Rubanowitsch, Israel Johannes - Liebe in Tat und Wahrheit - Die Liebe ohne Ärgernis und der Liebe Tod.
1. Joh. 2, 10. Matth. 7, 1-5.
Wer im Lichte bleibt, liebt den Bruder, und nicht umgekehrt: Wer im Licht bleibt, liebt den Bruder nicht. Je tiefer wir in das Licht Gottes eindringen, je mehr wir Blicke bekommen für die ganze Verwerflichkeit der Sünde und Knechtschaft des Fleisches, je ängstlicher wir persönlich vor der Sünde werden, je mehr wir uns dem Gebiet des Fleisches entzogen haben und entziehen werden, umso mehr, um so wesentlicher, um so inniger, um so verbindlicher können wir die Brüder lieben. Und zwar werden wir die Brüder dann so lieben, wie sie sind, mit allen ihren Fehlern, mit allen ihren Gebrechen und Mängeln, mit allen ihren Verkehrtheiten, mit allen Ecken und Kanten, mit allen ihren Sünden, kurz in ihrer ganzen verdorbenen Art.
Wenn der Wandel im Lichte nicht zusammenhängend wäre mit der absoluten Liebe, dann könnte Gott und folglich auch Jesus nie die Menschenkinder lieben; denn sein Licht müsste den Sünder ausscheiden, und jeden, der in irgendeiner Weise noch nicht zur Vollkommenheit gelangt ist, von sich ferne halten. 1. Tim. 6, 16 heißt es von Gott: „Der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnet in einem Lichte, da niemand zukommen kann, welchen kein Mensch gesehen hat noch sehen kann.“ Er bewohnt also ein unzugängliches Licht. 1. Joh. 1, 5: „Und dies ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen, dass Gott Licht ist und keine Finsternis in ihm ist.“ Wir sehen bei ihm eine vollkommene Liebe, trotz der Unnahbarkeit in seinem Gebiete des Lichtes. Er liebt, wie kein Mensch, kein Heiliger, kein Engel lieben kann, weil er die Vollendung des Lichtes und dadurch auch die Vollendung der Liebe ist.
Seht, hier liegt der tiefste Grund, warum er zehnmal, hundertmal, ja sogar tausendmal mit ein und derselben Arbeit wieder beginnt, warum er mit dir und mir noch nicht müde geworden ist, immer wieder aufs Neue anzuknüpfen, warum er nicht nachlässt, sondern immer wieder versucht, uns seinem Herzen näher zu bringen, trotz unserer hundertfachen Unarten und Untreuen. Daher kommt es auch, dass die Seele, welche dem Herrn nahesteht, am meisten geduldig ist und deshalb mit den Fehlern und Schwachheiten anderer Langmut üben kann. Man trägt die Fehler des Bruders und der Schwester, wie Jesus sie trägt. In einer solchen Seele ist kein Ärgernis; sie ärgert sich nicht über die Fehler der andern, sie gibt aber auch selbst keinen Anstoß, kein Ärgernis durch eigene Fehler. Im gleichen Verhältnis, als wir nicht mit Recht andern Ärgernis geben, göttlich genau werden, werden wir auch nicht an den Fehlern anderer Anstoß nehmen. Wo aber solches Ärgernis geben, solches Ärgernis nehmen vorhanden ist, wo man nicht durchgeblickt hat in das vollkommene Gesetz der Freiheit, da tritt genau in demselben Verhältnis, als man innerlich scheinbar zunimmt an Gnade und Kraft - ein Achten auf die Brüder und Schwestern ein: wie weit sie sind.
Es tritt ein sich Messen mit den andern ein, ein mit andern sich Vergleichen, was der Apostel mit den Worten: „Ein jeglicher aber prüfe sein eigenes Werk, dann wird er an sich selber Ruhm haben und nicht an einem andern; denn ein jeglicher wird seine Last tragen“ (Gal. 6, 4) abweist. Da stellt man sich zu einem Bruder hin und sagt: So weit bist du gekommen! In diesem Stück bist du weiter! Das und dieses hast du gesagt - usw. Natürlich, in demselben Maße, als die Schwester und der Bruder noch nicht so weit gekommen sind, bin ich ihnen gegenüber ein Heiliger. Da merkt man dann recht bald eine gewisse Herablassung von solchen Heiligen, welche sie den Bruder und die Schwester fühlen lassen, und dann fängt man an zu richten und zu urteilen.
Es gibt Vorstufen in der Heiligungsentwicklung, die wohl jedes von euch mehr oder weniger schon erlebt hat in Bezug auf ihre Folgen. Eins aber möchte ich euch sagen: Da, wo diese Narrheit, dieses sich mit einander Vergleichen und Messen, dieses einander Richten vorkommt, da soll diesen Dingen schleunigst ein Ende gemacht werden, sonst ist alles, was man wirklich an Gnade und Kraft erlangt hat, bald dahin!
Nichts ist so sehr geeignet, das Leben Gottes in uns zu zerstören und zu untergraben, als wenn wir einen Standpunkt einnehmen, der Gott allein zukommt, nämlich über andere richten. Jak. 4, 11 heißt es: „Redet nicht wider einander, liebe Brüder. Wer wider seinen Bruder redet oder seinen Bruder richtet, redet wider das Gesetz und richtet das Gesetz. Wenn du aber das Gesetz richtest, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter.“ Also: Richten heißt, Gottes Platz und Stellung über andere einnehmen, indem man sich untersteht, über die Fehler anderer abzuurteilen.
Hier ist von einem Feinde die Rede, welcher uns alle bedroht, und der uns alles nehmen kann, wenn wir nicht wachen, nämlich vom Richtgeist. Das Urteil Gottes über denselben ist genau so scharf als der Richtgeist selbst. - Zugegeben den Fall, du bist weiter als dein Freund; du bist weiter als jener alte Gläubige; das kann wohl sein, dass du in diesem Stück vollkommen bist; so bald du aber anfängst, über diesen und jenen zu richten, so wird es der Herr so leiten und lenken, ja er wird dafür sorgen, dass du genau in denselben Sumpf sinken wirst, in welchem sich jene befinden, über die du gerichtet hast; ja, er wird dafür sorgen, dass die andern über dich richten können.
„Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.“ Genau in demselben Maße, wie ihr über die andern den Stab gebrochen habt, werdet ihr fallen, schrecklich fallen, und Anlass dazu geben, dass andere über euch den Stab brechen. In der gleichen Schärfe, die ihr gebraucht habt, um über die Fehler anderer zu reden, werden andere über eure Fehler sprechen, und mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden. Je nach der Klarheit, mit der ihr urteilt, je nach dem Scharfsinn, wie ihr andere behandelt, genau so wird es euch zu teil werden.
Das ist aber nur eine Seite. Die andere ist verhältnismäßig noch tiefer und schärfer. Nämlich: Gott wird dann nicht nur dafür sorgen, dass ihr in Verlegenheit gebracht werdet und euer Innerstes an den Tag kommt, sondern er wird, nachdem eure Blöße ans Licht gekommen ist, den Stab über euch brechen, wie ihr ihn über andere gebrochen habt, so dass ihr innerlich erschüttert werdet, dass ihr abnehmt und in große, innerliche Not geratet. Dann wird sich das Verhältnis decken: ihr werdet nicht mehr über die andern reden, sondern Gott wird dann über euch sprechen. Wer bist du, dass du deinen Bruder richtest? Wer bist du, dass du deine Schwester richtest? Wer bist du? Bist du schuldig oder nicht? Hast du wirklich noch nie über deines Bruders Fehler geurteilt? Hast du noch nie etwas Böses über deine Nachbarin gesagt? Hast du dich wirklich noch nie aufgehalten und geärgert über die Unvollkommenheiten und Sünden, über Fehler und Gebrechen deines Nächsten? Ich sage: Keiner unter uns, niemand hier ist frei davon.
Ihr habt nicht getötet, ihr habt nicht gestohlen, ihr habt auch noch nie die Ehe gebrochen, ihr habt soweit noch nichts Schlechtes gemacht. Ach nein, ihr seid ganz anständige und gute Lente, ihr seid ganz ehrenwerte Jungfrauen; ja ihr seid sehr solide Menschen. Das alles ist an und für sich sehr schön; aber eure Herzen sind vom Richtgeist eingenommen und schon hat jener zerstörende Wurm sich bei euch eingenistet. Denkt daran: Gott wird dafür sorgen, dass euer Innerstes offenbar und an den Tag kommen wird. Auch in dieser Beziehung ist für euch noch nicht aller Tage Abend gekommen. Aber auf eins möchte ich euch noch aufmerksam machen.
Denkt zurück an die guten Zeiten eures inneren Lebens, wo das Geheimnis Gottes über eurer Hütte war, wo das Gebetsleben euch wirklich Kraft und Leben eintrug, wo euch die Bibel erschlossen war. Wie kam's, dass dieser herrliche Anfang, den ich einst genommen, verloren gegangen ist? Wie kam's, dass ich mein inneres Glück, meinen Seelenfrieden verloren habe? Wo lag der tiefste Grund? Suchet nach in euern vorigen Wegen, ob ihr nicht jenen zerstörenden giftigen Wurm darin findet! Wo ihr euch so wohl gefühlt habt, da fingt ihr an, euch über die andern Brüder und Schwestern zu stellen und über sie zu richten; und siehe ganz allmählich fing das innere Leben an zu schwinden. Man merkt es zuerst nicht, aber nach und nach schwindet ein Quantum Kraft nach dem andern, und dann - nach Wochen, Monaten, Jahren ist man bankrott, und zwar nicht nur so, dass man nicht mehr wie sonst seinen Pflichten nachkommen und sie erfüllen kann, nein, man ist ganz bankrott! Dies ist die letzte, aber schwerste Folge des Richtens! Ich habe aus eigener Erfahrung zu euch geredet, denkt stets daran!
Liebe wird nicht durch Lieblosigkeit gepflegt und unterhalten, denn Lieblosigkeit ist der Tod der Liebe; und dass Richten nicht Liebe ist, das sieht doch ein jedes von euch ein. Amen.