Schlatter, Adolf - Der Hebräerbrief - Kap. 12, 1-29. - Der christliche Glaubensweg.

Schlatter, Adolf - Der Hebräerbrief - Kap. 12, 1-29. - Der christliche Glaubensweg.

Auch wir sind zum Glauben berufen. Denn auch uns locken gehoffte Dinge, die wir jetzt noch nicht ergreifen und in unsere Hand bringen können, die aber unser Verlangen erfassen und an sich ziehen, so dass es sich nach ihnen streckt. Aber nun gilt es, dass dasselbe über alles andere Trachten der Seele die Oberhand gewinne und kein andres Ziel aufkommen lasse neben dem einen, welches uns die Verheißung zeigt, so dass unser ganzes Leben und Handeln ihm zustrebt und ihm entgegenführt. Das verlangt Wachsamkeit und Anspannung, die der Anstrengung des Läufers vergleichbar ist, der im Weltlauf in der Rennbahn das Ziel zuerst erreichen will und jetzt keinen anderen Willen hat als diesen einen, das Ziel zuerst zu gewinnen, und dafür seine ganze Kraft einsetzt.

Da heißt es jede Bürde abzutun, V. 1. Es tritt ja kein Wettläufer mit einer Last auf dem Rücken in die Bahn. Wir empfinden selbst im inwendigen Urteil des Geistes, was als Belastung auf uns drückt, was unsere Hoffnung schwächt und den Fleiß ihr entgegenzustreben bricht, womit wir uns von ihr abwenden und entfernen. Was sich so als beschwerende Bürde in unserem Gewissen spürbar macht, davon gilt: lege es ab, und sei es an sich selbst noch so erlaubt und angenehm. Eins aber lässt sich nennen, was unter allen Umständen und für alle die Verhinderung unseres Laufs bewirkt und ihn misslingen lässt. Das ist die Sünde. Sie ist der Todfeind unsres Hoffens und das Widerspiel und Gegenteil zum Streben nach dem verheißenen Gut. Sie umringt uns, sagt der Brief. Er hat auch diesen Ausdruck aus der Vergleichung des Christenlebens mit einem Wettlauf geschöpft. Es ist, wie wenn ein Läufer in dichtem Gedränge stünde, so dass er sich erst freie Bahn machen muss, damit er laufen kann. So vertritt uns die Sünde den Weg von außen und von innen und es handelt sich um männlichen durchgreifenden Ernst, soll unser Lauf nicht stille stehen.

Wie laufen wir? Durch Geduld. Von der Notwendigkeit der Geduld ging die Glaubensmahnung aus, 10, 36; zur Geduld kehrt sie zurück. Alle Stärkung und Mehrung unseres Glaubens hat darin ihr Ziel und ihre Frucht, dass sie uns mit Geduld begabt. Den Wettkampf laufen durch Geduld! wie bedeutsam sticht diese Erläuterung vom gebrauchten Bilde ab! Der Wettlauf malt uns die erregteste Bewegung vor. Da ist jede Faser des Leibes gespannt und er fliegt die Bahn entlang; kein Augenblick wird mit Ruhen versäumt; da ist lauter Bewegung, glühende Eile, vorwärts drängende Kraft. Nun heißt das erläuternde Wort, das uns angibt, wie wir diesen Lauf vollziehen: Geduld, stille halten, ruhig und aufrecht stehen unter dem Druck, der auf uns liegt. Das, sagt uns der Brief, bringt euch vorwärts; das ist euer Lauf zum Ziel. Dazu braucht eure ganze Energie. Ihr habt sie nötig, wenn ihr geduldig sein wollt. Geduld auf Christi Weg ist nicht Schwäche; sie wird nur bewahrt, wenn wir alle Kraft zusammennehmen. So verflicht unser Brief die Beharrung und die Bewegung, das Stillestehen und den Lauf aufs Engste miteinander. Im Christenlauf hat keine unordentliche Unruhe Raum und die Niederlegung jeder Last bedeutet nicht die Flucht vor der Aufgabe, die uns drückt. Deshalb ist die Geduld, die wir beweisen sollen, das Gegenteil jener Nachgiebigkeit, wie sie die willenlose Schlaffheit übt, und die Energie, die wir an unseren Christenberuf setzen sollen, das Gegenteil jener heißen Ungeduld, die über alle Schranken springt. Vielmehr weil wir uns innerlich kräftig nach vorn bewegen, darum stehen wir fest unter unserer Last, und weil wir unerschütterlich unter unserer Bürde bleiben, dadurch bewegen wir uns hin zu unserem Ziel.

Der Blick auf die Alten gibt uns hierzu Willigkeit; denn sie umgeben uns als eine Wolke von Zeugen, V. 1. Oben war gesagt, dass sie das Zeugnis Gottes empfangen hätten; nun richten sie an uns ein Zeugnis aus. Darum weil Gott für sie gesprochen hat, reden sie nun auch zu uns als Zeugen von des Glaubens Art und Lohn. Schwerlich sind sie deshalb Zeugen genannt, als sähen sie unserem Laufe zu. Das Zuschauen macht noch nicht zum Zeugen. Das Wort macht den Zeugen, womit er von dem spricht, was er selbst gesehen hat. Sie haben es erlebt, was der Glaube ist und kann, und rufen uns eben dadurch in dieselbe Bahn, und wehren jedem Zweifel und der Mattigkeit und machen uns zum Glauben Mut. Sie umringen uns; denn, ob sie auch der Tod wegnahm, so ist doch ihr Zeugnis nicht verstummt, sondern zu uns gedrungen, und dadurch sind sie uns gegenwärtig und werden uns zur Glaubensmahnung und Ermunterung.

Unser Auge ist jedoch nicht auf sie, sondern auf Jesus gerichtet. Beim Wettlauf fällt auch dem Auge eine wichtige Rolle zu. Es hat unverrückt auf das Ziel zu sehen. Wir schauen bei unserem Lauf auf Jesus, und dadurch bleiben wir auf dem Glaubensweg, da er der Anfänger und Vollender des Glaubens ist, V. 2.

Er ist der Anfänger des Glaubens: das versetzt ihn nicht bloß an die Spitze der Glaubenden als deren erster, sondern leitet den Glauben derer, die ihm folgen, von ihm und seinem Werke ab. Gleichwie er nicht bloß deswegen der Herzog und Anfänger unserer Seligkeit heißt, vgl. 2, 101), weil er selbst zuerst die Seligkeit erlangt hat, sondern darum, weil er sie auch uns erworben hat, so heißt er hier der Bahnbrecher und Vordermann des Glaubens, weil er auch uns zum Glauben beruft und führt. Er ist dessen Urheber, weil er unseren Lebenslauf so eingerichtet hat, dass er ein Lauf im Glauben ist, nicht im Schauen, aber auch nicht in der Hoffnungslosigkeit und Angst, sondern in jener Gewissheit, welche die Gabe Gottes vor sich sieht, so dass wir sie ergreifen können. Jesus hat uns zu solcher Zuversicht Recht und Grund verschafft. Er hat uns jene Dinge erworben, die wir hoffen, die wir zwar noch nicht sehen, deren wir aber dennoch in ihm gewiss sind, und bei denen wir um seinetwillen verharren dürfen. Er hat uns die zukünftigen Güter nahe gebracht als das uns vorgesteckte Ziel, nach welchem wir in Geduld laufen können mit dem Einsatz unserer ganzen Kraft. So ist der Glaube Jesu Gabe an uns.

Er reicht uns den Glauben vollkommen dar als dessen Vollender. Denn durch ihn erhält er seinen vollen Inhalt und seine ganze Kraft. Denn das ganze Gut des Himmelreichs ist uns in ihm aufgetan, und die allerhöchste Gottesverheißung uns in ihm vorgehalten, und dies alles hat er uns so nahe gebracht und so fest und sicher zu unserem Eigentum gemacht, und alles, was uns davon trennt, so mächtig und siegreich überwunden und abgetan, dass wir nun glauben dürfen und können mit einer völligen Zuversicht, und zum Wandel in derselben vollkommen ausgerüstet sind.

Die Gedanken der jüdischen Christen waren also sehr töricht, wenn sie bei Christus etwas andres suchen wollten als Glaube, und sich einredeten, für Christus zieme es sich nicht, Glauben von denen zu fordern, die zu ihm herzutreten. Nein! gerade das ist sein Werk, dass er uns in den Glauben stellt, und das seine Größe und Herrlichkeit, dass er es vollkommen tut. Hierin steht sein Unterschied von den alten Männern Gottes. Er ist nicht nur einer unter den vielen Zeugen, die des Glaubens Art und Kraft erweisen, sondern dessen Urheber, der macht, dass wir im Glauben das himmlische Gut ergreifen. Und während auch vom Glauben der Alten das Wort gilt, dass das Gesetz nichts zur Vollendung brachte, weil es die höchste und größte Hoffnung noch nicht darreichen konnte, ist nun durch Jesus der Glaube zu seinem reifen und ganzen Maß gebracht.

Wollte jemand fragen: wie denn Jesus der Anfänger des Glaubens sein könne, während doch von der Weltschöpfung her alle Alten Glauben übten und durch ihn die Gaben Gottes empfingen, so würde unser Brief antworten: wer hat Gottes Haus bereitet? ist's nicht Christus? So ist auch den Alten von Anbeginn an durch ihn das unsichtbare Gut vorgehalten und die Hoffnung dargeboten worden. Er ist der alleinige Mittler der Menschen mit Gott, durch den auch die Alten auf Gottes Gnaden und Gaben gegründet und derselben gewiss und froh geworden sind. Schon die Alten empfingen seine Gaben, ob sie ihn auch noch nicht kannten. Nun aber, nachdem er erschienen ist und wir ihn selber kennen, kam der Glaube zur Vollkommenheit.

Er hat uns mit seinem eignen Lebensgang den Glaubensweg vorgezeichnet. Er trat auch hierin an unseren Ort in unsere Stellung, und mutet uns nichts zu, was er nicht in höchster Weise selber auf sich nahm. So schließt er sich der Reihe der Zeugen an, die uns zum Glauben aufrufen. Vor ihm lag Freude, die Freude des Sohns, der mit dem Vater alles teilen und in die Herrlichkeit und Macht Gottes greifen darf und sich mit ihr von Leid und Ohnmacht freizuhalten vermag. Dieser Freude entsagte er. Er entäußerte sich selbst; er wollte leiden, er erwählte das Kreuz. Das ist eine ähnliche Wahl, wie wenn Abraham das Vaterland mit der Fremdlingschaft und Mose die Ehre und Schätze Ägyptens mit dem Ungemach Israels vertauscht, nur noch unermesslich größer und gewaltiger. Denn hier handelt es sich nicht nur um den Verzicht auf eine irdische Heimat und auf eine Ehre, die täuscht und zerrinnt, weil sie mit Sünde erkauft worden ist, sondern Jesus entsagt wahrhaftiger, bleibender und vollkommener Freude, wie sie allein der Sohn aus dem Vater schöpfen kann. Das ist die unermessliche Tragkraft seiner Liebe; solcher Selbstverleugnung in freier Entsagung war dieselbe fähig.

Es wird nicht wie von den Alten, so auch von Jesus geradezu gesagt: durch Glauben ertrug er das Kreuz. Denn seine Stellung zu Gott und seinem unsichtbaren Reich ist eine andere als die unsrige. Er stand nicht in unserer Entfernung von Gott und unter der Verhüllung, die für uns über allem liegt, was Gottes ist, so dass wir eine Überführung vom Unsichtbaren nötig haben, die unsere Einreden niederschlägt, und einer Bindung an Gottes Gaben bedürfen, damit wir fest bei ihnen stehen. So glauben, wie es 11, 1 beschrieben ist, ist des Sünders Sache, der von Gott gewichen und geschieden ist. Unser Glaube ist die Überwindung eines inneren Zwiespalts und der Sieg in einem Kampf, der nicht im Sohne Gottes ist. Darum ist das, was er tut, unserem Glaubensweg wohl ähnlich, doch nicht völlig gleich. Doch das, was er tut, ist nicht kleiner, sondern unendlich größer als das, was uns obliegt. Wie sollen wir es auch nur in Gedanken fassen, wie groß seine Entsagung war?

Der Ausgang Jesu zeigt uns aber auch dies, dass uns der Glaube nicht täuscht. Er hatte Recht, die Schande des Kreuzes nicht zu achten, und es sich wohlgefallen zu lassen, dass sein Name nun für immer laute: der Gekreuzigte, und er aller Welt bekannt werde im Kreuzesbild. Das war der Weg, der ihn zum Throne Gottes führte. Seine Erniedrigung hat ihn erhöht und seine Entsagung ihn reich gemacht.

Der gekreuzigte Christus! welch' eine Flut von Spott und Einreden erweckte das in der jüdischen und heidnischen Welt. Allerdings erfährt der Glaube Widerspruch, und er wird ihn immer erfahren. Aber sollen wir uns vor demselben fürchten und uns durch ihn erweichen lassen? Jesus hat uns gezeigt, wie wir uns zu verhalten haben. Welchen Widerspruch ertrug er von den Sündern gegen sich! Das war Jesu Leiden sein Leben lang. Sie redeten ihm beständig drein, von links und rechts, die Freunde und die Feinde. Sie hatten alle an ihm zu tadeln, zu meistern, zu zweifeln, zu schelten. Es fehlte ihm in ihren Augen alles, Macht, Beruf, Ernst, Frömmigkeit. Sie kannten Gott viel besser als er, und waren viel geistlicher und frömmer als er. Sie mussten Gottes Ehre und Reich gegen ihn verteidigen und hängten ihn darum ans Kreuz. Jesus lässt sie widerreden. und geht ruhig seinen Gang durch den Tod zur Herrlichkeit. Und doch waren sie Sünder! Wie peinlich und widerwärtig wird dadurch ihr Widerspruch. Der Sünder schweige doch! Statt dessen widerreden sie in schamlosem Übermut. Und Jesus verschließt ihnen in seiner Geduld den Mund nicht, fürchtet sich aber auch vor ihren Einreden nicht, sondern bleibt mit fester Beharrung auf Gottes Weg. Macht es ihm nach! sagt der Brief. Wer ist euch Autorität, der eine Heilige oder die Tausende von Sündern, die ihm widerreden? Was beweist eines Sünders Wort? Was weiß er von Gott? Als verdiente ein Sünder Glauben!

Das Leiden, das mit dem Christenlauf verbunden ist, darf uns kein Hindernis des Glaubens sein und ist kein Gegengrund gegen unsere Zuversicht, V. 4-11. Der Brief erinnert seine Leser daran, dass der schwerste Kampf ihnen bisher erspart geblieben ist. Ihr Blut ward noch nicht von ihnen gefordert. Gott hat sie schonend geführt. Und doch sollen sie sich auch, wenn es das Leben gilt, willig erfinden lassen ohne Murren. Wie könnten sie aber das Große tragen, wenn sie bei den kleinen Opfern ermatten? Ihr Leiden ist ein Kampf gegen die Sünde, und auch dieses Wort hat aufrichtende, tröstende Kraft. Es hält uns die Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit des Leidens vor. Mit der Sünde ist kein Friede möglich; vor ihr dürfen wir nicht zurückweichen, ihr den Sieg nicht lassen. Ihr muss widerstanden sein, was immer es uns kosten mag.

Dabei ist der Wechsel im Ausdruck, wenn wir auf den dritten Vers zurückblicken, bedeutsam. Jesus leidet unter dem Widerspruch der Sünder; wir kämpfen im Leiden gegen die Sünde. Das Schlachtfeld ist ein anderes geworden. Jesus wird von außen durch die Sünde angefochten; sie tritt ihm in den Sündern um ihn her entgegen. Auch wir leiden unter dem Widerstreit der Sünder um uns her; aber unser Kampf ist nicht bloß ein Widerstreben gegen die fremde, sondern auch gegen die eigene Sünde. Mit der Einrede von außen verbündet sich der Zug des eigenen Herzens und die eigene Begier stimmt jener bei. Sind wir zum Leiden willig, so widerstehen wir beiden zugleich und dämpfen sie. Umso weniger können wir uns dem Leiden entziehen. Gegen unsere Sünde dürfen wir nicht feige sein. So ist uns ja das Leiden heilsam und dienlich, weil es uns reinigt und von unserem allerschlimmsten Feind befreit.

Wollen wir in solchem Kampfe aufrecht bleiben, so darf freilich unser Glaube nicht wanken. Wir müssen auch dann Gottes und seiner Gnade gewiss sein und seine Gaben vor uns sehen. Es ist jedoch nur unser stumpfer, für die Tröstung Gottes vergesslicher Sinn, welcher im Leiden eine Beeinträchtigung des Glaubens sieht. Schon im Eingang zur ganzen Betrachtung über den Glauben und seine Macht sprach der Brief vom Leiden um Christi willen als von einer Stärkung und Mehrung unserer Freudigkeit, weil es die Echtheit und Rechtschaffenheit unseres Christenstands bewährt, 10, 32-35. Nun ergänzt und vertieft er jene Betrachtung. Nicht nur wir bewähren im Leiden unseren Christenstand, auch Gott bewährt durch dasselbe an uns seinen väterlichen Sinn, V. 5. Wir dürfen uns um des Leidens willen getrost an Gott halten; denn Gott verhält sich mit demselben väterlich zu uns und erweist uns damit seine Güte und bezeugt uns durch dasselbe, dass wir seine Kinder sind. So bricht das Leiden den Glauben nicht, sondern befestigt ihn. Wir dürfen im Leiden selbst einen Beweggrund sehen, der uns in ein kindliches Vertrauen zu Gott stellt.

Der Brief zeigt uns dies mit dem Wort der Schrift Spr. 3, 11, welches uns den Zweck des Leidens dahin erklärt: es dient uns zur Zucht. Es ist Gottes Gegenmittel gegen die Sünde, mit welchem er uns von ihr befreit und vor ihr bewahrt. Eben darum ist es nicht der Bote seines Zorns, sondern seiner Güte. Der Zorn begräbt in die Sünde, die Güte Gottes löst und reinigt von ihr. So ist das Leiden auch nicht Ausschluss und Verstoßung aus Gottes Gemeinschaft und Reich, vielmehr unsere Bereitung zu demselben, durch welche uns Gott als seine Kinder kennzeichnet.

Ihr könnt, sagt der Brief, nimmermehr wünschen, dass ihr nichts leiden müsstet. Dann hättet ihr Grund zum Zweifel, ob ihr Gottes Kinder seid. Dann müsstet ihr euch fragen, ob Gott eurer nicht achte und sich eurer nicht annehme, weil er euch die Zucht nicht gewährt, deren ihr bedürft, und deren alle gewürdigt worden sind, welche er zu sich berief. Dann müsstet ihr euch für unechte Kinder Gottes halten, die zwar den Namen und Schein von Kindern Gottes haben, da ihr ja in der Gemeinde Christi steht, die es aber in Wahrheit nicht sind, nicht aus Gott geboren und nicht von ihm anerkannt.

Setzt doch, mahnt der Brief weiter, Gott nicht unter eure irdischen Väter herab. Ihr habt dieselben deswegen nicht für eure Feinde gehalten, weil sie euch unter ihre Zucht stellten, und sie deshalb nicht verlassen und gehasst; sie blieben eure Väter, die ihr achtetet und ehrtet. Wollt ihr Gott verlassen und ihm widerstreben, weil er euch dieselbe Wohltat erweist? Gott ist größer als jene. Jene sind die Väter eures Fleisches, Gott ist der Vater der Geister. Jenen verdankt ihr eure natürliche Existenz; was aber als Geist in eurem natürlichen Wesen lebt und euch ins himmlische und ewige Wesen erhebt, das habt ihr nicht von ihnen; das stammt aus Gott. Es ist nicht nur ein Bild, wenn ihr ihn Vater heißt. Ihm kommt dieser Name in viel höherer Wahrheit zu als euerm menschlichen Vater. So ist auch seine Zucht viel größer und köstlicher. Eure Väter züchtigten euch für wenige Tage. Dann entwuchst ihr ihrer Zucht, und auch wenn sie der Tod nicht von euch trennte, so war doch ihre erziehende Arbeit an euch zu Ende und sie hatten nicht mehr die Mittel und die Macht, in euer inwendiges Leben einzugreifen und Böses von euch fernzuhalten. Und auch das, was ihr durch ihre Zucht zeitlebens behieltet, ist doch nur für die kurze Frist eurer irdischen Existenz von Wert. Den innersten Kern eures Herzens erreichten ihre Zuchtmittel nicht. Sie konnten euch nicht zum Glauben erwecken, und Gott nicht untertan machen. Nur von denjenigen Erscheinungen und Äußerungen der Sünde, die sich im Verkehr der Menschen untereinander zeigen, konnten sie euch durch ihre Zucht trennen. Sie mussten sich dabei von ihrem Gutdünken leiten lassen. Und wenn sie es auch in bester Meinung taten mit aller väterlichen Treue, so geschah es doch immer mit dem beschränkten Blick und der tastenden Hand eines Menschen, der bald straft, wo es nicht nötig ist, bald ungestraft lässt, was verderblich ist und mit Schärfe weggeschnitten werden soll. Gottes Zucht steht über all dieser Mangelhaftigkeit. Sie begleitet euch durch euer ganzes Leben, wirkt eine unvergängliche Frucht, ist geordnet nach seiner vollkommenen Weisheit und erhebt euch zum höchsten Ziel, zum Anteil an der Heiligkeit, die er hat und gibt. Wer seiner Zucht sich unterwirft, wird Leben.

Freilich schmerzen Gottes Schläge. Sie wären nicht Zucht und brächten uns nicht Hilfe gegen unsere Bosheit, wenn sie uns nicht weh täten. Sie bringen uns zunächst auch nicht den Frieden, sondern Unruhe, Kampf und Erschütterung. Aber sie bringen uns dadurch Übung und die Übung stärkt, und das Ende ist der Friede in der Gerechtigkeit. Als er oben von der Unlust der Leser zum Hören sprach, rief er ihnen zu: es handelt sich um das Wort der Gerechtigkeit! V. 13. Hier wo er von ihrer Unlust zum Leiden redet, ruft er ihnen zu: es handelt sich um die Frucht der Gerechtigkeit. Auf die Liebe zur Gerechtigkeit greift er hier und dort zurück. Lebt sie als der Grundtrieb in unserem Herzen, so überwinden wir mit ihr jede Unlust und Unwilligkeit. Der ernstere Kampf als der mit dem Leiden bleibt stetsfort derjenige mit der Sünde. Darum folgt auf den Trost, der sie auch im Leiden den Vater erkennen und ehren heißt, ein zur Wachsamkeit mahnendes Wort, V. 12-17. Seid ihr schlaff und müde, fragt der Brief, was soll aus den Lahmen werden? Darum ermuntert euch, damit das Lahme nicht strauchle, vielmehr gesund werde, V. 13. Er stellt die mit müden Knieen wankend und schwankend einhergehenden und die gelähmt nachhinkenden nebeneinander. Diese sind noch schlimmer dran als jene. Und ihre Lage wird vollends trostlos, wenn sogar die, welche gehen können, der Mattigkeit sich hingeben. Dann werden die Gelähmten vollends vom Wege abkommen und liegen bleiben. Wenn ihr aber, sagt die Stelle, frisch und kräftig den Glauben bewahrt und die Hoffnung bekennt, dann vollbringt ihr nicht nur euren eignen Lauf, sondern helft auch den Lahmen und sie werden durch euren Dienst wieder heil. Es ist auch hier, wie 10, 24 u. 25, die Liebespflicht, die er ihnen ans Herz legt. Sie lässt nicht zu, dass wir schwach werden; wir müssen um derer willen, die noch schwächer sind, stark und mutig sein.

Zwei Worte nennen ihnen, worauf sie ihren Fleiß zu richten haben: Frieden mit allen und Heiligung. Friede nennt ihnen das Ziel für ihren Verkehr mit den anderen, und zwar mit allen ohne Unterschied und Ausnahme. Heiligung ist das inwendige Gepräge ihrer eigenen Persönlichkeit, das, was sie für sich selbst zu suchen haben. Jener einigt sie mit den Menschen; diese stellt sie mit Gott in Übereinstimmung und Ähnlichkeit, und macht, dass sie den Herrn sehen werden. Denn mit der Erscheinung Christi hebt für sie in ihm das Schauen Gottes an. Weder der Friede noch die Heiligung lassen sich ohne Fleiß und Mühe gewinnen; zu beidem führt nur ein ernstlicher Lauf.

Die Leser dürfen nie vergessen, dass sie auch in ihrem eignen Kreise keineswegs vor bösartigen Dingen gesichert sind, dass die Gnade auch da, wo man sie kennt und rühmt, versäumt werden kann, dass unter ihnen, so gut wie in Israel, vergl. 5 M. 29, 18, eine Wurzel der Bitterkeit, ein Gewächs mit bitterem Saft und bitterer Frucht sich befinden kann, welches alles um sich her vergiftet. Wir Menschen sind und bleiben füreinander gefährlich. Die Gemeinschaft, in die wir miteinander treten, kann uns sicherlich zur höchsten Förderung dienen; aber sie kann auch zu unsrem Schaden ausschlagen, indem wir einander innerlich zurückhalten, verwirren und beflecken. Es gilt darum bei allem christlichen Gemeindeleben stete Achtsamkeit, damit es sich nicht in sein Gegenteil verkehre und den christlichen Ernst und die Lauterkeit, statt ihnen zu dienen, verderbe.

Der Brief macht auf die unreine Entzündung der geschlechtlichen Lust als auf einen stets vorhandenen und besonders gefährlichen Feind aufmerksam, V. 16. Er versteckt sich und ist zäh und schwer zu beseitigen und zerrüttet das ganze geistige Leben des Menschen schlimm. Damit stellt er die profane Geringschätzung des Heiligen zusammen. Wie die Unzucht den Leib in seinen höchsten Funktionen missbraucht und entweiht, so gibt es auch eine Entweihung des Geistes, bei der das Göttliche uns gemein wird und in den Kot heruntersinkt. Esau gibt hierfür ein sprechendes Bild mit seiner Verachtung der Erstgeburt, weil ihn die Schüssel Jakobs kitzelt. Was soll sie ihm? Er muss ja, sagt er, doch einmal sterben; so kommt schließlich alles auf eins hinaus. Das Bild warnt die Matten, denen ihre Berufung gleichgültig wird und die Gabe Jesu verächtlich scheint, auch nur wegen eines Linsengerichts!

Zum dritten Mal werden wir daran erinnert, dass wir uns unheilbar verderben und für immer fallen können, und auch dazu ist Esau eine Veranschaulichung. Er hat die Erstgeburt mit Wissen und Willen verkauft; den Segen des Vaters dagegen will er festhalten. Aber er bekommt ihn nicht. Derselbe geht ihm nun auch verloren, ohne dass er es weiß und will. Nun weint er freilich und es reut ihn nicht bloß, dass er jetzt um den Segen kam, sondern auch, dass er früher die Erstgeburt verkaufte. Zweimal, klagt er, hat mich Jakob betrogen! Er möchte nun gern, er hätte nicht getan, was er getan hat; aber nun ist's zu spät. Man hat die Stelle in verschiedener Weise zu mildern gesucht; allein die Worte werden schwerlich etwas andres sagen, als dass Esau zwar seine Umkehr mit Tränen suchte, aber sie nicht fand. Das Neue, was zu den beiden früheren warnenden Worten hinzukommt, besteht doch nur in der Erinnerung, dass wir bei solchem Fall keineswegs stumpf und unempfindlich bleiben, sondern in tiefe Neue und großen Jammer sinken können, aber in eine ohnmächtige Reue, die doch nicht zum Ziel gelangt und uns nicht aufrichtet, sondern sich in dem Wunsch verzehrt: ich wollte, ich wäre ein anderer als ich bin! Solche Neue ist der Sold der Sünde und Gottes Gericht über sie. Da wird dem Menschen die Erkenntnis seiner Sünde allerdings gegeben, aber als Strafe, und das Licht dringt in seinen Geist, aber quälend, so dass es zum brennenden Feuer wird. Es wird auch durch dieses Wort nicht zweifelhaft, dass Gott keine bußfertige Bitte verwirft. Denn das unselige in jener Neue ist gerade dies, dass all ihr Elend den Trotz doch nicht bricht und das Begehren doch darauf gerichtet bleibt: weg von Gott! oh, dass ich ihn vergessen könnte! wie denn in Esaus Buße tiefer Zorn und Grimm lodert. Er wollte wohl, er hätte anders gehandelt und er könnte ungeschehen. machen, was er tat; nun ist es aber geschehen, so soll es Jakob büßen! und er greift zum Schwert. Unsere Stelle sagt mit tiefem Blick in das Inwendige jener Geschichte: er fand die Buße nicht, so sehr er sie wünschte und so leid es ihm tat.

Nun wird noch einmal das, was der neutestamentlichen Gemeinde gegeben ist im Unterschied von dem, was Israel empfangen hat, in einen großen Überblick zusammengefasst, V. 18-29. Was der alte Bund war, zeigt sich an seinem Gründungstag, am Sinai. Dort ist wohl Offenbarung der Majestät Gottes, aber sie offenbart sich nur an irdischen Dingen und Kräften, am Berg im Feuer und Sturm, und es ist eine schreckende Majestät, die den Menschen nicht zu sich herannahen lässt. Kein Tier, geschweige denn ein Mensch, soll den Berg berühren, und unter dem Schrecken dieses Worts weigert sich das Volk, Gottes Stimme zu hören, und auch Mose erbebt.

Für uns trat an die Stelle des Sinai der Zion. Da bleiben wir ja, wie es scheint, auf dem Boden des Alten Testaments. Allein vom Zion geht die Verheißung aus. Auf dem Zion wohnt der gesalbte König, dem das Reich verheißen ist, und auf dem Zion wohnt Gott in seinem Heiligtum, in das der Hohepriester für des Volkes Sünde treten darf. So weist der Name Zion auf den Thron des ewigen Königs und das Heiligtum des ewigen Hohepriesters hin. Zu diesem Zion sind wir hinzugetreten; wir fanden den Ort, wo unser König und Hohepriester wohnt. Hier offenbart sich Gott in andrer Gestalt als auf dem Sinai. Hier finden wir den segnenden und gebenden Gott, der uns zu seinem Thron herzutreten lässt als zu einem Gnadenthron und uns sein Haus öffnet, dass wir als seine Söhne in demselben bleiben dürfen. Darum steht um den Zion her die Gottesstadt, ein Jerusalem, in dem Gottes Volk seine Wohnung empfängt. Wie der Zion, so wird auch das einstige Jerusalem zum Bild und zur Weissagung eines höheren Jerusalems von himmlischer Art. Mit der Stadt fanden wir auch ihre Bürger und sind unter die Glieder dieses Gemeinwesens eingereiht. Es umspannt und verbindet den Himmel und die Erde. Die Scharen der Engel gehören ihm an und die Gemeinde der Erstgeborenen. Jenes sind die himmlischen Glieder dieses Reichs, dieses die irdischen. Dafür, dass hier die Gemeinde Jesu auf Erden als die Gemeinde der Erstgeborenen bezeichnet ist, spricht dies, dass von ihren Namen gesagt ist, sie seien im Himmel aufgeschrieben. Ihr Name, noch nicht ihre Person steht im Himmel. Das ist ihre Ehre und Würde: Gott kennt sie als die seinigen. Ihre Ehre spricht auch ihr Name: Gemeinde der Erstgeborenen aus. Was immer von der übrigen Menschheit an Gottes Gnade und Leben Anteil empfangen wird, sie stehen in seinem Hause als die Erstgeborenen da, die zuerst ins Leben erweckt und mit sonderlicher Gabe und reichem Erbe beschenkt worden sind, als die Erstlinge unter Gottes Geschöpfen, wie Jakobus denselben Gedanken mit einem anderen Bild zum Ausdruck bringt, 1, 18. Der Herr und König dieses Reichs ist Gott, der Richter aller. Warum wird hier hervorgehoben, dass Gott der Richter aller sei, während doch die Stelle uns den Reichtum und die Gnade des Evangeliums vorhalten will? Allein gerade das ist die große Gabe des Evangeliums, dass wir mit unserem Richter versöhnt sind und in seinem Wohlgefallen stehen. Wir handeln ganz verkehrt, wenn wir die Freundlichkeit und Süßigkeit des Evangeliums dadurch erhöhen wollen, dass wir uns die richterliche Majestät Gottes verbergen. Schaue sie nur an, dann wird dir die Gnade groß! Das große Gemeinwesen, in dem wir eingebürgert sind, ist von Gerechtigkeit durchwaltet. Der Richter über alle ist sein Haupt, der allen ihre Stellung und Gabe nach seiner heiligen Rechtsordnung erteilt.

Gottes Reich verbindet nicht nur den Himmel und die Erde, sondern vereinigt auch die Vergangenheit mit der Gegenwart. Der Tod setzt ihm keine Grenzen. Die Geister der vollendeten Gerechten gehören auch dazu. Wenn sie hier anders als 11, 40 vollendet“ heißen, so hat dies darin seinen Grund, dass hier der Blick auf ein anderes Ziel gerichtet ist als dort. Dort war der Gedanke auf Christi ewiges Reich gerichtet, das noch nicht erschienen, sondern auch für die Alten noch künftig ist, wie für uns. Hier wird auf deren Lebenslauf zurückgeschaut, auf ihren Wandel und Kampf auf Erden. Den haben sie vollbracht und stehen in dieser Beziehung am Ziel als die vollendeten, anders als wir, die wir noch mitten in unserer Laufbahn stehen. Aber auch mit ihnen sind wir schon verbunden als die Glieder eines und desselben großen Leibs.

Von den vollendeten Gerechten steigt der Blick zu dem empor, der unter ihnen allen der größte ist, zu Jesus, der im Reiche Gottes nicht nur die Stellung eines Gliedes hat, sondern den Neuen Bund durch sich selbst vermittelt hat und trägt, und neben ihn wird sein Blut gesetzt, durch das er uns das Bürgerrecht in diesem Reich erworben hat. Es ist das Blut der Besprengung, mit welchem er seiner Gemeinde das Zeichen der Heiligkeit gegeben hat, und es ist nicht stumm, sondern spricht mit Gott und mit uns. Es ruft nicht wie Abels Blut den Rächer herbei, sondern den Vater und Geber. Die ewige Liebe gab ihm seine Stimme, und zu ihr spricht es und sie spricht durch dasselbe zu uns. Von ihr erbittet es für uns Vergebung und Erlösung, Leben und Herrlichkeit, und uns verkündigt es, dass sein Begehren erfüllt ist und Gottes Gaben uns gegeben sind.

So haben wir unendlich größeres gefunden, als am Sinai zu finden war. Gottes Reich ist uns aufgetan nach seiner Größe und Weite in seiner himmlischen und ewigen Ausbreitung. Aber auch hier fährt der Brief nach der Regel: je mehr Gabe, desto mehr Ernst. Wir sollen uns warnen lassen durch das, was am Sinai geschah. Noch einmal verweist er uns aufs Wort, V. 25 u. 26. Mit dem Worte fing er an und mit dem Worte endet er. Hört Jesus! lehnt sein Wort nicht ab! das ist die Mahnung, die sich aus dem Blick auf Gottes Reich für uns ergibt. Sie wird uns durch das, was Israel am Sinai tat, ans Herz gelegt. Dort verbat sich das Volk Gottes Rede. Allerdings hat das Gesetz selbst diese Weigerung nicht schon als sündlich bezeichnet. Aber unser Brief macht mit feinem Wink darauf aufmerksam, wie sehr dieselbe mit dem ferneren Verlauf der Geschichte in Einklang steht und denselben einleitet. Angesichts der schreckenden Majestät Gottes sinken sie in eine Furcht, die Gott nicht hören mag. Diese Furcht, die vor seinem Worte flieht, ist sündig, und macht deshalb alsbald, sowie der Schrecken von ihnen weicht, dem trotzigen Murren Platz. Das war der Anfang zum Untergang des alten Israels. Dort wurde das göttliche Wort auf der Erde gegeben. Der irdischen Natur waren die Mittel entnommen, die es dem Volke überbrachten. Euch, sagt der Brief, wird es vom Himmel her gegeben. Nicht am Sinai, nein, erst durch Jesus habt ihr das wahrhaft vom Himmel kommende Wort gehört. Jesus hat auch während seines irdischen Lebens als der Sohn geredet, der sein Wort aus dem Himmel hatte. Der Vater sprach in ihm zu euch vom Himmel her. So erhält Gottes Wort in Jesu Mund seine volle Majestät.

Auch die das Irdische erschütternde Macht, mit der sich Gott am Sinai offenbart hat, fehlt dem Reiche Christi keineswegs, V. 26. Sie wird sich vielmehr bei seiner Erscheinung noch gewaltiger äußern und Himmel und Erde umwandeln. Wenn der große Zusammenhang, den das göttliche Reich zwischen den Himmlischen und Irdischen, den Verstorbenen und den Lebenden gestiftet hat, in Kraft hervorbrechen und erscheinen wird, dann gibt es eine gründliche und gänzliche Erschütterung der gegenwärtigen Welt. Jetzt ist jener Zusammenhang noch verborgen und unsichtbar. Die gegenwärtige Natur steht als Grenze und Scheidewand zwischen der unteren und oberen, der diesseitigen und jenseitigen Region. Darum sehen wir unseren Zion noch nicht, vor dem uns Gott mit aller Kreatur, die er ins ewige Leben erschaffen hat, zu einem neuen Jerusalem sammeln wird. Gott wird ihn zu seiner Zeit hervorstellen, und dazu die natürliche Welt, die jetzt besteht, abbrechen und neu gestalten. Wollten wir fragen: wie kann denn dieser natürliche Bau verwandelt werden? so antwortet unser Brief: er ist ja gemacht und ein Gebilde seines Schöpfers. Was gemacht ist, kann auch umgestaltet werden. Denkt an den Schöpfer, so wisst ihr, wer die Kraft hat, deren es zur Verklärung der Welt bedarf. Diese Erschütterung der natürlichen Dinge, welche die Offenbarung Christi uns bringen wird, ist jedoch die letzte. Dann hören die Schwankungen und Wandlungen auf. Sie währen, wie es schon die Weissagung angedeutet hat, nicht endlos fort. Es ist ja Gottes Ruhe, die uns zum Ziel gegeben ist. Aus jener legten Erschütterung tritt dann derjenige Weltbau hervor, der mit ungetrübtem Glanz von Gottes vollkommener Güte Zeugnis gibt und seinen ewigen Ruhm ausmacht, und darum nicht mehr abgebrochen. und beseitigt wird.

Ein solches Reich empfangen wir! Was sollen wir im Blick auf dasselbe tun? Gott danken, ihm dienen so wie es ihm wohlgefällig ist, mit Zucht und Furcht, mit Zucht, die der Majestät Gottes eingedenk, bescheiden und demütig in ihren Schranken bleibt, mit Furcht, die sorgfältig darauf bedacht ist, nichts zu versäumen, nichts zu verderben, und mit allem Eifer tut, was uns zum Empfang des göttlichen Reiches führt. So findet sich auch das, was Israel zuvörderst aus Gottes Erscheinung am Sinai lernen sollte, im Christenleben unverkürzt wieder, nämlich Gottes Furcht. Und sie kann und darf nicht verschwinden und untergehen. Denn Gott ist und bleibt das, als was er sich am Sinai erwiesen hat, ein verzehrendes Feuer für jeden, der in Hoffart sich über ihn erheben und seine Herrlichkeit an sich raffen will.

1)
In beiden Stellen ist dasselbe Wort gebraucht, vgl. Apg. 3, 15.
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