Schlatter, Adolf - Der Hebräerbrief - Kap. 7, 1-10, 18. - Jesus der vollkommene Priester.

Schlatter, Adolf - Der Hebräerbrief - Kap. 7, 1-10, 18. - Jesus der vollkommene Priester.

In einem ausführlichen Hauptteil des Briefs wird uns nun gezeigt, wie Jesu Priestertum den alttestamentlichen Gottesdienst weit überragt und die vollkommene Gnade Gottes in sich hat, so dass das alttestamentliche Priestertum daneben verschwinden muss.

Warum verweilt er hier so lang? Er steht hier bei der Wurzel, aus der aller Anstoß und Zweifel in der jüdischen Christenheit herkam, bei Jesu Tod und Unsichtbarkeit. Hier müssen sie klar blicken lernen und verstehen, dass Jesu Kreuz und Hingang zu Gott kein Schaden und Unglück ist, sondern sein Heilandswerk für uns. Es kommt alles darauf an, dass die Gemeinde sich von Herzen mit Jesu Tod einige und nicht nur sage: trotzdem du gestorben bist, glauben wir an dich, sondern vielmehr: gerade weil du gestorben ist, bleiben wir bei dir.

Sodann ist der Tod Christi diejenige Tat Gottes, durch welche das Gesetz durchbrochen und überschritten und die Gemeinde über dasselbe emporgehoben worden ist. Es wurde aber jedem jüdischen Manne sehr schwer, das Gesetz als etwas Vergangenes dahinten zu lassen. Er kam von demselben sicherlich nicht los, wenn er Christi Tod nicht verstand nach dem, was er vor Gott und für die Menschheit ist. Darum verwendet der Brief allen Fleiß der Belehrung und alle Sorgfalt der Begründung darauf, dass der Wert und Segen des Hingangs Jesu zu Gott für uns ans Licht trete.

Er geht dabei von dem Psalmwort aus, welches Christi Priestertum demjenigen Melchisedeks vergleicht.

Warum fragt er, wird Christi Priestertum nach Melchisedek und nicht nach Aaron benannt? Damit hat schon die Schrift den Vorzug Christi vor den levitischen Priestern ausgesprochen und die neue und höhere Art seines Priestertums angezeigt, 7, 1-10.

Sodann stellt schon dieses Schriftwort Jesus über das Gesetz empor, aus dem der levitische Priester all seine priesterliche Macht zieht, während Jesu Priestertum seinen Grund in der inwendigen Lebensmacht Jesu hat und darum ewige Bedeutung besitzt, 7, 11-25.

Deshalb ist allerdings die Ausrüstung Christi zu seinem Priestertum eine andere und weit höhere als diejenige Aarons. Aber gerade dieser Unterschied macht ihn zum rechten Hohenpriester für uns, 7, 26-28.

Der Person des Priesters entspricht das Heiligtum, in dem er seinen Dienst vollbringt. Christus übt ihn im Himmel und das ist eine wesentliche Bedingung seiner priesterlichen Macht, 8, 1-6.

Dieses höhere Amt Christi steht darauf, dass Gott in ihm uns einen neuen und besseren Bund darreicht, 8, 7-13.

Es hat auch in der alttestamentlichen Ordnung des Gottesdienstes schon seine Darstellung und Weissagung gefunden. Dieselbe zeigt einerseits in der Einrichtung des Heiligtums und in der Art des Opfers die Vergänglichkeit und Kraftlosigkeit des früheren Priesterdienstes an, und stellt anderseits Jesu priesterlichen Gang ins wahrhafte Heiligtum mit dem wirksamen Opfer weissagend dar, 9, 1-14.

Jesu Tod war notwendig, um uns die Gabe Gottes zum Eigentum zu machen und uns das himmlische Heiligtum zu öffnen und Christi künftiges Gericht in Heil und Leben zu verwandeln, 9, 15-28.

Auf diese Weise hat er uns eine wirkliche Erlösung von der Sünde verschafft, und uns alles vollkommen bereitet, was wir zum Empfang des Himmelreichs bedürfen, während in der alttestamentlichen Ordnung das Opfer die Sünde nicht wegzuschaffen vermochte und der Priesterdienst nicht zu seinem Ziel und Ende kam, 10, 1-18.

Kap. 7, 1-10. Melchisedek zeigt Jesu Hoheit.

Was soll es denn heißen, fragt unser Brief, dass Christus in Melchisedeks Weise und Ordnung Priester sein soll? Damit ist ihm vor allem ein ewiges Priestertum zugesagt. So heißt es in jenem Psalmwort: du bist mir ewig Priester in Melchisedeks Weise. Unser Brief hebt hervor, dass hierin nicht nur eine Aussage über Christus, sondern auch eine solche über Melchisedek enthalten ist. Die Vergleichung beleuchtet beide, den, auf den sie zielt, und den, der zu ihr dient. Indem jene Schriftstelle eben dies hervorhebt, dass das Priestertum, von dem sie spricht, kein Ende findet, so ergibt sich daraus auch für Melchisedek das Große, dass er Priester bleibt in Ewigkeit, V. 3, und das ist der Grund, weshalb er und nicht Aaron zum Bilde Christi wird.

Wenn uns hier Melchisedek als eine hohe und erhabene Gestalt vorgestellt wird, so haben wir hierbei zuvörderst dies festzuhalten: dies alles wird von ihm nur um Christi willen ausgesagt. Der Brief will uns nicht zu Melchisedek führen, sondern zu Jesus, und heißt uns nicht auf Melchisedek trauen, sondern auf Jesus allein. Vom unvergänglichen Priestertum Melchisedeks ist nur darum die Rede, damit wir in Christo unseren ewigen Priester sehen. Warum rühmt er denn Melchisedek so hoch? Darum, weil es in seinen Augen eine Ehre ist, zum Bilde Christi gemacht zu werden und dem Sohne Gottes verglichen zu sein. Die Größe des Urbilds verlangt ein großes Abbild. Darum ist's ihm allerdings daran gelegen, uns die Größe Melchisedeks vorzuführen, weil sich in ihm nach der Schrift die Herrlichkeit Christi gespiegelt hat.

Was meint er aber, wenn er Melchisedek ein immerwährendes Priestertum zuschreibt? Vielleicht würde er uns hierauf antworten: auf diese Frage habe ich selbst keine Antwort; genug, dass das Schriftwort solches sagt: ewig Priester wie Melchisedek - was fragt ihr mehr? Vielleicht hat er sich aber doch auch weitere Gedanken darüber gemacht.

Sicherlich meint er es nicht so, dass er Melchisedek als ein himmlisches Wesen betrachtete, das nur zeitweilig in irdischer Gestalt erschienen sei. Darauf führt weder im Alten Testament noch hier irgendein Wort. Drei Männer sind miteinander verglichen, Aaron, Melchisedek, Jesus. Zwischen Aaron, dem Menschen, und Jesus, der Fleisch und Blut annahm wie wir, steht sicherlich nicht Melchisedek der Engel. Es gehört ja nach 5, 1-4 wesentlich zum Priestertum, dass der Priester aus den Menschen genommen werde, wie denn Jesus gerade darum Priester ist, weil er uns in allem gleich geworden und in die menschliche Versuchung und das menschliche Leiden und Sterben eingegangen ist. Nach all dem kann uns nicht ein Priester als Jesu Bild bezeichnet werden, der nur als vorübergehende Erscheinung in menschlicher Gestalt aufgetreten wäre.

Zwei Wege sind möglich. Entweder denkt der Brief: Melchisedek ist auch über seinen Tod hinaus unter den verstorbenen Gerechten Priester. Was er auf Erden getan hat, setzt sich nicht mehr in irdischer Form, wohl aber in einer höheren Lebensstufe fort. So lesen wir V. 8, dass Melchisedek das Zeugnis habe, er lebe. Dieses Zeugnis empfängt er in jenem Wort des Psalms. Allein damit würde die Stelle in ein Gebiet übergreifen, das sonst von der Schrift nicht berührt, sondern absichtlich gemieden wird, nämlich in die Frage, wie sich das menschliche Leben jenseits fortsetzt, wie unsere Stellung und unser Beruf drüben zusammenhängt mit dem, was wir auf Erden waren.

Das Wort über Abels Blut, 11, 4. 12, 24, weist uns einen anderen Weg. Der Brief sagt von demselben: es rede noch. Es ruft auch heute noch nach dem Richter, der das dort geschehene Unrecht wieder gut macht. Es ruft, bis Abel mit der Auferstehung zum ewigen Leben den vollen überschwänglichen Ersatz gefunden hat für das, was ihm verloren ging. Ähnlich könnte hier auch Melchisedeks Priestertum betrachtet sein als eine fortwirkende Tat, die nicht der Vergangenheit verfallen ist, sondern ihre bleibende Bedeutung hat. Das Psalmwort zeigt, dass sein Priestertum vor Gott nicht vergessen, sondern gegenwärtig ist; das gibt ihm fortdauernde Wirkung und Gültigkeit. Da, wo der Lauf der Welt mit Gott in Beziehung kommt, ergibt sich für die irdische Zeit eine doppelte Folge. Die Zukunft rückt heran und reicht schon in die Gegenwart hinein, und die Vergangenheit rückt auch heran und verschwindet nicht und löscht nicht aus in nichts. Die Zukunft wird in gewissen Sinne schon Gegenwart; denn Gottes Auge sieht sie und in seinem Willen ist bereits begründet, was kommen wird. Die Vergangenheit zerfällt nicht, denn was vor Gott und für ihn geschehen ist, das ist für immer geschehen und erhält sich zu bleibender Frucht. Wenn Melchisedek einst für Abraham als priesterlicher Mittler vor Gott trat und ihn mit Gottes Namen segnete, das wirkt fort in Unvergänglichkeit. Gott hat jene Segnung bestätigt und sein Amen zu ihr gegeben; seine priesterliche Bitte ist an- und aufgenommen, so dass er vor Gott auch heute noch als Priester steht.

Nun greift der Brief weiter auf die Geschichte 1 M. 14 zurück, auf die auch das Psalmwort zurückweist, und zeigt uns auch aus ihr die Größe Melchisedeks, um deren willen er zum Gleichnis Christi dient. Dabei sind ihm zunächst seine Namen von Gewicht: er heißt König der Gerechtigkeit und König des Friedens. So sagt sein Name, was Christus in Kraft und Wahrheit ist. Aber hieß denn seine Stadt nicht von alters her Salem? und kann nicht sein Name Melchisedek ihm aus einem zufälligen Anlass gegeben worden sein? Gewiss! nicht darum handelt es sich, was diese Namen für Melchisedek oder die Leute um ihn her bedeuteten, sondern nur darum, dass diese Titel das ausdrücken, wozu Jesus das Wesen hat und gibt. Nicht abgesehen von Christo, sondern erst in der Vergleichung mit ihm erhält das alles Bedeutsamkeit. Und da hört für unseren Brief der Zufall auf. Wenn der, welcher zu Christi Bild wird, König der Gerechtigkeit und des Friedens heißt, so sieht er hierin göttliche Fügung und Weisung, die uns zeigt, was uns in Christo gegeben ist.

Sodann wird Melchisedek ohne irgendeine Angabe über Vater und Mutter und Geschlecht in die Erzählung eingeführt, während z. B. die Erzväter alle sorgfältig in ihren Geschlechtszusammenhang eingereiht werden. Melchisedek dagegen steht für sich allein da, wie anders, als der levitische Priester, bei dem die erste Frage ist, wenn er zum Altare treten will: wie hieß dein Vater? war er aus Aarons Geschlecht? wie hieß deine Mutter? war sie eine reine Jungfrau aus Israel nach dem Gesetz? wo ist dein Stammbaum? weist er ohne Lücke und Zweifel deine priesterliche Abkunft nach? Davon hing für den Sohn Aarons sein Priesterrecht ab, nicht aber für Melchisedek. Und auch hierin trägt er Christi Bild, der sein Priestertum nicht vom Vater, noch von der Mutter hat, noch kraft seines Geschlechtsregisters erbt; denn es haftet an ihm allein, an seiner Person, an dem, was er in sich selbst ist und vermag. Dieser persönliche Besitz des Priestertums, so dass es nicht als Erbe auf dem Wege natürlicher Abstammung erlangt wird, macht Melchisedek wiederum geschickt, uns darzustellen, was Christus ist.

Weiter gibt die Schrift auch keine Angabe über seine Lebensdauer und berechnet die Zahl seiner Jahre nicht, während sie bei den Vätern sorgfältig angegeben wird, eben weil es hier auf eine sich ablösende Reihe von Geschlechtern ankommt. Melchisedek dagegen hat weder Vorgänger noch Nachfolger und wird nicht in eine Reihe von anderen Priestern eingefügt. So wird auch Jesus von niemand abgelöst und tritt seinerseits an keines anderen Stelle, sondern umfasst mit ewigem Leben und unvergänglicher Kraft alle Geschlechter und den ganzen Weltlauf, und vollbringt ein ewiges Werk, das für alle gültig ist.

Endlich ist auch das Verhältnis, in das sich Abraham zu Melchisedek stellt, bedeutungsvoll, V. 4-10. Wer scheint höher und Gott näher zu stehen als Abraham? Er ist's ja, der die Verheißung empfing. Und dennoch zeigt uns die Schrift einen Mann, den Abraham über sich erhebt, vor dem er sich beugt, den er als seinen Priester zwischen sich und Gott stellt. Denn er gibt ihm den Zehnten von der Beute, den er Gott weihen will, und empfängt dafür die Segnung von ihm. Auch hierin ist Melchisedek Christi Bild und bezeugt, dass Christus mit seinem priesterlichen Amt und Werk über dem Samen Abrahams steht und über dem Priestertum, das diesem gegeben war.

Allerdings hat auch der levitische Priester das Recht, den Zehnten zu empfangen, und steht hierin zunächst Melchisedek gleich. Dennoch reicht seine Ehre nicht an diejenige Melchisedeks heran. Denn zwischen den Leviten und denen, die ihnen den Zehnten geben, besteht kein wesentlicher Unterschied. Sie sind allzumal Söhne Abrahams und stammen aus demselben Blut und stehen im selben Bunde mit Gott. Es ist nur das Gesetz, welches den Leviten vor seinen Brüdern aussondert und ihm das Recht verleiht, den Zehnten zu fordern, V. 5. Der Grund liegt nicht in ihm selbst. Aber Melchisedek empfing seine Ehre nicht durch das Gesetz, denn er gehört nach seinem Geschlechtszusammenhang nicht zu demjenigen Geschlechte, dem das Gesetz die priesterliche Ehre gab. Es beugt sich ja schon Abraham vor ihm, der Vater des Volks, dem Gott die Verheißung und das Gesetz gegeben hat.

Sodann empfängt der levitische Priester seine Ehre nur für eine kurze Frist. Er stirbt dahin und ein andrer tritt an seine Stelle und sein Priesterrecht geht in fremde Hände über. Hier dagegen steht der, dessen Name in der Schrift und dessen Person vor Gott lebendig blieb, dem also die priesterliche Ehre und Macht nicht mehr verloren ging, V. 8.

Ja, schließlich drückt die Beugung Abrahams vor Melchisedek auch die Unterordnung des levitischen Priesters unter ihn aus. Denn der Sohn ist nicht über dem Vater, und was dieser tut, setzt die Stellung des Sohnes fest. Er stammt ja aus ihm und hat sein Dasein aus ihm, V. 9. So erkennen wir nun, warum die Schrift Christus nach Melchisedek genannt hat. Sie wollte ihn damit über die alten Hohenpriester erhöhen und uns von Aaron wegweisen und abziehen allein zu Christo hin.

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