Thomasius, Gottfried - Am Sonntag Palmarum. Der dreifache Einblick in das Geheimnis der Erlösung.

Thomasius, Gottfried - Am Sonntag Palmarum. Der dreifache Einblick in das Geheimnis der Erlösung.

O Lamm Gottes, unschuldig,
Am Stamm des Kreuzes geschlachtet,
Allzeit erfunden geduldig,
Wie sehr du wurdest verachtet!
All Sünd hast du getragen,
Sonst müssten wir verzagen.
Erbarm dich unser, o Jesu!

Matth. 27,45-50.
Und von der sechsten Stunde an ward eine Finsternis über das ganze Land, bis zu der neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut und sprach: Eli, Eli, lama asabthani? Das ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Etliche aber, die da stunden, da sie das hörten, sprachen sie: Der ruft dem Elias. Und bald lief einer unter ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und tränkte ihn. Die anderen aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elias komme und ihm helfe. Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.

Unsere vorige Passionsandacht hat uns um das Kreuz des Erlösers versammelt, der heutige Text führt uns aufs Neue dahin. Es ist dies ohne Zweifel derselbe Ort, von welchem einst der Herr zu Abraham, seinem Knecht, gesagt hatte: Nimm Isaak, deinen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Moria, und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berg, den ich dir sagen werde. Damals nun hatte der Herr ein gnädiges Aufsehen auf diesen Ort; denn als Abraham, seinem Befehl gehorsam, bereits den Altar gebaut, die Hand erhoben und das Messer gefasst hatte, um Isaak zu opfern, da rief ihm der Engel vom Himmel zu und sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Und Abraham hieß die Stätte: „der Herr sieht,“ das heißt, er hat ein gnädiges Aufsehen. Auch jetzt steht an derselben Stätte ein Altar, auf dem ein Opfer gebracht werden soll, es steht das Kreuz aufgerichtet und am Kreuz der Sohn, der Eingeborne, der nach des Vaters Willen leidet; aber es findet nun kein Aufsehen und kein Verschonen Statt, keine Stimme von Oben, die dem schon nahenden Tode Einhalt täte, nicht einmal ein Wort des Trostes und der Erquickung, sondern es ist, als habe Gott sein Angesicht ganz und gar vor diesem Ort verborgen, als habe er den vollen Kelch seines Zorns darüber ausgegossen. Und damit das Jedermann selbst mit leiblichen Augen sehen könne, so verliert die Sonne am Himmel ihren Schein und eine Finsternis breitet sich aus über das ganze Land. Am hellen Mittag wird es Nacht, und diese Nacht wirft ihre Schatten auf das Kreuz, an dem der Heiland stirbt, auf die Stadt, die ihn verworfen, auf das Volk, das sein Blut begehrt hat; von der sechsten bis zur neunten Stunde, das heißt nach unserer Rechnung von der Mittagsstunde bis zur dritten Stunde, liegt sie wie ein drohendes Wetter auf dem Lande, und die Menge ahnt etwas von dem göttlichen Gericht. Die Zunge der Lästerer verstummt, ein Teil des Volkes flieht hinweg, und was zurückbleibt, wird betroffen und still. Es wirft aber diese Nacht ihre Schatten auch in die Seele Jesu hinein und steigert in ihr das Leiden bis auf die höchste Stufe. Was unterdessen in ihr vorgegangen sei, weiß kein Mensch; es ist ein heiliges Dunkel darüber gebreitet; denn der Erlöser hängt schweigend am Kreuz. Er hat in diesen drei Stunden kein einziges Wort geredet; kein Laut, keine Klage, kein Seufzer ist in diesen drei Stunden über seine Lippen gekommen; endlich um die neunte Stunde, da bricht er das tiefe Schweigen, und schrie laut und sprach: Eli, Eli, lama asabthani? das ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich weiß nicht, meine Brüder, ob es euch auch so ergeht, mich ergreift, so oft ich diese Worte höre, ein heimlicher Schauer, mir klingen sie, wie das letzte Seufzen einer bangen Seele, die nach langem Ringen schier erliegen will und doch die Hand, die Glaubenshand, mitten aus den Fluten heraus zum Himmel ausstreckt. Und das sind Worte, welche der menschgewordene Sohn des lebendigen Gottes gesprochen hat! Wer fühlt nicht, dass wir hier an einer Tiefe stehen, die kein menschliches Denken zu ergründen vermag. Nur mit Schüchternheit trete ich herzu, um für unsere Andacht daraus zu schöpfen, und gebe Gott seine Gnade, dass das Wenige, was ich über dieses Wort meines Heilandes in Schwachheit zu reden vermag, eine Frucht des Glaubens, der Dankbarkeit und der Liebe an unseren Herzen bringe.

Es ist aber ein dreifacher Einblick in das Geheimnis der Erlösung, den dieses Wort uns gewährt; nämlich: 1. in die Tiefe der heiligen Schrift, die sich darin erfüllt, 2. in das Herz des Mittlers, der sie vollbringt, und 3. in den Ernst des göttlichen Gerichtes, der sich darin zum Heil der Welt vollzieht.

I.

Ich sage erstlich: ein Blick in die heilige Schrift. Denn das Wort des Erlösers: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ist das Anfangswort des zweiundzwanzigsten Psalmes. In diesem Psalm redet David aus der Tiefe großer Leiden heraus zu seinem Gott. Vom Elend und Not umringt, der Verachtung des Volkes, dem Hohn der Feinde preisgegeben, den Tod vor Augen, von aller Hilfe verlassen, wendet er sich bittend und flehend zu dem, der hier alleine helfen und vom Tod erretten kann. Se aber redet er als Vorbild dessen, der aus seinem Haus kommen, und auf seinem Stuhl sitzen soll, als Vorbild des Messias, welchen er wie in seiner königlichen Herrlichkeit, so auch in seinem Leiden darzustellen und vorzubilden berufen war. Was ihm, dem König Israels, damals widerfuhr, war jedoch nur wie ein Schatten von dem, was in Christo seine volle Wirklichkeit erreichen sollte, nur gleichsam einige vorbedeutende Züge aus jener großen Passionsgeschichte, welche auf Golgatha zum Heil der Welt sich begeben sollte. Aber ohne Zweifel hat ihm der heilige Geist, der Geist Jesu Christi, der die Propheten des alten Bundes erleuchtet, den Einblick in dieses Geheimnis eröffnet, und ihm gegeben, in seinem Leiden so zu reden, dass er damit, nicht sowohl das eigene, als das Leiden des Erlösers beschreibt, und zwar bis ins Einzelne hinein. Denn alle die Züge, die uns in unseren Passionsbetrachtungen bereits entgegen traten, finden hier ihren vorbildlichen Ausdruck; der Hohn des Volkes: „Alle, die mich sehen, spotten mein, sperren das Maul auf, und schütteln den Kopf“; die Lästerung der Feinde: „Er klage es dem Herrn, der helfe ihm aus und errette ihn, hat er Lust zu ihm“; die Kreuzigung und die Schmach derselben: „Sie haben meine Hände und Füße durchgraben, ich möchte alle meine Gebeine zählen, sie aber schauen und sehen ihre Lust an mir“; die Teilung der Gewande: „Sie teilen meine Kleider unter sich, und werfen das Los um mein Gewand.“ So ist dieser Psalm vom Anfang bis zum Ende eine Weissagung auf die Leiden unseres Herrn. Und wenn nun der Herr am Kreuz die Anfangsworte desselben betet, wenn er ausruft: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen, so haben wir daran ein Zeugnis, dass er eben jetzt den ganzen Inhalt dieses Psalmes innerlich und äußerlich durchlebt und durchleidet, dass er ihn mit seinem Leiden erfüllt. Es ist das also, wie wir auch aus anderen Stellen wissen, Erfüllung der Alttestamentlichen Schrift.

Diese Erkenntnis aber wirft auf das Geheimnis der Erlösung ein helles Licht. Denn wir sehen daraus, dass es vom Anfang her im Rat Gottes beschlossen, und längst vor seiner Erfüllung, in der Welt angebahnt worden ist. Die ganze Geschichte Israels ist von Gott selbst darauf hin angelegt, alle die wunderbaren Wege des Volkes gehen nach diesem Ziel aus; die Lebensführungen der Väter, die Geschichte der Könige, die Leiden Davids, die Herrlichkeit Salomonis müssen ihm zum Vorbild dienen, und neben dem Vorbild geht das prophetische Wort einher, und weist hell und klar auf den, der um unserer Sünde willen das Kreuz erdulden soll. So steht die Tatsache der Erlösung da als der eigentliche Mittelpunkt der ganzen Offenbarung Gottes, als das Ziel seiner Friedensgedanken, die er vom Anfang an über das Geschlecht der Menschen gehabt hat, und wirft ihr Licht zurück auf das alte, hinaus auf das neue Testament. Wo das Auge des natürlichen Menschen nur Zufall sieht, da erblicken wir nun die leitende Hand des Herrn, in allen den Umständen, die die Passionsgeschichte unseres Heilandes umgeben, in der inneren und äußeren Bedrängnis, die er erfährt, Erfüllung eines ewigen, zuvorbedachten und zuvorbezeugten Gnadenrates. Möchten das Diejenigen bedenken, die sich bisher an dem Geheimnis der Erlösung gestoßen haben, weil es so gar nichts hat, was dem Geschmack der Welt gefällt und so ganz allen Gedanken fleischlicher Hoffart und Weisheit widerspricht. Sei es auch, dass sie noch nichts verstehen von den Gedanken der ewigen Liebe, die sich darinnen offenbaren, so viel könnten sie doch einstweilen lernen, dass es Gottes Werk ist, hineingestellt in die Mitte der Zeiten, ein Zeichen des Heils und des Widerspruchs für die Welt. Und diese Erkenntnis würde sie zunächst vor dem Ärgernis und vor dem Spott bewahren, womit sich so Viele unter uns an Gottes Gnade versündigen; ja sie würde ihnen, wo sie ihr in Demut nachgingen, einen Einblick gewähren in das Geheimnis der Erlösung, und zwar zunächst

II.

in das Herz des Mittlers, der sie vollbringt. Als Jesus zum ersten Mal seinen Mund am Kreuz auftat, da sprach er: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun, als er zum letzten Mal ihn öffnete: Vater ich befehle meinen Geist in deine Hände. Am Anfang und am Ende seiner Todesleiden braucht er den schönen Vaternamen; hier in der Mitte braucht er ihn nicht. Er sagt nicht: Abba, lieber Vater, er ruft: Eli, das ist: Mein Gott, denn er sieht jetzt in Gott nicht mehr den gnädigen und barmherzigen Vater, sondern die Majestät des Richters, den starken eifrigen Gott, der ihn in die rauschenden Fluten des Todes dahingegeben hat. Darum kann er ihn jetzt nicht Vater nennen; dennoch aber lässt er ihn nicht; dennoch wirft er Glauben und Vertrauen nicht hinweg, sondern spricht zu ihm: „Mein Gott, mein Gott,“ und mit diesem Mein ergreift er seine Hand, die Hand, die so schwer auf ihm liegt; mit diesem Mein hält er ihn fest, ob er schon sein Angesicht vor ihm verbirgt, als wollte er sagen: „Und wenn mir gleich Leib und Seel verschmachten, bleibst du doch meines Herzens Trost und Teil,“ als wollte er sagen: „Und wenn du mich schon in die Hölle hineinführst, dennoch bleibe ich stets an dir“; an diesem Mein klammert er sich an, wie an einem unbeweglichen Felsen im Meere, und so wirds ihm zum Anker in den Leidensfluten, die ihn umgeben, zum Schild wider die Schwachheit des Fleischs, zum Sieg, mit dem er zuletzt überwindet. „Er hat in den Tagen seines Fleischs Gebet und Flehen mit Tränen und starkem Geschrei geopfert zu dem, der ihm konnte aushelfen von dem Grauen und ist auch erhört, darum dass er Gott in Ehren hatte,“ sagt die Schrift. So sehen wir, meine Geliebten, durch dieses Wort, wie durch einen Spiegel hindurch in das Herz des Heilandes hinein, und erblicken darinnen jenen Welt und Tod überwindenden Glauben, der auch da von seinem Gott nicht lässt, wo das Auge von seiner Hilfe nichts erblickt, und das Herz von seiner Nähe nichts verspürt. Ihr fühlt mit mir Andächtige, dass es etwas Großes um diesen Glauben sei; denn wer in Wahrheit mein zu dem lebendigen Gott sagen kann, wer den Allmächtigen, Wahrhaftigen und Seligen zu seinem Gott hat, der hat ja eben daran die Gewissheit, dass dieser Gott ihn nie verlassen könne, und diese Zuversicht ist die Quelle des Trostes und der Stärke, deren der Mensch für seine irdische Wallfahrt so sehr bedarf. Sie gibt ihm das fröhliche Herz, das ihn geduldig in Trübsal und ruhig mitten unter der ruhelosen Bewegung des äußeren Lebens macht.

Uns, meine Freunde, fehlt nun freilich Viel zu solcher glaubensvollen Zuversicht. Wir haben allermeist, statt eines fröhlichen, ein verzagtes Herz und davon liegt der Grund in unseren Sünden. Unser Gewissen sagt uns, dass wir, wenn auch nicht ganz von Gott geschieden, doch mit unserer Liebe und unserem Vertrauen zwischen ihm und der Welt geteilt sind, dass wir auf beiden Seiten hinken, dass wir einen heimlichen Bund mit den Lüsten unseres alten Menschen machen, und darum auch die Leiden, die uns treffen, wohl verdienen. Darum haben wir kein Herz zu ihm. Hingegen unser Heiland weiß sich auch am Kreuz eins mit Gott. Sein ganzes Leben war eine Übung im selbstverleugnenden Gehorsam, eine fortwährende Erfüllung des prophetischen Wortes: „Deinen Willen mein Gott tue ich gerne und dein Gebot habe ich immerdar in meinem Herzen“; seine Seele ein reiner Spiegel vollkommener Heiligkeit und Liebe, beide, gegen seinen Vater im Himmel und gegen seine Brüder auf Erden; mit um so ruhigerer Zuversicht konnte er deshalb aus der Tiefe seiner Leiden heraus zu ihm rufen: „Mein Gott, sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe“ (Ps. 22,12.). Gewiss, Gott müsste nicht der Treue und Wahrhaftige sein, er müsste der Heilige und Gerechte, der er ist, nicht sein, wenn diesem Gebet die Antwort hätte fehlen können; und sie hat ihm auch hernach nicht gefehlt, wie es denn am Schluss unseres Psalmes heißt: „Er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; da er zu ihm schrie, hörte er.“ Also ein Herz voll großen Glaubens und voll großer Liebe gegen Gott und Menschen. Um so wunderbarer ist es, dass wir ihn hier klagen hören: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!

III.

Wer kann die Tiefe dieses Wortes ermessen? Ist es doch schon schmerzlich genug von Menschen verlassen sein, in Lagen kommen, wo man keinen Trost, keine Hilfe an seinen nächsten Freunden mehr hat, wo Alles, worauf man seine Hoffnung setzt, zusammen bricht, und man alleine mit seinem Schmerz dasteht in der weiten Welt; wie hart ist das für den armen Menschen, aber im Himmel wacht ja doch noch ein Auge, das mit treuer Liebe auf ihn sieht, ein Helfer, der seine Hand nach ihm ausstreckt und tröstend zu ihm spricht: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, weiche nicht, ich bin dein Gott.“ Nun aber auch von dem verlassen sein, bedenket, Freunde, was das heiße. Doch es kann Zeiten im inneren Leben eines Christen geben, wo er selbst davon etwas erfährt, Stunden, wo er sich der Gnade seines Gottes nicht getrösten kann, wo ihm das Gefühl seiner Nähe verschwindet, wo ihm zu Mute ist, als wäre er auf immer ausgetan vor seinem Angesichte. Solche Erfahrungen gehören zu den schwersten, die es gibt; unsere Väter haben sie die hohen Anfechtungen genannt und viel von ihnen zu reden gewusst aber auch das sind für den Gläubigen nur heilsame Prüfungen; die Gnadensonne ist da nicht untergegangen; sie hat ihre Strahlen nur ein wenig hinter den Wolken verborgen, damit der Mensch unterdessen lerne, wie gar nichts er selber ist, und wie sein Heil alleine bei dem Herrn steht; hat er das gelernt, so muss ihm bald das Licht wieder aufgehen, und die Freude dem frommen Herzen. So aber ist es bei Christo nicht; seine Verlassenheit ist mehr als eine solche Anfechtung wie sie den Frommen widerfuhr; sie war eine Gottverlassenheit im vollsten Sinne des Worts. Der Vater hat ihm wirklich seine Nähe und Hilfe für eine Zeitlang entzogen, nicht bloß die Empfindung seiner Liebe und seines Trostes er hat das Angesicht seiner Gnade von ihm abgekehrt und ihn in die Schrecknisse des Gerichtes dahingegeben. Lest die Worte des zweiundzwanzigsten Psalms. „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennt, mein Herz ist in meinem Leib wie zerschmolzenes Wachs; meine Kraft ist verdorrt wie ein Scherben, meine Zunge klebt am Gaumen und du legst mich in des Todes Staub;“ hört denselben Leidenden im 88sten Psalm klagen: „meine Seele ist voll Jammer und mein Leben ist nahe bei der Hölle, ich bin geachtet gleich denen, die zur Grube fahren, ich bin wie ein Mann, der keine Hilfe hat; warum verstößt du, Herr, meine Seele und verbirgst dein Antlitz vor mir? Ich bin elend und ohnmächtig, dass ich so verstoßen bin, ich leide deine Schrecken, dass ich schier verzage; dein Grimm geht über mich, dein Schrecken drückt mich“ sind das Worte eines Mannes, vor dem sich die Gnadensonne nur ein wenig verbirgt? Nein, es ist das Angstgeschrei einer Seele, über welche Gottes Gerichte hereingebrochen sind, es ist die Klage eines Mannes, der den Zorn des Höchsten, der den Fluch der Sünde trägt. Aus dieser Tiefe heraus quillt das Eli Eli lama asabthani unseres Textes.

Und so trete ich denn hin und frage in meinem und in eurem Namen: treuer Heiland, warum hast du in deinen letzten Stunden dies geheimnisvolle Wort geredet, warum hat dich dein Gott am Kreuze verlassen, der du doch gehorsam warst bis zum Tode, ja bis zum Tod am Kreuze? Und seine Antwort lautet: Gehe hin und sage meinen Brüdern und Schwestern auf Erden: ihr habt mir Arbeit gemacht in euren Sünden, und Mühe gemacht in euren Missetaten. Ich habe an eurer Stelle das Gericht erduldet; damit die Schuld eures Abfalls von Gott getilgt würde, damit mein Vater sein Angesicht auf ewig in Gnaden zu euch kehre, darum bin ich eine Weile von ihm verlassen worden.

Und so bringe ich euch denn diese Antwort meines Heilands; euch zuerst den Sündern, das heißt euch Allen, denn Sünder sind wir alle; und was das heißt, sieht man am besten aus dem Gericht, das der Vater am Sohn vollzogen, an dem Opfer, das unsere Erlösung gekostet hat. Sind nun solche unter uns, die das erkennen, Seelen, die die Last der Sünde fühlen und um derselben willen sich vor Gottes Zorn und Gerichten fürchten, siehe, hier ist der Trost: „Er hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns; Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen; die Strafe lag auf ihm, damit wir Friede hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Ich bringe ihn euch, die ihr in Not und Anfechtung geht und vielleicht aus der Tiefe großer Leiden seufzt: Wie lange willst du mein so gar vergessen, wie lange verbirgst du dein Angesicht vor meinem Schreien! Seitdem unser Heiland am Kreuz verlassen worden ist, wird keiner mehr verlassen, der durch ihn seine Zuflucht zum Vater nimmt, keiner unerhört hinweggewiesen, der im Glauben auf seine Hilfe traut. Klopfe du nur getrost an diese Tür an und wenn es auch lange währt, vom Morgen bis zum Abend, und wenn es auch den Anschein gewinnt, als habe Gott dein vergessen, ich sage dir: du wirst es doch noch erfahren, was der Herr in seinem Wort gesagt hat: „Kann auch ein Weib ihres Kindes vergessen, dass sie sich nicht erbarmte über den Sohn ihres Leibes, und ob sie desselben vergäße, will ich doch dein nicht vergessen.“ Und was du sonst noch bedarfst zum Lauf und Kampf des Lebens, Kraft des Glaubens, Geduld und Stärke, Beständigkeit und Treue, er wird dir Alles geben, sobald du es im Namen seines Sohnes von ihm bittest. Das ist die Frucht des Leidens Jesu Christi, das das Geheimnis der Erlösung. Es gibt nur Eine Klasse von Menschen, die keinen Teil daran haben, die hier und dort von Gott geschieden bleiben. Das sind die, die an den Heiland weder glauben, noch ihn lieben. - Und so schenke denn der Herr uns Allen Glaube um Glaube.

Gib Jesu, gib, dass ich dich kann
Mit wahrem Glauben fassen,
Und das, was du an mir getan,
Nie aus dem Herzen lassen,
Dass dessen ich in aller Not
Mich trösten mög, und durch den Tod
zu dir ins Leben gehen. Amen.

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