung, aber zugleich auch die Merkmale einer Verwilderung, einer sittlichen Rohheit, wie sie größer kaum gedacht werden kann. Da sind an den Häusern Bilder zu sehen, nicht etwa, wie sie rohe Buben an die Wand malen, sondern Bilder in Stein gehauen und zwar so gemeiner, so schmutziger Art, dass sie kein anständiger Mensch beschreiben kann. Und auch im Inneren der Häuser ist es nicht anders. Man hat nach und nach so viele Bildhauerarbeiten, Malereien und Hausgeräte gefunden, dass man in der benachbarten Hauptstadt einen großen Saal damit angefüllt hat, aber man hat das Gefundene dem öffentlichen Anblick verbergen müssen, weil, nun weil es über alle Maßen unsittlich ist. Und das sind die Kulturvölker des Altertums, die vielgepriesenen Römer und Griechen. Es ist ja freilich wahr, sie haben das Höchste geleistet, was der auf sich selbst angewiesene Menschengeist aus sich selber zu schaffen vermochte das aber ist auch wahr, dass sie uns mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt haben, wie auch die feinste Bildung, wenn sie von Gott los ist, vor sittlicher Verrohung nicht schützen kann. Solch ein Volk ist verloren, auch politisch verloren, trotz seiner Bildung. Die sittliche Fäulnis nimmt zu, der Zersetzungsprozess geht weiter, zuletzt tritt der Tod ein - das Verlorensein wird auch nach außen hin ganz und voll offenbar. Die Geschichte hat das bewiesen.
Steht es anders, meine Lieben, mit denen, die sich dem rettenden Einfluss des lebendigen Gottes wieder entzogen haben? Man wagt's zu behaupten. Wie es zu allen Zeiten - ich will es milde bezeichnen - liebenswürdige Schwärmer gegeben hat, so gibt es auch heute wieder deren genug, die ein Verlorensein von Welt und Menschheit außerhalb Gottes rundweg verneinen, ja, die das Leben- und Sterbenkönnen außerhalb des Schattens der Kirche geradezu als Universalmittel für alle Schäden erklären. Wir rechten nicht mit ihnen - das wäre erfolglos - aber das ist gewiss: einen größeren Selbstbetrug kann es kaum geben. Wer sehen will, der kann es ja sehen. Der Unterschied zwischen einem Leben in Gott und außer Gott ist mit Händen zu greifen. Ein tiefes Erschrecken, ein heiliges Mitleid erfasst uns, wenn wir hören, was die Berufsarbeiter der inneren Mission zu erzählen wissen von dem Verlorensein der entchristlichten Massen. Und es fasst uns ein Grauen an, wenn wir selber einmal hinabsehen in die Jammertiefen der Sünde, in die leibliche und geistliche Not, wie sie nicht bloß in größeren Städten zu finden ist. Da ist Krankheit und Hunger und Kummer, da sind zerrüttete Familienverhältnisse, ungeratene Kinder, Trunkenbolde und Spieler, jugendliche Verbrecher, überfüllte Gefängnisse und keine Kirchen; im Hause Zanken und Fluchen, aber kein Gotteswort, kein Gebetswort. Das ist das Lossein von Gott, das Verlorensein, wie es der Herr nennt.
Und so verloren war eben die ganze Welt die ganze Welt ist darum auch Gegenstand seines Suchens: sein Missionsfeld ist die Welt. Äußere und innere Mission aber, dies Engelpaar des Herrn, sie reichen einander die Hände und durchwandern suchend die Stätten, ob sie finden und retten könnten - Schnitterin und Ährenleserin in der Kirche zugleich, so gehen sie hin und sammeln Garben.
2.
Dass sie das können, dass das Verlorensein ins Gefundenwerden sich wandeln kann, wem haben wir's zu verdanken? Allein der Missionstat des Herrn: des Menschen Sohn ist gekommen. Gottlob, dass er gekommen ist! Die Welt, die verlorene, sie wäre verloren geblieben und wir mit der Welt, wenn der Herr nicht gekommen wäre. Sein Kommen aber, das war die rettende Tat; die rettende Stunde schlug, als es hieß: Christ, der Retter ist da. Nun gilt es: Außer Christo kein Heil! Nun gilt es: Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden. Gewiss, des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Wer anders auch hätte Rettung uns bringen können? Der Mensch? Dann wäre es nur zu verwundern, dass die ganze alte Welt diese Rettung nicht brachte. Nein! Nicht Rom, nicht Griechenland hat sie gebracht; nicht die Weisheit der Weisen, nicht die Kunst, nicht die Geistesbildung der Alten des Menschen Sohn ist gekommen Christ ist erschienen, uns zu versühnen, freue dich, freue dich, Christenheit!
Dieselbe Tat aber, die Rettung gebracht hat, dieselbe Tat wird nun auch Rettung bringen können und müssen, wo man noch oder wieder verloren ist. Wie darum die Kirche des Herrn, so wird auch die äußere und innere Mission, so wird überhaupt alle Mission, wenn sie anders ihren Namen verdienen will, Verlorene nur retten können, wenn sie den Menschensohn bringt, wenn sie Christum predigt und seine rettende Liebestat, dass er gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Ein Paulus schreibt an die Korinther: Ich hielt mich nicht dafür, dass ich etwas wüsste unter euch, ohne allein Jesum Christum, den Gekreuzigten. Und so sollen auch wir das Heil der Welt, die Rettung unsterblicher Seelen, die Gesundung unserer sozialen Verhältnisse, die Heilung unserer heillosen Zustände nicht erwarten von hohen Worten oder hoher Weisheit, das ist in die Sprache unserer Zeit übertragen, nicht von gesteigerter Bildung, von erhöhter Kultur, von Kunst und Wissenschaft, von Handel und Gewerbe, von verfeinerter Lebensart und wie die Rezepte alle heißen mögen, die der unfehlbare Wissensdünkel unserer Tage zu nennen pflegt, überhaupt nicht von allerhand selbstgemachten und erdachten Theorien und Luftgespinsten, sondern allein von der Großtat der rettenden Gottesliebe: also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben, oder wie unser Text sagt: des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Wir müssen es immer und immer wieder betonen, zuerst und zuletzt betonen: die Tat ist geschehen, der Retter ist da, und dieser Retter ist Jesus Christus. Jesus rettet sein Volk, so bezeugt uns sein Name; er rettet aus Sündennot - sollte er nicht auch retten können aus der Not dieses Lebens? Wir glauben's, denn wir sind Christen, wir wissen's, denn wir haben es tausendfältig erfahren, und weil wir's glauben und wissen, und weil wir's erfahren haben, darum tragen wir's nun auch hinaus und hinein in die Welt. Wir bezeugen's und wollen's bezeugen mit unermüdlichem Zeugenmut: die Missionstat unsers Gottes, sie besteht darin, dass des Menschen Sohn gekommen ist - Christ, der Retter ist da!
3.
Und dieser seiner seligen Missionstat entspricht nun sein seliges Missionstun. Er sucht. Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Er sucht. O, wie hat er das Verlorene gesucht sein Leben lang; wie hat er's gesucht bis in seinen Tod hinein; wie sucht er es noch fort und fort vom Himmel her! Wenn wir das ganze Wirken unsers Herrn von der Krippe an bis hin zu seinem Kreuze kurz und bündig bezeichnen wollen, so werden wir sagen müssen: Es ist ein Suchen gewesen, ein Suchen des Verlorenen. Sein Predigen, sein Lehren, sein Strafen und Trösten, sein Heilen, selbst sein Essen und Trinken mit Pharisäern und Schriftgelehrten, mit Zöllnern und Sündern, sein Tun und Lassen, sein Reden und Schweigen, sein Leiden, sein Bluten, sein Sterben, es ist alles ein einziges, ein beständiges Suchen gewesen. Und von welcher Weisheit war dies sein Suchen getragen, und mit welcher Milde war es verbunden! Auch den geringsten Umstand wusste er im Dienst seines Suchens zu werten. Zur rechten Zeit das rechte Wort, am rechten Ort die rechte Tat: so ging er, der gute Hirte, suchend einher, göttlicher Milde dabei und doch zugleich heiligen Ernstes voll. Es ist wohl kaum ein Bild in der Schrift, das sein Tun so bezeichnend uns wiederschattet, als das Bild des guten Hirten, der dem einen verlorenen Schafe nachgeht und sucht und sucht und in seinem Suchen nicht nachlässt, bis dass er's gefunden hat.
Meine Lieben! Wenn irgendwo, so muss hier das Tun der Kirche und ihrer Diener, so muss hier unser Missionstun christusförmig, das heißt, immer hirtenartiger werden. Wie der Herr, so müssen auch seine Diener, so müssen auch seine Mägde, Kirche und Mission, oder dass ich es richtiger sage, so muss auch die missionierende Kirche das Verlorene suchen. Welttun und Christentun unterscheiden sich hier in fundamentaler Weise. Die Welt lässt das Verlorene verloren sein. Sie geht an dem, der unter die Mörder gefallen ist, gleich dem Priester und Leviten vorüber. Das Verlorene aber auch noch zu suchen, ein Wahnwitz dünkt es ihr zu sein. Christenleute, Missionsleute, nicht also. Die gehen nicht nur nicht vorüber, die suchen im Gegenteil auf, was verloren ist und zwar nicht etwa aus einer flüchtigen Regung fleischlichen Mitleids heraus, wie die Welt ja auch einmal solche Anwandlungen bekommt, sondern weil sie das als ihren eigentlichen Christenberuf ansehen und darum tun müssen, wie ihr Herr und Meister auch getan hat: sie suchen. So ziehen die Heidenmissionare hinaus und suchen; so tun auch die Arbeiter der inneren Mission: sie gehen aus und suchen. Schwere Gänge und doch selige Gänge, denn es sind Heilandsgänge; schweres Tun und doch seliges Tun, denn es ist Heilandstun. Lasst euch erzählen von solchem Missionstun, von solchem Suchen unserer Missionare - vielleicht lässt sich unser lieber Festgast erbitten - und wen es noch nicht überkommen hat, den wird es - ich weiß es - den wird es dann überkommen, dass er bewundernd und ehrfürchtig dasteht vor der Selbstlosigkeit und Liebestreue, vor dem Glaubensmut, vor dem Opfersinn, der sich nicht weigert, in der Nachfolge Jesu auch in die Abgründe menschlichen Elends zu steigen, um dem Meister gleich zu suchen und zu retten, was verloren ist. Gott gebe, dass es dann auch wie eine Mahnung von oben ihn überkommt und übermannt: Gehe hin, und tue desgleichen!
4.
Wir beantworten ganz kurz noch die letzte Frage: Und was ist der Zweck nun solchen Tuns? Das ist die Beseligung, meine Lieben, das ist die Rettung des Verlorenen. Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Gemeint ist aber nicht bloß die Beseligung des Verlorenen im Jenseits - das Ziel ist umfassender noch - auch für dieses Leben gilt es zu retten, was verloren ist. Und das ist möglich. Und wenn es geschehen ist, dann zeigt sich auch hier wieder die Wahrheit des Wortes, dass nämlich die Gottseligkeit zu allen Dingen nütze ist und die Verheißung auch dieses gegenwärtigen Lebens hat. Denn wenn und wo des Menschen Sohn Macht gewinnt in einem Hause, in einer Gemeinde, in einem Volke, da gestaltet sich auch das äußere Leben ganz anders. Unser unvergesslicher Kaiser Wilhelm hat das sehr wohl gewusst; darum sein Wunsch auch, dass die Religion und ihr Inhalt ist eben der in die Welt gekommene Gottes- und Menschensohn -, dass die Religion seinem Volke erhalten bleibe. Wo Jesus Christus ist der Herr, wird's alle Tage herrlicher, herrlicher auch im öffentlichen Leben. Rettung aus der Not, Rettung aus Sünde und Tod: das ist das Missionsziel, meine Lieben.
Dass des Menschen Sohn wirklich Macht hat, selbst noch im Angesichte des Todes zu retten, dafür soll zum Schluss eine liebliche Erfahrung zeugen, die ich vor wenig Wochen in meiner Gemeinde machen durfte. Nicht weit vom Pfarrhause wohnte ein junger Mann, seines Zeichens ein Schmied, der die Feldzüge von 1866 und 1870 mitgemacht hatte. Er war gutherzig, willig und freundlich, aber dem Trunke ergeben. Ernste Mahnungen machten wohl Eindruck, aber die guten Eindrücke hielten nicht stand. Die Vermögensverhältnisse wurden immer verzweifelter; Hypothek und Nachhypothek wurden errichtet; es kamen Tage, an welchen er mit den Seinen, wie ich später erfuhr (denn sie selbst sagten es nicht), hungrig zu Bett ging. Er hatte neun Kinder im Alter von 11/2-15 Jahren. Arbeit gab es nicht immer; die paar Äckerchen wurden nur halbwegs bestellt; ein zunehmendes Lungenleiden warf ihn endlich völlig aufs Lager. Der Vater krank, die Mutter von Jammer erdrückt und überbürdet mit Sorgen, die Kinder das schwächliche Jüngste noch in der Wiege - nach Brot rufend: ihr Väter, ihr Mütter, ihr Glücklichen in der Versammlung, könnt ihr euch hineindenken in die Lage dieser Unglücklichen? Wohl half barmherzige Nächstenliebe, soweit sie konnte und wusste. Wenn die jüngeren Geschwister am Backhaus saßen die älteren schämten sich dessen und wenn dann die stumme Bitte um Brot in den Augen zu lesen war, dann wurden selten die Brote nach Hause getragen, ohne dass zuvor auch für das hungernde Völkchen ein Stücklein abfiel. Aber man wusste nicht immer, wie groß die Not eigentlich sei. Und so blieb die Not. Man kann es wohl ein Stück Heldentum nennen, dies stille, geduldige Tragen, das in jenen Wochen sich abspielte, und dessen voller Zeuge nur im Himmel der Herr war.
So kam Pfingsten heran. Mit sichtlichem Segen empfing der Kranke das heilige Mahl die Hoffnung auf Genesung schwand mehr und mehr. Da wurde ich plötzlich in der Frühe des vierten Pfingsttages gerufen, nachdem der Kranke bereits in der Nacht und wiederholt nach mir verlangt hatte. Ich eilte hin, und auf die Frage nach seinem Ergehen, rief er mit überraschend fester und fröhlicher Stimme: O, mir geht es gut. Mir ist nicht bange: ich habe meinen Heiland gesehen. Und nun erzählte er mir, was er bereits am Morgen den Seinen erzählt hatte und nicht müde ward, auch in den folgenden Tagen immer und immer wieder zu erzählen: In der Nacht erschien mir der Herr. Er war angetan mit weißen Kleidern. Er winkte mir und deutete nach oben. Da kam es über mich wie Gotteskraft; ich fühlte mich sehr stark; alle Schwäche, alle Bangigkeit, alle Furcht vor dem Tode war weg. O, mir ist nicht bange, so wiederholte er wieder und wieder; ich habe meinen Heiland gesehen.
Und diese Freudigkeit ist ihm geblieben. Während er vorher, wie er jetzt bekannte, eine peinigende Angst vor dem Tode hatte, sehnte er nun seine Sterbestunde herbei. Er tröstete seine Kinder und sein weinendes Weib: Euch wird es besser gehen nach meinem Tode; der Vater im Himmel wird euch nicht darben lassen. Seine letzte Stunde kam näher. Ich stand an seinem Lager. Noch einmal wies ich ihn hin auf den barmherzigen Sünderheiland, der ihn wie einen Brand aus dem Feuer gerettet; und aus den halbgebrochenen Augen strahlte es mir entgegen wie Morgenglanz der Ewigkeit. Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen: so ließ ich's betend zum letzten Mal über ihn hinklingen, und „Heiland gesehen“ hauchten stammelnd die zuckenden Lippen. Des Suchens Ziel war erreicht: des Menschen Sohn war gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren war.
Meine Lieben! Was Retten heißt, an Sterbebetten kann man es lernen. Ich hoffe, dass es auch die Hinterbliebenen, wenn nicht schon vorher, so doch in jenen Tagen gelernt haben, wie ich nicht minder der festen Zuversicht bin, dass das fröhliche Vertrauen des Gestorbenen auf den Helfer der Witwen und Waisen nicht zu Schanden werden wird.
Der Herr hilft den Elenden herrlich. Dass auch diese Elenden die gnädige Durchhilfe des Menschensohnes erfahren werden, davon habe ich bereits einen wunderbaren Anfang erleben dürfen.
Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist: das ist im Grunde genommen auch das Missionsziel dieser heutigen Versammlung. Ob es Verlorene auch unter uns gibt, auch in dieser Versammlung? Ich will die Frage nicht beantworten; ich will nur bitten: Um deines ewigen Heiles, um deiner unsterblichen Seele willen unterlass nicht, dir selber die Antwort zu geben vor deinem Gott, vor deinem Gewissen. Etwas vom Verlorensein trägt auch der Gefundene hienieden noch an sich. Verlorensein ist wohl traurig, trauriger noch ist das Verlorenbleiben. Willst du dich nicht finden lassen? Siehe, des Menschen Sohn ist gekommen, auch jetzt wieder in unsere Mitte gekommen denn in seinem Namen sind wir versammelt, und wenn wir sein freundliches Angesicht voll Huld und Gnade auch nicht leiblich sehen, unsere Seele kann's schon gewahren; er kann sich spürbar ihr offenbaren, auch ungesehen. Des Menschen Sohn ist gekommen; er ist unter uns; er sucht; er sucht dich. Bedenk' es: dich Verlorenen, dich will er retten. Willst du dich nicht retten lassen? O, sage Amen, so wird auch das Amen von oben nicht fehlen, der selige Dreiklang: verloren, gesucht, gefunden!
Ich höre des Herrn Wort: Ja, ja, es soll also geschehen! Denn des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Amen. Amen.