Rocholl, Heinrich Wilhelm - Gezählt, gewogen, geteilt.
Predigt zum Jahresschluss über Dan. 5, 24-28 von Oberkonsistorialrat D. H. Rocholl, Militär-Oberpfarrer in Hannover.
Heinrich Wilhelm Rocholl (* 20. September 1845 in Elberfeld; † 28. Februar 1929 in Bonn) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Militärpfarrer und Konsistorialrat mit dem Titel Dr. phil.
„Kommt Kinder, lasst uns gehen -
der Abend kommt herbei
es ist gefährlich stehen
in dieser Wüstenei.
Kommt, stärket euren Mut,
zur Ewigkeit zu wandern,
von einer Kraft zur andern;
es ist das Ende gut!“ 1)
Ja, es ist Abend geworden, der letzte Abend im Jahre. Der Strom des verrinnenden Jahres rauscht dahin, er flutet Welle auf Welle, Minute auf Minute, seinem Ziele entgegen; noch wenige Stunden, und er mündet in das unergründliche Meer der Zeiten, noch wenige Stunden, und es mahnen uns die Glocken, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Ach, da ergreift uns mal wieder das wehe Gefühl der Fremde hier auf Erden; wir merken, dass wir alle dahineilende Pilger sind; der eine mit grauem Haar, der andere im Jugendschmuck, der eine mit fröhlichem Angesicht, der andere mit trüber Miene, und die Frage wird für uns beängstigend, wohin geht denn eigentlich die Pilgerfahrt, was wird das Ziel und das Ende unseres Strebens und Lebens sein? Der Silvesterabend hat etwas Ergreifendes, Aufregendes an sich, er gibt uns gern Sterbegedanken. Wie, wenn der heutige Silvester der letzte wäre und das kommende Jahr unser Todesjahr?
Freilich, die meisten Menschen töten diese ernsten Gefühle; es wird an keinem Abend und in keiner Nacht so viel Lärm gemacht im deutschen Volke, als gerade am Silvester, Lärm, um die Ewigkeitsstimmen in der bangenden Menschenbrust zu übertönen, Lärm, um den Blick Gottes zu verscheuchen, der auf uns prüfend fällt beim Übergang aus einer ernsten Zeit in ein neues Jahr. Nicht wenige gleichen dem unglücklichen Könige Belsazar, der sorglos beim Becherklang mit seinem Hofe sich der Völlerei hingibt und den Gott Jehova verspottet, obwohl der Feind vor den Toren die Wagenburg aufgeschlagen hat, und der Tod ihn in der nächstfolgenden Nacht ereilt. Gar viele denken sogar: „Lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!“
Nicht also wir, liebe Brüder und Schwestern, die wir erkannt haben, dass wir nur Gäste und Pilgrime sind, dass wir hier keine bleibende Stätte haben, sondern die zukünftige suchen. Ein Christ hat andere Empfindungen und Gefühle am Silvesterabend; er singt ein göttliches Wallfahrtslied: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“
„So schnell ich Land und Sand verlass,
so schnell läuft meines Lebens Glas,
und was vorbei ist, kommt nicht wieder;
ich eile zu der Ewigkeit.
Herr Jesu, mach' mich nur bereit,
eröffne meine Augenlider,
dass ich, was zeitlich ist, veracht'
und nur nach dem, was ewig, tracht'.“ 2)
Aber zittert nicht unser Herz auch beim Anhören dieses Verses; sind wir bereit, bereit fürs nächste Jahr, bereit für alle Schickungen Gottes, bereit für unsere letzte Stunde, bereit für die Ewigkeit? Wohlan, wir wollen's lernen! Der Silvesterabend belehre uns. Wir betrachten:
Drei Urteilssprüche Gottes, drei gute Silvestergedanken.
1. Mene d. h. gezählt
2. Tekel d. h. gewogen
3. Urpharsin d. h. geteilt!
1.
Unser Text führt uns in den von Gold und Edelsteinen prunkenden Saal des Königs Belsazar zu Babylon, wie er an reicher Tafel schwelgt mit seiner Familie und seinem ganzen Hofe, wie er die heiligen Tempelgefäße der gefangenen Juden, welche sein Vorgänger Nebukadnezar aus Jerusalem geraubt hatte, in seiner Trunkenheit entweiht und verunreinigt. Eben zu derselben Stunde gingen hervor Finger, als einer Menschenhand, die schrieben dem Leuchter gegenüber, auf die getünchte Wand, in dem königlichen Saal. Und als der König dies merkte, da wurde er bleich, die Lenden schütterten ihm und die Beine zitterten. Und seine gottlose, trunkene Mutter wollte ihm Mut zutrinken; aber sie konnten ihm die Schauder nicht wegnehmen. Alle Magier seiner Residenz konnten diese rätselhafte Schrift nicht verstehen, wohl aber der Prophet Gottes, Daniel, ein erleuchteter, kluger und weiser Mann; er konnte sie deuten. Und in der Kraft Heiligen Geistes hält er dem Könige die Strafpredigt: du hast den lebendigen Gott verspottet, darum kommt das Gericht über dich, und es zeigen sich die Finger, wie von einer Menschenhand, sie haben auf die getünchte Wand geschrieben: Mene, mene, tekel urpharsin, d. h. wörtlich übersetzt: „gezählt, gewogen, geteilt“! Diese geheimnisvollen, ja unheimlichen Worte, mit denen der Bote des Allerhöchsten dem trunkenen und auf einmal nüchtern gewordenen Könige Gottes unwiderrufliche Ratschläge in der letzten Stunde offenbaren musste, enthalten drei Urteilssprüche des höchsten Richters. Sie sind zugleich allgemeine Gerichtsordnungen Gottes, wohl wert, am Silvester in ernster Stunde betrachtet zu werden. Mene, mene, gezählt, gezählt. Gott ist ein Gott des Zählens, des Zusammenrechnens. Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen; auch die Haare auf deinem Haupte hat er gezählt. Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehest meine Gedanken von ferne. Dieser Gott, der Allweise und Allwissende, er zählt auch mit uns in dieser Abendstunde und legt seine Kontobücher klar und offen hin und zeigt uns, was er uns im letzten Jahre an Wohltaten geliefert hat. Es waren 8760 Stunden, in denen er uns gesegnet hat mit irdischen wie himmlischen Gütern. Er hat uns dieses Jahr in Frieden leben lassen, obwohl Kriegswolken sich oft drohend zusammenballen wollten, er hat die Erde voll Getreide und Weins werden lassen, er hat deinen Stand sichtbar gesegnet, hat viel Glück dir verliehen im Familienleben; du hattest nie Mangel an dem Unentbehrlichen. Ja, mehr noch als das Notwendige hat er in deine Hände gegeben; über Bitten und Verstehen hat er dich geführt. Auch zählt Gott, was er für dein geistliches Leben dir getan hat. 52 Sonntage haben wir hinter uns und manche Festeszeit, und wir durften das Lebenswort hören und die heiligen Sakramente gebrauchen, und der Geist Gottes arbeitete an unserer Seele. In Gottes Rechnungsbuch stehen aber auch seine milden wie harten Zuchtmittel, durch die er uns geben wollte Segen in der Trübsal und Trauer. Er hat dich vielleicht mit allerlei Kreuz heimgesucht, hat dir oder einem der Deinen Krankheit geschickt. Er hat deinen Lieblingsplan für die Zukunft zerrissen und dich auch weinen lassen; es ruht vielleicht ein lieber Verwandter unter einem noch frischen Grabeshügel. Aber du ahnst, er hat es gut mit dir gemeint; es waren nicht Gedanken des Leides, sondern des Friedens aus dem Herzen deines Gottes. Auch deine Schmerzen, dein Weh, deine Not, deine Tränen, sie sind von Gott aufgezählt als göttliche Wohltaten in verborgener Gnade und göttlicher Weisheit. Im Lichte der Ewigkeit werden wir ihm einst danken müssen.
Und wenn nun Gott am Silvester die Summa von allem zieht, dann schreibt er unter das Blatt: „das tat ich für dich“, und er wendet das Blatt um und fragt: „was tust du für mich“? Und er zählt auf, was wir ihm gebracht haben, oder was wir ihm hätten bringen sollen. Und mit Wehmut und Schmerz sollen wir hören, dass wir ihm gar wenig gedankt haben und gar wenig gesprochen: „Ich bin nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue, die du an deinem Knecht getan hast.“ Der Silvestergedanke muss uns erschrecken, dass wir viel Sünde wiederum getan haben, dass auch in diesem Jahre unser Glaube schwach, unsere Liebe lau, unser Vertrauen wankend gewesen ist. 365 Tage, verlebt in Sünde, voll von Gleichgültigkeit gegen Gott, voll von Lieblosigkeit gegen die Mitmenschen, vielleicht voll von schwarzen Punkten, die uns den Himmel umdüstern, sie zwingen uns beim Blick auf unser Konto bei Gott zu dem Silvestergebet: „Herr, gehe nicht mit mir ins Gericht! vor dir ist kein Lebendiger gerecht“. Ja, auf die Knie vor Gott, dem Richter über die Lebendigen und die Toten!
„Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
o Gott, erhör mein Flehen;
wend' gnädiglich dein Ohr zu mir,
lass Gnad' für Recht ergehen;
denn so du willst das sehen an,
was Sünd und Unrecht ist getan,
wer kann, Herr, vor dir bleiben“? 3)
2.
Nur wenn wir so in Buße, in Reue beim Rückblick auf das verflossene Jahr blicken, dann wird uns der zweite Urteilsspruch nicht verdammen: Tekel d. h. gewogen, gewogen und zu leicht erfunden. Es ist etwas Ernstes um dieses Wort; Menschenwitz und Klugheit kann es nicht entkräften, kann es nicht umdeuten. Es muss uns ins Bewusstsein treten, dass wir davor erzittern und erbeben: wir wandeln vor den Augen eines gerechten und heiligen Richters, der in seiner Rechten die Waage hält. Er wägt die Berge mit seinem Gewicht und die Hügel mit seiner Waage; aber er wägt auch Menschen, welch' einen Wert sie haben. Er wägt uns jeden Morgen, jeden Abend, jede Stunde, er wird uns wägen, wenn des Lebens Wallfahrt aus ist. Diese Waage Gottes soll uns seufzen lassen: „Wo soll ich hingehen vor deinem Geist und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten.“ Wer möchte vor dieser Waage mit Hiob sprechen: „So wäge man mich auf rechter Waage, so wird Gott erfahren meine Frömmigkeit?“ Nein, von dieser Waage können wir Sünder uns nichts Gutes versprechen: es wird auch von uns, sofern Gott unsere Sünden, die wie Sand an dem Meere sind, ansieht, heißen: „Gewogen, gewogen und zu leicht erfunden.“
Aber mit diesem „zu leicht“ dürfen wir den Silvesterabend nicht beschließen, dürfen nicht die Schwelle des neuen Jahres überschreiten, mit dem „zu leicht erfunden“ dürfen wir nicht leben noch sterben. Wir müssen etwas in die Waagschale werfen; die Frage entsteht nur: Was willst du in die Waagschale werfen? Dein Wissen? Ach, was weißt du vor Gott, der dich durchblickt, deine Gefühle, fromme Regungen, Rührungen, ach so täuschend, unbeständig und flüchtig! Deine guten Vorsätze, du wirst ihnen so untreu; deine guten Werke, so befleckt, unvollkommen, wenn nicht gar so gering und wenig; deine Tugenden, sie zerrinnen wie der Nebel vor der Sonne. Es kann nur eins in Gottes Waagschale fallen, damit sie sich ausgleiche und das „zu leicht erfunden“ vernichtet werde. Das schwere Gewicht unseres Unwertes vor Gott, unserer Sünden und Vergehungen, wird gehoben allein und ausschließlich durch das Gewicht der Gnade und Barmherzigkeit Gottes, wie sie uns zu Weihnachten wieder angeboten worden ist in dem, der zu Bethlehem in der Krippe gelegen, in Jesu Christo, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Ob bei uns ist der Sünde viel, bei Gott ist viel mehr Gnade! Die Barmherzigkeit rühmt sich wider das Gericht. Will dir der Silvesterabend predigen, gewogen, gewogen und zu leicht erfunden, halte ihm die Weihnachtspredigt entgegen: „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt.“ Musst du dich des allgemeinen Schuldbewusstseins anklagen am Ende des Jahres, oder drücken dich geheime besondere Sünden, wirf in die Waagschale deines Gottes Christi Verdienst. Erfasse ihn, lass ihn nicht los, eigene dir seine Gerechtigkeit im Glauben an, verbinde dich aufs Neue mit ihm. Es wird dich die Flut göttlichen Erbarmens umrauschen, und es wird am Abend licht um dich sein, und die düsteren Schatten werden den Morgenstern des neuen Jahres nicht umdunkeln. Du ruhst am Herzen deines Gottes und das Wort: „gewogen, gewogen und zu leicht erfunden“ wird hintangesetzt und durchstrichen durch das Wort deines Erlösers am Kreuz: „Es ist vollbracht!“ Ja, Christi „Vollbracht“ kann aushelfen und macht dem Wägen und Wiegen Gottes ein Ende.
3.
Gehen wir aber also mit Christo, als gereinigt und geheiligt durch sein Blut, in die neue Zeit, dann soll uns das letzte Wort: urpharsin, d. h. geteilt, nicht mehr erschrecken. Gott ist ein Gott des Teilens, des Ordnens, des Entscheidens. Gott teilt die Zeiten, er ordnet der Gestirne Gang, er befiehlt der Sonne das neue Jahr heraufzuführen. Gott teilt unser Leben, er bestimmt unsere Zeit hier auf Erden, er setzt die Stunde, wo die Seele sich vom Körper löst, er führt uns in die Hütten des ewigen Friedens. Gott teilt die Perioden der Weltgeschichte, er gibt Zeiten des Glücks, der Wohlfahrt und des Friedens, er bestimmt die Jahre des Krieges, der Pestilenz und der teuren Zeit. Ihm gehört auch das neue Jahr, über dessen Schwelle wir bald zu treten uns vorbereiten.
Wir stehen auf unbekanntem Boden. Die Zukunft liegt verhüllt da, wie die Flur am Abend, über der der Nebel schwebt. Der Blick auf die uns umgebende Welt ist wenig erfreulich. Je mehr das Jahrhundert zu Ende geht, desto heißer wird das Ringen auf dem Boden der alten Welt. Alles drängt auf eine ernste Entscheidung. Wir wissen nicht, was die Zukunft für das Leben der Völker mit einander, für unser deutsches Volksleben, für unsere Familie, für unser Einzelleben bringen wird.
Und es ist auch gut, dass wir es nicht wissen. Eins aber wissen wir, dass noch der alte Gott lebt, der ordnet, teilt und endlich entscheidet. Und mit ihm wollen wir freudig die Wanderung aus dem alten in das neue Jahr wagen. Der dreieinige Gott wird mit uns sein, er ist und bleibt unser Trost, unsere Kraft und Zuversicht.
Darum in Jesu Christi Namen als solche, die in dem Verdienste unsres Heilandes ruhen, lasst uns hoffen auf Gottes Güte und Treue, lasst uns unsere Wünsche und Gebete nach oben senden: „Herr, dein Wille geschehe!“, lasst uns Bitte und Fürbitte tun für uns alle: ist Gott für uns, wer mag wider uns sein!
Unsern Ausgang segne Gott! Unsern Eingang gleichermaßen! Amen.