Stöckicht, Wilhelm Damian - Ruth - X. Die Anfechtung und das Wartegeld.
K. 3, 12 -18.
Herr, lass mich es wissen, recht kräftig erfahren, und auch in den trübsten Stunden des Lebens inne werden, dass nichts mich scheiden kann von Deiner Liebe. Amen!
Ein Namenchrist, in heidnischem Lande wohnhaft, wollte die Tochter eines Götzenpriesters zur Ehe nehmen. Der Götzenpriester befragte, ehe er seine Einwilligung gab, seinen Götzen, und machte dem Christen die Bedingung, er müsse seinen Gott abschwören. Der tat es. Doch der Götzenpriester, noch nicht zufrieden gestellt, erklärte, nochmals seinen Gott befragen zu müssen, und sagte darauf dem treulosen Christen: ich kann dir meine Tochter nicht zum Weibe geben; zwar hast du erklärt, von deinem Gotte lassen zu wollen, aber dein Gott lässt von dir nicht.
Es ist wahr, o Christenmensch, dein Gott lässt von dir nicht. Glaub' es nur zuversichtlich, verliere auch in den dunkelsten Stunden der Anfechtung den Glauben nicht, dass dein Gott nicht von dir lässt. Je weiter Er dir entfernt dünkt, desto näher ist Er doch bei dir, aber die getrübte Seelenstimmung ist im Stande, und hält Ihn, wie vormals die Jünger auf dem stürmischen Meere, für ein Gespenst; sie kennen Ihn nicht.
Wer unter den Kindern Gottes hat noch nicht solche Stunden der Anfechtung gehabt? Sie erinnern die gläubige Seele daran, dass sie eine große Sünderin war, und dass sie noch in dieser Welt ist, deren Fürst zwar nicht mehr sie verklagen, aber doch schwer versuchen kann. In der neuen Welt wird es keine Anfechtungen mehr geben.
Wir reden heute von dieser wichtigen, häufig sehr missverstandenen, Vielen ganz unbegreiflichen Erfahrung im christlichen Leben. Veranlassung und Anleitung dazu gibt uns unser heutiger biblischer Abschnitt. Es ist sehr wichtig, die Anfechtung aus dem richtigen Gesichtspunkt zu betrachten. Der Herr schenke uns durch den Geist der Wahrheit das richtige gesegnete Verständnis!
Wir vernehmen den Schluss der Unterredung des Boas mit der Ruth, die hinter dem Gerstengebund zu seinen Füßen lag. Es war Nacht, dunkel um sie her. Noch dunkler war es bald im Gemüt der lieben, bekehrten Moabitin. So freundlich bisher die Rede des Boas war, so bedenklich, ernst wird sie jetzt. Zwar bekennt er, er sei „Der Erbe“, er gehöre zur Verwandtschaft ihres verstorbenen Mannes, und halte sich auch berufen, sie nach jüdischem Gesetze zur Leviratsehe zu nehmen. Aber - spricht er; o ein inhaltsschweres Aber! - „Aber es ist Einer näher, als ich.“ Arme Ruth! darauf warst du nicht vorbereitet, davon hat Naemi dir nichts gesagt. Es ist Einer dir näher verwandt, als dieser Boas, und dieser Nächste wird dich vielleicht zum Weibe begehren. Schrecken, tiefe Betrübnis erfasst sie. Alle ihre Aussichten, alle ihre Hoffnungen so mit einem Male in nichts zerronnen! Sie zittert und zagt zu des Boas Füßen, dieser aber hat Mitleid mit der Armen. Liebreich redet er sie, die vielleicht in ihrer Verzweiflung hinausstürzen wollte, an: bleib' bis morgen, harre diese Nacht aus; so, in dieser deiner Traurigkeit kann ich dich nicht gehen lassen. Er macht ihr neue Hoffnung. Freilich würde der, der ihr näher als er sei, sie zur Ehe begehren, so müsse man sich hineinfügen, so sei es Gesetz, und das dürfe man nicht brechen; stehe derselbe aber davon ab, und das sei ja möglich, dann wolle er, Boas, sie ganz gewiss zum Weibe nehmen.
So ermutigend, tröstend fordert er sie auf, da zu bleiben bis zum Morgen! Das tat der Ruth wohl. Ein Lichtstrahl fällt in die dunkle Kammer ihrer Seele. Noch darf sie hoffen. Sie blieb liegen zu seinen Füßen. Luther hat übersetzt: „Sie schlief;“ wörtlich heißt's: „Sie blieb liegen.“ Schwerlich hat sie geschlafen; dazu war sie zu leid-, zu gedankenvoll, zu bewegt durch Furcht und Hoffnung. Als nun die Morgendämmerung eintrat, entließ sie Boas, damit Niemand es gewahr werden sollte, dass sie bei ihm gewesen sei. Wird dem zarten Weibe, eben erst so schmerzlich erregt, das nicht auch wehe getan haben? Ach, er schämt sich meiner - hat sie vielleicht gedacht - ja freilich, ich bin ja auch seiner so unwert! Doch auch aus dieser Stimmung richtet sie Boas auf, und beweist ihr durch ein unerwartetes Geschenk seine wohlwollende Gesinnung. In ihren Mantel - eigentlich Schleier, ein Tuch, das die Jüdinnen vorn über sich breiteten, und wie eine Schürze herabhangen ließen - schüttete er ihr 6 Maß Gerste, eine verhältnismäßig reiche Gabe, ein Wartegeld, und legte ihr diese Last auf die Schulter. So ging Ruth in die Stadt zurück, traurig, und doch hoffend, reich beschenkt, und doch besorgt, so viel zu verlieren. In der Morgendämmerung kommt sie an das Haus der Naemi. Die hatte sie in der Dämmerung nicht sogleich erkannt, und rief bei ihrem Herankommen nach dem Grundtext: „Wer bist du?“ Auch das tat gewiss der Ruth wehe in ihrer ohnehin so tief gedrückten Stimmung. „Kennt mich sogar meine gute, alte Naemi nicht mehr?“ Doch bald ist auch dieser Zweifel gehoben. Ihr Herz schüttet sich der mütterlichen Freundin aus, ihr erzählt sie ihre nächtlichen Erlebnisse, und Naemi, die verständige Alte, richtet sie auf mit dem tröstlichen Zuspruch: „Sei stille, meine Tochter, bis du erfährst, wo es hinaus will, denn der Mann wird nicht ruhen, er bringe es denn heute zu Ende.“ Sie weiß, wessen sie sich von Boas zu versehen hat. Von dem anderen, näheren „Erben“ spricht aber Naemi kein Wort weiter, von einer Verheiratung der Ruth an diesen ist nicht die Rede.
Es liegt zu nahe, in der Anwendung dieses Teils der Geschichte Ruths an die Anfechtungen im Christenstande zu denken. So gewiss die Ruth vorbildlich durch die geschilderte trübe Seelenstimmung hindurchgehen musste zu dem erstrebten Ziele, so gewiss haben auch Christen im Glaubenskampfe und im Sehnen nach der Ruhe in Jesu ähnliche Anfechtungen zu überwinden. Die Station des christlichen Pilgerlebens, auf der wir heute verweilen, heißt: Die Anfechtung und das Wartegeld. Wir hören, wie die Seele in der Anfechtung spricht, und wie der Herr zur angefochtenen Seele spricht.
Die angefochtene Seele klagt: „Ich gehöre dem Herrn nicht an“, doch Er spricht beruhigend: „Bleib' bis zum Morgen.“ Ganz wie in der Beschreibung der nächtlichen Erlebnisse der Ruth. Das Licht ist der erlösten Seele aufgegangen; aus der Finsternis ist sie gerettet, ein Neues ist in ihr geworden. Sie lebt im Lichte der Gnade und Wahrheit, der Herr Jesus ist ihr Licht. Wie hat sich Alles im Vergleich gegen die vorige Zeit geändert! Die Nacht ist vergangen; der Tag ist herbeigekommen. Und doch wird es wieder manchmal auch in der erlösten Seele Nacht. Es gibt Stunden des Gottverlassenseins, der Seelenangst, in welcher der erlöste Mensch seinem Heilande nachfühlt, was Er gelitten hat; in Stunden, in denen man dem Mittler in den Garten Gethsemane und auf Golgatha nachfolgt. Durch diese Tiefen führt zur seligen Auferstehung und Himmelfahrt der Weg. Sie haben etwas an sich, diese Untiefen. Kennt ihr sie auch? Seid ihr hindurchgewatet in den Stunden der geistlichen Dürre, unbegreiflicher Trostlosigkeit? Dann versteht ihr die Stimmung der Ruth, dann habt ihr Mitleid mit angefochtenen Seelen in einer Lage, in die ein selbstzufriedenes Weltkind nie hineinkommen, die nur ein Kind Gottes erfahren kann, dem fast zu Mute ist, als sei ihm sein Vater gestorben.
Man klagt: Was muss ich hören? nein, ich gehöre nicht meinem Herrn an, meinem Heiland, den ich liebe, den ich glaubte mein zu wissen? Ist denn wirklich ein Anderer mir näher, als Er? ist das denn möglich? Ja es ist wahr, man kann es nicht leugnen. Es ist Einer dir näher nach dem Erbrecht sündlicher Natürlichkeit, und dass derselbe wirklich dir näher ist, das ist es eben, was die gläubige Seele so schwer anfechten kann. Nach unserer fleischlichen Herkunft und sündlichen Beschaffenheit gehören wir der Welt an, und durch Sünden befestigten wir den Bund mit der Welt, die das sündige Herz liebte. Die Welt steht seit Alters, seitdem die ersten Menschen dem Lügner von Anfang an eine Macht über sich eingeräumt hatten, unter dem Einfluss des Fürsten der Finsternis, des Gottes dieser Welt, und nach gerechter Ordnung bannet jede Sünde, gleichwie der ganze sündliche Zustand, in dessen finsteres Reich. Ach, wer will uns erlösen von dem Leibe dieses Todes, in welchem noch die Sünde ihren Sitz hat, wer errettet uns von dieser argen Welt, wer kauft uns los von der Gewalt des Satans? Aber wie, meine Lieben! können bekehrte Christen noch so fragen? Hat sie denn Christus nicht längst schon losgekauft, hat Er sich nicht längst für sie in den Fluchtod gegeben, auf dass Er sie erlöste von dieser argen Welt, und Gott heiligte? Weißt du dich nicht im Glauben als sein erkauftes Eigentum? Ei freilich, längst ist das Erlösungswerk vollbracht, und wie fest ist dir es besiegelt durchs Wort, in der heiligen Taufe, im heiligen Abendmahl! Dennoch lässt es der Herr uns erfahren in dunklen Stunden, in welchen Er die Heilsgewissheit so zu sagen in uns verschlossen hält, wem wir von Natur gehören, was wir ohne Ihn wären. Er lässt es die angefochtene Seele hören: „Es ist Einer dir näher, als ich“, damit er sie beuge, in der Demut er halte, tiefere Sehnsucht nach seinem Heile erwecke und sie recht fest in die Erkenntnis eingründe, dass sein Erlösungswerk reine Gnade, nichts als Gnade sei.
Habt ihr sie schon durchlebt, solche Stunden? Sie sind unsäglich schwer. „Das Heil, mit Not gefunden, tritt uns auf einmal fern.“ Schwermütig klagt die Seele: „ich gehöre nicht dem Herrn an“, und doch kann sie nicht loskommen vom Herrn. Der böse Feind macht Rechte an sie geltend, und doch hasst und flieht ihn die Seele. Das Wort Gottes, die köstlichen Verheißungen Jesu, die sonst das Herz so warm erquickten, lassen Einen ganz kalt, und doch kann man sich von ihnen nicht trennen. Die Feier des heiligen Abendmahls bietet Einem trotz gewissenhafter Vorbereitung so gar keine selige Empfindung von der Vereinigung mit Jesu, und doch kann man nicht aufhören, sie zu ersehnen. Das Beten wird Einem so sauer, so schwer, und doch kann man bei aller inneren Trockenheit nicht nachlassen, zu beten. In solchen Stunden lässt uns der Herr durch Entbehrung fühlen, wie viel man an Ihm hat, wie jämmerlich und öde ohn' Ihn das Leben sei.“ Auch Sterbende müssen zuweilen im Todeskampfe solche Anfechtungen erdulden. Das Heil, das sie glaubten gewiss zu haben, ist ihnen wie auf einmal hinweggenommen, und rettungslos wähnen sie sich dem Verderben preisgegeben. Doch gerade in solchen Anfechtungen verherrlicht sich der Herr, der nicht über Vermögen versucht werden lässt, als den, in welchem allein alles Heil liegt, also dass wir nicht auf unser Glauben, Hoffen und Beten vertrauen, sondern allein auf Jesum. Er, der die Last unserer Sünden getragen und unsere Schulden bezahlt hat, errettet auch aus solchen Stunden, und führt die kämpfende Seele durch Unterliegen zum Siege.
Boas sprach zur Ruth: „Bleib' über Nacht.“ Des anderen Morgens will er die Angelegenheit mit dem nächsten Erben ordnen. Liegt darin nicht ein Wink für angefochtene Seelen? Auch sie dürfen das Wort als zu ihnen vom Herrn geredet betrachten: „Bleib' bis morgen.“ Bist du angefochten und willst du zweifeln an deinem Gnadenstande, so hüte dich ja davor, dass du dem Herrn weglaufest, und in der Zerstreuung der Welt den verlorenen Frieden suchst, nein bleibe liegen zu Jesu Füßen, harre aus, halte an in demütigem Gebet. Er wird schon Alles ordnen, was dir zu schwer ist, dich aus diesem Dunkel auch erlösen. Zu den Füßen Jesu bleibt unser Platz, bis Er uns an sein Herz nimmt. Der Herr schickt keine angefochtene Seele fort, ehe es in ihr wieder Tag geworden ist. Auch in den dunkelsten Stunden ist Er bei uns, ob wir Ihn schon nicht sehen. Verlasst euch darauf, Er ist da. Er schreitet, wie vormals auf dem stürmischen galiläischen Meere, ruhig siegreich über die hoch sich türmenden Wogen der Bedenken und Zweifel, die das schwache Schifflein deines Glaubens zu verschütten drohen, Er gebietet dem Sturm, und es wird stille. Drum will ich im Vertrauen auf seine Heilandsmacht und Liebe auch in der schwersten Anfechtung sprechen: „Ob ich schon wandere im finsteren Tal, so fürchte ich kein Unglück, denn du, Herr, bist bei mir.“
Geliebte! diesen Trost prägt euch recht fest ein, dass ihr ihn zur Hand habt, wenn ihr ihn braucht. Auch in der sorgenvollsten Seelenstimmung lasst den Herrn sorgen. Gehorcht seinem Worte: „Bleib' bis zum Morgen“, harrt aus zu seinen Füßen, bis es tagt.
So wird eine Anfechtung siegreich überwunden, aber diese eine ist die einzige nicht. Es können weitere kommen. Christus, unser gottmenschlicher Vorgänger, ward nicht einmal, sondern allenthalben versucht, hat nicht einmal gelitten, sondern die ganze Zeit seines Lebens, sonderlich am Ende desselben. Auch das wiederholt sich nach göttlicher Reichsordnung an der ganzen Kirche und an den einzelnen Gliedern. Auch darin sind die Erlebnisse der Ruth vorbildlich. Lernt eine zweite Anfechtung verstehen. Die angefochtene Seele spricht: „Der Herr schämt sich meiner“, doch Er spricht wie Boas zur Ruth: „Lange her deinen Mantel.“
Ruth blieb auf das Wort des Boas die Nacht hindurch liegen zu seinen Füßen. Eine Anfechtung war überwunden. Ihr Glaube an die Liebe des Geliebten war neu befestigt. Da steigt ein neuer, schwerer Zweifel in ihr auf. Boas schickt sie weg, als der Morgen graute, damit Niemand erfahre, dass sie bei ihm gewesen sei. Ob sie wohl dankbar es bedacht hat, dass Boas um ihretwillen, nämlich um ihres guten Rufes willen so handelte? Es ist möglich. Eben so nahe konnte ihr aber auch in ihrer bewegten Stimmung der Gedanke liegen: siehe, der angesehene Boas schämt sich meiner, der armen Witwe; warum sollte er sonst so heimlich tun? warum will er es nicht gesagt haben, dass er mich lieb hat? „Er schämt sich meiner“, wie manchmal ficht dieser trübe Gedanke auch christliche Herzen an. Freilich ich bin es nicht wert, dass Er meiner gedenkt, und vor Gott und allen Heiligen sich zu mir bekennt; wer bin ich denn, Ihm gegenüber?
O welch' ein unendlicher Abstand ist zwischen Ihm und mir! Ich muss es mir ja wohl ohne Widerrede gefallen lassen, dass er mich wie das kanaanäische Weib zu den Hunden rechnet, muss freilich ausrufen: „Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach gehst.“ Allerdings, Geliebte! sprechen sich solche Bekenntnisse gar leicht, weil man doch dabei im Hinterhalt den Gedanken hat: Der Herr verschmähet mich doch nicht. Aber wie wehe tut es unsern Herzen, wenn der Feind diesen Hinterhalt überwältigt, und wenn wir daran glauben müssen, dass der Herr sich unserer schämt! Und so geht es in den Stunden der Anfechtung, da glaubt man das wirklich. Es kommt Einem vor, man werde fortgeschickt, als spreche der Herr im unerhörten Gebete: lass mich in Frieden! als sage Er der Seele, die in den Gnadenmitteln selige Erquickung sucht: du bist auch unersättlich! Man möchte es eben mit Gewalt zwingen, möchte Gnadenempfindungen haben, und bleibt doch leer. Wie leicht wird alsdann das trotzige Herz verzagt, und gibt sich dem trostlosen Gedanken hin: Der Herr schämt sich meiner. Nein, meine Lieben! man sagt es Keinem, wie einem so trostlos zu Mute ist, man schämt sich, es zu sagen, und doch könnte mans unserem traurigen Gesichte absehen.
Ach ihr Lieben! es liegt in dieser Anfechtung verborgen ein großer Segen. Sie demütigt das noch immer zur Selbstüberhebung geneigte Herz. Denn unvermerkt wird auch das fromme Herz stolz, stolz auf den Gnadenbesitz, auf das Privilegium des Gnadenstandes, und dieser Stolz ist gefährlich, macht vergessen, dass man von Haus aus ein großer Sünder ist, macht vergessen, dass Gnade Gnade ist. Wenn der Herr uns darum zuweilen gleichsam fortschickt, so tut Er es auch um unsertwillen, aus weiser Liebe, damit Er uns in der Demut erhalte, und begreifen lehre, dass Er sich nichts abzwingen lasse, dass vielmehr seine Gnade freie Gnade sei. Auch dienen solche Anfechtungen zur Erhaltung der Seelen in der geistlichen Keuschheit. Wie es eine weitverbreitete leibliche Unkeuschheit gibt, so gibt es auch eine geistliche, eine schamlose Bloßstellung unseres inneren Menschen, ein übermütiges Pochen auf den Gnadenbesitz den geistlich Toten gegenüber, die dadurch nicht erweckt und gewonnen, sondern scheu gemacht werden. Deshalb schadet es gar nichts, ist vielmehr recht heilsam, zuweilen die Empfindung zu haben, als ob sich der Herr Jesus unserer schäme.
Doch auch diese Anfechtung lässt der Herr ein erträgliches Ende gewinnen. Wie ein verständiger Arzt legt Er den Balsam auf die Wunde zur rechten Zeit! Er beweist den angefochtenen Seelen seine Freundlichkeit, und grade in der angefochtenen Stimmung tut diese doppelt wohl. Boas gab der weggehenden Ruth 6 Maß Gerste in ihre Schürze, als wollte er damit sagen: schicke ich dich jetzt schon fort, so behalte ich dich doch lieb, zum Beweis dafür empfang' diese Gabe. Also tut auch unser Heiland; Er spricht auch gleichsam zur angefochtenen Seele: „Lange her deinen Mantel.“ Das Wartegeld, das Er denen gibt, die nach Ihm begehren, ist die Zusicherung seiner ununterbrochenen Liebe und Treue, und eine besondere Erfahrung seiner Gnade, die man den Seinigen aus solchen trüben Stunden mit heimbringen kann.