Rieger, Karl-Heinrich - Predigt am Sonntag Judica
von Stadtpfarrer Rieger in Stuttgart.
Ev. Joh. 12, 20-32. (II. Jahrgang.)
Es waren aber etliche Griechen unter denen, die hinauf kommen waren, dass sie anbeteten auf das Fest. Die traten zu Philippus, der von Bethsaida aus Galiläa war, baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesum gerne sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagten's weiter Jesu. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist kommen, dass des Menschen Sohn verklärt werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte. Wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasset, der wird's erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. Jetzt ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde? Doch darum bin ich in diese Stunde kommen; Vater, verkläre deinen Namen. Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verklärt und will ihn abermals verklären. Da sprach das Volk, das dabei stand und zuhörte: Es donnerte. Die anderen sprachen: Es redete ein Engel mit ihm. Jesus antwortete und sprach: Diese Stimme ist nicht um meinetwillen geschehen, sondern um euretwillen. Jetzt geht das Gericht über die Welt; nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden. Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich sie alle zu mir ziehen.
Es war am ersten Wochentag, also nach unsrem Sprachgebrauch am Sonntag der heiligen Passionswoche unseres Herrn, dass der Zwischenfall mit den Griechen stattfand, welcher in den Augen des Herrn eine so große Bedeutung hatte und ihm zu einer seiner tiefsten und wichtigsten Reden Anlass gab. Diese Griechen, welche unbefriedigt von ihrer heidnischen Volksreligion nach Jerusalem gekommen waren, um daselbst am Passahfest anzubeten und welche sich mit der Bitte an Philippus gewendet hatten: Herr, wir wollten gerne Jesum sehen - sie waren für den Heiland die Erstlinge und die Vorboten der Heiden, welche dereinst nach Vollendung des Erlösungswertes durch seinen Tod und seine Auferstehung ihm aus allen Völkern der Erde vom Vater sollten geschenkt werden als Lohn seiner blutigen Schmerzen und als Beute seines herrlichen Sieges. 33 Jahre zuvor, gleich nach seiner Geburt in Bethlehem waren jene Weisen aus Morgenland erschienen, um den neugeborenen König der Juden anzubeten, von dem sie das Heil für die ganze Menschheit erwarteten. Und jetzt, da das Leiden und Sterben des Herrn in nächster Nähe bevorstand, stellten sich auch diese Griechen als Vertreter des Abendlands ein, mit dem Wunsche Jesum zu sehen; und darin erblickt der Herr mit prophetischem Geistesblick gleichsam die ersten Strahlen seiner herannahenden Verklärung. „Die Stunde ist gekommen,“ so ruft er in freudigem Hochgefühl aus, dass des Menschen Sohn verklärt, d. h. verherrlicht werde. Jene uralte Verheißung, die schon dem Abraham gegeben und im Lauf der Jahrhunderte von allen Propheten in steigender Klarheit verkündigt war, von dem Samen, durch den alle Völker der Erde gesegnet werden sollen, sie war nun ihrer Erfüllung nahe. Aber freilich Eines war dem Heiland auch nicht verborgen, nämlich, dass diese seine Verklärung auf keinem andern Wege zu Stande kommen könne, als auf dem düsteren, unendlich schweren Leidens- und Todesweg. Das tiefste Grundgesetz des Reiches Gottes heißt: Durch Leiden zur Herrlichkeit, durch Sterben zum Leben. Und dass der Heiland diesem unumgänglichen Grundgesetz zwar von ganzem Herzen sich unterwarf, aber nicht mit dem stoischen Gleichmut einer gegen alle Leidensempfindung bis zur Fühllosigkeit abgehärteten stolzen Resignation, sondern, dass er die furchtbare Last des Leidens und die entsetzliche Bitterkeit des ihm verordneten Kelches aufs tiefste empfand und das natürliche Grauen und Zurückschauern seiner heiligen Seele vor dem Tode mit unendlicher Selbstverleugnung zu überwinden hatte das erhellt deutlich aus den so tief ergreifenden Worten in unserem Text: „Jetzt ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde? Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen!“ Aber ob auch die dunkelsten Wolken der Anfechtung und die schwärzesten Todesschatten in solchen bangen Augenblicken über den sonst so göttlich klaren Himmel seiner Seele zogen, so ringt sich der Herr doch immer wieder im Glauben siegreich aus allen Anwandlungen von Betrübnis und Gemütserschütterung hervor und findet vollkommene Ruhe und siegesfrohe Zuversicht in der Bitte: Vater verkläre Deinen Namen und in der klaren und gewissen Erkenntnis: Jetzt geht das Gericht über die Welt. Nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden.
Geliebte! Unser Text ist besonders merkwürdig dadurch, dass er aus dem Evangelium Johannis die einzige Äußerung des Heilandes enthält, in welcher er zu erkennen gibt, dass er nicht ohne Bangen seinem Leiden und Sterben entgegenging. Sonst tritt uns im Evangelium Johannis von Anfang bis zum Ende die Gestalt des Herrn Jesu im vollen Glanze der gottmenschlichen Verklärung entgegen. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit,“ diesen Grundeindruck von der Person Jesu Christi will Johannes durch sein ganzes Evangelium auch in seinen Lesern hervorbringen und befestigen. Klarheit, Herrlichkeit, verklären, verherrlichen ist der Grundbegriff, welcher im Evangelium Johannis die ganze Darstellung des geschichtlichen Lebensbildes Christi, nach seinen Reden und Taten, beherrscht, weit mehr als in allen andern Schriften des Neuen Testaments.
Auch die schmerzensreichsten Züge der heiligen Passion können im Evangelium Johannis den Strahlenglanz der gottmenschlichen Herrlichkeit Jesu Christi nicht verdunkeln, sondern nur erhöhen. Das Zittern und Zagen in Gethsemane mit dem Todeskampf und blutigen Schweiß übergeht Johannes mit Stillschweigen und nur hier in dieser Stelle haben wir das Vorspiel von Gethsemane, ganz dieselbe Klage, dieselbe Bitte, dieselbe Ergebung und denselben Sieg.
So lasst uns denn an der Hand unseres Evangeliums unter dem Beistand des Heiligen Geistes andächtig uns vergegenwärtigen: Des Herrn Gemütsverfassung an der Schwelle der heiligen Passion.
Drei Hauptzüge sind es, die wir an ihm wahrnehmen:
I. Das freudige Vorgefühl der nahenden Verklärung,
II. Das bange Vorgefühl des bevorstehenden unendlichen Leidens.
III. Das getroste Vorgefühl des gewissen und völligen Sieges.
Wenn wir uns des Herrn Gemütsverfassung an der Schwelle der heiligen Passion an der Hand unseres Textes vergegenwärtigen, so treten uns drei Hauptzüge entgegen, und zwar
I. das freudige Vorgefühl der nahenden Verklärung.
„Die Stunde ist gekommen,“ sprach Jesus, „dass des Menschen Sohn verklärt werde.“ Das war seine Antwort auf die Bitte der Griechen, die ihn gerne sehen wollten. Es ist unbegreiflich, dass manche Ausleger in dieser Antwort eine Ablehnung jener Bitte, eine Weigerung, diese Griechen vor sich zu lassen, erblicken können, wie wenn der Herr hätte sagen wollen: Dazu habe ich jetzt keine Zeit, mich mit solchen Fremdlingen einzulassen; ich habe an Anderes zu denken, der Zeitpunkt ist gekommen, dass ich mein Leiden antreten und durch den Tod mich zur Verklärung hindurchringen muss. Gewiss ist diese Auffassung ganz falsch. Es war vielmehr eine freudig gehobene Gemütsstimmung, in welche der Heiland durch den Wunsch jener Griechen: „Wir möchten gerne Jesum sehen“ versetzt wurde. Er sah in ihnen die Vorboten seiner nahenden Verklärung. Es traten ihm jene herrlichen Verheißungen vor die Seele: „Ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seiest mein Heil bis an der Welt Ende“; oder „Die Inseln werden auf sein Gesetz Ich habe dich zum Licht der Heiden gemacht, dass du sollst öffnen die Augen der Blinden und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen.“ Ja, während das Volk Israel im Ganzen und Großen und besonders in seinen obersten Vertretern und Leitern im Begriff stand, den Messias zu kreuzigen und so das Reich Gottes von sich zu stoßen, war es dem Herrn ein tröstlicher Gedanke und eine köstliche Befriedigung, in diesen Griechen die Erstlinge der Heiden zu erblicken, unter welchen das Reich Gottes künftig seine Stätte finden und an welchen der Name Jesu verklärt werden sollte. Denn die Verklärung des Menschensohnes ist ja nichts Anderes, als dass nach vollbrachtem Erlösungswerk durch Christi Tod und Auferstehung das Evangelium von dem Reich Gottes unter allen Völkern gepredigt wird mit dem Hauptinhalt: „Es ist in keinem Andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden, denn allein der Name Jesu.“ In diesem Namen, der über alle Namen ist, sollen sich beugen alle Knie. So wird des Menschen Sohn verklärt und eben dadurch auch der Name des Vaters. Denn es ist des Vaters Wille, „dass sie Alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat.“
So war denn die Bitte der Griechen: „Wir wollten gerne Jesum sehen“ für den Herrn wie ein schönes Morgenrot, das einen herrlichen Sonnenaufgang verheißt. Beim Anblick dieser Erstlinge der abendländischen Heidenwelt, in welcher die Kirche Christi ja in den künftigen Jahrhunderten die Hauptstätte ihrer segensreichen Wirksamkeit finden sollte, überströmte den Herrn ein freudiges Vorgefühl seiner nahenden Verklärung. Wir können uns denken, wie freundlich und liebreich sein Blick auf diesen Griechen geruht haben mag, von welchen ja auch jenes Wort galt: „Viele werden kommen von Morgen und von Abend, und mit Abraham und Isaak und Jakob zu Tische sitzen im Himmelreich; aber die Kinder des Reiches werden ausgestoßen in die Finsternis hinaus, da wird sein Heulen und Zähneklappern.“
Auch wir, Geliebte, können dem Herrn Jesu in unseren Tagen keine größere Freude machen, als wenn wir vor allem für uns selbst kein höheres Verlangen und kein tieferes Sehnen haben, als ihn zu sehen und kennen zu lernen, wenn wir sodann auch für Andere gesegnete Werkzeuge werden, um den Wunsch auch in ihnen zu erwecken: „Wir wollten gerne Jesum sehen.“
Ach Geliebte! Die Menschen unserer Zeit sind ja unendlich umgetrieben von der Unruhe einer maßlosen Neugierde, einer fieberhaften Schauluft und Genusssucht; sie suchen Ruhe und finden sie nicht, sie „lernen immerdar und können nicht zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (2 Tim. 3, 7). Warum das? Weil sie alles Andere erforschen, kennen lernen und sehen wollen, nur den Einen nicht, von dem das Lied mit vollem Recht sagt: „Ach wenn ich nur Jesum recht kenne und weiß, So hab ich der Weisheit vollkommensten Preis.“ Und ist es denn so schwer, Jesum kennen zu lernen und zu sehen, persönliche Bekanntschaft mit ihm zu machen? O nein, durchaus nicht. „Wir sehen sein freundliches Angesicht voll Huld und Gnade wohl leiblich nicht, aber unsere Seele kann's schon gewahren, er kann sich fühlbar genug offenbaren auch ungeseh'n.“ Komm und siehe! ruft einem Jeden von uns das Evangelium freundlichst zu. Wer einen solchen Text wie unser heutiges Sonntagsevangelium ernstlich und andächtig betrachtet, der muss den Eindruck bekommen: „Es hat noch nie ein Mensch geredet, wie dieser Mensch.“ Und je mehr wir uns in die Betrachtung des Bildes Jesu Christi in den Evangelien versenken, besonders auch in der heiligen Passionsgeschichte, desto mehr werden wir das Wort am Schluss unseres Textes verstehen lernen: „Wenn ich erhöht sein werde von der Erde, will ich sie Alle zu mir ziehen.“ Ja, es ist eine heilige Anziehungskraft, die wie ein himmlischer unwiderstehlicher Magnet vom Kreuze Christi und von seinem ewigen Herrlichkeitsthron vom Himmel herab ausgeht und auf alle diejenigen wirkt, welche das tiefste Bedürfnis des Menschenherzens nach Wahrheit, Heiligkeit und Seligkeit nicht in sich erstickt und ertötet haben durch die vergiftenden Lügenkräfte und trügerischen Scheingüter der eitlen, gottentfremdeten Welt.
O wüssten das doch alle Leute,
Die er mit seinem Blut erkauft,
Wie schad' es ist, dass nicht noch heute
Ihm alles in die Arme lauft,
Und wie so gut es Jedermann
Bei dir, mein Heiland, haben kann.1)
Das freudige Vorgefühl seiner nahenden Verklärung das ist das Erste, was uns entgegentritt in des Herrn Gemütsverfassung an der Schwelle seiner heiligen Passion.
II. Das Zweite aber ist das bange Vorgefühl des unendlichen Leidens, das ihm bevorstand.
Der Herr Jesus ist gänzlich frei von einer schwärmerischen Selbsttäuschung und Selbstüberhebung und von weltlichen Herrlichkeitsträumen, wie manche verkehrte Menschen es ihm anzudichten suchen, die nicht erzittern, die heilige Gestalt des Gottmenschen mit ihrer unreinen Phantasie zu besudeln. Mit der größten Nüchternheit und Geistesklarheit weiß und sieht der Herr Jesus voraus, nicht bloß seine nahende Verklärung, sondern auch den düsteren, unheimlichen Leidens- und Todesweg, durch den er sich zur Verklärung hindurchringen muss. Und das ist ein banges Vorgefühl, von dem seine Seele bedrängt ist. Wie an einem sturmbewegten Tage, wo ein schweres Gewitter am Horizont heraufzieht, die Sonne bald hell durch die Wolken bricht, bald wieder von denselben ganz verdeckt wird, so wechselten in der Seele des Herrn in diesen wetterschwülen Tagen vor seiner Passion freudige und bange Vorgefühle. Das unendliche Leiden, das ihm bevorstand, warf seinen schwarzen Todesschatten vor sich her. Und der Herr in seiner heiligen Wahrheit und Demut sucht keineswegs diese Anwandlungen von Angst und Traurigkeit zu verbergen und zu verheimlichen und sich in den Nimbus einer unerschütterlichen Seelenruhe und unnahbaren Geistesgröße zu hüllen. Nein, er spricht es offen aus: Jetzt ist meine Seele betrübt. Und was soll ich sagen? „Vater, hilf mir aus dieser Stunde.“ Ganz ähnlich hören wir den Herrn sich aussprechen Luk. 12: „Ich bin gekommen, dass ich ein Feuer anzünde auf Erden; und was wollte ich lieber, denn es brannte schon? Aber ich muss mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe und wie ist mir so bange, bis sie vollendet werde.“
Den stärksten Ausdruck dieses bangen Vorgefühls von dem bevorstehenden unendlichen Leiden finden wir bekanntlich in dem mitternächtigen Seelenkampf Jesu in Gethsemane, wo er spricht: „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod“, und wo er, wie ein Wurm im Staube liegend, zitternd und zagend fleht: „Abba, mein Vater! ist's möglich, so nimm diesen Kelch von mir.“ Mit diesem Kelch meinte er das unendliche Leiden, welches nicht die körperlichen Misshandlungen und Martern, die ihm bevorstanden, ihm verursachten, sondern die Sündenschuld der ganzen Welt, die er als das Lamm Gottes auf sich nehmen, büßen, sühnen und tilgen musste. Das war das Leiden mit seiner unnennbaren Last und Schwere, wovor seine Seele bangte, und das die tiefste Abgrundstiefe erreichte in dem Klageruf am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“
Wie vollkommen der Herr von der Notwendigkeit dieses Leidens überzeugt war, wie er so recht eigentlich ein unabänderliches Naturgesetz des Reiches Gottes darin erkannte, das erhellt aus den Worten: „Wahrlich, wahrlich! Ich sage euch, es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein, wo es aber erstirbt, so bringt es viele Frucht.“ Damit ist die tiefe Wahrheit ausgesprochen, dass der Herr sich selbst in den Tod opfern muss, damit dann durch seine Auferstehung das neue gottmenschliche Leben viele Früchte bringen könne in allen denjenigen, welche durch Buße und Glauben das Verdienst des Heilandes sich aneignen, der um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt ist.
Aber Geliebte! Dieses tiefe Grundgesetz im Reich Gottes: „Durch Leiden zur Herrlichkeit, durch Tod zum Leben“ gilt nicht nur für den Herrn Jesum selbst, als den Herzog unserer Seligkeit, sondern auch für Alle, die seine Jünger, seine Diener und Nachfolger sein wollen. Auch im Blick auf sie sind die ernsten Worte geredet: „Wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren und wer sein Leben auf dieser Welt hasset, der wird's erhalten zum ewigen Leben.“ Sein Leben lieb haben, heißt, nur für diese Welt leben, nur seiner Selbstsucht frönen, nur auf Befriedigung seiner fleischlichen Lüste und Begierden gerichtet sein; ganz dasselbe, was Paulus meint, wenn er sagt: „Wer auf sein Fleisch säet, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten.“ Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren, d. h. der wird, wenn er stirbt, nicht ins ewige Leben eingehen, sondern dem ewigen Tod anheimfallen. Dagegen, wer sein Leben auf dieser Welt hasset, wer in Selbstverleugnung das Fleisch kreuzigt mit seinen Lüsten und Begierden, wer das Auge, die Hand, den Fuß, wer alle Glieder, die ihn zur Sünde reizen wollen, ausreißt und abhaut, d. h. mit unerbittlicher Strenge den Kampf gegen die Sünde führt und sich ganz nur mit allen Kräften in den Dienst Gottes begeben will und sein Leben nur von der Liebe Gottes und des Nächsten beherrschen und erfüllen lassen will, der wird seine Seele bewahren zum ewigen Leben! Ganz so, wie Paulus sagt: „Wer auf den Geist sät, der wird von dem Geiste das ewige Leben ernten.“ Selbstsucht ist Selbstmord, Selbstverleugnung ist Selbsterhaltung. Und wie ermunternd, wie anspornend und anfeuernd sind die Worte des Herrn: „Wer mir dienen will, der folge mir nach, und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein, und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.“ Geliebte! So lasst uns auch durch das bange Vorgefühl unendlichen Leidens, wie es auch uns als Nachfolger Jesu je und je überfallen kann, ja nicht abgeschreckt werden, ihm treu zu sein und ihm nachzuwandeln auf dem Wege, den er vorangegangen ist; wir haben ja die herrliche Verheißung: Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein, und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.
Hier durch Kampf und Hohn,
Dort die Ehrenkron!
Geliebte! Das bange Vorgefühl des unendlichen, ihm bevorstehenden Leidens war nicht das letzte, was in der Gemütsverfassung des Herrn an der Schwelle der heiligen Passion sich behauptete, sondern vielmehr
III. das getroste Vorgefühl des gewissen und völligen Sieges.
Kaum hatte der Herr die Bitte ausgesprochen: „Vater! hilf mir aus dieser Stunde!“ so ergänzt er diese Bitte und nimmt sie gewissermaßen wieder zurück, erstens durch die Erwägung: „Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen,“ zweitens durch die andere Bitte, in welche er all sein Denken und Wollen, Dichten und Trachten zusammenfasst: „Vater, verkläre deinen Namen.“ Und siehe da, als Antwort und herrliche Erhörung kam vom Himmel eine Stimme: „Ich habe ihn verklärt und will ihn abermals verklären.“ Das war wieder ein herrliches Zeugnis des Vaters, wodurch der Sohn beglaubigt wurde, wie einst bei der Taufe am Jordan und auf dem Berge der Verklärung, und wodurch er jetzt angesichts der bevorstehenden Passion mit dem getrosten Vorgefühl des gewissen und völligen Sieges erfüllt wurde. Worin bestand dieser Sieg? Der Herr Jesus deutet es an in den geheimnisvollen Worten: „Jetzt geht das Gericht über die Welt; nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden.“ Jetzt soll es zu dem in alle Ewigkeit entscheidenden Hauptkampf kommen, in welchem die Frage endgültig entschieden wird: Wer soll über die Welt herrschen? Wer soll das Haupt der Menschheit sein? Der Fürst dieser Welt, der Lügner und Mörder von Anfang, der Satan, der seit dem Sündenfall die ganze Menschheit unter der Schreckens- und Gewaltherrschaft der Sünde, des Todes und der Hölle gefangen gehalten hat? oder Jesus, des Menschen Sohn, der König der Wahrheit und des Lebens, der Fürst des Friedens und der Liebe, der sein Leben in den Tod gibt, um die Menschen aus der Zwingherrschaft des Teufels zu erlösen und wieder mit Gott zu versöhnen und sie zu Kindern Gottes und Erben aller himmlischen Güter zu machen? Der ganze Zweck der Sendung des Sohnes Gottes in diese Welt lässt sich ja darin zusammenfassen: Es ist ein Zweikampf zwischen dem Sohn Gottes als des Menschen Sohn und dem Teufel, als dem Menschenmörder, wobei es sich darum handelt, die Menschen aus der Gewalt des Satans zu erretten und sie zu versetzen in das selige Reich des geliebten Sohnes Gottes, an welchem wir haben die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden. Dieser Zweikampf hat scheinbar mit der gänzlichen Niederlage des Heilands geendet, als er am Holz des Fluches hing und starb. Aber in Wirklichkeit war es vielmehr der vollständige Sieg des Heilandes; so hat er der Schlange den Kopf zertreten, so ist das Gericht über die Welt ausgeführt, so ist der Fürst dieser Welt hinausgestoßen worden. Denn seitdem der Heiland als das Lamm Gottes die Sünde der ganzen Welt gebüßt und gesühnt hat, der Gerechte für die Ungerechten, der Heilige für die Sünder, seitdem er, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde, d. H. zum Sündopfer gemacht ist so hat der Teufel kein Recht mehr an die Menschheit, nun sind wir rechtmäßig erlöst und der Teufel ist aller seiner Ansprüche an die Menschheit verlustig und wir können mit Luther triumphierend singen:
Der Fürst dieser Welt,
Wie sau'r er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht er ist gericht't,
Ein Wörtlein kann ihn fällen.2)
Geliebte! Wir sind also nun rechtmäßig erkauft zum Eigentum des Lamms, das uns mit seinem eigenen Blut teuer erkauft hat. Und wenn wir nun nur von ganzem Herzen ihm anhangen und in Wahrheit sagen können: „Unsre Leiber, unsre Herzen Gehören dir, du Mann der Schmerzen, In deinen Wunden ruht sich's gut“ dann hat es keine Not und Gefahr mit unserem Seligwerden. Und wenn auch Gerichtsstürme über uns hereinbrausen, weil wir noch in vielen Punkten mit der Welt und Sünde verkettet sind, und der Herr darum auch seine Judica-Wochen, d. h. Gerichtswochen, noch dann und wann über uns verhängen muss, so können wir doch mit demselben getrosten Vorgefühl, wie der Herr selbst, uns des gewissen und völligen Sieges zum Voraus freuen. Denn der Herr führt an den Seinigen und in den Seinigen das Gericht zum Sieg hinaus: Und wenn's auch stürmt und blitzt und donnert über unseren Häuptern, so vernehmen wir doch auch aus den schwarzen Wetterwolken heraus die Stimme vom Himmel: „Ich habe ihn verklärt und will ihn abermals verklären“ und wir setzen unsere Seele immer wieder in die rechte getroste und gelassene Gemütsverfassung mit der Bitte, in der wir alles zusammenfassen: „Vater, verkläre deinen Namen.“ Denn wir wissen, dass alles nur darauf angelegt ist, uns aus der Herrschaft des Teufels völlig herauszureißen, die Weltlust in uns völlig zu er töten und uns mit Geist, Seele und Leib zum alleinigen, völligen und ewigen Eigentum unseres Gottes und Heilandes zu machen. Darum schließen wir mit der Bitte:
Liebe, zeuch uns in dein Sterben,
Lass mit dir gekreuzigt sein,
Was dein Reich nicht kann ererben,
Führ' ins Paradies uns ein. Amen. 3)